Integrity!

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Es ist jetzt zum zweiten Mal passiert und es muss, finde ich, gesagt werden, auch wenn es nur eine Vermutung ist. Mein Paper zu Swinburnes Argument über körperunabhängige Existenz habe ich anfänglich dem Journal of Philosophy zugesandt und, als es dort abgelehnt wurde, den Acta Analytica. In beiden Fällen erhielt eine alte, unveröffentlichte Version dieses Papers, die ich vor Jahren in meiner academia.edu-Präsenz zugänglich gemacht hatte, völlig unerwartete Leserschaft aus den USA unmittelbar danach. „Unerwartete“, weil in den letzten Monaten die einzigen Klicks auf diese Version, die trotz erheblicher Unterschiede in der Argumantation doch dieselben Stichwörter wie die neue Version hat, unmittelbar nach der jeweiligen Absendung der neuen Version an die Zeitschriften kamen. Ich vermute einen kausalen Zusammenhang da. Dass meine Vermutung ein post hoc ergo propter hoc ist? Ich wäre so glücklich, wenn dem so wäre… Nein, ich vermute ganz stark, dass beide Gutachter meine Identität als Autor des Papers enthüllen wollten, bevor sie die anonymisierte Version ablehnen – oder akzeptieren…

Google hat bei der Begutachtung eines Papers nichts zu suchen. Dass die Suchmaschine doch eingesetzt wird, zeigt, dass die vielgepriesene Integrität von bestimmten Zeitschriften eine Eigenschaft der gerade beteiligten Personen, nicht der Prozeduren ist.

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Enough with scrolling

It’s the second time it happens and I want to talk about it even if I have only indications.

I sent my paper on Swinburne’s disembodiment argument to the Journal of Philosophy and, after it was rejected there I sent it to Acta Philosophica. Immediately after both submissions, an old version of this paper I uploaded years ago at my academia.edu site, was accessed by certain individuals in the USA. The old version has huge differences compared to the new but the same keywords. And it never drew attention except for the two times mentioned in the last few months.

I don’t think that we have a post hoc ergo propter hoc here. Rather, I believe that there is a causal relation between the submissions and the downloading of the old document – that’s not anonymised of course…

Google must remain out of the refereeing process. The fact that it doesn’t, shows that the integrity of certain journals is not a quality of procedures but one of the persons involved.

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Integrity

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Die Evaluationen von Personen und Fachbereichen aufgrund der von der Person oder im Fachbereich produzierten Peer-Review-Publikationen ist eine Entwicklung in der Wissenschaft, die mit großer Wahrscheinlichkeit nicht lange auf sich warten lässt. Gerade als jemand mit ein paar derartigen Publikationen muss ich wohl der Entwicklung positiv gegenüberstehen. Im Kongress der Gesellschaft für analytische Philosophie des Jahres 2012 zirkulierte ein Thesenpapier, das der Entwicklung ebenfalls positiv gegenüberstand allerdings mit ein paar Bedenken, die ich bis vor ein paar Monaten nicht teilte. Ein paar Beobachtungen der letzten Monate, über die ich übrigens manchmal lachen musste, ließen mich umdenken.

Das anonymisierte Peer-Review-Verfahren für Publikationen macht Sinn, finde ich, wenn wir dem entgegenwirken wollen, dass ein philosophisches Alphatier seinen Mitarbeitern viele Publikationen in Sammelbänden ermöglicht, um just diese Publikationen später als hervorragend zu bewerten. Ein anonymisiertes Verfahren für die Qualitätssicherung der wissenschaftlichen Arbeit garantiert, dass das Alphatier nicht gerade das im nachhinein als „kreativ“ betrachtet, was es vorweg selber absegnete.

Aber das anonymisierte Verfahren muss natürlich einen Unterschied zur Taktik des philosophischen Alphatiers machen, ansonsten gibt es keinen besonderen Grund, ein solches Verfahren einzuführen.

Diesen Unterschied gibt es allerdings nicht, wenn der Herausgeber einer Zeitschrift eingereichte Manuskripte noch vor dem Peer-Review-Verfahren ablehnen darf. Einen Unterschied gibt es auch dann nicht, wenn die Gutachter vom Herausgeber ein Paper in die Hand bekommen, das an den Instituten der Gutachter bereits vorgestellt worden war. Oder wie soll man sonst diese ominöse Fußnote Nummer 1 in vielen „Peer-Review“-Artikeln verstehen: „Für wertvolle Verbesserungen und Diskussionen möchte ich mich an dieser Stelle bei XY in Saint Andrews, bei YX in Glasgow, bei XX in Durham und bei YY in Cambridge bedanken, wo ich frühere Versionen meiner Arbeit vorstellte“? Wenn die Gutachter das Paper selbst kennen, braucht man in keinem anonymisierten Verfahren den Namen des Autors zu verheimlichen. Die „Peers“ können sich gut erinnern, mit wem sie nach dem Vortrag des Papers weggegangen sind, um ein Bier zu trinken und aus dem Peer-Review ein Beer-Review zu machen.

Schließlich macht die als Peer-Review-Organ geführte Zeitschrift keinen Unterschied zur traditionellen Taktik des Alphatiers, wenn sie unwahrscheinlich oft Artikel von bekannten Freunden des Herausgebers (gleichzeitig des Alphatiers) bringt. Besonders ironisch wirkt das, wenn sich darunter Artikel zur Wahrscheinlichkeitstheorie befinden.

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Evaluations of institutes and persons on the basis of the peer reviewed publications which the institutes or the persons have brought forth come sweeping across the landscape of science. As someone who has authored such publications I had a positive overall view on this development. In the last congress of the German Society of Analytic Philosophy (GAP) there was a non-paper circulating, one which also affirmed the development but without hesitating to express some concerns. Now, a couple of cases with which I had to laugh make me share these concerns with some delay.

Anonymized peer reviewing makes sense if we want to prevent a philosophical alpha’s decision to make beta animals publish things which he, the alpha, will be able to call „excellent“ or „creative“ only after he has already blessed them.

However, if anonymized peer reviewing makes no difference in comparison to the alpha’s aformentioned tactic, there is no reason to introduce it.

And indeed, I cannot help myself missing this difference when the editor of a journal which is supposed to be „peer reviewed“ has the right to reject papers without forwarding them for peer reviewing. I also find no difference when I read, mostly as footnote nr. 1, declarations like the following: „My thanks go to XY in Saint Andrews, YX in Glasgow, XX in Durham and YY in Cambridge, where I presented previous versions of my paper“. When the referees happen to know the paper, is there any chance that they would not remember the person who presented the paper to them, to go subsequently for a beer with them and to make a beer review out of the peer review? Which is the use of anonymizing the paper in this case?

Finally, I fail to discover any difference between the traditional behaviour of philosophical alphas and peer reviewing when an editor’s friends publish in their friend’s – nominally! – peer reviewed journal with an improbable frequency. The special irony in this case is when the friends‘ articles are on probability theory.

Der Beweis

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Vor wenigen Jahren klopfte ich an der Bürotür eines Kollegen, um ihm stolz zu verkünden, den Beweis geführt zu haben, dass gesetzt, man habe genügend Ressourcen, Nichtstun rational, Etwastun irrational ist.

Er fragte, was ich damit meinte.

– Ich meine, dass ich ein Argument dafür formuliert habe – vergiss das mit dem „Beweis“ – dass rationale Wesen die Verlustminimierung der Gewinnmaximierung vorziehen. Und das, während Verlustminimierung Rationalitätslücken wie wahre Kontradiktionen mit einbeziehen kann.

Sein Gesicht verzog sich.

– Ich denke, Du müsstest lieber an deiner Habilschrift arbeiten: Denker des Mittelalters, Determinismus, Religionsphilosophie – so Sachen…

Mein Enthusiasmus ebbte plötzlich ab…

– Ich gehe sofort zurück in mein Büro.

– Würde ich an deiner Stelle auch tun…

Die Arbeit an meiner Habilschrift ging weiter, ich habe mich habilitiert, aber je mehr ich die Nachrichten über die Eurokrise verfolgte – Nachrichten über die Ergebnisse dieser Politik seit den 80ern, die griechische Bauern eine „effizientere“ Arbeitsweise beibringen wollten, desto mehr wurde ich überzeugt, dass ich mit meiner Pointe bei jenem „Beweis“ richtig lag, der mich ein paar Tage des Studiums einer lateinischen Handschrift aus der Prager Nationalbibliothek gekostet hatte. Ich fing an, meine Reflexionen zu Rationalität und Rationalitätslücken bei Zeitschriften vom Fach Entscheidungs- und Spieltheorie einzureichen. Wozu habe ich denn damals überhaupt  dieses Wirtschaftsstudium draufgelegt? Und wozu bin ich jetzt Privatdozent? Zwar nicht in Wirtschaft, aber diese Zeitschriften beteuern doch ihren interdisziplinären Charakter, wie wichtig ihnen die Philosophie wäre – bla-bla-bla…

Die Rezeption war meist negativ. Interdisziplinarität ist ein schönes, langes Wort, von denen, die man gern bei Habermas oder Derrida liest, aber unter uns – keine Chance… Mein Eindruck war, dass die Gutachter enttäuscht sind, keine Aufsätze ihrer eigenen Studenten zur Begutachtung zu erhalten: Solide, empirische Feldforschung, formalisiert im Sinn von zehn bis zwölf alternativen spieltheoretischen Szenarien, der Studi absolviert die Rechenaufgaben, beweist zwar nichts Originelles, Interessantes oder wenigstens auf künftige Forschung Hinweisendes, aber der Gutachter braucht nicht um die Ecke zu denken – darauf kommt es an, oder?

Apostolos Doxiadis, ein echter Philosoph unter den Mathematikern, nennt diesen Gebrauch des Formalismus: „höhere Tante-Emma-Lehre“.

Was ich allerdings gestern bekam, stellt ein neues Niveau der tiefen Verachtung jeder philosophischen Fragestellung dar. Ein anonymer Ökonom schreibt mir:

In den Wirtschaftswissenschaften beziehen sich die Termini „rational“ und „irrational“ auf einzelne ökonomisch handelnde Individuen…  Die Ergebnisse sind „effizient“ oder „ineffizient“ im Sinn von Marshall oder Pareto… Oft stellen die Situationen, in denen sich die Rationalität der ökonomischen Subjekte äußert, Selbstreferenz und unendlichen Regress dar… Deshalb ist es aus dem Standpunkt eines Ökonomen nicht klar, worin die „Rationalitätslücke“ liegt, die der Aufsatz thematisiert.

Was der anonyme Gutachter mir sagte, ist im Klartext Folgendes: „Das ist eine Zeitschrift, in der Ökonomen das Sagen haben, auch wenn wir uns nach außen interdisziplinär geben. Du hast meine Zeit mit Widersprüchen und logischer Konsistenz und Rationalitätslücken und dem ganzen Müll verplempert und jetzt hast du das davon“. Das kann man freilich nur in diesem pragmatischen Kontext sagen. Wer von der Wahrheit der Sache etwas hält, müsste einsehen, dass es keine Sachverhalte gibt, die sich adäquaterweise von formalen Kontradiktionen beschreiben ließen aber paretooptimal wären. Wo sollten solche Sachverhalte der Fall sein? In unmöglichen Welten etwa?

Wie ich oft sage, sind die philosophischen und mathematischen Fakultäten selber schuld daran, das Logikstudium nur für Logik- und Mathematik-Studenten zu bestimmen. Denn sie machen aus den restlichen intelligenten Leuten, die ein anderes Fach studieren, ihr Studium abschließen, ja selber irgendwann Profs werden, logische Analphabeten.

peerreview

It was a few years ago: I knocked on the colleague’s door to tell him that I had just found a proof that, provided you have enough ressources, doing nothing is rational and doing something irrational. He asked me what I meant.

– I mean that I have an argument – OK, let’s forget „proof“ – that rational beings prefer to be loss minimizers than utility maximizers. But at the same time, I have an argument that this can invite a rationality gap: a true contradiction.

He had an expression of pain in his face:

– I believe that you should be working on your habilitation thesis: medieval thinkers, determinism, philosophy of religion ’n‘ stuff.

Suddenly, my enthusiasm died away…

– I’m going back to my office now.

– That’s what I would also do…

The work on my habilitation thesis went on, I became a doctor habilitatus after all, but the more I was following the news, the euro crisis, the results of all these policies since the 80s which tried to make Greek farmers work more „efficiently“, the more I was persuaded of the main point of my „proof“ which had cost me some days of work on Latin manuscripts from the Prague National Library. I started submitting my reflections to journals on decision theory and game theory. After all I do have a degree in economics, don’t I? And I’m a faculty member – not in economics, of course, but these journals constantly maintain their interdisciplinary character and how seriously they take philosophy and bla-bla-bla…

The replies were mostly negative. Interdisciplinarity is a nice long word of the kind of words which Habermas or Derrida would use, but forget it… I had the impression that the referees were disappointed not to receive papers written by their own students with a solid, empirical case study in the background, formalized in terms of ten or twelve alternative game theoretical plots. The student does the math, she proves nothing original, interesting or even promising, but the formal homework is as consistent as the student’s exams were and – the most important feature! – the referee doesn’t need to think outside the box.

Apostolos Doxiadis, a real philosophical mathematician, has called this use of formalism „mere calculation of the grocery-bill variety“.

But until yesterday, in the reports I received on my paper, I wasn’t confronted with a contempt towards philosophical concerns as blatant as this anonymous economist’s:

In economics, the terms „rational“ and „irrational“ are related to the single economic agent … [T]he outcomes may be „efficient“ or „inefficient“ in a Marshallian or a Paretian sense … [I]t is often the case that the rationality of the economic agents originates self-referential [sic], infinite regress situations. … Therefore, from the economist’s viewpoint it’s not that clear where the „rationality gap“ discussed in the paper is.

Now, in a way, the anonymous economist said to me: „Get lost because this is a journal run by economists even if we, nominally, affirm interdisciplinarity. So, don’t waste my time with contradiction and logical consistency and rationality gaps and all this crap“. But to say this is easy only in a pragmatical context. If you’re dedicated to truth you must be able to see that states of affairs adequately described by logical falsehoods cannot be Pareto optimal. Where should this be the case? In an impossible world?

As I usually say, the humanities and mathematics are to blame for determining logic to be only for students who major in mathematics and philosophy. As for the rest of the intelligent young people who visit the university, get their degrees, become themselves professors, they produce logical illiterates.