A Roman wilderness of pain

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Als J.M. Coetzee den Literaturnobelpreis erhielt, war ich der Macher einer Sendung für den Hessischen Rundfunk. Zwar ist es erstaunlich, wie wenig ich mich in meinem Leben mit zeitgenössischer englischsprachiger Literatur beschäftigt habe, aber sein Buchtitel Warten auf die Barbaren, reizte mich genug, um wenigstens eine kleine Rubrik in meiner Sendung wert zu sein. Da ich das Buch nicht lesen wollte, zapfte ich vom Schreibtisch im Funkhaus Frankfurt-Dornbusch aus die ARD-Medienbank an, um tatsächlich einen ganz frischen Bericht einer Journalistin von Stockholm zu finden – einen fürchterlichen Abklatsch dem ich nichts Nützliches entnehmen konnte. Verärgert, das weiß ich noch, dass jemand für so ‘nen Klatsch gleich eine Person nach Stockholm schickt mit Flugtickets, Übernachtungen usw. – ich hatte ein Interview mit dem Nobelpreisträger erwartet – ging ich am nächsten Tag zum Hugendubel.

Mein Verdacht war irgendwann bestätigt: Bei Coetzees Warten auf die Barbaren handelt es sich um eine offensichtliche und so intendierte Replik des Themas von K.P. Kavafis’ gleichnamigem Gedicht: das Reich (irgendeines – man erfährt nicht, welches) verkommt in eine bequeme Dekadenz, die nur durch einen fiktiven Krieg gegen einen konstruierten Feind – die “Barbaren” – vertuscht wird. Bis es sich herausstellt, dass die Barbaren keine Gefahr sind. Wie schade nun, dass die Zivilisation keine andere Wahl hat, als in ihrer eigenen Grausamkeit zu ersticken.

Die ersten Rezensionen des Romans sprachen von einer Kritik am Apartheid. Coetzee lebte und lehrte damals in seinem heimatlichen Südafrika. Der Film (Waiting for the Barbarians (2019) mit Johnny Depp in der Rolle des menschenverachtenden Obersts Joll) lenkt allerdings den Blick zurück auf die Hauptinspiration des Alexandriners Kavafis, der als überzeugter Bürger des British Empire Anfang des 20. Jahrhunderts, auf das römische Reich als eine Allegorie zurückblickte. Die Barbaren in Ciro Guerras Film schauen Zentralasiaten ähnlich, die Landschaft ist nordafrikanisch-levantinisch. Guerra führte Coetzee zu Kavafis; das Heute auf King George und Romulus Augustulus zurück; nahm den Roman aus der politischen Interpretation der 80er heraus und machte daraus ein offenes Kunstwerk. Heute kann ich den Roman dadurch als etwas Neues wieder lesen.

Enough with scrolling

When J.M. Coetzee won the Nobel prize for literature it was the time I was producing a radio broadcast for Radio Hessen, a state owned broadcasting corporation based in Frankfurt. Surprisingly enough, in my life I haven’t read much contemporary English literature but a title like Waiting for the Barbarians deserved definitely a mention in my radio broadcast.

However, I didn’t want to read the book. So I looked up in the German state-owned broadcasting stations’ media bank to find out that someone had allowed for a colleague to travel to Stockholm … for shopping! While I hoped for an interview with the laureate, she had sent 60 seconds full of boredom. Which is weird. Normally, in 60 seconds you didn’t have the time to get bored…

I had to read the book after all, to verify my suspicion: Coetzee’s Waiting for the Barbarians bears a clear reference to Cavafy’s poem of the same title: the empire (which empire? The reader never knows) enjoys a decadence covered up only with the help of a fictitious threat – the “barbarians”. Cavafy, the poet, and the Magistrate in Coetzee’s novel are the ones with the role to say that the barbarians are no enemy, let alone a threat – to be annihilated by sorrow (the poet) or the authorities (the Magistrate).

First reviews spoke of a work aiming at apartheid. Coetzee lived and taught in his native South Africa back then. Ciro Guerra’s movie Waiting for the Barbarians (2019) though, starring Johnny Depp as the inhumane colonel Joll, focuses on Cavafy’s main inspiration, an Anglogreek one from early-20th-century Alexandria. The empire – the British, the Roman – will not fall. Unfortunately… The movie’s barbarians resemble Central Asians, the landscape is North African and Levantine. Guerra reduces Coetzee back to Cavafy and makes the novel an opera apertà that can be read anew without the restrictions of its interpretations in the 80s.

Kuhn meets Cavafy

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Für gewöhnlich verschmäht die akademische Philosophie die Poesie. Das ist unentschuldigbar. Eine bessere Lektüre, die einem vor Augen führt, einem in einer Krise befindlichen wissenschaftlichen Paradigma zu dienen, eine bessere als K.P. Kavafis’ “Warten auf die Barbaren”, kenne ich nicht:

– Worauf warten wir, versammelt auf dem Marktplatz?

– Auf die Barbaren, die heute kommen.

– Warum solche Untätigkeit im Senat?

– Warum sitzen die Senatoren da, ohne Gesetze zu machen?

– Weil die Barbaren heute kommen.

Welche Gesetze sollten die Senatoren jetzt machen?

Wenn die Barbaren kommen, werden diese Gesetze machen.

– Warum jetzt plötzlich diese Unruhe und Verwirrung?

(Wie ernst die Gesichter geworden sind.) Warum leeren

sich die Straßen und Plätze so schnell, und

warum gehen alle so nachdenklich nach Hause?

– Weil die Nacht gekommen ist und die Barbaren doch nicht

erschienen sind. Einige Leute sind von der Grenze gekommen

und haben berichtet, es gebe sie nicht mehr, die Barbaren.

Und nun, was sollen wir ohne Barbaren tun?

Diese Menschen waren immerhin eine Lösung.

Aus: Konstantinos Kavafis, Das Gesamtwerk, übers. v. Robert Elsie , Zürich, 1997, 70-73.

Enough with scrolling

Often, academic philosophy shows contempt towards poetry. This is unforgivable. I know of no better way to express the feeling of serving a paradigm in crisis than C.P. Cavafy’s “Waiting for the Barbarians”:

– What are we waiting for, assembled in the forum?

– The barbarians are due here today.

– Why isn’t anything happening in the senate? Why are the senators sitting there without legislating?

– Why this sudden restlessness, this confusion?
(How serious people’s faces have become.)
Why are the streets and squares emptying so rapidly,
everyone going home so lost in thought?

– Because night has fallen and the barbarians have not come.
And some who have just returned from the border say
there are no barbarians any longer.

And now, what’s going to happen to us without barbarians?
They were, those people, a kind of solution.

C.P. Cavafy, Collected Poems. Translated by Edmund Keeley and Philip Sherrard. Edited by George Savidis. Revised Edition. Princeton University Press, 1992)

Ἀλεξανδρινοὶ βασιλεῖς

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Nach den Palmsonntagsbomben in koptischen Kirchen in Alexandria und Tanta will ich meine Meinung in Sachen Arabischer Frühling und Konsequenzen hiervon schreiben. Eine Copy-Paste-Meinung ist das. Ich sehe das Ganze im Sinne einer longue durée, auf die der Dichter bereits 1912 hingewiesen hat:

Die Alexandriner hatten sich versammelt,
Um die Kinder Kleopatras zu sehen,
Den Cäsarion und seine kleinen Brüder
Alexander und Ptolemäos, die man zum ersten Mal
Ins Gymnasion führte, um sie dort
Zu Königen zu ernennen,
In einer prächtigen Militärparade.

Alexander – ihn nannte man König
Von Armenien, Medien und der Parther.
Ptolemäos – ihn nannte man König
Von Kilikien, Syrien und Phönizien.
Cäsarion stand etwas weiter vorn,
In rosa Seidenstoff gekleidet,
An seiner Brust ein Strauss Hyazinthen,
Sein Gürtel doppelreihig mit Saphiren und Amethysten,
Seine Schuhe, gebunden mit weißen Seidenbändern,
Mit rosafarbigen Perlen bestickt
Ihm erwies man größere Ehre als den Kleinen.
Ihn nannte man König der Könige.

Die Alexandriner hatten selbstverständlich begriffen,
Dass dies alles nur Geschwätz und Theater war.

Doch der Tag war warm und voller Poesie,
Der Himmel hellblau,
Das Gymnasion von Alexandria
Ein triumphaler Erfolg der Kunst.
Die Pracht der Höflinge war aussergewöhnlich
Und Cäsarion so hold und schön
(Ein Sohn Kleopatras, Blut der Lagider).
Die Alexandriner strömten zum Fest,
Gerieten in Begeisterung und jubelten
Auf griechisch, ägyptisch und einige auf hebräisch,
Berauscht von dem herrlichen Schauspiel,
Obwohl sie natürlich wussten, wie wertlos alles war
Und was für leere Worte diese Königstitel darstellten.

Alexandrinische Könige, aus: Konstantinos Kavafis, Das Gesamtwerk, aus dem Griechischen übersetzt und herausgegeben von Robert Elsie, Ammann, Zürich, 1997.

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Enough with scrolling

After the Palm-Sunday bombings in the Coptic churches in Alexandria and Tanta, I felt that I had to write my opinion on the aftermath of the Arab Spring. Since I have a longue-durée perception of the whole thing, I only need to copy and paste the poet’s words from the year 1912:

The Alexandrians turned out in force
to see Cleopatra’s children,
Kaisarion and his little brothers,
Alexander and Ptolemy, who for the first time
had been taken out to the Gymnasium,
to be proclaimed kings there
before a brilliant array of soldiers.

Alexander: they declared him
king of Armenia, Media, and the Parthians.
Ptolemy: they declared him
king of Cilicia, Syria, and Phoenicia.
Kaisarion was standing in front of the others,
dressed in pink silk,
on his chest a bunch of hyacinths,
his belt a double row of amethysts and sapphires,
his shoes tied with white ribbons
prinked with rose-colored pearls.
They declared him greater than his little brothers,
they declared him King of Kings.

The Alexandrians knew of course
that this was all mere words, all theatre.

But the day was warm and poetic,
the sky a pale blue,
the Alexandrian Gymnasium
a complete artistic triumph,
the courtiers wonderfully sumptuous,
Kaisarion all grace and beauty
(Cleopatra’s son, blood of the Lagids);
and the Alexandrians thronged to the festival
full of enthusiasm, and shouted acclamations
in Greek, and Egyptian, and some in Hebrew,
charmed by the lovely spectacle—
though they knew of course what all this was worth,
what empty words they really were, these kingships.

Alexandrian Kings, from: C.P. Cavafy, Collected Poems, translated by Edmund Keeley and Philip Sherrard, edited by George Savidis, revised edition, Princeton University Press, New Jersey, 1992.

Scratching the surface

Allerheiligenkirche2

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Auch echte Liebe kann mit Äußerlichkeiten zu tun haben. Meine Kinder und der Dichter wissen das nur zu genau:

Ich liebe die Kirche – ihre sechsfach geflügelten,
Cherubim, ihre silbernen Gefäße, ihre Leuchter,
Ihre Lichter, Ikonen und Kanzeln.
…..

K.P. Kavafis, In der Kirche (1912), übersetzt v. Robert Elsie

Real love can be superficial. Ask my children and the poet.

I love the Church — her angel heads with wings,
her silver vessels, the high taper-stands,
the lights, the pulpit, the grave images.
…..

C.P. Cavafy, In Church (1912) – transl. by J.C. Cavafy