Une langue austrolibérale

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Die letzten Reste meines mündlichen Französisch aus der Schule habe ich bereits letztes Jahrtausend aufgebraucht. Dass ich plötzlich viel mit Sprechern der Sprache Racines und Foucaults zu tun habe – und damit mit derselben auch – stellte mich vor eine Herausforderung. Das Alltagsfranzösisch empfinde ich nicht mehr als etwas, was sich mit Phantasie aus Latein und Italienisch rekonstruieren lässt, sondern im Gegenteil als etwas gründlich anderes.

So zum Beispiel diese Gewohnheit, nicht „nous parlons“, „nous souhaitons“, „nous philosophons“ etc zu sagen, sondern „on parle“, „on souhaite“, „on philosophe“ etc: Zwar ist sie nachvollziehbar insofern, als das Personalpronomen „wir“ im Grunde „man“ bedeutet mit dem Zusatz, dass der jeweilige Sprecher dazu gehört – daher: „man spricht“, „wünscht“, „philosophiert“ statt „wir sprechen“, „wünschen“, „philosophieren“. Allerdings ist der Zusatz wichtig: Wenn ich „man wünscht“ statt „wir wünschen“ sage, geht der Hörer nicht unbedingt davon aus, dass ich einer der Wünschenden bin.

Trotz der grammatikalischen Unsauberkeit erscheint mir die Ersetzung der ersten Person Plural durch eine impersonelle Syntax im mündlichen Französisch sympathisch und auf philosophischer Ebene Wienerisch. Schumpeter plädierte seiner Zeit für die Idee, dass kollektive Güter die Summe von individuellen Nutzen sind. Nicht wir sind zufrieden oder unzufrieden, sondern man ist zufrieden oder unzufrieden und am Ende gibt es eine Summe. Popper hört aus dem vermeintlichen Wir die faule Argumentationslinie des Tribalisten heraus: „So sind wir schließlich“. Darauf erwidert französische Alltagsweltbürgerlichkeit: „Nicht „wir sind“, sondern „man ist“. Die anderen Abermillionen lässt du, bitte, in Ruhe oder fragst du wenigstens, bevor du sie als Zeugen anführst“.

Würde ich mehr Französisch im Alltag reden, würde es mir nicht einmal in den Sinn kommen, mein Gegenüber wäre ein Tribalist – auch wenn er’s wäre! Das würde meine Tage verschönern.

Enough with scrolling

Still during the last millennium, I consumed the very tiny last bits of my oral competence in French – but remain able to feel astonished for the moral competence that is expressed in that language. First of all I’ve felt strange in the last years – having more and more French acquaintances, cooperations and colleagues around me – that for decades I’ve failed to recognise that Racine’s and Hugo’s language tends more and more to suppress expressions of the form „nous parlons“, „nous souhaitons“, „nous philosophons“ etc to prefer impersonal ones like „on parle“, „on souhaite“, „on philosophe“ etc.

On the first glance, this is awkward. „We talk“, you see, is arguably very much like „some talk“ – but far from being the same. In order to say the same as „we talk“ by using „some“, I have to say „some talk and I’m one of them“. But the French use an expression literally to be translated as „some talk“ meaning „we talk“.

This is gorgeous although philologically irritating and grammatically incorrect. And it is, in terms of political philosophy, rather Austrian in the following sense: in a very influential and much admired article, Schumpeter reduced social value to individual values. The one who’s content or discontent is not someone who can call himself „we“ but rather some are content or discontent and at the end you have to sum up. Popper saw tribalism lurking behind many general statements about „us“ – Europeans, Germans, Christians etc. Often when I hear „We are such-and-such“ I feel tempted to object „Talk about yourself and leave the other few millions alone or at least ask them first“.

I must become more fluent in French and use it in everyday conversation. It’s a language in which you don’t even feel tempted to think that the other is a tribalist – and this independently from his values! Isn’t this improving one’s standard of living?

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Sprachphilosophisches zum Thema „Hausberufungen“. Und eine kleine Notiz zum Sinn der Integrität

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Hausberufungen sind erlaubt. Unter gewissen Voraussetzungen. Die Formulierungen unterscheiden sich von Bundesland zu Bundesland aber eins bleibt konstant: der Wille des Gesetzgebers, Hausberufungen an Universitäten nur dann als gültig anzusehen, wenn brain-drain droht.

Um die Gefahr eines brain-drain im konkreten Fall einzuschätzen, fragt man, ob das Individuum, für das eine Hausberufung in Frage kommt, über herausragende, einzigartige und unersetzliche Kapazitäten in Deutschland verfügt. Oder so etwas Ähnliches…

Nun sind wir alle herausragend im einen oder im anderen Sinn. Denn wir sind so etwas wie der Kirchturm vom Sankt Martin in Landshut: Als der höchste Turm kann er nicht gelten, als der höchste Kirchturm auch nicht; aber als Backsteinkirchturm ist er der höchste der Welt. Jedes zusätzliche Charakteristikum, hier in Form von Wortbestandteilen, grenzt den darunter gehörenden Gegenstandsbereich ein und erhöht die Wahrscheinlichkeit, mit der der Turm herausragend ist.

Für Hausberufungen ist diese Erkenntnis sehr wichtig. Wenn ich Rektor der Uni X bin und dem Religionsphilosophen Y, der ungünstiger Weise an der Uni X lehrt, einen Lehrstuhl gönne, dann werde ich einsehen müssen, dass eine Ausschreibung für eine Professur für Religionsphilosophie natürlich Bewerbungen von Kandidaten anziehen wird, die mit Y gleichwertig sind und die Bedingung für Y’s Hausberufung hinfällig machen. Als kluger Rektor muss ich also die Ausschreibung so formulieren: „Vom erfolgreichen Kandidaten wird erwartet, einen Schwerpunkt in der Religionsphilosophie mit durch Publikationen dokumentierten fundierten Kenntnissen in der Philosophie der Antike und der Spätantike samt Beherrschung der klassischen Sprachen zu verbinden. Es wird ferner vorausgesetzt, dass der Lehrstuhlinhaber die Module Logik I bis III lehrt und historisch einen zweiten Schwerpunkt in der Philosophiegeschichte hat, vorzugsweise in der Philosophie Kants“. Alles natürlich Kapazitäten, die „zufällig“ Y besitzt – nach dem Motto: Kantianer und Altgriechisch-Experten gibt es viele, aber wer hat all das zusammen?

Y ist damit einzigartig und erfüllt die Bedingungen für eine Hausberufung.

Kluge Rektoren gibt es viele und das verwundert mich nicht. Nicht zuletzt wurde ich in einem Land von Künstlern im Verfassen solcher Ausschreibungstexte geboren. Was mich verwundert, ist das Fehlen eines hämischen Ausdrucks im Deutschen für solche Ausschreibungstexte. Im Griechischen heißen diese im Volksmund: „photographikes prokeryxeis“, weil das Blabla einem Foto des Wunschkandidaten gleichkommen soll, das man allerdings im Ausschreibungstext nicht verwenden darf. Einem Foto nach dem Motto: „So sieht der erfolgreiche Kandidat aus“. Y’s Foto…

Deutsche tendieren zu praktischen Lösungen und nicht zu hämischem Humor. Sie stellen sich Fragen wie: „Was tun? Die Hausberufungen vollends verbieten?“ Dann droht natürlich wieder das brain-drain. Tatsächlich außerordentliche Menschen sollen doch bleiben können.

Ich finde, dass K.R. Popper, der Philosoph, dessen zwanzigster Todestag vor ein paar Tagen fast unbemerkt verlief, die Lösung hatte. Eine Lösung aber, die offenbar nicht praktikabel ist. Popper stellte im 7. Kapitel des ersten Bandes der Offenen Gesellschaft fest, dass Institutionen wie Burgen sind, die sowohl gut angelegt als auch entsprechend mit (integren) Leuten besetzt sein müssen.

PS: Der obige Ausschreibungstext ist frei erfunden. Naja, fast…

Landshut Martinskirche

This is probably a very „German“ posting. Take it as an incentive to learn more about academic philosophy in this remarkable, exotic country!

In Germany, normally professors are not tenured in the very university in which they happened to start teaching. The reason for this is that the procedure to offer a tenured post to someone who’s already a member of the department is allowed only under the condition that otherwise there would be the danger of brain-drain. If you’re good enough someone else apart of your present colleagues will acknowledge your value. And only if you are unique in Germany but some university outside Germany would have the idea to hire you before a German university does, you may stay with your present colleagues – this is the rationale.

Now, who is unique? Obviously this would be an individual with extraordinary capacities which no one else has.

But every one has such capacities in one way or another. We’re all like the tower of the St Martin’s church in Landshut, the capital of Lower Bavaria and home to about seventy thousand inhabitants. It’s not the highest tower in Germany. It’s not even the highest church tower in Germany. But it is a church tower made of bricks, which makes it the world’s highest church tower made of bricks. Every additional property you assign the tower truthfully restricts the domain in which you make the comparison and increases the probability that the tower is extraordinary.

You can use this trick in order to prove that the non-tenured philosopher of religion at your department is unique in Germany, of course. Let’s say that the philosophy department of the German university of which you’re the „Rektor“ (the British would say: „chancellor“) seeks to hire a professor in philosophy of religion. If you advertise a position for a philosopher of religion you’ll receive applications of many individuals with publications and experience similar to your colleague’s. By this, you cannot give the position to your colleague (and eo ipso he won’t be tenured) since the law prescribes that he must be unique in order to be able to be tenured at the university in which he happens to teach. Things change if you publish an advertisement which contains the following: „The successful candidate will combine an AOS in Ancient and late Ancient Philosophy with a mastery of classical languages including Arabic. Further, he will have an AOC in logic and critical thinking as well as in the philosophy of German Idealism“. Now, „accidentally“ these have to be your colleague’s topics in his publications. If these don’t make him unique, what then? Like there are many high church towers out there but not so many high church towers made of bricks, there are many folks who teach Ancient, but how many teach Ancient and Early Modern?

There are many bright university chancellors in Germany and advertisements of this kind do not surprise me. What surprises me is the absence of an offensive expression in colloquial German. Modern Greek has the expression „photographikes prokeryxeis“ for advertisements of the aforementioned kind. „Photographikes“ because the bla-bla is equivalent to the guy’s picture.

But Germans don’t like bitchy humour. They prefer to give practical solutions. A German would rather ask: „What can I do against this? Should it be absolutely prohibited to give someone from the same university a tenured post?“ But then, of course, the brain-drain argument would retain its validity.

K.R. Popper (the 20th anniversary since his death remained almost unnoticed a few days ago) had a solution. Alas, a non practical one. In the 7th chapter of the first volume of the Open Society he stated that institution are like fortresses which must be well designed and manned.

Impatientes adversus impatientem

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Das indische Springkraut (Impatiens glandulifera) hat in den Isarauen, wie immer gegen Ende August, eine prächtige Präsenz. Dabei hat es heftige Gegner: Menschen, die wegen der außerordentlichen Verbreitung des Neophyts besorgt sind, zertreten die Pflanzen.

Die Frage ist: besorgt um was? Um die Verdrängung der Brennnessel? Ich selber bin mehr der Brennnessel zugeneigt als dem indischen Springkraut: Nicht zuletzt sind die Brennnesselblätter die Hauptzutat der Brennnesselpitta

Wie ich aber immer wieder beim Pflücken von Brennnesselblättern feststelle, ist die indische Pflanze trotz ihrer Verbreitung nicht in der Lage, die ebenfalls reichen Brennnesselbestände der Isarauen zu gefährden.

Also, um was sind die Leute besorgt? Vielleicht um das ästhetische Bild einer idealisierten bayerischen Natur so um das frühe 19. Jahrhundert herum: vor der Einführung des indischen Springkrauts (aber unbedingt nach der Einführung der Kastanie und der Gemüseampfer)?

Ästhetisches Empfinden und die Bewahrung einer Kulturlandschaft betrachte ich zwar generell als berechtigte Anliegen. Es ist mir auch klar, dass nicht jeder, der gegen die Verbreitung einer Pflanze aus ästhetischen Gründen ist, auch gegen die Aufnahme von Flüchtlingen aus ästhetischen Gründen wäre.

Ich kann trotzdem nicht umhin, bei einer Idealisierung eines Heimatbildes ein slippery slope zu befürchten, das sich auf das Vorherrschen ästhetischer Urteile in der Migrationsproblematik auswirken würde.

Literatur (nicht zu Pflanzen, sondern zum Umgang mit Anderssein in bezug auf Menschen):

M. Dummett (2001), On Immigration and Refugees.

K.R. Popper (1945), Die offene Gesellschaft und ihre Feinde, Bd. 1, Kap. 9.

Springkraut

Every August, the impatiens glandulifera celebrates triumphs in the riverbanks of the Isar, the river which flows through Munich – in spite of its enemies: these people who destroy the plants out of fear of the invasive neophyte.

It’s true that the impatiens glandulifera competes against nettles with big success. And I have to say that I’m more for nettles than for the Himalaian plant. This nettle pitta recipe is my main reason for this.

Still, whenever I go to the riverbanks to collect nettles and although there would surely have been more nettles if the impatiens glandulifera weren’t there, I fail to see how the presence of nettles could be substantially threatened in the ages to come.

So, what are people really afraid of? My suspicion is that they cannot stand losing the aesthetic image of an idealized Bavarian flora which stems from the 19th century: before the invasion of the impatiens glandulifera (but after the introduction of the chestnut tree and the monk’s rhubarb).

Of course, I do see some point in aesthetics and cultural traditions and I’m aware of the fact that those who are against neophytes for aesthetical reasons wouldn’t be necessarily against immigrants for aesthetic reasons.

However, I cannot help myself fearing that the idealized image of a homeland can bring about a slippery slope argument – aesthetic judgments in the topic of immigration.

Bibliography (not on plants, rather on dealing with otherness in reference to humans):

M. Dummett (2001), On Immigration and Refugees.

K.R. Popper (1945), The Open Society and Its Enemies, Vol. 1, ch. 9.

 

Esse et videri

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Wer seine Dissertation bei Kluwer, de Gruyter, Oxford University Press oder Routledge untergebracht hat, der ist wer; wer nicht, der gilt bestenfalls als nicht professorabler Typ mit interessanten Gedanken – so der neue Trend.

Die Markenverlage – mit ihrer von der Wissenschaft unabhängigen Programmpolitik – fungieren als Gütezeichen für faule Gutachter. Denn, wenn das Buch bei den genannten Verlagen erschien, muss es gut sein, und da braucht der Gutachter nicht gründlich zu lesen – so jedenfalls der Mainstream.

Einerseits ist das kein Grund zum Ärgernis, wenn man bedenkt, dass Klamotten mit Krokodils-, Medusenkopf- und Pferd-mit-Jockey-Signet ähnlich beurteilt werden.

Nur: Hinter dem Wissenschaftsbetrieb sollte man eine andere Denkungsart vermuten dürfen als hinter dem Konsum von Modeklamotten.

Zum Vergleich: Karl Poppers Diss (Zur Methodenfrage der Denkpsychologie, Uni Wien, 1928) ist immer noch unveröffentlicht und Quines und Davidsons Dissertationen (The Logic of Sequences, Uni Harvard, 1932; Plato’s Philebus, Uni Harvard, 1949) erschienen erst 1990 bei einem Verlag, als die Autoren bereits weltweit berühmt waren.

Verlage und Klamotten

The new trend is that the ones whose PhD theses get published in Kluwer, de Gruyter, Oxford University Press and Routledge are on the route to a tenured position before they even thought of staying in academia. The others are guys with interesting thoughts.

The agenda of topbrand publishers is not controlled by a quality-assurance procedure which would be worthy of science’s dignity. However, lazy members of appointment committees see the publisher’s logo as a sign of scientific probity – and as something which spares them the pain of reading carefully.

When I think that this is exactly the way in which the consumer behaves towards clothing items with crocodiles, Medusa heads and horses with jockeys on them, I fail to find a reason to wrangle over appointment committees.

However, scientific probity should be a realm with standards different than those which are predominant in shopping malls.

A comparison with good old times: Karl Popper’s PhD thesis (Zur Methodenfrage der Denkpsychologie, University of Vienna, 1928) is still unpublished today. Quine’s und Davidson’s PhD theses (The Logic of Sequences, Harvard, 1932; Plato’s Philebus, Harvard, 1949) were published only in 1990 after both authors had long become worldwide celebrated philosophers.

Tribalism in academia

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Verkommen Diskussionen über Sachen in Streit um Bräuche in einer Zunft, in einem Milieu, in einer Nation („Ich sehe ein, dass du da ein Argument hast, aber bei uns wird der Diskurs anders geführt“), dann ist Tribalismus im Spiel.

Einige der leidenschaftlichsten Attacken K.R. Poppers gegen die Feinde der offenen Gesellschaft gelten deren Tribalismus – als ob der Tribalismus ausgerottet werden könnte.

Machen wir uns nichts vor: Gegen den Tribalismus ist kein Kraut gewachsen – auch in der Wissenschaft nicht.

Das ist mehr als traurig. Denn das, was die Wissenschaft zu dem macht, was sie ist, ist die bewusste, wenn auch nie vollständige Bekämpfung des Tribalismus.

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The name for the attitude which is the case when the discussion shifts from a matter of fact to the conventions of a group, a sub-culture, a nation („I suppose you have a point there but here we have our own discourse“) is „tribalism“.

Some of K.R. Popper’s most passionate attacks against the enemies of the open society are directed against their tribalism. Popper was an optimist who thought that tribalism can be banned from social affairs.

I don’t think that it can even be banned from the sciences and from scholarship.

This is more than sad. What makes the sciences and scholarship what they are, is the suppression of tribalism.

Fail better!

Le grand duc

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„Fail better!“, die Aufforderung, auf bessere Art zu versagen, ist ein Zitat Samuel Becketts aus einer seiner letzten Prosaarbeiten, „Worstward ho!“ – Auf zum Schlechtesten!

Lustigerweise ist „Worstward ho!“ ein ironischer Hinweis auf Charles Kingsleys Karibik-Seefahrer-Roman Westward ho! – Auf zum Westen! „Lustigerweise“, weil der Westen Verschlechterung und Versagen typischerweise dämonisiert.

Mein Münchener Professor im Fach Sozialpsychologie, Dieter Frey, bestand seinerzeit darauf, dass zukunftsorientierte Organisationen im Westen sich eine östliche Fehlerkultur aneignen sollten (zur Umsetzung einer Fehlerkultur in deutschen Unternehmen vgl. die Vorschläge Freys in diesem Dokument, S. 24 f.). Obwohl Frey aus der experimentellen Sozialpsychologie kam, waren seine Seminare stets sehr philosophisch. Über Karl Poppers Ansichten zum Irrtum als nützliche Quelle von Lernen und über Adornos Verblüffung über den amerikanischen Spruch „I am a failure“ haben wir uns da unterhalten.

Adorno und Popper waren allerdings jüdische Kinder eines Mitteleuropa, das noch nicht westlich war. Das heutige Mitteleuropa hat gelernt, den Irrtum als Hindernis statt als Chance zur Effizienz zu betrachten.

Gerade heute klagte z.B. die Musiklehrerin meiner Töchter, dass ihre meisten Schüler es nicht ertragen, wenn sie falsch spielen. Ich schließe aus, dass sie meine Töchter in diese Gruppe einbezog. Jedenfalls hat mich ihre Bemerkung an bestimmte Situationen in einem katholischen Kirchenchor erinnert, wo die zwei Tenöre links und rechts staunten, was ich denn da gesungen habe; das D sei letztendlich punktiert gewesen! Als ich dann für ein paar Monate zu einem byzantinischen Kirchenchor gewechselt hatte, staunte ich über die Überbetonung der seelischen Ruhe beim Interpretieren gegenüber der körperlichen Übung, aber vielmehr staunte ich über die unwestliche Art, mit der beide Chorhälften mit der Musik umgingen nach dem Motto: Fehler sind kein Bestandteil der Interpretation; sie sind ein Bestandteil der Komposition. Diese Einstellung war in der Ungenauigkeit der Notation verankert.

Der neueste Trend in byzantinischen Chören lautet – habt Ihr’s erraten? – die alte Musiknotation der Ostkirche in westliche Noten zu transkribieren.

„Fail better!“ is a quote from Samuel Beckett’s „Worstward ho!“, one of his last stories and a parody of Charles Kingsley’s Westward ho! What makes the parody funny for me is that the West demonizes failure.

Dieter Frey, a professor of social psychology whose lectures I visited while a student at the University of Munich, insisted that organisations in the west should learn from the Orientals to allow for mistakes. His being a representative of experimental social psychology notwithstanding, Frey was very interested in philosophy. In his sessions we talked about Karl Popper’s views on error as a source of learning as well as about Adorno’s bewilderment by the American expression: „I am a failure“.

Adorno and Popper were Jewish persons from a non westernized Central Europe. Today, however, Central Europe has learned to consider error rather a threat than a chance for efficiency.

An everyday example would be that the music teacher of my daughters complained today that most of her pupils cannot stand playing out of tune. There are two things to say about this: Her remark is certainly not true of my daughters. But it reminded me of some situations in this catholic choir, the tenors on my left and on my right not believing that I had failed to notice that a certain note was dotted. After I moved to a Byzantine choir I was astonished by the importance of tranquility there (we prayed in the beginning of the rehearsals!) but especially I admired the way they were discussing about the music. They appeared to think that errors weren’t involved in the interpretation – but this only for the reason that they were involved already in the composition! The imprecise Byzantine music notation was obviously one of the reasons for this remarkable attitude.

The state-of-the-art Byzantine choir transcribes the Byzantine music notation into Western.