The Catholic, the Protestant and the Orthodox

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Die gegenwärtig im Kunstmuseum Basel beherbergte Ausstellung ist großartig – und zwar auch wenn damit „big art“ zu übersetzen wäre. Sie ermöglicht das Nebeneinander von Zurbarans fromm-katholischem Agnus Dei, einem Symbol aus einem Widerstreben heraus dagegen, Christus zwischen Karfreitag und Ostern als eine geschundene Leiche zu betrachten, neben Hans Holbein des Jüngeren Abbildung eben dieser geschundenen Leiche. Holbein, selber ein radikaler Reformierter, malte sein berühmtes Bild Anfang des 16. Jh. in einem Basel, das sich gerade seines Bischofs entledigt hatte.

Der Bilderantagonismus zwischen Katholizismus und Reformertum könnte um eine orthodoxe Wahrnehmung ergänzt werden. Ich fülle diese Lücke:

»All diese Bilder hier«, sagte [Rogoshin], »hat mein verstorbener Vater auf Auktionen gekauft, das Stück zu einem oder zwei Rubel, er liebte so etwas. Ein Sachverständiger hat sie alle hier besichtigt, er sagte, es sei Schund; aber dieses hier, das Bild über der Tür, das ebenfalls für zwei Rubel gekauft ist, von dem sagte er, es sei kein Schund. Noch zu Lebzeiten meines Vaters fand sich jemand, der ihm dafür dreihundertundfünfzig Rubel bot, und Iwan Dmitrijewitsch Saweljew, ein Kaufmann, der ein großer Liebhaber solcher Dinge ist, der ist bis auf vierhundert hinaufgegangen und hat in der vorigen Woche meinem Bruder Semjon Semjonytsch schon fünfhundert geboten. Aber ich habe es für mich behalten.«

»Das ist ja… das ist ja eine Kopie nach Hans Holbein«, sagte der Fürst, der nun Zeit gehabt hatte, das Bild genauer zu betrachten, »und obwohl ich kein großer Kenner bin, scheint es mir doch eine vorzügliche Kopie zu sein. Ich habe dieses Bild im Ausland gesehen und kann es nicht vergessen. Aber… was hast du denn? …«

[…]

»Hör mal, Lew Nikolajewitsch«, fing Rogoshin wieder an, nachdem er einige Schritte gemacht hatte, »ich wollte dich schon längst fragen: glaubst du an Gott oder nicht?«

[…]

»Dieses Bild betrachte ich immer gern«, murmelte Rogoshin nach kurzem Stillschweigen, als hätte er seine Frage wieder vergessen.

»Dieses Bild betrachtest du gern?« rief der Fürst, von einem plötzlichen Gedanken überrascht. »Dieses Bild? Aber beim Anblick dieses Bildes kann ja mancher Mensch seinen Glauben verlieren!«

»Ich verliere ihn auch«, war Rogoshins überraschende, bestätigende Antwort.

Dostojewskij, Der Idiot, Teil II, Kap. 4.


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It’s a great exhibition, the one hosted at the Kunstmuseum Basel at the moment. It allows for Zurbaran’s symbolic Agnus Dei, a symbol out of the fear to depict Jesus as a devastated corpse, to stand next to Hans Holbein the Younger’s depiction of this corpse. Hans Holbein painted it in the early-16th-century Basel, in a city that had expelled its bishop.

The pictorial „agon“ between the Catholic and the Reformed could have been accompanied by the Orthodox commentary:

„My father picked up all these pictures very cheap at auctions, and so on“, said [Rogozhin]; „they are all rubbish, except the one over the door, and that is valuable. A man offered five hundred roubles for it last week“.

„Yes, that’s a copy of a Holbein“, said the prince, looking at it again, „and a good copy, too, so far as I am able to judge. I saw the picture abroad, and could not forget it – what’s the matter?“

[…]

„Lev Nikolaevich“, said Rogozhin, after a pause, during which the two walked along a little further, „I have long wished to ask you, do you believe in God?“

[…]

„That picture! That picture!“ cried Myshkin, struck by a sudden idea. „Why, a man’s faith might be ruined by looking at that picture!“

„So it is!“ said Rogozhin, unexpectedly.

Dostoyevsky, The Idiot, Part II, Chapter 4.

The difference between mockery and hypocrisy in terms of rationality

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Das Bild oben ist ein Grund, antiklerikalen Hohn der Heuchelei vorzuziehen. Wenn Schweinshaxenessen in dieser Gemeinde beim bayerischen Chiemsee als aktive Ablehnung einer scherzhaft gefassten Fastenpredigt gilt, steht die Geste immerhin in der Tradition des Fastenbrechens durch Zwingli im Frühjahr 1522.

Nicht dass ich moralische Einwände gegen die Heuchelei hätte. Eher erkenntnistheoretische. Denn, wenn mit Schweinshaxen eingenommenes Starkbier als ehrliche Vorbereitung auf das in der Predigt propagierte Fasten gelten soll, wohlgemerkt ohne kognitive Dissonanz zu erzeugen, dann spricht das gegen Religion als rationales System.

Meine Beobachtungen bisher zeugen allerdings vom Gegenteil.


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I saw this advertisement in the Bavarian countryside between Munich and Salzburg in Austria. It is an invitation to a fare where high-alcohol-percentage beer would be served along with porc and a sermon for fasting during lent would be addressed.

Now, in the case that this is mockery, anticlerical or any other, it is one in Zwingli’s tradition. Zwingli ate sausages during lent in the year 1522 to emphasise his opposition to church tradition.

In the case that it is hypocrisy, i.e. in the case that the guests would not experience cognitive dissonance during eating sausages while listening to a sermon praising fasting, the fare would be a religious ritual of an irrational character.

Rituals, however, are expected to be rational in character. The pieces of evidence I have for this are devastating. But this is not to say that I have a clue about what happened in Greimharting last Saturday.

Diversität

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Je mehr sich die postcolonial studies an den philosophischen Fakultäten etablieren, desto fester lastet der Druck auf den Schultern klassisch gesinnter Universitätslehrer von altehrwürdigen Fächern, ihren Wissensanspruch zu relativieren. Um es mit den Worten des Erfurter Professors für Islamkunde Jamal Malik auszudrücken: „Was ist, wenn ich die Geltung Ihrer westlichen Rationalität anzweifle, Herr Kollege?“

Die Frage ist viel netter als man denkt – selbst wenn sie am Ende meiner Lehrveranstaltung vor einer Tafel voller logischer Symbole gestellt wird. Denn Maliks Nachdruck gilt stets dem Ausdruck „Herr Kollege“.

Trotz humorvollen Umgangs und offener Zuneigung sehe ich etwas Explosives, wenn fachliche Präferenzen als Kulturunterschiede interpretiert werden. Denn die Kultur hat etwas Unzugängliches. Man kann sie schlimmstenfalls nicht mitteilen. Sie ist eine Lebensform, ein „harter Fels, an dem sich mein Spaten zurückbiegt“ (Ludwig Wittgenstein, Philosophische Untersuchungen, § 217). Akademische Debatten sollten dagegen auf Durchsichtigkeit und ausnahmsloser Mitteilbarkeit basieren.

Gewiss wäre es ein performativer Widerspruch von Seiten eines Postkolonialen, den „Westler“ zum Umdenken zu bewegen; ihn für sich zu gewinnen. Denn der „Westler“ hört nur auf „westliche“ Argumente und diese kann ihm der Postkoloniale nicht anbieten, ohne selber „Westler“ zu werden. Der Postkolonialismus verlangt Diversität.

Der Westen kommt ihm entgegen. Aber was der Westen mit „Diversität“ meint, gleicht eher der Inklusion. Denn der „Westler“ sieht keinen performativen Widerspruch im Versuch, Dissens im Sinn „westlicher“ Rationalität zu formulieren.

Inklusion entspricht allerdings nicht immer den Wünschen des Inkludierten. Ich habe ein persönliches Beispiel dafür: Teil meines Wehrdienstes verbrachte ich auf Syros, einer griechischen Insel mit römisch-katholischer Bevölkerungsmehrheit. Nach langen Jahren der Unterdrückung der Katholiken durch den griechischen Staat befand ich mich dort zu einer Zeit – der ich Langlebigkeit wünsche – in der Kirchen und Staat bemüht waren, beide Gemeinden zu einem Leben miteinander hinzuführen. Also wurde der Truppe im Sinne einer Inklusionsmaßnahme befohlen, gemeinsam die Messe zu besuchen – die orthodoxe, versteht sich… Es gab katholische Kameraden, die von ihrem Recht auf Diversität sprachen, das durch die Inklusionsmaßnahme verletzt worden sei. Überrascht war ich dadurch nicht.

Unlängst habe ich versucht, ein paar von Maliks Studenten für mein Gottesbeweise-plus-induktive-Logik-Seminar zu gewinnen. Es gibt schließlich auch gute Inklusionsmaßnahmen, die Diversität zulassen. In diesem Kontext lautet die wichtigste Frage nicht, ob wir unterschiedlich sein wollen, sondern wie unterschiedlich wir sein wollen.

Quiz für die Leser: Welcher ist der katholische und welcher der orthodoxe Stadtteil von Syros und was sind die Unterschiede auf den ersten Blick?

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Postcolonial studies have a sting: The more they get established in the humanities, the more they force mainstream teachers of sacrosanct subjects to relativize their positions. Jamal Malik, the Islam expert of the University of Erfurt, says: „Suppose I contest your western rationality, dear colleague!“

Even if the remark is made after my class in front of a blackboard full of logical symbols, I still feel comfortable. The reason is that his emphasis is always on „dear colleague“.

Despite humour and open sympathy I do see something explosive when preferences in theory are interpreted as differences in culture. Culture has an ineffable element like Wittgenstein’s form of life: the „bedrock “ against which „my spade turns“(Philosophical Investigations, § 217). Debates in academia should be transparent and open to communication.

But I’m not sure if a postcolonial scholar would care whether I understand him or not. I even suspect that he would see attempts to persuade „westerners“ as performative contradictions. „Westerners“ are supposed to listen to „occidental“ arguments and arguing in this way would make a postcolonial scholar a „westerner“ himself. Postcolonialism demands diversity.

And this is what it gets in the „West“. However, what the „West“ calls „diversity“ is rather another word for inclusion. It is namely no performative contradiction for the „westerner“ to formulate dissent in terms of „western“ rationality.

Inclusion is fine if you want to be included. However, this is not always the case. I would like to mention a personal example. I spent some time during my military service in Syros, a Greek island with a Roman-Catholic local majority and an Orthodox local minority. I happened to be there not long after the end of a deplorable era in which the Catholics had been suppressed and exposed to assimilation pressure. But since now the two churches and the Greek state help the communities get over the traditional trenches, we, the troops of the island, were ordered to attend the mass together – of course the Orthodox one… Some Catholic brothers in arms (and in Christo) murmured about their right to diversity which the inclusion policies had offended. I wasn’t surprised.

I’ve tried to convert some of Malik’s students to attend my seminar on inductive logic and proofs on the existence of God. I thought that there are kinds of inclusion which do allow for diversity after all. In our context, the most important question is not whether we want to be different. The most important question is how much different we want to be.

I have a quiz for my readers: which is the catholic and which is the orthodox quarter (see image above) and which are the apparent differences?

Karlheinz Deschner und die analytische Philosophie

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Jedes Mal, wenn ich bei der Zugfahrt von Erfurt in Richtung Nürnberg an Haßfurt vorbeifahre, denke ich an Karlheinz Deschner, der dort lebte. Das werde ich weiterhin tun, nachdem er nicht mehr dort oder sonstwo lebt.

Analytische Apologeten wie Richard Swinburne und Alvin Plantinga sind äußerst selten. Die majoritäre Haltung der analytischen Philosophie war seit Russells und Carnaps Zeiten die Skepsis gegenüber der Metaphysik, insbesondere gegenüber religiös motivierter Metaphysik.

Auch die Epigonen des Wiener Kreises blieben dieser Linie treu. Wolfgang Stegmüllers Rezension von John L. Mackies Wunder des Theismus stellt nach 176 Seiten (!) abschließend fest, dass “ die uns bekannten monotheistischen Religionen auf einer für sie unverzichtbaren Existenzannahme beruhen, die vermutlich falsch ist“ (W. Stegmüller, Hauptströmungen der Gegenwartsphilosophie, Bd. IV, Stuttgart: Kröner, 1990, 518). Aber Stegmüller war ein Philosoph. Er interessierte sich für die Existenzfrage, konnte aber nicht wissen, ob die monotheistischen Religionen in ihrer geschichtlichen Ausgestaltung inkonsistent sind.

Einen Nachweis, jedenfalls einen Teilnachweis dafür, dass theologischer Anspruch und „Kriminalgeschichte“ des Katholizismus unvereinbar sind, glaubte er wohl bei Deschner zu finden. Jedenfalls soll Karlheinz Deschner nach Wolfgang Stegmüllers Worten „der bedeutendste Kirchenkritiker des [20.] Jahrhunderts“ gewesen sein.

Auch andere analytische Philosophen waren von Deschners Arbeiten angetan, so z.B. der Popper-Schüler Hans Albert, dessen Rücken auf dem Foto unten mit dem Kirchenkritiker abgelichtet wurde.

Offene Atheisten gab es in der Gesellschaft der genannten Religionskritiker nicht. Rationalisten sind fast nie offene Atheisten. Um es auf English auszudrücken, stellt der Atheismus eine lose-lose situation dar: Denn entweder gibt es ein Leben nach dem Tod oder nicht. Wenn der Atheist Recht darin hat, dass es keinen Gott und kein Leben nach dem Tod gibt, dann ist er nicht mehr da, um seinen Sieg zu genießen, wenn seine Überzeugung verifiziert wird, denn die Verifikation seiner Überzeugung ist sein Tod. Und wenn er Unrecht hat, dann existiert er nur weiter, um seine Niederlage einzugestehen. Die Situation des Theisten ist die umgekehrte win-win situation: er überlebt seine Niederlage nicht, genießt aber seinen Sieg.

Ich weiß nicht, was ich hoffen soll: Ist es besser, wenn Deschner seit letztem Dienstag irgendwelche Bewusstseinszustände hat, oder müsste ich ihm lieber die Existenzlosigkeit wünschen?

Deschner_Albert

Whenever my train passes through Haßfurt I think of Karlheinz Deschner who lived there. I’ll continue to think of him after he doesn’t live there anymore – after he doesn’t live anywhere…

Analytics are almost never apologists. People like Richard Swinburne and Alvin Plantinga are in the minority. The vast majority of analytic philosophers has been since Russell’s und Carnap’s times skeptical against metaphysics, let alone religiously motivated metaphysics.

The epigons of the Vienna Circle remained faithful to this line of thought. Wolfgang Stegmüller’s review of John L. Mackie’s Miracle of Theism concludes after 176 pages (!) that „the monotheistic religions with which we are familiar are irresolvably connected with the assumption that God exists as their basis – an assumption probably false.“ (W. Stegmüller, Hauptströmungen der Gegenwartsphilosophie, Bd. IV, Stuttgart: Kröner, 1990, 518). Stegmüller was a philosopher. He was interested in the question about God’s existence but he didn’t know whether the monotheistic religions were inconsistent in any other respect.

In Deschner’s work, however, Stegmüller appeared to discover the indications he needed that the theology and the „criminal history“ of catholicism are in deep disagreement. The philosopher named the man from Haßfurt „the most important church critic of the [20th] century“.

Stegmüller was not the only analytic philosopher who was enthusiastic about Deschner’s work. The man whose back can be seen on the picture above while he’s discussing with the church critic is Sir Karl Popper’s disciple Hans Albert.

However, there were no open atheists in the club of the critics of religion whom I just mentioned. Rationalists are almost never open atheists. They know that atheism is a lose-lose situation. Because either there is an afterlife or there is no such thing. But if the atheist is right in his rejection of an afterlife he will not be there to enjoy his victory since the verification of his rejection of an afterlife is his death. But if he is wrong, he will be there only to acknowledge his defeat. By constrast, the theist’s is a win-win situation: he does not survive his defeat but enjoys his victory.

I’m not quite certain what would be the best thing to wish to Deschner after last Tuesday. Should I wish him to have some states of consciousness or rather to be inexistent?