Betting Dodds or the sleep of reason

Scroll for English

In meiner Studizeit (in Athen musste ich genauso viele Philosophie-Semesterwochenstunden wie klassische Sprachen belegen) hasste ich Dodds’ berühmtes Buch Die Griechen und das Irrationale. Die nietzscheartige Analyse barg ein Religionsverständnis in sich, das für mich damals nicht charakteristisch altgriechisch war. Heute hasse ich das Buch nicht mehr. Damit ist nicht gesagt, dass ich es mag. Bloß behaupte ich im Sinne der Rational choice-Theorie, dass religiöses Verhalten rational ist, was die Hauptthese des Buches, die Griechen hätten sich mit ihrer Religion auf die Unvernunft bezogen, hinfällig macht, wenn ich und die Rational choice-Theorie nämlich Recht haben sollten. Es gibt nichts originär Unlogisches oder Widersprüchliches in Mysterien, Chimären und Gefühlsregungen. Für widersprüchliche Konsequenzen aus Geschichten mit solchen Elementen sind nicht diese Elemente verantwortlich zu machen. Wenn ein Wesen, das halb-Frau-halb-Vogel ist, den Täter eines Mordes quält, den ein lokaler Brauch verlangte, dann gibt es nichts Absurdes daran. Es gibt keinen formalen Widerspruch darin, halb-Frau-halb-Vogel zu sein. Es gibt auch keinen formalen Widerspruch, wenn zwei verschiedene Moralsysteme Gegensätzliches fordern. Ein formaler Widerspruch kommt erst dann zustande, wenn jemand behauptet, beim göttlichen und beim menschlichen Gesetz würde es sich um ein-und-denselben Codex von Gegensätzen handeln. Aber so etwas hat meines Erachtens nie ein griechischer Autor der Antike behauptet.

Ablehnung ist es nur noch, kein Hass, was ich Dodds’ Buch entgegenbringe. Lediglich ein kleines Flämmchen des alten Hasses glimmt noch, wenn mir Dodds’ museumspädagogische Ausgeburten begegnen. Siebzig Jahre nach der Erstveröffentlichung des Buches tut es nämlich weh, wenn es immer noch Kuratoren gibt, die alles auf Dodds’ These setzen, was es in einem Museum zu gewinnen oder zu verlieren gibt. Letztens flackerte das kleine Feuer in mir vor Vitrinen mit grandiosen Exponaten. Der alte Reeder Nikos Goulandris hatte eindeutig ein besseres Gespür für antike Kunst als seine Epigonen für die Auswahl des Personals in seinem Museum für Kykladische Kunst. Sphinx, Greifen, Pan usw. finde ich viel weniger monströs als die dortigen Begleittexte, wonach jene das “Irrationale” darstellen würden. Wie ich immer wieder sage, verschandelt und bagatellisiert die in Griechenland praktizierte Museumspädagogik jedes Exponat.

Dazu eine Geschichte: Ende der Neunzigerjahre haben ein paar bayerische Molkereien die länger haltbare frische Milch lanciert. Ohne Zusatzstoffe. National und international war das neue Produkt ein Renner. In Griechenland verlangte aber der Gesetzgeber, dass egal wie lang ultrahocherhitzte Milch nicht als “frische Milch” in den Regalen stehen durfte und, als das weiterhin geschah, wurde jede länger als drei Tage haltbare “frische Milch” von den Supermärkten konfisziert. Als die deutsche Seite beteuerte, diese Milch sei nicht ultrahocherhitzt, verhöhnte die griechische Presse die widernatürliche bayerische “Superkuh”, deren Milch “frisch” war, aber von der Haltbarkeit her eher der H-Milch entsprach. Ein erstes Expertentreffen wurde vereinbart und ich – damals Doktorand in München und für jeden Pfennig froh – wurde als einer der Dolmetscher angeheuert. Im Treffen waren außer den üblichen Botschaftsattachés und IHK-Heinis Leute des griechischen Fremdenverkehrsamts dabei. Auf den ersten Blick komisch. Auf den zweiten komisch. Auf den dritten nicht mehr. Wo es Kühe gibt, gibt es auch Kuhhandel – und in diesem Fall sogar einen Superkuhhandel.

Nach zweitägigen Gesprächen hatten die Griechen versprochen, etwas für die widernatürliche Kuh zu tun, wenn die Gegenseite aufhörte, sich gegen die griechischen Fremdenführer zu beschweren. Quid pro quo. Es gab nämlich Beschwerden. Und ob es welche gab! Nicht gegen die Verwendung des Begriffs “irrational” durch die museumspädagogischen Fachkräfte – das nicht… Aber laut griechischer Gesetzgebung musste (und muss weiterhin), wer durch ein griechisches Museum führt (es geht dabei nicht einmal um den Berufsstand des Fremdenführers, sondern um den Akt des Erklärens vor einer Menschengruppe) Grieche sein. Das verstößt mit Sicherheit gegen die Freizügigkeit in der EU und eventuell gegen die Meinungsfreiheit. Nun war die deutsche Seite um Ersteres besorgt. Immerhin! Und sie hat ihre Sorge gegen die Lockerung der griechischen Haltung zur Superkuh eingetauscht. Quid pro Kuh. Mensch, so ein sympathisches Tier doch…

Ich war wie gesagt noch Doktorand und brauchte diese Menschen nicht, denn ich war bekanntlich für Höheres vorherbestimmt. Also lästerte ich in der Mittagspause über den griechischen Protektionismus, als Stephanos Tsochatzopoulos, Bruder eines notorischen sozialistischen Ministers und damals Leiter des Münchner Büros des Griechischen Fremdenverkehrsamtes, mich rügte, die Sache, welches Griechenlandbild die Touristen mitbekommen, sei doch von nationaler Bedeutung.

So hat die Politik einer militanten Zunft ein langes Wirken in den griechischen Museen ermöglicht; einer, die bereit ist, dich zu zerren und verbal anzugreifen, wenn sie dich in fremder Sprache vor Familie und Freunden – Gruppen! – etwas über Poseidons Frisur erklären hören. Vor einem Jahr passierte es einem Freund in Akropolis, vor zwei mir im Nationalen Archäologischen Museum.

Die usurpierte Deutungshoheit der Museumsexponate ist eine Sache. Die Deutung eine andere. Die Protegés des griechischen Staates deuten so: “Die Griechen hatten keine Mythen, sondern eine Mythologie, das heißt eine mythische Logik”. Oder: “Für uns heute sind Pegasus und Medusa irrational (sic). Die Griechen sahen das anders”. Der Schlaf der Vernunft bringt Ungeheuer hervor hieß es zu Goyas Zeiten, was aber damals nicht auf die Fähigkeit des griechischen Staates gemünzt wurde, abgefahrene Berufssparten zu erzeugen.

Da ich sehr scharfzüngig gegenüber Griechenland war, wobei die bayerischen Interessenvertretungen glimpflich davongekommen sind, möchte ich den letzten Schluck dieses etwas längeren Ristrettos nicht ohne eine tu quoque nehmen. Ich weiß, dass ich es nicht darf, dass es gemogelt ist, aber ich kann der Versuchung nicht widerstehen.

Der erste Französischlehrer meiner Kinder war ein Franzose, Staatsexamen Französisch. Absolviert in Paris. Er wollte halt’ in München leben. Irgendwas Privates, Freundin, Ehefrau…

Es war eine Privatschule. Privatschulen finanziert der Freistaat Bayern mit, was eine gute Sache ist. Es gibt daher auch Auflagen, was die Ausbildung der Lehrer dort anbetrifft. Ebenfalls eine feine Sache, würde ich sagen. Diese Ausbildung soll dem bayerischen Staatsexamen äquivalent sein. Ich wurde an der LMU promoviert, weiß also, dass die Qualität dort gut ist. Aber jetzt aufpassen, wie Qualitätssicherung interpretiert werden kann: “Für das erste bayerische Staatsexamen muss die Gleichwertigkeit sichergestellt werden. Wenn Sie z.B. in Paris eine Stunde weniger Spezialdidaktik hatten, muss in Bayern eine Lehrveranstaltung Spezialdidaktik mit einer oder mehr Semesterwochenstunden noch absolviert werden. Dann muss das Referendariat absolviert werden. Selbst dann ist die Übernahme davon abhängig, ob Ihr Fach ein Mangelfach ist”. Die Gefahr, den Kindern in Ismaning ein unbayerisches Französisch beizubringen hat ihn zu einem Unterstufen-Halbdeputat, wohlgemerkt an einer Privatschule, eingeschränkt. Dieser protektionistischen Hölle konnte ich im außereuropäischen Ausland der Confoederatio Helvetica entgehen.

Der Leser kann sich vorstellen, wie ich mich fühle – ein Bundesbürger doch – wenn ausgerechnet Markus Söder in der Rolle des Hoffnungsträgers der Konservativen stilisiert wird. Aber das ist eine andere Geschichte.

Enough with scrolling

As a student (the philosophy degree in Athens required almost as much classics as it did philosophy) I hated Dodds’s famous book The Greeks and the Irrational. It shed a Nietzschean light on the Greek understanding of religion which, for me back then, was not distinctive of Greek culture. Today, after having encountered the rational choice theory, I claim that religion is a rational form of behaviour and I do not hate the book anymore. Rather, I take Greek rituals in it to be just ill-conceived. There is nothing generally illogical or contradictory in mysteries, chimaeras and emotion as such, at least not as long as they have no contradictory implications. There is nothing absurd in a half-woman-half-bird not letting you sleep if you committed a murder that the local custom required you to commit. There is no formal contradiction in being half woman and half bird and there is no formal contradiction between two different moral codes. Where there is a formal contradiction is when you happen to claim that the human and the divine are the same system of morals. I know of no Greek author who claimed this.

However, even if I can now identify my attitude to Dodds’s book as rejection rather than as hatred, I do hate to see museums place their bets on a 70 years old book. This can also happen in a museum whose collection is as remarkable and worth seeing as the Museum of Cycladic Art. The collection Goulandri-Horn on which the museum was based, is remarkable. But no tycoon is to blame for how museologists educated with Dodds interpret the exhibits they collected. What a monstrosity to say that the monsters of Greek culture and religion: Sphinx, Oedipus, Pan etc depict the “irrational”!

Museology in Greece is a vast assault to the art! I’ve already had the opportunity to opportunity to deplore nationalistic and provincial rhetoric in a Greek museum. But the reader of this post only needs to read the following story: in the late 90s the Bavarian dairies promoted the long lasting fresh milk without preservatives. Greek law demanded it not to be tagged as “fresh”, since it was (and remains) drinkable after two weeks. When the package continued to talk of “fresh milk”, the Greek state reacted by confiscating the product from the supermarkets, Greek officials mocking that the Bavarians obviously claimed to have invented the super cow. It was the time to bargain, but the trade pertained more to horses than to cows: the Greeks gave up their stance towards Bavarian fresh milk still drinkable after two weeks, demanding as a quid pro quo that only Greek citizens will be allowed to guide groups in Greek museums – obviously an assault against free movement in the EU, arguably also against the freedom of expression. I know about the quid pro quo because I happened to be one of the interpretors in the negotiations in Munich. I was still a PhD student, didn’t need them to hire me any more – I was going to become the most exalted professor of philosophy the world has ever seen, wasn’t I? – and in the midday break I referred ironically to Athens’s protectionism in favour of Greek tourist guides, for Stephanos Tsochatzopoulos, brother of a notorious socialist minister and back then director of the Munich bureau of the Greek National Tourism Organisation to reprimand: “Don’t be recalcitrant! The issue is of national importance”. For this issue of national importance politics created a group of militants acting in Greek museums who would drag you and attack you if they hear you using a foreign language in the museum towards the members of your family (a group of people, no doubt) since they do not recognise you as one of the ethnically conform people affiliated to the museum. Last year it happened to a friend in Acropolis, two years ago to me in the National Archaeological Museum.

Since ages Greek tourist guides have conducted the tourists saying deeply erudite stuff like “The Greeks had no mythical teachings, they had a mythology, that is a mythical logic”; or: “For us today it is irrational (sic) to have winged horses or snake-haired women, but the Greeks had no issues with the irrational”. The sleep of reason produces monsters claimed Goya ignorant of the potential of the sleep of reason to produce Greek tourist guides. In fact, ignorant of the ability of politics to create monsters in general.

Since I have been nastier to Greek than to Bavarian politics, let me finish with a tu quoque. I know, I am not allowed to, but I cannot resist. With the Greek policy in mind to allow only Greeks to guide groups in Greek museums think of the following story, the story of my kids’ first teacher of French: until four years ago, we have lived in Bavaria and he was, as I said, my daughters’ teacher of French. A native speaker of the language he was teaching, he had come to Bavaria from France where he had gained his teacher’s degree because of his wife. Something personal anyway… It was a private school alright, but the State of Bavaria co-finances private schools. And since it does so, it legally demands that holders of non-Bavarian teacher degrees – French, Greek, i.e. EU degrees, but also degrees of other German states – either have them acknowledged in Munich (“You had one hour weekly less special didactics in Paris, so you have to go to the university of Munich to re-sit for this, pass the exam there and then accept one year’s apprenticeship wherever we send you for 1.200 euros monthly and your colleagues there have to grade your efforts and then you will be hired only if Bavarian universities cannot cover the demand for your subject”) or accept a contract as a cover for small classes. Succumbing to the state’s scepticism towards French teachers who threaten to teach Bavarian kids an un-Bavarian French, he did the latter. We did something else: We locked the door of our house and said goodbye to it to come to Switzerland – NB, a non EU member.

This said, the reader can imagine how it feels seeing – of all people – the leader of the Bavarian Christian Social Union as the promising new candidate of Mrs Merkel’s party. But this is another story.

Totgesagtes lebt länger #1

Scroll for English

Wer aus den Geisteswissenschaften kommt und Griechenland oder die Türkei besucht, merkt schnell, dass die Region voll mit Überbleibseln ist: Säulen von Vorgängerbauten, lexikalischen Fossilien und schließlich auch Elementen der antiken und byzantinischen Küche. Letztere habe ich recht spät wahrgenommen. Genau genommen habe ich erst durch die Lektüre von Andrew Dalbys Essen und Trinken im antiken Griechenland (übersetzt ins Deutsche von Kai Brodersen, eine Zeitlang unserem Präsidenten an der Erfurter Uni), später durch die Fortsetzung Tastes of Byzantium gelernt, die antike und mittelalterliche Küche in der heutigen nahöstlichen Küche zu erkennen. In letzterem Buch stellt Dalby die These auf, im 10. Jh. sei das Garum, die Sauce aus fermentierten Fischeingeweiden, im Westen vergessen worden, bis zum 16. Jh. sei es allerdings noch in Konstantinopel verkauft worden. Die Fortsetzung kenne ich von meiner Heimatinsel Euböa. Die Dorffrauen sagen dort “Garos” zur Feta-Salzlake, aus der sie einen Löffelvoll nehmen, um hier und da zu würzen. Das ist freilich ein nur lexikalisches Überbleibsel, da der alte Garos aus Fisch bestand. Die kulinarische mediterrane longue durée ging in Griechenland nach dem 16. Jh. offenbar zu Ende wie Dalby nahelegt. Übrig blieb eine Bedeutungsverschiebung.

Aber ist das Garum im Westen tatsächlich im 10. Jh. vergessen worden? Ausgerechnet aus dem norditalienischen Piedmont kommt Bagna cauda, die Fischsauce, die ich in einem Buch des legendären Antonio Carluccio fand – im Bild unten in einer den Kindern zuliebe abgewandelten Form.

Das Römische lebt vielerorts und unerahnt fort. Auch am Beispiel des Trachanas/Tarhana/Tarhonya kann man das sehen. Aber das ist das Thema für ein anderes Posting zu meinen alten winterlichen Gerichten.

Enough with scrolling

The unattractively coloured sauce is called bagna cauda. This is Piedmontese dialect and a surprise. The reasons:

If you’ve studied humanities, it’s Greece and Turkey where you find things reminiscent to the antiquity and the Middle Age: columns of a Hermes temple that stood there before the place was dedicated to St John, words you thought were new but in reality have survived the centuries, odours of ancient or medieval food coming out of people’s kitchens.

It lasted long until I learned to identify these last ones. It took me years of cooking and, the most important factor, finally reading Andrew Dalby’s Tastes of Byzantium. Here, Dalby claims that garum, the ancient Greek and Roman fish sauce made of fermented fish intestines, disappeared from west Mediterranean tables in the 10th century but in Constantinople remained in use until at least the 16th century. Now, as a child, I heard old Euboeans referring to the feta-cheese brine as “garos“. They used it is as garum alright, i.e. they seasoned every possible dish with it, but the fact is that the way from fish intestines to goat-cheese brine is one that you can’t fail to call a semantic shift.

Since recently though, I have had reasons to believe that the part of Dalby’s claim concerning the west Mediterranean is not accurate – at least not quite.

I found a recipe of the aforementioned and photographed bagna cauda in one of Antonio Carluccio’s books. For the sake of the kids I cooked it in a somehow finer version.

Roman kitchen survived longer than we think. This is also the case with trachanas/tarhana/tarhonya – and a topic of another posting about ancient and medieval winter dishes.

Surprise #1 or: A word about the blurred

Scroll for English

Das Jahresende naht und es ist an der Zeit, ein paar Überraschungen zu nennen, die sich während der letzten Umdrehung des Planeten um die Sonne ereigneten.

Die erste ist eine publizistische: Bücher geschrieben von Islamwissenschaftlern gehen normalerweise an mir vorbei. Ich nehme sie, wenn überhaupt, erst Jahre später wahr. Diesmal kam es anders. Die gute Freundin und Künstlerin hat mir Thomas Bauers Vereindeutigung der Welt ausgeliehen. Die Hauptbotschaft des Buches ist, dass ambige Kontexte in der Moderne immer weniger werden und durch eindeutige ersetzt. Problematisch ist hierbei, dass der Autor “ambig” uneindeutig verwendet. So gehören darunter Beispiele wie der Umstand, dass in den amerikanischen Sportarten wie American Football und Basketball Unentschieden kein zulässiges Ergebnis ist – was aber von Bivalenz (es gibt nur Gewinner und Verlierer), nicht von Ambiguitätsintoleranz zeugt.

Richtige Ambiguitätsintoleranz wie die Normierung der römisch-katholischen Messe nach 1965 bzw. dem Zweiten Vaticanum wird vom Autor erwähnt, wobei dieser hier nicht erzählt, dass die griechisch-orthodoxe Liturgie Tag für Tag seit dem 4. Jh. nach einer ganz stringenten Form gefeiert wird, deren letzten musikalischen und rituellen Neuerungen aus dem 14. Jh., deren Sprache aus dem ersten, deren Gesang – wenigstens der Großteil – aus dem sechsten stammen. Insofern ist die Vereindeutigung kein originär modernes Phänomen – jedenfalls ein existentes, weshalb ich die Lektüre genossen habe.

Vor allem sehe ich die analytische Philosophie am Werk, die philosophische Tradition zu vereindeutigen. Insofern als ich Analytiker bin, teile ich die “J’accuse”-Haltung des Autors gegen Vereindeutigung nicht.

Trotzdem: genossen.

Enough with scrolling

Just before the end of the year I would like to mention some surprising things that came across my way during the last turn of the planet around the sun.

The first is Thomas Bauer’s book by a title that can be translated into English as: Disambiguating the World.

Bauer is a professor of Islamic Studies at the University of Münster in Westphalia, Germany, which would normally be a reason for the book to pass unnoticed if it weren’t for this good friend and artist from whom I’ve got the recommendation and borrowed it.

The message of the book is that ambiguous contexts become in modern culture less and less, substituted by unambiguous ones.

Now, it is a problem that the author uses “ambiguous” in an ambiguous way. The fact that in American football and basketball – obviously more modern than European football – a draw is not possible by the rules of the game, is an example of bivalence, not one of intolerance towards ambiguity.

However it would be unjust to accuse the author of altogether missing his own point: he doesn’t fail to address intolerance towards ambiguity properly called thus. The standardisation of the Roman-Catholic mass after the 2nd Vatican Council in 1965 is one example he mentions. The standardisation of rituals is, however, by no means a characteristically modern phenomenon. The Greek Orthodox liturgy has been standardised in more or less the form we find it today since the 4th century. The music comes in its large parts from the 6th, a couple, very few, feasts were added until the 14th century.

But, yes, standardising is a trend in culture, which is a reason to make the book enjoyable. Especially in the realm of philosophy, it is analytic philosophy that has taken up the task of disambiguation. Insofar as I am an analytic philosopher, I don’t share Bauer’s “J’accuse” against disambiguation.

But as I said: enjoyable.

Summer stories III: being unable to make peace


Scroll for English

Das ist die dritte Folge – oder besser Anregung- aus dem vergangenen Sommer.

Müde waren wir, als wir die lockerste Grenze, die Grenze an der es keinen Stau und keine Stempel gibt – jedenfalls auf dieser Strecke – hinter uns gelassen hatten. Auf leichter Böschung rollten wir Richtung Autobahnkreuz Thessaloniki und von dort aus nach Südgriechenland. Heiße Luft durchs Fenster, ein paar Schlaglöcher, weniger als wenige Kilometer nördlicher, alberne Witze im Radio. Lustige Leute, ganz klar.

Egal wie fest man aufs Gaspedal drückte – auch das war klar – wäre die Fähre nicht mehr zu erreichen, also warum nicht eine Übernachtung in Nordgriechenland dazwischen legen? Die Wahl in solchen Fällen in den Vorjahren war zwischen Kalampaka und Ampelakia.

Diesmal wollte ich nach Litochoro.

Am Fuß des Olymp gelegen, ist Litochoro das, was man von einem Bergmarkt erwartet: größer als das pittoreske Ampelakia, weltlicher als die Meteoraklöster oberhalb von Kalampaka; und archäologisch interessanter, dachte ich, der ich zwei Töchter habe, die genau wissen, wer Gandalf im Herrn der Ringe ist, aber Schwierigkeiten bekommen, zwischen Alpha und Lambda auf einer klassischen Stele zu unterscheiden. Ich meine keine Stellen, sondern Stelen: antike, aufrecht stehende, beschriftete Steinplatten oder -blöcke.

Also übernachteten wir dort nach einem Abend mit Unterkunftsuche, mit Feigenbaumgeruch in der Nase über Brücken über Sturzbächen, mit einem zornigen Olymp, der einen Platzregen hereinbrechen ließ, wodurch auch die Dorfstraßen zu solchen Sturzbächen wurden.

Am nächsten Morgen, Frühstück im Hotel – “nein, ich bin Grieche, ohne Zucker, sonst nichts, die Kinder vielleicht” – absurde Diskussionen am Nebentisch – “die Achtzigerjahre waren die besten in der Geschichte dieses Landes” – gingen wir die wirklich besten Jahre in der Geschichte, jedenfalls dieses Landstrichs besuchen: Das Zeitalter zwischen Caesar und Hadrian…

Dion war nach den dort entdeckten Grabstelen eine Stadt mit einer gemischten römisch-griechischen Bevölkerung. Latein und Griechisch wurde in den Straßen Dions gleich oft gesprochen und das soll bereits eine wichtige Erkenntnis sein. Denn erstens zeugt Dion davon, dass die römischen Kolonisten nördlich des Peneios-Tals keine rein römische Siedlung gründeten. Zweitens zeigt es, dass die Nachbarn dieser Römer – ich wiederhole: nördlich des Peneios-Tals – Griechisch sprachen, weil (“obwohl” hätten jetzt die Leute aus dem Land mit den vielen Schlaglöchern gesagt, von dem aus wir am vorigen Tag nach Griechenland eingereist waren) sie Makedonier waren. Ende der wichtigen Erkenntnisse.

Im Museum… Die Kinder versuchen, besonders gelangweilt zu wirken. Sie haben es eilig, über das Peneios-Tal nach Thessalien zu kommen, auf die Fähre, auf die Insel! Süden! Basta!

Sie finden einen Verbündeten: den langjährigen Ausgrabungsleiter von Dion, Dimitrios Pandermalis, der in einem Video im Medienraum des Museums gerade erklärt, was die wichtigen Erkenntnisse aus seinem Dion sind: Die alten Makedonier haben den nördlichen Nachbarn zum Trotz Griechisch gesprochen.

Gut, Pandermalis hatte ich als einen Unipolitiker gekannt, der seiner Ehefrau eine W2-Professur ein Jahr nach ihrer Promotion verschaffte. Dass er an Dions spektakulärstem Fund vorbei: der ältesten (und rekonstruierbaren!) Orgel der Geschichte, ein nationales Disneyland zum Trotz einer modernen Nation machen würde, die trotz ihrer Bulgarophonie das – offenbar! – Unglück hat, “makedonisch” zu heißen, hätte ich von ihm erwarten sollen. Ich bin zu wohlwollend gewesen.

Die Überreste der antiken Orgel warten geduldig im Museum von Dion bei Litochoro auf ein anderes Griechenland: Auf eines, das alberne Animositäten hinter sich lässt und lieber Kinder erzeugt, die experimentierlustig um eine – wahrscheinlich sehr leicht herzustellende – Rekonstruktion des antiken Instruments mit den alten Lauten spielen; auf eines, das endlich museumspädagogisch mit Kindern arbeitet und nicht ideologisch mit Erwachsenen.

In den Hallen des Museums von Dion stellte ich mir die Laute einer rekonstruierten Hydraulis und Kinder vor, die den Umgang mit schrägen Tonleitern aus der Antike üben.

Zukunftsmusik wäre das, die aus der Vergangenheit käme…

Enough with scrolling

This is the third story of a series about last summer.

Tired and full of plans, we crossed the last and easiest border of our route: the border of no seals and no jams after which you’re on your way to the Thessaloniki junction and from there to the south.

But being still in the north – at least of that country – we knew that we had no chance to catch the last ferry. So, why not spend one more night and some of the next day before Olympus?

The situation wasn’t new. For years now we’ve been dividing the last “etappe”, the one that starts when we set off in Belgrade, Kalampaka and Ampelakia being our options for a short stay in between.

This time I opted for Litochoro, the town where those who hike to the peak of Olympus usually stay. It’s bigger than Ampelakia, more secular than Kalampaka. And it’s near the archaeological site of Dion. I mean, nothing against YouTube and Lord of the Rings and other educational backgrounds but when you have mine, finding out that your daughters have difficulties to distinguish between an alpha and a lambda when trying to decipher an ancient Greek inscription, is bitter. Any possibility that Gandalf’s grave has a Greek inscription?

We spent the evening and the night in this mountainous town near the sea. Figue trees, an angry Olympus, stormy weather. All of a sudden, streets became canals and canals became rivers.

Hotel breakfast. Absurdities at the tables around us (- “I was the director of the Telecommunications Company in Trikala in the 80s” – “Wow, the whole country’s prime time for ages”) which is OK if you’re talking about everyday situations but not if you’re talking about the most strange decadence of a nation for possibly most of the Western civilisation…

I eventually got over this and took family to visit the archaeological park that probably epitomises the real prime time of the region not only for centuries but for millennia: the administrations between Caesar and Hadrian…

If judged by its inscriptions, Dion was a city inhabited by people of Greek and Latin language. I do believe that it’s an important piece of information about the ancient world to know that Roman settlers in Northern Greece would rather mingle into their cultural environment. But the museum has more important things to exhibit than the plain fact of this cohabitation. I mean, come on, Romans in Rome sought a Greek education for their children. By which logic would Romans in Northern Greece not do so?

Talking about children: while I was thinking about what I was seeing, Marta and Margareta did their best to appear bored. They saw in this a chance to make their parents get into this car with them and cross the tunnel that unites the Greek region of Macedonia with Thessaly, cross the plains, take the ferry boat… And they found an ally in this.

Dimitrios Pandermalis, an archaeologist and professor at the Aristotelian University of Thessaloniki, talked from the screen of the multi-media room of the museum. He had been directing the excavation of the site for ages and resumes: “The findings document the Greekness of the region”. Well…

What you have and your kids also have then, is an archaeological park that affirms the historically multicultural character of the region, plus a museum whose most important exhibit is the oldest organ of history (a hydraulic one) and there is an expert there who sees the usefulness of this whole bulk in demonstrating towards Slavic Macedonians that Classical Macedonia was graecophone. I mean, what did you expect in the first century BC? Posters with a content like: “Funeral service for uncle Milorad, on Monday the bla-bla, in deep grief etc.”?

I know, my fellow Greeks were irate because of Slavic Macedonian attempts to reinterpret the fact that, reportedly, Alexander the Great’s officers spoke an idiom incomprehensible to soldiers from Southern Greece, viz. to reinterpret it as saying that Macedonians spoke a language that corresponded more to today’s Slavic Macedonian (a Bulgarian with some lexical Serbisms) than to Classical Greek. Every Greek archaeologist who loves his job would try to use this animosity to get on with his job, advance his position at the university etc. Pandermalis loves his job enough to use Greek resentments towards the FYR of Macedonia in order to get his projects funded; loved politics enough to use his social capital in order to be elected an MP, loved his wife enough to lobby her a professorship one year after her PhD…

Talking about love: My kids are sceptical towards museums but love music. A playable reconstruction of the hydraulis would make them spend hours there and learn much about ancient Greek music – well, generally about music. It’s really the next thought that comes to mind when you have a finding of this quality and one you can really reconstruct. For now one can see the reconstruction – i.e. in principle- in the museum on a piece of paper.

To make this thought come true is a project that presupposes another Greek state and society. One whose priorities are ecumenical; one that places making museums invite and excite experimenting children of every nation a priority that is higher than Balkan animosities.

Migration

Scroll for English

Dass ich an Feigen- und Tamariskenbäumen vorbei von zu Hause zum Unterricht laufe, ist etwas, wovon ich seit der Zeit träumte, da mir eine griechische Karriere machbar erschien. Das Dreiland, wohlgemerkt eine immerhin mitteleuropäische Landschaft, schenkt mir etwas, was es nicht musste: Feigenbäume, Tamariskenbäume und Portulak im Garten. Manche werden von Überfremdung reden. Sie werden, von heiligem Zorn erfüllt, indisches Springkraut in den Auen entwurzeln.

Als klassisch gebildeter Zeitgenosse betrachte ich die Sache anders. Die Weinrebe kam mit den Römern hierher. Der Kastanienbaum, der Weizen, die wichtigsten floralen Symbole der Indisches-Springkraut-Ausreiß-Partie: Migranten. Gewiss auch Eindringlinge. Bloß, sind wir, die wir diese Präferenzen haben – und dabei rede ich nicht nur von mir, der ich offenbar ein Migrant bin – eher indigen oder bereits Produkte römischer Zivilisiertheit – und Invasion? Verhalten wir uns gegenüber Fremden nicht wie die Passagiere eines überfüllten Busses, die beim Einsteigen noch verlangten, reinkommen zu dürfen, bereits an der nächsten Haltestelle aber nach außen schreien: “Wir sind voll”? 

Meine Literaturempfehlung zum Thema Migration ist das Buch eines wichtigen Mannes, dessen Stern auch posthum hell leuchtet. Geschrieben wurde es vor 15 Jahren.

http://philpapers.org/rec/DUMOIA

Enough with scrolling

A walk from home to the class with fig trees and tamarisks around me is what I’ve been dreaming of for decades. I do have this opportunity, however my Swiss reality deviated from the dream that took place in Greece. Now, in the dream, Greece was not only a country of purslane in the gardens but also of traceable policies. One thing led to another and fig trees and tamarisks are migrants in the place I live now.

They’re not invasive, of course, and people speak of a threat only if a species is invasive. However, if you consider human preferences, fig trees and tamarisks, and vine and wheat before them, came to the region as an expression of a culture that was supposed to be superior, the Romans – NB an invasive nation. This shows that not everything that is thought to be an invasion continues to be considered one.

Many people here love wine rather than beer, white wheat bread rather than pumpernickel or any other rye bread, fig trees than fir trees in their gardens. Are they rather indigenous or rather, in terms of culture, descendants of the Roman invaders?

When I read about the topic identity and migration I often have this picture of the passenger of an overcrowded bus in mind who, few minutes ago, demanded to come in, but now, at the next bus stop, he is the first to yell to those outside that the bus is full.

The late Sir Michael Dummett is mostly remembered about his work in semantics and the theory of knowledge. Why not also for this?

http://philpapers.org/rec/DUMOIA

Against the continental religious-studies mainstream

SCROLL FOR ENGLISH

Kürzlich las ich Michael Blumes Interview, in dem dieser einen Zusammenhang zwischen Demographie und Religion herstellt: Religiöse Gemeinschaften würden sich reproduzieren, areligiöse Gemeinschaften der Vergangenheit seien stets an Kinderlosigkeit untergegangen.

Blumes Feststellungen erscheinen naheliegend, aber das ist heute nicht mein Thema. Das besagte Interview ist ungewöhnlich in Deutschland insofern, als ein Religionswissenschaftler nicht partikuläre volkskundliche Erkenntnisse verbreitet, sondern einen Strich unter und ein Fazit aus diesen zieht.

Was ich aus der Religionswissenschaft erwarte, ist, der Anthropologie zuzuarbeiten. Die substanziellen zu beantwortenden Fragen sind der Art: Stellt die Religion einen evolutionären Vorteil gegenüber Religionslosigkeit dar? Wie gestaltet sich Rationalität auf dem religiösen Feld aus? Wie unterscheidet sich Religion von anderen Arten des Fürwahrhaltens wie Wissenschaft, Ideologie oder Lebensstil? Wie revidieren wir religiöse Ansichten?

Die Beantwortung von Einzelfragen der Art: Wie fasten die Serben? Was sind die Bestattungsrituale in Kenya? Warum verbrennen sich die Feuerläufer nicht die Füße? sind das Hauptgeschäft der Volkskunde, nicht allerdings der Religionswissenschaft. Sie können freilich nützlich zur Beantwortung der großen Fragen sein, aber betrachtet man sie als DIE religionswissenschaftlichen Fragen, dann bedeutet das eine Absage an die großen Narrative und bringt die gesamte Disziplin in die Nähe der Postmoderne und des Dekonstruktivismus.

Das wäre eher Ideologie als Wissenschaft.

Langadas

I read Michael Blume’s interview (sorry, only in German) the other day. Blume (University of Jena) is a religious-studies scholar who says that there is a connection between religiosity and biological reproduction in human societies. Unlike religious groups, the argument goes, throughout history, groups without a religion didn’t manage to reproduce themselves biologically above the minimum of two children for each couple.

Blume’s claims seem plausible but this is not my point. His interview is uncommon for Germany, a country where religious-studies scholars would rather propagate their observations on the folklore from all over the world. Blume draws a more general conclusion.

What I expect religious studies to do is to assist philosophical anthropology. The substantial questions to ask and answer are of the following kind: Is religion a part of the survival-of-the-fittest pattern? Is rationality one of the main tenets of religion? What is the difference between religious claims and other kinds of claims in an epistemic or doxastic context (science, ideology, life style)? How do we revise religious beliefs?

Providing an answer to questions of the kind: How do Serbs fast? Which are the Kenyan funeral rites? Why don’t firewalkers get burned? are central for folklore studies, not for religious studies. Some answers to questions of this kind can be useful for religious studies, of course, but if religious studies would treat such questions rather than the big questions as central, then any engagement with this discipline would involve a postmodernist and deconstructionist denial of big narratives.

This would be to take religious studies to be an ideology.

On the very idea of militant provincialism

SCROLL FOR ENGLISH

An ein Jubiläum möchte ich erinnern: Donald Davidsons Aufsatz “On the Very Idea of a Conceptual Scheme” war ein großer Meilenstein in der von Davidson und Quine bereits einige Zeit davor ins Rollen gebrachten Diskussion über Wahrheit, Interpretation und Übersetzung.

Davidson argumentiert, dass es keinen Sinn ergibt, zwei verschiedenen Sprechern unterschiedliche Verwendungen von Begriffen zu unterstellen. Denn entweder kommunizieren diese erfolgreich, oder, selbst wenn sie aus der Sicht eines Dritten nicht erfolgreich kommunizieren, kommunizieren diese wenigstens nach ihrem eigenen Dafürhalten erfolgreich, solange sie einander als Diskussionspartner akzeptieren – und zwar selbst im Streit.

Leser dieses Blogs wissen, dass ich ein Semester lang in Davidsons Oberseminar in München staunen musste, wie klug dieser Mensch war. Damals konvertierte ich zum Pragmatisten. Es war keine Offenbarung, denn alles hatte ich schon vorher gelesen und Quine und Davidson hatte ich bereits als Student reden gehört. Aber sagen wir, dass ich mit 27 soweit war, den Sprung von meinem bisher heldenverehrenden Kantianismus zum logischen Pragmatismus zu wagen.

Zwanzig Jahre später und vierzig Jahre nach Davidsons Artikel habe ich eine sommerliche griechische Geschichte, die meine damalige Konversion als etwas Naives vorkommen lässt:

Ein paar deutsche Touristinnen haben sich irgendwo an der Ägäis verlaufen und wollen sich nach dem Weg bei einem Einheimischen erkundigen. Sagen wir, dass der erste, den sie treffen, Savvas heißt. Sie stellen ihm die Frage nach dem Weg ins Nachbardorf auf Deutsch aber Savvas versteht sie nicht, da er kein Deutsch versteht. Sie stellen dieselbe Frage auf Englisch, aber Savvas versteht auch kein Englisch. Sie stellen schließlich die Frage auf Französisch, aber Savvas spricht auch kein Französisch. Syros, ein guter Freund von Savvas, betrachtet die Szene aus der Nähe und nachdem die polyglotte Clique in Ratlosigkeit und geknickter Hoffnung weggezogen ist, sagt er:

– Du Savva, wir sollten vielleicht eine Fremdsprache lernen.

Worauf Savvas antwortet:

– Was hätten wir davon? Haben die etwa mit ihren drei Sprachen mit uns kommunizieren können?

Aus der Geschichte ziehe ich in bezug auf Davidsons legendäres Argument eine Lehre. Ja, Davidson zeigt, dass es ein pragmatisches Argument dafür gibt, dass die Sprecher einer Sprache stets kommunikativ bleiben. Aber es gibt folgendes, ebenfalls pragmatisches Argument dagegen. Was Savvas meint ist: “Weder verstehe ich, was ihr sagt, noch bin ich bereit, mich an eure Verwendung von Begriffen anzupassen. Ich bewege mich keinen Millimeter von meinem Kommunikationssystem und ihr müsst euch voll anpassen”. Noch ist es natürlich möglich, dass die Sprecherinnen, die mit Savvas interagieren, das als Herausforderung annehmen. Aber das ist nur unter bestimmten pragmatischen Voraussetzungen möglich, zu denen eine Vorliebe zum Dominiertwerden gehört.

Nicht jeder erfüllt diese Voraussetzung und es ist sogar moralisch unstatthaft, diese Voraussetzung zu erfüllen.

Die Diskussion um das Begriffsschema vor vier Jahrzehnten ließ die Herrschaftsstrukturen der Kommunikation völlig außer Acht. Dass ihre Resultate über den Austausch von Gedanken unter Menschen maßlos optimistisch sind, ist wohl auch davon abhängig. Die Feststellung: “Wir können doch nur reden, wenn ich mich voll aufgebe” ist ein sehr gewöhnlicher Hintergrund misslungener Kommunikation. Kein Savvas motiviert eine polyglotte Clique dazu, sich anzupassen. Im Gegensatz bringt er sie dazu, sich der Kommunikation zu verschließen und woanders ihr Glück zu suchen.

Wenn die Menschen der Meinung sind, jeder Versuch zu kommunizieren sei schade um die Wörter, dann haben sie im Endeffekt verschiedene, weil die Kommunikation schließlich nicht ermöglichende Begriffsschemata.

Conceptual scheme

The year 2014 marks the 40th anniversary since the publication of Donald Davidson’s article “On the Very Idea of a Conceptual Scheme” -a great milestone in the discussion on truth, interpretation and translation which the author together with Quine had launched earlier.

Davidson’s argument was that it doesn’t make sense to assume that any two speakers of any language have two different conceptual schemes as long as they communicate. Either they communicate efficiently or, even if they don’t on your opinion, they must communicate with some efficiency after all, since they consider each other to be a communication partner – and this even if they are in dissent.

Readers of this blog would remember that, for a couple of months, I visited Davidson’s courses in Munich. I was and remain persuaded that he was a very bright person who converted me to pragmatism. No revelation, actually – I had already read a lot and it wasn’t even the first time that I attended some lecture of Quine or Davidson live. Let’s say that in the age of 27 it was about time for me to see the worshipping of heroes as something alien to philosophy. I found logical pragmatism a quite reasonable alternative to Kantianism.

Twenty years later and forty years after the publication of Davidson’s paper I have a Greek summer tale which makes my back-then conversion seem naive:

A couple of German tourists lose their way somewhere in the Aegean. The first native who comes by happens to be a person, let’s call him Savvas, who understands only his mother tongue. The tourists ask for the way in German to receive, of course, no answer. Their question in English remains also unanswered. Finally, they ask in French – with the same result. Syros, Savvas’s good friend, observes the scene and, after the tourists go on their way of which they don’t know if it gets them where they want to get, he remarks:

– Savva, we should learn a foreign language.

To which Savvas replies:

– What would be the benefit of doing so? Did their three languages enable them to communicate with us?

The lesson to be learned from the story – a lesson pertaining to Davidson’s legendary argument – is the following: Yes, Davidson shows that there is an argument from pragmatics for the conclusion that there are no speakers of any language who would be divided into different conceptual schemes. At the same time, there is, however, an argument from pragmatics against this. Let’s dwell on what Savvas means in plain text: “I don’t understand what you say and I’m not willing to adapt to your usage of concepts. I won’t budge an inch from my stance and you have to fully adapt to my standard”. This leaves the possibility open that the speakers who interact with Savvas take the challenge. However, this is only possible on a series of pragmatic conditions one of which is a preference in being dominated.

Not everyone fulfils this condition. Besides, fulfilling it, is generally held to be morally false.

The conceptual-scheme debate has left issues concerning communication as a power structure unaddressed. I think that this is to blame for the overoptimistic results of the debate. Against these results, realizing that “We can only talk if I totally deny myself” lies on the basis of failed communication. The Savvas’s of this world wouldn’t motivate anyone to adjust. Rather they would make them quit and try to get happy somewhere else.

Finding the attempt to communicate pointless is, after all, having different, because effectively not communication enabling conceptual schemes.