„…hina martyreso tei aletheiai“

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Meine abschließende Bemerkung gegen den revisionistischen Demarkationismus von Gerhard Schurz in der Dubrovnik-Konferenz letzte Woche war folgende:

„Die Bayessche Formel stellt eine Erwartbarkeits-Beziehung zwischen einem Satz p und beliebigen anderen Sätzen q, r, s her. Genauer gesagt zeigt sie, wie plausibel es ist, das Zutreffen des Satzes p zu erwarten, wenn q, r, s zutreffen sollten. Da nun voneinander kausal unabhängige Sätze probabilistisch abhängig sein können, kann man nie wissen, ob eine kausale Beziehung zwischen p und q, r, s vorhanden ist. Aber – was soll’s – sagen wir, dass eine langfristig hohe probabilistische Abhängigkeit ein Indiz auf kausale Abhängigkeit ist. Zu fordern, p einerseits und q, r, s andererseits sollen kausal abhängig sein, damit sie im Rahmen einer Bayesianischen Bestätigung in Verbindung gebracht werden, ist eine petitio principii, denn die kausale Abhängigkeit zwischen p und q, r, s soll erst aufgrund der Anwendung der Bayesschen Formel befunden und nicht vorausgesetzt werden“

Nach der Konferenz habe ich wie üblich vor Ostern etwas mehr Zeit zum Nachdenken. Manchmal denke ich mit Hilfe des Thesaurus Linguae Graecae (TLG) nach – der von der University of California, Irvine zur Verfügung gestellten, unglaublichen Datenbank griechischer Texte. Ein Grund dafür ist die Schönheit der alten Sprache. Ein anderer ist eher biographischer Natur.

Seit meiner Kindheit erlebe ich, wie die griechische Linke ihre Märtyrer aus der Zeit der Diktatur und von vorher noch, aus dem Bürgerkrieg feiert. In Griechenlands geopolitischer Nachbarschaft spielt Märtyrertum eine wichtige Rolle: Im libanesischen Bürgerkrieg, im Konflikt zwischen Israel und den Palästinensern, überhaupt am östlichen Mittelmeer, stiegen die Karten einer politischen Partei auf analoge Weise zur Steigerung der Zahlen ihrer Märtyrer. Die griechische Linke, der Libanon und die PLO lieferten Fälle nichtchristlichen Märtyrertums, in denen zusätzlich der Märtyrer fiel, ohne ein Wort gesagt zu haben. Allerdings habe ich in den 80ern als Student des Griechischen und des Lateinischen am Verb „martyrein“ (wörtlich: „Zeugnis ablegen“) entweder einen juridischen Kontext oder christliche Apologetik zu erkennen gelernt.

Ein Teil der Osterferien dienten damit dem Zweck, dass ich mit Hilfe des TLG herausfinde, ob es vorchristliche nichtjuridische Belege fürs Märtyrertum gibt. Um es vorweg zu sagen, ist das nicht der Fall!

Sokrates mit seinem Schierling wäre ein guter Kandidat dafür. Nun ergibt die Kombination „Sokrat-“ und „martyr-“ in TLG keine Treffer, in denen die Bedeutung von „martyrein“ und der verwandten Wörter nicht juridisch wäre. Selbst im Johannesevangelium 18,37 sagt Jesus zu Pilatus, dass er auf Erden ist, „hina martyresei tei aletheiai“: um für die Wahrheit auszusagen. Hier ist Luthers Übersetzung: „die Wahrheit bezeugen“ irreführend. Der Kontext des griechischen Originals ist juridisch – man braucht doch nur daran zu denken, dass im alten Griechisch der Dativ neben „martyrein“ demjenigen gilt, der den Zeugen – „martys“ – vor Gericht bestellte. Jesu Sprachgebrauch entspricht einem technisch-juristischen Vorbild.

Sogar das Martyrium von Stephanus, Justinus, Perpetua und anderen frühen christlichen Märtyrern hat den juridischen Sinn. Wie Jesus, so haben auch diese für die Wahrheit plädiert – mit sprachlichen Mitteln versteht sich.

Mein Verdacht war stets, dass der stille Märtyrer ein Nebenprodukt des misologischen Fanatismus ist. Der misologische Fanatiker braucht nicht zu argumentieren um ein Zeugnis abzulegen. Er muss nur zu sterben bereit sein. Märtyrer, die kein Zeugnis im juridischen Sinn ablegen, sind misologische Fanatiker. Dann sollte Dubrovnik kommen und ich griff nach einer langen Pause erneut auf den Bayesschen Bestätigungsbegriff zurück.

Ein stilles Martyrium bezeugt nicht nur die Ehrlichkeit des Märtyrers in seinem Dafürhalten, für das er stirbt. Es macht das Dafürhalten wahrscheinlicher! Die Erwartbarkeit eines Ereignisses unter der Bedingung, dass jemand lieber sterben würde, wenn er die Nachricht von diesem Ereignis nicht mehr verbreiten dürfe, ist gleich der Erwartbarkeit mit der dasselbe Ereignis zusammen mit o.g. Bereitschaft zu sterben eintritt, mal die intrinsische Erwartbarkeit des Ereignisses geteilt durch die Erwartbarkeit der Bereitschaft zu sterben. Nun ist offensichtlich die intrinsische Bereitschaft zu sterben, wenn die Verbreitung einer Nachricht verboten werde, extrem unwahrscheinlich – und im Nenner des Bruches. Das steigert die Wahrscheinlichkeit des Ereignisses, wenn man bedenkt, dass jemand lieber sterben würde, bevor er es nicht mehr propagieren dürfe

Seine Vielseitigkeit als Instrument zur Schätzung von Erwartbarkeiten verdankt der Bayessche Bestätigungskalkül dem Umstand, dass er die relative subjektive Wahrscheinlichkeit von beliebigen Sätzen in Verbindung bringen kann. Dass er à la Schurz reformiert werden könnte, um die Verwendung von nur „guten“ Daten zuzulassen, ist, denke ich, unmöglich – das ist eine weitere Behauptung, für die ich in Dubrovnik argumentierte. Das bedeutet, dass der Glaube an alles Mögliche, wofür ein Märtyrer sterben kann, gerechtfertigt ist – und zwar selbst wenn der Märtyrer rhetorisch sehr schlecht war oder nicht dazu kam, etwas zu sagen! Trotzdem glaube ich, dass der Glaube anhand eines stillen Martyriums ein unmenschliches und barbarisches Überbleibsel aus der Antike ist. In einer Welt ohne Martyrium wären die Nachrichten langweiliger – aber die Welt wäre dafür besser.

My conclusion against Gerhard Schurz’s revisionist demarcationism in my talk in Dubrovnik last week was the following:

„Bayes’s Rule shows the plausibility by which a sentence p is true given the truth of other sentences q, r and s. But even causally independent sentences can be shown to be probabilistically dependent. Consequently, you can never be certain whether q, r and s confirm p in terms of some causal connection. Yet, even if high probabilistic dependency over a long period of time would be taken to be an indication of causal dependency, it begs the question to say that p on one and q, r, s on the other hand must be causally connected in order to enter Bayesian confirmation. A causal connection between p and q, r, s would be the result of Bayesian confirmation, not its beginning“

After the conference I have some more time to reflect on some things I said there – like I always have spare time before Easter. Sometimes I think with the help of the Thesaurus Linguae Graecae (TLG) – the incredible databank of Greek texts situated at the University of California, Irvine. One reason for spending my time in this way is the beauty of Classical Greek. Another is my biography.

Since I was a child, the Greek left celebrated its martyrs from the time of the dictatorship and the civil war before that. Also in Greece’s geopolitical neighbourhood martyrdom was strongly emphasized: predominantly in the Lebanese civil war as well as in the conflict between Israel and the Palestinians. All these cases from Greece, Lebanon and Palestine involved a non-Christian context of martyrdom and of a martyrdom which consisted in the martyr’s having fallen without saying a word. But since the 80’s, as a student of ancient Greek and Latin, I learned to recognize in the use of the verb „martyrein“ (literally: „to witness“) either a juridical context or Christian apologetics.

And since I had some time today, I tried some combinations in TLG in order to find out whether martyrdom has any pre-Christian AND non-juridical usage. It hasn’t!

Initially, I thought that Socrates could have been conceived as a martyr in antiquty or in late antiquity. But the results which TLG returns for the combination of „Sokrat-“ and „martyr-“ involve cases in which „martyrein“ and relevant words have the juridical meaning only. And even in John 18,37 Jesus says to Pilate that he is here „hina martyresei tei aletheiai“: to witness on behalf of the truth – which is definitely juridical if you consider that in Ancient Greek, the standard reference of the dative (here: „tei aletheiai“) next to „martyrein“ is to the party for which you give witness in court. A dative of advantage rather than a syntactical object.

Even in the cases of the martyrdom of Stephanus, Justin, Perpetua and other early martyrs of Christianity, I recognize primarily the juridical meaning of „martyrein“. Like Jesus, they died for witnessing on behalf of the truth by linguistic means.

My first suspicion for some time now was that the mute martyr was just a by-product of misologic fanatism. Misologic fanatics don’t need to argue for anything in order to witness. They just need to be willing to die. Martyrs who give no witness in the juridical sense are misologic fanatics. So I thought until just before Dubrovnik, when I started to reflect on Bayes’s rule after a long interval.

Quiet martyrdom is not only evidence to the martyr’s truthfulness concerning the cause for which he suffers. Quiet Martyrdom makes the cause itself more likely. Because according to Bayes’s rule, the likeliness of an event given that I’d prefer to die if I may not report on it equals the likeliness of the event along with my preference to die if I may not report on it multiplied with the intrinsic likeliness of the event, divided by the intrinsic likeliness of my preference to die if I may not report on it. Obviously now, the intrinsic likeliness of my preference to die if I may not report on something is very, very low. And it is in the denominator. Therefore it makes the likeliness of the event I’m ready to die for very high.

Bayesian confirmation theory is a powerful instrument to assess likeliness just because it can operate with any data. I don’t think it can be reformed to allow only processing with „good“ data – which is one more claim I made in Dubrovnik. Although by this argument it is justified to believe whatever martyrs die for even if they don’t argue for it, I strongly believe thatthat belief to a cause because there are martyrs is an inhuman and barbaric reminiscence to late antiquity. The abolishment of quiet martyrdom is a task akin to making a better world. A bit more boring, for sure, but better.

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Die Dialektik der Auferstehungsgeschichten

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Im Johannesevangelium wird die Passionsgeschichte mit der Auferstehung des Lazarus eingeleitet.

Ich kann mit Auferstehungsgeschichten leben. Was soll’s: Auferstehungsgeschichten sind ein bekanntes Muster spätantiker philosophischer Erzählungen: Lukian berichtet vom Glauben einiger seiner Zeitgenossen, dass der Zyniker Peregrinus Proteus sich durch ein göttlich machendes Feuer dem irdischen Leben entzogen hätte. Bei Eunapius findet sich eine Formulierung, die die Interpretation zulässt, Porphyrius wäre von Plotin aus dem Tod erweckt worden.

Was mir allerdings speziell an Lazarus‘ Auferstehungsgeschichte unpassend erscheint, ist, dass Jesus ausgerechnet seinen besten Freund zum Aushängeschild seiner Fähigkeit benutzte, Tote zum neuen Leben zu erwecken, statt irgendeinen ihm Unbekannten aus dem Jenseits zu holen. Es ist, wie wenn meine wichtigste Publikation in einer Zeitschrift erschienen wäre, die von meinem besten Freund herausgegeben würde.

Aber man kann natürlich entgegnen, auch die Tochter des Jairus habe er zum Leben erweckt, die ihm ja unbekannt war.

Trotzdem: Wie konnte nur Jesus – Gottes Sohn! – seinen besten Freund dazu verdonnern, gleich zweimal zu sterben? Das ist doch die schlimmste Strafe, die sich der griechische republikanische Politiker Nikolaos Plastiras denken konnte. Lange, nachdem dieser 1922 die frühere monarchistische politische Führung hatte hinrichten lassen, soll er gefragt worden sein, ob er etwas anders als damals tun würde, wenn er Gottes Macht gehabt hätte. Die Hoffnung einer von einer Läuterung zeugenden Antwort soll der ehemalige General mit der Erklärung zerstreut haben, er wolle die Hingerichteten zum Leben erwecken, damit er sie noch einmal hinrichten lassen könne.

Aber wirklich ad absurdum würden Auferstehungsgeschichten geführt werden, wenn sehr alte Menschen davon betroffen wären. Bei ihrem Alter müssten sie bald wieder sterben. Die Prozedur könnte wiederholt werden…

Die neoorthodoxe Theologie spricht ungern von einer wörtlich zu verstehenden Auferstehung. Aber das soll das Thema eines anderen Eintrags werden.

Hoi hex

In John’s gospel the raising of Lazarus stands immediately before the passion.

I can live with resurrection stories. There are late ancient resurrection stories which belong rather to the history of philosophy than to the history of religion. Lucian witnessed the self-immolation (or rather a failed stunt?) of the Cynic Peregrinus Proteus and reports about the faith of some of his contemporaries that the fire was Peregrinus’s way to deification. Eunapius describes an episode from Porphyry’s life in a way which allows for the interpretation that decades prior to his final death the Neoplatonic died temporarily in Sicily to be raised from the dead by his teacher Plotinus.

However, I’m uncomfortable especially with Lazarus‘ raising. Jesus shows his power by taking advance of his best friend’s death – in fact using his best friend as an instrument. This is as if my best publication had been in a journal edited by my best friend.

Of course there is the counter-argument that Jesus also raised Jairus‘ daughter, a girl with whom he had no acquaintance before.

But this gives me rather one more reason to feel uncomfortable about Lazarus‘ raising. How could Jesus – God’s son! – make his best friend die twice? This is the worst torment which the Greek republican politician Nikolaos Plastiras could imagine! Formerly an army general, Plastiras overthrew monarchy in 1922 and pulled the strings behind the execution of the monarchist political leadership which he thought responsible of a lost war and the expatriation of one-and-a-half million Greeks from Asia Minor. The legend says that many years later Plastiras was asked if he felt sorry about the executions and what he would do if he was given God’s powers. To which he replied that he would gladly raise the executed from the dead only to have the pleasure to sentence them anew to death.

This brings me to the next point: Resurrection stories can be absurd if the resurrected are highly aged. They would have to die soon after resurrection. And the procedure could be repeated…

The new orthodox theology prefers not to speak of a resurrection in the  literal sense. But I’d like to keep this topic for another posting.