A day of cookery and bookery

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Die gibt es kaum mehr, die Leute, welche die Zeitgeschichte als eine Aneinanderreihung von bewaffneten Konflikten mit etwas Beziehungsdrama im Hintergrund auffassten. Die Sam Peckinpahs dieser Welt sind außer Mode geraten und gleichzeitig die Robert Bartletts auch. Will heißen solche Historiker, die menschliches Handeln als im wesentlichen eine blutige Sache darstellen. Auch in diesem Sinn war Apicius gestern im Klassenzimmer unser Klassiker: Die Linsen mit Kastanien und Garum mit viel Minze und Silphium, bereits vorgestern dem antiken Rezept nachgekocht, wurden als Znüni serviert, damit wir uns darüber austauschen können. Wenn es eine europäische Identität gibt, dann ist diese nicht nur an Gewaltexzessen entlang entstanden, sondern gleichzeitig mit einer außerordentlichen Neugier nach Exotischem. Zutaten wie Pfeffer aus Indien, Asafoetida aus Afghanistan (vor dem 1. Jh. n.Chr. echtes Silphium aus Libyen), Datteln aus Ägypten zu einer Zeit, als die Schifffahrt meistens nur bei achterlichem Wind wirklich funktionierte, unterstreichen einen europäischen Wesenszug bis zu unserer heutigen Zeit, in der “Gehen wir zum Blabla” – mit einem Ethnonym an Stelle von “Blabla” – nichts anderes bedeutet als: Gehen wir zu einer Gaststätte. Eben “zum Italiener”, “zum Thai”, “zum Afghanen”.

Zu Hause gab es ein schnelles Mittagessen (mit dem ganzen Apicius im Magen war es, falls es von Interesse sein sollte, nur wenig Sushi) und einen Mittagsschlaf, bevor ich mich auf Professor Nikos Psarros‘ Seminar vorbereitete, 700 Kilometer weit weg. Wie für viele Leute an vielen Unis ist es auch für ihn ein digitales Semester. Die Verbindung war gut, ich versuchte mich nicht ablenken zu lassen durch diesen penetranten Amselgesang vor Nikos’ Fenster in der Leipziger Innenstadt, wo der Referent – auch digital verbunden – ein Paper besprach, das ich vor fünf Jahren für diesen Band zu Philosophie der Zeit schrieb, den ich selber herausgab und Bas van Fraassen prologisierte.

Schöne Unterhaltung, irgendwann war’s aus, die Studierenden verabschiedeten sich und die Verbindung blieb ein paar Minuten noch bestehen, um Nichtakademisches zu besprechen, wo Nikos auf einmal sagte, dass er dieses Semester auch ein Seminar zu Philosophie und Geschmack leitet – nicht etwa im Sinne des interesselosen Wohlgefallens der Kunst, sondern vielmehr im Sinne des Geschmacks des Essens. Das Thema ist äußerst selten und, obwohl wir befreundet sind und die Nationalität und die Berufung und das In-Attika-aufgewachsen-sein gemeinsam haben, hatten wir uns bis dahin niemals darüber unterhalten. Auch darüber, dass ich vor Jahren etwas Vergleichbares in Erfurt angeboten habe, schweige ich meistens. Und fast hätte ich auch heute darüber geschwiegen, dass ich gestern Vormittag in Apicius’ exotischen Zutaten ein identitätsstiftendes Moment für Europa suchte.

Enough with scrolling

Those who understood history to be a succession of violent events and some drama between lovers in the background, a Sam-Peckinpah-like film script, do not exist anymore. The Sam Peckinpahs of this world are out of fashion. The Robert Bartletts too. Yesterday in class, having Apicius‘s lentils-with-chestnuts-and-garum-and-much-mince-and-silphium served as a snack to the students did not only serve to make them see this but also that curiosity about exoticism is a European identity-promoting momentum since antiquity. Ingredients like pepper from India, asafoetida from Afghanistan (in fact real silphium from Libya before the 1st c. AD) and dates from Egypt at a time when sailing was only possible when the wind came from astern, underline this until today in Europe: an era when going to the Blabla place – with an ethnonym instead of blabla – means going out for lunch.

Returning home I was barely able to have lunch after the Apicius stuff (only a bit of sushi, just for the history), took a nap and logged in for professor Nikos Psarros‘s class at the University of Leipzig, where a student presented a paper I wrote some five years ago for the volume on the philosophy of time which I edited myself and Bas van Fraassen wrote an introduction for.

The connection was good and the afternoon passed with me trying not to let a blackbird out of Nikos’s office five hundred miles away distract me from listening to someone further away who struggled to do justice of my words in the paper.

After everyone logged out Nikos was telling me that on Mondays he has a class on eating and philosophy for this (digital) spring term. The topic is very rare at a department of philosophy, additionally we’re friends, plus he’s from Attica and I’m from Attica and all the things common aaaaand I also had a class like this a few years ago in Erfurt without ever having told him! Add to this that, yesterday I had the Apicius dish served for my students in Basel. I suppose that this is already too much for the connection which I see between the history of ideas and food ingredients to remain tacit.

Jesus and Little Red Riding Hood

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Obschon der prominenteste Atheist unserer Zeit, soll Richard Dawkins ohne Bedenken frohe Weihnachten zu wünschen pflegen. Er erkläre, dass die Art, wie Weihnachten gefeiert werde, keine Spuren von christlichen Botschaften trage.

Wenn “christlich” fromme Lieder singen, zur Mette gehen und über die Fleischwerdung des göttlichen Logos nachdenken bedeutet, dann hat Dawkins Recht. Meine Familie und ich feierten in den letzten Jahren Heiligabend mit unseren israelischen Freunden, Weihnachten mit den atheistischen Teilen der Verwandtschaft, nicht zuletzt mit meinen Studenten, darunter etlichen Moslems, mit denen ich immer wieder zum Erfurter Weihnachtsmarkt ging. Wenn man von der Unverträglichkeit der Esssachen an manchen Ständen mit Halal- und Kosher-Vorschriften absieht, ist der Weihnachtsmarkt eine neutrale, jedenfalls keine missionierende Veranstaltung.

In den östlichen Bundesländern ist das sogar mehr der Fall als im Westen der Bundesrepublik. Im Erfurter, im Hallenser, im Leipziger Weihnachtsmarkt stehen “Krippen” mit Szenen aus Grimms-Märchen neben der bekannten Krippe. Diese Nähe macht es wahrscheinlich, dass Kinder den Wahrheitsanspruch der Geburt Christi mit dem Wahrheitsanspruch von Aschenputtel und Dornröschen verwecheln. Es gibt vielleicht Leser, die das bedenklich finden – auch mit Hinweis auf den Atheismus der DDR, der solche Assoziationen nährte.

Ich finde es nicht bedenklich.

Weihnachten ist nicht nur ein Fest über die Zeitwerdung des Zeitlosen. Ich weiß: Das ist die theologische Interpretation seit den Kirchenvätern und ich will sie gar nicht leugnen. Es ist aber auch ein Fest über die Menschwerdung des Göttlichen sowie ein Fest über die tiefere Realität im Fiktiven. Weihnachten regt nicht die Wissenschaft, sondern den Gebrauch von Symbolen, die Dichtung an. Wessen Zugang zu Weihnachten über Hänsel und Gretel ist, der soll diesen Weg gehen. Sind Hänsel und Gretel zudem ein Anziehungspunkt, der es ermöglicht, dass das Fest inklusiver wird, dass wir es mit nichtchristlichen Freunden feiern können? Dann um so besser!

Um so besser für den Theisten meine ich. Nicht für Dawkins.

Weihnachtsmarkt Halle

Although the most prominent atheist of our days, Richard Dawkins is said to have no hesitations to wish Merry Christmas. He allegedly explains that the celebration of Christmas is devoid of any Christian message.

If what we mean by “Christian” are pious chants, waking up in the middle of the night to go to the church, listening to sermons on the incarnation of the divine logos, Dawkins’ claim is true. In the last years we have been celebrating Christmas Eve with our Israeli friends, Christmas with the atheist parts of our family and, definitely, I used to go to the Erfurt Weihnachtsmarkt with my students some of whom are Muslims. If you neglect the incompatibility of some offered snacks with kosher or halal prescriptions, the Weihnachtsmarkt is a rather neutral, at no rate proselytizing public event.

This is in East Germany even more the case than in the West of the republic. What you get to see in the Weihnachtsmarkt of Erfurt, Halle or Leipzig, are scenes from Grimms’ fairy tales next to a nativity scene – whereas in the West you only have the nativity scene, of course. There is a high probability of making kids associate the claims concerning the truth of our records on Jesus Christ with claims concerning Cinderella, the Sleeping Beauty or what have you. This is reminiscent to the GDR and its atheism and some of my readers may have concerns about associations of this kind.

I don’t.

Christmas is not only about the timeless becoming worldly. I know, this is the theological interpretation of Christmas since the church fathers, however Chrismas is also about seeing divine reason in human persons and it is also seeing a deeper reality in fiction. Christmas is not about science. It’s about the use of symbols. It’s poetry. If your access to Christmas is via Hansel and Gretel, be my guest… If Hansel and Gretel are an attraction that makes the event more inclusive for your Nonchristian friends to attend, then so much the better.

So much the better for the theist, I mean. Not for Dawkins.