Philosophische Kinder

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Kinder wollen nicht unbedingt gefördert werden. Sie wollen unbedingt geliebt werden.
Soviel haben sie mit den Erwachsenen gemeinsam.
Ich lese gerade eine Doktorarbeit, in der Platons “ewige Kinder” (Timaios 22b) eine Rolle spielen.

ENOUGH WITH SCROLLING

Children need new challenges half as badly as they need your love.
This is one of the few things they have in common with grownups.
I’m reading a PhD thesis in which Plato’s “ever staying children” (Timaeus 22b) play an important role.

Of arguments concerning and images depicting passion

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Vier Bücher würde ich für die Karwoche empfehlen. Richard Swinburnes The Resurrection of God Incarnate, Christos Yannaras’ Elements of Faith, Philip Sherrards Christianity and Eros und Kallistos Wares The Orthodox Way.

In diesen Empfehlungen gibt es etwas für fast jeden Geschmack: eine empirisch untermauerte Berechnung dessen, wie wahrscheinlich es ist, dass Jesus auferstanden ist (Swinburne); ein liberales Verständnis des Glaubens an die Auferstehung für Leser, die es nicht nötig haben, an eine physische Auferstehung zu glauben (Yannaras); eine ebenso liberale Verknüpfung von christlicher Liebe und Sexualität (Sherrard); schließlich eine allgemeine Einführung in die Orthodoxie vom vielleicht humorvollsten Kirchenmann der heutigen orthodoxen Kirche (Ware).

Meine Empfehlungen haben gemeinsam, dass die Autoren orthodoxe Christen sind; ebenso, dass ihre Werke nicht weihrauchlastig sind. Es überrascht mich selber, dass meine Autoren zu drei Vierteln britische, Oxforder Orthodoxe sind. So bin ich halt…

Andrej Tarkowskis “Opfer” wäre meine Kino-Empfehlung. Das “Opfer” ist ein mit Sherrards und Yannaras’ Denkweise verwandter Film: Die Liebe ist körperlich, Maria braucht nicht Maria zu sein. Sie kann auch die in der Luft schwebende Haushaltshilfe des Nachbarn sein – und das ohne Ironie. Das ist so, weil der Tod und die Auferstehung viel alltäglicher sind, als man denkt.

Filme sind nicht da, um zu argumentieren, sondern um Bilder zu zeigen; gegebenenfalls Bilder schwebender Liebespaare.

Sacrifice10

Andrei Tarkovsky’s “Sacrifice” would be my DVD recommendation for the Holy Week. It has common elements with something which is a liberal trend in orthodox theology since the 1960s: Christian love is corporeal. Mary doesn’t need to be Mary. She can be the neighbour’s hovering household assistant – and this without irony. This is so because death and resurrection are more everyday phenomena than one thinks.

Movies are not there in order to provide arguments. They are there in order to show images. In this case, these are images of levitating lovers.

But I’m the kind of person who produces arguments rather than images. This is why I would like to recommend my readers who would be willing to take this recommendation four books for the Holy Week: Richard Swinburne’s The Resurrection of God Incarnate, Christos Yannaras’s Elements of Faith, Philip Sherrard’s Christianity and Eros and Kallistos Ware’s The Orthodox Way.

My recommendations meet many tastes: there is something for those who love empirically corroborated calculations of the probability by which Jesus really resurrected (Swinburne); something for those who prefer a liberal understanding of the faith in resurrection and don’t need proofs for Jesus’s physically surviving his own death (Yannaras); something for those who see Christian love and sexuality as very closely connected (Sherrard); finally, something for those who would rather read a general introduction to Orthodoxy written by the perhaps most humorous orthodox metropolitan of our days (Ware).

My recommendations have in common that all authors are orthodox Christians. They also have in common that they’re not “frankincensed”. The fact that three out of four authors are British – orthodox Oxonians – must be a bit of surprise for my readers. It is also for myself, I assure you. But that’s me, I suppose…

Leibnizians love logic

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Das ist die Fortsetzung von “Verliebt aber null Gunstbezeugungen“.

Leibniz definierte die Liebe als Freude am Glück des anderen. So verstanden erbringt die Liebe einen Gewinn für die liebende Person – einen Gewinn auf höherer Ebene als die Ebene des Glücks der geliebten Person. Denn der Gewinn ist eben dieses Glück.

Wer Metaphysik oder Logik oder – von mir aus – Ozeanographie betreibt,  um die Disziplin gedeihen zu sehen, und Freude daran hat, liebt diese Disziplin im Sinn der Definition.

Aber bereits der Umstand, dass man beim Aufblühen eines gerechten Steuerwesens selber finanziell besser steht, macht es unmöglich, das Steuerwesen zu lieben – jedenfalls im Sinn der leibnizschen Definition. Man zieht ja einen direkten Gewinn daraus und keinen auf höherer Ebene.

Freude am Glück des anderen ist Liebe. Freude am anderen ist Konkubinat. Oder ein Zeichen des Hungers.

Leibniz

This is the sequel of the previous posting.

Leibniz defined love as being delighted by the happiness of another. Thus understood, love produces a revenue to the loving – but one of a higher order. The happines of the beloved part is at level one. The satisfaction which the loving part receives from this happiness is at level two.

Doing metaphysics, logic, oceanography – or you name it – with enthusiasm in order to see the discipline flourish is to love the discipline when the only delightment you have from this, is to see metaphysics, logic, oceanography etc. flourish.

But making your tax declaration gladly does not pass Leibniz’s test for love because its benefits are direct.

Being delighted from the happiness of another is love. Being delighted from another is concubinate. Or the satisfaction of hunger.

Verliebt aber null Gunstbezeugungen

(Scroll for English)

In die Metaphysik verliebt zu sein, beklagte sich 1766 Immanuel Kant, ohne dass ihn seine Angebetete ihrerseits mit Gunstbezeugungen ermutigte. Wohl nicht das einzige Beispiel. Bertrand Russell wird man mit Recht eine Liebesbeziehung zur Logik nachsagen können.

Ich bin skeptisch gegenüber dieser Metapher: “Ich bin in meine Disziplin verliebt” – obwohl ich durchaus selber davon betroffen bin. Bei mir ist es eine polyamore Beziehung: Sowohl die Metaphysik als auch die Logik haben’s mir angetan.

Skeptisch! Weil es ja nur eine Metapher ist, die nichts anderes bedeutet als einen Sprachmissbrauch zu Zwecken der Übersteigerung. “Ich bin in die Metaphysik und in die Logik verliebt” bedeutet nichts anderes als: “Ich schreibe und lese sehr gern Werke über Metaphysik und Logik”. Es wäre ja lächerlich, wenn meine Frau deswegen eifersüchtig wäre oder wenn ich deshalb ein schlechtes Gewissen gegenüber meiner Familie hätte.

So gibt es z.B. – wie Kant genau wusste – nur selten Gunstbezeugungen seitens einer Disziplin, in die man verliebt ist, und selbst wenn es diese gibt, sind sie nicht von der Art, die das Familienleben stören würden.

Während ich aber an meiner Steuererkärung arbeite, ist die alljährliche Einsicht wieder da: Bestimmt gibt es Leute, die sehr gerne ihre Steuererklärung machen. Ich kann mir allerdings nicht vorstellen, dass sie nach meiner Art sagen könnten: “Ich bin in meine Steuererklärung verliebt”. Nicht in jede Gewinn bringende Tätigkeit kann man verliebt sein.

Wenn ich die Metaphysik und die Logik einerseits, die Steuererklärung andererseits miteinander vergleiche, dann weiß ich genau: In beide ersteren kann man sich verlieben. Letztere kann man wegen der Steuerbegünstigungen höchstens gern zu machen lernen – na ja, vielleicht…

In einem anderen Leben…

Logik und Finanzen

Immanuel Kant wasn’t much younger than I am now when he complained in 1766 that he was in love with metaphysics. His problem was that he didn’t receive any signs of favour from the side of his beloved. He’s not the only example. Who would fail to notice Bertrand Russell’s love affair with logic?

I’m suspicious towards the metaphor: “I’m in love with my discipline”. I mean, I’m in love myself with metaphysics and logic – no problem there, regardless of the fact that it’s a polyamorous situation.

My suspicion is due to my attitude towards metaphors altogether. Metaphors are linguistic usurpations which we use in order to exaggerate. “I’m in love with metaphysics and logic” means nothing but: “I fancy writing and reading metaphysics and logic”. It would be ridiculous if my wife were jealous because of this as much as it would if I felt guilty.

Like Kant, I know that this is not a love in which my beloved disciplines would give me signs of their love in return. And even if they would, these wouldn’t be of the kind that would threaten our family life.

But still, it is love. While I work on my tax declaration I think that there are definitely people who like working on their tax declaration. But I cannot imagine them saying that they’re in love with their tax declaration.

You can fall in love with metaphysics and logic without receiving anything in return but never fall in love with the tax declaration despite tax return.

Scratching the surface

Allerheiligenkirche2

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Auch echte Liebe kann mit Äußerlichkeiten zu tun haben. Meine Kinder und der Dichter wissen das nur zu genau:

Ich liebe die Kirche – ihre sechsfach geflügelten,
Cherubim, ihre silbernen Gefäße, ihre Leuchter,
Ihre Lichter, Ikonen und Kanzeln.
…..

K.P. Kavafis, In der Kirche (1912), übersetzt v. Robert Elsie

Real love can be superficial. Ask my children and the poet.

I love the Church — her angel heads with wings,
her silver vessels, the high taper-stands,
the lights, the pulpit, the grave images.
…..

C.P. Cavafy, In Church (1912) – transl. by J.C. Cavafy

Kleine Kultursoziologie der Frühlingsgefühle

Den Schlussstrich unter diesem Frühling zu ziehen, ist eine unangenehme und schwierige Aufgabe. Denn dieser Frühling hat nicht stattgefunden. Die sonst lange Blumenpracht auf dem Campus wich der Kälte, die Händchen haltenden Studentenpärchen einem vermutlich bestehenden Zusammenhang von Wetter und Hormonhaushalt.

Aber diese Erklärung der erkaltenden Gefühle ist vulgärer Monismus. Ich nenne ihn so in Anlehnung an Marx, der gern gegen den vulgären Materialismus wetterte. Denn selbst monistische Materialisten, z.B. von Pierre Bourdieus Kultursoziologie kommende Neomarxisten, wissen, dass die Art, wie wir Emotionen zum Ausdruck bringen, bildungsbedingt ist.

Den in meinen Augen ausdrucksstärksten kultursoziologischen Kontrast in der Wertung von Schönheit enthält Giuseppe Tomasi die Lampedusas Gattopardo. Im Palazzo Ponteleone-Ball, einer sehr wichtigen Szene des Romans, bewundert der Hauptcharakter, Fürst Salina, die Deckenfresken und die Stukkatur eines Zimmers, die Gestaltung, die Farben, die Ausführung, als der Schwiegervater-in-spe seines Neffen, der ungebildete aber (neu-)reiche Calogero Sedara (Spitzname “Merda”), sich unbemerkt an den Aristokraten heranschleicht und ihm ins Ohr flüstert, so eine teure Kunst ließe sich heute nicht bezahlen. Dass er den Neureichen für diese Bemerkung hasst, sagt Fürst Salina im Roman nicht.

Die Äußerung der Liebe verhält sich auch nicht anders als die verschiedenen, bildungsbedingten Wahrnehmungen der Schönheit. Es ist z.B. prosaisch, es klingt sogar ungebildet, gehemmt und verklemmt, wenn Wolf Biermann schreibt:

Das war mal. Und so war das nun mal:

“Ja ich dich auch…” – so sagte ich da

Ein anderes Mal, auch lange vorher

Sagte ich dir: “Aber ja doch, ja…”

Heut aber, jetzt und hier

Heute gefällt es mir

dir zu sagen

“Ich liebe dich – nein! –

ich hab dich lieb”.

Heut machts mir Spaß, mein Lieb

Heut kommt das große Wort

Mir von den Lippen

– heut kann ich das.

Wenn man bedenkt, dass die Verse den Titel tragen “Der alte Pierre geruht” (aus Biermanns Wir müssen vor Hoffnung verrückt sein), ergreift einen das Mitleid mit der Frau des Pierre.

Anders die Dichternatur. Diese verschließt sich nicht gegenüber dem Schönen und dem Erhabenen, sondern sie bejaht Beides recht unmittelbar und schnell. Denn in Liebessachen droht die Ernüchterung mit großen Schritten zu kommen. Da eine Dichternatur natürlich das weiß, versucht sie rasch alles loszuwerden, was sie in einer beginnenden Affäre loswerden kann, in der Hoffnung, dass das groß genug sein wird, um die Ernüchterung aufzusaugen, wenn diese kommt.

Ich behaupte also gegen den materialistischen Monismus, dass das Wetter nichts dafür kann, wenn die Leute keine Händchen halten. Sebastian Rimestad schoss gerade dieses Foto. Es zeigt, dass das Wetter jetzt endlich warm ist. Trotzdem ist kein Händchen haltendes Pärchen darauf zu erkennen. Was doch für meine Behauptung gegen den materialistischen Monismus spricht. Oder?

Bild

Im Zusammenhang mit dem Bild weist meine Argumentation einen logischen Fehler auf. Wer hat ihn entdeckt?