Point, pointer, poignant

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Es hatte ewig gedauert, bis ich mich an den universitären Mainstream angepasst hatte: Irgendwann im Jahr 2008 oder 2009 habe ich angefangen, PowerPoint zu benutzen. Die Vorteile meines ersten Versuchs mit dem bisher in meinen Augen für unseriöse Executives gemachten Programm waren an dem Tag (es war ein Institutskolloquium), dass ich Formeln zu zeigen hatte, insbesondere das Bayessche Theorem, diese aber am besten mit einem Pointer auf der Leinwand kommentieren würde, nicht erzählend die Blicke meines Publikums durch ein Handout lotsen wollte. Ich vergaß mich schnell. Als ich feststellte, das Bild auf der Leinwand war zu weit unten, stellte ich ein Buch unters Laptop. Ein paar Studis lachten, einer sagte: „Es ist der Beamer, wo’s rauskommt“. Ein Kollege schmunzelte. Endlich hatte ich mich in einem Punkt als unmodern herausgestellt.

Seitdem nutzte ich PowerPoint, weil das von mir erwartet wurde. Für gewöhnlich hatte ich eine Leiste mit der Gliederung meines jeweiligen Vortrags links. Bei jedem Themawechsel wurde das entsprechende Unterkapitel der Gliederung an der Leiste hervorgehoben. Demnach wusste der Zuhörer jederzeit, wo wir sind und wieviel und was noch kommt. Das war cool. Rechts hatte ich oft ein Bildelement oder ein Foto oder ein Diagramm, das ich kommentierte, während keiner im Publikum die Zeit hatte, nachzuvollziehen, wie es zu diesem Diagramm gekommen war. Der Vortrags war steif: Mein Publikum erwartete das nächste Bildelement – vielleicht war das ja nachvollziehbarer – und immer wieder wollte ich spontan einen Abstecher in ein anderes, verwandtes Thema wagen, an das ich beim Vorbereiten des PowerPoint nicht gedacht hatte, befürchtete aber, dass das wegen der rhythmischen Abfolge von langweiligem Zeug auf der Leinwand als dilettantisch aufgefallen wäre.

All das bis zum UNILOG 2018. Ich dachte dort, dass es viel zu viele Vorträge gewesen waren, wo ich eine Tugend daraus gemacht hatte, mich selber in ein schlechtes Licht zu stellen. PowerPoint ist entworfen, um den Bedürfnissen rhetorisch unbegabter Redner zu genügen, die trotzdem etwas, meist Triviales, Banales oder Analytisches a priori sagen müssen, ohne ihr Gesicht völlig zu verlieren. PowerPoint ist für Redner, die als Tischnachbarn eine Sehnsucht in mir, der ich keinen Fernseher besitze, nach Essen vor der Glotze hochkommen lassen. Will ich wirklich ein PowerPoint-Redner sein?

Also nahm ich in Vichy meine Kreiden und symbolisierte nach alter Manier aristotelische Logik an der Tafel. Ich schrieb alles live. Slow food for thought zubereitet vor den Augen der Kunden. Das Gefühl war, dass diese Redepausen, bis ich mit dem Hinschreiben von Prämissen und Konklusion, von auf- und zugehenden Klammern und Quantoren usw. fertig wurde, ewig dauerten. Zeitraubend war das Lehren früher. Gewiss bin ich in der halben Stunde nur die Hälfte meiner Argumente dafür losgeworden, dass Aristoteles in Teilen der Modalsyllogistik abduktiv und nicht deduktiv vorging.

Aber welche Diskussion anschließend! Leute, die alles nachvollziehen konnten – OK, dabei ein weltweit bekannter Experte auf dem Gebiet, aber auch zwei, die es nicht waren – jedenfalls nicht weltweit – auch eine sehr kluge Doktorandin. Sie wollten die Diskussion fortsetzen. Einer hat plötzlich einen meiner Mittelbegriffe abgewischt, etwas anderes reingeschrieben, wir guckten alle, was er macht. Wir diskutierten über die neue Version, jeder hatte ein Stück Kreide bei der Hand. Vertrieben haben uns da die Leute der nächsten Sitzung.

Macht das mal mit PowerPoint…

Enough with scrolling

I used PowerPoint for the first time after I realised I was the last of the Mohicans at Erfurt. It was in 2008. Or in 2009. There were also some advantages in using PowerPoint particularly for this session. I had to explain the Bayesian Theorem and I preferred to do so with a laser pointer at hand instead of guiding my audience’s eyes through the handout.

Just before I started, it turned out that the projection was way too low on the screen and I put a book under the laptop to fix this. Some students laughed. One said: „It comes from the beamer“. One colleague who was to give his paper after me grinned. At last, I had turned out to be old-fashioned in at least one point: the PowerPoint.

Nevertheless, I’ve been using PowerPoint for a decade now because I’ve been expected to. And there were cool features in it, alright… For example this menu on the left-hand side with the subchapters that enables the audience to keep track with your progress in the paper while you’re showing them a diagram or anything on the right-hand side. Of course, since they see the diagram in a ready-made form they have no time to follow the underlying thought.

But the audience are, for the time of a lecture, your hostages. They’ll endure the maltreatment because they can’t do otherwise and know of no John Waynes or Robocops out there… They’ll even hope that they’ll understand why you insert the next diagram. Of course, you know that too and eventually you think you can pep up your presentation with something that appears to be able to revive these empty eyes. But wouldn’t it seem too abrupt when they actually are used to getting one diagram (one they don’t get but that’s not the issue, time’s almost over) every three minutes?

It would…

Quite recently, in UNILOG 2018, I thought that ten years of deliberately putting myself below my own standards have been enough. PowerPoint is designed for untalented speakers who need to say something nevertheless, mostly truisms, platitudes or analytical propositions, without their clumsiness being the star of the evening. PowerPoint is for those pals in a party who make lunch in front of the telly a very good idea. Do I really want to be such a guy?

I don’t.

Chalk is the best instrument to make them look into your thoughts in their genesis. The pauses until I had written down the two premises and the conclusion- the normal procedure for centuries and centuries of teaching and teachers – appeared to last centuries themselves. At the end of my talk I had delivered half the stuff I’d have delivered otherwise, but with which gain!

The discussion on Aristotle’s being an abductivist instead of a deductivist in his modal syllogistic war rewarding.

One of them was a world-wide known expert on the field, OK, but there were two who weren’t – I mean not world-wide – and a very bright PhD student. They continued discussion, at once one of them wiped out one middle term, substituted it for another – what is he doing? A piece of chalk in everyone’s hand, we discussed on new version before we were expelled from the room.

Now, try to do this with PowerPoint…

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A farewell to UNILOG 2018

English (italicised) just after the German paragraph

Gerade weil es wie Fritz Langs Metropolis anmutet: Überall lässt sich Ruhe finden. Einen schönen Sonntag von der Sankt-Blasien-Kirche in Vichy.

Even if and even because it resembles Fritz Lang’s scenery in Metropolis: peace of mind can be found everywhere. My wishes for a nice Sunday from St. Blaise’s church in Vichy, France.

Indeterminacy of translation on a higher level

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Paul sagt: „Alle Profs nach alten C-Tarifverträgen erhalten mehr Geld als GEWISSE Profs, die keine alten Verträge haben“

Zwei Übersetzungen sind hier möglich (das Problem ist natürlich das Wort „gewisse“, aber es gibt nun mal solche Wörter in den natürlichen Sprachen):

und

Welche Übersetzung ist die richtige? Das wissen wir natürlich nicht. Es sei denn, sagte Davidson, wir legen ein pragmatisches Kriterium der Wahrheit und ergo Übersetzung zu Grunde.

Und wenn Paul lügen wollte? Ohne dass sich das aus dem Text ergeben sollte?

Deshalb mein Rat an die Kollegen: Bringt doch jungen Menschen nicht bei, die natürliche Sprache in die Sprache der Logik zu übersetzen. Sondern bringt ihnen bei, dass es sich dabei um zwei inkommensurable Systeme handelt! Und dann bringt ihnen Logik um ihrer selbst willen bei!

Enough with scrolling

Paul says: „All professors who are administrators earn more than CERTAIN professors who are not administrators“.

You can translate this in two different ways (the problem being the word „certain“ – but you can’t just prohibit words of ordinary language without ad hoc deforming it to resemble logical language):

and

Of course, we don’t know which translation is correct. But stop! You can presuppose Davidson’s pragmatic criterion of truth and translation.

OK, assume you did that! And if Paul is supposed to lie without giving a hint for it? (I mean, we normally lie without hints – at least Freudian ones – don’t we?)

I recommend my colleagues: don’t teach these young people how to translate ordinary language into logical language! Teach them that these two are incommensurable systems instead. And then teach them logic in its own right.

Entertaining June

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Keine hochfliegenden Gedanken für heute. Bloß zwei Juni-Musikstücke vor und nach dem Englischtext, die ich seit eh‘ und je liebe, und der Link zu einer Konferenz, in der ich die aristotelische Sau rauslasse.

Enough with scrolling

No big philosophy for today. Just two songs that pertain to June and that I’ve loved for years and years, and a link to a conference in which I’ll have an Aristotelian agenda to defend.

Last debt to a dead friend

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Gerade eben korrigierte ich Hansens Beitrag in UNILOG 2013 in Rio de Janeiro fertig. Die Kongressakten mit dem wenig bescheidenen aber akkuraten Titel: The Aftermath of the Logical Paradise, hg. von Béziau et al., werden bald erwartet.

Hans wollte noch vor der Publikation des logischen Paradieses lieber schnell das himmlische Paradies erleben.

Enough with scrolling

I just finished the proof-reading of Hans’s contribution in UNILOG 2013 in Rio de Janeiro. The Aftermath of the Logical Paradise, ed. by Béziau et al., is expected to be shortly published and to give a picture of the event.

Hans, unfortunately if you ask me, preferred to see the heavenly paradise before the logical one.

Today’s category mistakes

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„Wie unverantwortlich! Es schneit!“

„Im Elsass sind die Farben abgeschafft worden“

„Der Schnee ist megaabsurd“

PS: Ich bin mir nicht so sicher, ob Marie Liebys „Είναι γελοίο“ (griechisch für „Es ist lächerlich“) auf den Schnee angewandt ein Kategorienfehler ist. Jedenfalls verdanke ich ihr obiges Foto.

Enough with scrolling

„Irresponsibly enough, it’s snowing again“

„In Alsace colours are abolished“

„Snow is so absurd“

PS: I don’t know if Marie Lieby’s „Είναι γελοίο“ (Greek for „It’s ridiculous“) is a category mistake if you refer to snow. I just want to say that the credit for the first picture goes to her.

This natural language whose knowledge operator is not closed under known implication is worth zillions

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Deutschsprachige Nichtlogiker, bitte, bis zur gestrichelten Linie nach dem Fachchinesisch

Das logische Allwissen, d.h. der Umstand, dass sich aus □p und □(p→q) in S5 (genau genommen in jeder kanonischen Modallogik, d.h. in K und jeder konservativen Erweiterung desselben) □q für beliebiges q ableiten lässt, ist ein Problem. Denn es gibt unendlch viele qs bzw. logische Wahrheiten. Da nun die Box (□) in S5 als K, d.h. als Wissensoperator zu interpretieren ist, zieht diese Interpretation nach sich, dass unendlich viele Theoreme (alle K-Theoreme sind S4-Theoreme, da S4 eine konservative Erweiterung von K ist) nicht nur wahr, sondern bekannt sind, wenn nur ein Theorem bekannt ist… Das ist natürlich paradox. Wir alle sind in der Lage, mindestens eine logische Wahrheit (ein p) zu wissen; etwa das aussagenlogische Schema (α→β)→β). Trotzdem ist keiner von uns in der Lage, alle beliebigen Theoreme als bekannt anzugeben.

Ich finde, dass die prima facie Verblüffung aus diesem Resultat sofort entkräftet wird, sobald man bedenkt, dass wir, die wir jedes q als wahr erkennen sollen, durch die Zeit beschränkte Möglichkeiten haben, beliebiges q als wahr zu erkennen. Selbst wenn du das eine oder das andere erkannt hast: irgendwann ist deine Zeit um… Mit anderen Worten ist S5 allein deshalb inadäquat zur Beschreibung unserer Möglichkeiten, logische Wahrheiten als wahr zu erkennen, weil nur eine multimodale zeitepistemische Logik dazu fähig wäre – und S5 ist eben nicht multimodal. Die Modaloperatoren in S5 sind entweder epistemisch oder temporal zu interpretieren aber nicht Beides. Da der angenommene multimodale Kontext stärker als K wäre – ich brauche ihn nicht zu beschreiben, um das zu wissen – würde das logische Allwissen in demselben natürlich wieder hervorgehen, was aber harmlos wäre, da die metrischen Indizes der temporalen Operatoren problemlos gegen unendlich tendieren könnten. S5 ist ungeeignet dazu, natursprachliche epistemische Prädikate wiederzugeben. Nieder mit S5!

Problem also auf gordische Art gelöst. Spitzfindigkeiten, um es anders, in einem monomodalen Kontext zu lösen, sehe ich als karikaturistische Neurosen an. Wenn das logische Allwissen paradox ist, dann ist es das nicht in Anbetracht des Formalismus, sondern in Anbetracht der Möglichkeiten unserer Rechenapparate, Gehirne oder Computer. Die Paradoxie monomodal lösen zu wollen, unter Abstraktion von der Zeit, die diese Apparate brauchen, ist analog damit, ein Fußballspiel ohne seine pragmatischen Bedingungen gewinnen zu wollen. Man kann zwar behaupten, in einer Computersimulation, den FC Barcelona zu besiegen, aber viel mit einer gewonnenen Fußballpartie hat das nicht. Fußball macht mit echten Fußballern auf echtem Rasen Sinn und die Paradoxie des logischen Allwissens macht unter der Voraussetzung Sinn, dass kein Rechner, egal ob Person oder Nichtperson, in der Lage ist, in endlicher Zeit alle Theoreme herzustellen, abzuleiten oder was auch immer.

Meine gordische, ja natürliche Lösung ließe vermuten, dass natürliche Sprachen wie Englisch, Deutsch usw.  anders als die Formalneurotikerlösungen das Wissensprädikat niemals als zeitlos betrachten. Weit verfehlt!

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In vielen natürlichen Sprachen wohnt ein Platonismus inne. In meinen Ohren klingt z.B. die Present-Continuous-Form „I am knowing“ als inkorrekt, obwohl sie grammatikalisch in Ordnung ist. Ebenso die Past-Continuous-Form „I was knowing“. Was wäre damit überhaupt gemeint? Das Englische geht offenbar von einem Wissensbegriff ohne Dauer und Ablaufdatum aus.

Die Zeit, als ich das Schwäbisch des schwäbelnden Teils meiner Bekanntschaft lustig fand, ist, gottlob, vorbei. Es war, wie man naiv-alltagspsychologisch sagt, nur eine Phase. Ich fand wieder zu meinem alten Geschmack zurück. Der Wiener und der Münchener Dialekt, das sind die Mundarten meines Herzens – letztere auch meiner Zunge, wenn ich mich etwas freier fühle.

Trotzdem muss ich anerkennen, dass die Mundart um Augsburg eine Perle der epistemischen, ja der multimodalen Logik in sich birgt.

Wenn sich die Leute dort bei Peter erkundigen, was er gerade mit Otto besprach, fragen sie:

– Was ha’ d’r Otto g’wuscht?

Diese multimodale, durch und durch unplatonische Redewendung bezieht sich nicht auf Ottos Wissensschatz, sondern auf die ihm aktuell vorschwebenden und schließlich geäußerten Überzeugungen während der Besprechung. Das ist sonderbar unplatonisch und antiaristotelisch. Denn daraus, dass Otto gerade gewusst hat, dass Sparsamkeit zu Thesaurierung führt und Thesaurierung die soziale Ungleichheit erhöht, folgt im Schwäbischen nicht, dass Otto weiß, dass seine Sparsamkeit ungleichheitsfördernd ist.

Mit großer Verspätung fing ich an, Thomas Picketty zu lesen. Erfrischenderweise bezieht er Wissensfelder in seine Analyse des modernen Kapitalismus mit ein, die nicht ökonomisch sind. Zu ihnen gehört allerdings nicht die Sprachanalyse.

Schade. Die Sprache dürfte mit unserer Einstellung zu Geld viel zu tun haben.

Enough with scrolling for logicians

Nonlogicians, please continue scrolling until the dashed line

Logical omniscience, i.e. the conclusion □q for any q given □p and □(p→q) in S5 – actually and scandalously in every canonical modal logic, i.e. in K and every conservative extension thereof – becomes a bad pain at the latest when you think of a logical truth as your q. Since there are infinitely many logical truths and logical truths necessarily follow from every formula, infinitely many logical truths must follow if you only know one. To speak of myself: I boast to be in the position to know of quite a few theorems but I don’t see others to follow unless I’ve seen them to follow after hard work.

Paradoxes are often only prima facie paradoxes and I find that logical omniscience does not belong to the few exceptions of this optimistic rule. S5 is not an epistemic logic adequate to express epistemic predicates of natural languages. Α multimodal temporal-epistemic logic could accomplish the task. S5 is both: temporal and epistemic but it’s not multimodal. Which means that one of the two: temporally or epistemically interpreted S5 is not the one we need in natural language.

The most plausible candidate for a failure is the latter.

I don’t mean that there are no contexts in natural language in which the modal operators of S5 expresses the natural epistemic intuitions. In fact…

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Platonism is a feature of many contexts in natural languages, in which epistemic operators occur. E.g. what do you think of the present-continuous form „I am knowing“? My intuition is that it’s incorrect. The same holds of the past continuous „I was knowing“.

Exceptions are there. In the Swabian dialect spoken from the western outskirts of Munich until at least Ulm, they ask „What has he known?“ meaning „What was he talking about“.

Note that if what Otto „knew“ in the above sense, is that money saving makes assets grow but assets for the ones make social disparity more probable, and Otto in principle knows this, Otto didn’t necessarily „know“ that money saving makes social disparity bigger.

It’s a bit late to start reading Thomas Picketty’s Capital but not too late. It’s never too late. Picketty’s analysis involves subjects other than economics, which is very French on one hand, of course, and makes me see how deprived I am, spending an Anglo-Saxon and German life on the other.

On the other hand, linguistic analysis is not one of these subjects, which is a pity.