Oinops

Scroll for English

Ich lasse ein herbstliches Bild vom Ort, wo ich aufgewachsen bin – noch zeitnah zu meinem Posting zur Farbe Grelb – als Steilvorlage für ein paar Bemerkungen über die Farbe Blot fungieren.

Wie “khloron“, das die wörtliche Bedeutung “grasmäßig” und aus heutiger Sicht als gelb-oder-grün zu verstehen ist, ist Homers Bezeichnung für die Farbe des Meeres ebenfalls keine, die sich auf ein bestimmtes Kolorit, sondern eine, die sich auf eine Palette von Schattierungen der kolorierten Sache bezieht. Um eine möglichst treue Übersetzung des archaischen Adjektivs “oinops” zu geben, das Homer als Farbenangabe des Meeres verwendet, müssten wir heute nämlich den Neologismus “weinsichtig” schaffen. Homer hatte wohl solche Farbnuancen wie die von mir kürzlich vor der Küste am alten Waisenhaus in Vouliagmeni, Attika, aufgenommenen im Kopf.

Als Farbangabe wäre “oinops” heute wohl im Sinne von “blau-oder-rot” zu verstehen, was aber die Frage aufwirft, wieso sein Adjektiv für “blau” (denn er hat tatsächlich eines, das klassische “kyanoun“) auch Zeus’ schwarze Augenbrauen schmückt.

Es drängt sich folgende Frage auf: Wenn der Wein und das Meer oinopes bzw. blot bzw. blau-oder-rot, wenn ferner Zeus’ Augenbrauen blarz bzw. kyanoi bzw. blau-oder-schwarz sind, sind dann rot und schwarz Nuancierungen ein-und-derselben Farbe und Wein und Zeus’ Augenbrauen im Wesentlichen gleichfarbig? Wer diese Frage bejaht, muss Gladstones These oder deren Missinterpretation beipflichten: Die alten Griechen seien in einem Sinn farbenblind gewesen. Dabei war Gladstones These in Wirklichkeit nicht so stark. Sie wäre – ich gebe zu, mit Carnap im Hintergrund – fo: Die homerischen Farbennamen sind korrelative, keine klassifikatorischen Prädikate.

Wie “khloron“, zeugen die Adjektive “oinops” und “kyanoun” davon, dass die Farbennamen des klassischen und vorklassischen Griechisch sich auf ähnliche Nuancierungen zwischen – ungleichmäßig kolorierten – Dingen beziehen. Damit beziehen sie sich nicht auf Wellenfrequenzen des Sonnenlichts. Der Wein ist blot, Zeus’ Augenbrauen sind blarz. Dass wir sie heute auch rot und schwarz finden, lässt kein Problem mit der Induktionsbasis aufkommen. Mit anderen Worten bin ich blind gegenüber Goodmans Problem. Meine Blindheit kann ich als Begleiterscheinung meines Kantianismus ausgeben. Es gibt keine von Eigenschaften, d.h. von unseren Erfahrungsbegriffen losgelöste Induktionsbasis. Wer archaische Erfahrungsbegriffe hat, klassifiziert die Dinge anders als derjenige, der moderne Begriffe hat.

Enough with scrolling

Pictures from my last days in Attica shot only some weeks after my post on the colour grellow, give me a motivation to write on the colour bled.

Like “khloron“, literally “grasslike” and Goodmanwise yellow-or-green, “oinops“, Homer’s term for the colour of the sea, refers to various colours of a given object rather than to a certain sensual perception. A close translation for the archaic adjective would have been “wineish”. Homer had colours of the sea in mind like the ones I photographed at the coast of the old orphanage in Vouliagmeni. Unluckily, in contemporary English, “wineish” is understood as a specific shade of red rather than as every colour which wine appears to have in different light conditions – which would be a Homeric understanding.

What further baffles me is that the Homeric blue or “kyanoun” was not used to refer to the sea but to Zeus’s eyebrows instead.

Wine and the sea being in an archaic Greek oinopes, i.e. bled, i.e. blue-or-red, and Zeus’s eyebrows being kyanoi, i.e. bluck, i.e. blue-or-black, what prevents red and black from being nuances of one colour? If you answer here: nothing, then you are repeating something known as (a misinterpretation of) Gladstone’s position: the ancient Greeks were colourblind. Gladstone’s position should rather be understood to say that the Homeric terms for colours were correlative, not classificatory. My debt for the reformulation of Gladstone’s position is to Carnap’s terminology but this is of secondary importance.

Like “khloron“, the adjectives “oinops” and “kyanoun” designate a whole spectrum of colours of a given thing depending on the lighting, not sense perceptions. Wine is bled, Zeus’s eyebrows bluck. Today we also find these two things red and black respectively. I continue to be blind towards Goodman’s problem with induction. Induction is made on the basis of categories. If you have archaic categories, then wine is bled and Zeus’s eyebrows bluck. If you have modern categories, then the aforementioned things are red and black.

Basil in today’s Basel

Scroll for English

In Heylers Ausgabe der Episteln und Fragmente Kaiser Julians (Mainz 1828) findet sich auf Seite 522 die auf Kurznachrichten reduzierte Kommunikation zwischen dem heidnischen Kaiser einerseits und Basilius von Cäsarea andererseits, Bischof und der Tradition nach Freund aus Kindertagen des abtrünnigen und mit folgenden Worten provozierenden Staatsmanns:

[Die Christenschrift] habe ich gelesen, verstanden und verworfen.

Darauf der Bischof:

Gelesen aber nicht verstanden. Hättest du verstanden, hättest du nicht verworfen.

Damit machte Basilius die Interpretation der Bibel vom Fürwahrhalten abhängig. Egal, wie man dieses Buch interpretiere, so Basilius, müsse es als wahr interpretiert werden, sonst sei es missinterpretiert. Für einen im Großen und Ganzen guten Autor war dieses Zitat keine Glanzleistung von Basilius. Denn die Bibel besteht nicht aus Tautologien. Damit ist deren (von mir aus unwohlwollende) ungläubige Interpretation nicht zwingend eine Missinterpretation.

Ähnlich und wie eine Replik des spätantiken Heiligen argumentieren diese jungen Leute, welche unser Fürwahrhalten zum Kriterium unserer Interpretation des Klimawandelnarrativs erheben. Nicht nur klingen sie wie fromme Apologeten des vierten Jahrhunderts, sondern ich war auch noch vor nicht langer Zeit ihr Lehrer in Sachen Argumentation…

Enough with scrolling

Two years ago, some of the students who quite recently hung this banner, were visiting my argumentation classes. And definitely the following things did not happen there:

They were not introduced into Heyler’s old edition of emperor Julian’s epistles and fragments (Mainz 1828) and, of course, never knew a kind of texting cited on p. 522 there, between the pagan apostate and – rumours say – his childhood friend, Basil, the bishop of Caesarea. The renegade emperor wrote:

I read, I comprehended and I condemned [the Bible].

To which the bishop replied:

You read it but did not comprehend it. If you had comprehended, you would not have condemned.

If I had brought this historical example, I would have had the opportunity to explain my students that Basil sees the correct interpretation of the Bible depend on whether one takes it to be true or not. But the Bible is not a collection of tautologies. There are interpretations according to which the contingent sentences in the Bible are false and these interpretations – call them malevolent if you want – do not have to be misinterpretations for this reason. Normally, Basil (church history nicknamed him “the Great”) was an author much better than this.

The fact that my previous students sound in my ears like him when they address the issue of climate change (“The ones who have understood but do not flip out, have not understood at all”) is, as I said, is not an acquaintance they would have with the aforementioned fourth-century texting. They know nothing about the saint whose rhetoric was similar to theirs. I did not introduce him to them. As I said, the subject they had with me was argumentation, not church history.

But I have to declare: I would have told them one more lesson to be learned from logic if I had guessed somehow that they would turn out to be apologists.

Khloron

Scroll for English

Wenn ich aufkläre, dass das alte Griechisch zwischen Gelb und Grün nicht unterschieden hat, sind die Reaktionen gemischt. Die einen fragen, wieso die Sprache diese in der mediterranen Farbpalette so sinnvolle Unterscheidung nicht traf, andere vermuten wiederum einen Zwischenfarbton als Hauptkategorie. Niemand vermutet aber eine Bestätigung des Induktionismus. Um das zu vermuten, muss man Altgriechisch erst mal können.

“Khloron” ist das altgriechische Wort, das grün oder gelb bedeutet. Die Farbe, welche die alten Griechen damit bezeichneten, ist, wenn überhaupt etwas im modernen Sinn, dann – frei nach Nelson Goodman – grelb. Wie Goodmans Farbennamen lässt die griechische Verwendung von “khloron” auch Immergrünes grelb sein. Mit anderen Worten muss etwas nicht als gelb beobachtet werden, um als “khloron” gelten zu können. Aus meiner Sicht eines Sprechers, der sowohl des Deutschen als auch des Altgriechischen mächtig ist, heißt das, dass ich Smaragde grün finde und gleichzeitig khlora. Ich finde beide Bezeichnungen in Ordnung.

Goodmans Rätsel rührt aber gerade davon her, dass die Zuweisung von Prädikaten wie khloron und grelb zu den Smaragden laut Induktion genauso berechtigt erscheint wie die Zuweisung des Prädikats grün, während das Humbug sei. Mein Rätsel vor dem Hintergrund des altgriechischen Gebrauchs von “khloron” ist, warum das ein Rätsel ist. Mit khloron war die Farbeigenschaft “grün bis Ende September oder bis Juni und dann gelb” im alten Griechisch lexikalisiert als die natürliche Folge der Kategorisierung in einer Sprache, die Farben nicht nach der Farbe benannte, sondern nach der Sache, die diese Farbe gelegentlich hatte. “Khloe” bedeutet im Griechischen “Gras”. Von hier bis zur Bedeutungsverschiebung des “khloron” als “grün oder gelb” war ein Katzensprung – und zwar einer, durch den das sogenannte “Neue Induktionsrätsel” sich als gegenstandslos entpuppt.

Es gibt sie, die Sprecher – Sprecher anderer Sprachen allerdings – die keine Probleme damit haben, die Grelbheit, die khlorotes herbstlicher Landschaften zu bewundern und damit keine Folgen für induktive Schlüsse sehen. Sprachwissen lässt im allgemeinen Sturheit und Selbstsicherheit überwinden, was auch für die analytische Philosophie gilt.

Auch im Herbst. Oder im Frühherbst. Oder am Anfang des Frühherbsts. Oder kurz nach Anfang des Frühherbstes. Man kann alle möglichen Zeitpunkte durchnehmen. Ein Problem für die Induktion kommt deshalb allein nicht auf.

Enough with scrolling

When I explain that the Ancient Greek had no predicates to express the difference between green and yellow, the reactions vary from bewilderment (“Such an important distinction for a people in a Mediterranean environment and still…”) to deconstructivist allures (“They probably considered the very rare intermediate shades to be the main category”). Nobody assumes a counter-example to Nelson Goodman’s “new riddle of induction”. Which is not a surprise if you consider how Greekless analytic philosophers nowadays are. In order for one to consider the mysteries of ordinary language, one has to master many of them. And to see even in Ancient Greek an ordinary language.

Since the etymology of khloron is the Greek word for “grass” (“Chloe” is still a fashionable girls’ name in UK and US) one needs to think of the named object to know: khloron means – to be precise green-until-October-or-June-and-then-yellow. It is only a stone’s throw from here to the meaning green-or-yellow, which is the reason why khlora things are green or yellow.

Nelson Goodman would translate “khloron” with “grellow”.

Goodman – I know this is prehistoric but did you really get over it? – sees a riddle there. No one would see something grellow in green grass in September. But the best inductive explanation of the grass’s being grellow would be given. Why is that? Aha, there is something wrong with induction!

Says Goodman! Which is bullshit because any person who is fit in Ancient Greek and English would tell you that it is perfectly alright to see grass as khloron (eo ipso grellow) and as green at the same time.

When analytic philosophers draw conclusions about ordinary language in general, they often forget that they do not master more than one ordinary language. Let alone the fact that only a diminishing minority sees in Ancient Greek an ordinary language. Eo ipso they lack elementary knowledge.

Let alone in autumn. Also in early autumn. Or shortly after early autumn. Take whichever time you want. A problem with induction will not arise. Not because of that.

Twelve pentagons

Scroll for English

Es gibt solche, die Pentagondodekaeder in der Natur faszinierend finden, weil Platon in Timaios 55c dem Universum ihre Form zuschreibt.

Es gibt wiederum welche, die eine Annäherung geometrischer Regelmäßigkeit in der Natur unabhängig davon faszinierend finden, vor allem weil Formalistenpedanterie: “Ach was, der Definition entsprechen sie genauso wenig wie alles andere” bei ihnen nicht so leicht über die Lippen kommt. S.C. Kleene hatte in seiner Einführung in die Metamathematik Recht, die Platoniker, die Intuitionisten und die Formalisten als drei verschiedene Mathematikergeschlechter zu erachten. Im Gegensatz zum Platonismus ist der Formalismus nicht von dieser Welt.

Enough with scrolling

There are people who like the pentagonal dodecahedra because of Plato’s reference to them as the shape of the universe in Timaeus 55c.

Found in nature, they are fascinating anyway because every formalist would find it didactically difficult to say that they hardly match the definition. In his Introduction to Metamathematics, Stephen Cole Kleene distinguished between formalists, intuitionists and Platonists as three different mathematical nations. Garnets show that he was right. Formalists are alien to this world. Platonics are not.

From another land II: Seamantics

Scroll for English

Das ist das zweite Posting, in dem ich auf meine sommerlichen Reflexionen in Bremen, Bremerhaven und Hamburg Bezug nehme. Heute: Das Wattenmeer.

Das Wattenmeer ist ein Fall für die Dreiwertigkeit: Es ist weder Meer noch nicht Meer.

Das Mittelmeer ist ein Fall für die Zweiwertigkeit: Es ist immer klar, ganz klar, wo das Meer, wo das Erdreich, wo das Binnengewässer ist.

Den semantischen Rahmen bestimmt der Gegenstandsbezug.

Die Clips und die Fotos sind unordentlich, so dass der Leser nicht vorher weiß, wo der Norden, wo der Süden ist.


Enough with scrolling

This is the second post in which I am giving you some of my musings during summer holidays in Bremen, Bremerhaven and Hamburg. Today’s topic: The Wadden Sea.

The mudflats of the Wadden Sea are a case for trivalence: they are neither a sea nor not a sea.

The Mediterranean is a case for bivalence: it is always clear where the sea, where the land, where the inland waters are.

It’s the reference of the terms that determines the semantic setting.

I mixed the recordings and photos for the reader to decide what is what.

Metabolism and mereology

Scroll for English

Das Aufgehen eines Ganzen in ein anderes – Teile wie Federn oder Nägel können dabei übrigbleiben – heißt Metabolismus. Solange der Metabolismus nicht auf die Mengenlehre reduzierbar ist, bleibt die Mereologie unabhängig von der Mengenlehre.

Enough with scrolling

A whole’s being annihilated into another is called metabolism. Parts of the annihilated whole can be preserved, e.g. nails or feathers.

As long as metabolism is not reduced to set theory, the notions of the whole and the part will not be reducible to the notion of element.