Miss Behaviour

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Wörter wie “Fräulein”, “miss”, “despoinis” waren nie Bestandteil meines Idiolekts. Sie setzen voraus, unverheiratete junge Frauen wären aufgrund ihres Ungebundenseins anders wahrzunehmen als unverheiratete junge Männer. Der moralische Anspruch an eine Miss ist altmodisch. Ich gebrauche das Wort auch gegenüber meinen Töchtern, die 13 und 15 sind, nur selten; meistens als unseriöse Zierde, wenn das Lob nicht zu ernst werden darf.

“Misbehaviour” hat auch altmodische Allüren. “Misbehaviour” setzt voraus, das richtige Verhalten gebe es wirklich. Richard Thaler, dem Nobelpreisträger für Wirtschaft des Jahres 2017, ist zu verdanken, dass die Ökonomie und die Sozialpsychologie näher kamen, da er Fehlverhalten im Ökonomischen entdeckte. Er nannte das “misbehaving” in den 80ern, als rationales Verhalten noch generell als a priori deduktiv-monoton und konsistent aufgefasst wurde.

Ein solches Verständnis der Rationalität gilt heute als altmodisch. Heute gibt es Wissenschaftstheoretiker, die nichtmonotone Entscheidungsprozesse und inkonsistentes Verhalten nicht etwa für fehlgeschlagen im Sinne Thalers, sondern für rational unter gegebenen Bedingungen halten. Wenn sehr viele Menschen zum nächsten Supermarkt fahren, um beim Reis einen Euro zu sparen, niemand aber nochmal ins Auto steigt, um für eine Stereoanlage einen Euro zu sparen, dann ist das nicht etwa ein erwartetes Fehlverhalten des Menschen im Gegensatz zum homo oeconomicus im Sinne Thalers, sondern: das eine rational zum Kauf von Reis, das andere rational zum Kauf von Stereoanlagen. Dass Partner einander zum Geburtstag Sachen kaufen, die jeder für sich selber als nutzlosen Luxus abgetan hätte, ist plötzlich nicht inkonsistent, sondern in Ordnung für die gegebene Situation. Aus der einen, apriorischen Rationalität werden mehrere situative: eine Rationalität des Stereoanlagenkaufs, eine der jungen rote-Schuhe-Käuferin, eine des Löwenzahnverkäufers im Gegensatz etwa zum Kaninchenverkäufer. Die Grundlagenforschung im Sinne der nichtmonotonen Überzeugungsrevision und der Parakonsistenz ist eine, die auf den normativen (eigentlich nomologischen) Aspekt der Logik verzichtet und einer Fusion von Logik und empirischer Marktforschung zustrebt. Rational wäre demnach das, was die meisten in der gegebenen Situation tun. Wenn die meisten nichtmonotone Entscheidungsprozesse für rational halten, muss das OK sein: “Spinat ist da drin? Dann nehme ich was anderes. Hier? Feta? Ufff! Gibt’s nix Essbares? Und was ist in dem da drin? Feta und Spinat? Von dem zwei Stück, bitte”.

Lassen sich aber damit allgemeingültige Empfehlungen für Anleger, Marktstrategen, Ethiker formulieren? Wohl kaum. Wenn die moderne (eigentlich postmoderne) Belief-Revision-Theorie die Entscheidungstheorie zu beeinflussen anfängt, dann wird keiner der Marktstrategen oder Ethiker irgendeinem Anleger etwas Aussagekräftiges sagen können, nachdem sie nämlich an der Uni gelernt haben werden, dass die Wissenschaft nicht in der Lage ist, menschliches Verhalten vorauszusagen oder zu lenken (egal, was von beiden der Fall ist). Damit werden wir damit auf ein Niveau vor Adam Smith und David Ricardo zurückfallen…

Jedenfalls bekam ich am Freitag bunte Kleidung, vielversprechende Getränke und Leckerli zum Geburtstag. Unsere Töchter haben mir zwar zwei Artikel, die um ihres Selbst Willen geliebt werden sollen, solche allerdings, die entweder nichts oder sehr wenig kosteten. Moderne (eben postmoderne, parakonsistente, pluralistische) Wissenschaftstheoretiker würden sagen, dass unser Verhalten als Familie, auch das unserer Freunde größtenteils deduktiv-monoton und konsistent ist, aber dass das auch keine Rückschlüsse auf das Verhalten (sogar “auf die Rationalität”) anderer bieten sollte. Ich sage es anders: Wir müssen sparen und zwar nicht aus einer inneren Einstellung, sondern aus der Notwendigkeit heraus. Die Peano-Arithmetik, Ockhams Rasiermesser, die Mengenlehre, die Bivalenz sind Grundsätze des Sparens. Traditionelle Logiker und rationale Geschenkemacher haben das, was Miss Piggy ein “gift-giving gift” nennt.

Enough with scrolling

My idiolect doesn’t include words like “Fräulein”, “miss”, “despoinis”. These words presuppose an old-fashioned view on young females as juxtaposed to bachelors. I don’t use them towards my daughters who are 13 and 15 either, with the exception of moments I praise them wishing not to sound too serious.

“Misbehaviour” has also old-fashioned associations. Richard Thaler (Nobel Prize for economics in 2017) coined once as misbehaving (meaning: acting irrationally) your being likely to go to the next supermarket if rice there is 50 cents cheaper but not bothering to do so if they sell TV sets that are 50 cents cheaper; your not buying an item because it is useless luxury, one, however, which you buy for another member of your own family. Back in the 80s, when Thaler had the idea to bring economics and social psychology closer, rationality was generally understood as a priori deductive-monotonic and consistent. Therefore he thought that what enters economy with these cases is misbehaving or irrationality.

Today, quite a few philosophers of science consider nonmonotonic belief revision to be OK. “What’s in this? Spinach? No way, I hate spinach! In that? Feta-cheese? Disgusting! What’s in this one? Spinach and feta you say? Just give me two”. If many people think according to this scheme, you must learn to consider it rational, they’ll tell you. Modern (rather postmodern) belief revision theory assumes the existence of different “rationalities”. This is still no problem. But if pluralistic logic starts affecting other disciplines like economics and the latter starts tagging as “rational” whatever many people do, also what “misbehaving” Humans as opposed to professor Thaler’s Econs do, the traditionally normative (actually nomological) aspect of decision making will give way to a fusion of logic and social statistics in immensely many special situations. Should logical pluralism and paraconsistency enter the scene of decision making, what recommendations can ivestors expect from fund managers or ethicists alike? The answer is: none. If science is in the position to predict or to guide our behaviour, then we are after 300 years on a level Adam Smith und David Ricardo had left behind…

The biggest part of the presents last Friday, my birthday, consisted of things to wear, to eat and to drink. Only our daughters gave me things to be liked for their own sake – but again things that cost no or almost no money. Modern philosophers of science would say that the behaviour of my family and friends is grossly deductive-monotonic and consistent but this cannot be taken as an indication of other people’s behaviour (to “other people’s rationality” they would even say). I have another explanation: We have to save our money and this is not a disposition but a necessity. Peano arithmetic, Ockham’s razor, set theory, bivalence are economic principles. Classical philosophers and economists, also rational present makers have what Miss Piggy calls a “gift-giving gift”.

Oldie und kaputt

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Die Theorie Bertrand Russels, wonach die Eigennamen Abkürzungen von Kennzeichnungen darstellen, wird nicht mehr ernst genommen, jedenfalls nicht rezipiert. Vielleicht ist das der Fall, weil nach Kripke – dem neuen Paradigma zum Verständnis der Eigennamen – niemand Bock hatte, Russell auch noch zu falsifizieren. Da sieht man, dass es in der Wissenschaft nicht um Falsifikation, sondern um Moden geht.

Da ich nun – nennen wir’s meine Psyche – einem normativen Rationalitätsbegriff anhänge, denke ich, dass es Sinn macht, bei Russell nachzuhaken.

Dieser Straßenname etwa:

(for English, you have to scroll on until the next picture)

ist als Kennzeichnung ein Oxymoron (selbst wenn der Weg zwischen zwei Wegen ist, ist das Dazwischen das zwischen demselben und jedem einzelnen beider anderen Wege Liegende, nicht der Weg selber), aber als Eigenname voll in Ordnung. Wenn also Eigennamen als Abkürzungen von Kennzeichnungen zu verstehen sind, ist die Kennzeichnung “Der Weg, der zwischen zwei Wegen verläuft” keine Ausformulierung des Eigennamens “Zwischen den Wegen”.

Dass es zu Eigennamen wie “Zwischen den Wegen” kommt, ist zwar historisch nachzuvollziehen, es ist allerdings absurd, solche als Abkürzungen von Kennzeichnungen hinzustellen, die, da Oxymora, nicht entwickelte Formen der eigenen Abkürzungen sind.

Kennzeichnungen und Eigennamen sind völlig unterschiedliche Individualterme. Der Versuch, sie historisch in Beziehung zu setzen, heißt Etymologie, nicht logische Analyse.

(Wie bereits in früheren Postings gesagt: Heuer ging’s nicht nach Hamburg, nicht nach Belgrad, nicht nach Meran, nicht nach Istiaia. Heuer waren wir den ganzen Sommer auf dem Velo unterwegs).

ENOUGH WITH SCROLLING

Bertrand Russell thought that proper names are abbreviated definite descriptions. This has been tacitly accepted until the advances of modal logic in the 60s when Saul Kripke launched a new paradigm. I shall not dwell on Kripke here. What fascinates me is that no one has ever taken the pains to falsify Russell. If you ask the rhetorical question: “Why falsify anyone if science is not about falsifications but about fashions?”, well, then you have a point.

Me myself however, I am the kind of person who thinks that rationality is a normative ideal. People like me think that if Kripke is to be preferred over Russell concerning proper names, then this must be due to absurdity or falsity on the side of Russell’s account more than it has to do with any advantages of Kripke’s account.

I discovered this street name which you can clearly see in the picture between the other two. In fact, it means “Between the lanes”.

Now is “Between the Lanes” taken as a street (proper) name an abbreviated definite description? Clearly no! If presupposed to be a definite description, a lane between the lanes is an oxymoron. Once it exists, it is a lane defined in a way that disqualifies itself from being between the lanes. If “Between the Lanes” is an abbreviation of a definite description: “A place which is between the lanes”, then the latter is not a developed version of “Between the Lanes”. But it is absurd to take a name as an abbreviation of something which is not its developed version.

No, proper names are not to be analysed as abbreviations of definite descriptions. Analysing the names in virtue of their history, is etymology, not logical analysis.

(Well, as I have stated in this blog, this year it was not like “Let’s go to Hamburg, to Belgrade, to Merano, to Istiaia”. It was rather like “Let’s ride our bikes”).

Categories and formal mistakes

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Das ist ein lustiger Kategorienfehler, habe ich gedacht. Denn man schreibt entweder “circa 20” oder aber “19”, “17,5” – was weiß ich – ohne “circa” dann.

Allerdings kann man auch so argumentieren: “Circa” ist ein Vagheitsoperator, weshalb alle nicht runden Zahlen in seinem Skopus formale, keine Kategorienfehler darstellen. Aber wenn man so argumentiert, sind alle Kategorienfehler von einem höheren Standpunkt betrachtet formale Fehler.

Die Formalitäten sind allerdings konventioneller Natur. Was die eine Syntax verbietet, lässt die andere zu. Schweizer könnten dann argumentieren, mit der Angabe 19 Minuten sei die Verspätung noch nicht mit höchster Genauigkeit angegeben. In der Schweiz dürfte man damit getrost sagen “ca. 19” statt “ca. 20”. Das sagt man ja auch. Zudem würde eine genau zwanzigminütige Verspätung des Zuges die Angabe 19 im Nachhinein gewissermaßen auch als vage erscheinen lassen.

Wenn diese schweizerische Art, “ungefähre” Angaben zu machen, berechtigt ist, dann bezieht sich die Vagheit nicht auf die Granularität unseres Messens, sondern auf eine Art “Wahrheitsnähe”.

Enough with scrolling

I wanted to share this funny category mistake with you: At Basel’s Swiss Station they announced that the train to the German Station (“Bad” stands for Baden, the neighbouring part of Germany, and should not be confused with the English lexis) has a delay of “about 19 minutes”. This is a delay I, for example, would indicate either as “about 20 minutes” or as “exactly 19 minutes” but never as “about 19 minutes”. “About”, “roughly” and the like demand indications in terms of rounded numbers.

However, one can make the case against my category-mistake claim, rather for a formal mistake, by arguing as follows: “about”, “roughly” and the like are vagueness operators not to have nonrounded numbers in their scope by the rules of syntax. Syntax, in its turn, is conventional. The one syntax prohibits things the other allows. And since the announcement about the 19 minutes “roughly” is in Switzerland, the Swiss can plead to follow their rules instead of anyone else’s. They can say that using an odd number does not make an indication exact. Or that if the train happens to arrive in exactly 20 minutes, the reference to 19 minutes “roughly” is not a mistake of any kind. 19 is, after all, close to 20 but not exactly 20.

If they are right, vagueness is not a matter of the granularity of our measurements but one of verisimilitude.

Opposition

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Die Debatte um die These, dass der Widerspruch ein bloß sprachliches Phänomen ist, das aus – in den Dingen an sich nichtvorhandenen – Dichotomien der Sprache entsteht, ist bekannt und ich werde sie heute nicht ansprechen.

Viel provokativer erscheint mir der gestrige Spaziergangseinfall: Jedweder Gegensatz ist nur sprachlich. Nicht zuletzt könnte auf dem Schild stehen: “Friss mich!”.

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Arguably, contradiction is only a linguistic device based on dichotomies in language that are nonexistent in reality. This is a well-known debate and I shall not address it here – not today.

What is more provocative is an aperçu after yesterday’s walk: any opposition is only linguistic. Note that the inscription above (“Do not feed” – meaning: the goats) could state anything else. Among others: “Eat me!”.

Epistemology of logic during a walk

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Es gibt unendlich viele Systeme der Logik. Manche sind redundant und uninteressant.

Notorischerweise gilt das etwa vom System, das aus der Regel besteht, aus p lasse sich p&p folgern, sowie aus einer Prämisse: Sagen wir pv~p. Dieses System lässt zum Überdruss Konkatenationen des principium exclusi tertii generieren. Man hat das Gefühl, es zu gut zu kennen.

Was eine Logik interessant macht, sind die Blicke, die sie hinter die langweilige Sichtblende erlaubt.

Deshalb glaube ich, dass die Universale Logik zum Teil Pragmatik sein soll.

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There are infinitely many systems of logic. Some are redundant and uninteresting like the one that consists of the rule of inference: p entails p&p, and of exactly one premise; say pv~p. This system generates concatenations of the Principle of Excluded Middle ad nauseam.

Others are thrilling… Why is that so? I suppose because with them you can discover something behind the boredom.

A Universal Logic has to be partly pragmatics.

Old books

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Alte Bücher führen oft zu interessanten Einsichten; zu nicht immer von Anfang an beabsichtigten. Ein Foulspiel, das gut im Spielverlauf war, muss nicht vorsätzlich gewesen sein.

Da ist, was ich jüngst entdeckte.

(Lorenzen hätte gejauchzt. Der Band war übrigens sein Zeitgenosse. Studenten auf den Straßen usw… Zeitgeist).

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More often than never, old books make one have interesting insights. Not always intended ones. Some fouls are not deliberate and are in spite of everything good for your game.

(The volume above was released about the time when Hintikka developed game semantics; students on the streets etc. Zeitgeist)

The nonmonotonicity of taste

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Darüber, ob nichtmonotone Überzeugungsrevisionen – d.h. solche, wo die Prinzessin den Kriegerfreier nicht heiraten will, weil er Krieger ist, aber ihn trotzdem heiratet, nachdem sich ihr drei Krieger hintereinander vorgestellt haben – rational sind, scheiden sich die Geister und das seit Jahrzehnten. Bekehrungen sind auch Überzeugungsrevisionen, was die Sache besonders interessant macht.

Ob rational oder nicht, erscheint es allerdings sehr bekannt, dass uncoole Sachen plötzlich (und nichtmonotonerweise) so uncool sind, dass sie wieder cool werden, wenn ihre Träger sie mit Glaubwürdigkeit vertreten.

Nach dem nachfolgenden englischen Text gibt es Beispiele diesbezüglich mit Fotos aus der Zeit um Ostern letzten Jahres herum – auch als mittelbares Zeugnis einer heute undenkbaren Mobilität.

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Whether rational decisions can be nonmonotonic has been a controversial matter for decades. Is it rational for the princess to reject her fiancé for being a warrior but to return to him after all, after three men, all of them also warriors, ask her to marry them?

What is a debatable method to decide, is an everyday phenomenon of taste: things too uncool not to be cool if represented with due credibility.

Ready examples are…

…English teapots and cups:

Ancient Greek inscriptions on gravestones of rock stars:

Oriental markets:

Renaissance centralism:

All these pictures were taken last year about Easter, which shows how mobile we were.

Transsubstantiatio et transpropertatio

https://philori.files.wordpress.com/2014/09/amper-isar.jpg

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Die griechisch-orthodoxe Gemeinde in der Schweiz, deren Münchensteiner Sophienkirche ich sehr unregelmäßig besuche, feiert seit Anfang der Corona-Krise keine Gottesdienste. Es ist eine Kirche, wo die Heilige Kommunion typischerweise in beiderlei Naturen und zwar mit einem Kelch und mit einem Löffel gefeiert wird.

Selbst wenn es nicht offen gesagt wird, ist dieser Umstand, die Aussetzung der Gottesdienste, die ratio cognoscendi der Überzeugung, dass der Löffel und der Kommunionswein Covid-19 übertragen kann und dass diese Gefahr unverhältnismäßig groß ist gemessen am Gewinn.

Gerade habe ich allerdings über die Eucharistie im Sinne einer Kosten-Nutzen-Rechnung gesprochen. Da ist bereits ein Punkt, an dem mir viele orthodoxe Christen etwas anhaben würden. Sie würden wahrscheinlich hinzufügen, dass der Kommunionswein keine Krankheiten übertragen kann, nachdem es in Blut Christi gewandelt wurde. Sie würden diesen Ausdruck vor dem üblichen “Transsubstantiation” bevorzugen. Noch übermorgen, am orthodoxen Ostersonntag, würden sie an der Ostermesse teilnehmen und aus einem Kelch mit einem Löffel das Blut Christi zu sich zu nehmen.

Jüngst gab es in Nordserbien sowie in Georgien Fälle, in denen sich die Herde während der Sonntagsmesse außerhalb der Kirche aufhielt, um der Ansteckungsgefahr durch das neue Coronavirus vorzubeugen, allerdings aus einem Kelch und mit einem Löffel Leib und Blut Christi zu sich nahm, als der jeweilige Pfarrer auf den Kirchhof kam. Wahrscheinlich dachten sie, dass es sich bei der Verwandlung der Kirche ins Paradies um eine Metapher handelt, bei der Wandlung des Brotes und Weines in Leib und Blut Christi aber um etwas Physisches. Die Republik Griechenland – das muss ich an dieser Stelle wohl sagen – erlaubte Gottesdienste nur während der Karwoche und das durch den Gemeindepfarrer und ein Chormitglied allein hinter verschlossenen Türen. Es ist eine archetypische orthodoxe Beschuldigung gegen die Westkirchen, dass letztere eine Hostie ohne Eigengeschmack dem Hausbrot vorziehen, um nicht in Versuchung zu kommen, aus den verbliebenen Broteigenschaften wie die Konsistenz und der Geschmack zu schließen, es wäre immer noch Brot, was man zu sich nimmt. Da die Orthodoxen offenbar sehr erfolgreich die sekundären Eigenschaften des Kommunionsbrotes verdrängen, denken sie, dass das keinem sonst gelingen würde, wenn das Brot etwas – sagen wir – säuerlich wäre.

Im Gegensatz zur orthodoxen Haltung: “Es ist kein Brot, es ist kein Wein, es ist nichts von dieser Welt, also werde ich dadurch auch nicht krank” tendieren philosophisch ausgebildete Katholiken zum Nominalismus. Der Trope “Blutchristihaftes” wird immer in der Messe per Umbenennung um einen singulären Kelch Wein angereichert. Wer sich darüber im Klaren ist, wie konservativ das Phänomen Sprache ist, dem erscheint es kaum weniger wundersam, wenn alle auf einmal sowohl ihre Sprache als auch ihr Benehmen an eine Umbenennung anpassen. Aber die Umbenennung schützt einen nicht vor Infektion.

Vor Jahren pflegte ich folgendes Spiel zu spielen, immer wenn ich mit meinen Töchtern auf Fahrrädern unterwegs die Mündung der Amper in die Isar erreichte. Ich erhob meinen rechten Arm – meine Töchter waren noch im Alter, wo sie das witzig fanden – und verwandelte magisch die Isar in die Amper und die Amper in die Isar. Ab sofort war der jeweilige Fluss der andere. Natürlich blieb der linke Fluss – angenommen wir gucken nach Norden – derjenige, der von Dachau kam, der rechte derjenige, der von München und Freising kam – keine Frage! In der Paläogeographie ist es stets das Wasser, das bestimmt, um welchen Fluss es sich handelt, nicht das Flussbett. So blieb z.B. vor Millionen von Jahren ein Teil der Ur-Donau nördlich der Aare trocken. Es war ursprünglich ein Donau-Flussbett. Dass später die Wutach in dieses Flussbett hineingeflossen ist, so dass sie ihren Lauf dramatisch wechselte, bringt die Geologen nicht in Verlegenheit. Vorher Wutach – nachher Wutach, auch wenn die Richtung jetzt eine andere ist, im Flussbett eines vormals anderen Flusses.

Die Orthodoxen verstellen sich, dass die Metaphysik der Namensgebung auch anders sein könnte: am Beispiel bei der Eucharistie. Es ist ein sehr starker metaphysischer Glaube, was hinter der orthodoxen Position steckt und dem Nominalismus eines Denkers trotzt, der lange Zeit an der Isar lebte: Wilhelm von Ockham. Ein gesundheitsgefährdender Glaube in Zeiten von Epidemien ist er auch noch.

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Presently, the Greek Orthodox community of Switzerland whose church of Holy Wisdom in Basel I irregularly visit, has dispensed all services in the aftermath of Covid-19. It is a church that typically practices the Holy Communion from one single cup, with one spoon.

If you do the math you will infer that in times of an epidemic, the parish believes that the – obviously existing – risk to be infected from the Holy Communion is disproportionate to the spiritual benefit – and fairly so.

Some Orthodox however would not only consider it sacrilegious to speak of the Eucharist in terms of a cost-benefit analysis. They would also say that communion wine is not virulent as a consequence of its being rendered to blood of Christ. They would go to church and partake in the Holy Communion with one spoon without realising the risk.

In recent cases in Northern Serbia and in Georgia, the corresponding parishes avoided entering the church out of fear of infection, however they did partake in the Holy Communion from one cup and with one spoon when the priest sought his people outside, in the churchyard. They presumably thought that the transformation of the church into the kingdom of God during the mass is symbolic while the transformation of wine to Christ’s blood is a natural, physical process. To prevent similar situations, the Hellenic Republic allows services to take place during the Corona crisis only in the Holy Week and this behind closed doors, only with one priest and one choir member. Let me just mention here that there are Orthodox who blame Roman-Catholics of preferring consecrated wafers to everyday bread because the latter allegedly reminds of the properties remaining there as before the consecration. Since the properties remaining there is the very idea which the Orthodox repress – and this very successfully – they think that everyone else has issues with it.

In contrast, learned Roman Catholics often come up with a nominalist understanding of the Holy Communion: communion wine is, they’ll tell you, the blood of Christ in the sense that the trope “blood-of-Christ-like” is enhanced with a new individual – a cup of wine. After the transsubstantiation, they’ll tell you, the properties of the wine are remaining because transsubstantiation is only an act of renaming. Ergo, you can be infected.

Years ago, my daughters and I played a game – if you want to call it a game – whenever we journeyed with our bikes along the riverbanks of the Isar until its confluence with the Amper. Reaching the point – the girls were young enough to find this witty back then – I used to raise my right hand and made the one river be the other. But even after I renamed the rivers, the one to the left when we looked northwards was the one whose waters came from Dachau, the one to the right was the one which came from Freising and Munich. I had not changed this, of course. I am informed that in palaeogeography, when a riverbed is dried off and another river finds its way through it, it is the waters, i.e. the new river, which determines which river this is.

The Orthodox pretend during the Eucharist that this could be otherwise. This is a strong metaphysical belief, of course, and a much stronger one than the nominalism launched in Christian faith by a person who was actually very familiar to the river Isar: William of Ockham. But if you are an Orthodox in times of an epidemic, this issue of the philosophy of language can cost you your health.

 

Erfurt succumbs to Marx: Groucho Marx this time

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Die Kurzfassung des Plots für nichtbundesdeutsche Deutschsprachige ist folgende:

Partei, rechts wovon nur noch die Wand steht, erhält in deutschem Bundesland – in dessen Hauptstadt der Verfasser dieser Zeilen seit vielen Jahren zufällig Privatdozent ist – so viele Stimmen, dass es praktisch äußerst schwierig ist, ohne ihr Zutun eine Regierung zu bilden. Diese Partei favorisiert, wie übrigens die normalen Bürgerlichen, den Kandidaten einer kleinen liberalen Partei, der für die Deregulierung der Märkte einsteht. Dieser wird zum Ministerpräsidenten gewählt.

Am nächsten Tag tritt der Typ inmitten von Buh-Rufen wegen Strohmann und viel NS-lastigem Vokabular zurück.

Aufgrund dessen will die rechte Partei beim nächsten Mal den Kandidaten der Linken wählen, da er offenbar auch inmitten von Buh-Rufen usw. zurücktreten wird.

Auf Marx – Groucho, nicht Karl – ist das parakonsistente Politcredo zurückzuführen: “Einem Verein, der jemanden wie mich aufnimmt, möchte ich nicht beitreten”. Das heißt natürlich, dass er keiner Partei beitreten kann, außer einer, die ihn nicht aufnimmt. Damit wird die Parteizugehörigkeit zu einer contradictio in adjecto.

“Wir beteiligen uns an keiner Regierung, die von Ultrarechten gestützt wird”, kann auch zu einer Groucho-Regel verkommen. Bei der Verteilung der politischen Kräfte in Thüringen kann es schnell passieren – übrigens auch den Linken, nicht nur der FDP – dass die Mehrheit mit dem Kopf durch die Wand bzw. mit Stimmen von sehr nah an derselben erreicht wird. Im Grunde macht es diese Regel zur demokratischen Pflicht, keine Regierung zu bilden.

Groucho stammte väterlicherseits vom Elsass ab. Im heutigen politischen Kontext erscheint das eher überraschend.

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The most recent story with which the German “Land” at whose capital I am adjunct professor, attained negative publicity goes thus:

Far-right party took a part of the popular vote so considerable that, practically, no government can be formed without their tolerance or support. OK, the conservatives could also vote the candidate of the communists, but we’re not talking about surrealistic scenarios here. Anyway, the far-right supported the candidate whose main ideological stance is deregulation of the market – like the other conservatives also did. The guy was elected prime minister. He resigned on the next day booed a lot and loudly as new Hitler.

The paraconsistent political credo was expressed by a thinker called Marx. Groucho Marx: “I refuse to join any club that would have me as a member”. Ergo, the only political party he would join would be one that would not have him as a member. According to this rule, a party membership appears to be a contradictio in adjecto.

The Thuringian rule: “We are not forming a government supported by the far right” can turn out to be a Groucho rule. Just imagine: the 29 communists and the 21 conservatives would never vote each other. And neither the former nor the latter can have a majority with the help of any parties other than the far right.

The Thuringian situation makes it a democratical duty to form no government at all.

This is as Groucho as it gets…

The logic of the impatient

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Amazon wirbt um Kunden für Prime mit den Worten “Nichts für geduldige Menschen”. Was hier auf den ersten Blick wie negative Werbung fürs eigene Produkt klingt, ist auch auf den zweiten eine solche. Denn, dass Amazon Prime nichts für Geduldige ist, heißt nicht, dass es für Ungeduldige wäre.

Das ist jedoch offensichtlich die intendierte Wirkung des Spots. Der Leser muss denken: “Ich bin allerdings ungeduldig, also ist Amazon Prime etwas für mich”. Warum offensichtlich? Weil ich weiß, was die üblichen logischen Fehler der allgemeinen Bevölkerung sind. Der Gedanke muss sein: Wenn ich geduldig bin, dann ist Amazon Prime nichts für mich (per definitionem – das ist ja die Botschaft). Per inversionem dann (aber ohne Äquivalenz, also falsch): Wenn Amazon Prime nichts für mich ist, dann bin ich geduldig. Schließlich per Umkehrschluss: Wenn ich ungeduldig bin, dann ist Amazon Prime etwas für mich.

Es gab eine Zeit, als die Entscheidungstheoretiker meinten, die Überzeugungsrevision sei eine monotone Funktion. Frage ich nach einer Finanzierung, um den Renault Zoe zu kaufen, und Barzahlung ist schlecht, Santander-Kredit noch schlechter, UniCredit-Kredit sogar noch schlechter, dann suche ich weiter oder bleibe beim Lada – so die Weisheit. Dann kamen die zahlreichen nichtmonotonen Beispiele: “Nö, soviel in bar kann ich nicht hinblättern. Was wäre der Zinssatz bei Santander? … Waaaas?! Und bei UniCredit? … Waaaaaaaaas? Also, wissen S’ was? Ich komme morgen mit der Kohle vorbei”.

Dann dachten die Entscheidungstheoretiker, dass es nicht sein könne, dass die meisten irrational seien, also haben sie die nichtmonotone Überzeugungsrevision abgesegnet. Jeder unentschlossene, inkonsequente Zeitgenosse kann sich seither rühmen, eine rationale Denke zu haben.

Zu Ende gedacht könnte der Trend dazu animieren, nach Amazon Primes Spruch auch noch die Inversion der Subjunktion als eine gültige Folgerung anzusehen. Das würde aus dem Spot einen Spott für die klassische Bildung machen, oder jedenfalls im Dienst eines Bildungswesens stehen, das immer mehr vom Normativen ins Deskriptive abdriftet und sich vermehrt als Instrument und Bestätigung majoritärer Geisteshaltung versteht. Frei nach einem anderen, alten Werbespot: Millionen von Elvis-Fans können doch nicht Unrecht haben: Invertiere die Subjunktion!

Er lässt mich nicht los, der Gedanke, dass es dabei in erster Linie ums Bücherlesen geht. Dass meine Amazon-Prime-Mitgliedschaft jüngst abgelaufen ist, dass ich ferner mittlerweile bei abebooks und ZVAB bestelle, hängt immerhin auch damit zusammen, dass ich ein geduldiger Mensch bin. Gut, auch darin, dass ich – Griechischsein hin oder her – keine Jennifer-Anniston- und Tom-Hanks-Filme mehr sehen kann. Lieber zahle ich, um zu sehen, was ich will, als um zu wollen, was ich sehe.

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Amazon Prime launched in Germany a paradoxical commercial in which they discourage you to subscribe to them if you are patient. “Not for patient people!” A commercial should encourage consumption even in a mediate manner, you can say. And this mediate manner is given if the prospective subscriber thinks: “Since, however, I am impatient, Amazon Prime is for me”. As every logician knows, from “If I am patient, Amazon Prime is not for me” does not follow “If I am impatient, Amazon Prime is for me”. Because in order to conclude so you would need to invert the assumption (i.e. “If Amazon Prime is not for me, then I am patient”) which is logically false, then conclude by contraposition. The mistake is as obvious as it is common. The common character of a mistake does not make it more acceptable, even if it allows marketing agencies to profit. Logic is prescriptive, not descriptive.

Recently, this threatens to change. For long time the decision-theoretical mainstream has insisted that belief revision is a monotonic function. They would tell you that when the customer asks for a credit to buy a Renault Zoe because she cannot afford paying cash, and Santander’s conditions are not good and Barclay’s condition’s are no better, then she will abandon the plan to buy the car.

But then, decision theory discovered all these examples from psychology that are so intriguing. You tell her that Santander’s conditions are not good and Barclay’s conditions no better and suddenly she says: “Oh, you know something? I have the money. I’m signing this.” Via-à-vis examples of this kind, mainstream decision theory will tell you that the customer was not honest to herself in the first place. Not today’s cool guys. They thought that a majority can never be irrational (“50.000.000 Elvis fans can’t be wrong”). Examples like the aforementioned lead them to nonmonotonic belief revision.

If you draw an analogy from this to Amazon Prime’s intended understanding of their newest slogan (“Not for you if you are patient”) we can include the inversion of material implication to the rules of inference of reasoning in rational decision. Since schools and curricula tend to neglect normative aspects of our lives and teach young people that describing what they see and affirming majoritarian attitudes is all they need, a decision theory that would sanctify inverted implications would not surprise me.

The fact that Amazon Prime’s fallacious advertisement is about books is a typical case of tragic irony. Concerning my person, my Amazon-Prime subscription ended a few days ago and, primarily in my property as a patient man, I will be ordering at abebooks and the (spectacular! try it out!) ZVAB. There’s one more reason: On Amazon Prime I did enjoy the roles of my fellow-Greek-by-birth Jennifer Anniston and my fellow-Greek by adoption Tom Hanks but I also prefer paying to see what I want to paying to want what I see.