The f-word should be “fallaciously”

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I Fucking Love Science” ist eine großartige facebook-Seite mit amüsanten Aussagen, die allesamt was mit Wissenschaft zu tun haben. Sie sind immer verblüffend und manchmal irreführend – was zu entschuldigen ist, da sie ja amüsant sind. Zweimal irreführend in den letzten paar Stunden ist allerdings etwas zu oft irreführend.

Dass Kühe z.B. in den USA am Tod mehrerer Menschen schuld sind als Haie, dürfte stimmen. Aber daraus lässt sich nicht schließen, dass es wahrscheinlicher ist (“more likely”) von einer Kuh getötet zu werden als von einem Hai. Von jemandem getötet zu werden, ist etwas, was mit einem kausalen Verhältnis zu diesem jemanden zu tun hat. Unter der Bedingung, dass ein Hai überhaupt in der Gegend ist, wo ich schwimme, so dass ich mit ihm kausal interagieren könnte, ist es wohl um ein Vielfaches wahrscheinlicher, dass ich das mit meinem Leben bezahle, als dass ich unter einer Kuh verende unter der Bedingung, dass eine Kuh sich in meiner Nähe aufhält.

Faul scheint mir noch folgende Aussage aus derselben facebook-Seite zu sein:

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Wenn mit “physics” ein akademisches Fach gemeint ist, dann ist diese Aussage falsch. Eine Menge von Sätzen, die auch falsch sein können, können nicht der Grund sein, den der Satz vom zureichenden Grund angibt. Wenn aber mit “physics” ein physikalischer Vorgang gemeint ist, dann drückt diese Aussage einen unbegründeten Glauben aus.

I Fucking Love Science” is an awesome facebook-site with entertaining statements around science – always intriguing and sometimes confused. Confusion should be tolerated if it’s supposed to be entertaining. Two confused statements in the last couple of hours, however, is too much of confusion.

OK, cows kill more people than sharks every year in the USA. But can we infer from this that it is “more likely” to be killed by a cow than by a shark? Being killed by X has to do with a causal relationship to X. On the condition that a shark is near the place where I swim so that I can get involved in such a causal relationship, it is many times more likely that the shark will kill me than that a cow will kill me on the condition that she is near me.

Also the other statement from the same facebook-site appears to be fishy:

Everything happens for a reason and that reason is usually physics

If by “physics” we mean the set of sentences which our contemporary knowledge on nature consists of, then the statement is false. A set of sentences each of which might be false cannot be the reason for which things happen. If by “physics” we mean some natural procedure then the statement expresses an unsolicited belief. How are we supposed to know something like this?

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Falácias adoráveis 2

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Hier ist die Lösung der Aufgabe im vorausgegangenen Eintrag:

Der Junge rennt am Anfang der Filmsequenz, da er meint, dass der andere Junge eilig ein Lied auf der Gitarre spielen soll, um die Sonne aufgehen zu lassen. ABER:

1. Er meint, dass der Umstand, dass die Sonne nach dem Samba de Orfeu aufgeht, bereits dafür spricht, dass der Samba den Sonnenaufgang verursacht – was ein klarer Fall des traditionsreichen Fehlschlusses: post hoc ergo propter hoc ist.

2. Aber es kann schließlich sein, dass die Sonne tatsächlich wegen der Musik aufging. In diesem Fall – im Fall also, dass die Musik tatsächlich den Sonnenaufgang verursachte – war keine Eile geboten. Egal wann die Gitarre bespielt worden wäre, wäre die Sonne erst danach aufgegangen.

Zugegebenermaßen wäre die Szene viel langweiliger ohne beide logischen Irrtümer.

Heute war der letzte Schultag in Bayern. Für diejenigen, die auch nach diesem einschneidenden Datum online bleiben, geht es in meinem nächsten Beitrag um Pädagogik und Schulreform.

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This is the solution of the riddle included in the last posting:

The boy in the beginning of the video runs to tell the other boy to hurry up, because he has to play the guitar to make the sun rise. BUT:

1) He thinks that a sunrise after the Samba de Orfeu is caused by the Samba de Orfeu – a clear instance of the traditional fallacy: post hoc ergo propter hoc.

2) Nevertheless, perhaps things like playing the guitar can really cause the sun to rise after all. In this case, however, there is no need for the boys to be in a hurry. The sun would rise always after the guitar would be played, whether this would happen now or later.

I have to admit that the scene would be much more boring without these fallacies.

Today was the last school day in Bavaria. My next article will be on education and school reform.

Falácias adoráveis

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Zwei gutgelaunte Kinder beim Sonnenaufgang ließen mich heute an die Schlussszene von Orfeu negro denken, einer brasilianisch-französischen Koproduktion aus dem Jahr 1959.

Zwei liebenswürdige logische Irrtümer gibt es in dieser Szene. Marcel Camus, der am Drehbuch zusammengearbeitet und Regie geführt hat, darf nicht mit seinem Zeitgenossen, dem Philosophen Albert Camus verwechselt werden.

Welche sind die Irrtümer?

Two daughters in high spirits during sunrise today made me think of the final scene of Orfeu negro, a Brazilian-French 1959-co-production.

Two adorable logical fallacies are to be found in there. Marcel Camus, the co-author of the scenario and film director, is not to be confused with his contemporary philosopher Albert Camus.

Which are the fallacies?

Abstrakta

Der Regen ist vorbei aber das Wasser ist nicht überall weg.

Überschwemmung

Ein Kind mit kaum drei Jahren, das neben mir stand, meinte dazu: “Über-schwemmmmm-ung”. Ich vermutete, dass es das Wort in den letzten Tagen von seinen Eltern aufschnappte und es nun als gleichbedeutend mit “viel Wasser” benutzt – worunter natürlich auch ein Fluss fallen würde, wenn er nicht über das Ufer getreten ist. Ich vermutete also, dass das Kind den Terminus “Überschwemmung” zwar lernte, sogar in diesem Moment richtig gebrauchte, aber im Endeffekt nicht beherrschte.

Warum ich das vermutete? Einfach, weil es ungewöhnlich klingt, wenn Kleinkinder Abstrakta benutzen. Ich meine dabei keine “mass terms” wie “Brot”, “Wasser” usw., sondern “richtige” Abstrakta wie “Überschwemmung”, “Freiheit” usw. Allerdings werden “richtige” Abstrakta (“Demokratie”; “Unterdrückung”) in einem Haushalt vermutlich nicht so oft benutzt wie andere Termini. Entwicklungspsychologie und kognitive Entwicklung hin oder her wäre es jedenfalls interessant festzustellen, ob Kleinkinder wegen der letzten Tage wissen, was eine Überschwemmung ist.

Zur Frage nach dem logischen Fehler des letzten Eintrags nun: Die Behauptung des materialistischen Monismus “Wenn das Wetter nicht warm ist, halten die Pärchen nicht Händchen” wäre mit einem Foto zu falsifizieren, das Händchen haltende Pärchen in einer Winterlandschaft zeigen würde, nicht jedoch wie in diesem Fall mit einem Foto eines sonnigen Tages ohne Händchen haltende Pärchen. Und für meine Behauptung, dass das Wetter nichts dafür kann, wie wir Frühlingsgefühle zum Ausdruck bringen, bräuchte ich sogar vier Fotos: 1. Sonne mit “Händchenhalten”; 2. Sonne ohne “Händchenhalten”; 3. Wolken mit “Händchenhalten”; 4. Wolken ohne “Händchenhalten”.

Dass selbst solche Fotos eine sehr dünn belegte Bestätigung darstellen würden, wäre natürlich ein methodologischer, kein logischer Fehler.

Kleine Kultursoziologie der Frühlingsgefühle

Den Schlussstrich unter diesem Frühling zu ziehen, ist eine unangenehme und schwierige Aufgabe. Denn dieser Frühling hat nicht stattgefunden. Die sonst lange Blumenpracht auf dem Campus wich der Kälte, die Händchen haltenden Studentenpärchen einem vermutlich bestehenden Zusammenhang von Wetter und Hormonhaushalt.

Aber diese Erklärung der erkaltenden Gefühle ist vulgärer Monismus. Ich nenne ihn so in Anlehnung an Marx, der gern gegen den vulgären Materialismus wetterte. Denn selbst monistische Materialisten, z.B. von Pierre Bourdieus Kultursoziologie kommende Neomarxisten, wissen, dass die Art, wie wir Emotionen zum Ausdruck bringen, bildungsbedingt ist.

Den in meinen Augen ausdrucksstärksten kultursoziologischen Kontrast in der Wertung von Schönheit enthält Giuseppe Tomasi die Lampedusas Gattopardo. Im Palazzo Ponteleone-Ball, einer sehr wichtigen Szene des Romans, bewundert der Hauptcharakter, Fürst Salina, die Deckenfresken und die Stukkatur eines Zimmers, die Gestaltung, die Farben, die Ausführung, als der Schwiegervater-in-spe seines Neffen, der ungebildete aber (neu-)reiche Calogero Sedara (Spitzname “Merda”), sich unbemerkt an den Aristokraten heranschleicht und ihm ins Ohr flüstert, so eine teure Kunst ließe sich heute nicht bezahlen. Dass er den Neureichen für diese Bemerkung hasst, sagt Fürst Salina im Roman nicht.

Die Äußerung der Liebe verhält sich auch nicht anders als die verschiedenen, bildungsbedingten Wahrnehmungen der Schönheit. Es ist z.B. prosaisch, es klingt sogar ungebildet, gehemmt und verklemmt, wenn Wolf Biermann schreibt:

Das war mal. Und so war das nun mal:

“Ja ich dich auch…” – so sagte ich da

Ein anderes Mal, auch lange vorher

Sagte ich dir: “Aber ja doch, ja…”

Heut aber, jetzt und hier

Heute gefällt es mir

dir zu sagen

“Ich liebe dich – nein! –

ich hab dich lieb”.

Heut machts mir Spaß, mein Lieb

Heut kommt das große Wort

Mir von den Lippen

– heut kann ich das.

Wenn man bedenkt, dass die Verse den Titel tragen “Der alte Pierre geruht” (aus Biermanns Wir müssen vor Hoffnung verrückt sein), ergreift einen das Mitleid mit der Frau des Pierre.

Anders die Dichternatur. Diese verschließt sich nicht gegenüber dem Schönen und dem Erhabenen, sondern sie bejaht Beides recht unmittelbar und schnell. Denn in Liebessachen droht die Ernüchterung mit großen Schritten zu kommen. Da eine Dichternatur natürlich das weiß, versucht sie rasch alles loszuwerden, was sie in einer beginnenden Affäre loswerden kann, in der Hoffnung, dass das groß genug sein wird, um die Ernüchterung aufzusaugen, wenn diese kommt.

Ich behaupte also gegen den materialistischen Monismus, dass das Wetter nichts dafür kann, wenn die Leute keine Händchen halten. Sebastian Rimestad schoss gerade dieses Foto. Es zeigt, dass das Wetter jetzt endlich warm ist. Trotzdem ist kein Händchen haltendes Pärchen darauf zu erkennen. Was doch für meine Behauptung gegen den materialistischen Monismus spricht. Oder?

Bild

Im Zusammenhang mit dem Bild weist meine Argumentation einen logischen Fehler auf. Wer hat ihn entdeckt?