Abbild

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Selbst das banalste Abbild der Realität ist bereits Konvention. Manchmal muss die Stelle auf dem Abbild schattiert sein, der kein Schatten im Vorbild entspricht, damit die leuchtende Stelle im Vorbild als nicht schattierte Stelle abgebildet werden kann. Auch das getreueste Abbild beruht somit auf Abstraktion. Pavel Florenskij hat bereits früh im 20. Jh. darauf hingewiesen. Wittgenstein kam erst später auf die Einsicht, dass es die Sprache und ihre Regeln mehr sind, die die Abbildung bestimmen, als das Original.

À propos Florenskij: Alexandr Deinekas Studium an der WChuTeMas-Hochschule fällt zum Teil mit Florenskijs Wirken ebendort zusammen. Kann es sein, dass der große Malermeister der Sowjetunion Schüler eines Pfarrers war?

Meine vorübergehende Antwort ist, dass die byzantinischen Elemente in Deinekas Kunst für diesen Gedanken sprechen.

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The most trivial mapping of reality is based on convention. Take for example shading: often you have to darken spots on the picture whose corresponding spots in the original aren’t dark. This is a conventional way to emphasise shiny vertices next to these conventionally darkened spots. Thus, the most faithful mapping is nothing but convention. Pavel Florensky pointed this out already early in the XXth century – earlier anyway than Wittgenstein’s late philosophy.

– „Why are you mapping this so?“

– „I know the conventions“

sounds late Wittgensteinian, is nevertheless rather early Florenskian.

Talking about Florensky: Alexandr Deineka’s studies at the WChuTeMas art studios partly coincide with Florensky’s teaching there. How probable is it for a celebrated Soviet painter to be an orthodox priest’s, philosopher’s and logician’s student in the subject art theory?

When I think of the Byzantine elements in Deineka’s art, it’s rather probable.

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Tractatus 5.6

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Die Grenzen

seiner Sprache

liegen nicht

bei den Grenzen

seiner Haut

schreibt Wolfram Malte Fues in seiner Gedichtsammlung SkalpeSkalpelle (Allitera: München, 2016). Kathrin Wächter kommentiert mit der unten teilweise abgebildeten Zeichnung.

Unsere Welt ist jedenfalls umfangreicher als der Inhalt unserer Haut. Damit auch unsere Sprache. Es gibt keine Privatsprache.

Nichts ist privat. Alles ist öffentlich. Den Blicken ausgesetzt.

A propos privat: Haben die Wittgensteinianer unter den Lesern das Gefühl, dass der späte Wittgenstein im frühen enthalten ist?

kathrin-wachter

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The limits

of his language

are not near

the limits

of his skin

These are Wolfram Malte Fues’s verses from the poetry volume SkalpeSkalpelle (Allitera: Munich, 2016). The drawing above is Kathrin Wächter’s commentary to the obviously Wittgensteinian theme.

Having a capacity much greater than our skin, our language enables also our world to transgress the limits of our bodies. There is no private language.

Nothing is private. Everything is public. Everybody is watching.

Talking about privacy: Don’t Wittgenstein scholars of this post get the impression that the late Wittgenstein is contained into the Tractatus?

Aristottgenstein

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Eine wichtige Tendenz in der Didaktik des Faches philosophische Logik seit den 50ern lautet, dass die Syllogistik unnötig zur Einführung in die Logik ist. Das war unter dem Einfluss von Carnap und später Quine in der damaligen Bundesrepublik der Fall. Selbst Konstruktivisten hatten diesem Verständnis der aristotelischen Logik nichts entgegenzusetzen. Paul Lorenzen meinte 1958, in seinem bahnbrechenden Aufsatz „Logik und Agon“, ausgerechnet Aristoteles hätte aus der Logik als Zweikampf ein Solospiel gemacht. Ich frage mich, wie Lorenzen die Sophistischen Widerlegungen 11 verstand. Aber dazu später.

Nicht anders war der Trend im Osten. Horst Wessel und Johannes Dölling begrüßten ihn 1980 in der Deutschen Zeitschrift für Philosophie 12, S. 1522, in ihrem Artikel „Erfahrungen mit dem Lehrprogramm für das Lehrgebiet Logik“:

Seit dem Herbstsemester 1973 wird der Logikunterricht für Studenten der Grundstudienrichtung Marxistisch-leninistische Philosophie an den Universitäten der DDR … nach einem vom Minister für Hoch- und Fachschulwesen bestätigten verbindlichen Lehrprogramm durchgeführt. Dieses Programm wurde von Lehrkräften der Universitäten Berlin, Leipzig und Halle ausgearbeitet, die über langjährige Erfahrungen in der Logiklehre für Philosophiestudenten verfügen. Schon bei seiner Konzipierung kam es zu einem fruchtbaren Erfahrungsaustausch zwischen den Lehrenden … So waren sich alle Lehrkräfte darin einig, daß die Logik auch für Philosophiestudenten in ihrer modernen Gestalt gelehrt werden muß. Es wurde deshalb bewußt darauf verzichtet, einen Vorkurs über traditionelle Logik zu lehren.

Im Rückblick finde ich es ungerecht, dass die traditionelle Logik lange vernachlässigt blieb, da die moderne Logik die einzig wahre Form der Logik darstellen soll, aber ersterer gleichzeitig vorgeworfen wird, sie sei schuld an der Vorstellung, es gebe eine einzig wahre Logik a priori.

Gerade zu einer Zeit des Logikpluralismus muss, finde ich, immer wieder darauf hingewiesen werden, dass die mittelalterlichen obligationes und selbst Aristoteles‘ Bemerkungen in den Sophistischen Widerlegungen 11 dahingehend, dass die Syllogistikregeln in der Dialektik analog zu den Regeln eines sportlichen Wettkampfs zu verstehen sind, zeigen, dass die philosophische Grammatik im Sinn von Sprachspielen anstatt sub specie aeternitatis ihren Anfang in der traditionellen Logik hat. Dazu nur noch kurz eine Bemerkung: Warum verstehen wir das Bindeglied „Spiel“ in Wittgensteins „Sprachspiel“ als Sprachkontext und nicht etwa als Wettkampf, wie Aristoteles‘ „agon“ in den Sophistischen Widerlegungen 11? Gerade wenn ich an Wittgensteins Bezugnahmen auf das Schachspiel in den Philosophischen Bemerkungen denke, erscheint mir diese Deutung sehr plausibel.

Ich darf an dieser Stelle auf den 5. Kongress zum logischen Viereck hinweisen, der im November auf der Osterinsel und wie immer vom Freund Jean-Yves Beziau und dem Kreis um die Zeitschrift Logica Universalis veranstaltet wird: Logikern, die zu den wenigen gehören, die von der traditionellen Logik immer noch neue Einsichten gewinnen und das zu sagen wagen.

Aristogenstein

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Since the 50s, in Germany it has been an important tendency in the didactics of the subject „Logic for philosophers“ to disregard syllogistics. This was the case in the Federal Republic under Carnap’s and later Quine’s influence. Even constructivists failed to support Aristotle in this respect. Paul Lorenzen, in his pioneering 1958-paper „Logic and Agon“, claims that of all people Aristotle had made a dull game of solitaire out of logic as an exciting duel. I can’t explain how Lorenzen understood Sophistical Refutations 11. I’ll return to this immediately.

In East Germany things haven’t been otherwise. Horst Wessel and Johannes Dölling hailed the trend in 1980 in an article titled „Lessons to Learn from the Syllabus for the Subject Logic“ published in the Deutsche Zeitschrift für Philosophie 12. There, on page 1522, they say:

Ever since the winter of 1973, students majoring in Marxist-Leninist Philosophy at the universities of the GDR have been learning logic … according to a syllabus accredited by the minstery to be used at institutes of higher and technical education. This syllabus was elaborated by the teaching staff of the universities of Berlin, Leipzig and Halle, scholars with long-time experience in teaching logic for philosophy students. The knowledge transfer between the teaching staff member was fruitful already in the preperation of the syllabus… They all agreed to teach also philosophy students only modern logic. A preparatory course in traditional logic was explicitly discarded.

Looking back, I find it unjust for traditional logic to be ignored because modern logic is allegedly the only true form of logic, whereas it’s traditional logic which is found guilty of the idea that there is a unique, a priori true logic.

At a time of logical pluralism, I think that one cannot understate the importance of the medieval obligationes. Neither can the importance of Sophistical Refutations 11 be understated, where Aristotle maintains that the rules of syllogistic are analogous to the rules of a sports discipline. These two examples show that a philosophical grammar with a plethora of language games instead of one-and-only reason sub specie aeternitatis has been founded by Aristotle and the medieval logicians. One more brief note in this context: in Wittgenstein’s „language games“, is there a special reason to understand „games“ in terms of linguistic contexts instead of a competition, like Aristotle’s „agon“ has to be understood in Sophistical Refutations 11? When I think how extensively Wittgenstein dwells on chess in the Philosophical Remarks, I cannot help myself wondering about this.

But now, let me recommend you the reason that made me make these thoughts: the 5th Congress on the Square of Opposition in Easter Island to take place next November. As always, it’s being organised by Jean-Yves Beziau, a good friend, together with the circle around the journal Logica Universalis. These are logicians who are not afraid to get their inspiration from traditional logic – and to admit so.

Susannes Nachbar

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Wenn wir zu Gast bei Susanne sind, sind das Treppenhaus und der Eingangsbereich des Gründerzeithauses reger frequentiert als sonst. Der Grund: Einen Kinderspielplatz gibt’s ganz in der Nähe. Das nur zum Hintergrund.

Als Gottlob Frege, der Vater der modernen Logik, an einem Spätsommertag des Jahres 1911 vor seiner Jenaer Wohnung den jungen Mann mit österreichischem Akzent aufklärte, er selber sei der Professor Frege, den der junge Mann gesucht habe, wird er wohl über die Reaktion Ludwig Wittgensteins – dieser war nämlich der junge Mann – nicht schlecht gestaunt haben. Wittgenstein entfuhr nämlich ein: „Das ist unmöglich“. Dermaßen der Mathematik fremd erschien ihm der Autor der Begriffsschrift und der Grundlagen der Arithmetik.

Schnitt!

Von der Gründerzeit kommen wir zurück zum heute noch den geschichtlichen Wirren trotzenden Haus aus der Gründerzeit.

Wir frequentierten den Spielplatz. Und den Eingangsbereich. Und das Treppenhaus. Und Susanne empfing uns, Lärm machenden Südländer und Halbsüdländer, mit einem Lächeln, das ein Lächeln ist und nicht nur als Lächeln erscheint.

„Fast hätte ich deinen Nachbarn für den berühmtesten Blogger Deutschlands gehalten“, warf ich ein. „Derselbe rot gefärbte Irokesenschnitt, dieselben Gesichtszüge, aber kein Bisschen kritisch, polarisierend oder herausfordernd. Vielmehr sanfter Blick und sanfter Gruß“.

Susannes Lächeln wurde zum Lachen.

Wäre der Nachbar nicht Lobo, dann wäre er dem bekanntesten Blogger Deutschlands ziemlich ähnlich. Da er’s aber selbst war, war er dem bekanntesten Blogger Deutschlands eher unähnlich.

All diejenigen also, die seine Tweets parallel zu meinem Blog verfolgen, wissen jetzt: Was Ihr, liebe Leser, seit einigen Tagen bei ihm und bei mir gelesen habt, wurde in einem einzigen Haus aus der Gründerzeit verfasst, wo – wie so oft – zwei sehr unterschiedliche bunte Vögel auf ein-und-demselben Ast saßen.

Gethsemane

Can the presence of many weirdos in the same vicinity be accidental? This is kind of a general question…

When we go visit Susanne for a couple of days, the stairs and the entrance of the fin-de-siècle-house is very heavily used. The reason is a playground in the neighbourhood. This is only to give you some background data…

In front of a house in the center of Jena, on a  day of the late summer of the year 1911, the father of modern logic explained a young man who demanded to speak to „Herrn Professor Frege“, that he was the individual the young man asked for. Ludwig Wittgenstein, who was no other than the young man, couldn’t help himself saying „This is impossible“. The old guy who had written the Begriffsschrift and the Grundlagen der Arithmetik must have appeared to him alien to anything mathematical.

Cut!

From the fin de siècle we return to the fin-de-siècle-house.

We were between the playground, the entrance and the stairs. Susanne was in the appartment to reward us for being noisy with her smile. With a smile which didn’t only appear to be a smile.

„I almost mistook your neighbour to be the most famous German blogger“ I said. „The same red mohawk, the same face, but nothing reminding his critical attitude, his intriguing rhetoric or his challenging views. Rather a pair of sympathetic eyes and a sympathetic greeting“.

Susanne’s smile gave way to her laughter.

If the neighbour weren’t Lobo, he would look like the most famous German blogger. But since he was Lobo indeed, he was rather unlike the famous German blogger – and this although Lobo is the most famous German blogger.

Those of my readers who speak German and follow his tweets next to my blog know now that they read in the last days pieces of his and of mine which, of all places in Germany, were all written in the same building. Like I said: The presence of many weirdos in the same vicinity: isn’t it too weird to be accidental?

Erbsen mit Honig

In der letzten Zeit habe ich eine Freude – oder sagen wir besser: ein Interesse – daran, meine moralische Vorprägung zu hinterfragen. Mir wurde von klein auf eine Ethik aufgedrängt, die darin bestand, Regeln zu befolgen, ohne die Konsequenzen aus der Regelnbefolgung zu beachten. Die Regeln waren zwar jeweils anders legitimiert, mal durch die Reformpädagogik der Schule, zu der mich meine Eltern schickten, mal durch manische Kant-Lektüre. Viel weniger manisch habe ich als Student etwas Reformtheologie gelesen (siehe meinen Eintrag mit dem Titel „Glaubenskrise“: https://philori.wordpress.com/2013/05/21/glaubenskrise/) und diese hat mein Vertrauen in die blinde Regelnbefolgung erschüttert, aber gleichzeitig habe ich späten Wittgenstein gelesen, und dieser hat mich wiederum in der Regelnbefolgung bestärkt. Schlimm! Es war wie Wein und Kaffee gleichzeitig trinken.

Die Interessen und die Freuden meiner Kinder sind ganz anders. In der Erbsenzeit mögen sie es z.B., frische Schoten zu öffnen und den rohen Inhalt zu essen.

Beide Interessen haben aber etwas gemeinsam: Sie erschüttern mein Vertrauen in die blinde Regelnbefolgung. Denn einerseits finde ich immer mehr, dass die Regelnbefolgung, ohne die Konsequenzen zu beachten, eindimensional ist, andererseits machte mich – Erbsenzeit! – folgender englischer Kinderreim darauf aufmerksam, dass die moralische Beachtung von Konsequenzen mehrdimensional ist. Man muss als Konsequentialist mehrere Nutzen auswiegen und bewerten:

I eat my peas with honey

I’ve done it all my life

It makes the peas taste funny

But it keeps them on my knife.

Hier geht es um den Nutzen, den man vom puren Erbsengeschmack hätte, gegen den Nutzen aus der Klebrigkeit. Was von Beidem besser ist, muss man selber herausfinden. Bei der blinden Regelnbefolgung macht man’s sich leichter.

Wenn die Reflektiertheit für den moralischen Wert einer Entscheidung spricht, dann ist die moralische Kosten-Nutzen-Analyse der bessere Ansatz. Wie erstaunlich für jemanden mit meiner moralischen Vorprägung…

Meine Kinder lieben groteske Reime. Ich auch.