Teaching them what it is to teach one what to do

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Von Halle an der Saale vermisse ich meine Ethikstunden am allermeisten. Damit beabsichtige ich keinen Vergleich mit dem zu machen, was ich in Basel tue, denn hier unterrichte ich das Fach nicht.

Selbst dann wäre es nicht dasselbe… In der ehemaligen DDR – alten Lesern dieses Blogs brauche ich wohl nicht zu erzählen, wie mein Herz für die neuen Bundesländer schlägt, um weiterhin so zu schlagen, so lange ich lebe – bedingten die historischen Erfahrungen ein ungewöhnliches Reflexionsniveau und zwar auch bei jungen Menschen. Ich weiß noch die Namen von ein paar Teilnehmern meiner Stunden, ab und zu erfahre ich, was sie tun. Ich mag sie als Denker, als Macher, als Menschen.

Ich brachte ihnen bei, dass die Ethik ein Spiel ist. Kein Spiel im Sinn der Spieltheorie, auch keines in Wittgensteins Sinn. Spieltheoretische Überlegungen kamen nur in den Besprechungen des Konsequentialismus zum Zug – aber es gab noch Tugend- und Pflichtethik. Insbesondere wollte ich sie einsehen lassen, dass Menschen, von wenigen, von Philosophen gern benutzten Fällen abgesehen, normalerweise ethische Intuitionen haben, die ein Gemisch aus allen verschiedenen Ansätzen der Moraltheorie voraussetzen. Zwar gibt es die Kantianer, die Aristoteliker, die Utilitaristen und die Fälle, in denen jeder von ihnen Recht bekommt. Aber in unserem Alltag sind wir gleichzeitig alle drei. Reflexion über angewandte Ethik und Religion im Osten Deutschlands machte Spaß und hatte Niveau.

Das erzählte ich meinen Schülern vergangenen Freitag während eines Spaziergangs in Mulhouse. Ich wollte gar nicht über Ethik sprechen, denn, wie gesagt, unterrichte ich das Fach hier nicht. Es kam so: Die Dame, die mir einen Kaffee machte, schaltete vom Französischen ins Deutsche um, nachdem ich etwas nicht verstanden hatte. Einer aus meiner Gefolgschaft meinte daraufhin, es solle mir nicht peinlich sein, schließlich seien meine Versagen in einer anderen Sprache viel peinlicher. In welcher denn? Im Schweizerdeutschen! Denn ich habe gesagt gehabt „en Gfalle doe“. Aber „doe“ klinge schriftdeutsch wie nochmal was – korrekt schweizerisch heiße es „en Gfalle mache“!

„Machen“ klingt mir zu sehr nach Handwerk, nicht nach Willensfreiheit, aber meine zu Lehrern mutierten Schüler blieben hart: „Nei, „doe“ isch hochgstoche und frembd“. Es war mir plötzlich klar, wieso ein als Peter Bieri ausgewiesener Philosoph, dessen alter ego, Pascal Mercier, ein noch ausgewiesenerer Literat ist, seinem Buch über Ethik den Titel gibt: Das Handwerk der Freiheit. Er ist ja Schweizer.

In seinen Vorlesungen des akademischen Jahres 1930 (Titel: Vom Wesen der menschlichen Freiheit. Einleitung in die Philosophie) meinte Heidegger, dass zwei Sprachen die philosophischsten sind: das klassische Griechisch und „Meister Eckharts und Hegels Deutsch“ (vgl. Gesamtausgabe, II. Abt.: Vorlesungen 1923-1944. Bd. 31. Hg. v. Hartmut Tietjen. Frankfurt a.M.: Vittorio Klostermann, 2. Ausgabe, 1994). Was den Unterschied zwischen „prattein“ und „poiein“ anbetrifft, hatte Heidegger sicherlich recht.

Halle ist preussisch… Der dortige Akzent ist zwar ein Horror, aber keine Frage: Es handelt sich um ein philosophisches Deutsch, um die Sprache Kants, Hegels und Schopenhauers…

Enough with scrolling

What I miss most from Halle are my ethics classes. This is not to be juxtaposed with my classes in Basel because here I simply don’t teach the subject.

But even if I taught it… I mean, in the recent history, East Germany has had so extraordinary experiences that the level of reflection there is very high. I still remember some names of some students, I also learn what they’re doing, at least some of them. I was teaching them ethics as a game. Not in Wittgenstein’s sense – I think I never mentioned him there – and only partially in the sense of game theory. Game theoretical considerations played a role only in my discussion of consequentialism, and I’ve been also doing virtue ethics and deontological ethics. Some of them had an extraordinary ability to analyse these most common cases in which, to reach the intuitively plausible solution of a moral dilemma, you had to make acrobatics from theory to theory rather than to apply a unique among them. Yes, doing applied ethics and religion in the east part of Germany was hot like hell and cool like paradise – or vice versa, I don’t know exactly.

During a walk in Mulhouse, France, I was telling this the students I have now. Since, as I said, I don’t teach ethics here, this was spontaneous. It all had begun with the lady who brought me a coffee, She had had to switch from French to German while talking with me because I had asked her to repeat something. One of the students remarked that I shouldn’t be particularly ashamed for my bad French because there is a language I’m even worse in than in French: Swiss German. I had said the other day something to the effect of „do me a favour“ and one can say in Swiss German only „to make“, not „to do“, the latter being a standard German, not a Swiss German verb.

To me, „to make“ is what you can say in terms of handicraft, not in terms of volition and morals. But there is this internationally known Swiss philosopher who thinks that ethics is a handicraft. His opinion has always been a riddle to me because, probably, he doesn’t mean to provoke and he doesn’t mean to say something utterly false – but effectively does both. My students now, although they don’t know him, explained to me that it is a part of the Swiss linguistic code to speak of what you make, never of what you do.

In his Vom Wesen der menschlichen Freiheit. Einleitung in die Philosophie, being the script of his lectures in the Summer term of the year 1930 at Freiburg, Heidegger claimed that teaching philosophy presupposes a training in Classical Greek or Prussian German (cf. Gesamtausgabe, II. Abt.: Vorlesungen 1923-1944. Vol. 31. Ed. by Hartmut Tietjen. Frankfurt a.M.: Vittorio Klostermann, 2nd edition, 1994). At least in the point of the difference between „prattein“ and „poiein“ he was right.

Oh yes, Halle is Prussia… The accent is a horror, of course, but it is philosophical German, the language of Kant and Hegel and Schopenhauer…

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Talking about nothing

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Wenn Rudolf Carnap Recht gehabt hätte in seiner Analyse vom Nichts auf S. 230 seines berühmten antiheideggerianischen Artikels „Überwindung der Metaphysik durch logische Analyse der Sprache“ aus dem Jahr 1932 (Erkenntnis 2, S. 219-241), dann wäre der Satz „Es ist so schön, dass es dich gibt“ gleichbedeutend mit: „Es ist so schön, dass sich dein Name nicht auf die leere Menge bezieht“.

Was mich hierbei stört, ist, dass es tatächlich schön ist, wenn mein Name sich nicht auf die leere Menge bezieht, und zwar genau dann, wenn es schön ist zu existieren. Meine Leser mögen sich etwa vorstellen, ihre Namen würden sich auf die leere Menge beziehen, während sie sonst das Leben genießen 🙂

Noch mehr stört es mich aber, dass es nach diesem Gedankengang unausweichlich ist zu existieren – als die leere Menge – genau dann, wenn wir nicht existieren. Da Eigennamen nämlich starre Designatoren sind, würden sich Eigennamen von nichtexistierenden Personen oder Gegenständen starr auf die leere Menge beziehen!

Da die leere Menge Element jeder Menge ist, folgt es, dass das, was wir „Bill, die Eidechse“ nennen, Element von jeder Menge ist. Ist das etwa, was wir meinen, wenn wir behaupten, „Bill die Eidechse“ referiere nicht?

Die Frage ist bloß rhetorisch. Ich stelle außerdem fest, dass Lewis Carroll zuweilen modernere logische Einsichten hatte als Carnap ein Jahrhundert später.

Mit ihren Illustrationenen aus der slowakischen Ausgabe des Jahres 1981 bereitet mir eine der DDR-Editionen von Alice im Wunderland in der Übersetzung und Nachdichtung von Lieselotte und Martin Remané, die ich kürzlich antiquarisch bestellte und bekam, eine große Lesefreude.  

Alice2ENOUGH WITH SCROLLING

If Rudolf Carnap were right in his analysis of nothingness on p. 70 of his famous anti-Heideggerian essay „Elimination of Metaphysics through Logical Analysis of Language“ (Carnap, Rudolf, “The Elimination of Metaphysics Through Logical Analysis of Language,” trans. Arthur Pap, in A. J. Ayer (ed.), Logical Positivism, New York: The Free Press, 60–81), originally published in German in 1932, the sentence „It is so nice that you were born“ would be equivalent with: „It is so nice that your name doesn’t refer to the empty set“.

An embarassing thing about it is that it is nice if your name doesn’t refer to the empty set if and only if it is nice that you exist. Imagine you enjoy life but your name refers to the empty set 🙂

A more embarassing thing, however, is that, by this line of thought, you cannot fail to exist – as the empty set – if and only if you don’t exist! Since your name is a rigid designator, if you wouldn’t exist, your name would refer to the empty set rigidly – as a proper name for the empty set!

Since the empty set is an element of every set, it follows that the thing called „Bill the Lizard“ is an element of every set. But is this what we mean when we maintain that „Bill the Lizard“ refers to nothing?

The question is rhetorical. And Lewis Carroll, although one century earlier, was in some cases a logician who had more modern insights than Carnap.

The paternity of the term

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„Ethnolaikos“ ist eine Neuschöpfung im Griechischen. Bei den naheliegenden Assoziationen zu „ethnisch“, „Laie“, „laizistisch“ und „populistisch“ ist es wohl klar, dass sich der Terminus zur abwertenden Bezeichnung der Mischung aus Populismus und Nationalismus eignet, die die jetzige griechische Regierung pflegt. Das Subtantiv „ethnikolaikismos“ ist zwischenzeitlich in aller Munde und wurde bereits auf den Schriftsteller Petros Theodorides zurückgeführt, der es zum ersten Mal 2005 in einem Vortrag in Saloniki benutzt haben soll, unter Hinweis darauf, der Terminus sei nicht gebräuchlich. Das hindert ihn wohl nicht daran, nützlich zu sein.

2001, vier Jahre vor Theodorides also, hatte ich das Adjektiv „ethnolaikos“ in meiner Einleitung zur griechischen Übersetzung von Cassirers Kants Leben und Lehre eingeführt. Dort zitierte ich aus dem bekannten Gutachten Heideggers, das 1933 zur Zwangspensionierung des Münchener Philosophieprofessors Richard Hönigswald geführt hatte. Gerade an der Stelle, an der Heidegger Hönigswald und den Neokantianern vorwirft, keinen Sinn für die

volkhafte Überlieferung [der] Herkunft [des Menschen] aus Blut und Boden

zu haben, dachte ich lange über eine adäquate griechische Übersetzung für „volkhaft“ nach und entschied mich für den Neologismus – meinen Neologismus. Das war in der alten Wohnung in Glyfada, noch schrieb ich an meinem PowerBook 100, das frei bereits 9 Jahre alt war. Der Hinweis auf Heideggers Gutachten samt griechischer Übersetzung der nazilastigen Stellen in demselben riefen eine bitterböse Rezension des Bandes durch Pavlos Kontos hervor und erschwerten mein ohne politische Beziehungen ohnehin schwieriges universitäres Dasein in Griechenland zusätzlich.

Aber das ist jetzt egal: So viele Liebhaber sie auch immer gehabt haben soll, dieses eine Kind hat die griechische Sprache von mir.

seite

„Ethnolaikos“ is a Greek neologism. Its associations range from „ethnic“ to „layman“ to „laicité“ and, finally, to „populism“. The term has proven to be very appropriate as a characterization of the populism-and-nationalism mix used recently by the Greek administration. The adjective is very popular, mostly among adversaries of the political platform which it describes. It has been suggested that the writer Petros Theodorides was the first to use the substantive „ethnolaikismos“ in a lecture which he gave in Salonica in the year 2005. Theodorides conceded there that the term is not idiomatic Greek.

In 2001 however, four years before Theodorides, I had used the adjective „ethnolaikos“ in my introduction to the Greek translation of Cassirer’s Kant’s Life and Thought. There, I quoted from a report written by Heidegger in the year 1933 – a well-known document against Richard Hönigswald, a neokantian who taught in Munich. As the aftermath of this report, Hönigswald had been sent to forced retirement by the Nazis. I remember how hard the job has been to translate the passage in which Heidegger accuses Hönigswald and the neokantians for having no sense of

the tribal [volkhaft], blood-and-soil-based tradition of the people’s heritage.

I still remember that I had no ready translation for „volkhaft“. I was thinking and thinking about a translation which would sound really adequate – it was in our old place in Glyfada, I still used my PowerBook 100 which was already 9 years old – and, finally, I decided to introduce the neologism – my neologism. My quoting from Heidegger’s report was about to make Pavlos Kontos write some rather aggressive remarks concerning my introduction in the review he wrote for Nea Hestia about the volume. I suppose that this episode belonged to the ones which made my passage from Greece even more difficult than it was bound to be since I had no friends in Greek politics.

The rest is history. After two affairs: an unfruitful one with Greek university politics and a fruitful one with Greek language, I returned to Germany in 2003. Especially Greek language has had innumerable affairs before and after me, of course. But this child is fathered by me! I claim paternity of one of the most fashionable terms in contemporary Greek politics.

Es ist immer genug Wahrheit da

Heidegger und Heidenreich

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Am besten beginne ich mit den Fakten: In einer Fernsehsendung des 22. April zu Heideggers nazilastigen „Schwarzen Heften“(Überlegungen II-VI; VII-XI; XII-XV, hg. v. P. Trawny, Gesamtausgabe Bde 34-36, Vittorio Klostermann, Frankfurt/M. 2014), den Reflexionen Heideggers zu Kulturkritik und Politik aus den Jahren 1931-1941, wies Elke Heidenreich dem Philosophen folgende Formulierung zu: „Die verborgene Deutschheit müssen wir entbergen, und das tun wir, indem wir die Juden endlich beseitigen aus Deutschland.“ Stefan Zweifel, der Moderator der Sendung, erhob berechtigten Zweifel an der Authentizität des Zitats und verlor vor Kurzem seinen Job.

Heidenreich, die Heideggers Buch nicht gelesen hatte, führte eine Buchbesprechung der „Schwarzen Hefte“ in der Süddeutschen Zeitung vom 25. März als ihre indirekte Quelle an. Der Teil des Zitats, der die Juden betrifft, steht allerdings weder in Heideggers „Schwarzen Heften“ noch in der Süddeutschen.

Tatsächlich liest Heidenreich diesen Teil in der Sendung nicht vom Blatt – sie interpretiert offensichtlich frei. Aber selbst plausible Interpretationen können nicht ohne ein Argument gelten gelassen werden.

In ihrem Kinderbuch Nero Corleone kehrt zurück lässt Heidenreich ihren Helden, den italienischen schwarzen Kater Nero, auf den Tasten des Klaviers von Mauricio Kagel laufen, woraufhin der Komponist aufsteht und begeistert ruft: „Schönberg! Schönberg!“

In meiner Bonner Zeit mochte ich die Kagel-Konzerte in der Kölner Philharmonie. Eines Abends – ich versuchte mein Lachen zu unterdrücken – hatte Kagel das Orchester zusehen lassen, wie er sich selbst beim Pfeifen dirigierte. Ein Mensch mit Kagels Humor hätte sicher den Spaziergang eines Katers auf seinem Klavier mit Schönbergs Musik vergleichen können. Ob die Episode stimmt oder nicht, ist eher nebensächlich. Sie entspricht dem, was man von Mauricio Kagel erwartete und in einer literarischen Fiktion gilt sie sogar als ein getreues Bild .

Genauso entspricht der Zusatz „…indem wir die Juden endlich beseitigen aus Deutschland“ dem, was man von Heidegger erwartet. Allerdings entspricht es auch wissenschaftlicher Gewissenhaftigkeit zu erwähnen, welche unserer Erwartungen schwarz auf weiß stehen und welche Interpretationen sind – anders als in einer literarischen Fiktion.

Let me begin with the brute facts: on April 22, in a TV show where Heidegger’s „Black Notebooks“ (Überlegungen II-VI; VII-XI; XII-XV, ed. by P. Trawny, Gesamtausgabe Vols 34-36, Vittorio Klostermann, Frankfurt/M. 2014) were discussed, i.e. Heidegger’s critical reflections on civilization and politics between the years 1931 and 1941, Elke Heidenreich foisted the philosopher the demand to „dis-cover the hidden essence of the Germanic being by removing at last the Jews from Germany“. Stefan Zweifel, the host of the show, had justified doubts on the authenticity of the quote – to lose his job quite recently…

Heidenreich who hadn’t read Heidegger’s book, named a book review of the „Black Notebooks“ in the Munich daily Süddeutsche Zeitung on March 25 as her indirect source. However, the part of the quote about the Jews is absent in the „Black Notebooks“ as well as in the book review.

In fact, in the show Heidenreich didn’t read this part of the quote from the paper. Obviously, she interpreted freely. But even plausible interpretations don’t go without an argument.

In a book for children titled Nero Corleone strikes back, Heidenreich describes how her hero, the Italian tomcat Nero, steps on the keys of Mauricio Kagel’s piano to impress the composer who rejoices: „Schoenberg! Schoenberg!“

While still a PhD-student in Bonn I liked Kagel’s concerts in the Cologne Philharmonic Hall. One evening – I was struggling to keep myself from laughing – the orchestra sat there staring how Kagel directed himself whistling. A man with Kagel’s sense of humour is expected to compare a tomcat’s walk on the keys of his piano with Schoenberg’s music. I don’t know whether this is a true story or not. It corresponds to what we expect Kagel to do. In a literary fiction it can count as true.

Some of my readers may have expected Heidegger to add „…by at last removing the Jews from Germany“. Unlike a work of fiction however, literary criticism demands a clear-cut distinction between what is explicit in a text and what we interpret into it.