Ökoaskese

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Auf den ersten Blick erscheint es sympathisch, das Anliegen, nichts Überregionales zum Essen zu kaufen, auch nicht nach Übersee zum Urlaub zu fliegen. Beides erhöhe die CO2-Emissionen. Erste Hintergedanken kommen erst, wenn man bedenkt, dass dieses Anliegen niemals wegen des Transports (bzw. Exports) von Industrieprodukten laut wird, sondern immer wegen des Transports (wohlgemerkt Imports) von Agrargütern und Dienstleistungen.

Noch mehr Hintergedanken kommen auf, wenn man bedenkt, dass Agrarprodukte und die Dienstleistung Tourismus dort produziert werden, wo Industrieprodukte nicht produziert werden und umgekehrt.

Der Religionsersatz Ökologie ist keineswegs neu. Dazu müsste er im Sinn der Religionssoziologie und -wissenschaft einen Geist ausdrücken, der einen erstmals auftretenden Idealtypus darstellt. Aber hier ist ja der Geist der alte protektionistische Frühkapitalismus von Industrienationen. Webersche, protestantisch-innerweltasketische Momente treten dabei gehäuft auf.

Ich finde das mehr als nur altmodisch.

Frühling ist in der Luft – was soll’s… Ich will mich genausowenig darüber auslassen wie die deskriptive Ebene verlassen…

Enough with scrolling

The arguments in favour of these two closely interconnected desiderates: to avoid travels by plane and to buy food only from the region in which one lives, sound sound. The main premise is the reduction of carbon-dioxide emissions.

I hope though that the arguments in favour of train travels and apples will start appearing fishy to you as they did to me once you recall that the desiderates are directed against the transport (i.e. import) of exotic food and services like tourism, never against the transport (NB an export) of industrial goods.

And they’ll even smell fishier once you keep in mind that the former are typically produced where the latter are not produced and vice versa.

Ecology, in its evolvement as a religious ersatz, has, as one sees, features of a Weberian inner-worldly asceticism reminiscent of protestant ethics that is by no means a new ideal type. It wouldn’t be the first time protectionist capitalism has religious and ideological allures.

But while only few days remain for April to come, it’s foolish to grouse and to depart from the descriptive level. Or isn’t it?

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Hans Joas erhält Max-Planck-Preis

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Erschöpft bin ich. Eine Zugfahrt, die hätte fünf Stunden dauern sollen, hat acht Stunden gedauert. In Deutschland gibt es zwei Gründe, aus denen so etwas passieren kann: entweder gibt es einen Sturm, der Bäume ausreißt, oder eine von allen guten Geistern verlassene Person war der Meinung, vor irgendeinem Zug stehen zu müssen.

Einen Sturm hat es gestern nicht gegeben.

Die Bahn hat Kaffee spendiert, viele Passagiere standen Schlange, um ihr Getränk abzuholen, und ich hatte auch Lust, einen Espresso spendiert zu bekommen (ich kann immer noch nicht schlafen, nachdem ich ihn getrunken habe) als ich vor mir an besagter Schlange die Silhouette eines ehemaligen Erfurter Nachbarn erkannte – gleichzeitig des einzigen Zeitgenossen, dessen Werk ich mehrere Sitzungen von meinen Lehrveranstaltungen widmete.

Hans Joas war lange Jahre Direktor des Max Weber Kollegs in Erfurt, Autor von mehreren Büchern, eines von denen ich für klassikerverdächtig halte, last and least mein Nachbar im Amplonius-Haus in Erfurt. Sein klassikerverdächtiges Buch trägt den Titel Die Sakralität der Person und stellt eine Genealogie der Menschenrechte dar, die keine Angst hat, den Anfang der Menschenrechtsdebatte im Spätmittelalter zu datieren; gleichzeitig einen Appell, die naturrechtliche Legitimation der Menschenrechte ernst zu nehmen. Ich musste ihm sagen, dass ich allein unter allen Erfurter Kollegen (Relativisten, Dezisionisten, Postmodernen) die Botschaft in der Sakralität zu verbreiten versuche, dass ich mir wünsche, dass gute webersche Religionssoziologie weiterhin eine Chance erhält.

Und sie erhält sie bestimmt. Letzte Woche, erzählte er mir, erhielt er den Max-Planck-Forschungspreis.

Wenn ich darüber nachdenke, bleibe ich weiterhin erschöpft. Aber auch optimistisch. Es ist nicht wenig, wenn ein Vertreter der weberschen Rationalität eine erstklassige Möglichkeit erhält, sein Werk zu propagieren. Insbesondere wenn man sieht, wie sehr die deutsche Religionswissenschaft und -soziologie an Philologismus, Bongobongoismus und volkskundlicher Postmoderne leidet.

You made my day – even if it’s night.

ICE

ENOUGH WITH SCROLLING

I’m so tired… A normally five-hours trip from Munich to Halle lasted eight hours. In Germany, something like this can be due to two reasons only: either there is a tornado-like storm or someone lost his mind and thought it a good idea to walk into the train track.

There were no storms yesterday.

The Deutsche Bahn paid passengers a coffee because of the delay, many many of them stood in a queue and I also fancied one – which is obviously the reason I have insomnia tonight. Anyway, in the same queue I recognised from behind the silhouette of a former Erfurt neighbour, at the same time the silhouette of the only thinker of our times who gave me the material for two of my classes.

Hans Joas was a long-time director of the Max Weber Kolleg in Erfurt, author of many books one of which I consider to be a future classic, last and least my neighbour in the Erfurt Amplonius Haus in Erfurt. His monograph on the Sacrality of the Person is about a genealogy of human rights which begins in the Middle Ages; and an appeal to take natural law seriously. I had to tell him that I was the only one among his former colleagues in Erfurt (relativists, decisionists, postmodernists) who tried to spread the word, his word, and how badly I wish good old Weberian sociology of religion to get a fair chance.

And he informed me that it already gets this chance. Because he was awarded the Max-Planck-research-prize last week.

Surely, I’m still exhausted. But now I’m also optimistic. It’s not negligible to have a supporter of Weberian sociology get a first-class chance to propagate his ideas.

You made my day – even if it’s night.