Coffee parts

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Der „deconstructed coffee“ soll, so eine stets sehr gut informierte Freundin, der neue australische Trend sein. Ich hatte keine Ahnung davon und, wenn ich keine Ahnung über einen Trend habe, fühle ich mich alt. Serviert werde er in verschiedenen Behältnissen. Eines ist für den Kaffee, eines für die Milch, eines für den Zucker, eines fakultativ für extra heißes Wasser.

Mir geht es hier nicht um australische Geschmäcker, sondern eher um sprachliche Akkuratheit.

Es ist nämlich fraglich, ob hierbei von einem zerlegten Kaffee die Rede sein kann, da die wie oben servierten Zutaten nie Teile eines Ganzen waren. Nun kann der Freund des Ausdrucks „deconstructed coffee“ einwenden, dass von einem Ganzen ausgegangen werden muss, nachdem der zerlegte Kaffee ein chronomereologisches Ganzes von etwas ist, was spätestens im Magen vereint ist. Das wäre zwar nicht mein Verständnis von der Regionalontologie der heißen Getränke, aber heute bin ich gut drauf.

Aber ist es überhaupt Kaffee dann? Wer in Italien einen Cappuccino und ein Tiramisu bestellt und fünf Minuten später den Kellner fragen hört: „Chi voleva un caffè e un tiramisù?“ ist gut beraten, sich nicht zu melden. Das ist, um zu vermeiden, dass der Kellner abweisend mahnt, bei der Arbeit durcheinander gebracht zu werden. Denn wer Cappuccino und Tiramisu bestellte, wird doch wissen, dass derjenige, der caffè und Tiramisu bestellte, jemand anders sein muss.

Es ist außerdem kein langes Argument nötig, um zu zeigen, dass ein ungesüßter Espresso oder Ristretto nicht „zerlegt“ werden kann. Ein solcher hat nämlich nur solche echten mereologischen Teilmengen (= Teile), die homogen sind: nichts als Kaffee – im Sinne der traditionellen Mereologie ist ein Kaffee ein homogenes Ganzes! Man kann zwar homogene Espresso-Teilmengen in viele Tassen teilen, zerlegt den Espresso aber dadurch nicht in seine Zutaten und schnell kalt wird er dann auch noch!

(Das letzte ist kein philosophisches Argument, jedoch lag es mir auf der Zungenspitze).

Und gesüßter Espresso? Das Kaffeesein kann ihm jedenfalls nicht abgesprochen werden. Und man kann den Zucker getrennt reichen.

Aber wurde er jemals etwa anders serviert?

Ich schließe daraus, dass es, recht verstanden, keinen zerlegten Kaffee geben kann.

Von Dekonstruktion kann sowieso nur gesprochen werden, wenn die Ordnung auch als (herausgetrennter) Teil des Ganzen genommen wird. Das ist ein sehr interessanter Gedanke, der hier beileibe nicht zutrifft.

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Talking about deconstruction takes for granted that the order of a whole is a part of it and that you can take this part out of the whole. Which shows that material wholes also have non material parts. But there are cases in which you can’t distort the order. In fact, these are trivial cases!

I’m told that the „deconstructed coffee“ is the new trend. Served in the parts it consists of, say coffee, sugar and milk, in different cups, cans, bowls.

I have various concerns however about whether talking of a „deconstructed coffee“ is an adequate description of the beverage in question.

The ingredients thus served have never been one whole, so they can’t be said to be served as deconstructed parts thereof.

But even if one grants that they are a deconstructed whole, this whole is no coffee! If you order a cappuccino and a tiramisu in Italy and five minutes later you hear the waiter asking „Chi voleva un caffè e un tiramisù?“ DON’T raise your hand! It’s a cappuccino you wanted, not a coffee. If you ordered a cappuccino and a tiramisu, it’s another customer who wanted caffè and tiramisu, not you. So, don’t be offended when the waiter urges you not to confuse him.

The same argument holds of caffè latte etc.

Finally, the ones who drink unsweetened espresso or ristretto can’t have their coffee deconstructed: an unsweetened espresso has one nonproper part: itself (and if you serve it like this it’s not deconstructed), and proper parts that, according to traditional mereology, are taken to be homogeneous. Of course you can serve an espresso dividing it in several cups but you don’t deconstruct it this way. And, what is even worse, the tiny amounts of coffee in the cups will get cold much faster.

(The last is not a philosophical argument but still…)

I left sweetened espresso last in this consideration. It is coffee alright, and you can serve it with the sugar on a side dish.

But this is how it has always been served!

I conclude from all this that there is no deconstructed coffee in the literal sense.

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Behold! The Handbook of Mereology!

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Der Autor und der Herausgeber müssen die Bücher wie mit dem Schleudersitz verlassen, wenn es nicht noch weitere zehn Jahre dauern soll.

Das machte ich vor Kurzem als letzter Mitherausgeber vor der Drucklegung und Serienherausgeber. An meiner Stelle hätte ein mittelalterlicher Bischof seine Unterschrift unter die Worte nihil obstat und imprimatur gesetzt.

Vorbestellungen mit Preisnachlass beim Verlag. Publikationstermin: 20.10.2017


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Unless they want it to have a delay of ten more years, authors and editors abandon a book with the ejection seat instead of seeking the absolutely secure landing.

This is what I just did as the last co-editor and the managing editor of the series. If I were a medieval bishop I would put my signature under the words nihil obstat and imprimatur

Order now for 15% off and keep the publication date in mind: Oct 20, 2017.

Summer stories I: Germanisms in the Mediterranean

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Das ist der erste Beitrag aus einer Reihe über den vergangenen – eher gerade unnachgiebig vergehenden – Sommer.

Meine Tochter befindet sich im Meer. Ich bin noch an Bord, allerdings nur ein paar Meter von der Küste entfernt. Sie ruft, ich solle auch rein, sie wolle mit mir rausschwimmen. Dabei spricht sie Griechisch und benutzt die griechischen Wörter für „schwimmen“ und „raus“.

Damit beging sie einen Germanismus, der im Griechischen das Gegenteil davon bedeutet, was sie meint. Es ist also semantisch falsch. Nicht die Semantik an sich ist aber hier die Ursache des Fehlers, sondern die Mereologie! Wenn der Grieche „rausschwimmt“, dann tut er das im Sinne: das Nasse verlassend, Richtung Badetuch. Ins Tiefere, vom Smaragdgrünen ins Dunkelblaue, schwimmt er vielmehr „‚rein„. Meine Tochter benutzt nicht das griechische Wort für „‚rein“, sondern das Wort für „raus“, will allerdings nicht an die Küste, sondern im Gegenteil ins Tiefe.

Das Meer ist im Griechischen das mereologische Ganze, dessen Innenteil das hohe Meer ist, dessen Außenteil wiederum das Schelfmeer ist.

Vorstellungen über die „richtige“ Mereologie (und damit über die „richtige“ Ontologie) Beziehungen drücken sich, wie man sieht, in der Semantik der Indexikalausdrücke (z.B. „raus“) der natürlichen Sprachen aus. Nach Tarski modellieren wir die Sprache stets mengentheoretisch, ohne mereologische Begrifflichkeiten.

Das ist offensichtlich stark vereinfacht!

Über weitere Beispiele wäre ich froh.



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This is the first of a series of posts about stuff this summer brought about.

My daughter was swimming. I was on board, however only few yards ashore. She begs me to jump into the sea. Not that I was not willing but I wanted to know the reason.

I forgot to mention that we were communicating in Greek at this moment. Her mother tongue being German she uttered a Greek sentence whose literal translation into English would be the following:

– „I want to swim out with you“.

I know my daughter, I know her usage of Greek and her Germanisms. She obviously wanted to swim into deeper waters with me.

In Greek, however, when you want to swim to deeper waters you go „in“, not „out“ – and this is in contrast to German that prescribes the usage of the German expression for „out“, when deeper waters are the destination.

The difference between German and Greek semantics of indexicals in a special situation is not the primary issue here. The primary issue is a difference in ontology.

In Greek (this is the notion you see embedded in the Greek meaning of indexicals) the sea is a mereological whole made of an inside and outskirts that are, roughly speaking, the shelf sea. In German you don’t have this view on sea parts.

As one sees, ideas about what the „right“regional („maritime“) mereology are expressed in language.
After Tarski we always model language (natural language forms no exception in this) in terms of set theory, without the use of mereological instruments. But if you want to capture the difference in the semantics I just highlighted Tarski-like analysis is too simplistic.

I would be grateful for more examples.

Partes chimaerarum



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Vielleicht ist Folgendes ein gutes Argument dafür, dass Teile der Mereologie (Teile der Theorie, nicht Teile im Sinne der Gegenstände der Theorie) auf die Mengenlehre reduzierbar sind, vielleicht auch nicht – ich hab’s noch nicht bis zur letzten Konsequenz gedacht.

Teile von Chimären (hier aus dem Isenheimer Altar in Colmar) sind dadurch Monsterteile (und eben nicht nur Hirsch- oder Rattenteile), dass sie Teile sind, die nicht zusammengehören. D.h. Monsterteile sind nur dadurch welche, dass sie in bestimmten Verhältnissen zueinander stehen. Ohne derartige Verhältnisse zueinander sind das Hirschgeweih, der Rattenkopf, die Menschennase keine Monsterteile, sondern Teile von einem Hirschen, einer Ratte, einem Menschen. Schneide ich etwa vom einen Monster das Hirschgeweih, vom anderen den Hirschkopf, vom dritten den Hirschhals usw. weg und füge diese artgerecht zusammen, dann habe ich zum Schluss keine Monsterteile eines Hirschen, sondern Hirschteile eines Hirschen – was beweist, dass Chimärenteile nur dann als Chimärenteile gelten, wenn sie, jeder für sich genommen, die Struktur der ganzen Chimäre als Teil enthalten.

Die Chimäre aus allen und nur Chimärenteilen – die wohlgemerkt die ganze Chimäre und ergo sich selbst als Teile enthalten – ist also eine Chimäre, die sich selbst problemlos enthält. Das ist natürlich nichts anderes als eine nichtparadoxe, mengentheoretische Struktur 

(Entschuldigung für dieses Posting: Auf dem Endspurt der Redaktion des Handbook of Mereology – Johanna Seibt und Guido Imaguire sind meine Mitherausgeber, Philosophia München der Verlag – sehe ich alles, auch die lebendigen Leute um mich herum, als Teil-Ganzes-Beziehung. Hoffentlich kann ich mich und Euch nochmal normal sehen, wenn die sechshundert Seiten raus und von unserem Hals sind).

Für Kommentare wäre ich dankbar.



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Maybe it’s a good argument for the claim that parts of certain wholes are only subsets (and parthood of these wholes only a set-theoretical notion), maybe it’s not. I’ll have to think it over and to draw the last consequences out of it. For now, here it is:

Parts of chimaeras (here from the Isenheim Altar in Colmar, France) are parts of monsters and not just of, say, deer or rats, only if they’re assembled in an unnatural whole. In other words, parts of monsters can be said to be such only if they are interrelated in certain ways. It is perfectly alright for a chimaera to have Cleopatra’s nose on a deer head. Thus, to make a chimaera, what has to be avoided is to make all and only deer parts and all and only Cleopatra’s parts naturally fit together. If you take Cleopatra’s nose from this chimaera, Cleopatra’s eyes from that chimaera, Cleopatra’s arms from a third etc. what you have at the end of the day is not a chimaera consisting of parts of other chimaeras but Cleopatra consisting of Cleopatra’s parts.

As one sees, the whole structure of the chimaera must be a part of every part of the chimaera.

If Cleopatra’s nose doesn’t contain a monster-like structure as its part (e.g. by containing its relation to a deer’s head as a part), it is not a-monster’s-and-Cleopatra’s nose but only Cleopatra’s.

As one sees, being a part of a chimaera presupposes being a part of a whole that contains only and all the parts of the chimaera that contain themselves. This is nothing but a set-theoretical structure.

I believe that this shows that at least a part of mereology (I mean a part of the theory, not a part among the objects of the theory) is  reducible to set theory.

(The Handbook of Mereology (Philosophia: Munich) I’m editing together with Johanna Seibt and Guido Imaguire is almost finished. It’s about time because I currently see everything and everyone as wholes consisting of parts and I can only hope I’ll return to normality as soon as the book is published).

I’d be happy to receive your comments.

Sprache und Raum

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„Sprache und Raum“ klingt nach bad philosophy und ein Umzug ist, weiß Gott, kein Ansporn zum Philosophieren.

D.h. wenn man von der Philosophie kommt. Für unsere Umzugshelfer war das anders. Sie erklärten mir Einiges über die Fähigkeit, sich im Dreidimensionalen mit einer übergroßen Last so zu orientieren, dass die Last an keiner Stelle etwas berührt – und das heißt, obwohl man nicht sieht.

Wir unterhielten uns über dreidimensionales Tetris – beim Stapeln im LKW – und über Mehrsprachigkeit. Russisch war die lingua franca der Truppe, untereinander haben sie sich aber gelegentlich auf Armenisch oder Deutsch unterhalten. Niemand hat sich gewundert, als einer mich auf Griechisch ansprach; als eine Selbstverständlichkeit wurden meine serbischen Gespräche mit dem Belgrader Mitglied der Gruppe zur Kenntnis genommen.

Aber zurück zu den Gegenständen: Die Fähigkeit dieser Menschen einzusehen, was ich räumlich und sprachlich zusammenfasste („Im Keller habe ich noch ein paar Sachen, die mitkommen; andere lasst ihr allerdings, bitte, liegen“) hatte mit Mereologie zu tun, nicht mit Zermelo/Fraenkel, wo die Elementschaftsrelation klar gekennzeichnet sein muss. Denn die mitzukommenden Sachen habe ich nicht in eckigen Klammern gesetzt.

Der Nachteil dieses Ansatzes: die Mereologie ist immer regional und nicht axiomatisierbar. Es ist ein Talent zu verstehen, was Teil von was ist.

Echt talentierte Menschen!



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The connection between language and space has been associated in my life with bad philosophy. And, what’s more, with bad philosophy taught at the river Rhine.

Now I happen to come to the same river after decades to reflect on this connection – together with the workers who helped carry and put furniture together again.

A multilingual team, speaking Russian as lingua franca and other Slavic languages or ones spoken in the former Soviet Union plus German, they tried to explain to me the basics of carrying heavy cargo indoors, heavy cargo outdoors, heavy cargo in corridors, heavy cargo through doors. They wouldn’t admire my switching from Greek to German to Serbian as they wouldn’t hesitate to draw an analogy between their job and Tetris, between their job and maths.

And they wouldn’t face problems to understand commands like „Take from the basement all the stuff needed in the new house, leave the rest.“ If I had tagged the items to be carried across Germany, it would be Zermelo-Fraenkel they’d be using.

But most bulky things I hadn’t tagged. Clearly, if you’re this kind of customer you’re asking for mereologists. And mereologists they were!

Mereology is a talent, not a theory. To say the least, they were talented people.

Mereolinguistics

DEUTSCH: NORMALSCHRIFT

ENGLISH: ITALICS

Die erste Bedingung zum Verständnis eines Satzes, eines Textes, einer Kultur, ist die Sprachkompetenz.

The first condition to understand a sentence, a text, a culture, is the ability to interpret linguistic signs.

WP_003115

Die zweite Bedingung ist die kritische Hinterfragung des prima facie-Verständnisses.

The second condition is to reflect on what you understood prima facie.

WP_003116

Die dritte Bedingung ist die Kontextualisierung in einem breiten Kontext.

The third condition is to set the signs in a broad context.

WP_003117

Eine Wahrheitstheorie muss kontextualisieren. Aber dann bezieht die Wahrheitstheorie pragmatisches Allgemeinwissen mit ein: Wissen darüber, was ein Schild ist; was es heißt, dass die Buchstaben alle dieselbe Farbe haben usw.

A theory of truth must be able to contextualize. But then, a theory of truth involves pragmatic encyclopedic knowledge. Knowledge about inscriptions and about letters having the same colour etc.

Allerdings konnte ich letztes Wochenende feststelen, dass die Hütten nahe Kitzbühel in Wirklichkeit sehr gute Tavernen sind! Das heißt, dass der Pragmatismus Teile der obigen Inschrift als für sich bedeutungsvoll anerkennen muss unabhängig von der Bedeutung der Inschrift als Ganzes. Ist das keine Paradoxie?

However, during the weekend I had the opportunity to find out that the mountain cabins in this Austrian national park are in fact very good taverns! Which means that pragmatism has to take a part of the inscription above to have a meaning in its own right, independently of the meaning of the inscription as a whole. Isn’t this a paradox?