An open letter to a friend who needs to know why politics is not possible-worlds ontology

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Lieber Freund,

was Deine Gedanken heute sind, im ganzen Medienrummel um Deine Person, weiß ich nicht – jahrelang haben wir nicht miteinander geredet – aber man braucht mit Dir nicht zu reden, um zu wissen, dass Dein Artikel zum Solidaritätsbegriff, den Du in Erkenntnis publiziert hast, gleichzeitig Deine beste philosophische Arbeit, einen Pfeiler Deines ökonomischen Denkens zeigt. Was Deinen anderen Erkenntnis-Artikel zum postmodernen und zum hegelschen Rationalitätsbegriff anbetrifft, so haben wir seit Unzeiten philosophische Geschmacksdifferenzen – aber wir müssen schließlich nicht einer Meinung sein.

Zurück zur Solidarität: Dass solidarisches Verhalten rational ist, ist eine wunderbare Idee, auf die nicht zuletzt die gesamte evolutionäre Religionstheorie zurückgreift: Wenn Altruismus keinen Evolutionsvorteil dargestellt hätte, wäre es auch areligiösen Gesellschaften gelungen, langfristig überlebensfähig zu bleiben. Aber es gibt keine areligiösen Gesellschaften. Also…

Die Solidarität ist ein kooperatives Spiel im Sinn der Spieltheorie – das ist eine Lehre aus Deiner Analyse. Kooperative Spiele setzen allerdings voraus, dass die Spieler aufeinander eingehen wollen. Ansonsten haben wir es mit nichtkooperativen Spielern zu tun, die nichtkooperative Spiele spielen – die auch in Ordnung sein können. Kant sprach von der Pflicht als Handlungsmotiv, gleichzeitig aber von der „ungeselligen Geselligkeit“, die ebenfalls als Motiv zur Pflichtausübung in Frage kommt – aus Eigeninteresse.

Genau mit geselligen Egoisten hast Du es jetzt zu tun. Um mit ihnen was in Bewegung zu setzen, musst Du zwei Sachen beachten:

Erstens ist die Politik keine wissenschaftliche Konferenz, in denen wir mittels rhetorischer Übertreibungen ein formalisiertes Theorem denen beibringen, die den Formalismus nicht verfolgen konnten. Es gibt in der Politik keinen Formalismus auf den der Gesprächspartner zurückgreifen kann („Ach das hat er gemeint. Ich habe ihn missverstanden!“) und deshalb wird unkonventionelle Rhetorik (wie Deine, OK?) in der Politik mittelfristig bestraft.

Zweitens kann man aus geselligen Egoisten keine solidarischen Weltbürger machen, wenn sie das nicht wollen. Viele Nationalismen ergeben keinen Internationalismus. Die EU ist die EWG unter einem anderen Namen. Nimm, also jetzt, was sie Dir geben und pfeif auf diese bodenlosen Pläne zu einer internationalen Konferenz, da „eine andere Welt möglich sei“. Deine neuen Freunde, die Dir ans Herz legen, für so etwas zu plädieren, sind nicht seriös! Sie sind keine seriösen Menschen! OK?

Der Grund dafür:

Sicherlich werde ich oft versucht haben, Dir zu erklären, dass eine andere Welt zwar möglich ist, gleichzeitig sind aber auch unendlich viele andere Welten möglich.

Inwiefern ist das nun für die Politik von Belang?

Dein S.

HPIM0756

Dear friend,

since we haven’t talked for ages I have no idea what your thoughts are. And I doubt whether you would tell me after the media are so hungry for interpretations. They would need no interpretations, however, to conclude that the pillar of your economic thought is the concept of solidarity on which you’ve written this Erkenntnis paper – in my view your best philosophical piece. Your other Erkenntnis article on postmodern and Hegelian rationality is not my taste but we don’t have to agree on everything, isn’t it?

Back to solidarity: solidarity is rational. The whole evolutionary theory of religion focuses on this. If altruism were no evolutionary advantage then there would be a-religious communities which would have been able to survive and remain so in the long run. But, there are no a-religious communities. Therefore…

One thing to learn from your analysis is that solidarity can be expressed in terms of cooperative games. Cooperative games presuppose, however, that players are willing to cooperate. What if they’re not? Well, they can play non-cooperative games – which doesn’t mean necessarily that they have a conflict. Kant spoke of duty as motivation for morality, however he also said that „unsocially social“ individuals can also fulfil duties out of selfishness.

You deal with selfish social beings, my dear! In order to make them do things, you have to pay attention to the following:

First, politics is not a scientific conference in which you can use rhetorical exaggerations in order to make those who didn’t follow your formalism understand the content of a theorem. There is no formalism in politics for the others to realize „Oh, this is what he meant“. Unconventional rhetoric (your rhetoric, alright?) can be a major risk.

Second, you cannot make angels of solidarity out of selfish social beings if these want to remain the way they are. Many nationalisms do not make an internationalism. The EU is the EEC by another name. Therefore, take now what they’re giving you. Your new friends who insist that „another world is possible“, those who insist that an international conference could make this other world happen are not serious. They’re no serious people, alright?

This is for a simple reason:

I think I’ve told you a couple of times that this other world is possible. However, to be more precise, the worlds which are possible are infinitely many.

Now, why is this important for politics?

Yours

S.

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Nothingness does exist

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An der endgültigen Fassung dieses Artikels zur „Landschaft“ einer möglichen Welt arbeite ich, die nichts Konkretes enthält. Es ist unvorstellbar, wie viele Dinge in dieser Welt müssen definiert werden können (Mengen, Zahlen, semiotische Systeme), selbst wenn sie keine konkreten Individuen „beherbergt“.

Wie immer, wenn ich an einem Artikel arbeite oder darüber nachdenke, fragt die Familie „Was ist das, worüber du gerade nachdenkst?“ und ich antworte „Nichts“.

Diesmal ist diese Antwort sogar wahr!

Ich habe leider kein Bild für diesen Beitrag anzubieten. Die Aufgabe, das reine Nichts zu fotografieren, reizt mich zwar, aber wirklich gewachsen bin ich ihr doch nicht…

ENOUGH WITH SCROLLING

I’m working on the final draft of this article on the „landscape“ of a possible world which doesn’t contain anything concrete. One cannot imagine how many things can be defined in it (sets, numbers, semiotic systems) even if it is devoid of concrete individuals.

Like always when I think or work on an article, my family asks: „What’s going through your mind right now?“ and I answer „Nothing“.

Which – this time – is true…

There’s no picture for this post, I’m afraid. I find the task of taking a picture of nothingness demanding, but it beats me.

From now on, also logicians have a reason to respect the ten commandments

Here’s the story:

Sophia

Logiker haben ab sofort keine Entschuldigung mehr, wenn sie die zehn Gebote übertreten. Vgl. meinen Artikel im neuesten Heft von Sophia.

Explain your kids what metaphysical necessity is. Or something like this.

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Die Stelle, an der die Isar und die Amper zusammenfließen, ist, obwohl mit einer Brücke und Bahngleisen der Natur mit Gewalt entrissen, immer noch inspirierend.

Dort fragte ich meine Töchter:

– Was ist schwieriger: Wenn ich die Flüsse flussaufwärts fließen lasse, oder wenn ich mit einer Handbewegung die Amper zur Isar mache und die Isar zur Amper?

– Letzteres!

Dann erhob ich die rechte Hand, bewegte sie irgendwie komisch, sprach irgendwas, was nach einer magischen Formel klang, und verkündete in feierlichem Ton:

– Bitteschön! Jetzt habe ich die Amper zur Isar gemacht und die Isar zur Amper!

Trotz der Bitte der Kinder konnte ich gegen physische Notwendigkeit nicht das Wasser zurück in die Alpen fließen lassen. Aber ich konnte immerhin so tun, als hätte ich gegen metaphysische Notwendigkeit die schwierigere Aufgabe vollbracht.

Falls damit keine bloße Umbenennung gemeint ist, ist die Aufgabe, beide Flüsse ineinander zu verwandeln, damit gleichzusetzen, dass an Stelle der Isar ein Fluss fließt, der die essentiellen Eigenschaften der Amper hat (die haecceitas oder das tode ti, der Amper) und umgekehrt. Das ist ein Fall von metaphysischer Unmöglichkeit: von etwas Unvorstellbarem, das sich aber widerspruchsfrei ausdrücken lässt.

Zum Vergleich: physisch Unmögliches ist vorstellbar und lässt sich widerspruchsfrei ausdrücken. Logisch Unmögliches ist unvorstellbar und lässt sich nicht widerspruchsfrei ausdrücken.

Mein Eindruck ist, dass alles metaphysisch Unmögliche nichts anderes ist als logisch Unmögliches unter der Annahme der Wahrheit von bestimmten nichtlogischen Prämissen. Das wäre allerdings das Thema eines Vortrags für Erwachsene, keines Gedankenspiels für Kinder.

Amper Isar

Though disfigured with a bridge and railway tracks along the left riverbank, the confluence of the Isar and the Amper is an inspiring place.

This is where I asked my daughters:

– What do you think, what is more difficult: to make the two rivers change direction or to wave my hand and make the one river become the other?

– Make the one become the other!

I waved my hand, spoke something that sounded like magical words and announced:

– Here you are! What used to be the Isar is now the Amper. And what used to be the Amper is now the Isar!

They asked me to make the other trick as well: make the waters change direction back to the Alps. Unfortunately, I was unable to fulfil this demand – or any other demand against physical necessity. But at least I was keen enough to fulfil a much more difficult task against metaphysical necessity.

If no simple renaming is meant by it, making the Isar become the Amper and vice versa is equivalent with making a river with the essential properties of the Amper (the haecceitas or the tode ti of the Amper) take the place of the Isar and vice versa. This case of a metaphysical impossibility is unintelligible but one can express it without a formal contradiction.

Compare with it physical and logical impossibility: the former is intelligible and one can express it without a formal contradiction. The latter is unintelligible and one cannot express it without a formal contradiction.

My impression is that metaphysical impossibilities are logical impossibilities under the assumption of certain nonlogical premises. This, however, would be rather the topic of a lecture for grown-ups than a puzzle for children.