Agnus dei et idea leporis

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Wer irgendwo im Gebiet zwischen Basel und Freiburg wohnt und Lamm- oder Ziegenfleisch kaufen will, ist gut beraten, in der Markthalle von Mulhouse einzukaufen. Das klingt wie ein Werbespot, ist aber der Beginn unserer jüngsten theologischen Familiendebatte. Da der heutige Ostertag nach dem julianischen Kalender nahte, wollte ich jedenfalls obigem Rat folgen.

Theologisch gesehen war meine Position, Lamm zu kaufen, fundiert, finde ich: Zu Ostern töten wir den “agnus Dei qui tollit peccata mundi“, um ihn symbolisch zu uns zu nehmen. Voller Schuld daran, nach vierzigtägiger veganer sowie Krusten- und Weichtiere-Diät Fleisch zu essen, wollen wir Versöhnung. Bringt uns das nicht etwa bei, Tierleben zu schonen und reflektierter zu essen?

Zunächst fragte ich die Verkäuferin also, ob das halbierte, kleine Jungtier da – wir brauchten nicht viel, wir haben niemanden eingeladen, als ich die Osterfeste in München mit fünfzig Gästen feierte, musste ich am nächsten Tag nicht unterrichten – ein agneau war, ein agnus.

Daraufhin äußerten meine Kinder den Wunsch, Hasen zu essen. Das irritierte mich. Der Osterhase ist doch germanisch, wandte ich ein, wir feiern nun die Auferstehung in orthodoxer Tradition. Ein Hase komme an unserem Osterfest nie auf den Tisch.

Da fühlte sich die elsässische, alle Sprachen der Region beherrschende Verkäuferin berufen, uns aufzuklären, das sei “ein Kitz, ein chèvreau” (damit war meine Agnus-Dei-Symbolik dahin), außerdem könne man von Hasen nicht reden: “Da wilde Haas, le lièvre” dürfe erst im Oktober wieder gejagt werden, das sei ein lapin. Damit war auch die von mir unterstellte germanische Osterhasensymbolik dahin.

Es ist bitter, einen Argumentationskampf gegen Gemeinplätze zu verlieren. Die Situation glich der Niederlage des FC Barcelona gegen Steaua Bukarest in jenem legendären Endspiel für den Pokal der Landesmeister… Im Nachhinein finde ich, dass ich nicht klein beigeben durfte. Ein chèvreau steht näher zum agneau als ein lapin, was seinerseits eine Nähe zur elsässischen (und sonstigen germanischen) lièvre-Symbolik hat.

Seit Theodor Studites im 9. Jh. lautet die orthodoxe Lehre zum Symbol einer Person, etwa zu einer Ikone, diese sei nicht die abgebildete Person, könne aber an ihrer Stelle verehrt werden, denn die abgebildete Person die Ursache des Abbildes sei. Zicklein haben eine größere genetische, damit ursächliche Ähnlichkeit zu Lämmern als Kaninchen. Also…

Nach Descartes kann die idea leporis, die Hasenvorstellung, zwar unabhängig von der Existenz des Hasen sein, so dass man im Endeffekt alles mit allem symbolisieren kann. Allerdings soll man dabei aufpassen, keine unklaren oder diffusen Symbole zu benutzen. Solange Vorstellungen clarae et distinctae sein müssen, können cuniculi wie lepores nicht den Agnus Dei symbolisieren.

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The marketplace of Mulhouse in France is the best place to buy lamb or goat also if you happen to live between Basel in Switzerland and Freiburg in Germany. This sounds like a commercial but it was the beginning of a theological dispute with my family.

Today, according to the Julian calendar, is Easter. The Greek custom is to eat lamb and the hymn “Agnus Dei qui tollis peccata mundi” (we sing it in Ancient Greek of course) guarantees that you will feel guilty for eating meat after forty days of vegan diet plus molluscs and crustacea. You will feel guilty for existing at the lamb’s expence. After this you seek atonement. This can teach you to be more modest when taking the death of other creatures as a consequence of your own living.

Like Strasbourg and Colmar, Mulhouse is in the region of Alsace. Alsatians (that is: real Alsatians) speak French of course but they also speak Alsatian, a German dialect nearly incomprehensible to normal speakers of standard German. And in some cases they can understand standard German. If they want to… This butcher wanted to.

She wanted to intervene into my family’s debate carried out in standard German, me saying: “What? A hare you want me to cook on Easter? Now, let me put things clear: The easter bunny is Germanic. Proof: the only place they have it in France is Alsace. We celebrate an orthodox day. There is a symbolism in having lamb.”

Well, she said, the halved animal I wanted to have was a goat, not a lamb. So no Agnus Dei symbolism there. And the animal which my family had spotted instead was a rabbit, not a hare. So, no Germanic symbolism here. Hares are protected until October.

The more trivial this last piece of information was, the more bitter it made losing the argument on its behalf. It felt like FC Barcelona’s defeat to Steaua Bucharest in this one European Champions’ Cup final decades ago.

Since Theodore of Studion, a Byzantine theologian of the 9th century, the Orthodox view on symbols is that representations of persons, say icons, on one hand and the represented person on the other may, of course, not be confused except of one and only attitude towards the icon: i.e. veneration. Theodore argues here with the causal relationship between the representation and the represented. Now, I do see a causal relationship between a goat and a lamb and one that is closer than the other between a rabbit and a lamb. Not to mention the causal relationship between a rabbit and a hare which is certainly closer than the one between a goat and a hare. So, if for the sake of symbolism you do not want a lièvre, a lepor, a haas, a hare but an agnus for God’s sake, and you do not have the opportunity to get a lamb, a goat is its next kin.

This was not the kind of argument I could bring in a butcher’s shop…

Of course, there are authors who have more elaborated arguments on this. Take Descartes. As if he had predicted my problems with Germanic hares on Easter, he said that the idea leporis is independent from the existence of the hare. In a way, you can take anything to symbolise anything else. A symbol of a hare does not have to look like one and, accordingly, a symbol for the Agnus Dei does not have to be an agneau or a chèvreau or any other ovine.

Well, yes, this is true. But also Descartes would demand the ideas to be clarae et distinctae. Animals like cuniculi and lepores would have to symbolise just the Agnus Dei and nothing else on the liturgical level. And this is not the case.

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Teaching them what it is to teach one what to do

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Von Halle an der Saale vermisse ich meine Ethikstunden am allermeisten. Damit beabsichtige ich keinen Vergleich mit dem zu machen, was ich in Basel tue, denn hier unterrichte ich das Fach nicht.

Selbst dann wäre es nicht dasselbe… In der ehemaligen DDR – alten Lesern dieses Blogs brauche ich wohl nicht zu erzählen, wie mein Herz für die neuen Bundesländer schlägt, um weiterhin so zu schlagen, so lange ich lebe – bedingten die historischen Erfahrungen ein ungewöhnliches Reflexionsniveau und zwar auch bei jungen Menschen. Ich weiß noch die Namen von ein paar Teilnehmern meiner Stunden, ab und zu erfahre ich, was sie tun. Ich mag sie als Denker, als Macher, als Menschen.

Ich brachte ihnen bei, dass die Ethik ein Spiel ist. Kein Spiel im Sinn der Spieltheorie, auch keines in Wittgensteins Sinn. Spieltheoretische Überlegungen kamen nur in den Besprechungen des Konsequentialismus zum Zug – aber es gab noch Tugend- und Pflichtethik. Insbesondere wollte ich sie einsehen lassen, dass Menschen, von wenigen, von Philosophen gern benutzten Fällen abgesehen, normalerweise ethische Intuitionen haben, die ein Gemisch aus allen verschiedenen Ansätzen der Moraltheorie voraussetzen. Zwar gibt es die Kantianer, die Aristoteliker, die Utilitaristen und die Fälle, in denen jeder von ihnen Recht bekommt. Aber in unserem Alltag sind wir gleichzeitig alle drei. Reflexion über angewandte Ethik und Religion im Osten Deutschlands machte Spaß und hatte Niveau.

Das erzählte ich meinen Schülern vergangenen Freitag während eines Spaziergangs in Mulhouse. Ich wollte gar nicht über Ethik sprechen, denn, wie gesagt, unterrichte ich das Fach hier nicht. Es kam so: Die Dame, die mir einen Kaffee machte, schaltete vom Französischen ins Deutsche um, nachdem ich etwas nicht verstanden hatte. Einer aus meiner Gefolgschaft meinte daraufhin, es solle mir nicht peinlich sein, schließlich seien meine Versagen in einer anderen Sprache viel peinlicher. In welcher denn? Im Schweizerdeutschen! Denn ich habe gesagt gehabt “en Gfalle doe”. Aber “doe” klinge schriftdeutsch wie nochmal was – korrekt schweizerisch heiße es “en Gfalle mache”!

“Machen” klingt mir zu sehr nach Handwerk, nicht nach Willensfreiheit, aber meine zu Lehrern mutierten Schüler blieben hart: “Nei, “doe” isch hochgstoche und frembd”. Es war mir plötzlich klar, wieso ein als Peter Bieri ausgewiesener Philosoph, dessen alter ego, Pascal Mercier, ein noch ausgewiesenerer Literat ist, seinem Buch über Ethik den Titel gibt: Das Handwerk der Freiheit. Er ist ja Schweizer.

In seinen Vorlesungen des akademischen Jahres 1930 (Titel: Vom Wesen der menschlichen Freiheit. Einleitung in die Philosophie) meinte Heidegger, dass zwei Sprachen die philosophischsten sind: das klassische Griechisch und “Meister Eckharts und Hegels Deutsch” (vgl. Gesamtausgabe, II. Abt.: Vorlesungen 1923-1944. Bd. 31. Hg. v. Hartmut Tietjen. Frankfurt a.M.: Vittorio Klostermann, 2. Ausgabe, 1994). Was den Unterschied zwischen “prattein” und “poiein” anbetrifft, hatte Heidegger sicherlich recht.

Halle ist preussisch… Der dortige Akzent ist zwar ein Horror, aber keine Frage: Es handelt sich um ein philosophisches Deutsch, um die Sprache Kants, Hegels und Schopenhauers…

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What I miss most from Halle are my ethics classes. This is not to be juxtaposed with my classes in Basel because here I simply don’t teach the subject.

But even if I taught it… I mean, in the recent history, East Germany has had so extraordinary experiences that the level of reflection there is very high. I still remember some names of some students, I also learn what they’re doing, at least some of them. I was teaching them ethics as a game. Not in Wittgenstein’s sense – I think I never mentioned him there – and only partially in the sense of game theory. Game theoretical considerations played a role only in my discussion of consequentialism, and I’ve been also doing virtue ethics and deontological ethics. Some of them had an extraordinary ability to analyse these most common cases in which, to reach the intuitively plausible solution of a moral dilemma, you had to make acrobatics from theory to theory rather than to apply a unique among them. Yes, doing applied ethics and religion in the east part of Germany was hot like hell and cool like paradise – or vice versa, I don’t know exactly.

During a walk in Mulhouse, France, I was telling this the students I have now. Since, as I said, I don’t teach ethics here, this was spontaneous. It all had begun with the lady who brought me a coffee, She had had to switch from French to German while talking with me because I had asked her to repeat something. One of the students remarked that I shouldn’t be particularly ashamed for my bad French because there is a language I’m even worse in than in French: Swiss German. I had said the other day something to the effect of “do me a favour” and one can say in Swiss German only “to make”, not “to do”, the latter being a standard German, not a Swiss German verb.

To me, “to make” is what you can say in terms of handicraft, not in terms of volition and morals. But there is this internationally known Swiss philosopher who thinks that ethics is a handicraft. His opinion has always been a riddle to me because, probably, he doesn’t mean to provoke and he doesn’t mean to say something utterly false – but effectively does both. My students now, although they don’t know him, explained to me that it is a part of the Swiss linguistic code to speak of what you make, never of what you do.

In his Vom Wesen der menschlichen Freiheit. Einleitung in die Philosophie, being the script of his lectures in the Summer term of the year 1930 at Freiburg, Heidegger claimed that teaching philosophy presupposes a training in Classical Greek or Prussian German (cf. Gesamtausgabe, II. Abt.: Vorlesungen 1923-1944. Vol. 31. Ed. by Hartmut Tietjen. Frankfurt a.M.: Vittorio Klostermann, 2nd edition, 1994). At least in the point of the difference between “prattein” and “poiein” he was right.

Oh yes, Halle is Prussia… The accent is a horror, of course, but it is philosophical German, the language of Kant and Hegel and Schopenhauer…