Mein Verleger über mich und andere Familienmitglieder

Well, I’m afraid, that has to remain in German: my publisher’s interview with the Börsenblatt des deutschen Buchhandels on the house, the concept, the plan…

…and the clan:

Uli Mai 2017

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Um Gott’s Wui’n

 

🇩🇪🇦🇹🇨🇭 Es ist so diskriminierend. Es ist so deprimierend. Um Gottes Willen…
🇬🇧🇺🇸🇨🇦🇮🇪🇳🇿🇦🇺 It’s so discriminating. It’s so degrading and sad. For God’s sake…

Ettal Winter 2016

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Vergangenen Samstag fand das Ettaler Oberseminar statt, zum ersten Mal ohne Hans Burkhardt, seinen Initiator vor vielen Jahren und patrem nostrum omnium. Christina Schneider (LMU und Hochschule für Philosophie) und ich übernahmen die Leitung und wir haben vor, zweimal im Jahr dort zu tagen. Für diese Sitzung hatte sie Ludwig Jaskolla (Hochschule für Philosophie) mit einem Vortrag über „Das dynamische Selbst“ eingeladen. Jörg Noller (LMU) war mein Gast und er trug über „Personale Lebensformen“ vor. Sein Untertitel lautete: „Zur Identität von Personen jenseits von Animalismus, Bewusstseins- und Konstitutionstheorie“. Beide Vortragenden sind untereinander bekannt, sie arbeiten beide über das Thema personale Identität und verfechten in ihren Habilitationsprojekten eine Abkehr vom Substanzialismus.

Ich habe mich bisher sehr wenig mit der zeitgenössischen Debatte zum hard problem beschäftigt, aber dieses Wenig zusammen mit meiner mittelalterlichen Lektüre sowie meiner eigenen Introspektion als Person – was ich jetzt beinahe vergessen hätte 🙂 – lassen mich vielleicht auf etwas altmodische Weise glauben, dass das Bewusstsein eines jeden auf der Selbstbezüglichkeit einer Substanz fußt. Nun haben beide, Noller und Jaskolla, sympathische antisubstanzialistische Ansätze zu bieten, mit denen selbst der Substanzialist leben kann. Noller meint, dass es die Lebensform ist, was ein Wesen als eine und zwar diese Person auszeichnet. Jaskolla meint, dass Nollers Lebensform als Kriterium des Personenseins nicht ausreicht, um Probleme wie Parfits Gedankenexperiment der Duplikation von Personen auf Molekularebene plausibel zu interpretieren. Ich glaube allerdings, dass das parfitsche Gedankenexperiment kein großes Problem für Nollers Argument darstellt. Fragen wir vielleicht eine Mutter vor der Herzoperation ihres Kindes, ob sie lieber das parfitsche Original als ihr Kind ansieht, oder lieber das parfitsche Duplikat mit geflicktem Herzen. Was sieht sie als ihr Kind an? Natürlich das Original und zwar aus Gründen der Kausalität: Sie hatte das Original und nicht das parfitsche Duplikat im Bauch. Das Duplikat ist eine andere Person.

Auch an dieser Stelle möchte ich betonen, wie froh und dankbar wir sind, dass wir in den Personen des Ettaler Abtes, P. Barnabas Bögle OSB, sowie P. Raphael Muhrs zwei Fachkollegen gefunden haben – sie haben beide Philosophie studiert – die ihre Gastfreundschaft als eine selbstverständliche Benediktinerpflicht gegenüber der Wissenschaft verstehen.

Außerdem bin ich Christina Schneider für ihre Bemühungen dankbar, die uns allen die Fahrt nach Ettal ermöglichten. Damit nicht genug bin ich ihr dankbar, weil sie während der Diskussion meinen Standpunkt zu Privation und mehrwertiger Logik verteidigte. Ohne sie wäre mein Argument zur Privation mangelhaft geblieben und ein mangelhaftes Argument zur Privation lehrt uns nichts über die Privation, sondern es ist bestenfalls ein gutes Beispiel einer Privation.

Im Anschluss erreichte mich eine Email von Christina. Unter anderem fragt sie mich, warum sich Logiker immer streiten müssen. Das weiß ich nicht, dadurch komme ich aber auf meinen letzten Dank für heute: Danke an die Diskutanten! Ohne sie hätten wir gar nicht streiten können. Und wir wissen ja: Es war oft der schöne Streit über Begriffe, der am nächsten Tag fruchtbar für unser Schreiben war, die Eintracht, die dagegen furchtbare Resultate hervorbrachte.

Vielleicht ist das die richtige Antwort auf die gestellte Frage.

Ettal Empfangsraum

Enough with scrolling

The Ettal master class took place last Saturday – for the first time without Hans Burkhardt, the man who initiated it back in 1997 as his – back then – Murnau master class. From now on, Christina Schneider (LMU Munich and Hochschule für Philosophie) and myself will be organizing this twice a year. This time Christina invited Ludwig Jaskolla (Hochschule für Philosophie) for a talk on „The Dynamic Self“. My guest was Jörg Noller (LMU Munich) who presented a paper on personhood as a form of life. Life form is Noller’s alternative to moral approaches to personhood (e.g. the animal-rights debate), further to consciousness-focussed theories and the personhood-as-a-construct debate. The two guests know each other and have similar views on personhood.

My only expertise in personhood is based, I suppose, on the bare fact that I am a person myself and this experience makes me propagate the view that my personhood stems from a substance: my substance. This is as old-fashioned as it can be and is probably backed by the fact that I’ve read only the basics of the contemporary hard-problem literature and many many medieval sources on personhood. Nevertheless, I found Noller’s and Jaskolla’s modern stories interesting. Noller thinks that X is a person if and only if X conducts a certain form of life. Jaskolla thinks that Noller’s form of life is not sufficient to form a criterion of personhood and, in Ettal, he pointed to Parfit’s thought experiment of teletransportation in this context. For myself, I think that the importance of Parfit’s thought experiment is overestimated. If we ask a mother who hears that her child has to go through a heart operation whether the original or Parfit’s duplicate with a mended heart would be her child, her answer would be that the only person of the two who is her child is the ill one. Causality would be her criterion for this: the ill child is the one she had in her womb.

Anyway, today I want to express my gratitude to the abbot of the Ettal monastery, father Barnabas Bögle OSB, as well as to father Raphael Muhr, both philosophers, for what they called their typical Benedictine hospitality towards letters and science.

And my gratitude goes also to Christina Schneider who did so much to enable the continuation of Hans’s master class. And, of course, I want to thank her again for defending and completing my argument on privation and multivalued logic. You see, an incomplete argument on privation is not something that teaches us much about privation but, rather, a case of privation. Thanx!

Christina asked me after the event why it is that logicians always have an argument – in the colloquial sense of „argument“ of course. Well, I don’t believe that the colloquial sense of „argument“ is really different from the technical one. And since the dispute got heated only during the questions, this is an important reason to say thanks to all participants – really tough dialecticians who enjoyed and made me enjoy discussion last Saturday.

Fest

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Es ist also fest. Am 30. Januar 2016 wird es zum ersten Mal ohne Hans Burkhardt stattfinden, das Oberseminar, das vor einer gefühlten Ewigkeit in Murnau begann.

Wie seit Jahren üblich wird es in der Benediktinerabtei Ettal stattfinden. Christina Schneider und ich treten in die Rolle der Veranstalter. Die Schnittstelle von Ontologie und Logik bzw. Logikgeschichte wird wie gewohnt angesprochen werden. Die Vortragenden werden eine interuniversitäre Gruppe sein: LMU, Hochschule für Philosophie München, Uni Erfurt. Offiziel handelt es sich um eine Lehrveranstaltung der LMU.

Die Teilnehmerliste ist für jetzt voll. Wer allerdings im Sommer ein Projekt zu Ontologie in ihrem Zusammenhang mit der Ethik präsentieren möchte, sollte uns schon jetzt kontaktieren. Barocke Empfangsräume sind nie zu groß.

Derselbe Schnee wird mehr oder weniger bis Januar dort liegen. An sonnigen Tagen wird etwas davon wegschmelzen, bevor Neuschnee runterkommt. Es verhält sich damit wie mit unseren Projekten, mit unseren Leben, mit unseren Freunden.

Ettaler Parkplatz

ENOUGH WITH SCROLLING

It’s fixed: Hans Burkhardt’s master class  that started in Murnau some millions of years ago will meet on January 30, 2016 for the first time without its founder. 

For years now, it has been taking place in the Benedictine abbey of Ettal – and this is where it will take place again. Christina Schneider and myself are the organisers. The interface between ontology, logic and its history will be discussed again. The speakers will be from several universities: LMU Munich, Hochschule für Philosophie Munich, University of Erfurt. Officially it’s an LMU course. 

The list is closed for now. However, if you want to present a project next summer, this time on ontology and ethics, contact us now. The baroque reception of the abbey is small.

There’ll still be snow in Ettal in January, I suppose. The same quantity plus-or-minus something: sunny days make some melt, on the next day there’s new snow coming. Snow in the Alps is like our projects, our lives, our friends: something’s always left behind, something’s always coming.

Social engineering

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Vor einigen Jahren machte ich in Brüssel die Bekanntschaft mit dem Ehepaar Klühspies. Sie waren Münchener, wir auch. Der Kontakt blieb erhalten: gegenseitige Einladungen, politische Diskussionen, russische Trinksprüche… Vor zehn Jahren haben wir uns aus den Augen verloren und erst jetzt muss ich wieder an Karl denken.

Karl Klühspies ist Stadtplaner und jemand, der mir demonstrierte, dass durchdachtes Städtebauen philosophische Konsequenzen und Motive hat. Karls wichtigste politische und städtebauliche Arbeit waren die Bürgerinitiativen (Stichwort: Münchener Forum), mit denen es ihm gelang, die Pläne des Münchener Stadtrats zur Betonierung des Leopoldparks, zur Verbreiterung der Tengstraße, zur Verwandlung der Münchener Innenstadt in eine Stadtautobahn rückgängig zu machen.

Sein Ansatz – wohlgemerkt der Ansatz eines Stadtplaners – war durchaus philosophischer Natur: Planung drohe langfristig lebensfeindliche Strukturen zu etablieren; historisch Gewachsenes ermögliche menschenwürdigen Lebensraum. Das Ziel einer Planung, die historisch Gewachsenes respektiert, müsse das Miteinander vieler Gesellschaftsschichten und -klassen in einem Viertel, das Einhergehen von Natur und urbanem Raum sein. Das ließ sich kurz und prägnant in ein paar Geboten ausdrücken: Keine Stadtviertel nur für Weißkrägen, keine Stadtviertel nur für sozial Schwache, kein Jogging, weil jeder schließlich einen Garten oder Innenhof hat, wo Klettern und Umgraben möglich ist.

Was allerdings in den 70ern unwirtschaftlich erschien – der Erhalt alter Bausubstanz und Strukturen – schaffte Werte ab den 90ern: Schwabing und die Schwanthaler Höhe, gerade durch Karls Philosophie von der finanztechnischen Raison gerettet, wurden gerade deshalb teurer, anschließend nach und nach von sozial aufstrebenden Betriebswirten, Medizinern und Informatikern erobert, das Bildungsbürgertum, die Arbeiter, die Künstler wanderten nach Hasenbergl und Feldmoching aus. Die soziale Monokultur, vor der Karl eindringlich gewarnt hatte, errang doch noch den Sieg.

Ich muss wie gesagt an ihn denken in der letzten Zeit. Nicht wegen des Prozesses, den ich gerade schilderte. Der ist längst vollzogen und wir haben ihn auch gemeinsam beweint. Der Grund, aus dem ich letztlich an Karl denken muss, ist vielmehr ein aktueller – das Hallenser Paulusviertel: ein erschwinglicher, innenstädtischer Raum, in dem das Bildungsbürgertum seinen Platz neben Theatern und Uni erhält und Studis und Proletarier kleine und gute Altbauwohnungen aus der Gründerzeit beziehen können.

Die Städte, die ihrem Namen eine Ehre machen, d.h. die Diversität und soziale Mobilität ermöglichen – die gibt’s noch. Für das, was in den letzten Jahren aus Schwabing und dem Prenzlauer Berg wurde, muss freilich noch ein Name gesucht werden. „Euro-Palanka“ vielleicht? Nur so ein Vorschlag…

GütchenstraßeENOUGH WITH SCROLLING

In Brussels, many years ago I met two very interesting people whose names were mr. and mrs. Klühspies. They lived in Munich and so did we. Invitations, political discussions, humorous Russian toasts until we lost contact about ten years ago. And only now I have to think of Karl again.

Karl Klühspies is an urban planner and someone who showed to me that intelligent urban planning has philosophical consequences and motives. Karl’s main political and planning work consisted in organizing citizens to oppose to plans of the Munich city council in the 70ies according to which parks and alleys lined with trees would be sacrificed to make city highways in the historical heart of Munich.

Karl’s approach had a philosophical constraint. Planning, he thinks, creates new structures that become inhuman in the long run. By contrast, historically developped structures are worthy of giving human beings a place to live. The goal of an urban planning which remains urban, i.e. makes diversity and social mobility possible, is to have members of one social group or class living next door to members of another social group or class.

Let me resume some of the social principles which are present in Karl’s thought: no city districts only for white collars, no city districts only for the socially deprived, no jogging since everyone has a garden to climb on their own trees and to work in their own gardens.

In the 70s, these and such were the principles that preserved architecture and condemned cities to stagnation. Although now Karl managed to save some Munich neighbourhoods from „development“ by propagating these principles, these were later exactly the neighbourhoods that became more expensive and the favourite places for up-and-coming people to live – managers, medical doctors, IT-people. The intelligentsia, the working class, the artists, had to leave. Social monoculture, Karl’s enemy, would win just because the preservation of the historical character of the rescued neighbourhoods would create new values.

The fact that I think of him often lately is not the procedure I just described. Everyone has learned to live with it in the meanwhile. The reason to think of Karl lately is Halle’s St.-Paul’s neighbourhood: the Paulusviertel. It’s an affordable location in downtown Halle, where most of the university and cultural facilities and buildings are situated.

Despite of what it seems when you have the west of Germany in mind, in the east of the country, the cities which deserve being called thus: multicultural urban spaces which make diversity and social mobility possible, are still existing. And, for the sake of justice and linguistic precision, I would suggest the social-monoculture areas that emerged from the 80s on in downtown Munich and Berlin to be called „europalankas“ instead of city districts.

The logic of optatives again

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Langsam wird es zu einer fixen Idee und ich muss mich mit dem Formalismus der Idee endlich beschäftigen: Auch am Samstag konnte ich nicht umhin, über die Logik der Wünsche nachzudenken.

Wir waren im Pink-Martini-Konzert in der Münchener Philharmonie. Philharmonie hin oder her haben wir getanzt. Getanzt hin oder her, musste China Forbes „Let’s Stop Falling in Love“ singen, was zwar nicht zum Tanzen einlädt aber ein grandioser Song ist. Grandioser Song hin oder her hat mich der Text zum Nachgrübeln gebracht:

I wish a falling star could fall forever
And sparkle through the clouds and stormy weather
And in the darkness of the night
The star would shine a glimmering light
And hover above our love

Please hold me close and whisper that you love me
And promise that your dreams are only of me
When you are near, everything’s clear
Earth is a beautiful heaven
Always I hope that we follow the star
And be forever floating above

I know a falling star can’t fall forever
But let’s never stop falling in love

Sie weiß es also, dass Sternschnuppen nicht ewig fallen können und trotzdem wünscht sie es sich. Wünsche sind Möglichkeiten. Dass sie sich das bekannterweise Unmögliche wünscht, ist ein Indiz dafür, dass sie eine multimodale Logik voraussetzt. Das konkretisiert meine bisherigen Vermutungen betreffs Logik der Wünsche.

Ich muss die Zeit finden und eine Monographie darüber produzieren. Die natürlich bei Philosophia München erscheint. Wir haben vor, eine Reihe von Kurzmonographien zu lancieren: zu lang für einen Artikel, zu kurz für ein Buch. Das ist die Chance. Chancen müssen sofort genutzt werden. Dar Fall einer Sternschnuppe kommt ja nur kurz zum Vorschein.

ENOUGH WITH SCROLLING

It takes the dimensions of an obsession and I won’t be relieved unless I’ll write something on the formalism of this obsession. Last Saturday I couldn’t think of anything but the logic of wishes.

We visited the Pink-Martini concert at the Munich Philharmonic Hall. Philharmonic Hall doesn’t mean that we didn’t dance. Dance doesn’t mean that China Forbes didn’t sing „Let’s Stop Falling in Love“, not the best dancing hit but a huge song. Huge song doesn’t mean that I didn’t have to reflect on the logic of the lyrics.

I wish a falling star could fall forever
And sparkle through the clouds and stormy weather
And in the darkness of the night
The star would shine a glimmering light
And hover above our love

Please hold me close and whisper that you love me
And promise that your dreams are only of me
When you are near, everything’s clear
Earth is a beautiful heaven
Always I hope that we follow the star
And be forever floating above

I know a falling star can’t fall forever
But let’s never stop falling in love

She knows obviously that it’s impossible for a falling star to fall forever. However, she still wishes that this would be the case. Wishes are possibilities. Wishing what she knows to be impossible is an indication that she has a multimodal logic in mind. This makes my working hypotheses concerning the logic of wishes much more precise.

I have to find the time and write a monograph on this. It has to get published by Philosophia Munich. We’re about to launch a series of short monographs: too long for an article, too short for a book. This is the chance. Chances must be used immediately. Because falling stars don’t fall forever.

Opening the black box

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Und schon wieder habe ich den Flugschreiber entdeckt.

Der Flugschreiber heißt „black box“ auf Englisch und Verhaltenspsychologen nennen auch die Seele „black box“, meinend: das Undurchsichtige. Letzteres wäre die falsche Assoziation. Mit dem Titel des heutigen Beitrags meine ich eher das Gegenteil. Erinnerungen an liebe Verstorbene sind bei mir wie das Auffinden des Flugschreibers nach einem Flugzeugabsturz im Sinne, dass mir alles viel durchsichtiger, strukturiert, in seiner rechten Ordnung vorkommt. Hier die Witze, da die Bitterkeit, hier die politischen Überzeugungen, da das Persönliche. Das ist mir ein paarmal passiert – ich sehe nicht ein, warum ich schon jetzt Freunde für immer verlieren soll – und es passiert abermals mit meinen Erinnerungen an Hans Burkhardt, der vor einer Woche plötzlich verstarb.

Doppelpromoviert als Mediziner und Philosoph, an der LMU Modalontologie und Leibniz lehrend, in Mereologie publizistisch tätig, für mich war Hans zunächst fachlich, später auch als Freund unersetzlich.

Medizin hatte er im München der 50er Jahre studiert, Philosophie bei Bocheński im Fribourg der 60er. Später schloss er sich dem Erlanger Institut für Philosophie an und verbrachte lehrreiche (in jedem Sinn des Wortes) Jahre just zu der Zeit, als der Erlanger Konstruktivismus weltweit bekannt und von München aus bekämpft wurde. Menschen, die ich in meinen Studentenjahren als graue Eminenzen und lebende Legenden las, waren seine Lehrer oder seine Kommilitonen oder er selber.

Skurrile Geschichten über diese Menschen erzählte er gern, wenn er mal seine Blackbox öffnete: Es waren die Geschichten mit Bocheński in der Rolle des Helden als schrulliger Dominikaner in seinem VW-Bus vor der NATO-Zentrale oder in seiner Mönschskutte im Gespräch mit sowjetischen Diamat-Philosophen. Dann waren die Geschichten mit Paul Lorenzen in der Hauptrolle eines Umwerters aller Werte. Lorenzen, der von Hans mit den Worten zitiert wurde: „Hier machen wir Geometrie, nicht Philosophie“. Warum das ein Witz war, erforderte Insiderwissen. Aus dem Lorenzen-Deutsch wohlwollend übersetzt hieß nämlich diese Aussage so etwas wie: „Hier machen wir konstruktivistische Grundlagen der Wissenschaft, nicht Mystik“. Aber wer Hans kannte, wusste, wie er das Lorenzen-Deutsch verstand. Etwa so: „Hier machen wir konstruktivistisches Abrakadabra, nicht Grundlagen der Wissenschaft“.

Aus den Erlangern war Hans in den späten Jahren nur Wilhelm Kamlah gegenüber noch wohlgesonnen. Kamlah war Wissenschaftstheoretiker und Religionshistoriker – „ein besserer Religionshistoriker als Wissenschaftstheoretiker“. Wie Kamlah, so lehrte auch Hans bis ins hohe Alter. Und wie Kamlah, so respektierte auch Hans die kritisch überdachte Theologie.

Freilich verbesserte die Sympathie für Kamlah nicht das Urteil des Logizisten und Ontologen für den Erlanger Konstruktivismus. Als ich meinen Artikel „The Byzantine Liar“ publizierte, scherzte er, auf die Idee habe man kommen müssen, konstruktivistische Ansätze zur Logik in „byzantinisch“ umzutaufen, um sie lesenswerter zu machen. Es störte ihn an der konstruktivistischen Wissenschaftstheorie die Vermengung von Epistemischem, Heuristischem und Assertorischem – so wie man so etwas von einem Münchener erwartet.

Münchener Linientreue kann ihm aber ebensowenig attestiert werden. „Schelling-Nachfolger“ nannte er scherzhaft die Leute, die nach den 90ern seine Münchener Kollegen waren, wohl wissend, dass das erstens Sprachanalytiker erzürnt; zweitens Schellingianer ebenso, wenn Sprachanalytiker damit gemeint sind.

Wenn du dein ganzes Leben über den Kausalitätsbegriff schreibst und im Vortrag ganz nebenbei zugibst, du weißt nicht, was die Kausalität ist, dann ist das kein Fall des persönlichen Versagens. Es ist ein Fall der schlechten Philosophie.

Hans erforschte, was Erfolgschancen hatte: Mereologische und ontologische Begrifflichkeiten wie „Grenze“ oder „Essenz“ in ihrer Anwendung auf den Organismus und unser Verständnis davon.

– Weißt du, warum es unzählige körperliche Krankheiten gibt, aber unter den Psychosen nur die Schizophrenie und die Depression?

– …

– Schäm‘ dich! Die wichtigste Literatur dazu hast du bereits gelesen und weißt es trotzdem nicht.

– Freud?

– Ach wo! Thomas von Aquin! Die Seele ist einfacher als alles andere. Im Vergleich zum Körper hat sie eben eine einfachere Struktur.

Ich weiß nichts über die Struktur eines Flugschreibers. Ich vermute ein relativ einfach gebautes Gerät, damit es nach einem Absturz intakt bleibt. Ich meine das im Anschluss an Francisco Suárez, der meinte, die Einfachheit der Seele sei ein Indiz für ihre Unsterblichkeit.

Wenn es nicht Hansens Einfluss gewesen wäre, hätte ich nie Suárez gelesen.

hans-burkhardt

I recovered the black box once again.

Now, if you have to think of the behaviorists‘ black-box metaphor for the psyche, this is the wrong association. It’s rather the opposite I mean. Like in the black box after a plane crash, whenever I think of a dear person who passed away, my memories are clear, structured, ordered like a documentary – unlike other memories that is. Here the jokes, there some bad feelings, here politics, there private matters. It has happened a couple of times with my memories of friends after their death – I’m not already in an age in which I would be supposed to start losing friends for ever, am I? – and this is the way I think of past moments with Hans Burkhardt who passed away last Saturday.

Hans was a PhD. in medicine and a PhD in in philosophy, taught at the University of Munich (LMU) modal ontology and Leibniz and published on mereology. All this made him indispensable in my eyes – as a scholar intially, as a friend eventually.

He studied medicine in the 50s in Munich and philosophy in the 60s in Fribourg with Bocheński. Later, in a period very crucial for the positon of the Erlangen constructivism worldwide, for its rivalry with Munich, in a period in which he learned a lot – in every sense of the word – he joined the Lorenzen institute. People whom I read as a student as living legends or éminences grises were his teachers or his colleagues or himself.

He loved tellings stories about these eminent people whenever he opened his black box. Stories about Bocheński as the strange Dominican monk in his Volkswagen bus in front of the NATO headquarters in Brussels or discussing in his cassock with Soviet dialectical materialists. Then, there were the stories about Paul Lorenzen as a revaluator of all values, being quoted with the following words: „We’re doing geometry here, not philosophy“. This was meant to be a joke from Hans’s side. In Lorenzen’s usage namely the benevolent translation of these words would be: „We’re doing constructivist grundlagen here, not mysticism“. Knowing Hans, however, you knew how he translated Lorenzen’s dictum: „We’re doing constructivist hocus pocus here, not grundlagen„.

In the late years of his criticism against the Erlangen program, he had some respect for Wilhelm Kamlah. Kamlah was a philosopher of science and a historian of religion – „better in the role of a historian of religion than in the role of a philosopher of science“. Like Kamlah, Hans taught until very late in his life. And, again like Kamlah, he was sympathetic towards a self-critical theology.

But even when he expressed a sympathy for Kamlah, Hans was too much of a logicist and an ontology scholar to have a positive judgment towards the Erlangen program. When I published my paper titled „The Byzantine Liar“ his joke was that it’s a perfidious idea to rename constructivist approaches to logic „Byzantine“ in order to make them worthier to be read. What annoyed him in the constructivist philosophy of science was the mixing of epistemic, heuristic and assertoric elements – just like any scholar from Munich is supposed to be.

It would be the wrong impression, however, to say that he toed the line of the Munich institute, to which he moved only in the 90s. He called his Munich colleagues „successors of Schelling“ – the joke makes analytic philosophers angry; and it also makes idealists angry when they know that you also mean analytic philosophers by it.

When you occupy yourself for your whole life with causality only to say in passing that you don’t know what causality is, then no personal failure is the issue. In that case, only bad philosophy is the issue.

Hans investigated questions which had in his mind chances to be solved. Lately he was obsessed about mereological and ontological notions like „limit“ or „essence“ as applied on living organisms and our understanding thereof.

– Do you know why we have a very large number of infections but only two kinds of a psychosis: schizophrenia and depression?

– …

– Shame on you! You’ve read all the essential literature on the matter and you still don’t know.

– Freud?

– What are you talking about? Thomas Aquinas! The soul is more simple than anything else. It’s simply of a simpler structure than the body.

I know nothing about the structure of a black box. I assume that it’s a rather simply structured instrument in order for it to remain useful after a plane crash. My analogy to this would be Francisco Suárez’s view that the simplicity of the soul makes it reasonable to assume that it is immortal.

If it weren’t for Hans’s influence, I’d never have read Suárez in my life.