Under too many layers

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Die Nachrichten: Die Hagia Sophia soll wieder eine Moschee werden. Das gibt mir den Anlass, meine Assoziationen zur Kirche (sorry: zum Gebäude) zu schildern. Sie sind mehrbödiger als Baklava und folgende:

Zur Moschee wurde die Hagia Sophia zunächst 1453, als die Stadt (DIE Stadt – urbs) von osmanischen Truppen im Mai überrannt wurde. Zu der Zeit war sie eine römisch-katholische Kirche im Sinne der Kirchenunion von Ferrara-Florenz des Jahres 1439. Die Orthodoxen, diejenigen jedenfalls in der Stadt, die gegen die Union waren, haben sie 14 Jahre lang gemieden, bevor sie zur Moschee wurde. Sie spielten mit dem Gedanken, Hussiten zu werden, egal…

Noch vier Jahrhunderte vorher war in der Hagia Sophia der Philosophenmeister (“hypatos ton philosophon”), Johannes Italos, vom Unterricht am Konstantinopler Hofseminar feierlich suspendiert worden. Wegen Aristotelismus. Und wegen zuviel Logik im Unterricht, wie die Kaisertochter Anna Komnena in ihren Memoiren (Entschuldigung liebe Wertneutralität, wenn ich hinzufüge: schamlos) zugibt. Noch heute wird am ersten Sonntag der Großen Fastenzeit in jeder orthodoxen Kirche der Welt das Anathema gegen die Philosophie wiederholt, das damals dort verlesen worden war. Ungefähr aus derselben Zeit stammt die Nestorchronik, welche die Christianisierung der Kiewer Rus unter Wladimir I. auf die Begeisterung der Kiewer Abgesandten in der Hagia Sophia zurückführt. Hoffentlich nicht während des o.g. Zeremoniells gegen Johannes Italos. Ein Dutzend Jahrzehnte später wurde die Kirche von den Kreuzrittern des Vierten Kreuzzugs geplündert.

Geplündert stand sie weiter, wie sie heute steht. Stehen sollte bald ihr Name, übrigens in der Landessprache als Fremdwort mit der neugriechischen Aussprache erhalten geblieben, auch für die kollektive Entität aller heiligen Menschen. Die göttliche Weisheit: Das sind wir. Dieser, ursprünglich russische, Volksglaube wäre ohne das Gebäude wahrscheinlich nicht entstanden. Auf diesen Glauben ist einer der wenigen Versuche zurückzuführen, aus der Orthodoxie eine moderne Konfession zu machen. Sergej Bulgakov, ein Wirtschaftswissenschaftler und einstiger Weggenosse Lenins, versuchte im Pariser Exil, der Kirche unserer Vorfahren eine christsozialistische Gestalt zu verleihen. Sophiologie nannte er die neue Doktrin. Die Gemeinschaft der Idioten ist weise. Das ist meinerseits nicht ironisch gemeint.

Ja, die Hagia Sophia ist eine grandiose Fortentwicklung des architektonischen Konzepts des Pantheon von Rom; einer Stadt würdig, die Neurom heißen wollte; und – trotz Johannes Italos – Symbol von Weltbürgerlichkeit. Der einstige Notre-Dame-Kanoniker Étienne Tempier, der als Bischof den Aristotelismus im Werk von Thomas von Aquin verurteilte, reicht nicht aus, um die Notre Dame zu blamieren. Die Hagia Sophia ist ebenso resistent gegen in ihr begangene Dummheiten. Das zum einen.

Zum anderen habe ich in keinem Museum der Welt so viele gelangweilte, geistig abwesende Besucher angetroffen, nach dem Motto: “Sie haben alle gesagt, zumal wir hier sind, müssen wir das besuchen. Groß ist es schon…” Oder kennen meine Leser etwa ein Museum in dieser Welt, wo die Kunstwerke nicht bewundert werden? Ich kenne eines: die Hagia Sophia. Das Augenmerk des “Ausstellers” fällt ja nicht auf die Kunst, sondern auf das historische Faktum der Eroberung. (Fremdländische Ansätze der auf Erwachsene abzielenden Museologie können mir vielleicht egal sein. Aber im Sinne der Museumspädagogik: Was ist das für eine Erziehung für die Kinder, die das Museum besuchen?)

Meine letzte Assoziation jetzt:

Es gibt überall zweckentfremdete Gebäude. Ein zweckentfremdetes Gebäude aber, wo der neue Nutzer jahrhundertelang außer Stande war, wenigstens über die Zerstörung hinwegzutäuschen; darüber zu glätten und zu polieren, so dass der Besucher nicht denken muss, dass die Zerstörung zum Stolz des neuen Nutzers gehört – ja, ich war schon in der Mezquita! – hatte ich nie gesehen. Bis ich die Hagia Sophia besuchte.

Und jetzt soll es eine wichtige Nachricht sein, dass sie wieder zur Moschee wird?

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What you see in the two last pictures are marble fencings of the empress’s gallery in the Hagia-Sophia church – oops, sorry: museum – oops again: mosque in Constantinople – oops…

Anyway, you get the idea… The new masters (“new” is more or less a façon-de-parler since they’ve been there since 1453) gouged out the Christian Symbols but left the destruction for everyone to see.

Some amount of destruction is there when you dedicate a building to another purpose than the one it originally served. The Mezquita of Córdoba is a handy example of a mosque that was rendered vice versa to a church with a vast change of the central part of the original structure. However, the new masters there did bother to make the destruction unseen, tried to embed a cathedral into the mosque without the malicious gesture: “Har, har, har: see what I did?” In the Hagia Sophia, the tidying up of the traces of the destruction didn’t happen in the last five-and-a-half centuries. Now, it will become a mosque again. This gives me the motivation to deploy my associations pertaining to the building. They have more layers than the baclava served outside it and are the following:

As I said, the Hagia Sophia was first rendered to a mosque in May 1453 when the Ottoman army conquered the city. When this happened it had been a Roman-Catholic church for 14 years, following the church union of Florence in 1439. The Orthodox, those at any rate who were against the union, have avoided the church and services given in it for a decade-and-a-half before it became a mosque.

Four centuries earlier, the Hagia Sophia had been the site of John Italos’s condemnation. John was an Italian-Norman logician who had the title of the master among the philosophers (“hypatos ton philosophon”). Accused by the emperor’s daughter Anna Comnena of too much Aristotle and logic in classroom, he was removed from office and ceremonially so in the greatest of all churches. Anna Comnena must have been a horrible student. In spite of everything, her style is not devoid of charm and I do have respect for a woman author in the Middle Ages. At the same time, it is disgraceful to make your dad, the emperor, fire the professor whose subject you failed. And then, for all of us, it is even more disgraceful to recite since then, every year on the first Sunday of the Great Lent, in every Orthodox church, for almost one thousand years now, the same anathema against philosophy that was released there and then.

It was the time when the Russian Primary Chronicle ascribed to the impressive church the decision of Vladimir I to have his subjects baptised according to the Byzantine rite. A church which was to be looted by the crusaders a century and something later.

This notwithstanding, its name, still preserved until today as a Greek loan, came up to stand also for the collective entity of all saints: wisdom is sanctity and sanctity is the mereological whole of us all. This, originally Russian, popular faith was arguably inspired by the church of the Holy Wisdom. When Sergey Bulgakov, the economist and philosopher, denounced his former comrades to Lenin’s great bitterness, and attempted from his Parisian parish to renovate Orthodoxy to be a more liberal denomination, he called the new doctrine sophiology – alluding to the aforementioned popular faith. Even if each of us is an idiot, we are wise when taken as a whole.

A bigger Pantheon in a city called New Rome and thereby a symbol of cosmopolitanism in spite of the John-Italos episode. If Étienne Tempier, the bishop of Paris who condemned the Aristoteliansm in Aquinas, is not enough to debase the Notre-Dame of whose chapter he had been the chancellor, then Hagia Sophia remains also undegraded in spite of the unpleasant episodes in it. On one hand…

On the other, in no other museum have I met so many bored people ticking off one more must-see from their tourist guide. Which is quite understandable since the focus of the Hagia-Sophia Museum is not on its art but on the historical event of the conquest. And, I mean, come on: even if I don’t care about the museological concepts in far countries, I am still concerned about the education they give to their children…

This is why I think that rendering the Hagia Sophia to a mosque is not the important news about it.

Transsubstantiatio et transpropertatio

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Die griechisch-orthodoxe Gemeinde in der Schweiz, deren Münchensteiner Sophienkirche ich sehr unregelmäßig besuche, feiert seit Anfang der Corona-Krise keine Gottesdienste. Es ist eine Kirche, wo die Heilige Kommunion typischerweise in beiderlei Naturen und zwar mit einem Kelch und mit einem Löffel gefeiert wird.

Selbst wenn es nicht offen gesagt wird, ist dieser Umstand, die Aussetzung der Gottesdienste, die ratio cognoscendi der Überzeugung, dass der Löffel und der Kommunionswein Covid-19 übertragen kann und dass diese Gefahr unverhältnismäßig groß ist gemessen am Gewinn.

Gerade habe ich allerdings über die Eucharistie im Sinne einer Kosten-Nutzen-Rechnung gesprochen. Da ist bereits ein Punkt, an dem mir viele orthodoxe Christen etwas anhaben würden. Sie würden wahrscheinlich hinzufügen, dass der Kommunionswein keine Krankheiten übertragen kann, nachdem es in Blut Christi gewandelt wurde. Sie würden diesen Ausdruck vor dem üblichen “Transsubstantiation” bevorzugen. Noch übermorgen, am orthodoxen Ostersonntag, würden sie an der Ostermesse teilnehmen und aus einem Kelch mit einem Löffel das Blut Christi zu sich zu nehmen.

Jüngst gab es in Nordserbien sowie in Georgien Fälle, in denen sich die Herde während der Sonntagsmesse außerhalb der Kirche aufhielt, um der Ansteckungsgefahr durch das neue Coronavirus vorzubeugen, allerdings aus einem Kelch und mit einem Löffel Leib und Blut Christi zu sich nahm, als der jeweilige Pfarrer auf den Kirchhof kam. Wahrscheinlich dachten sie, dass es sich bei der Verwandlung der Kirche ins Paradies um eine Metapher handelt, bei der Wandlung des Brotes und Weines in Leib und Blut Christi aber um etwas Physisches. Die Republik Griechenland – das muss ich an dieser Stelle wohl sagen – erlaubte Gottesdienste nur während der Karwoche und das durch den Gemeindepfarrer und ein Chormitglied allein hinter verschlossenen Türen. Es ist eine archetypische orthodoxe Beschuldigung gegen die Westkirchen, dass letztere eine Hostie ohne Eigengeschmack dem Hausbrot vorziehen, um nicht in Versuchung zu kommen, aus den verbliebenen Broteigenschaften wie die Konsistenz und der Geschmack zu schließen, es wäre immer noch Brot, was man zu sich nimmt. Da die Orthodoxen offenbar sehr erfolgreich die sekundären Eigenschaften des Kommunionsbrotes verdrängen, denken sie, dass das keinem sonst gelingen würde, wenn das Brot etwas – sagen wir – säuerlich wäre.

Im Gegensatz zur orthodoxen Haltung: “Es ist kein Brot, es ist kein Wein, es ist nichts von dieser Welt, also werde ich dadurch auch nicht krank” tendieren philosophisch ausgebildete Katholiken zum Nominalismus. Der Trope “Blutchristihaftes” wird immer in der Messe per Umbenennung um einen singulären Kelch Wein angereichert. Wer sich darüber im Klaren ist, wie konservativ das Phänomen Sprache ist, dem erscheint es kaum weniger wundersam, wenn alle auf einmal sowohl ihre Sprache als auch ihr Benehmen an eine Umbenennung anpassen. Aber die Umbenennung schützt einen nicht vor Infektion.

Vor Jahren pflegte ich folgendes Spiel zu spielen, immer wenn ich mit meinen Töchtern auf Fahrrädern unterwegs die Mündung der Amper in die Isar erreichte. Ich erhob meinen rechten Arm – meine Töchter waren noch im Alter, wo sie das witzig fanden – und verwandelte magisch die Isar in die Amper und die Amper in die Isar. Ab sofort war der jeweilige Fluss der andere. Natürlich blieb der linke Fluss – angenommen wir gucken nach Norden – derjenige, der von Dachau kam, der rechte derjenige, der von München und Freising kam – keine Frage! In der Paläogeographie ist es stets das Wasser, das bestimmt, um welchen Fluss es sich handelt, nicht das Flussbett. So blieb z.B. vor Millionen von Jahren ein Teil der Ur-Donau nördlich der Aare trocken. Es war ursprünglich ein Donau-Flussbett. Dass später die Wutach in dieses Flussbett hineingeflossen ist, so dass sie ihren Lauf dramatisch wechselte, bringt die Geologen nicht in Verlegenheit. Vorher Wutach – nachher Wutach, auch wenn die Richtung jetzt eine andere ist, im Flussbett eines vormals anderen Flusses.

Die Orthodoxen verstellen sich, dass die Metaphysik der Namensgebung auch anders sein könnte: am Beispiel bei der Eucharistie. Es ist ein sehr starker metaphysischer Glaube, was hinter der orthodoxen Position steckt und dem Nominalismus eines Denkers trotzt, der lange Zeit an der Isar lebte: Wilhelm von Ockham. Ein gesundheitsgefährdender Glaube in Zeiten von Epidemien ist er auch noch.

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Presently, the Greek Orthodox community of Switzerland whose church of Holy Wisdom in Basel I irregularly visit, has dispensed all services in the aftermath of Covid-19. It is a church that typically practices the Holy Communion from one single cup, with one spoon.

If you do the math you will infer that in times of an epidemic, the parish believes that the – obviously existing – risk to be infected from the Holy Communion is disproportionate to the spiritual benefit – and fairly so.

Some Orthodox however would not only consider it sacrilegious to speak of the Eucharist in terms of a cost-benefit analysis. They would also say that communion wine is not virulent as a consequence of its being rendered to blood of Christ. They would go to church and partake in the Holy Communion with one spoon without realising the risk.

In recent cases in Northern Serbia and in Georgia, the corresponding parishes avoided entering the church out of fear of infection, however they did partake in the Holy Communion from one cup and with one spoon when the priest sought his people outside, in the churchyard. They presumably thought that the transformation of the church into the kingdom of God during the mass is symbolic while the transformation of wine to Christ’s blood is a natural, physical process. To prevent similar situations, the Hellenic Republic allows services to take place during the Corona crisis only in the Holy Week and this behind closed doors, only with one priest and one choir member. Let me just mention here that there are Orthodox who blame Roman-Catholics of preferring consecrated wafers to everyday bread because the latter allegedly reminds of the properties remaining there as before the consecration. Since the properties remaining there is the very idea which the Orthodox repress – and this very successfully – they think that everyone else has issues with it.

In contrast, learned Roman Catholics often come up with a nominalist understanding of the Holy Communion: communion wine is, they’ll tell you, the blood of Christ in the sense that the trope “blood-of-Christ-like” is enhanced with a new individual – a cup of wine. After the transsubstantiation, they’ll tell you, the properties of the wine are remaining because transsubstantiation is only an act of renaming. Ergo, you can be infected.

Years ago, my daughters and I played a game – if you want to call it a game – whenever we journeyed with our bikes along the riverbanks of the Isar until its confluence with the Amper. Reaching the point – the girls were young enough to find this witty back then – I used to raise my right hand and made the one river be the other. But even after I renamed the rivers, the one to the left when we looked northwards was the one whose waters came from Dachau, the one to the right was the one which came from Freising and Munich. I had not changed this, of course. I am informed that in palaeogeography, when a riverbed is dried off and another river finds its way through it, it is the waters, i.e. the new river, which determines which river this is.

The Orthodox pretend during the Eucharist that this could be otherwise. This is a strong metaphysical belief, of course, and a much stronger one than the nominalism launched in Christian faith by a person who was actually very familiar to the river Isar: William of Ockham. But if you are an Orthodox in times of an epidemic, this issue of the philosophy of language can cost you your health.

 

Die Musik und die Botschaft

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Zu meiner Freisinger Zeit konnte sich noch die Sonntagsmessenherde im Dom an meiner Stimme ergötzen. Ebenfalls an den Stimmen des restlichen Chors natürlich, aber in dieser Erinnerung spielt allein meine Stimme eine Rolle.

Es war Winter, vielleicht 2006. Alle zweiten Tenöre bis auf mich hatten an dem Sonntag wunde Lungen, wunde Kehlen oder auch Seelen – jedenfalls musste ich mein Stimmfach allein vertreten.

Und es weiß doch jeder, der die Gesangspartitur von Carl Maria von Webers Messe in Es-dur kennt, dass die Verse des Credo “et ad spiritum sanctum dominum qui ex patre filioque procedit” von den zweiten Tenören allein gesungen werden. Ich muss jetzt eine musikalische Sünde beichten: Wenn die anderen zweiten Tenöre da waren, habe ich beim Wort “filioque” nie mitgesungen. Und das, um einer ekklesiologischen – andere würden sagen: dogmatischen – Sünde vorzubeugen. Wie hätte ich nur als orthodoxer Christ das Paradebeispiel päpstlicher Willkür legitimieren können?

Nun waren aber die anderen nicht da. Also musste ich an der Stelle solo singen und zwar entweder einen Affront im vollen Freisinger Dom wagen (“qui ex paa-aatre procedit” – womit jetzt ehrlich, liebe römisch-katholische und protestantische Leserschaft, das Versmaß endlich nicht verunstaltet wird) oder das “filioque” nach gewohnt papistischer Manier in den Vers hineinzwängen in einer Kirche und auf einem Berg, wo Ratzinger, damals tatsächlich Papst, noch als junger Dozent zu Hause gewesen war.

Ich entschied mich für Letzteres.

Ich entschied mich aber auch, zu Kostas Nikolakopoulos’ byzantinischem Chor zu wechseln, um mit dem eigenen Gewissen im Reinen zu sein. Kostas kannte ich in seiner Eigenschaft als Theologieprof an der LMU. Die byzantinischen Vierteltöne kannte ich auch, nachdem ich das erste Vierteljahrhundert meines Lebens in einem Land verbrachte, wo solche in jeder Kirche – gut, ich meine nicht die katholischen und nicht die evangelischen – gesungen sowie von jedem Handwerker bei der Arbeit gesummt werden – ebenfalls ausgenommen Katholiken und Protestanten. Die Entscheidung für den Wechsel musste allerdings noch etwas reifen – so orthodox bin ich auch nicht. Es musste sich zuerst zutragen, dass ich in einer Generalprobe in der Römer Santa Maria dell’ Anima falsch gesungen habe, da das Programm aus Geiz – kein günstiger Organist zur Verfügung – in letzter Minute gegen mir unbekannte a capella-Stücke ausgetauscht worden war. Ich: “Ihr Geizhälse”, die anderen: “Du nix vom Blatt lesen, du” – habe ich die Freisinger verlassen.

Für Kostas’ byzantinischen Chor, wo ein Organist sowieso nie benötigt wird. Denn nach dem Abmontieren der Orgeln in Konstantinopel des 13. Jh. durch die Kreuzritter singt in byzantinischen Chören die eine Chorhälfte (seit acht Jahrhunderten!) sowieso das, was von der linken Orgelhand gespielt werden sollte.

In einem byzantinischen Chor allerdings nicht falsch zu singen, kann sich – mir jedenfalls – als noch schwieriger erweisen denn das Singen prima vista bei irgendeinem Westmusikchor. So kam es auch. Denn bei all meinem Griechesein hatte ich mich nie darum gekümmert, wie die byzantinische Musik geschrieben wird. Ohne die moderne Musiknotation war ich aufgeschmissen. Ich habe Kostas’ Chor wieder verlassen. Ich musste zu lange üben. Ungefähr wie jemand, der Deutsch in indischer Schrift zu lesen versucht.

Meine damaligen Schwierigkeiten sind eher ein Grund, das nächste Konzert von Kostas’ Chor wärmstens zu empfehlen. Er ist ein mittelalterlicher Chor ohne Wenn und Aber: Einer, der die alte Notation verwendet; einer, der im Streit zwischen der griechischen und der anatolischen Interpetation für die anatolische optiert; einer, der vor jeder Probe, jeder Messe und jedem Konzert betet, die Darbietung möge gelingen. Dieser Chor ist echt.

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Normally, this blog recommends no concerts in Munich. No concerts period. But this is a special case.

While living in Freising and commuting between this Bavarian Canterbury and Erfurt (obviously a kind a German Northampton, i.e. a mediaeval university, dissolved, re-established in recent times), I used to sing in a choir with a mostly religious repertoire.

Singing religious repertoire in Freising is a very Roman-Catholic endeavour. The city is the seat of the archbishop of Munich, the abbey was founded by St. Corbinian in the 7th century, no less than the Pope Benedict XVI took here the first steps of his academic career as professor of theology in the not so remote times of the Freising Seminary.

Being myself neither a Roman-Catholic nor a Protestant, when we sang Carl Maria von Weber’s Mass in E-flat, during the Credo I refrained from singing the word “filioque” in the passus “et ad Spiritum Sanctum dominum qui ex patre filioque procedit“. I mean, forget all the dogmatics: how could I possibly sing what in my eyes and my ears is a symbol of Papal arbitrariness?

You might think that one voice more or less for this half of a second would never make a difference. This is what I also thought.

On this Sunday of the year 2006, I think, the cathedral was almost full as well as the chorus – almost full, that is, if you take it as a whole. But everybody who sang tenor 2 was ill. Everybody but me.

Now, I don’t know who among my readers has the vocal score of von Weber’s Mass in E-flat at home. In the extremely improbable case that you have it, open it and go to the end of the Credo. You will find out that the passage about the Holy Spirit is sung by the tenor 2 alone. This meant, of course, that absenteeism among the tenor-2 Fach compelled me to sing the passage as a solo. Volens nolens the soloist of the day, keeping silence for half a second because of the word “filioque” (my strategy until then) was not an option. There were exactly two options remaining. The one would be to sing “qui ex paa-aatre procedit” (if you ask me, artistically the more elegant option which preserves a metre badly strained by the addition “filioque“), the other was to sing the Roman-Catholic version as prescribed in the vocal score. Which I, finally, did.

This was one moment that made me think: “What the heck! If I were some agnostic I wouldn’t care. Since I care, I’m not agnostic after all and I’ll have to go to Kostas Nikolakopoulos’s Byzantine Choir in Munich”.

I knew Kostas as a professor of theology. And I knew the quarter tones of the Byzantine music for reasons of my socialisation in a country where quarter tones are sung in every church and murmured – sometimes more than that – by every worker in a construction site during work. Except of Roman-Catholic and Protestant institutions and individuals, of course.

Dogmatics was however not the sole and not the main reason I eventually joined Kostas’s choir. I’m not that pious! The definitive decision was during a rehearsal of my Freising choir in the Santa Maria dell’ Anima of Rome. The arranged organist lost his plane, there was someone there to cover him but he wanted – what else? – to be paid, the others said that we should sing a capella and save our money, I didn’t know the a-capella pieces they wanted to sing, the others growled that I had problems to sing at sight, I called them Scrooges…

In a Byzantine choir there’s no chance to have an organist who misses his plane. Since the 13th century, there has been no chance to have an organist period. This is when the crusaders looted Constantinople and took the organs with them. Since then the thought to equip a church with an organ hasn’t crossed any Orthodox Greek’s mind, the organist’s left hand being replaced by one half of the choir; the other half singing the canto.

My passage from Kostas’s choir was short. I had never imagined that the task to read music written with the Byzantine notation would be so demanding. It was like having to read a poem by Yates you have read hundreds of times but which someone wrote down in an Armenian transliteration.

I’m mentioning this to underline my recommendation to go to the Greek Orthodox Church at the metro station Nordfriedhof if you happen to be in Munich on November 23rd. This is a medieval choir without compromise. They use the old notation, they prefer the Anatolian to the Greek interpretation of the old music, they believe that praying before the concert helps. These guys are genuine.

Sacral architecture with profane messages

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Unsere erste Familienautoreise von Mitteleuropa durch den Westbalkan bis Euböa und Athen und wieder zurück war, wenn ich mich nicht ganz täusche, im Sommer 2013. Ich weiß noch, wie ich mein erstes Posting von unterwegs für dieses Blog in der damaligen Dienstwohnung meines Bruders an der Neubelgrader “Straße der Spanienkämpfer” – ulica Spanskih boraca – machte, indem ich vom ungeschützten Netzwerk des Nachbarn aus eine Email an meinen Domänenemailserver schickte. Heute nutze ich solche abenteuerlichen Methoden nicht mehr. Zum einen gibt es überall WLAN, zum anderen ist die WordPress-App viel handlicher.

Vieles hat sich in Südosteuropa in den letzten sechs Jahren und nach fünf Balkanautoreisen geändert. Griechenland lässt ein schwarzes Kapitel seiner Wirtschaftsgeschichte hinter sich, Serbien ist in den Städten voller Witz, voll in der Moderne und – das meine ich durchaus positiv – mit seinem ländlichen Raum durchaus im Reinen.

Ein paar Eskapaden der letzten Jahrzehnte beeinflussen noch das religiöse Feld, insbesondere dasjenige links und rechts der 820 Kilometer der E75 zwischen Leskovac in Südserbien und Athen. Das religiöse Feld sowie das links und rechts der Straße sind beide weit und breit und – wie wir seit den Neunzigerjahren wissen – politisch brisant.

Wo früher die Kirchen nicht zur Propagierung von Stereotypen gebaut wurden, sondern mit der weltlichen Architektur harmonierten – Basiliken und kreuzförmige Ziegelbauten mit Kuppel in den Gesamtlandschaften Makedonien und Südserbien, klassizistische, mit wenigen Rokokoelementen versehene in Serbien, wie die oben abgebildete Michaelskathedrale in Belgrad – protzt nun neobyzantinischer Kitsch, gern auch mit dorischen (!) Ornamenten wie unten die neue Kirche im nordgriechischen Paralia Katerinis. Die südserbischen kirchlichen Neubauten sind zwar weniger schrill, aber ihre imperiale Architektur ist nicht weniger fehl am Platz. Jüngst errichtete Moschees an der Autobahn, in Südserbien wie in Nordmakedonien, könnten wiederum in ihrem mediterranen Weiß, hunderte von Kilometern von der Küste entfernt, ihre politische Pointe kaum stärker unterstreichen.

Hoffentlich geht das gut aus.

Oder eher: Hoffentlich ist es aus.

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The first time we dared to set off in Central Europe to cross as a whole family the Western Balkans and to reach Euboea and Athens in our car was probably in 2013. I still remember that in my brother’s Belgrade lodging at the “Street of the Spanish-Civil-War Volunteers” (Spanskih boraca) there was no WiFi and I used the neighbour’s open network to send my domain server an email to be posted in this blog. These adventurous methods are history now since you find everywhere WiFi and the WordPress app is much preferable to the email feature.

In six years and five family journeys by car, much has changed in Southeast Europe. Greece leaves the ghost of misadministration behind. Serbia has cool cities and despite its modern urban landscape it remains Balkan in the countryside – which, at least in my perception, is a lovely thing to happen.

However, the escapades of the last decades persistently influence the religious field. This can be observed here and there along the 500 miles of the European highway E75 between Leskovac in Southern Serbia and Athens. Both fields, the religious as well as the geographical on either sides of the road, are broad and – as we know from the 90s – politically sensitive.

Churches in the Balkans were once in agreement with their profane surroundings. The old basilicas and cross-in-square churches with exposed-brick walls of Macedonia and Southern Serbia as well as the classicist churches with Austrian rococo in Northern Serbia (cf. my pictures of Belgrade’s St Michael’s cathedral on top of this post) are witnessing this still today. Neobyzantine kitsch is definitely new and suspect of a political agenda that most of us would hate to see empowered. The new church in Paralia Katerinis in Greek Macedonia (with Doric columns as ornaments!) is the most appalling example I could detect. The churches that were erected in the last years along the E75 in North Macedonia and Southern Serbia are not so grotesque, but their imperial architecture makes them phoney.

Once you pass the Greek border northwards you cannot fail to see also mosques, antagonistic to the aforementioned churches, in a Mediterranean white hundreds of miles away from the coast.

The hope is that it will all end well.

Or rather: that it has already ended.

Agnus dei et idea leporis

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Wer irgendwo im Gebiet zwischen Basel und Freiburg wohnt und Lamm- oder Ziegenfleisch kaufen will, ist gut beraten, in der Markthalle von Mulhouse einzukaufen. Das klingt wie ein Werbespot, ist aber der Beginn unserer jüngsten theologischen Familiendebatte. Da der heutige Ostertag nach dem julianischen Kalender nahte, wollte ich jedenfalls obigem Rat folgen.

Theologisch gesehen war meine Position, Lamm zu kaufen, fundiert, finde ich: Zu Ostern töten wir den “agnus Dei qui tollit peccata mundi“, um ihn symbolisch zu uns zu nehmen. Voller Schuld daran, nach vierzigtägiger veganer sowie Krusten- und Weichtiere-Diät Fleisch zu essen, wollen wir Versöhnung. Bringt uns das nicht etwa bei, Tierleben zu schonen und reflektierter zu essen?

Zunächst fragte ich die Verkäuferin also, ob das halbierte, kleine Jungtier da – wir brauchten nicht viel, wir haben niemanden eingeladen, als ich die Osterfeste in München mit fünfzig Gästen feierte, musste ich am nächsten Tag nicht unterrichten – ein agneau war, ein agnus.

Daraufhin äußerten meine Kinder den Wunsch, Hasen zu essen. Das irritierte mich. Der Osterhase ist doch germanisch, wandte ich ein, wir feiern nun die Auferstehung in orthodoxer Tradition. Ein Hase komme an unserem Osterfest nie auf den Tisch.

Da fühlte sich die elsässische, alle Sprachen der Region beherrschende Verkäuferin berufen, uns aufzuklären, das sei “ein Kitz, ein chèvreau” (damit war meine Agnus-Dei-Symbolik dahin), außerdem könne man von Hasen nicht reden: “Da wilde Haas, le lièvre” dürfe erst im Oktober wieder gejagt werden, das sei ein lapin. Damit war auch die von mir unterstellte germanische Osterhasensymbolik dahin.

Es ist bitter, einen Argumentationskampf gegen Gemeinplätze zu verlieren. Die Situation glich der Niederlage des FC Barcelona gegen Steaua Bukarest in jenem legendären Endspiel für den Pokal der Landesmeister… Im Nachhinein finde ich, dass ich nicht klein beigeben durfte. Ein chèvreau steht näher zum agneau als ein lapin, was seinerseits eine Nähe zur elsässischen (und sonstigen germanischen) lièvre-Symbolik hat.

Seit Theodor Studites im 9. Jh. lautet die orthodoxe Lehre zum Symbol einer Person, etwa zu einer Ikone, diese sei nicht die abgebildete Person, könne aber an ihrer Stelle verehrt werden, denn die abgebildete Person die Ursache des Abbildes sei. Zicklein haben eine größere genetische, damit ursächliche Ähnlichkeit zu Lämmern als Kaninchen. Also…

Nach Descartes kann die idea leporis, die Hasenvorstellung, zwar unabhängig von der Existenz des Hasen sein, so dass man im Endeffekt alles mit allem symbolisieren kann. Allerdings soll man dabei aufpassen, keine unklaren oder diffusen Symbole zu benutzen. Solange Vorstellungen clarae et distinctae sein müssen, können cuniculi wie lepores nicht den Agnus Dei symbolisieren.

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The marketplace of Mulhouse in France is the best place to buy lamb or goat also if you happen to live between Basel in Switzerland and Freiburg in Germany. This sounds like a commercial but it was the beginning of a theological dispute with my family.

Today, according to the Julian calendar, is Easter. The Greek custom is to eat lamb and the hymn “Agnus Dei qui tollis peccata mundi” (we sing it in Ancient Greek of course) guarantees that you will feel guilty for eating meat after forty days of vegan diet plus molluscs and crustacea. You will feel guilty for existing at the lamb’s expence. After this you seek atonement. This can teach you to be more modest when taking the death of other creatures as a consequence of your own living.

Like Strasbourg and Colmar, Mulhouse is in the region of Alsace. Alsatians (that is: real Alsatians) speak French of course but they also speak Alsatian, a German dialect nearly incomprehensible to normal speakers of standard German. And in some cases they can understand standard German. If they want to… This butcher wanted to.

She wanted to intervene into my family’s debate carried out in standard German, me saying: “What? A hare you want me to cook on Easter? Now, let me put things clear: The easter bunny is Germanic. Proof: the only place they have it in France is Alsace. We celebrate an orthodox day. There is a symbolism in having lamb.”

Well, she said, the halved animal I wanted to have was a goat, not a lamb. So no Agnus Dei symbolism there. And the animal which my family had spotted instead was a rabbit, not a hare. So, no Germanic symbolism here. Hares are protected until October.

The more trivial this last piece of information was, the more bitter it made losing the argument on its behalf. It felt like FC Barcelona’s defeat to Steaua Bucharest in this one European Champions’ Cup final decades ago.

Since Theodore of Studion, a Byzantine theologian of the 9th century, the Orthodox view on symbols is that representations of persons, say icons, on one hand and the represented person on the other may, of course, not be confused except of one and only attitude towards the icon: i.e. veneration. Theodore argues here with the causal relationship between the representation and the represented. Now, I do see a causal relationship between a goat and a lamb and one that is closer than the other between a rabbit and a lamb. Not to mention the causal relationship between a rabbit and a hare which is certainly closer than the one between a goat and a hare. So, if for the sake of symbolism you do not want a lièvre, a lepor, a haas, a hare but an agnus for God’s sake, and you do not have the opportunity to get a lamb, a goat is its next kin.

This was not the kind of argument I could bring in a butcher’s shop…

Of course, there are authors who have more elaborated arguments on this. Take Descartes. As if he had predicted my problems with Germanic hares on Easter, he said that the idea leporis is independent from the existence of the hare. In a way, you can take anything to symbolise anything else. A symbol of a hare does not have to look like one and, accordingly, a symbol for the Agnus Dei does not have to be an agneau or a chèvreau or any other ovine.

Well, yes, this is true. But also Descartes would demand the ideas to be clarae et distinctae. Animals like cuniculi and lepores would have to symbolise just the Agnus Dei and nothing else on the liturgical level. And this is not the case.

Alltagseschatologie

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Griechische Jugendliche würden einen Telefonanruf durch die angebetete Person oder das Tor in der neunzigsten Minute, vielleicht nicht ohne Selbstironie eine “Auferstehung” nennen. Nicht von ungefähr! Wer die ostkirchliche Rhetorik bezüglich Tod und Auferstehung verfolgt, wird feststellen, dass die alljährlich wiederkehrende Passion als A. Hinweis auf ein historisches Ereignis und als B. Allegorie für unser eigenes Golgatha und unsere eigene Überwindung desselben gilt.

In diesem Sinn sehe ich heuer keinen Link als angemessener an denn den, in dem Fairouz, die ehemals griechisch-katholische, später orientalisch-orthodoxe Muse Syriens, das Auferstehungstroparion ihres Landsmanns Romanus Melodus singt, das seit dem sechsten Jahrhundert die Orthodoxen und auch die Christen griechischen Ritus den ganzen Mai und vielleicht auch im April unter der Dusche zwar nicht, dafür aber in jeder Kirche, in der Einsamkeit ihrer Wohnungen oder etwa beim Arbeiten an einer nachhallenden Baustelle laut singen.

Auf die Auferstehung Syriens und auch auf die Freude unabhängig von Ländern und Zeiten!

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Fairouz, the originally Greek catholic, later orthodox Syrian diva sings in the above link her compatriot’s Romanos the Melodist’s Paschal troparion from the 6th century AD. If there were musical charts from 14 centuries, Christos anesti would be a springtime hit and an evergreen. Every priest has to sing it in the night of the Good Saturday. But also every construction site has echoed it if it only had the honour to host one semi-pious worker. Admittedly, this is not something you’d sing in the shower but it’s sung everywhere else.

For this year’s Easter, I don’t know of a better way to wish Syria’s and everyone’s Golgotha to come to an end than this.

I do this as an adherent of the Greek rite and an Orthodox Christian after all. For us, you see, the passion and the resurrection are not only about the historical events concerning Christ. They’re also about an everyday eschatology: about the little crucifixions and resurrections throughout the year: phonecalls of beautiful people, liberations from tyranny, goals in the ninetieth minute – really whatever!

Stên ekklêsia, K.P. Kavafis, 1912

Scroll for Sherrard’s/Keeley’s translation of C.P. Cavafy’s poem

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IN DER KIRCHE

Ich liebe die Kirche – ihre sechsfach geflügelten,

Cherubim, ihre silbernen Gefäße, ihre Leuchter,

Ihre Lichter, Ikonen und Kanzeln.

Wenn ich sie betrete, die Kirche der Griechen,

Mit dem Duft ihres Weihrauchs,

Den Gesängen und liturgischen Chören,

Der feierlichen Erscheinung der Priester,

In prächtige Gewänder gekleidet

Und mit dem ernsten Rhythmus ihrer Gesten,

Wird mein Geist von der Größe unseres Volkes erfüllt,

Vom Ruhm unseres Byzanz.

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Übersetzt v. Robert Elsie

Der nicht oströmische Leser wird meinen, dass das heutige Posting entgegen dem in diesem Blog Gewohnten nicht ökumenisch ist. Recht wird er haben. Eine oströmische Woche der Pönitenz in einem Jahr voll weltbürgerlichen Eifers wird doch verzeihlich sein.

Meine Dankbarkeit für die kurzzeitige Wandlung gilt der Basler Hagia-Sophia-Kirche.

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In the Passion Week, in the Orthodox Church there’s space for every one of Her scattered children. I chose Sherrard’s translation of Cavafic verse not only because of our common Euboean and Anglogreek identity – NB, the second property being one of the poet as well – but mainly because of the literary merit. Whereas… I’m not quite sure whether the two things, merit and being an Anglogreek, are really independent from each other.

IN CHURCH

I love the church: its labara,

its silver vessels, its candleholders,

the lights, the ikons, the pulpit.

Whenever I go there, into a church of the Greeks,

with its aroma of incense,

its liturgical chanting and harmony,

the majestic presence of the priests,

dazzling in their ornate vestments,

the solemn rhythm of their gestures—

my thoughts turn to the great glories of our race,

to the splendor of our Byzantine heritage.

Translated by Edmund Keeley/Philip Sherrard

Transformations of a ritual

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Vorgestern war in Basel der Morgenstreich, gleichzeitig überall auf der Welt der Rosenmontag der orthodoxen Kirchen. Beide Rituale haben einen gemeinsamen Ursprung.

Umzüge Verkleideter, die sich in der Anonymität der Maskierung ihre Seele aus dem Leib schreien konnten, waren Bestandteil der dionysischen Mysterien im antiken Athen. Aus diesen entsprang das antike Theater, was jetzt einerseits zu weit führt, nichtsdestotrotz zum Thema gehört. Als eine Komödie zwischen Dionysischem und Christlichem habe ich nämlich als Kind das Begehen der Fastenzeit kennengelernt. Wir “Athener” besuchten die väterliche Insel, wo die obszönen Karnevalslieder gesungen wurden, die, aus wer weiß welcher Nische der Antike entsprungen, eine unmissverständliche Sprache fanden, um den Verzicht auf jegliche Art von Fleischeslust für die nächsten vierzig Tage zu beweinen. Mit Glocken behängt und unkenntlich gemacht wurden wir. Die Erwachsenen hatten das Privileg, auch Obszönität in der Art ihrer Verkleidung zu feiern, oft eine auf das andere Geschlecht hinweisende, unter der Bedingung, dass keine nackte Haut zu sehen war.

Das schreibe ich, um die Verwandtschaft des nordägäischen Karnevals mit den dionysischen Mysterien zu unterstreichen. Das darauf folgende Fasten war (und bleibt) streng und lang. Das schreibe ich wiederum, um die christliche Transformation des dionysischen Festes an der nördlichen Ägäis zu unterstreichen.

Szenenwechsel: Zwinglis demonstratives Wurstessen war der Startschuss der Kirchenreform in der Schweiz. Anders als in Griechenland rückte hier im sechszehnten Jahrhundert die Fasnacht vom Fasten wieder ab. Damit streifte sie sich nicht nur den Pönitentengestus der Buße nach einer dionysischen Feier ab; sie wurde auch immer mehr zur Predigt, zum Argument, zum Politischen, kurz: zum Apollinischen.

Den Untergang des Dionysischen zugunsten des Apollinischen hat ein berühmter Basler Philologieprofessor 1872 beweint. Dass Basel zur Zeit der Geburt der Tragödie schon lange die umgekehrte Form des trans- und reformierten Rituals feierte, das ich in meiner Kindheit auf einer in ihrer spätantiken Zeitblase verharrenden Insel kennenlernte, lässt vermuten, dass Nietzsche sich auf der Mittleren Rheinbrücke in frühen Februarstunden Inspiration holte.

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Johannes Grützke: Böcklin, Bachofen, Burckhardt und Nietzsche auf der mittleren Rheinbrücke in Basel, 1970. Öl auf Leinwand, 250 x 330 cm
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On the day before yesterday Basel celebrated the nocturnal carnival procession. On the same day, all over the world, orthodox Christians were celebrating the beginning of the Great Lent and of the big fasting. Both rituals have a common root.

Having your say under a guise was perfectly alright in the Athenian mysteries in honour of Dionysus, especially if you were obscene enough. Eventually, theatre emerged out of these mysteries, which is a point to lead the discussion astray but is not irrelevant altogether.

Having your say under a guise is what you see in Basel during carnival. And it is what you see in the island my family originates from at the same time. The point, however, is what you say.

We were considered to be Athenians back then. My father had left the island when still a young man. Whether Athens had left an urban polish on our family or not, since we used to spend carnivals in the island, our celebrating the beginning of the Great Lent was traditionally a mixture of Dionysian and Christian elements. Obscene songs deploring the loss of unambiguously every sort of carnal pleasure, meat and flesh; disguises embarrassingly similar to what you can see on ancient pottery; caricatures of virility, often played by women; and of femininity, often played by men. No naked body parts were shown, of course. It’s Greece, it’s Christian and the Lent is about to follow – vegan, strict, long. It’s our Lord’s passion ahead that makes us shortly celebrate Dionysus; and it’s the presence of Dionysus in ourselves that we have to repent.

Cut: the Affair of the Sausages marks an important moment for the Swiss Protestantism: Zwingli seats, as the champion of the church reformers at a table where sausages are served, and this during Lent. The Swiss reformed churches rejected fasting and, in absence of a fasting ritual, the Basel carnival came to express less and less frustration just before a time of deprivation. It turned out to be more preaching, politicising, less Dionysian, more Apollonian. The Dionysian feast was, after its taming by the Christians, now totally transformed on Swiss soil – in fact turned to its opposite: to a moralising gesture.

350 years after the Affair of the Sausages, in 1872, a later very famous professor of the Basel University deplored the fall of the Dionysian and the triumph of the Apollonian. Understood thus, Friedrich Nietzsche’s Birth of Tragedy showed admiration for the ancient Athenians. Reportedly, Nietzsche felt a certain unease among his Basel contemporaries.

I have to say that his lament is rather plausible when I, a person who got to know carnival in an island that’s for centuries in a late ancient time bubble, stand at Basel’s Middle Bridge and observe the procession.

The transformation of the ritual attended from there, is so obvious that I come to believe that Nietzsche also got his inspiration at the same spot during a nocturnal carnival procession.

Hamartia

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Wenn die (neo-) orthodoxe Theologie Recht hat, die Sünde als eine griechische Begrifflichkeit aufzufassen, als hamartia eher denn als peccatum, als irrtümliches Verfehlen eines guten Ziels denn als Defekt, dann ist es bereits eine Sünde der Amsel, die Fensterscheibe für den Himmel gehalten zu haben.

Christos Yannaras, der heutige griechische philosophische Autor (gerade habe ich ein paar griechische Leser verloren – Leute, versucht Euch selber weißzumachen, dass es nicht Euer Neid auf das gigantische Opus ist, ich kann dabei nicht helfen) fragte mich einmal, wie ich mein Leben im Sinn “unserer Mutter, der Kirche” einrichte.

“Schwierig” hatte ich damals geantwortet. Es war in Erfurt. Winter. Spätabend. Das Leben war schön. Die intelligentesten jungen Leute von Thüringen waren meine Studis. In meinem Appartment des Amplonius-Hauses hatte ich Tee gemacht.

Grünen? Vielleicht grünen. Der emeritierte griechische Prof – eine Ikone meiner Jugend – schlürfte in einem Mix aus Sorge und Bewunderung.

War’s doch Wein? Herr Professor und Kollege wissen Sie es vielleicht noch?

“Schwierig” also…

Andererseits, wenn ich an mein Sündenverständnis denke, wie kann ich anders, als Sohn der Mutter zu sein? Auch wenn ihre Strenge gegen die falsch eingeschlagenen Wege notorisch ist. Auch wenn sie “Sünde” dazu sagt: Es ist der Fehler der Amsel, nicht des Fensters. Der Himmel ist woanders.



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If the (New-) Orthodox theology is right to see sin in the sense of Christianity as a Greek conception, as hamartia rather than as peccatum, as failing to hit the bull’s eye rather as a deficiency, failing to go up to the skies and colliding with a thing that different and indifferent at the same time as the window pane, is the blackbird’s sin.

Christos Yannaras, today’s most important philosophical author in Greece (I just lost some Greek readers – bye guys and try to persuade yourselves that it’s not jealousy when you despise this remarkable opus because he’s religious; I admit I can’t help in this) asked me once how I settle my life according to “the church, our mother”.

I had replied that I had had my difficulties. There was cold outside and I had made tea bought from the tea shop at the Kraemerbruecke. Probably green tea. It was a nice shop, just few steps away from the Amplonius House in Erfurt where I had been dwelling for the part of my week from Tuesday to Friday. Part-time living so to say.

But, again, when I think of my understanding of sin, how can it be otherwise? I am a mother’s son and one’s who’s very strict in her understanding of sin. Yes, it is a sin and the blackbird’s failure and its sin, not the window pane’s when the sky is in the opposite direction.

The Catholic, the Protestant and the Orthodox

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Die gegenwärtig im Kunstmuseum Basel beherbergte Ausstellung ist großartig – und zwar auch wenn damit “big art” zu übersetzen wäre. Sie ermöglicht das Nebeneinander von Zurbarans fromm-katholischem Agnus Dei, einem Symbol aus einem Widerstreben heraus dagegen, Christus zwischen Karfreitag und Ostern als eine geschundene Leiche zu betrachten, neben Hans Holbein des Jüngeren Abbildung eben dieser geschundenen Leiche. Holbein, selber ein radikaler Reformierter, malte sein berühmtes Bild Anfang des 16. Jh. in einem Basel, das sich gerade seines Bischofs entledigt hatte.

Der Bilderantagonismus zwischen Katholizismus und Reformertum könnte um eine orthodoxe Wahrnehmung ergänzt werden. Ich fülle diese Lücke:

»All diese Bilder hier«, sagte [Rogoshin], »hat mein verstorbener Vater auf Auktionen gekauft, das Stück zu einem oder zwei Rubel, er liebte so etwas. Ein Sachverständiger hat sie alle hier besichtigt, er sagte, es sei Schund; aber dieses hier, das Bild über der Tür, das ebenfalls für zwei Rubel gekauft ist, von dem sagte er, es sei kein Schund. Noch zu Lebzeiten meines Vaters fand sich jemand, der ihm dafür dreihundertundfünfzig Rubel bot, und Iwan Dmitrijewitsch Saweljew, ein Kaufmann, der ein großer Liebhaber solcher Dinge ist, der ist bis auf vierhundert hinaufgegangen und hat in der vorigen Woche meinem Bruder Semjon Semjonytsch schon fünfhundert geboten. Aber ich habe es für mich behalten.«

»Das ist ja… das ist ja eine Kopie nach Hans Holbein«, sagte der Fürst, der nun Zeit gehabt hatte, das Bild genauer zu betrachten, »und obwohl ich kein großer Kenner bin, scheint es mir doch eine vorzügliche Kopie zu sein. Ich habe dieses Bild im Ausland gesehen und kann es nicht vergessen. Aber… was hast du denn? …«

[…]

»Hör mal, Lew Nikolajewitsch«, fing Rogoshin wieder an, nachdem er einige Schritte gemacht hatte, »ich wollte dich schon längst fragen: glaubst du an Gott oder nicht?«

[…]

»Dieses Bild betrachte ich immer gern«, murmelte Rogoshin nach kurzem Stillschweigen, als hätte er seine Frage wieder vergessen.

»Dieses Bild betrachtest du gern?« rief der Fürst, von einem plötzlichen Gedanken überrascht. »Dieses Bild? Aber beim Anblick dieses Bildes kann ja mancher Mensch seinen Glauben verlieren!«

»Ich verliere ihn auch«, war Rogoshins überraschende, bestätigende Antwort.

Dostojewskij, Der Idiot, Teil II, Kap. 4.


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It’s a great exhibition, the one hosted at the Kunstmuseum Basel at the moment. It allows for Zurbaran’s symbolic Agnus Dei, a symbol out of the fear to depict Jesus as a devastated corpse, to stand next to Hans Holbein the Younger’s depiction of this corpse. Hans Holbein painted it in the early-16th-century Basel, in a city that had expelled its bishop.

The pictorial “agon” between the Catholic and the Reformed could have been accompanied by the Orthodox commentary:

“My father picked up all these pictures very cheap at auctions, and so on”, said [Rogozhin]; “they are all rubbish, except the one over the door, and that is valuable. A man offered five hundred roubles for it last week”.

“Yes, that’s a copy of a Holbein”, said the prince, looking at it again, “and a good copy, too, so far as I am able to judge. I saw the picture abroad, and could not forget it – what’s the matter?”

[…]

“Lev Nikolaevich”, said Rogozhin, after a pause, during which the two walked along a little further, “I have long wished to ask you, do you believe in God?”

[…]

“That picture! That picture!” cried Myshkin, struck by a sudden idea. “Why, a man’s faith might be ruined by looking at that picture!”

“So it is!” said Rogozhin, unexpectedly.

Dostoyevsky, The Idiot, Part II, Chapter 4.