The cultural burn

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Jahrelang kann die Suche nach philosophiebezogener Lektüre im Feuilleton der Süddeutschen unergiebig bleiben, bis dann schließlich die ganze Vorderseite von so etwas eingenommen ist…

Frank Griffels Artikel mit dem Titel „Alles außer Aufruhr“ (SZ 121, S. 17) ist der Horror der kulturwissenschaftlichen Klischees: Der Islam habe niemals eine Aufklärung gebraucht, da er mit Ambiguität umzugehen wisse; T.S. Kuhns Wissenschaftstheorie sei Hegelianismus (ergo Eurozentrismus, Kulturchauvinismus or you name it); eine Aufklärung sei in Landstrichen ohne Hexenprozesse und Unterdrückung der Philosophie nicht nötig.

Ich habe auch in der Vergangenheit Kulturwissenschaftler dabei erwischt, das ABC des folgerichtigen Denkens mit Selbstvertrauen und mit beiden Füßen zu zertreten. 2012 protestierte ich z.B. wegen einer selbstreferentiellen Regelung in der DFG (das Heisenberg-Programm gewährleistet die Berufbarkeit von Habilitierten ohne Professur, aber das Kriterium, um in das Programm aufgenommen zu werden, ist eine nicht weiter definierte oder reduzierbare „Berufbarkeit“ des Kandidaten – das (vermeintliche) Entscheidungskriterium und der Gegenstand der Entscheidung fallen zusammen), um von einer Freiburger Orientalistin die Bemerkung zu kassieren, das sei tatsächlich und explizit die Regelung, wieso ich so ein Theater mache…

Zurück zu Griffel: Ein Ambiguität zulassendes Kategoriensystem setzt ein anderes voraus, in dem die Kategorien klar abgesteckt sind. Griffel beschwert sich, dass Kategorien wie „homosexuell“ und „heterosexuell“ die Bivalenz voraussetzen (er hätte hinzufügen sollen: in einem sinnvoll definierten Anwendungsbereich, in dem keine Steine, Flüsse oder Ideen vorkommen, aber seien wir nicht zu streng…), und übersieht vollends, dass, um festzustellen, dass ein Sexualitätsbegriiff „uneindeutig“ ist – etwa derjenige, der bei Frauen zu beobachten ist, die Frauen lieben, plus bei Frauen zu beobachten ist, die keine Frauen lieben – die Kenntnis der dichotomischen Begriffe vorausgesetzt ist. Ohne Dichotomie im Hinterkopf ist der fragliche Begriff nicht zweideutig, sondern man hat einen klar abgesteckten Begriff aller sexuell aktiven Frauen.

Dass Kuhn und Hegel unter einer Decke stecken würden, ist eine Meinung, die nicht nur ketzerisch ist. Sie ist falsch. Anders kann ich’s nicht nennen! Bei Kuhn ist der Zeitgeist etwas, was durch Cliquen, Lobbys und vergängliche Moden zu Stande kommt. Bei Hegel trägt der Fortschritt den Stempel des absoluten Geistes.

Ob Griffels Behauptung zutrifft, dass Gesellschaften ohne Hexenverbrennung und mit philosophischer Literatur es schaffen, ohne Aufklärung Toleranz zu leben und Glück zu vermehren? Dem kann ich zustimmen. Allerdings sind das wohl Gesellschaften von angenehmen, unmündigen Gläubigen. Ich weiß nicht, ob die Armut im Geiste erstrebenswert ist. Kant definierte die Aufklärung jedenfalls als die Befreiung von unserer selbstverschuldeten Unmündigkeit. Die Aufklärung hat weniger mit Hexenschutz als vielmehr mit unserem mentalen Hexenschuss zu tun – und mit Maßnahmen dagegen.


Enough with scrolling

Years can pass before you can read a piece on a philosophical topic in the arts supplement of the Munich-based daily Süddeutsche Zeitung. You’ll be rewarded for your patience, but, alas, the reward may be something like Frank Griffel’s article titled „Anything but revolt“ (SZ 121, p. 17) of last Saturday – a horrible collection of cultural-studies clichés: knowing how to deal with ambiguity, Islam never needed enlightenment; T.S. Kuhn’s views on scientific revolutions is Hegelianism (in Griffel’s eyes this is a very bad thing, equivalent with Eurocentric cultural chauvinism or you name it); and where neither witches were being prosecuted nor philosophers suppressed, there was nothing enlightenment could do for the public.

In the not so distant past, I’ve had the opportunity to witness that cultural-studies scholars can be proud to contradict the ABC of logic. In 2012 I considered it a must to protest against a self-referential rule of the German Fund of Scientific Research (after habilitation, if not tenured, the Heisenberg program keeps you on track, but to get into the program you must be evaluated to be on track) when this Freiburg orientalist remarked that that’s the rule, how comes that I didn’t know…

Back to Griffel: he pleads for ambiguity instead of dichotomy but, of course, ambiguity presupposes dichotomy. His example is that the dichotomy „homosexual“ vs „heterosexual“ makes ambiguity impossible (in a domain of discourse without stones, rivers and ideas, of course but let’s give him this point) and this is a bad thing in Western civilisation. – so he says… 

But of course, if you don’t have the dichotomy and you do launch the (allegedly „ambiguous“) concept of women who love women plus women who love men, what you have is the unambiguously defined concept of sexually active women.

Griffel’s Kuhn-and-Hegel bit is not just heresy. It is – I have no other word for it – an error! Paradigm changes are due to ingroups, lobbying, fashions. Hegel’s zeitgeist bears the seal of the Absolute.

The only one of Griffel’s statements I can grant is that you don’t need to be enlightened to show tolerance, to not bother to burn witches and books. Four-year-olds, not exactly what you’d call an enlightened citizen – can be very tolerant towards diversity, they don’t prosecute witches even if they’re afraid of people they consider to be such, and very often – however not always – they’re not interested in your volumes of Kant’s collected works and, therefore, it’s unlikely that they would paint in them, tear pages and the like. But they would also believe anything you tell them. Talking about Kant, let me quote his definition of enlightenment:

Enlightenment is man’s emergence from his self-imposed nonage. Nonage is the inability to use one’s own understanding without another’s guidance.

As you see, it’s not only about witches and books.

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Il tempio nascosto

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Gestern vor 70 Jahren ist es amerikanischen Truppen gelungen, die Gefangenen des Konzentrationslagers Dachau zu befreien. Gestern ist in einer französischen Schule eine moslemische Schülerin wegen ihres langen Rocks nach Hause geschickt worden mit der Begründung, lange Röcke seien militant-religiöse Accessoires.

Was Beides miteinander zu tun hat? Ich zitiere aus einem Artikel des Münchener Merkurs, Blatt vom 25. Juni 1958, zur italienischen Kapelle der KZ-Gedenkstätte Dachau:

Was würden wohl die Italiener dazu sagen, wenn man in ihrem Land, etwa an der „Via Appia“ oder auf einem der Hügel Roms, eine Kirche mit Zwiebel- oder Sattelturm baute, die nur in die bayerischen Lande passte? … Die Ungewöhnlichkeit [des] Typs [der Dachauer Kapelle] in Bayern könnte höchstens noch durch eine entsprechende Baumgruppenanpflanzung abgemildert werden, wie man es in führenden einheimischen Kreisen bereits erwägt (Zitiert im Opusculum meines guten Freundes Claudio Cumani Il tempio nascosto/Das versteckte Gotteshaus, München 2013 )

Die Erwägungen wurden in Tat umgesetzt.

Was viele am Anderen stört, ist bereits sein Anderssein. Dieses Anderssein ist oft nicht ästhetischer Natur. Die Symbole des Andersseins sind aber meistens ästhetischer, stilistischer Art. Die Leute pflegen bei ihren Kindern daher eine Monokultur von Symbolen anzuerziehen: einen Kleidungsstil, eine Farbpalette, eine Musikart. Warum wohl? Weil sich die Eltern anscheinend nur in der gewohnten Umgebung wohl fühlen. Das ist legitim – aber engstirnig… Wenn’s darum geht, dass aus den Kindern Erwachsene werden, die eine Aversion gegen alles haben, was etwas anders aussieht, dann ist das der richtige Weg.

Ich bin überzeugt, dass die ästhetische und symbolische Monokultur moralisch und pädagogisch falsch ist – und zwar nicht aus multikultureller Überzeugung.

Dass die Erziehung den Umgang mit mehreren Symbolen erlaubt, ist nämlich nicht Kulturverlust. Sie ist Mehrsprachigkeit auf der Ebene der Symbole. Das ist die Lehre, die moslemische Eltern, mitteleuropäische Provinzblätter, griechisch-orthodoxe Kirchenchöre und Mütter und Töchter beim Shoppen aus einer italienischen, von Bäumen überwucherten Kapelle in Dachau ziehen sollen.

Weiterführende Literatur? Fast alles außer Großmutters Geschmack. Lest Carl Gustav Jung. Lest Ernst Cassirer. Zum Beispiel…

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Yesterday was the seventieth anniversary since the American Army liberated the detainees of the Dachau Concentration Camp, near Munich. Yesterday, a muslim girl was sent home from her school in France: she wore a long skirt thought by the schoolmaster to be a militant religious accessoire.

In order to point out why these two events are a point of departure for my today’s posting, I would like to quote from the Bavarian daily Münchener Merkur of June 25, 1958. It’s an article about the architecture of the Italian chapel of the Dachau Concentration Camp Memorial Site:

What would the Italians say if in their country, say at the „Via Appia“ or on top of some of Rome’s hills, an onion dome or a church with a gable roof would be built? One which would be typical of Bavaria? … The type [of the Italian Dachau chapel] is so uncommon in Bavaria that the effect could only be mitigated by way of planting a group of trees in an appropriate way. This is already the content of the consultations of the local opinion makers (Quotation from a nice read and a good friend’s opuscle: Claudio Cumani, Il tempio nascosto/Das versteckte Gotteshaus, Munich 2013)

As one can easily see, the consultations were followed by actions.

For many, the most annoying thing about the others is their otherness. Otherness is often not a matter of aesthetics. The symbols of otherness, however, are very often about aesthetics and style. Children are very often used to only one dressing code, one set of colours, one kind of music. Why is that? I suppose because parents feel comfortable in the environment they’re used to. This is legitimate – and narrow-minded… If your goal is to make your children hate everything which somehow looks uncommon when they’re grown-ups – well, this is the way to achieve it!

I’m persuaded that a unique aesthetic and symbolic code is morally and pedagogically false. And this is not out of any multicultural beliefs.

Making your child at home with differents kinds of symbols is not depriving him or her of a culture. It’s only multilingualism on the level of symbols. For muslim parents, for newspapers from the distant provinces of this continent, for Greek-Orthodox church choirs, for mothers and daughters during shopping, this is the lesson to learn from an Italian chapel surrunded by dense vegetation at the outskirts of Dachau.

For further reading take Cassirer. Take Carl Gustav Jung. But don’t take your granma’s taste.

In need of a justification to believe

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Es gibt Fideisten, die behaupten, für ihren Glauben an Gott keine vernünftigen Gründe angeben zu müssen. Sie haben ihre vernünftigen Gründe dazu! Denn ein Fideist braucht zwar keine vernünftigen Gründe für seinen Glauben anzugeben aber er nennt in der Regel immerhin ein paar vernünftige Gründe für seinen Glauben daran, dass er keine vernünftigen Gründe für seinen sonstigen Glauben anzugeben braucht.

Es gibt aber auch Kulturen, die vernünftigen Gründen im allgemeinen misstrauen – so wenigstens eine verbreitete Meinung. Ist diese Meinung wahr? So scheint es auf den ersten Blick! Griechisch-orthodoxe kommen z.B., so eine ebenfalls verbreitete Meinung, traditionell ohne Gottesbeweise aus. Was sage ich da? Sie halten Gottesbeweise für des Teufels Zeug – na ja, vom Gottesbeweis des Johannes von Damaskus abgesehen…

Es war ein Mainachmittag in meinem Erfurter Appartment im Amplonius-Haus. Sonnenschein, mittelalterliches Ambiente, Frühlingsmüdigkeit, ein historischer Anthropologe, ein Historiker und ich, über Kaffeetassen und DIN-A4-Blättern gebückt, versuchten einem dicken gemeinsamen Aufsatz eine endgültige Form zu verleihen, als Dittmar, der historische Anthropologe zu mir meinte:

Du kannst nicht von der Verwendung von Gottesbeweisen in verschiedenen Kulturen in einem Aufsatz über Kulturanthropologie schreiben, mein Lieber! Denn, wenn die Logik so etwas ist, wie du behauptest, dann ist sie eine natürliche Kapazität wie das mathematische Denken. Und die Verwendung von ähnlichen natürlichen Kapazitäten ist in verschiedenen Kulturen ungefähr gleich, sobald sie sich entwickelt haben. Es gibt keine russische und keine deutsche Mathematik und deshalb wird es auch keine griechischen und keine lateinischen Gottesbeweise geben.

In einer Weise gibt Dittmars Schilderung tatsächlich das wieder, was ich über Logik denke. Tatsächlich sind Gottesbeweise im griechischen, arabischen und lateinischen Sprachraum des Mittelalters bekannt, so wie es den Satz des Pythagoras in verschiedenen Kulturkreisen gab. Aber dann, warum sind Gottesbeweise nur im früher lateinischen Sprachraum verbreiteter, ausgeklügelter, wichtiger?

Um es allgemeiner auszudrücken: Warum lebt derjenige, der vernünftige Gründe zum Glauben braucht, mit größerer Wahrscheinlichkeit westlich der Adria?

Gottesbeweis

There are fideists who maintain that they don’t need to justify their believing in God. Of course, they have their reasons to think so. I mean, since they are fideists they don’t think that they have to give a rational account for what they believe, however they do occasionally give a rational account for believing that they don’t need to give a rational account for believing something else.

And there are whole cultures which mistrust rational accounts in general. At least this is a widespread opinion. Is this opinion true? So it seems! The Greek Orthodox, all of them or the mainstream, manage to believe in God without proofs for the existence of God – well, except for the proof authored by John of Damascus… In fact, they think that sophisticated proofs are a sign of disbelief.

It was a May afternoon in my appartment in downtown Erfurt. A bright sunlight, a medieval interior, drowsiness, a historical anthropologist, a historian and me, tried all together to give our common publication a final form without spilling the coffee or mixing the papers, when Dittmar, the historical anthropologist, told me:

You cannot discuss the use of proofs of the existence of God in a paper on cultural anthropology, dude! Because if logic is the thing you claim it to be, it is a natural capacity like mathematical thinking. And the use of mathematical thinking, once you develop it, is the same in every culture. There is no Russian and no German way to mathematics and this is why there’ll be no Greek and no Latin way to prove the existence of God.

In a way, what Dittmar said reflects exactly what I think about logic. Indeed, there are proofs for the existence of God in Greek, Arabic and Latin medieval sources, like the Pythagorean theorem is to be found in many cultures. But then why are proofs for the existence of God in the previously Latin part of Europe – and in what emerged out of it – more usual, more sophisticated, more important?

Generally: if those who need a rational account for what they believe in are more probably to be found from the Adriatic westwards, why is this so?

Diversität

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Je mehr sich die postcolonial studies an den philosophischen Fakultäten etablieren, desto fester lastet der Druck auf den Schultern klassisch gesinnter Universitätslehrer von altehrwürdigen Fächern, ihren Wissensanspruch zu relativieren. Um es mit den Worten des Erfurter Professors für Islamkunde Jamal Malik auszudrücken: „Was ist, wenn ich die Geltung Ihrer westlichen Rationalität anzweifle, Herr Kollege?“

Die Frage ist viel netter als man denkt – selbst wenn sie am Ende meiner Lehrveranstaltung vor einer Tafel voller logischer Symbole gestellt wird. Denn Maliks Nachdruck gilt stets dem Ausdruck „Herr Kollege“.

Trotz humorvollen Umgangs und offener Zuneigung sehe ich etwas Explosives, wenn fachliche Präferenzen als Kulturunterschiede interpretiert werden. Denn die Kultur hat etwas Unzugängliches. Man kann sie schlimmstenfalls nicht mitteilen. Sie ist eine Lebensform, ein „harter Fels, an dem sich mein Spaten zurückbiegt“ (Ludwig Wittgenstein, Philosophische Untersuchungen, § 217). Akademische Debatten sollten dagegen auf Durchsichtigkeit und ausnahmsloser Mitteilbarkeit basieren.

Gewiss wäre es ein performativer Widerspruch von Seiten eines Postkolonialen, den „Westler“ zum Umdenken zu bewegen; ihn für sich zu gewinnen. Denn der „Westler“ hört nur auf „westliche“ Argumente und diese kann ihm der Postkoloniale nicht anbieten, ohne selber „Westler“ zu werden. Der Postkolonialismus verlangt Diversität.

Der Westen kommt ihm entgegen. Aber was der Westen mit „Diversität“ meint, gleicht eher der Inklusion. Denn der „Westler“ sieht keinen performativen Widerspruch im Versuch, Dissens im Sinn „westlicher“ Rationalität zu formulieren.

Inklusion entspricht allerdings nicht immer den Wünschen des Inkludierten. Ich habe ein persönliches Beispiel dafür: Teil meines Wehrdienstes verbrachte ich auf Syros, einer griechischen Insel mit römisch-katholischer Bevölkerungsmehrheit. Nach langen Jahren der Unterdrückung der Katholiken durch den griechischen Staat befand ich mich dort zu einer Zeit – der ich Langlebigkeit wünsche – in der Kirchen und Staat bemüht waren, beide Gemeinden zu einem Leben miteinander hinzuführen. Also wurde der Truppe im Sinne einer Inklusionsmaßnahme befohlen, gemeinsam die Messe zu besuchen – die orthodoxe, versteht sich… Es gab katholische Kameraden, die von ihrem Recht auf Diversität sprachen, das durch die Inklusionsmaßnahme verletzt worden sei. Überrascht war ich dadurch nicht.

Unlängst habe ich versucht, ein paar von Maliks Studenten für mein Gottesbeweise-plus-induktive-Logik-Seminar zu gewinnen. Es gibt schließlich auch gute Inklusionsmaßnahmen, die Diversität zulassen. In diesem Kontext lautet die wichtigste Frage nicht, ob wir unterschiedlich sein wollen, sondern wie unterschiedlich wir sein wollen.

Quiz für die Leser: Welcher ist der katholische und welcher der orthodoxe Stadtteil von Syros und was sind die Unterschiede auf den ersten Blick?

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Postcolonial studies have a sting: The more they get established in the humanities, the more they force mainstream teachers of sacrosanct subjects to relativize their positions. Jamal Malik, the Islam expert of the University of Erfurt, says: „Suppose I contest your western rationality, dear colleague!“

Even if the remark is made after my class in front of a blackboard full of logical symbols, I still feel comfortable. The reason is that his emphasis is always on „dear colleague“.

Despite humour and open sympathy I do see something explosive when preferences in theory are interpreted as differences in culture. Culture has an ineffable element like Wittgenstein’s form of life: the „bedrock “ against which „my spade turns“(Philosophical Investigations, § 217). Debates in academia should be transparent and open to communication.

But I’m not sure if a postcolonial scholar would care whether I understand him or not. I even suspect that he would see attempts to persuade „westerners“ as performative contradictions. „Westerners“ are supposed to listen to „occidental“ arguments and arguing in this way would make a postcolonial scholar a „westerner“ himself. Postcolonialism demands diversity.

And this is what it gets in the „West“. However, what the „West“ calls „diversity“ is rather another word for inclusion. It is namely no performative contradiction for the „westerner“ to formulate dissent in terms of „western“ rationality.

Inclusion is fine if you want to be included. However, this is not always the case. I would like to mention a personal example. I spent some time during my military service in Syros, a Greek island with a Roman-Catholic local majority and an Orthodox local minority. I happened to be there not long after the end of a deplorable era in which the Catholics had been suppressed and exposed to assimilation pressure. But since now the two churches and the Greek state help the communities get over the traditional trenches, we, the troops of the island, were ordered to attend the mass together – of course the Orthodox one… Some Catholic brothers in arms (and in Christo) murmured about their right to diversity which the inclusion policies had offended. I wasn’t surprised.

I’ve tried to convert some of Malik’s students to attend my seminar on inductive logic and proofs on the existence of God. I thought that there are kinds of inclusion which do allow for diversity after all. In our context, the most important question is not whether we want to be different. The most important question is how much different we want to be.

I have a quiz for my readers: which is the catholic and which is the orthodox quarter (see image above) and which are the apparent differences?

Maskerade

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Die Philosophen mögen normalerweise die Nacktheit: Sie mögen die nackte Wahrheit entdecken, die Struktur der Realität bloßlegen, das Beiwerk der Sprache auf primitive Ausdrücke reduzieren.

Der Fasching widerspricht dem Nacktheitsgedanken. Schlimmer noch legt er nahe, du wärst, was du trägst.

Der in Griechenland nicht unbedeutende Essayist Christos Malevitsis hatte mir in einem persönlichen Gespräch in den 80ern in Athen gesagt, dass er Theater und Philosophie als zwei Zweige griechischer Kultur ansah, die in der Antike entgegengesetzt waren, bevor sie in der christlichen Liturgie und im modernen Theater vereint wurden.

Das schließt nicht aus, dass es ein Theater gibt, das hartnäckig unphilosophisch bleibt. Der Fasching erscheint als ein sehr guter Kandidat für diese Rolle.

Fasching

Normally, philosophers affirm nakedness: they love the naked truth; they reveal the structure of reality; they reduce misleading expression to primitive, low-order language.

Carnival contradicts the idea of nakedness. And what’s worse is that in carnival you are supposed to believe that the others are what they’re dressed as.

In a personal communication in the 80s in Athens, the Greek essayist Christos Malevitsis had told me that he considered philosophy and theatre to be two domains of Greek culture which were contrary in antiquity to be united in the Christian liturgy and in modern theatre.

This would not exclude that there is a theatre which remains unphilosophical. Carnival appears to be a very good candidate for this role.

Fail better!

Le grand duc

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„Fail better!“, die Aufforderung, auf bessere Art zu versagen, ist ein Zitat Samuel Becketts aus einer seiner letzten Prosaarbeiten, „Worstward ho!“ – Auf zum Schlechtesten!

Lustigerweise ist „Worstward ho!“ ein ironischer Hinweis auf Charles Kingsleys Karibik-Seefahrer-Roman Westward ho! – Auf zum Westen! „Lustigerweise“, weil der Westen Verschlechterung und Versagen typischerweise dämonisiert.

Mein Münchener Professor im Fach Sozialpsychologie, Dieter Frey, bestand seinerzeit darauf, dass zukunftsorientierte Organisationen im Westen sich eine östliche Fehlerkultur aneignen sollten (zur Umsetzung einer Fehlerkultur in deutschen Unternehmen vgl. die Vorschläge Freys in diesem Dokument, S. 24 f.). Obwohl Frey aus der experimentellen Sozialpsychologie kam, waren seine Seminare stets sehr philosophisch. Über Karl Poppers Ansichten zum Irrtum als nützliche Quelle von Lernen und über Adornos Verblüffung über den amerikanischen Spruch „I am a failure“ haben wir uns da unterhalten.

Adorno und Popper waren allerdings jüdische Kinder eines Mitteleuropa, das noch nicht westlich war. Das heutige Mitteleuropa hat gelernt, den Irrtum als Hindernis statt als Chance zur Effizienz zu betrachten.

Gerade heute klagte z.B. die Musiklehrerin meiner Töchter, dass ihre meisten Schüler es nicht ertragen, wenn sie falsch spielen. Ich schließe aus, dass sie meine Töchter in diese Gruppe einbezog. Jedenfalls hat mich ihre Bemerkung an bestimmte Situationen in einem katholischen Kirchenchor erinnert, wo die zwei Tenöre links und rechts staunten, was ich denn da gesungen habe; das D sei letztendlich punktiert gewesen! Als ich dann für ein paar Monate zu einem byzantinischen Kirchenchor gewechselt hatte, staunte ich über die Überbetonung der seelischen Ruhe beim Interpretieren gegenüber der körperlichen Übung, aber vielmehr staunte ich über die unwestliche Art, mit der beide Chorhälften mit der Musik umgingen nach dem Motto: Fehler sind kein Bestandteil der Interpretation; sie sind ein Bestandteil der Komposition. Diese Einstellung war in der Ungenauigkeit der Notation verankert.

Der neueste Trend in byzantinischen Chören lautet – habt Ihr’s erraten? – die alte Musiknotation der Ostkirche in westliche Noten zu transkribieren.

„Fail better!“ is a quote from Samuel Beckett’s „Worstward ho!“, one of his last stories and a parody of Charles Kingsley’s Westward ho! What makes the parody funny for me is that the West demonizes failure.

Dieter Frey, a professor of social psychology whose lectures I visited while a student at the University of Munich, insisted that organisations in the west should learn from the Orientals to allow for mistakes. His being a representative of experimental social psychology notwithstanding, Frey was very interested in philosophy. In his sessions we talked about Karl Popper’s views on error as a source of learning as well as about Adorno’s bewilderment by the American expression: „I am a failure“.

Adorno and Popper were Jewish persons from a non westernized Central Europe. Today, however, Central Europe has learned to consider error rather a threat than a chance for efficiency.

An everyday example would be that the music teacher of my daughters complained today that most of her pupils cannot stand playing out of tune. There are two things to say about this: Her remark is certainly not true of my daughters. But it reminded me of some situations in this catholic choir, the tenors on my left and on my right not believing that I had failed to notice that a certain note was dotted. After I moved to a Byzantine choir I was astonished by the importance of tranquility there (we prayed in the beginning of the rehearsals!) but especially I admired the way they were discussing about the music. They appeared to think that errors weren’t involved in the interpretation – but this only for the reason that they were involved already in the composition! The imprecise Byzantine music notation was obviously one of the reasons for this remarkable attitude.

The state-of-the-art Byzantine choir transcribes the Byzantine music notation into Western.

Propria

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Ein Ristretto an der coolen, Budapester Magyar útca…

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…muss wach machen. Diesmal war er unangenehm ernüchternd, zumal er am Ende einer Führung mit vielen Highlights der ungarischen Geschichte kam, darunter mit der Angabe, dass der erste ungarische König István hieß.

Systematische Beiträge zur Semantik der Eigennamen habe ich niemals geleistet. Historisch habe ich aber stets die These vertreten, dass es in den natürlichen Sprachen keine Eigennamen gibt. Zwar gibt es Namen, die wir „Eigennamen“ nennen, wie „Ägäis“, „Peter“, „Kunigunde“ usw., aber diese deuten auf Eigenschaften des ersten Namensträgers hin: „Meer des Aigeus“, „Steinharter“, „Sippenwehrhafte“. Bei den späteren Namensträgern handelt es sich um Anwärter des Ruhms eines früheren Namensträgers.

Diese These habe ich historisch in einer sehr kurzen Arbeit zu untermauern versucht, die ich zusammen mit dem damals Saarbrückener Sprachwissenschaftler Andreas Schorr schrieb: „Kulturkontakt auf dem Balkan“, in: Borgolte et al., Mittelalter im Labor, Berlin: Akademie Verlag, 2008, 390-391. Insbesondere beziehen wir uns dabei auf mittelalterliche Namen, u.a. auf die Namensgebungs-Etikette des serbischen mittelalterlichen Adels, dessen Angehörige, so jedenfalls die Vermutung, in Anlehnung an die Urbedeutung des griechischen Namens „Stephanos“ (= der Bekränzte; der Gekrönte) „Stefan“ hießen.

Dabei maßen wir dem Umstand, dass viele Mitglieder der serbischen mittelalterlichen Königsfamilie auch „Uroš“ hießen, nicht die gebührende Bedeutung bei. Den Namen „Uroš“ trugen sie eindeutig in Anlehnung an die ungarische mittelalterliche Aristokratie. „Stefan Uroš“ war der Doppelname gleich mehrerer serbischer Monarchen. Aber dann ist es sehr wahrscheinlich, dass auch der Name „Stefan“ in Anlehnung an den ersten König Ungarns István I. gegeben wurde und nicht wie Andreas und ich im Artikel vermuteten in bezug auf die griechische Bedeutung von „Stephanos“. Die mit dem Doppelnamen „Stefan Uroš“ intendierte Assoziation diente nicht „römischer Zivilisiertheit“, wie wir schrieben, sondern der Identifikation mit einer ungarischen Erfolgsgeschichte. Pure Eigennamen sind im serbischen mittelalterlichen Adel weiterhin nicht zu finden. Insofern stimmt die These. Sie war aber nicht richtig untermauert.

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A ristretto-coffee at the cool Magyar útca of Budapest raises the pulse but in this case it made me very thoughtful after a sightseeing with many basics of Hungarian history – among others with the information that the name of the first Hungarian king was István.

I have made no systematic contributions to the semantics of proper names. Historically, however, I have been maintaining an original position which says that natural language has no proper names. There are, of course, names like „the Aegean Sea“, „Peter“, „Cunigunde“, which we call „proper“. But these are allusions to properties of the first bearer of the name: „Sea of Aegeus“, „stone-hard“, „the-clan’s-defensible-one“. The subsequent bearers of such names do nothing but insinuate that they are equal to the first bearers.

I tried to corroborate this historical position in a very short article which I wrote together with the linguist Andreas Schorr, back then at the University of Saarland: „Kulturkontakt auf dem Balkan“, in: Borgolte et al., Mittelalter im Labor, Berlin: Akademie Verlag, 2008, 390-391. We focused on medieval names, among others on names of the medieval Serbian aristocracy. We thought that most of them were called „Stefan“ in order to allude to the Greek meaning of the name „Stephanos“ (= the crowned).

However, both Andreas and I didn’t pay attention to the fact that many members of the royal family in medieval Serbia were named „Uroš“. This was due to a strong influence they received from the Hungarian aristocracy. Some kings of the medieval Serbian state had the following two names: „Stefan Uroš“. But „István“, the name of the first Hungarian king, is a Hungarian form of „Stefan“. Thus, unlike what Andreas and I maintained in the aforementioned article, it seems quite plausible that the name „Stefan“ wasn’t given to allude to the Greek meaning of the word but, like „Uroš“, to a Hungarian success story.

Of course, if the name „Stefan“ was a way of a king to say: „I am as good as the first Hungarian king was“, it is still not a genuine proper name. But our argument for this wasn’t correct.