A natural thing: failing to draw conclusions

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Vor vielen Jahren verblüffte Paul Grice mit einem Beispiel eines Sprechakts, das zu kompliziert daherging, um mit Mitteln der Analyse formaler Sprachen angegangen zu werden, gleichzeitig sehr alltäglich war. Ich gebe es in vereinfachter Form wieder: Es ist spät abends, Grice liest etwas Spannendes, als seine Frau plötzlich aus dem Schlafzimmer hustet, so wie sie immer hustet, wenn sie ihn glauben lassen will: “Ich weiß, mein teurer Paul, dass du weißt, dass das nicht der Husten einer Kranken ist, aber gerade deswegen setze ich ihn ein, damit du gleich einsiehst, dass ich so tue, als ob, weil ich mir vernachlässigt vorkomme”.

Was Grice weiß, ist, dass seine Frau nicht krank ist. Was Frau Grice weiß, ist, dass Grice weiß, dass sie nicht krank ist. Was Grice weiß, ist, dass seine Frau weiß, dass er weiß, dass sie nicht krank ist – usw. usf.

In Anbetracht dessen ist es erstaunlich, dass Grice trotz allem zu ihr läuft und so tut, als wüsste er nicht, was dieser Husten ist. Das ist albern! Wieso passiert es?

Grices Erklärung für diese erstaunliche Wendung lautet, dass seine Frau letztendlich trotz allem ihre Meinung klar mitteilte, weil “meinen” in den natürlichen Sprachen eine sehr komplexe Situation darstellt.

Das Thema war sehr modisch in den 70ern und 80ern. Andreas Kemmerling, der die nicht seltene Eigenschaft hatte, eine Zeit lang mein Doktorvater zu sein (ich wechselte vier Stück, bevor ich meine Diss schließlich einreichte), bestritt, wenn nicht eine ganze, so mindestens eine halbe Karriere mit einem Aufsatz, in dem er zu der Einsicht gelangte, nach der vierten Iteration sei es unklar, was Grice und seine Frau wissen würden.

Kemmerling ist natürlich ein cooler Typ und man konnte ihm allein deshalb fast alles lassen. Aber ich denke, dass “Meinen” trotzdem eine viel einfachere Bedeutung hat. Hier ist ein Gedankenexperiment, das ich zur Bekräftigung meiner Behauptung anführen möchte:

Einem ehrlichen, moralisch integren jungen Mann (nennen wir ihn Jack) ist eine junge Frau (nennen wir sie Jenny) sympathisch, die er aber nicht belagert, weil sie, sagen wir, die Freundin eines Freundes ist. Immerhin zeigt er ihr, ehrlich wie er ist, seine Sympathie. Die ahnungslose Jenny fragt Jack in einem Moment, in dem die beiden allein unterwegs sind, warum er nervös ist. Jack ist, wie gesagt, ehrlich; grundsätzlich jedenfalls.

Opfert nun Jack seine Ehrlichkeit seiner Integrität oder umgekehrt seine Integrität seiner Ehrlichkeit? Die moralische Intuition spricht für Ersteres. D.h. er wird stets behaupten, er sei gar nicht nervös. Er wird lieber als Lügner erscheinen wollen! Das wird peinlich für ihn. Als ein Hypokrit wird er da stehen.

Trotzdem wird er bestreiten, nervös zu sein. Jenny wird das nicht hinterfragen. Wenn Jenny – angenommen – weiß, dass Jack seine Nervosität nie geleugnet hätte, wäre diese nicht suspekt, und auch weiß, dass er nervös ist, wird sie wohl denken müssen, dass etwas Suspektes vorliegt. Trotzdem weiß Jenny nicht alle Implikationen ihres Wissens. Sagt Jack: “Ich bin gar nicht nervös”, so steht sie auf der Leitung. Wissen ist nicht geschlossen unter Implikation. Das erscheint paradox, denn Wissen standardweise geschlossen unter Implikation ist. Aber im Alltag gibt’s kein logisches Allwissen.

Dieser Umstand allein lässt das Gricesche Beispiel auch als kein Wunder erscheinen. Paul geht zu ihr, bevor er nachgedacht hat, ob das für beide albern ist.

Zum Glück! Sonst wäre jeder Versuch, Bedürfnis zu signalisieren, ohne Schwäche zu signalisieren, albern. Mit schlimmen Erfolgen für Paare.


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Quite a few years ago, Paul Grice launched a new way to understand “meaning” with a thought experiment that was too complicated to be analysed with formal tools of analysis, at the same time depicting an everyday communication. It’s late in the evening. Grice is reading something exciting when his wife coughs in the typical way she coughs when she insinuates: “I know, dear Paul, that it is clear to you that this is not the coughing of an ill person but what else can I do to make you see that I feel neglected, without making you believe that I’m ill and also without losing my pride?“

By assumption then, Grice knows that his wife is not ill and Mrs. Grice knows that Mr. Grice knows that she is not ill. And since he knows his wife well enough, Mr. Grice knows that Mrs. Grice knows that he knows that she’s not ill. Because – come on now! – the point is to make him stop reading this book. Etc…

Putting all this together, it is surprising that Paul interrupts his reading to go to the bedroom.

Grice’s explanation of this, was that in spite of regress his wife manages to send a meaningful message he understands. After all, in ordinary language, meaning corresponds to a very complex state of mind.

This is in the meanwhile old stuff. Not as old as Plato but, at least to analytic philosophers, so mainstream that it gets boring. And, I think, false. I’m inclined to analyse “meaning” – also “meaning” in a loop – in a much simpler manner.

Take this young and honest man of moral integrity (call him Jack) who’s in love with his best friend’s wife (call her Jenny). Since he’s honest, he’ll show her his admiration. But since he has a sense of moral integrity he will refrain from making any advances towards her. At a lonely moment, however, Jenny asks Jack why he seems to be nervous. Will Jack sacrifice his integrity for his honesty or vice versa his honesty for his integrity? There is a moral intuition for the latter. But how can the answer “I’m not nervous” not sound hypocritical?

Yet, even if Jenny knows that if Jack didn’t like her he wouldn’t deny his obvious nervousness and she also knows that he’s nervous, she does not necessarily reflect to know that ergo he likes her.

Therefore, of course, Jack will say that he’s not nervous and Jenny will not question this. Knowledge (at least her knowledge) is not closed under implication. Of course, the standard view in epistemic logic is that knowledge is closed under implication. But this does not mean that Jenny is constantly reflecting on what she knows. Therefore she is not aware of all the implications of her knowledge.

This is also why Grice goes to his wife. He doesn’t have the nerve to draw all the conclusions from the regress to decide that going to her would be silly.

Fortunately so. Otherwise every attempt to show need without showing weakness would appear silly with fatal consequences for couples.

Puns n’ Roses

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Neue Rosen sah ich heute morgen im Garten. Das klang wie “Neurosen”, weshalb ich an Hans Burkhardt dachte und seine Einsicht bezüglich der Differenz zwischen körperlichem und seelischem Leiden: Es gibt unzählige Krankheiten des Körpers aber nur zwei – Schizophrenie und Depression – der Seele. Mit vielen Abstufungen und Ausgestaltungen zwar, aber immer noch zwei.

Hans meinte, dass das zeigt, dass die Seele – egal was das sei – einfacher ist als der Körper. Er meinte auch, dass die Verbindung mit der Mereologie der Psychologie Einiges zutragen würde. Das ist wohl zu erwarten. Ohne klassische Bildung, von der klassischen Philologie bis zur Philosophie, wäre die analytische Psychologie jedenfalls undenkbar – und damit große Teile der Sozialpsychologie auch.

Der Garten der alten philosophischen Fakultät reicht bis nahe dran an die facultates superiores oder lucrativas. Aus meinem Garten wiederum stammen hier die Fotos.

https://youtu.be/T5D1JFnMT5o

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“New roses” I thought today while I was watering the plants. Then I uttered the expression in English – during the day, with the colleagues, I speak with almost no exception English and having to use Greek with the kids for them not to forget it, my wife remains the only person with whom I use German every day, with the result tthat also my soliloquies are often in English lately – as I said: I uttered the phrase to hear myself saying “neuroses”.

Hans Burkhardt used to tell me that one additional reason to make him believe that the mind is much simpler than the body was the fact that there are only two spectra of mental diseases – schizoide and depressive – but innumerable physical diseases.

The connection of psychology and mereology appears to be promising. Without references to the classics and to philosophy analytic psychology and with it also large parts of social psychology would not be possible.

The garden of the faculty of liberal arts goes until the entrance of the facultates superiores or lucrativae. The pictures today are from my garden.

Dialektik der Ernährung

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Enthusiastische Äußerungen über Griechisches sind von mir nicht zu erwarten. Sie würden dem Griechen in mir den Anschein der Eitelkeit geben. Bei der folgenden Geschichte versuche ich, die Übertretung dieses meines Prinzips zu relativieren unter Hinweis auf die Eigenschaft der Reflexion, eine allgemeine menschliche, keine einzelkulturelle Kapazität zu sein. Aber der beschriebene Osterbrauch ist griechisch – kein Thema.

Nach der nächtlichen Ostermesse – die wir in der Nacht zum 2. Mai coronabedingt nicht besuchen konnten, aber das ist ein anderes Thema – beginnt das Eierklopfen. Wer am Ende ein ungebrochenes Ei hat, hat gewonnen – und ein Ei, das er nicht essen kann, weil es aufgehoben werden muss: das Gewinner-Ei. Die Verlierer, diejenigen also, deren Eier im Wettbewerb zerbrachen, verzehren dieselben.

Wer ist nun der Gewinner und wer der Verlierer?

Wenn es einen Sinn macht, das östliche Mittelmeer und das damit verbundene Gedankengut kennenzulernen, dann vordergründig deshalb, weil die Beziehung zum genannten Kulturkomplex mit der ständigen Aufforderung einhergeht: Denk mal nach. Hast du das gemacht? Gut! Jetzt überdenke, was du gerade gedacht hast…

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I hate being suspect of enthusiasm towards Greek culture. I hate it because it makes me look vain. The story to follow is one that pertains to logical reflection as a general human capacity, which could make believe that I do not violate my principles of never taking a specifically Greek stance. However, in what follows, it is a Greek custom I describe alright…

After the nocturnal Easter mass, one that this year we were unable to attend in the early hours of May 2nd due to the Covid-19 measures, but this is another story, each fellow’s easter egg is knocked against another’s easter egg. The many losers, i.e. the ones who, at the end of the contest, have a broken egg, may eat it. The one winner may not eat his egg since it survived the battle.

But then who’s the real winner and who’s the real loser?

A good reason to learn about the Eastern Mediterranean and its culture is probably what appears to be an underlying imperative in the latter: think! You did so? OK, now rethink!

Some Eliot for a change

Peculiarly enough, since Friday, I cannot get the following passage from Eliot’s Four Quartets out of my mind. It’s like a Stoic mantra.

Eliot wrote his PhD thesis on Bradley but loved the Stoics. I’m not saying this because Eliot wrote on Seneca. No… Judge for yourself:

I said to my soul, be still, and wait without hope

For hope would be hope for the wrong thing;

Wait without love,

For love would be love of the wrong thing;

There is yet faith.

But the faith and the love and the hope are all in the waiting.

Matrix in 1200 BC

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Eine der unangenehmen Auswirkungen der Coronazeit ist das Nichtreisenkönnen. Für andere wiegt es vielleicht nicht so sehr: Ob in Bielefeld oder in Salzburg, sind sie in Mitteleuropa, wo sie aufgewachsen sind, und die Oma kann man doch per Skype kontaktieren. Ich kann meine Mutter selbstverständlich auch per Skype kontaktieren. Wenn sie aber sagt “Bleib da, ich geh kurz Zitronen holen”, bin ich so lange nicht da gewesen, dass ich zunächst protestiere: “Ich bleibe doch nicht hier, bis du vom Supermarkt zurück bist”. Nein, zum Zitronenbaum will sie kurz.

Homer (Odyssee, IX, 102) lässt Odysseus seine Ithaker auf der Lotusinsel, wo es ihnen doch gut gefallen hat, davor behüten:

“Lotus essend den Tag der Heimkehr vergessen”.

Selbst der Lotus des ewigen Lebens neben der Göttin Kalypso ist Odysseus nicht genug, um diesen Tag zu vergessen. Er verlässt die Immerjunge für seine vierzigjährige und stets alternde Penelope (Odyssee VII, 256-258). Er ist ein Sterblicher und will das Geschenk des Auf-ewig-Gleichaltbleibens nicht einmal ausprobieren.

Das Leben in der Matrix oder als Gehirn im Tank ist angenehm. Der Wunsch, außerhalb der Simulation zu stehen, leuchtet trotzdem sofort ein.

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Restricted mobility is one of the most controversial measures of the Covid-19 time. Most people in Europe are not too far away from their origin, which makes the skype conversation with grandma devoid of nostalgia. I can also do so but when she says “Don’t go away, I’ll get some lemons” (meaning that she’ll go to the lemontree) having been away so long I have started understanding the sentence as saying that she’ll go to the supermarket.

In Homer (Odyssey, IX, 102) Odysseus takes his crew from the Lotus-eaters out of fear

“…that they would forget the day of return to their land if they eat lotus”.

Is it better not to forget if you cannot return anyway? For Homer yes.

Another Homeric episode to show why our own state is better than any other state qua our own is Odysseus’ preferring to return to his ageing-and-already-in-her-forties Penelope instead of staying with Calypso, a goddess who promises him the lotus, so to say, of eternal life (Odyssee VII, 256-258).

Life in the Matrix or as a brain in a vat is comfortable. But the wish to live out of the simulation is justified.

Ulrich Staudinger (*1935-+2021)

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Wenn ich ein drei Jahre altes Interview des Verlegers, Freundes, guten Beraters reposte – eigenartig oder? Bei “Verleger” denkt der Leser an eine einstellige Eigenschaft. Nach “Freund” und “Berater” wurde aber aus “Verleger” eine Relation – dann aus gutem Grund. In der Nacht zum Freitag hat uns Ulrich Staudinger verlassen. Wenn ich von alten Projekten gesprochen habe, hat er mich zu unterbrechen gepflegt: “Gut, reden wir aber jetzt über die Zukunft”.

Uli Mai 2017

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Ulrich Staudinger, the publisher, friend, good advisor (admit it: you thought that “publisher” is a one-place predicate until you read “friend” and “advisor” and only then you realised that also publishing implies a very personal and close relationship) left us in the late hours of last Thursday. This is a reason for me to repost a three-and-a-half-years-old interview of his, where he talks about the future of the publishing house. Whenever I addressed old projects and why they had, eventually, success or were doomed, he used to interrupt me: “Good, but tell me about future projects now”.

Green religion

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Hans Jonas’ Prinzip Verantwortung wurde von Suhrkamp mit einem Nachwort von Robert Habeck, Bundesvorsitzendem der Grünen, neuverlegt. Soweit die publizistische Nachricht. In einem vom Verlag produzierten Interview-Video (s. unten), sind sich Robert Habeck und Simone Miller einig, dass Jonas’ Umweltimperativ (“Handle so, dass die Wirkungen deiner Handlung verträglich sind mit der Permanenz echten menschlichen Lebens auf Erden”) sich an Kants kategorischen Imperativ anschließt.

Kants kategorischer Imperativ fordert einzig und allein, dass jede Regel des moralischen Handelns verallgemeinert werden kann. Somit genügt die logische Konsistenz, um eine Regel ob ihrer Tauglichkeit als moralisches Gesetz zu überprüfen. Ein Auftragsmörder, der gegen den kategorischen Imperativ handelt, will, dass das moralische Mordverbot greift, wenn er selber umgebracht werden sollte, er relativiert ihn aber, wenn er jemanden umbringen soll. Also hat er entweder eine partikuläre Maxime, die sich also nicht als verallgemeinertes (moralisches) Gesetz gelten kann, oder er sagt, er hätte ein allgemeines Gesetz, hat er aber in Wirklichkeit keines.

Nach Kant lässt sich der Unterschied zwischen Moral und Unmoral auch ohne die Dienste eines Moralpredigers sofort erkennen. Kants Imperativ predigt nicht, sondern ist ein logisches Prinzip der praktischen Vernunft.

Zu Jonas jetzt: Die kantisch anmutende Etikette “Imperativ” deutet an, es gäbe im Umweltimperativ eine rein logische Dringlichkeit; der erhobene Zeigefinger wäre der des Logikers und nicht des Predigers. Die Sache mit der Umwelt ist aber nicht so einfach. Es lässt sich nicht schnell mit Ausweis logischer Konsistenz allein sagen: Das ist eine umweltmäßig verbotene Handlung. Wenn der Eingriff in die Umwelt keinen Diebstahl fremden Eigentums, keine Freiheitsberaubung, keine Körperverletzung, kurz: keinen direkten Affront gegen Menschen darstellt, wird die Funktion des kantischen Imperativs, mit minimalen Mitteln der Rationalität aufrechterhalten zu sein, nicht gegeben sein. Jonas’ Begriff Verantwortung entspricht einer Ethik des Herzens, nicht der Vernunft.

Darüber hinaus ist Jonas’ Imperativ konsequentialistisch: Er mahnt von den Folgen unserer Handlung her.

Predigt, Herz, an die Folgen denken: Das ist der Kontext religiöser Ethik. Wer nun aufgrund dieser Merkmale der jonasschen Ethik die Grünen als die religiöseste aller Parteien betrachtet, wird Kopfschütteln ernten: “Null Ahnung, oder? Es ist die Union doch, die…”

Es ist, ob gut oder schlecht, nicht die Union.

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Hans Jonas’ s book The Imperative of Responsibility, in English from the University of Chicago Press (1984) but in German from the legendary liberal Suhrkamp Verlag, is now reprinted by the German publisher with an epilogue by Robert Habeck, leader of the German Green Party.

These were the bookstore news. They are coming with some insights. In a promotional video of a really demanding discussion between Habeck and Simone Miller of the publishing house, Jonas’s “environmental imperative” (“Act so that the result of your actions is compatible with the sustainment of genuine human life on earth”) is being connected to Kant’s categorical imperative.

Kant’s categorical imperative (“Act only in accordance with that maxim through which you can at the same time will that it become a universal law”) is a principle whose validity is based on the idea of logical consistency. A contract killer opposes to it if he only wishes not to be killed himself. I.e. he acts according to a maxim which he cannot will that it become a general law. Kantian morality is traceable without moralism. What you need is a moral attitude of avoiding contradiction.

Jonas’s imperative is not of the same kind. Rather, it is an order of moral sentiment, one passionately preached for by its author and today’s environmentalists.

I must add: a consequentialist order of moral sentiment. The opposition to Kant’s practical philosophy could not be greater.

In other words, Jonas’s imperative is of one kin with religious preaching.

If you ask me which German party I see as the most religious in its rhetoric, then I’ll answer: the Green Party. You will have probably expected me to say: the Christian Democrats.

Well, no…

However, I’m not sure whether a religious attitude is good for politics.

Kant und Corona

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Es gibt Errungenschaften, deren nur in runden Jubiläen gedacht wird. Es gibt auch solche, die ständig gefeiert werden können. Vor 235 Jahren und 9 Monaten erschien Kants (AA VIII, 33 ff.) Begriffsklärung der Aufklärung.

Aufklärung ist der Ausgang des Menschen aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit. Unmündigkeit ist das Unvermögen, sich seines Verstandes ohne Leitung eines anderen zu bedienen. Selbstverschuldet ist diese Unmündigkeit, wenn die Ursache derselben nicht am Mangel des Verstandes, sondern der Entschließung und des Mutes liegt, sich seiner ohne Leitung eines anderen zu bedienen.

Der Ausgang einer aufgeklärten Gesellschaft aus der selbstverschuldeten Unmündigkeit hängt mit Mühe zusammen, denn

[h]abe ich ein Buch, das für mich Verstand hat, einen Seelsorger, der für mich Gewissen hat, einen Arzt, der für mich die Diät beurteilt, u.s.w.: so brauche ich mich ja nicht selbst zu bemühen. (Kant, AA VIII, 35)

Einer breiten Öffentlichkeit ist es mittlerweile bewusst, dass es für jedes Buch andere Bücher gibt, wo etwas anderes steht; auch dass der Seelsorger keine unanfechtbare Autorität der angewandten Ethik ist. Mit anderen Worten weiß der durchschnittliche Europäer, sich in Sachen Ethik und Politik seines Verstandes zu bedienen.

Aber es ist ihm in der Regel nicht klar, warum die Ärzte ihm etwas vorschreiben. Es ist ihm auch nicht bekannt, dass die Bekämpfung einer Epidemie auf statistische Daten abzielt, nicht etwa Individuen im Blick hat. Mit Maßnahmen gegen die Verbreitung des neuen Corona-Virus wollen die Politik und die Ärzte die Allgemeinheit etwas tun lassen, wovon diese sehr wenig versteht. Wären wir in Sachen öffentliches Wohl so aufgeklärt gewesen, wie etwa in Sachen Religion, Ökologie und Waffenexporte, so wäre manch ein Missverständnis in der Corona-Krise vermieden worden.

Schulmedizinisch aufgeklärten Bürgern braucht z.B. nicht gesagt zu werden, wie andere in der Umgebung weniger gefährdet warden. Nicht Aufgeklärten erscheinen die Maßnahmen dagegen zusammenhanglos. Wer so wenig von der Sache versteht oder so ein Formalist ist, dass er um 7 in der Früh menschenseelenallein im Auditorium eine Maske trägt, belächelt nicht nur sich selbst, sondern hadert irgendwann gegen die Politiker.

Ja, es stimmt, dass ein Kantianer moralische Maximen aus Pflicht allein umsetzt. Aber Kantianer sind auch bemüht, mehr über die Legitimation und die Aufrichtigkeit der Maxime zu wissen.

Die Aufklärung hat uns säkularisiert; sie hat uns zu Kriegsgegnern und zu kritischen Lesern gemacht. Jetzt legt sie uns nahe, den Pschyrembel zu kaufen. Erstens ist das nicht schwierig, zweitens hilft es, echten Corona-Populismus von begründeter Rücksicht zu unterscheiden.

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Some achievements in the history of mankind are celebrated every century. Others are constantly present. 235 years and 9 months ago, Kant (“An answer to the question: What is enlightenment?”. In Mary J. Gregor (ed.). Practical Philosophy, The Cambridge Edition of the Works of Immanuel Kant. Cambridge University Press, 1999. pp. 11-12) defined enlightenment as:

…man’s leaving his self-caused immaturity. Immaturity is the incapacity to use one’s intelligence without the guidance of another. Such immaturity is self-caused if it is not caused by lack of intelligence, but by lack of determination and courage to use one’s intelligence without being guided by another. 

This is not without pains since, as Kant continues, having a book which contains the whole truth, a priest to represent your own conscience, a medical doctor to judge your habits (my italics; eating or non-eating habits: I conceive the word “diet” broadly, according to its original Greek usage), there is less labour.

The popularisation of science and the project of educating audacious citizens has made progress since then. Most Europeans know today that there are many books which are very likely to contain parts of the unique truth. Books to read, parties to vote, churches to visit, decisions to make which can all be granted by some sort of moral reasoning.

It is more difficult to have citizens who know, though, why the doctor insists them to do certain things. Citizens who understand why the notion of reducing some statistics in the context of an epidemic does not exclude all risks but simply reduces some; people of such a deep formalistic attitude that would make them feel obliged to wear a mask when alone in the auditorium at 7 am if public health regulations prescribe masks in the auditorium – such folks would eventually make fun of themselves and at the end condemn the regulations. An informed citizen doesn’t need to be told how not to endanger her fellow citizen’s life. A citizen without a considerable knowledge of mainstream medicine would be doomed to follow the rules ignoring their point and, eventually, neglect them as pointless.

I know: Kantians perform in the moral realm out of duty. But Kantians are also informed about the rationale behind the duty.

After Kant (and Voltaire and d’Alembert, and Rousseau…) the West has learned to get informed and to read critically. Now we must also buy Stedman’s Medical Dictionary. This is not difficult and it will teach one to tell populism from genuine care.

Overlapping regions and linguistic standards

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Es gab eine Zeit, als es Ferien und unproblematische Grenzübergänge gab.

Was ich letztes Jahr verstärkt besuchte, waren Regionen, wo kulturelle Überlappungen bestehen. Südtirol z.B. oder die Mäander des Südlichen Morawa. Gut, letztere sind zwar in einer Region, die nicht in einen Nord- und einen Südteil geteilt wurde, aber “Grdelička Klisura”, der Name des Tals des besagten und archaisch-unbegradigten südserbischen Flusses, bewahrt das byzantinische Wort für “Schlucht” in der Fremdsprache.

Solche Regionen besuche ich heuer nur noch virtuell auf dem Balkon. Dort las ich letztens Frege, um festzustellen, dass er in seiner Bezugnahme auf die “Losreißung Schleswig-Holsteins von Dänemark” in “Über Sinn und Bedeutung” nicht nur einen Beleg für den Unterschied zwischen Nominalausdruck und Nebensatz liefert, sondern auch ein altmodisches Verständnis der Geopolitik überlappender Regionen und fließender Sprachgrenzen.

Überlappung ist sehr wichtig für die Mereologie. Wenn die Mereologie wichtig ist, dann ist das wegen der Hoffnung – eher eine Hoffnung ist das nämlich – eine Rechenschaft darüber ablegen zu können, dass mein Schreibtisch und mein Ellenbogen sich nie überlappen, sehr wohl aber beide Tirols, beide Macedoniae, beide Schleswigs.

Im Sinne der Sprachpolitik werden solche geokulturellen Überlappungen verdrängt: Niemand sagt heute: “Tirol”, “Schleswig” oder “Makedonien” in der Bedeutung “sowohl Nord als auch Süd”. Die Politik sorgt erstaunlich schnell für die Verbreitung des normierten Ausdrucks: Südtirol, Schleswig-Holstein, Nordmakedonien.

Tja, es ist die Politik im Endeffekt, welche die Sprache in den gegebenen Beispielen sowie die in ihnen eingebettete Mereologie beeinflusst. Wenn etwas so Wabbriges wie die Politik sich als festes Werkzeug für beständige Änderungen unserer mereologischen Wahrnehmungen erweist, sehe ich nicht, wie das große Ziel einer adäquaten und axiomatisierten Mereologie erreicht werden kann.

Das sind allerdings meine diesjährigen Gedanken. Gedanken vom Balkon aus.

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There were times of uncomplicated travelling and border crossing. Last year I visited regions of cultural overlapping: an old German speaking mining site high in the mountains of Alto Adige, Italy as well as the maeanders of the Southern Morava in Southern Serbia. I enjoyed them because this is how rivers looked like centuries ago before human activity changed them, and because it forms the last canyon in Serbia on your way to Greece. This year I kill my time looking up the name of said canyon, “Grdelička klisura” in the encyclopaedia and finding out that it rescues the medieval Greek word for gorge in a foreign language. I love the historical overlapping of languages and identities.

I only have my books and my balcony this summer – no visits anywhere. But I am also the kind of guy who loves reading Frege’s examples on Schleswig-Holstein’s separation from Denmark on a balcony – so no big problem. I hardly find his remarks intriguing, rather I simply agree with him, when he says that the (temporal) meaning of the nominal expression: “after the separation of S-H…” is different than the (political) meaning of the secondary clause: “After S-H was separated…”. What nevertheless is intriguing is the old-fashionedness of his understanding of geopolitics of ethnically overlapping regions.

Overlapping is of great importance for mereology. If mereology is of some importance, then because it can give you – this is at least the hope – an account of why you cannot have an overlapping region of my desk and my elbow, but why historical regions like the two Tirols, the Macedonias, the two Schleswigs, regions that historically and geographically are closely connected, overlap in a nonproblematic way.

Language politics prefers a mereology of geographical entities with close ties that rather resemble my desk and my elbow. If you speak today about “Tirol” meaning not only Innsbruck but also Merano, you will be corrected. Schleswig is either South or North, either German or Danish. There is no Schleswig although there is a South Schleswig and a North Schleswig. Analogous is the case of Macedonia. You have the independent nation of North Macedonia whose language is a Bulgarian with many Serbocroatian words, and Greek Macedonia – more or less three quarters of Northern Greece. You hardly speak of Macedonia simpliciter these days.

Politics influences language and it influences the mereology embedded in it. And if something so fluffy and blurred influences mereology, I can’t see how the latter can be adequately axiomatised.

But who knows! Maybe next year, when my thoughts will not have emerged on the balcony, my opinion on this will change.

Soritic problems in mereology

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Die philosophischen Probleme, über die du beim nächsten Spaziergang stolpern wirst, sind nicht vorauszusehen. Der Call for Papers ist draußen und plötzlich: diese Felder!

Homogen oder grob homogen nennen wir ein Ganzes, wenn es aus mehreren Teilen besteht. Ein Gerstenfeld ist homogen. Was ist aber mit drei oder vier Gerstenähren? Der Blick verlagert sich plötzlich auf die Unterschiede in den Details: hier die Grannen, da die Körner, oder? OK, aber fünf Gerstenähren? Sechs? Der Sorit liegt auf der Hand. Auch wenn wir eine Thematik im Call for Papers nicht erwähnten, würden wir (guido_imaguire[at]yahoo.com; gero[at]philori.de) gerne darüber lesen. Voraussetzung: Das Thema wird im HoM nicht behandelt.

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You can’t predict the philosophical issues you will come across in your next walk. The Call for Papers is issued and suddenly: these fields!

We call wholes (largely) homogeneous when their parts are many. But we don’t call them thus if the parts are few. A field of barley is homogeneous. But a bunch of two or three burley ears is a heterogeneous whole: here the awns, there the seeds. A bunch of four? Of five? The sorite is obvious. Even if we (guido_imaguire[at]yahoo.com; gero[at]philori.de) didn’t mention the or that issue in the Call for Papers, feel free to express your interest. The condition is: we didn’t discuss it in HoM.