Nationality and rationality

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In der Debatte über Özils Foto mit Erdogan und dessen Wegbleiben von der deutschen Fußballnationalmannschaft vermisse ich einen aufklärerischen Tenor. Die Zugehörigkeit zu einer Nation ist nicht – jedenfalls seit der Neuzeit nicht mehr – ein biologischer Unfall. Die deutsche Öffentlichkeit befasst sich mir zu sehr mit dem – bewussten oder unbewussten, das ist hier nicht das Thema – unbeholfenen Goethezitat des Fußballers, der twitterte, zwei Herzen schlügen – ein „Ach“ hat er nicht dazwischengefügt – in seiner Brust, ein türkisches und ein deutsches; mit einem Zitat zudem, das kontextfremd eingesetzt wurde. Emotionale Bindung ist wohl wichtig für die Identifikation mit den Werten einer sozialen Gruppe, auch im Deutschlandlied wird ja das Herz erwähnt, aber es ist nur eine von mehreren Bedingungen zum Deutschsein. Es ist unerträglich, das Thema mit vormodernen Instrumenten anzugreifen, nur weil der Betroffene, der auch nicht viel Ahnung haben dürfte, diese vorgezogen hat.

Eine Nation ist eine Gruppe von Menschen, die sich durch eine politische Beziehung zu einem Staat auszeichnet. Daher sind Linkshänder, Alkoholiker, Philosophen etc. keine Nationen. Auch Frauenhelden sind keine Nation, obwohl da das Herz eine Rolle spielt.

Als Angehöriger einer Nation ist es nötig, gewisse Werte, nicht allerdings alle Werte der Nation zu teilen. Jemand wie ich – buchstabiert mal meinen Namen ohne Fehler… – kann eine genauso kritische Beziehung zum Deutschsein haben wie der Herausgeber und die Redakteure von konkret.

Eine Nation ist keine abrahamitische Religion. Man kann mehrere Nationalitäten haben, insbesondere wenn sich keine kognitive Dissonanz daraus ergibt. Wenn die eine Nationalität allerdings einen Glauben an die offene Gesellschaft vorgibt, die andere hingegen einen Tribalismus, kann mit Recht an der Rechtschaffenheit des Trägers zweier Nationalitäten gezweifelt werden. Man kann eingebürgerte Salafisten zwar tolerieren, so wie man Neonazis toleriert. Aber die Toleranz ist eine stolze Haltung, keine liebende.

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OK, it was fun when the German national team was disqualified already in the first round of the World Cup. For the players it was, however, a disaster and one that was followed by a national conflict. The conflict had already begun before the World Cup when Mesut Özils, Arsenal Football Club’s midfielder of German citizenship and Turkish ancestry, met the Turkish president and shot pictures with him.

After these shots, Özil failed to shoot goals for the German national team in Russia and the post-failure blame game was thus programmed. After returning from Russia and having to face a hostile public opinion, Özil almost cited Goethe’s Faust in Twitter saying that he has two hearts, a German and a Turkish to subsequently accuse the German Football Federation of racism and declare to resign as national player.

Since then, German media talk about Özil’s two hearts. This is where he wanted to lead the discussion. And it’s pathetic for the whole public opinion to have the issues addressed by someone who doesn’t know that much. I say this because at least since the 18th century, nationality is nothing like a biological accident or a matter of heart. It’s the dentification with political values that has been the important factor since then. The left-handed, the drunkards, the philosophers, the Casanovas – groups to whose adherence heart beat plays a role at least to an extent – are no nations because they lack this political tenet.

It’s not necessary to share every value of the nation you belong to. But it’s absurd to pretend you would share values of different nations and ones that – if you were honest – would result to cognitive dissonance: the one nation, say, affirming open society, the other being tribalists.

And if one does pretend to affirm both? Well, I suppose that, since there’s not a way to make nazis who have our citizenship devoid of their political rights, we happen to tolerate them. If we do so, we also tolerate salafis. But tolerance is a proud attitude, not a loving one.

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The German crisis

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Die CSU sollte damit zufrieden sein, was die Bundeskanzlerin zur Flüchtlingskrise auf europäischem Niveau erreicht hat.

Da das Thema von geringem finanziellem und juristischem Gewicht ist, würde jede Verlängerung der politischen Krise wegen der Flüchtlinge einen einzigen Grund haben: anders als Merkels CDU sehen die CSU und die AfD in der Stammtischrhetorik ein politisches Kapital von ausschließlich symbolischem Stellenwert, das sie beide für sich verbuchen wollen.

Fast ist es ungerecht, intellektuell Minderbemittelte des Schlamassels zu bezichtigen. Eher ist die Zeit gekommen, da die Idee, ausgerechnet den Kontinent mit der grausamsten Rassismusvorgeschichte auf dieser Erde zu vereinen, gegen eine Mauer prallt; diejenige Mauer, die von dieser Vorgeschichte errichtet worden ist; keine Mauer wie die Berliner, mit Stacheldraht und Schützen, sondern eine in den Köpfen; keine Mauer, gegen die wir mit Demos etwas erreichen können.

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Chancellor Merkel’s Bavarian allies should be pleased with what she has achieved on European level concerning illegal migration. Given the little economical or juridical impact of the issue, every prolonged political chess on the backs of hopeless victims will have only one reason: a series of conservative parties – from which Merkel’s party tries to keep distance – have made the migrants a symbolic matter and the pub’s after-three-beers racism their political investment.

To blame the majority of the simple minded is almost unjust. It’s the time in which the idea to unite – of all things – the continent with the fiercest racist tradition of history on this globe, reaches its limits…

Byy Gott, isch daas bigott!

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Peinlich ist es für mich, der ich zwischen 1993 und 2016 als Wahlmünchner galt, über Thomas Ribis Meinungsartikel in der NZZ über Bayern als Land derjenigen zu stolpern, die in der Sache keine Ahnung vom Christentum haben, aber gern das Kreuz demonstrieren, sobald ein Syrer vorbeikommt oder ein Gericht, eine bekannte Unterscheidung Immanuel Kants anwendend, Staatskonformität beim offiziellen Vernunftgebrauch verordnet.

Peinlich ist mir das auch als Bundesbürger. Rund 150 Jahren nach der Reichsgründung gleicht der Umgang der liberalen, rechtsstaatlichen Bundesbehörden mit Bayern immer noch Bismarcks protestantischem Kulturkampf gegen römisch-katholischen Provinzialismus. Eine echte Chance für den Bund, nicht in überheblich-aufklärerischer Manier den Kopf über das kindische Betragen des größten Bundeslandes zu schütteln, ist dabei nicht gegeben, denn es ist auch peinlich, wie beim bayerischen Ministerpräsidenten die Uhr stehen geblieben ist! Kaum angetreten, musste sich Markus Söder (Thema seiner Doktorarbeit in Erlangen: „Von altdeutschen Rechtstraditionen zu einem modernen Gemeindeedikt: Die Entwicklung der Kommunalgesetzgebung im rechtsrheinischen Bayern zwischen 1802 und 1818“) beim Wahlvolk als gerade der folkloristischen Gegnerschaft gegen das Kruzifixurteil würdig erweisen. Er weiß genau: Sein Standardwähler, insbesondere der xenophobe mit Rautenfahne über dem Grill im Garten, wird sich darüber freuen, wenn in jeder Behörde ein Kreuz hängt. Dass der Ministerpräsident die Autorität des Bundesverfassungsgerichts damit unterminiert, das religiöse Neutralität verordnet, dürfte dem Standardwähler fremd als Bedenken sein. Wohl auch Söder, der in Karlsruhe eine Stadt sieht, die eben nicht zum rechtsrheinischen Bayern gehört.

Ich frage mich, wie lange noch Narrenfreiheit. Wozu braucht diese große Koalition die CSU, die doch stets demonstriert, in einen anders begründeten Staat gehören zu wollen?

Aber das Neue in diesem Kulturkampf ist, wie Kardinal Marx und Weihbischof Bischof (sie heißen wirklich so), den Ministerpräsidenten rügen, das Kreuz für seine machtpolitischen Ansprüche zu missbrauchen. Meiner Meinung nach wird das Kreuz grundsätzlich von den Kulturkatholiken, -protestanten und -orthodoxen missbraucht und der Umstand, dass Marx und Bischof – ersterer doch Erzbischof von München und Freising, letzterer doch kein Erzmarxist! – das sehen, zeigt, dass Söder gerade die Unterstützung der Christen verliert, wenn er sich um die Anhängerschaft eines kulturchristlichen Kulturproletariats bemüht.

Symphonia, der Einklang zwischen Staat und Kirche, ist seit dem 5. Jh. im Westen in Ermangelung einer Reichskirche abhanden gekommen. Dass Söder, ausgerechnet ein in Rechtsgeschichte Promovierter, meint, diese Tradition rückgängig machen zu können, ist, wie das Ganze – und wie gesagt – nur peinlich.

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The facts are shameful, let alone the facts interpreted when the background is taken into consideration: the new Bavarian prime minister prescribed authorities of his southern German state to attach crosses in the halls and offices and did so himself in front of journalists in his own office. By this, he relaunches a political issue of past decades, when Bavaria (back then led by the political idol of the premier) refused to conform with the Federal Constitutional Court’s decision that prescribed religious symbols to be removed from schools on demand of pupils or parents – even of a minority of pupils or parents.

Quite new in the debate, however, is cardinal Marx’s and bishop Bischof’s rejection of the prime minister’s actions. The Bavarian government, although conservatives and politically linked to the chancellor’s party, has been hostile to Merkel’s humanitarian policies to relieve refugees. Using the cross as a political symbol equivalent to „Syrians go home“ is something, however, that Marx, at the same time Roman-Catholic archbishop of Munich, and Bischof, at the same time not a Marxist – a joke but not just a joke – warn against.

This is intelligent of them and according to a western and German tradition. Since in the Christian West there has been no state church since the 5th century, the premier’s policy involving religious symbols – a person’s whose PhD thesis was on the history of justice – is not only populism: it is a shame for the University of Erlangen/Nuremberg that granted him the title.

Une langue austrolibérale

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Die letzten Reste meines mündlichen Französisch aus der Schule habe ich bereits letztes Jahrtausend aufgebraucht. Dass ich plötzlich viel mit Sprechern der Sprache Racines und Foucaults zu tun habe – und damit mit derselben auch – stellte mich vor eine Herausforderung. Das Alltagsfranzösisch empfinde ich nicht mehr als etwas, was sich mit Phantasie aus Latein und Italienisch rekonstruieren lässt, sondern im Gegenteil als etwas gründlich anderes.

So zum Beispiel diese Gewohnheit, nicht „nous parlons“, „nous souhaitons“, „nous philosophons“ etc zu sagen, sondern „on parle“, „on souhaite“, „on philosophe“ etc: Zwar ist sie nachvollziehbar insofern, als das Personalpronomen „wir“ im Grunde „man“ bedeutet mit dem Zusatz, dass der jeweilige Sprecher dazu gehört – daher: „man spricht“, „wünscht“, „philosophiert“ statt „wir sprechen“, „wünschen“, „philosophieren“. Allerdings ist der Zusatz wichtig: Wenn ich „man wünscht“ statt „wir wünschen“ sage, geht der Hörer nicht unbedingt davon aus, dass ich einer der Wünschenden bin.

Trotz der grammatikalischen Unsauberkeit erscheint mir die Ersetzung der ersten Person Plural durch eine impersonelle Syntax im mündlichen Französisch sympathisch und auf philosophischer Ebene Wienerisch. Schumpeter plädierte seiner Zeit für die Idee, dass kollektive Güter die Summe von individuellen Nutzen sind. Nicht wir sind zufrieden oder unzufrieden, sondern man ist zufrieden oder unzufrieden und am Ende gibt es eine Summe. Popper hört aus dem vermeintlichen Wir die faule Argumentationslinie des Tribalisten heraus: „So sind wir schließlich“. Darauf erwidert französische Alltagsweltbürgerlichkeit: „Nicht „wir sind“, sondern „man ist“. Die anderen Abermillionen lässt du, bitte, in Ruhe oder fragst du wenigstens, bevor du sie als Zeugen anführst“.

Würde ich mehr Französisch im Alltag reden, würde es mir nicht einmal in den Sinn kommen, mein Gegenüber wäre ein Tribalist – auch wenn er’s wäre! Das würde meine Tage verschönern.

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Still during the last millennium, I consumed the very tiny last bits of my oral competence in French – but remain able to feel astonished for the moral competence that is expressed in that language. First of all I’ve felt strange in the last years – having more and more French acquaintances, cooperations and colleagues around me – that for decades I’ve failed to recognise that Racine’s and Hugo’s language tends more and more to suppress expressions of the form „nous parlons“, „nous souhaitons“, „nous philosophons“ etc to prefer impersonal ones like „on parle“, „on souhaite“, „on philosophe“ etc.

On the first glance, this is awkward. „We talk“, you see, is arguably very much like „some talk“ – but far from being the same. In order to say the same as „we talk“ by using „some“, I have to say „some talk and I’m one of them“. But the French use an expression literally to be translated as „some talk“ meaning „we talk“.

This is gorgeous although philologically irritating and grammatically incorrect. And it is, in terms of political philosophy, rather Austrian in the following sense: in a very influential and much admired article, Schumpeter reduced social value to individual values. The one who’s content or discontent is not someone who can call himself „we“ but rather some are content or discontent and at the end you have to sum up. Popper saw tribalism lurking behind many general statements about „us“ – Europeans, Germans, Christians etc. Often when I hear „We are such-and-such“ I feel tempted to object „Talk about yourself and leave the other few millions alone or at least ask them first“.

I must become more fluent in French and use it in everyday conversation. It’s a language in which you don’t even feel tempted to think that the other is a tribalist – and this independently from his values! Isn’t this improving one’s standard of living?

Termini

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Geographische Grenzen sind Rahmen. Es gibt keine geographische Entität, die sich ins Unendliche erstreckt. Sieht man zudem von eingekeilten Regionen ab, so gibt es höchstens ein Dreiländereck zwischen drei Gebieten. Es gibt genau eines zwischen der Schweiz, Deutschland und Frankreich (unten habe ich ein Video von besagter Stelle), zwei zwischen der Schweiz, Österreich und Liechtenstein, da Letzteres eingekeilt ist.

Das alles bestärkt mich in der Annahme, dass die geographische Regionalontologie ein Spezialbereich der Topologie ist. Die bekannten Toponyme der Art: „Elsass“, „Baden“, „Kleinbasel“ (einen Blick auf das erste und das letzte vom mittleren aus sieht man unten) sind ihre Konstanten.

Natursprachliche Bezugnahmen auf Menschen aus dem jeweiligen Landstrich sind jedoch gründlich anders. Anders als Toponyme sind nämlich Ethnonyme keine Eigennamen, sondern Appellative. Als wäre das nicht genug, sind das Appellative mit in der Regel großen Bedeutungsverschiebungen in ihrer Vorgeschichte. Während man z.B. diachronisch sagen kann, wo das Elsass, wo Baden, wo Kleinbasel ist, kann man nicht ohne Weiteres sagen, wer ein Elsässer, ein Badener, ein Kleinbasler ist; auch nicht, wer ein Franzose, ein Deutscher, ein Schweizer ist. Ich meine: nicht diachronisch! Ein Elsässer sprach früher stets Elsässisch. Heute reicht’s zum Elsässersein, sich dafür zu entschuldigen, kein Elsässisch zu können. Einen Schweizer im heutigen Sinn gab es vor 1848 nicht – und das, obwohl es die Schweiz gegeben hat.

Die einzigen mir bekannten Grammatiken, die die Kultur besitzen, nicht so zu tun, als wäre die Herkunft ein Eigenname, sind die des Italienischen und des Deutschen. Erstere schreibt vor, „Grecia“ groß zu schreiben, „greco“ aber klein, „Germania“ groß, „tedesco“ klein usw. Letztere kapitalisiert alle Substantive sowieso. Ob das gegen die Selbstherrlichkeit des Provinzialismus hilft, ist eine andere Frage. Wenn ich an Adriano Celentanos „Lasciate mi cantare“ denke, dürfte es weniger helfen. Aber es ist wichtig, nicht so zu tun, als wäre „Makedonier“ ein rigide bezeichnender Terminus. Im Sinn einer demokratischen Bürgerkunde kann man grammatikalische Vereinbarungen zwar nicht nutzen, Signale in die richtige Richtung sind sie jedoch allenfalls – selbst wenn (oder weil) diese Richtung die nominalistische ist.

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The glimpse of the tri-country region consisting of the southwesternmost edge of the Black Forest in Germany (from where I took this video), Basel in Switzerland (urban, towers) and Alsace in France (vineyards at the other side of the river Rhine) I find interesting for reasons of ontology.

Borders are frames. Generally, geographical limits bound a geographical entity from all sides. Between three regions none of which is wedged among or inside the others, you can have one tri-country region. You have one between France, Germany and Switzerland. But you have two between Switzerland, Austria and Liechtenstein because this last country is wedged between the two former. Thus, the regional ontology of geography appears to be a branch of topology. Its constants are toponyms – NB proper names.

In contrast, ethnonyms, the names of the people of regions, are not proper but common names – and ones that resulted after huge semantic shifts.

As an aftermath, you can’t define „the Swiss“ as easily as you can define „Switzerland“. The only problem you have with the definition of the term „Switzerland“ is to capture territorial shifts through centuries while you maintain that it is a proper name. But it is not clear whether the term „the Swiss“ always referred throughout this time. It has been referring after 1848 for sure, but in the 15th century the only people you could call thus was the population of one landscape in the middle of the country. Another example: it’s been more or less clear for centuries where Alsace is. Still, who’s an Alsatian? – that’s the question of the century! Until the beginning of the XXth century, it was essential to Alsatians to speak their Germanic language. But an essential property of Alsatians today is to speak French whereas apologising for not speaking German.

The only grammars I know that clearly show that toponyms are proper names and ethnonyms common names is the Italian and the German: the former prescribes to capitalise „Ingleterra“, not however „inglese“, the latter capitalises all nouns. It’s so true! England will always be the country that the Angles once possessed. But the Angles, the English, the German, the Macedonians, all peoples of this world, are called thus simply because nominalism has a chance to be true.

For what’s worth it…

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Monatelang gehe oder fahre ich am Schild vorbei und nur heute kommt es mir in den Sinn, auszusteigen und zu fotografieren. Nicht, weil mir irgendwas einleuchtete. Eine Information erhalte ich nach wie vor nicht – ich weiß doch, wo der eine Staat aufhört und wo der andere anfängt – aber als analytischer (von mir aus: halbanalytischer) Philosoph sollte man sich keine Gelegenheit entgehen lassen, ein paar elementare Dinge über Semantik zu sagen.

Was wollte der Beschmierer also verkünden? Meinte er, dass die Bundesrepublik Kompromisse in Richtung einer linken Politik macht? Oder wollte er vielmehr am liebsten von so einem Wappen begrüßt werden, wenn er von Kleinbasel aus in Richtung Freiburg fährt?

War es jemand, der an den vor ca. 170 Jahren an diesem Ort durch Gustav von Struve ausgerufenen sozialistischen Staat erinnern wollte?

Andererseits, wenn ich denke, dass Struves Soldaten auf dem Weg von Basel nach Karlsruhe von einem Armeekontingent mit weniger als einem Viertel ihrer Macht geschlagen wurden: War es eh‘ jemand, der an nichts, jedenfalls nicht an das erinnern wollte?

Das Klischee besagt, dass ein Bild mehr als tausend Worte wert wäre. Nun, über die genaue Anzahl der Wörter habe ich mir keine Gedanken gemacht. Aber die genaue Anzahl der Aussagen auf dem Schild – ausgenommen Aufkleber – ist sofort zu sehen: keine einzige.

Viele, darunter die deutsche Wikipedia, sehen in der Redewendung „Ein Bild ist tausend Worte wert“ die Behauptung, anhand eines Bildes ließen sich viele Sachen viel leichter zeigen, erkennen, erklären.

Na gut, vielleicht „zeigen“. Aber etwas, was so viel Gehalt enthält, dass ein Widerspruch entsteht, ist nicht zu erklären. Wir verstehen keine Bilder, sondern bestenfalls ihre Interpretationen. Von allein geben uns die Bilder zu viel Diffuses, zu wenig Konkretes.

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I’ve been passing past the site at the beginning of this post for months before I decided to stop and take a picture. Whatever the person who decorated the border sign with hammer and sickle wanted to say the message is not clear. I even doubt that there is one!

Was it someone who thinks that the Federal Republic of Germany makes too much compromises towards left politics? Was it someone who, in contrast, would prefer to see the depiction as the coat of arms of the country as you enter it from Switzerland? Was it someone who drew a hammer and sickle as a reminder to the socialist state Gustav von Struve and his troops proclaimed passing exactly this point in exactly this direction about 170 years ago? Was it nothing of the above? We’ll never know!

The modern proverb says that a picture’s worth one thousand words. It’s widely believed that this means that you can explain with a picture much more than you can explain with words. Well, I don’t know about the amount of words but one thing I know: a picture gives you so much information that, at the end, it gives you contradictory information. You can see pictures but you can’t understand them. What you understand is their interpretation. Or, rather: one of the interpretations.

Summer stories IV: Antigonus

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Es ist vielleicht die tragischste griechische Tragödie: Die Königstochter hat Sorgen, die weit über die Trauer um ihre beiden Brüder hinausgeht. Es ist, so denkt sie, bereits schwer zu ertragen, wenn zwei Geschwister einander töten, aber dem Befehl des Königs, der auf ihren Vater Ödipus folgte, nur der eine Bruder solle bestattet, der Leichnam des anderen möge dagegen von Geiern und Füchsen zerfleischt werden, kann sie nicht gehorchen. Sie häuft Erde über das Kadaver auf und ist bereit, für ihren Ungehorsam mit ihrem Leben zu bezahlen.

Sophokles’ Meisterwerk bietet einen Blick in den Querschnitt zwischen Politik und Ethik und wirft die Zuschauer in einen Dschungel voller Dilemmata.

Antigone, die Hauptgestalt und Titelgeberin, die „Elternvergeltende“, soll in Theben gelebt haben. Ein paar Kartoffelfelder und eine Autobahnbreit von dort entfernt liegt das Meer, das an dieser Stelle sehr eng ist – wegen der vorgelagerten Insel.

Die nordeuböische Bucht hatte ich an diesem letzten elften August zum dritten Mal im selben Jahr überquert. Die ersten beiden waren ferienbedingt. Das dritte Mal war darauf zurückzuführen, dass mein Vater am zehnten August zwar in Athen verstarb, allerdings nie aufgehört hatte, ein Nordeuböer zu sein, weshalb wir den Leichnam zu unserem Inseldorf transportieren ließen. Da waren wir also am Spätnachmittag des elften August, die ganze Trauergemeinschaft, wohlgemerkt an einem Freitagabend sehr kurz vor Mariä Himmelfahrt – und das erwähne ich nicht aus Gründen des Glaubens, sondern einzig und allein deshalb, weil vor Mariä Himmelfahrt Behörden, Unternehmen, alles dünn belegt ist.

Da kommt der Bestatter vorbei: tiefe Stimme, sechzig Jahre auf dem Buckel, sechzig tausend Bier im Bauch und – in diesem numerischen Zusammenhang muss ich aufatmen – nur drei offene Knöpfe am Karohemd. Er befindet: „Ausweis – OK; Erklärung über eine Leichnamsüberführung – OK; Gemeindepfarrer hast Du kontaktiert; gib mir nur noch die Steuernummer vom Papa…“

– Die – was?

– Die Steuernummer doch. Wie sollen wir ihn ohne seine Steuernummer bestatten?

Die Geschichte war älteren Datums, die Steuernummer-Masche allerdings neu. Schon vor 2009 hatte der griechische Staat Schwierigkeiten, aufgrund der Personalien eines Verstorbenen zu kontrollieren, ob Renten oder Zusatzrenten den Verwandten zukommen sollen und in welcher Höhe. Betrüger haben jahrelang die Rente verstorbener Großeltern und Eltern weiterkassiert. Dann kamen die Hilfspakete und die Bildzeitung, woraufhin die Republik Griechenland die Meldung der Steuernummer zur Bedingung für die Erteilung einer Bestattungsgenehmigung machte. Anhand der Steuernummer kann jetzt der Staat vorerst Renten und Dienstleistungen streichen. Etwaige bestehende Anrechte Hinterbliebener sollen neu angefochten werden – Neuantrag usw.

Alles sehr unfair und lästig natürlich: Auf einmal haben Witwen und Witwer keine Bezüge mehr, damit Axel Springer seiner Kundschaft nicht erzählen kann, wie glücklich der Nichtgrieche ist… Aber vorerst stresste mich der Umstand, dass mir an einem Freitagabend auf der Insel, kurz vor dem fünfzehnten August keiner sagen konnte, wie eine Nummer hieß, die ganz banal und unansehnlich auf zahllosen Dokumenten in vielen Schubladen und Ordnern in einer abgesperrten Wohnung eines Athener Vororts lag. Ratlos dachte ich, dass es ein Gesetz gibt, das das Umbringen von Bestattern verbietet, selbst wenn diese einem eine wichtige Information bis kurz vor der Bestattung nicht geben. Ein guter Freund und ausgerechnet einer, der mir das Austernsammeln beibrachte, hat noch dazu die eine Tochter des Typen geheiratet…

Killing him being out of question, musste ich meiner Rolle als Antigonus gerecht werden: gefangen in einer Situation, die Außergewöhnliches von mir verlangte, damit die unbestattete Leiche des Vaters unter die Erde dürfte – die Erde eines Landes, das seine größten Tragödien heute nochmal als Parodien erlebt. Der Sprachwitz klingt im Griechischen besser…

Die Telefongesellschaft war meine letzte Hoffnung.

– Guten Abend, ich bin der Sohn des Teilnehmers mit der Nummer 211…… Ich möchte wissen, wie die hinterlegte Steuernummer heißt.

– Sie endet auf 338.

– Nein, ich brauche sie ganz.

– Ich darf sie Ihnen nicht rausgeben.

– Wissen Sie, der Teilnehmer, mein Vater, ist seit gestern tot. Er kann aber nicht bestattet werden, bevor ich diese Nummer angebe. Ich bin auf Euböa. Die letzte Fähre ist bereits weg, also kann ich nicht nach Athen. Die Beerdigung soll morgen stattfinden.

– Nehmen Sie Papier und Stift.

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Perhaps the most tragic among Greek tragedies, Sophocles’ Antigone, leads you into an asylum of dilemmas and leaves you there. A daughter of king Oedipus, she is in the position to forget the pain that the mutual killing of her two male siblings caused, this however only for the reason that she will not obey to the new king’s order to leave the one brother unburied. She covers the corpse with earth to pay with her life for it.

Antigone was a native of Thebes in Boeotia, Greece, whence, a couple of potato fields and a highway further towards the seaside, the island of Euboea can be seen, across the narrow channel.

Being myself of Euboean descent, having property and family there, it’s a channel I know very well – more than even the Saronic Gulf where I grew up for the most part.

Normally, I cross the channel twice a year on board of ferry boats: one time to visit the island and one to leave it a week later.

The story I’m telling happened just after the third crossing this year. Unlike the two first occasions, it wasn’t in order to visit my father’s soil but rather in order to bury the former into the latter.

So, there I was, with many family members, islanders and migrants to Athens alike, and with the only one who really migrated about to be transported home to the island (in patria as the Latins who once possessed it said). Plausibly enough for the eve of a burial, the undertaker  – a guy with sixty years on his back and sixty thousand beers in his stomach but only three open buttons at his shirt – came with his check list.

It’s Friday. Afternoon. Before the Dormition.

Now, even if you have no experience of how things work or rather don’t work in Greece, you can imagine that on a Friday evening before the Feast of the Dormition, just about three or four people work in the entire country: hopefully an officer in the NATO headquarters in Larissa, one guy at the border to Albania, perhaps one guard or two in front of the parliament in Athens. I’m saying this because lighthouses are automatised and ships have GPS…

“Your dad’s ID card  – OK; declaration of transport for a corpse – here; you said you’ve talked with the priest; just give me your dad’s tax number”.

– What was that?

– Tax number. You can’t bury someone who hasn’t got a tax number.

According to Greek legislation, for a number of reasons it’s prohibited to kill undertakers who happen to remember their check list few hours before the ceremony. And if you have been friends with the person’s son in law, have dived for oysters and have drunk gallons of tsipouro together, it’s also morals that prohibits drastic measures.

Killing the undertaker being out of question, I had only one option: think!

And I thought that, knowing the prehistory of the Greek crisis, it was clear what the state intended. Since before 2009 they have had difficulties in controlling if a pension should be further paid after the death of the beneficiary and to what amount.  Fraudsters have been paid their grandparents’ benefits for years by simply leaving undisclosed their death towards the Greek taxation authority. Then the bailouts came and with them tabloids from Central Europe, the latter with sarcastic headlines that insinuated that a small number of cases would be representative. Of course, this is how tabloids normally exaggerate. And I usually do remain cool when their readers long to read about superlatives, be that Germany’s laziest gardener, Europe’s most useless academic, and different other topics full of bitterness, envy, ignorance or any set made of these three elements. But with an unburied family member in the backround, my coolness reached its end.

I had to think. And to find this number, at the time in some hundreds of documents in an Athens apartment, with the last ferry gone, and any one of my father’s acquaintances away from the city – to spend the feast of Dormition at the place their family came from; like, essentially, I did. I had to retrieve a number that would serve to stop my father’s pension, leave my mother broke behind, and make me re-apply the benefits for her, in order for tabloids to stop feeding their readers with sensational news supposed to make them feel happy for not being Greeks…

In the parody of the Greek tragedy I played (the parechesis sounds better in Greek) I was Antigonus: a son trying to bury his father and bear the disadvantage. I picked up the phone.

– Good evening, I am the son of the owner of the telephone number 211… My father had to give you his tax number when he signed for his telecommunications connection at your company.

– Good evening, that has to be the case, sir.

– May I have this number?

– Ahem… Well, it ends with 338.

– I need the whole number.

– I can’t give you this information.

– Please do! You see, the person, my father, is dead since yesterday. Tomorrow is the funeral. But there can be no funeral without the number. Right now I am in Northern Euboea where the funeral should take place, the number is in Athens and the last ferry boat has already gone!

– Then, sir, I would say, take a pen and a piece of paper.