Une langue austrolibérale

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Die letzten Reste meines mündlichen Französisch aus der Schule habe ich bereits letztes Jahrtausend aufgebraucht. Dass ich plötzlich viel mit Sprechern der Sprache Racines und Foucaults zu tun habe – und damit mit derselben auch – stellte mich vor eine Herausforderung. Das Alltagsfranzösisch empfinde ich nicht mehr als etwas, was sich mit Phantasie aus Latein und Italienisch rekonstruieren lässt, sondern im Gegenteil als etwas gründlich anderes.

So zum Beispiel diese Gewohnheit, nicht „nous parlons“, „nous souhaitons“, „nous philosophons“ etc zu sagen, sondern „on parle“, „on souhaite“, „on philosophe“ etc: Zwar ist sie nachvollziehbar insofern, als das Personalpronomen „wir“ im Grunde „man“ bedeutet mit dem Zusatz, dass der jeweilige Sprecher dazu gehört – daher: „man spricht“, „wünscht“, „philosophiert“ statt „wir sprechen“, „wünschen“, „philosophieren“. Allerdings ist der Zusatz wichtig: Wenn ich „man wünscht“ statt „wir wünschen“ sage, geht der Hörer nicht unbedingt davon aus, dass ich einer der Wünschenden bin.

Trotz der grammatikalischen Unsauberkeit erscheint mir die Ersetzung der ersten Person Plural durch eine impersonelle Syntax im mündlichen Französisch sympathisch und auf philosophischer Ebene Wienerisch. Schumpeter plädierte seiner Zeit für die Idee, dass kollektive Güter die Summe von individuellen Nutzen sind. Nicht wir sind zufrieden oder unzufrieden, sondern man ist zufrieden oder unzufrieden und am Ende gibt es eine Summe. Popper hört aus dem vermeintlichen Wir die faule Argumentationslinie des Tribalisten heraus: „So sind wir schließlich“. Darauf erwidert französische Alltagsweltbürgerlichkeit: „Nicht „wir sind“, sondern „man ist“. Die anderen Abermillionen lässt du, bitte, in Ruhe oder fragst du wenigstens, bevor du sie als Zeugen anführst“.

Würde ich mehr Französisch im Alltag reden, würde es mir nicht einmal in den Sinn kommen, mein Gegenüber wäre ein Tribalist – auch wenn er’s wäre! Das würde meine Tage verschönern.

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Still during the last millennium, I consumed the very tiny last bits of my oral competence in French – but remain able to feel astonished for the moral competence that is expressed in that language. First of all I’ve felt strange in the last years – having more and more French acquaintances, cooperations and colleagues around me – that for decades I’ve failed to recognise that Racine’s and Hugo’s language tends more and more to suppress expressions of the form „nous parlons“, „nous souhaitons“, „nous philosophons“ etc to prefer impersonal ones like „on parle“, „on souhaite“, „on philosophe“ etc.

On the first glance, this is awkward. „We talk“, you see, is arguably very much like „some talk“ – but far from being the same. In order to say the same as „we talk“ by using „some“, I have to say „some talk and I’m one of them“. But the French use an expression literally to be translated as „some talk“ meaning „we talk“.

This is gorgeous although philologically irritating and grammatically incorrect. And it is, in terms of political philosophy, rather Austrian in the following sense: in a very influential and much admired article, Schumpeter reduced social value to individual values. The one who’s content or discontent is not someone who can call himself „we“ but rather some are content or discontent and at the end you have to sum up. Popper saw tribalism lurking behind many general statements about „us“ – Europeans, Germans, Christians etc. Often when I hear „We are such-and-such“ I feel tempted to object „Talk about yourself and leave the other few millions alone or at least ask them first“.

I must become more fluent in French and use it in everyday conversation. It’s a language in which you don’t even feel tempted to think that the other is a tribalist – and this independently from his values! Isn’t this improving one’s standard of living?

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Termini

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Geographische Grenzen sind Rahmen. Es gibt keine geographische Entität, die sich ins Unendliche erstreckt. Sieht man zudem von eingekeilten Regionen ab, so gibt es höchstens ein Dreiländereck zwischen drei Gebieten. Es gibt genau eines zwischen der Schweiz, Deutschland und Frankreich (unten habe ich ein Video von besagter Stelle), zwei zwischen der Schweiz, Österreich und Liechtenstein, da Letzteres eingekeilt ist.

Das alles bestärkt mich in der Annahme, dass die geographische Regionalontologie ein Spezialbereich der Topologie ist. Die bekannten Toponyme der Art: „Elsass“, „Baden“, „Kleinbasel“ (einen Blick auf das erste und das letzte vom mittleren aus sieht man unten) sind ihre Konstanten.

Natursprachliche Bezugnahmen auf Menschen aus dem jeweiligen Landstrich sind jedoch gründlich anders. Anders als Toponyme sind nämlich Ethnonyme keine Eigennamen, sondern Appellative. Als wäre das nicht genug, sind das Appellative mit in der Regel großen Bedeutungsverschiebungen in ihrer Vorgeschichte. Während man z.B. diachronisch sagen kann, wo das Elsass, wo Baden, wo Kleinbasel ist, kann man nicht ohne Weiteres sagen, wer ein Elsässer, ein Badener, ein Kleinbasler ist; auch nicht, wer ein Franzose, ein Deutscher, ein Schweizer ist. Ich meine: nicht diachronisch! Ein Elsässer sprach früher stets Elsässisch. Heute reicht’s zum Elsässersein, sich dafür zu entschuldigen, kein Elsässisch zu können. Einen Schweizer im heutigen Sinn gab es vor 1848 nicht – und das, obwohl es die Schweiz gegeben hat.

Die einzigen mir bekannten Grammatiken, die die Kultur besitzen, nicht so zu tun, als wäre die Herkunft ein Eigenname, sind die des Italienischen und des Deutschen. Erstere schreibt vor, „Grecia“ groß zu schreiben, „greco“ aber klein, „Germania“ groß, „tedesco“ klein usw. Letztere kapitalisiert alle Substantive sowieso. Ob das gegen die Selbstherrlichkeit des Provinzialismus hilft, ist eine andere Frage. Wenn ich an Adriano Celentanos „Lasciate mi cantare“ denke, dürfte es weniger helfen. Aber es ist wichtig, nicht so zu tun, als wäre „Makedonier“ ein rigide bezeichnender Terminus. Im Sinn einer demokratischen Bürgerkunde kann man grammatikalische Vereinbarungen zwar nicht nutzen, Signale in die richtige Richtung sind sie jedoch allenfalls – selbst wenn (oder weil) diese Richtung die nominalistische ist.

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The glimpse of the tri-country region consisting of the southwesternmost edge of the Black Forest in Germany (from where I took this video), Basel in Switzerland (urban, towers) and Alsace in France (vineyards at the other side of the river Rhine) I find interesting for reasons of ontology.

Borders are frames. Generally, geographical limits bound a geographical entity from all sides. Between three regions none of which is wedged among or inside the others, you can have one tri-country region. You have one between France, Germany and Switzerland. But you have two between Switzerland, Austria and Liechtenstein because this last country is wedged between the two former. Thus, the regional ontology of geography appears to be a branch of topology. Its constants are toponyms – NB proper names.

In contrast, ethnonyms, the names of the people of regions, are not proper but common names – and ones that resulted after huge semantic shifts.

As an aftermath, you can’t define „the Swiss“ as easily as you can define „Switzerland“. The only problem you have with the definition of the term „Switzerland“ is to capture territorial shifts through centuries while you maintain that it is a proper name. But it is not clear whether the term „the Swiss“ always referred throughout this time. It has been referring after 1848 for sure, but in the 15th century the only people you could call thus was the population of one landscape in the middle of the country. Another example: it’s been more or less clear for centuries where Alsace is. Still, who’s an Alsatian? – that’s the question of the century! Until the beginning of the XXth century, it was essential to Alsatians to speak their Germanic language. But an essential property of Alsatians today is to speak French whereas apologising for not speaking German.

The only grammars I know that clearly show that toponyms are proper names and ethnonyms common names is the Italian and the German: the former prescribes to capitalise „Ingleterra“, not however „inglese“, the latter capitalises all nouns. It’s so true! England will always be the country that the Angles once possessed. But the Angles, the English, the German, the Macedonians, all peoples of this world, are called thus simply because nominalism has a chance to be true.

For what’s worth it…

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Monatelang gehe oder fahre ich am Schild vorbei und nur heute kommt es mir in den Sinn, auszusteigen und zu fotografieren. Nicht, weil mir irgendwas einleuchtete. Eine Information erhalte ich nach wie vor nicht – ich weiß doch, wo der eine Staat aufhört und wo der andere anfängt – aber als analytischer (von mir aus: halbanalytischer) Philosoph sollte man sich keine Gelegenheit entgehen lassen, ein paar elementare Dinge über Semantik zu sagen.

Was wollte der Beschmierer also verkünden? Meinte er, dass die Bundesrepublik Kompromisse in Richtung einer linken Politik macht? Oder wollte er vielmehr am liebsten von so einem Wappen begrüßt werden, wenn er von Kleinbasel aus in Richtung Freiburg fährt?

War es jemand, der an den vor ca. 170 Jahren an diesem Ort durch Gustav von Struve ausgerufenen sozialistischen Staat erinnern wollte?

Andererseits, wenn ich denke, dass Struves Soldaten auf dem Weg von Basel nach Karlsruhe von einem Armeekontingent mit weniger als einem Viertel ihrer Macht geschlagen wurden: War es eh‘ jemand, der an nichts, jedenfalls nicht an das erinnern wollte?

Das Klischee besagt, dass ein Bild mehr als tausend Worte wert wäre. Nun, über die genaue Anzahl der Wörter habe ich mir keine Gedanken gemacht. Aber die genaue Anzahl der Aussagen auf dem Schild – ausgenommen Aufkleber – ist sofort zu sehen: keine einzige.

Viele, darunter die deutsche Wikipedia, sehen in der Redewendung „Ein Bild ist tausend Worte wert“ die Behauptung, anhand eines Bildes ließen sich viele Sachen viel leichter zeigen, erkennen, erklären.

Na gut, vielleicht „zeigen“. Aber etwas, was so viel Gehalt enthält, dass ein Widerspruch entsteht, ist nicht zu erklären. Wir verstehen keine Bilder, sondern bestenfalls ihre Interpretationen. Von allein geben uns die Bilder zu viel Diffuses, zu wenig Konkretes.

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I’ve been passing past the site at the beginning of this post for months before I decided to stop and take a picture. Whatever the person who decorated the border sign with hammer and sickle wanted to say the message is not clear. I even doubt that there is one!

Was it someone who thinks that the Federal Republic of Germany makes too much compromises towards left politics? Was it someone who, in contrast, would prefer to see the depiction as the coat of arms of the country as you enter it from Switzerland? Was it someone who drew a hammer and sickle as a reminder to the socialist state Gustav von Struve and his troops proclaimed passing exactly this point in exactly this direction about 170 years ago? Was it nothing of the above? We’ll never know!

The modern proverb says that a picture’s worth one thousand words. It’s widely believed that this means that you can explain with a picture much more than you can explain with words. Well, I don’t know about the amount of words but one thing I know: a picture gives you so much information that, at the end, it gives you contradictory information. You can see pictures but you can’t understand them. What you understand is their interpretation. Or, rather: one of the interpretations.

Summer stories IV: Antigonus

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Es ist vielleicht die tragischste griechische Tragödie: Die Königstochter hat Sorgen, die weit über die Trauer um ihre beiden Brüder hinausgeht. Es ist, so denkt sie, bereits schwer zu ertragen, wenn zwei Geschwister einander töten, aber dem Befehl des Königs, der auf ihren Vater Ödipus folgte, nur der eine Bruder solle bestattet, der Leichnam des anderen möge dagegen von Geiern und Füchsen zerfleischt werden, kann sie nicht gehorchen. Sie häuft Erde über das Kadaver auf und ist bereit, für ihren Ungehorsam mit ihrem Leben zu bezahlen.

Sophokles’ Meisterwerk bietet einen Blick in den Querschnitt zwischen Politik und Ethik und wirft die Zuschauer in einen Dschungel voller Dilemmata.

Antigone, die Hauptgestalt und Titelgeberin, die „Elternvergeltende“, soll in Theben gelebt haben. Ein paar Kartoffelfelder und eine Autobahnbreit von dort entfernt liegt das Meer, das an dieser Stelle sehr eng ist – wegen der vorgelagerten Insel.

Die nordeuböische Bucht hatte ich an diesem letzten elften August zum dritten Mal im selben Jahr überquert. Die ersten beiden waren ferienbedingt. Das dritte Mal war darauf zurückzuführen, dass mein Vater am zehnten August zwar in Athen verstarb, allerdings nie aufgehört hatte, ein Nordeuböer zu sein, weshalb wir den Leichnam zu unserem Inseldorf transportieren ließen. Da waren wir also am Spätnachmittag des elften August, die ganze Trauergemeinschaft, wohlgemerkt an einem Freitagabend sehr kurz vor Mariä Himmelfahrt – und das erwähne ich nicht aus Gründen des Glaubens, sondern einzig und allein deshalb, weil vor Mariä Himmelfahrt Behörden, Unternehmen, alles dünn belegt ist.

Da kommt der Bestatter vorbei: tiefe Stimme, sechzig Jahre auf dem Buckel, sechzig tausend Bier im Bauch und – in diesem numerischen Zusammenhang muss ich aufatmen – nur drei offene Knöpfe am Karohemd. Er befindet: „Ausweis – OK; Erklärung über eine Leichnamsüberführung – OK; Gemeindepfarrer hast Du kontaktiert; gib mir nur noch die Steuernummer vom Papa…“

– Die – was?

– Die Steuernummer doch. Wie sollen wir ihn ohne seine Steuernummer bestatten?

Die Geschichte war älteren Datums, die Steuernummer-Masche allerdings neu. Schon vor 2009 hatte der griechische Staat Schwierigkeiten, aufgrund der Personalien eines Verstorbenen zu kontrollieren, ob Renten oder Zusatzrenten den Verwandten zukommen sollen und in welcher Höhe. Betrüger haben jahrelang die Rente verstorbener Großeltern und Eltern weiterkassiert. Dann kamen die Hilfspakete und die Bildzeitung, woraufhin die Republik Griechenland die Meldung der Steuernummer zur Bedingung für die Erteilung einer Bestattungsgenehmigung machte. Anhand der Steuernummer kann jetzt der Staat vorerst Renten und Dienstleistungen streichen. Etwaige bestehende Anrechte Hinterbliebener sollen neu angefochten werden – Neuantrag usw.

Alles sehr unfair und lästig natürlich: Auf einmal haben Witwen und Witwer keine Bezüge mehr, damit Axel Springer seiner Kundschaft nicht erzählen kann, wie glücklich der Nichtgrieche ist… Aber vorerst stresste mich der Umstand, dass mir an einem Freitagabend auf der Insel, kurz vor dem fünfzehnten August keiner sagen konnte, wie eine Nummer hieß, die ganz banal und unansehnlich auf zahllosen Dokumenten in vielen Schubladen und Ordnern in einer abgesperrten Wohnung eines Athener Vororts lag. Ratlos dachte ich, dass es ein Gesetz gibt, das das Umbringen von Bestattern verbietet, selbst wenn diese einem eine wichtige Information bis kurz vor der Bestattung nicht geben. Ein guter Freund und ausgerechnet einer, der mir das Austernsammeln beibrachte, hat noch dazu die eine Tochter des Typen geheiratet…

Killing him being out of question, musste ich meiner Rolle als Antigonus gerecht werden: gefangen in einer Situation, die Außergewöhnliches von mir verlangte, damit die unbestattete Leiche des Vaters unter die Erde dürfte – die Erde eines Landes, das seine größten Tragödien heute nochmal als Parodien erlebt. Der Sprachwitz klingt im Griechischen besser…

Die Telefongesellschaft war meine letzte Hoffnung.

– Guten Abend, ich bin der Sohn des Teilnehmers mit der Nummer 211…… Ich möchte wissen, wie die hinterlegte Steuernummer heißt.

– Sie endet auf 338.

– Nein, ich brauche sie ganz.

– Ich darf sie Ihnen nicht rausgeben.

– Wissen Sie, der Teilnehmer, mein Vater, ist seit gestern tot. Er kann aber nicht bestattet werden, bevor ich diese Nummer angebe. Ich bin auf Euböa. Die letzte Fähre ist bereits weg, also kann ich nicht nach Athen. Die Beerdigung soll morgen stattfinden.

– Nehmen Sie Papier und Stift.

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Perhaps the most tragic among Greek tragedies, Sophocles’ Antigone, leads you into an asylum of dilemmas and leaves you there. A daughter of king Oedipus, she is in the position to forget the pain that the mutual killing of her two male siblings caused, this however only for the reason that she will not obey to the new king’s order to leave the one brother unburied. She covers the corpse with earth to pay with her life for it.

Antigone was a native of Thebes in Boeotia, Greece, whence, a couple of potato fields and a highway further towards the seaside, the island of Euboea can be seen, across the narrow channel.

Being myself of Euboean descent, having property and family there, it’s a channel I know very well – more than even the Saronic Gulf where I grew up for the most part.

Normally, I cross the channel twice a year on board of ferry boats: one time to visit the island and one to leave it a week later.

The story I’m telling happened just after the third crossing this year. Unlike the two first occasions, it wasn’t in order to visit my father’s soil but rather in order to bury the former into the latter.

So, there I was, with many family members, islanders and migrants to Athens alike, and with the only one who really migrated about to be transported home to the island (in patria as the Latins who once possessed it said). Plausibly enough for the eve of a burial, the undertaker  – a guy with sixty years on his back and sixty thousand beers in his stomach but only three open buttons at his shirt – came with his check list.

It’s Friday. Afternoon. Before the Dormition.

Now, even if you have no experience of how things work or rather don’t work in Greece, you can imagine that on a Friday evening before the Feast of the Dormition, just about three or four people work in the entire country: hopefully an officer in the NATO headquarters in Larissa, one guy at the border to Albania, perhaps one guard or two in front of the parliament in Athens. I’m saying this because lighthouses are automatised and ships have GPS…

“Your dad’s ID card  – OK; declaration of transport for a corpse – here; you said you’ve talked with the priest; just give me your dad’s tax number”.

– What was that?

– Tax number. You can’t bury someone who hasn’t got a tax number.

According to Greek legislation, for a number of reasons it’s prohibited to kill undertakers who happen to remember their check list few hours before the ceremony. And if you have been friends with the person’s son in law, have dived for oysters and have drunk gallons of tsipouro together, it’s also morals that prohibits drastic measures.

Killing the undertaker being out of question, I had only one option: think!

And I thought that, knowing the prehistory of the Greek crisis, it was clear what the state intended. Since before 2009 they have had difficulties in controlling if a pension should be further paid after the death of the beneficiary and to what amount.  Fraudsters have been paid their grandparents’ benefits for years by simply leaving undisclosed their death towards the Greek taxation authority. Then the bailouts came and with them tabloids from Central Europe, the latter with sarcastic headlines that insinuated that a small number of cases would be representative. Of course, this is how tabloids normally exaggerate. And I usually do remain cool when their readers long to read about superlatives, be that Germany’s laziest gardener, Europe’s most useless academic, and different other topics full of bitterness, envy, ignorance or any set made of these three elements. But with an unburied family member in the backround, my coolness reached its end.

I had to think. And to find this number, at the time in some hundreds of documents in an Athens apartment, with the last ferry gone, and any one of my father’s acquaintances away from the city – to spend the feast of Dormition at the place their family came from; like, essentially, I did. I had to retrieve a number that would serve to stop my father’s pension, leave my mother broke behind, and make me re-apply the benefits for her, in order for tabloids to stop feeding their readers with sensational news supposed to make them feel happy for not being Greeks…

In the parody of the Greek tragedy I played (the parechesis sounds better in Greek) I was Antigonus: a son trying to bury his father and bear the disadvantage. I picked up the phone.

– Good evening, I am the son of the owner of the telephone number 211… My father had to give you his tax number when he signed for his telecommunications connection at your company.

– Good evening, that has to be the case, sir.

– May I have this number?

– Ahem… Well, it ends with 338.

– I need the whole number.

– I can’t give you this information.

– Please do! You see, the person, my father, is dead since yesterday. Tomorrow is the funeral. But there can be no funeral without the number. Right now I am in Northern Euboea where the funeral should take place, the number is in Athens and the last ferry boat has already gone!

– Then, sir, I would say, take a pen and a piece of paper.

Empty domain

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Moralisch habe ich dagegen nichts einzuwenden. Die schwarze Null war ein legitimes Ziel. Politisch war’s halt’ nicht meins.

Rationalitätstheoretisch wiederum finde ich sie ein ungeheures Bully-Gehabe: die damit einhergehende Andeutung, Nulldefizit wäre das Einzige, was rational erstrebenswert ist. Es ist die Rache der Engstirnigkeit gegen alle Goldenen Zeitalter, gegen alle Lorenzos de’ Medici, gegen alle Ludwigs von Bayern der Weltgeschichte.

Vor allem vergisst man leicht dabei, dass die Rationalität nicht unabhängig vom Gegenstandsbereich gilt. Es gibt keine Logik der leeren Gegenstandsbereiche, wie wir seit Aristoteles wissen und wie Mancosu unlängst wiederholt hat. 

Darüber werde ich aber erst nächsten Sommer in Vichy berichten. Vorerst zur sozialen Sache: Bevölkert man den Gegenstandsbereich mit rationalen Individuen ohne Loyalität zu etwas Abstraktem wie der Deutschland AG, würde die schwarze Null als rationales Ziel einer Politik ganz woanders stehen.

Mit einer von Menschen gebildeten Null verabschiedeten die Beamten des Bundesministeriums ihren bisherigen Minister vom Amt.

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The employees of the German Federal Ministry of Finance formed a zero to remind of what is thought to be their hitherto minister’s most important achievement.

You can’t consistently argue against Germany’s zero deficit policy on the basis of morality. Say what you want against it but it will remain a practically coherent target.

What I have to say against it, is on the basis of politics and rationality theory: this is where I see myself justified to think that the so-called black zero is bullying, the bully in question being the petty-bourgeois who like politicians telling them that all Golden Eras and all Lorenzos de’ Medici of this world have been obsolete.

And it’s even worse than this: the bully wants you to believe that things like the zero deficit are choice-theoretically neutral: valid from an absolute point of view.

As we know since Aristotle and as Mancosu has recently reminded, rationality is not independent of the domain of discourse. I shall talk about the topic next year in Vichy, France.

For now, let me just add something on a political facet of the issue: If you populate the domain of discourse with rational individuals who don’t share a loyalty towards something so abstract like the so-called “Germany SA” – which is admittedly rather difficult when your universe of discourse is Germany – then the “black zero” would be in a totally different order of preferences in terms of rational choice.

Deviants


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Im Elternhaus kann ich nicht umhin, meine sozialtheoretische Diagnose von vor zwei Jahren bestätigt zu sehen. Das Gruppenverhalten der griechischen Nation weist rationale Verhaltenszüge auf, weicht allerdings von Rationalitätsstandards in Kursbüchern ab.

(Ja, ich denke, dass es so etwas wie die abweichende Rationalität gibt, ohne aber ein Logikpluralist zu sein, denn die Abweichungen basieren auf Rationalitätslücken: meist selbstreferentiellen Kurzschlüssen).

Meine Zeugen sind etwa die Werften, die in den 80ern zumachten, weil die Gewerkschaft sie bestreikte, weil letztere hinter dem Firmengründer jemanden vermutete, der aus Angst vor einer streikbedingten Schließung schnell verschwinden würde…

(Die Masche funktionierte so: Ab 1981 wurden Schulden von Firmen gegenüber dem Fiskus mit einer gleichhohen Beteiligung des Staates in der Firma beglichen – automatisch! Hat die Gewerkschaft bei einem langen Streik die gewünschten Schulden herbeigeführt, war die Firma vom einen Tag auf den anderen staatlich; was gleichzeitig Firmengründer befürchteten; was sie gegenüber der Belegschaft suspekt machte; wodurch die Belegschaft erst recht streikte. Die Unausweichlichkeit der Selbstreferenz machte die Werft, in der mein Traumboot produziert wurde – Lambro 27: schnell, groß, zuverlässig – platt).

Mein Zeuge ist mein grotesker Fund von vorgestern: eine gestrandete Voodoo-Puppe. Wie kann das in einem Land als irrational gelten, wo Korruption und Misswirtschaft rhetorisch bekämpft werden – wo es also in Politik wie Magie um ein-und-dasselbe geht: Doing things with words?

(Gut, aber Mainstream-Rationalität ist das wohl auch nicht).

Mein Zeuge ist die Solidarität gegenüber Ganoven, die vom Wunsch motiviert war, wäre jemand selber Ganove, wäre der Ganove einem gegenüber solidarisch – wohlgemerkt, wenn man selber Ganove wäre, der tatsächliche Ganove ein unbescholtener Bürger.

(Letzteres ist meine o.g. Diagnose über das Scheitern der Kontrollen im Land seit 1980).

Im Alltag beobachtete Paradoxien machen jeden Griechenland-Aufenthalt zum unvergesslichen Erlebnis für den Logiker. Selbst meine alten, bei meiner Mutter liegengebliebenen Schallplatten, durch die ich mein vergangenes Selbst als einen halbfremden Jugendlichen wiederentdecke, kann ich cum grano salis als Prophezeiungen einer abweichenden Rationalität ansehen. Die Deviants hatten diesen Song: „Let‘s Loot the Supermarket“. Im Griechenland, in dem ich großgeworden bin, ging es um das „Looting“ von einem ganzen Land, in dem niemals, auch in der jüngsten Krise nicht, niemals also ein einziger Supermarkt geplündert wurde.




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While at my parents’ place I can’t help myself feeling justified to be the author of the essay “The Greek Miracle. Postmodernism, Collectivism and Deviant Rationality” (here a – sorry, only German – preview).

As I diagnosed there, the group behaviour of the entire Greek nation is rational but deviant.

(I do believe that there are deviations in rationality in terms of rationality gaps, mostly self-referential loops, but this without being a logical pluralist).

I have witnesses for deviant rationality.

E.g. the shipyard that closed because of a strike meant to prevent the founder of the shipyard to take the money and to run – as he had good reasons to, since he was afraid that they would strike to prevent him to take the money and run as he had good reasons to, because he was afraid… etc.

(I fear that this sounds hermetic, so this is some background: after 1981, unpaid taxes of a company would automatically be matched with company shares of equal value owned by the state. I.e. your company could turn overnight to be a state company if you failed to pay your taxes, which you had every reason to fear – take the money and run! – if the state could manipulate the people who worked for you to strike. And they, of course, would rather strike if they feared that you feared enough to take the money and run. If nothing else, at least they would wake up as workers of a state-owned company. I’m the only person I know who can claim that the production of the only vehicle I’ve fancied in my life – a boat, Lambro 27, fast, big, reliable… – stopped because of self-reference!)

I have witnesses for deviant rationality.

E.g. my grotesque finding of a voodoo doll at the beach the other day. You can’t call voodoo irrational in a country in which politics, like magic, is about doing things with words.

(But it’s not mainstream rationality either, isn’t it?)

I have witnesses for deviant rationality.

E.g. solidarity towards those who embezzled EU funds, going thus: “I wasn’t subsidised, but if I were, it could happen that I would embezzle EU funds”.

(And this is how the victims fraternised with those who made them victims. This case I analysed in the aforementioned essay two years ago).

Greece is a great country for experts of nonclassical logic to visit just because it has paradoxes that play a role in everyday life. And even when I rummage in my old books and records that I left behind at my parents’ decades ago, these old monuments that make my teen self appear as a half-stranger in my own eyes, today I interpret as witnesses of the paradoxes outside that door.

Take this LP of the Deviants – a hippie community that made music in Notting Hill, NB far away from the place I listened to this music and long before I could guess that some day I would argue that a thing like deviant rationality exists…

Well, they had this song titled: „Let‘s Loot the Supermarket“. Today I would say that, strangely enough, you can loot a whole country while still maintaining that looting a supermarket is a bad thing.

Books, magazines, records, newspapers – this house is full of memories. The country around it too.

Reunification

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Wenn es eine philosophische Lehre aus der Wiedervereinigung Deutschlands gibt, dann wohl die, dass Warenfetischismus in der Lage ist, ganze Staaten ins Ungleichgewicht geraten zu lassen. Denn, was die DDR-Bürger in ihren ersten freien Besuchen in West-Berlin vor 28 Jahren mit ihrem Kaufverhalten bewiesen, war, dass Bananen, Waschmittel mit frohen Verpackungsfarben und Barbipuppen durchaus in den Hinterköpfen während der Montagsdemonstrationen waren.

Damit ist nicht gesagt, dass eine Planwirtschaft mit verbesserter Marktforschung bessere Chancen auf politische Stabilität hätte. Wenn der Mehrwert nicht für Produktentwicklung aufgewendet (die wiederum besagten Fetischismus zufriedenzustellen versucht), sondern in Form von Löhnen ausgeschüttet wird, kann man im Sozialismus keine „schönen Sachen“ kaufen. Im Kapital hat Marx kein Bild einer Wirtschaft gezeichnet, das die Epigonen falsch umgesetzt hätten. Im Gegenteil haben die Epigonen alles richtig getan, sie kochten nach Rezept. Sie waren so gut, dass sie selber hätten Autoren des Rezepts sein können – genauso wie die Karikatur aus Emir Kusturicas Film Papa ist auf Dienstreise andeutet.

Es ist also nicht die Umsetzung des Rezepts, die misslang. Es ist eher das Rezept für alle ungeeignet außer für Intellektuelle, die genauso glücklich wären in einem Mao-Anzug im Trabi unterwegs wie im Strellson-Anzug im Mecedes A-Klasse.

Solange genug Rotkäppchen-Sekt im Keller steht…

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If there’s a philosophical lesson to learn from the German reunification then this is the following: fetishised commodities are able to make whole states unstable.

The first free visits of East-German citizens in West Berlin 28 years ago showed clearly enough that during the demonstrations against the socialist regime, things like a wish to buy Barbies, bananas and detergents with funny colours on the box had played a role and formed part of the motivation to demonstrate.

What I mean by stating this, is not that a planned economy with a better marketing would have more chances of political stability. Where the surplus value is not used to develop new products but distributed in form of wages, you can‘t satisfy the buyers’ fetishism. In socialism you can’t buy nice things and that’s it!

Eastern European commodities were below the Western European standard not because Marx’s picture of planned economy was put in colours by Stalin. Stalin was so good in colouring that he could have been Marx‘s teacher in this – like insinuated in the cartoon from Emir Kustirica’s film Otac na službenom putu.

It’s rather the original picture of this economy that is dull and uncool. For the majority of people it would be as dull even if you took Salvador Dali to finish it.

The two German states were reunified 27 years ago today after a wave of social unrest made socialist East Germany unstable.

PS: Some times I think: Would I ever have an academic career if Erfurt didn’t come to the West and no university existed there? Just an egoistic thought of mine on my personal benefit from the reunification.

In Erfurt I learned to drink East German wine without complaining and I spent many nights in socialist bunker-like buildings. As long as I had something interesting to read, there was no problem. Non-fetishists like me are not the majority however and the story of the night I had taken my wife and daughters from Munich to join me in the bunker, especially the bit about the broken socket and the closet whose door opened from alone, I’ll tell in another post.