An silentium sit entium

English in italics, German recte.

Das ist die Art, wie manch ein Platoniker oder Logizist das berüchtigte „stumme“ Musikstück 4’33“ von John Cage ansieht:

This was a Platonist’s or logicist’s way to understand what the rules or the instructions for John Cage’s 4’33“ are.

Es folgt das Verständnis eines Konstruktivisten vom demselben Stück.

And here’s an intuitionist’s understanding of the same piece of music, which might seem kind of poor, of course:

Unser Konstruktivist machte die Augen zu und spielte eben 4 Minuten und 33 Sekunden lang keine Musik… Damit erkannte er in Cages Stück nichts, was musikalisch zu verstehen wäre. Das ist vielleicht spießig.

Aber wenigstens werden sich zwei Konstruktivisten anders als Platoniker oder Logizisten nie streiten, ob die hier ganz oben oder eher die nachfolgende Partitur akkurater ist:

But intuitionists would at least not run danger to fight whether the first or the last sheet would give the real structure of the piece. Logicists and Platonists are famous for their accounts about the properties of nonbeing.

Which is of course much more reflected. And more of an issue.

Platoniker und Logizisten sind eben reflektierter als Konstruktivisten. Und streitbarer auch.

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A new example of a privation-related category mistake?

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Eine gewöhnliche Quelle von Kategorienfehlern ist die Verwechslung von Negation und Privation. Deshalb sind Mauernaugen nicht zu vermissen, und das obwohl Mauern keine Augen haben. Bereits Aristoteles wusste, aufschlussreiche Beispiele in dieser Hinsicht zu erzählen.

Das nachfolgende Beispiel geht einen Schritt weiter, indem es zeigt, dass es größere und geringere Privationen gibt, die ebenfalls Quellen von Kategorienfehlern sein können.

Fragt der eine:

– Du liebst es, in See zu stechen. Jetzt, wo du kein Boot mehr hast, vermisst du es mehr, in kleinen Booten wie das linke zu fahren, oder in großen wie das rechte?

Antwortet der andere:

– Nichts vermisse ich so sehr, wie mit dem mittleren unterwegs zu sein. Die beiden, die du meinst, sind ja im Hafen.

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Since Aristotle, it is well established that mistaking negations to be privations can invite category mistakes. E.g. walls are not deprived of their eyes although they have no eyes.

The following example goes one step further: it urges that we may not mistake shallow privations to be deep privations. Imagine the following dialogue:

– Having no boat while loving to sail, are you more deeply deprived of sailing with the left or with the right one?

– Since they’re both in the port, I can be deeply deprived only of sailing with the middle.

Zur Ontologie des Mangels

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Seit Roberto Casatis und Achille Varzis klassischer Studie „Holes“ gilt es als überkommene Weisheit, dass kein Loch Träger von einem anderen Loch sein kann. Daher ist ein Loch als ein Volumen ohne Materie – jedenfalls ohne ausgewiesenen Stoff –  zu definieren, das teilweise oder komplett von einem materiellen Träger umgeben ist.

Die überkommene Weisheit zieht Probleme nach sich. Stellen wir uns zwei über Kreuz laufende Löcher, etwa in einem Laib Appenzeller vor. Ich nenne sie A und B. Nun ist B etwas enger als A. Es stellt sich die Frage, welcher der Träger des mereologischen Schnitts A^B ist. Ein Teil von A? Das ist gegen die überkommene Weisheit. Gibt es dann kein Segment A^B, sondern ein langes, breites Loch A, das B in zwei nicht zusammenhängende Teile trennt, so dass die Löcher insgesamt drei sein müssen? Mag sein. Aber dann warum sollen wir nicht postulieren, dass A ebenfalls in zwei Teile zerfällt und die Kreuzung immer als eigenes Loch zu betrachten ist? Dass also die Löcher fünf an der Zahl sind? Das würde natürlich die Löcher ohne Notwendigkeit multiplizieren und Ockhamisten wären gut beraten, drei statt fünf Löcher anzunehmen. Jedoch wären sie besser beraten, verbundene Löcher als ein einziges, verwinkeltes Loch zu betrachten. Es sieht jedenfalls aus, als hinge die Entscheidung darüber, wie viele Löcher im Appenzeller sind, nicht von unserer Wilkür ab, wie wenn wir beliebige mereologische Summen aus homogenen materiellen Ganzen bilden, sondern von unseren ontologischen Grundsätzen. Als wären Löcher – anders als andere homogene Ganze – wegen unserer Mereologie nicht beliebig summierbar, obwohl sie homogene Ganze sind. Komisch!

Letzten Samstag wurde mir entgegengehalten, dass diese Rätsel bestehen, weil es keine Löcher gibt: wir erschließen „Löcher“, weil wir sie beleuchten, durchdringen, bohren. Unsere Sprache bezeichnet mit den Konstanten A und B nur, was materiell ist oder von Materie besetzt werden kann.

Das ist ein unmathematischer Ansatz. Aber wer behauptet, dass die halbformelle Verwendung von Konstanten mathematischen Intuitionen genügt? Je mehr ich darüber nachdenke, desto mehr finde ich, dass die Probleme der Ontologie des Mangels im Endeffekt Probleme der unpräzisen Sprache sind. Ehrlich gesagt glaube ich das über viele ontologische Probleme. Keine Sprache durchdringt die Wirklichkeit. Die Sprache steckt bestimmte, bekannte Regionen der Wirklichkeit nur ab und zwar von innen. Die Kritik der reinen Vernunft und der Tractatus lassen grüßen.

Jahrelang denke ich, von jeder Spur Kantianismus und Wittgenstein-Jüngertum befreit zu sein, bis eine Scheibe aus dem Eisbecherdeckel und ein Gespräch mit Familie und Freunden bei Bad Tölz mich zurückwerfen.


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Since Roberto Casati’s and Achille Varzi’s influential monograph on the issue, holes are thought to be hosted by no holes but rather by material things. If Casati and Varzi are right, holes are to be defined as immaterial space segments surrounded by material hosts, entirely or partly.

I see problems in this famous account. Take A and B to be two longish holes in a Swiss cheese and to cross somewhere in the cheese. Additionally, assume B to be a bit narrower – its diameter is smaller than this of A. My question is: what is the host of the mereological intersection A^B? Is it A? This can’t be if Casati and Varzi are right. Rather, one must take A to be a hole and B to consist of two holes divided by A – total three. Or you can consider the junction to be an extra hole, at the same time the one end of four others – total five. Ockhamists would say that five is worse because it multiplies unnecessarily the number of entities. Is this to say that three is best?

It isn’t. It is more minimalistic, ergo Ockham-like, to say that interconnected holes are all one. A labyrinth of interconnected holes in your cheese is one hole. I.e. unlike material homogeneous wholes (with a „w“) – and despite their being homogeneous wholes – holes (without the „w“) are of the kind that you can’t add one to another to form an arbitrary mereological sum. Not always! And this is strange!

Last Saturday, I was looking at the world through a hole I found (can I find a hole or do I always find its host?) in an ice-cream cup (no idea what the function of the perforated paper slice at the top of your ice cream is). One question led to another and I found myself explaining nonphilosophers the basics of Casati/Varzi. They were very interested. And they had a solution of the riddles also. There are probably no holes in the world, they told me, and if there are, language doesn’t refer to them. Language refers to non genuine holes: holes you penetrate, holes you illuminate, holes you see and feel, holes that are filled with matter like air, photons or your finger.

This is not a logician’s or a mathematician’s  way to put it but I have to admit that it’s appealing. My semi-formal usage of the constants A and B above doesn’t guarantee mathematical rigour.

In fact, I do believe that most, if not all problems of metaphysics are ones of language and that the riddles concerning holes are of this kind. Language does not map reality. It just delineates some known regions from inside. The idea is reminiscent of Kant and Wittgenstein.

Gosh! I’ve been totally clean of such influences for years and years and they come back during a day in the Alps?

Ettal Winter 2016

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Vergangenen Samstag fand das Ettaler Oberseminar statt, zum ersten Mal ohne Hans Burkhardt, seinen Initiator vor vielen Jahren und patrem nostrum omnium. Christina Schneider (LMU und Hochschule für Philosophie) und ich übernahmen die Leitung und wir haben vor, zweimal im Jahr dort zu tagen. Für diese Sitzung hatte sie Ludwig Jaskolla (Hochschule für Philosophie) mit einem Vortrag über „Das dynamische Selbst“ eingeladen. Jörg Noller (LMU) war mein Gast und er trug über „Personale Lebensformen“ vor. Sein Untertitel lautete: „Zur Identität von Personen jenseits von Animalismus, Bewusstseins- und Konstitutionstheorie“. Beide Vortragenden sind untereinander bekannt, sie arbeiten beide über das Thema personale Identität und verfechten in ihren Habilitationsprojekten eine Abkehr vom Substanzialismus.

Ich habe mich bisher sehr wenig mit der zeitgenössischen Debatte zum hard problem beschäftigt, aber dieses Wenig zusammen mit meiner mittelalterlichen Lektüre sowie meiner eigenen Introspektion als Person – was ich jetzt beinahe vergessen hätte 🙂 – lassen mich vielleicht auf etwas altmodische Weise glauben, dass das Bewusstsein eines jeden auf der Selbstbezüglichkeit einer Substanz fußt. Nun haben beide, Noller und Jaskolla, sympathische antisubstanzialistische Ansätze zu bieten, mit denen selbst der Substanzialist leben kann. Noller meint, dass es die Lebensform ist, was ein Wesen als eine und zwar diese Person auszeichnet. Jaskolla meint, dass Nollers Lebensform als Kriterium des Personenseins nicht ausreicht, um Probleme wie Parfits Gedankenexperiment der Duplikation von Personen auf Molekularebene plausibel zu interpretieren. Ich glaube allerdings, dass das parfitsche Gedankenexperiment kein großes Problem für Nollers Argument darstellt. Fragen wir vielleicht eine Mutter vor der Herzoperation ihres Kindes, ob sie lieber das parfitsche Original als ihr Kind ansieht, oder lieber das parfitsche Duplikat mit geflicktem Herzen. Was sieht sie als ihr Kind an? Natürlich das Original und zwar aus Gründen der Kausalität: Sie hatte das Original und nicht das parfitsche Duplikat im Bauch. Das Duplikat ist eine andere Person.

Auch an dieser Stelle möchte ich betonen, wie froh und dankbar wir sind, dass wir in den Personen des Ettaler Abtes, P. Barnabas Bögle OSB, sowie P. Raphael Muhrs zwei Fachkollegen gefunden haben – sie haben beide Philosophie studiert – die ihre Gastfreundschaft als eine selbstverständliche Benediktinerpflicht gegenüber der Wissenschaft verstehen.

Außerdem bin ich Christina Schneider für ihre Bemühungen dankbar, die uns allen die Fahrt nach Ettal ermöglichten. Damit nicht genug bin ich ihr dankbar, weil sie während der Diskussion meinen Standpunkt zu Privation und mehrwertiger Logik verteidigte. Ohne sie wäre mein Argument zur Privation mangelhaft geblieben und ein mangelhaftes Argument zur Privation lehrt uns nichts über die Privation, sondern es ist bestenfalls ein gutes Beispiel einer Privation.

Im Anschluss erreichte mich eine Email von Christina. Unter anderem fragt sie mich, warum sich Logiker immer streiten müssen. Das weiß ich nicht, dadurch komme ich aber auf meinen letzten Dank für heute: Danke an die Diskutanten! Ohne sie hätten wir gar nicht streiten können. Und wir wissen ja: Es war oft der schöne Streit über Begriffe, der am nächsten Tag fruchtbar für unser Schreiben war, die Eintracht, die dagegen furchtbare Resultate hervorbrachte.

Vielleicht ist das die richtige Antwort auf die gestellte Frage.

Ettal Empfangsraum

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The Ettal master class took place last Saturday – for the first time without Hans Burkhardt, the man who initiated it back in 1997 as his – back then – Murnau master class. From now on, Christina Schneider (LMU Munich and Hochschule für Philosophie) and myself will be organizing this twice a year. This time Christina invited Ludwig Jaskolla (Hochschule für Philosophie) for a talk on „The Dynamic Self“. My guest was Jörg Noller (LMU Munich) who presented a paper on personhood as a form of life. Life form is Noller’s alternative to moral approaches to personhood (e.g. the animal-rights debate), further to consciousness-focussed theories and the personhood-as-a-construct debate. The two guests know each other and have similar views on personhood.

My only expertise in personhood is based, I suppose, on the bare fact that I am a person myself and this experience makes me propagate the view that my personhood stems from a substance: my substance. This is as old-fashioned as it can be and is probably backed by the fact that I’ve read only the basics of the contemporary hard-problem literature and many many medieval sources on personhood. Nevertheless, I found Noller’s and Jaskolla’s modern stories interesting. Noller thinks that X is a person if and only if X conducts a certain form of life. Jaskolla thinks that Noller’s form of life is not sufficient to form a criterion of personhood and, in Ettal, he pointed to Parfit’s thought experiment of teletransportation in this context. For myself, I think that the importance of Parfit’s thought experiment is overestimated. If we ask a mother who hears that her child has to go through a heart operation whether the original or Parfit’s duplicate with a mended heart would be her child, her answer would be that the only person of the two who is her child is the ill one. Causality would be her criterion for this: the ill child is the one she had in her womb.

Anyway, today I want to express my gratitude to the abbot of the Ettal monastery, father Barnabas Bögle OSB, as well as to father Raphael Muhr, both philosophers, for what they called their typical Benedictine hospitality towards letters and science.

And my gratitude goes also to Christina Schneider who did so much to enable the continuation of Hans’s master class. And, of course, I want to thank her again for defending and completing my argument on privation and multivalued logic. You see, an incomplete argument on privation is not something that teaches us much about privation but, rather, a case of privation. Thanx!

Christina asked me after the event why it is that logicians always have an argument – in the colloquial sense of „argument“ of course. Well, I don’t believe that the colloquial sense of „argument“ is really different from the technical one. And since the dispute got heated only during the questions, this is an important reason to say thanks to all participants – really tough dialecticians who enjoyed and made me enjoy discussion last Saturday.

Entbehrung – on the ontology of privations

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Humor zu entbehren, heißt eindeutig, man ist irgendwo ganz falsch gelandet. Miesmuscheln zu entbehren ist weniger tragisch. Warum wohl? Weil Humor offensichtlich ein wichtigeres Merkmal unserer Natur ist als Miesmuschelnessen. Das muss ich als notorischer Miesmuschelnesser sagen. Einerseits hat also die Entbehrung mit unserer Natur zu tun. Wenn wir etwas nicht haben, was wir für zu unserer Natur gehörig halten, dann ist die Entbehrung größer, als wenn wir das für weniger zu unserer Natur gehörig halten.

Einerseits hat also die Entbehrung mit unserer Natur zu tun, andererseits hat sie nichts mit unserer Essenz zu tun. Denn wenn ich etwas entbehre, was zu meiner Essenz gehört, dann bin ich bereits nicht mehr derselbe – oder dasselbe.

Am Mittwoch hatte ich die Gelegenheit, die mir Professor Psarros von der Uni Leipzig dankenswerterweise gegeben hat, diesen und anderen Gedanken Ausdruck zu verleihen. Noch bemerkenswerter finde ich den Gedanken, dass die Entbehrung nur eine individuelle Natur, kein Genus betrifft. Denn die Entbehrung impliziert stets ein Nichtvorhandensein: Wenn Stevie Wonder blind ist, dann ist es nicht der Fall, dass Stevie Wonder die Fähigkeit zum Sehen hat. Das Satzsubjekt ist hier wohlgemerkt ein Individualausdruck. Dass es nicht der Fall wäre, dass einige Sänger die Fähigkeit zum Sehen hätten, wenn einige Sänger blind sind, gilt allerdings nicht. Was mir fehlt, fehlt in Folge dessen nur mir – und zwar aus logischen Gründen.

Es kann daher sein, dass der Humor meinen Artgenossen nicht fehlt. Das macht das Leben in Entbehrung schwieriger. Man ist allein in dem, was einem fehlt. Ein Leben in der Umgebung von Menschen, denen es nicht mal auffällt, dass anderen Menschen andere Sachen fehlen, ist – na ja…

Egal! Zurück zur seriösen Philosophie. Ein schöner Leichenschmaus war’s gestern in den Ammergauer Alpen. Humorvolle, tolle Leute haben ihren Lehrer und Freund auf seiner letzten Reise verabschiedet. Nur einer fehlte. Man kann zwar nicht im Ernst behaupten, dass einer in seiner eigenen Beerdigung fehlte und zwar aus verschiedenen Gründen: Einerseits war er körperlich da, andererseits setzt eine Beerdigung voraus, dass einer in einem Sinn nicht da ist.

Aber das sind keine logischen Gründe.

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When you miss humour you know that you’re definitely in the wrong place. When you miss mussels the suffering is not that big. Why is this? Well, humour is obviously more important to your being human than eating mussels. And I do like mussels. Very much indeed!

Privation, obviously, is akin to our nature. When we miss something of which we think it’s more relevant to our nature, we suffer more than when we miss something of which we think it’s less relevant to our nature. At the same time, privation has nothing to do with our essence. When I miss something which is a part of my essence, I’m somebody else altogether!

Last Wednesday I had the opportunity given to me by professor Psarros of the University of Leipzig to express these and more thoughts on privation. I’m grateful to him for this. One of the thoughts which stroke me most was that, obviously, privation is a characteristic of individuals but not of entities which can be described by generic terms. The reason for this – and a purely logical one – is that privation implies that something is not the case. If Stevie Wonder is blind, then it is not the case that Stevie Wonder can see. However, if I fail to use the individual term and say that some singers are blind, then the subsequent that it is not the case that some singers cannot see is not the case. Privation is always individual.

Of course, this would make life in privation more difficult. Your fellow humans can be unable to miss humour and a life among people who are not used to think that different people miss different things is – well…

Forget it! Back to serious philosophy:

It was a nice funeral yesterday in the Ammergau mountains. Humorous, great people gave their teacher and friend the last farewell. We missed one. Of course, in a way, you cannot say that someone was missing in his own funeral – for several reasons. First of all, he was there. And, secondly, a funeral presupposes the fact that someone’s missing.

Now, these reasons are not logical.

Immer fehlt jemand

Mit der Begründung, man könne vielleicht feststellen, was wo existiert, aber nie, was wo fehlt (denn wie lässt sich Nichtsein feststellen?), wurde die Privation, der Mangel an etwas, aus dem Wissenschaftsvokabular in der Neuzeit verbannt.

Das ist unvernünftig, meine ich. Denn Privation lässt sich ohne Schwierigkeiten in einem Fragment der n-wertigen Prädikatenlogik erster Stufe von Łukasiewicz formalisieren (vgl. meinen Entwurf in: Beziau/Jacquette, Around and beyond the Square of Opposition, Basel: Birkhäuser, 2012, 229-239). Aber vor allem habe ich immer besser gewusst, was mir fehlt, als was ich habe.

Das Wetter kann nochmal so sonnig, die Kinder nochmal so glücklich und die Ehefrau nochmal so unbesorgt sein: Übers Wochenende fehlen mir meine Studenten. Es gibt da Abstufungen – also mehrere Privationsstärken. Meine Studenten würden mir anders fehlen, wenn ich vor Ort in Erfurt wohnen würde, wo ich die Hoffnung hätte, ihnen zufällig über den Weg zu laufen, anders, wenn ich in Weimar wohnen würde, wo ich immerhin die Hoffnung hätte, ihren Weimarer Freunden über den Weg zu laufen, und anders in der Münchener Peripherie, wo das Durchschnittsalter – gefühlt jedenfalls – 60 ist. Anders fehlen sie mir jetzt, wenn ich weiß, dass nur ein paar Stunden bis zum nächsten Seminar sind, und anders im Juli…

Im Juli wiederum fehle ich wenigstens hier nicht:

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Im Moment aber schon. Ich frage mich, wie es mein Strand ohne mich, ohne meine Fischernetze, ohne mein Tauchen aushält. Gerade an solchen Wochenenden wie das jetzige.