« Aujourd’hui, avec nous ce sont les gilets jaunes oranges »

Readers of English may skip this and continue after the police blockade

Die Phrase im Titel, laut skandiert aus einem Sprachrohr, sorgte für Gelächter in der Familie vor einer Woche. Wir standen am Rande dieser Demo und ich hatte alles andere als Lust für Witze. Ich war eher beunruhigt, weil ich aus Athen weiß, wie schnell eine friedliche Kundgebung umschwingen kann, wenn ein einziger auf den dummen Gedanken kommt, tätlich zu werden, und wusste nicht, wie ich in einem solchen Fall mit den Kindern unterwegs hätte reagieren sollen. Meine Frau schoss Fotos. Die Gelben Westen hatten die Abriegelung wegen des Élysée-Palastes erreicht, haben die Champs-Élysées nach rechts Richtung Seine zu verlassen begonnen, als ihr Anführer die Präsenz “orangefarbener Gelber Westen” begrüßte.

Alle haben gelacht, die Demonstranten, die Polizisten, die Zuschauer. Sogar ich, der ich ja besorgt war. Es war ein Witz, weil ein Widerspruch angedeutet wurde. Nur “angedeutet”, nicht etwa begangen, weil Widersprüche kein Modell haben, wobei hier zwei Individuen tatsächlich das Modell ausmachten!

Was heißt es für die Termini, wenn das kein Widerspruch war? Erstens, dass “gelbe” kein Adjektiv zu “Westen” ist. Zweitens, dass “orangefarbene” ein Adjektiv zu “Gelbe Westen” ist, das seinerseits als Eigenname fungiert.

Aber ist dann “Gelbe Westen” ein rigid designator? Offensichtlich nicht, denn sonst wäre der Ausdruck “gilets jaunes oranges” nicht lustig! Lustig bleibt er, weil er bloß die Abkürzung einer Kennzeichnung ist, einer, die sich ursprünglich auf nur gelbe Westen bezog. Dass die Eigennamen Abkürzungen von Kennzeichnungen sind, entspricht Bertrand Russells Auffassung der Eigennamen.

Was ich von Kripkes und Kaplans Theorie der Eigennamen halte, die ja Russells Theorie seit ein paar Jahrzehnten in den Schatten stellte, brauche ich demach nicht auszuführen. Vielleicht ist sie gut für formale Sprachen. Aber da ist die Verwendung von Eigennamen nie problematisch. Es war die Anwendbarkeit auf die natürliche Sprache, was Kripke und Kaplan wichtig erscheinen ließ. Die natürliche Sprache erweist diese Theorie jedoch als inadäquat.

Kaum zwei Tage in Paris mit Parisern unterwegs und da sieht man, was aus der ganzen analytischen Philosophie übrig bleibt…

PS: Die Fotos hat meine Frau geschossen. Ich musste ja besorgt sein. Und nachdenken…

Enough with scrolling

Suddenly we had to laugh. As far as I’m concerned unwillingly, the reason being that I was just that: concerned.

After all I know from Athens how quickly a peaceful demonstration can turn to hell if only one blockhead would get violent. And it’s unpleasant to think how unpleasant such situations were in the past when – on top of everything – the kids weren’t around.

But, you know, the yellow vests had reached the police blockade at lower part of the Avenue des Champs Élysées, some hundred yards from the presidential palace and were taking a right turn to reach the Seine when the one who gave the slogans realised that there were these two persons with orange instead of yellow vests among the protesters, so he thought it funny to greet the presence of the “orange Yellow Vests”.

The protesters laughed, the policemen laughed, even me myself I laughed. My wife took pictures. It was a joke because there was an allusion of an obvious contradiction. But it would also be naive to take it to be a contradiction. Contradictions have no models. But obviously, these two persons were the speaker’s intended model.

No contradiction means in this case that “yellow” is not an adjective determining the noun “vests”. Further, it means that the noun is the expression “Yellow Vests” and “orange” is an adjective determining this. But in order for “Yellow” not to contradict with “orange”, “Yellow Vests” has to be taken to be a proper name as well.

Does this mean that “Yellow Vests” is a rigid designator? Obviously not because in this case there would be no joke! The joke consists in the expression’s “Yellow Vests” being an abbreviation of a definite description of people who, originally, had only yellow, not orange vests. Proper names as abbreviations of definite descriptions: this is Russell’s theory on proper names, one that lately has been neglected overshadowed by the mainstream view launched by Saul Kripke and David Kaplan and adhered by thousands of young boys and girls out there who never read what is more than five years old.

I don’t need to tell you what my opinion of Kripke’s and Kaplan’s proper-names theory is after a couple of days in Paris. But let’s not be unjust. Maybe it’s a good theory for formal languages. However, the usage of proper names was never the problem in formal languages. It was an alleged applicability in ordinary language that made Kripke’s and Kaplan’s account what it is. But, as my example shows, the theory is inadequate to capture how proper names function in ordinary language.

And, I mean, come on, Kripke and Kaplan would have no chance to overshadow Russell on proper names if there weren’t this barbarian custom of writing articles about the colleague next door, articles that he will read and his PhD candidate will read – and no one else will read. However, this is another big story. And one in which Parisian publishing appears much better than Oxford publishing, to say the least…

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Politeia

(Scroll for English)

Heute schreibe ich über meinen Vater, denn der 26. Oktober war sein Namenstag: das Fest des heiligen Demetrius.

Wer sich an die Lektüre von Platons Republik gemacht und nur das Bisschen Geduld gehabt hat, das nötig ist, um über die ersten Seiten hinauszukommen, wird noch wissen, wem Sokrates die ersten Fragen stellt: Kephalos, dem greisen Messerfabrikanten. Der meinte, ein rechtes und erfülltes Leben gelebt zu haben, denn er habe seinem Sohn Lysias – dem bekannten Redenschreiber – ein größeres Vermögen hinterlassen als das Vermögen, das er von seinem Vater Lysanias einst erhielt, und etwa ein mit dem gleichwertiges, das dieser wiederum von dessen Vater Kephalos geerbt hatte.

Um der berechtigten Frage nachzugehen, ob das ein Kriterium des erfüllten und rechten Lebens sein darf, muss der Leser allerdings viel Geduld aufbringen. Die Republik ist ein sehr langes Werk.

Was dem Leser leicht entgeht, ist, dass Kephalos zwischen den Zeilen ein weiteres Kriterium des rechten und erfüllten Lebens angibt: Jeder Sohn hieß in Kephalos’ Familie so oder ungefähr so wie der Großvater. Der Name des Sohnes garantiert das Ahnengedenken.

Auch ich heiße so wie ein Großvater – ein ehemaliger Bürgermeister einer kleinen Gemeinde auf einer Insel in der Ägäis. Aber keines meiner Kinder heißt so wie mein Vater. Denn erstens habe ich Töchter, zweitens würde sich meine Frau mit keinem mit Ach und Krach sprachlich angepassten Männernamen für die eine oder die andere Tochter abfinden. Für jemanden wie meinen Vater, der meint, dass jeder Eigenname eine Ehrerbietung an einen Ahnen sein soll, ist das traurig.

Im Sommer war ich wieder mal bei meinen Eltern, in Südost-Attika. Dort hat mir mein Vater einen Stapel DIN-A4-Seiten präsentiert, die sich als seine Memoiren herausstellten – seine privaten Momente (sein “bios“) und seine öffentlichen auch (seine “politeia“). Darunter gibt’s haarsträubende Geschichten über suizidöse Geschäftspartner, über zum Fenster hinausgeschmissenes Geld, über die Leidenschaft des Tauchens vor dem Hintergrund eines Landes (Griechenland in den 80ern) im Sog der Entindustrialisierung, der politisch kalkulierten chaotischen Zustände, der Misswirtschaft, der Klientelwirtschaft.

Der Stapel ließ sich schön lesen. Ein Kribbeln im Bauch erzeugten allerdings bei mir die ersten Seiten über den acht-, zehn-, zwölf-, sechzehnjährigen Insulaner, der Wehrmachtsoldaten um ein paar schön glänzende Schießpatronen bittet, der auf dem Weg zur Schule untergetauchten Genossen seines Vaters (Opa Stamatios war KP-Mitglied…) sein Pausenbrot gibt, der im Streit einen Schatz aus im Gebüsch versteckten Fensterscheiben kleintritt, der nach Athen will. Nicht ohne Unbehagen stellte ich fest, Sohn eines impulsiven Abenteurers zu sein.

Der heilige Demetrius liegt meinem Vater näher als Christus. Selbst die ikonographische Darstellung des die Polis verteidigenden Heiligen hat klassische Vorbilder. Sie soll christliche Liebe mit homerischem Streit verbinden.

Antiker Demetrios

Die Menschen streiten meistens genauso gut, wie sie lieben können. Mein Vater jedenfalls…

Obwohl ich diesen Blogeintrag erst post festum schreibe, habe ich ihm gestern nicht zu gratulieren vergessen. Den Namenstag meines Vaters vergesse ich nie.

Gonikes prosmones eng

Today I am writing about my father. October 26th is the day of the saint whose name he bears: Demetrius.

Those who were patient enough to start reading Plato’s Republic and to continue reading after the first pages will remember whom Sokrates asks the first questions: Cephalus, the old knife-manufacturer. Cephalus considers his life to be just and virtuous since he left his son, Lysias, the well-known orator, a property much bigger than the one which he had received by his own father, Lysanias, and almost as big as the one which Lysanias had received by his father, Cephalus.

Of course, the question is whether this is a justified criterion of a just and virtuous life. In order to learn what Plato thought about this, the reader has to have much patience. The Republic is a dialogue which goes on and on for hundreds of pages.

But most readers have already failed to see that Cephalus boasts of one more criterion of a just and virtuous life he thinks he fulfils: every son in his family is named after a grandfather. The sons’ names guarantee that the ancestors will be remembered.

I was named after a grandfather myself. He was a mayor of a little village on an Aegean island. But none of my children is named after my father. One reason is that I have two daughters. Another is that my wife would never want her daughters bear a male’s name which has been grammatically adapted for them. For someone like my father who thinks that proper names express veneration for an ancestor, this is sad.

Last time I was with at my parents’ place in southeast Attica it was in the summer. My father presented me a pile of paper which turned out to be his memoirs: the private moments (his “bios“) as well as the public ones (his “politeia“). Embarassing stories about business partners with suicidal tendencies, spent money, the passion of diving in front of a background of a country (Greece in the 80s) de-industrialized, in a situation of politically manipulated chaos, mismanagement and patronage.

The pile was a good reading. However, it was unpleasant to read the first pages about the eight-, ten-, twelve- and sixteen-year old who asks German soldiers to give him some shiny machine-gun cartridges, who gives his sandwich to his father’s comrades on his way to school (grandpa Stamatios was a member of the Communist Party…), who destroys a treasure of window panes hidden in a bush just to show he’s angry, who wants to go to Athens. I realized that I am the son of an impulsive adventurer – and this not without discomfort.

My father is closer to Saint Demetrius than to Jesus. Even the iconographic tradition of the saint who defends the polis corresponds to classical Greek reliefs and combines Christian love with Homeric anger.

The intensity of anger often corresponds the intensity of love which one is able to feel. At least this is the case with my father.

I’m writing this posting only post festum, but I didn’t forget to call and wish all the best. I would never forget my father’s name day.

Propria

(Scroll for English)

Ein Ristretto an der coolen, Budapester Magyar útca…

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…muss wach machen. Diesmal war er unangenehm ernüchternd, zumal er am Ende einer Führung mit vielen Highlights der ungarischen Geschichte kam, darunter mit der Angabe, dass der erste ungarische König István hieß.

Systematische Beiträge zur Semantik der Eigennamen habe ich niemals geleistet. Historisch habe ich aber stets die These vertreten, dass es in den natürlichen Sprachen keine Eigennamen gibt. Zwar gibt es Namen, die wir “Eigennamen” nennen, wie “Ägäis”, “Peter”, “Kunigunde” usw., aber diese deuten auf Eigenschaften des ersten Namensträgers hin: “Meer des Aigeus”, “Steinharter”, “Sippenwehrhafte”. Bei den späteren Namensträgern handelt es sich um Anwärter des Ruhms eines früheren Namensträgers.

Diese These habe ich historisch in einer sehr kurzen Arbeit zu untermauern versucht, die ich zusammen mit dem damals Saarbrückener Sprachwissenschaftler Andreas Schorr schrieb: “Kulturkontakt auf dem Balkan”, in: Borgolte et al., Mittelalter im Labor, Berlin: Akademie Verlag, 2008, 390-391. Insbesondere beziehen wir uns dabei auf mittelalterliche Namen, u.a. auf die Namensgebungs-Etikette des serbischen mittelalterlichen Adels, dessen Angehörige, so jedenfalls die Vermutung, in Anlehnung an die Urbedeutung des griechischen Namens “Stephanos” (= der Bekränzte; der Gekrönte) “Stefan” hießen.

Dabei maßen wir dem Umstand, dass viele Mitglieder der serbischen mittelalterlichen Königsfamilie auch “Uroš” hießen, nicht die gebührende Bedeutung bei. Den Namen “Uroš” trugen sie eindeutig in Anlehnung an die ungarische mittelalterliche Aristokratie. “Stefan Uroš” war der Doppelname gleich mehrerer serbischer Monarchen. Aber dann ist es sehr wahrscheinlich, dass auch der Name “Stefan” in Anlehnung an den ersten König Ungarns István I. gegeben wurde und nicht wie Andreas und ich im Artikel vermuteten in bezug auf die griechische Bedeutung von “Stephanos”. Die mit dem Doppelnamen “Stefan Uroš” intendierte Assoziation diente nicht “römischer Zivilisiertheit”, wie wir schrieben, sondern der Identifikation mit einer ungarischen Erfolgsgeschichte. Pure Eigennamen sind im serbischen mittelalterlichen Adel weiterhin nicht zu finden. Insofern stimmt die These. Sie war aber nicht richtig untermauert.

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A ristretto-coffee at the cool Magyar útca of Budapest raises the pulse but in this case it made me very thoughtful after a sightseeing with many basics of Hungarian history – among others with the information that the name of the first Hungarian king was István.

I have made no systematic contributions to the semantics of proper names. Historically, however, I have been maintaining an original position which says that natural language has no proper names. There are, of course, names like “the Aegean Sea”, “Peter”, “Cunigunde”, which we call “proper”. But these are allusions to properties of the first bearer of the name: “Sea of Aegeus”, “stone-hard”, “the-clan’s-defensible-one”. The subsequent bearers of such names do nothing but insinuate that they are equal to the first bearers.

I tried to corroborate this historical position in a very short article which I wrote together with the linguist Andreas Schorr, back then at the University of Saarland: “Kulturkontakt auf dem Balkan”, in: Borgolte et al., Mittelalter im Labor, Berlin: Akademie Verlag, 2008, 390-391. We focused on medieval names, among others on names of the medieval Serbian aristocracy. We thought that most of them were called “Stefan” in order to allude to the Greek meaning of the name “Stephanos” (= the crowned).

However, both Andreas and I didn’t pay attention to the fact that many members of the royal family in medieval Serbia were named “Uroš”. This was due to a strong influence they received from the Hungarian aristocracy. Some kings of the medieval Serbian state had the following two names: “Stefan Uroš”. But “István”, the name of the first Hungarian king, is a Hungarian form of “Stefan”. Thus, unlike what Andreas and I maintained in the aforementioned article, it seems quite plausible that the name “Stefan” wasn’t given to allude to the Greek meaning of the word but, like “Uroš”, to a Hungarian success story.

Of course, if the name “Stefan” was a way of a king to say: “I am as good as the first Hungarian king was”, it is still not a genuine proper name. But our argument for this wasn’t correct.