Classical and bounded rationality in one and the same action

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Für heute habe ich ein kleines Beispiel für die unsichtbare Hand. Auch dafür, dass es zwei unsichtbare Hände gibt, von denen die eine nicht weiß, was die andere tut.

Wer in der Nordwestschweiz lebt und arbeitet, wird gut beraten sein, viele Waren in Deutschland und Frankreich einzukaufen. Fisch, Wein und Käse vom französischen Supermarkt sind in Preis und Qualität unerreichbar für die schweizerische und deutsche Konkurrenz. Die Franzosen sind bei solchen Produkten ein Kennerpublikum und die Ware ist entsprechend.

Für Elektronik und Baumaterialien gibt es keine Alternative zu Deutschland.

Verhalten sich aber die Nordwestschweizer so, dann sind sie oft in Läden, wo die schweizerischen Sachen, die sie brauchen, viel teurer sind als zu Hause. Sie trotz allem dort, im Ausland um die Ecke, wo sie teurer sind, zu kaufen, nur weil die Lust fehlt, noch einen Halt nach dem Zoll einzulegen, zeugt von eingeschränkter Rationalität – während die Nordwestschweizer wohlgemerkt nur deshalb im ausländischen Laden sind, da sie klassisch rational sind. Welcher Volkswirt würde denn ahnen, dass sich schweizerische Produkte in Deutschland von Schweizern gekauft werden?

Spätestens wenn der Volkswirt die schweizerische Abteilung des Baumarktes auf deutschem Boden besucht, weiß er, warum die Wirtschaftswissenschaft kein Zweig der Mathematik ist, sondern empirische Sozialwissenschaft. Rationalitätslücken sind mathematisch schwer zu erschließen.

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This is an example for the invisible hand. Or, rather, for two invisible hands neither of which knows what the other does.

If you work and live in the northwest of Switzerland, it is classically rational to go to Germany or France for shopping. In France you get fish and wine and cheese in a quality and prices that German and Swiss discounters can’t (and will never have the know-how to) compete. In Germany it’s electronics and construction materials that no neighbour will offer.

But by doing so, you go to a place where Swiss products are more expensive than at home. Buying them there because you don’t have the nerve to make one more stop on your way home after the state borders is boundedly, restrictedly rational if not irrational. Who would imagine that this would happen to individuals in a context that demonstrates classical rationality? There’s no way an economist would predict this.

Well, just visit the Swiss section of German shops at the border. I’d say they know better.

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Surprise #4: Berlin Woody

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Zwei Autoren habe ich insgesamt schätzen gelernt, die nach einem Philosophiestudium Standup-Comedians (und Vieles sonst) geworden sind und mich (und sonst viele) zu ihren begeisterten Lesern machten. Der eine war Woody Allen. Der andere, viele Jahre später, Marc-Uwe Kling. Sie sind sich in vielerlei Hinsicht ähnlich. Wer kann z.B. so einen Dialog geschrieben haben?

– Wo hast du denn das her? Ich hab’s gesucht! Das ist doch mein MP3-Player!

– Ach, „mein“, „dein“, das sind bürgerliche Kategorien…

Woody Allen, sagen Sie? Im Film Bananas? Falsch! Es ist Kling! Ich entdeckte ihn erst 2018 als den Autor der Känguru-Apokryphen, herausgekommen bei Ullstein und eigentlich Nachschlag zu seiner großen Känguru-Trilogie, die er 2006 zu publizieren anfing. Der erzählerische Rahmen geht in etwa so: Der Ich-Erzähler, explizit als der Autor auszumachen, lebt in einer Berliner WG mit einem Känguru, das

  • beim Vietkong mitgemacht haben und
  • weiterhin radikalisierter Maoist sein will;
  • Schnappspralinen liebt;
  • kalte Bouletten aus dem Kühlschrank auch;
  • nie das Bad putzt;
  • nie für den Haushalt aufkommt;
  • ständig riskiert, ohne sichtbaren ideologischen Gewinn von der Polizei auseinandergenommen zu werden;
  • ständig nervige linkslastige Bemerkungen gegen den Mitbewohner loslässt, die die Welt kein Bisschen besser machen und das Miteinander auch nicht;
  • auf seine Prinzipien aus kleinlichen Gründen wie Schnappspralinen oder Bouletten verzichtet.

Kurz gesagt ist Klings Känguru der Inbegriff des linken Populismus.

Die Geschichten sind noch viel mehr. Sie strotzen vor

– Selbstreferenzialität: Das Känguru will nicht, dass der Autor die Geschichten aufschreibt, also stürzt es sich auf diesen „und versu…“ – der Satz bricht ab, da der Versuch anscheinend gelingt.

– Entscheidungstheorie: Was ist die rationale Handfigur im regellosen Schnick-Schnack-Schnuck, wo offengelassen wird, was die Spieler mit den Fingern zeigen? Dino? Meteorit? Gar schwarzes Loch?

– Philosophie: Damit die Autokorrektur das Wort „Dialektik“ nicht ständig verunstaltet, empfiehlt es sich, „Denken“ zu schreiben, was sich als die einzig richtige Interpretation von Hegels Philosophie herausstellt.

Auf die Verfilmung der Geschichten bin ich gespannt.

PS: Namikas Foto oben hat wenig mit Kling oder Kängurus zu tun. Allerdings verkörpern sowohl Namika als auch Kling das, was ich „neudeutsch“ nenne. Normalerweise bin ich alles andere als voll des Lobes für das „Neudeutsche“. Dieses Posting ist eine Ausnahme.

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There are two authors who drew my (and many others‘) attention as philosophers who became stand-up comedians (and much more) and wrote philosophical jokes. The one is Woody Allen. Marc-Uwe Kling whose work I’ve encountered only this year (Kangaroo’s Apocryphal Doctrines, Ullstein, 2018) is the second. In the meanwhile, I have bought his Kangaroo Trilogy (Berlin, 2006 ff.). In many ways he resembles Allen.

The scenery of Kling’s short stories is a flat in downtown Berlin, inhabited by the author and a kangaroo. This last character is reminiscent of Woody Allen’s desolate Marxists in Bananas or the piece Viva Vargas: ready to forget what they profess to fight for if you give them a burger or Black-Forest-kirsch pralines. The author is (supposed to be) a looser or at least one who can’t say no when the kangaroo settles himself in his flat without asking, when the kangaroo is rude to police officers, when the kangaroo denies to do his part in the household. No psychoanalysis, no Jewish background – it’s not a copy of Allen’s themes, just a return to philosophy and how you’re still helpless with your whole knowledge and your whole political awareness after you’ve met the ones who would rather mock them, usurp them, ridicule them. Yes, you can say that Kling loves reflexion but in his short stories, reflexion and philosophy reach their limits quite fast:

– Do you have to be rethinking about everything?

– I do!

– Well, then I’d say do rethink about the following: Fuck you!

In other cases, the reason to entertain reflexion threatens to be selfish:

– Where do you have this from? I’ve been looking for it everywhere! It’s my MP3 player!

– „Mine“, „thine“ pffff! Bourgeoise categories!

Self-reference is one more characteristic of Kling’s stories. In one case, the kangaroo tells the author to stop writing down their stories, the author is busy with writing down exactly what the kangaroo urges him to refrain from in that very moment, which causes the kangaroo to stand up, attack him and „to try to seiz…“ – the sentence stops there.

You also find decision theory in Kling: which is the best tactic when you play an „open“ version of stone-paper-scissors (i.e. a version of the game not restricted to stone, paper and scissors)? Do you show the other a dinosaur? A meteorite falling on the earth? A black hole?

And there’s much philosophy also. The author needs to text a friend about Hegelian dialectics but the autocorrection disallows the word „dialectics“. However the kangaroo proposes that he writes „thought“ instead. After the author does so, he and the kangaroo agree that this is the right interpretation of this word in Hegel anyway…

I can’t wait to see the movie!

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Moralisch habe ich dagegen nichts einzuwenden. Die schwarze Null war ein legitimes Ziel. Politisch war’s halt’ nicht meins.

Rationalitätstheoretisch wiederum finde ich sie ein ungeheures Bully-Gehabe: die damit einhergehende Andeutung, Nulldefizit wäre das Einzige, was rational erstrebenswert ist. Es ist die Rache der Engstirnigkeit gegen alle Goldenen Zeitalter, gegen alle Lorenzos de’ Medici, gegen alle Ludwigs von Bayern der Weltgeschichte.

Vor allem vergisst man leicht dabei, dass die Rationalität nicht unabhängig vom Gegenstandsbereich gilt. Es gibt keine Logik der leeren Gegenstandsbereiche, wie wir seit Aristoteles wissen und wie Mancosu unlängst wiederholt hat. 

Darüber werde ich aber erst nächsten Sommer in Vichy berichten. Vorerst zur sozialen Sache: Bevölkert man den Gegenstandsbereich mit rationalen Individuen ohne Loyalität zu etwas Abstraktem wie der Deutschland AG, würde die schwarze Null als rationales Ziel einer Politik ganz woanders stehen.

Mit einer von Menschen gebildeten Null verabschiedeten die Beamten des Bundesministeriums ihren bisherigen Minister vom Amt.

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The employees of the German Federal Ministry of Finance formed a zero to remind of what is thought to be their hitherto minister’s most important achievement.

You can’t consistently argue against Germany’s zero deficit policy on the basis of morality. Say what you want against it but it will remain a practically coherent target.

What I have to say against it, is on the basis of politics and rationality theory: this is where I see myself justified to think that the so-called black zero is bullying, the bully in question being the petty-bourgeois who like politicians telling them that all Golden Eras and all Lorenzos de’ Medici of this world have been obsolete.

And it’s even worse than this: the bully wants you to believe that things like the zero deficit are choice-theoretically neutral: valid from an absolute point of view.

As we know since Aristotle and as Mancosu has recently reminded, rationality is not independent of the domain of discourse. I shall talk about the topic next year in Vichy, France.

For now, let me just add something on a political facet of the issue: If you populate the domain of discourse with rational individuals who don’t share a loyalty towards something so abstract like the so-called “Germany SA” – which is admittedly rather difficult when your universe of discourse is Germany – then the “black zero” would be in a totally different order of preferences in terms of rational choice.

Razionalità ristretta

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Der Kaffee kommt nicht immer als kurzer Brauner. Die Rationalität dagegen, die wir uns als Verbraucher religiösen Gedankenguts gönnen, kommt stets zu kurz.

Wäre es anders, dann würden wir sämtliche Heiligen drohen – wohlgemerkt in neoliberaler Manier – zur Konkurrenz zu gehen, immer wenn es uns schlecht ginge.

Das tun wir nicht. Denn im Glauben geht es nicht um Nutzen, sondern um Wahrheit. Der Glaube an eine Wahrheit restringiert offenbar entscheidungstheoretische Rationalität.

Vorerst trage ich dieser Einsicht Rechnung, indem ich mich von den großen Gestalten meiner Jugend umgeben lasse und die balinesische Göttin ins Treppenhaus verbanne.

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This blog names only the ristretto but there are innumerable ways to drink your coffee. . However, when it comes to religious faith, there is no alternative to restricted rationality.

If it were otherwise, you would threaten all saints of Christianity that you’ll get the product from another supplier who appears to be competitive whenever the Christian service fails to meet your needs. No one does so…

I suppose that the reason for this, is that in faith, not utility but truth is at stake. Believing that a teaching is true restricts decision-theoretical rationality.

This is why I banished a Bali goddess out of my office.

Deviants


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Im Elternhaus kann ich nicht umhin, meine sozialtheoretische Diagnose von vor zwei Jahren bestätigt zu sehen. Das Gruppenverhalten der griechischen Nation weist rationale Verhaltenszüge auf, weicht allerdings von Rationalitätsstandards in Kursbüchern ab.

(Ja, ich denke, dass es so etwas wie die abweichende Rationalität gibt, ohne aber ein Logikpluralist zu sein, denn die Abweichungen basieren auf Rationalitätslücken: meist selbstreferentiellen Kurzschlüssen).

Meine Zeugen sind etwa die Werften, die in den 80ern zumachten, weil die Gewerkschaft sie bestreikte, weil letztere hinter dem Firmengründer jemanden vermutete, der aus Angst vor einer streikbedingten Schließung schnell verschwinden würde…

(Die Masche funktionierte so: Ab 1981 wurden Schulden von Firmen gegenüber dem Fiskus mit einer gleichhohen Beteiligung des Staates in der Firma beglichen – automatisch! Hat die Gewerkschaft bei einem langen Streik die gewünschten Schulden herbeigeführt, war die Firma vom einen Tag auf den anderen staatlich; was gleichzeitig Firmengründer befürchteten; was sie gegenüber der Belegschaft suspekt machte; wodurch die Belegschaft erst recht streikte. Die Unausweichlichkeit der Selbstreferenz machte die Werft, in der mein Traumboot produziert wurde – Lambro 27: schnell, groß, zuverlässig – platt).

Mein Zeuge ist mein grotesker Fund von vorgestern: eine gestrandete Voodoo-Puppe. Wie kann das in einem Land als irrational gelten, wo Korruption und Misswirtschaft rhetorisch bekämpft werden – wo es also in Politik wie Magie um ein-und-dasselbe geht: Doing things with words?

(Gut, aber Mainstream-Rationalität ist das wohl auch nicht).

Mein Zeuge ist die Solidarität gegenüber Ganoven, die vom Wunsch motiviert war, wäre jemand selber Ganove, wäre der Ganove einem gegenüber solidarisch – wohlgemerkt, wenn man selber Ganove wäre, der tatsächliche Ganove ein unbescholtener Bürger.

(Letzteres ist meine o.g. Diagnose über das Scheitern der Kontrollen im Land seit 1980).

Im Alltag beobachtete Paradoxien machen jeden Griechenland-Aufenthalt zum unvergesslichen Erlebnis für den Logiker. Selbst meine alten, bei meiner Mutter liegengebliebenen Schallplatten, durch die ich mein vergangenes Selbst als einen halbfremden Jugendlichen wiederentdecke, kann ich cum grano salis als Prophezeiungen einer abweichenden Rationalität ansehen. Die Deviants hatten diesen Song: „Let‘s Loot the Supermarket“. Im Griechenland, in dem ich großgeworden bin, ging es um das „Looting“ von einem ganzen Land, in dem niemals, auch in der jüngsten Krise nicht, niemals also ein einziger Supermarkt geplündert wurde.




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While at my parents’ place I can’t help myself feeling justified to be the author of the essay “The Greek Miracle. Postmodernism, Collectivism and Deviant Rationality” (here a – sorry, only German – preview).

As I diagnosed there, the group behaviour of the entire Greek nation is rational but deviant.

(I do believe that there are deviations in rationality in terms of rationality gaps, mostly self-referential loops, but this without being a logical pluralist).

I have witnesses for deviant rationality.

E.g. the shipyard that closed because of a strike meant to prevent the founder of the shipyard to take the money and to run – as he had good reasons to, since he was afraid that they would strike to prevent him to take the money and run as he had good reasons to, because he was afraid… etc.

(I fear that this sounds hermetic, so this is some background: after 1981, unpaid taxes of a company would automatically be matched with company shares of equal value owned by the state. I.e. your company could turn overnight to be a state company if you failed to pay your taxes, which you had every reason to fear – take the money and run! – if the state could manipulate the people who worked for you to strike. And they, of course, would rather strike if they feared that you feared enough to take the money and run. If nothing else, at least they would wake up as workers of a state-owned company. I’m the only person I know who can claim that the production of the only vehicle I’ve fancied in my life – a boat, Lambro 27, fast, big, reliable… – stopped because of self-reference!)

I have witnesses for deviant rationality.

E.g. my grotesque finding of a voodoo doll at the beach the other day. You can’t call voodoo irrational in a country in which politics, like magic, is about doing things with words.

(But it’s not mainstream rationality either, isn’t it?)

I have witnesses for deviant rationality.

E.g. solidarity towards those who embezzled EU funds, going thus: “I wasn’t subsidised, but if I were, it could happen that I would embezzle EU funds”.

(And this is how the victims fraternised with those who made them victims. This case I analysed in the aforementioned essay two years ago).

Greece is a great country for experts of nonclassical logic to visit just because it has paradoxes that play a role in everyday life. And even when I rummage in my old books and records that I left behind at my parents’ decades ago, these old monuments that make my teen self appear as a half-stranger in my own eyes, today I interpret as witnesses of the paradoxes outside that door.

Take this LP of the Deviants – a hippie community that made music in Notting Hill, NB far away from the place I listened to this music and long before I could guess that some day I would argue that a thing like deviant rationality exists…

Well, they had this song titled: „Let‘s Loot the Supermarket“. Today I would say that, strangely enough, you can loot a whole country while still maintaining that looting a supermarket is a bad thing.

Books, magazines, records, newspapers – this house is full of memories. The country around it too.

Macro(n)economics

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Ausnahmsweise schreibe ich heute nicht in meiner Eigenschaft als Philosoph, sondern in meiner Eigenschaft als Fabrikantensohn, was – so die Hoffnung – ganz besonders zu philosophischer Reflexion befähigt.

Als Griechenland der damaligen EG beitrat, hieß es, griechische Firmen hätten wegen ihrer niedrigen Fixkostenstruktur sehr gute Chancen, auf dem gemeinsamen Markt gut als Zulieferer von Einzelteilen deutscher oder französischer Industrieprodukte wegzukommen.

Es kam, wie wir heute wissen, anders. Man kann die fehlende Infrastruktur und die Abhängigkeit von ausländischen Rohstoffen schuldig machen, auch die griechische unternehmerfeindliche Politik der 80er Jahre, schließlich dieselbe Politik, die die EU-Integrationsfonds zu einer Freibierveranstaltung zweckentfremdete, aber wo bleibt bei dieser Argumentation der vermeintliche Vorteil wegen der sehr niedrigen Fixkosten?

Mein Vater versuchte seinerzeit, mit sehr niedrigen Preisen auf dem EU-Markt Fuß zu fassen. Das war just die Zeit, als seine italienischen Konkurrenten den griechischen Markt eroberten. Die italienische Ware war schön, aber nicht gerade billig. Der springende Punkt war, dass Italienern, geschweige denn Deutschen, das zugetraut wurde, wozu mein Vater die prospektiven Kunden verzweifelt überzeugen wollte: nicht recycelten Kunststoff zu robusten Lebensmittelbehältern zu verarbeiten und eine große Produktpalette für lange Jahre zu liefern.

Aber: Würden Sie beim Griechen Kunststoffprodukte kaufen? Ich schon, denn in meinem Hinterkopf ist der Grieche nicht automatisch Schäfer oder Kellner. Im Grunde genommen kenne ich wenige griechische Schäfer und Kellner, ich selber bin keiner und mein Vater war’s auch nicht.

Was ich damit meine, ist, dass ich nicht sicher bin, ob nationale Stereotypen keine Rolle auf dem gemeinsamen europäischen Markt spielen. Für die Marktwirtschaft sind nationale Stereotypen natürlich irrational, also dürfte es sie bei der rationalen Entscheidung nicht geben. Man kauft dort ein, wo das Preis-Leistungs-Verhältnis am besten ist.

Allerdings sind simple Rationalitätsannahmen in sozialen Sachen oft nicht adäquat. Auf dem Markt haben wir eine eingeschränkte Rationalität. Und selbst eine eingeschränkte Rationalität im Sinne eines nichtkooperativen Spiels findet auf tatsächlichen Märkten nicht statt, sondern das Spiel ist kooperativ. Mit anderen Worten gibt’s Leute, die bei jemandem kaufen würden, der ihnen ähnlich ist, statt bei jemandem, der ihnen unähnlich ist, obwohl sie damit Geld verlieren. Das braucht nicht irrational zu sein, wenn die Angst vor dem Anderssein den Gewinn aus niedrigen Fixkosten überwiegt. Geld und Rationalität hören auf, das Thema zu sein, wenn die Ängste sich ankündigen.

Die EU basiert auf simplen Rationalitätsannahmen; auf solchen, die nationale Stereotypen und Ängste unterschätzen – unbewusst oder bewusst. Ersteres ist Illusion, Letzteres Betrug.

Der neue französische Präsident ist ein Philosoph ersten Ranges aus guter Stube, der mit einer Fabrikantentochter verheiratet ist.  Fabrikantenkinder sind dazu fähig, philosophisch zu denken, und Philosophen lieben die Wahrheit. So die Hoffnung.

Denn die Wahrheit ist mit Illusion und Betrug unvereinbar.


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This is a posting by SG, the son of an industrialist. This is the same person as SG the philosopher and the hope was – and remains – that being the one facilitates being the other.

This distant time when Greece joined the back-then EEC, I remember my father claiming that Greek fixed costs, being very low, would predestine Greek industry to evolve to, essentially, a supply industry of the big industrial nations that would become the new partners. Greece was a country whose closest ties were to its geographical neighbours.

In the decades to come, these neighbours came closer and closer to Greece – the iron curtain fell, the civil war in Lebanon ended, Libya ceased to be a renegade – Greece, however, opened trenches to them – was obliged to follow Brussels‘ directives and joined the euro – to make itself inaccessible to its old friends without finding new ones. My father’s plastics never found their way to a Volkswagen’s console or a Gillette razor’s button.

My father thought – and still thinks – that, on the Greek side,  missing infrastructures and the eighties, when the Greek state was utterly hostile to entepreneurship, were the causes that doomed his prediction to fail. But these two factors do not substantially affect his initial argument concerning low fixed costs. Did he do his job improperly?

He didn’t. On the contrary, for years and years he desperately attempted to export his goods at a time when Italian plastics conquered the Greek market with prices that were higher than his. They were funnier and had a better design alright. They weren’t his league. But what about a down-market league?

Well, I believe that he didn’t get the chance he deserved and would have got if he tried to enter the Russian, Turkish or Israeli market instead of the German or Dutch. How can you persuade people to buy your plastics if they associate you with fishing and goat cheese?

What I mean is that I can’t discard the suspicion that my father’s prediction came to fail along the lines of stereotypes.

Stereotypes shouldn’t have a chance when juxtaposed to a cost-benefit analysis you may say.

And I’ll be tempted to say that this is only theory. When people say „only theory“, they take theory to be too abstract to depict reality. When a philosopher says so, he means that this theory is simply inadequate.

Mainstream rational-choice theory appears to be adequate in terms of individuals who prefer to maximize their utility.
  
But in the context of a market, individuals often act in terms of bounded rationality. And in terms of the European common market they often act in terms of a cooperative game: in a case of doubt – doubt triggered by national bias – they would take into consideration to earn less provided they won’t have to communicate out of the box. This doesn’t need to be irrational if the fear to meet an exotic partner is bigger than the expected  revenue. We’re not talking about money here. We’re talking about fears…

The EU is based on simplistic assumptions concerning rationality and ones that neglect national stereotypes and fears – subconsciously or consciously. Neglecting stereotypes subconsciously is self-deception. Neglecting stereotypes consciously  is simply deception.

The new French president is a philosopher married to an industrialist’s daughter. And, as I said, the hope is that industrialists can think philosophically and philosophers love truth.

And truth is incompatible with deception and self-deception.

Can he do the math?

Death and rationality

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Ein Brüsseler Attentäter soll befürchtet haben, seine Tage im Gefängnis zu beenden, womit für ihn klar war, utilitaristisch zu handeln, wenn er wenigstens ein paar Bürger Brüssels mit in den Tod reißen würde. Dabei verzichtete er auf einen Nutzen, der in seinen Augen offenbar weniger wert war, als der Gesamtnutzen davon, Europäer umzubringen: auf die Verlängerung seiner eigenen Existenz.

Ich halte Selbstmordattentäter sowieso für buchstäblich seelisch Kranke. Durch den Umstand, dass sie utilitaristisch argumentieren können, fühle ich mich nicht veranlasst, meine Meinung zu ändern. Denn ein Kosten-Nutzen-Argument in diesem Kontext („Wenn ich sowieso irgendwann sterbe, bevor ich dem Feind schade, soll ich lieber gleich sterben, indem ich immerhin dem Feind etwas schade“) setzt voraus, dass die eigene Existenz auf die utilitaristische Waagschale des Abwägens von Nutzen und Kosten gesetzt wird, um sich als akzeptabler Verlust zu erweisen. Der plumpe Utilitarismus erinnert mich an diese billige nordvietnamesische Kriegspropaganda, die besagte, dass es einen Vietcong-Soldaten gab, der eine Kanone der Gebirgsartillerie den Hang hinunter rollen sah und in das Achsenwerk sprang, um das Gerät mit seinem sich zerquetschenden Körper zu bremsen – und zu retten. „Billig“ nenne ich so etwas nicht, weil ich etwa nicht daran glaube, sondern weil der Akt allein jeden Grund obsolet macht, um für eine Sache zu kämpfen. Ein Kampf um – angenommen – Gutes, soll für das höchste Gut Sinn ergeben: für die eigene eudaimonia, das gottgefällige Leben in Würde, Kontemplation und Harmonie. Wenn ausgerechnet dieses Leben ein Mittel zu einem anderen Zweck ist, kann es selbstverständlich nicht der Zweck meines Handelns sein.

Das Gebot, jeden Menschen gleichzeitig als Selbstzweck („Zweck an sich selbst“) zu behandeln, bildet einen wichtigen Pfeiler der kantischen Ethik. Kant selber meinte, das gehe aus Konsistenzüberlegungen hervor: Sobald angenommen wird, dass ethische Maximen nach dem Vorbild von logischen Gesetzen allgemeingültig sein sollen, ginge das Selbstzweckgebot hervor. Es gibt viele Punkte, in denen ich Kant folgen kann, dieser ist kein solcher. Gewiss kann ein Selbstmordattentäter konsistenterweise jede Menschenexistenz dem Willen Gottes als weit unterlegen betrachten.

Vielmehr sehe ich die Forderung, in sich selber und in jedem Menschen einen Selbstzweck zu betrachten, in der aristotelischen eudaimonia verankert und in der imago-Dei-Theologie bekräftigt. Man darf die eigene Existenz gar nicht in die Waagschale der Kosten zum Gesamtnutzen der Menschheit oder einer Gruppe werfen, da gerade diese Existenz göttlich ist. Weniger christlich ausgedrückt: Sie ist das höchste Gut. Mehr aus einem richtigen Instinkt als Christen denn aus Vernunftgründen haben die Kreuzritter Selbstmordattentäter, die den eigenen Tod als unterm Strich geringen Verlust ansahen, wenn sie mindestens zwei Kreuzritter getötet hatten, „Assassinen“ genannt, was zwar heute in einigen europäischen Sprachen „Mörder“ bedeutet, ursprünglich aber „Haschischbesessene“ heißt. Wenn der Nutzen immer ein persönlicher und körperlich zu empfindender Nutzen ist (das ist aber eine christliche Prämisse), dann ist die Kosten-Nutzen-Rechnung unter der Annahme des Todes des Nutznießers Humbug und wohl nur unter Drogeneinfluss als OK empfunden – so ein sehr wahrscheinlicher Gedankengang hinter der sonderbaren Namensgebung.

Gerade feiern die Westkirchen Ostern und er ist nicht von der Hand zu weisen der Gedanke, dass Jesus auch sein irdisches Leben in eine Waagschale geworfen hat, „damit wir leben können“. Nun, es ist so: Jesus, der Mensch, hat gar nicht sterben wollen („Vater, wenn es möglich ist, so gehe dieser Kelch an mir vorüber“). Und Jesus die göttliche Person war nie tot. Wäre Jesus nicht Gott gewesen und trotzdem den eigenen Tod am Kreuz bejahend, dann wäre er nicht nur kein Heiland mehr, sondern sogar ein fanatischer Selbstmörder und damit denjenigen Söhnen seiner südsyrischen Heimat ähnlich, die ich heute als Kranke betrachte. Unter der Bedingung, dass er nicht Gott wäre, könnte man Jesus nicht mehr achten. Denn es ist moralisch unstatthaft, nach dem Märtyrertod zu lechzen.

Nach den aristotelischen und thomistischen Grundlagen unserer Ethik jedenfalls.

Mein aufbauender Lektürevorschag angesichts der Brüsseler Anschläge und des Osterfestes ist kein religiöses Buch: Hans Joas, Die Sakralität der Person. Nehmt’s wahr im neuen Kontext! Lest es im neuen Kontext! Verbreitet es!

Assassin

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One of the Brussels suicide bombers is reported to have had worries about serving a life sentence, which made him conclude that killing others and himself would be preferable than dying some decades later without killing anyone. This is obviously a blunt utilitarian conclusion and one that evaluates the continuation of one’s own life as inferior compared to suicidally killing others.

I believe that suicide bombers are mentally ill – I mean literally mentally ill. The fact that they can support suicide bombings by means of a cost-benefit analysis doesn’t make them less ill. Utilitarian arguments to the effect of dying in order to cause damage to an enemy take for granted that one’s own existence is an acceptable toll to pay for achieving a desirable goal. However, who achieves the goal of you’re dead? Not yourself… This reminds me of that cheap Vietnamese propaganda about this Viet Cong soldier who is said to have stopped and rescued a large-calibre gun that rolled uncontrolled down the hill with his body – or with what remained of it… I call this „cheap“ not because I believe that the story isn’t true. I call it „cheap“ because I think that actions of this kind during fighting make fighting for any cause pointless and obsolete. If you fight to achieve a goal, this goal has to be compatible with your own eudaimonia, life in dignity, contemplation and harmony that God would have liked you to have. If of all things this life is only a means to achieve another goal, then your life is not the final end of your actions.

There is this Kantian commandment to never refrain from treating human beings as ends in themselves. Kant thought that since moral maxims are supposed to have the general validity of the laws of logic, this commandment follows straightforwardly. I endorse Kant’s views in quite a few cases but this is not such a case. A suicide bomber can consistently consider God’s will to be superior to his own existence.

I’d rather locate the desiderate to see in every person an end in itself as akin to Aristotle’s eudaimonia and as corroborated by the imago-Dei theology. Thou shalt not calculate benefits when your existence is one of the costs, because your existence is of divine origin. To express this idea in a less Christian way: your existence is the highest good.

It’s true, the crusaders were no Aristotelian intellectuals but it was a correct instinct that led them to name suicide murderers „assassins“, originally meaning: „hashish addicts“. An assassin thought that killing two of the enemies by getting killed yourself makes the loss of your own life acceptable. The benefit, however, that you get from your actions is a benefit you have to enjoy yourself (this being a Christian premise), which makes your cost-benefit analysis if your death is the cost, a stultifying contradiction, and one that could be the case only if you’re on drugs. This is a very likely story behind the name „assassin“.

Since the Western Churches celebrate Easter today, you probably can’t help thinking that Jesus was a person who calculated the benefits of our being able to live if He offered atonement – if He sacrificed Himself. But, of course, it is indisputable that Jesus, the man, wanted to avoid being sacrificed („Father, if it is possible, may this cup be taken from me“). And Jesus, the godly person, was never dead. If Jesus had been only a prophet who looked forward to being sacrificed, not only wouldn’t He have been our Saviour but He would have also been very similar to these people from His homeland in Southern Syria whom I take to be mad. If He were no God, Jesus wouldn’t be worthy to be admired because it’s morally wrong to crave for suffering martyrdom.

At least if you’re an Aristotelian or a Thomist.

My book recommendation after the Brussels bombings and the Easter day is not a religious reading: Hans Joas, The Sacredness of the Person. It has to be noticed in the new context. It has to be read under the new premises. It has to be propagated.