Macro(n)economics

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Ausnahmsweise schreibe ich heute nicht in meiner Eigenschaft als Philosoph, sondern in meiner Eigenschaft als Fabrikantensohn, was – so die Hoffnung – ganz besonders zu philosophischer Reflexion befähigt.

Als Griechenland der damaligen EG beitrat, hieß es, griechische Firmen hätten wegen ihrer niedrigen Fixkostenstruktur sehr gute Chancen, auf dem gemeinsamen Markt gut als Zulieferer von Einzelteilen deutscher oder französischer Industrieprodukte wegzukommen.

Es kam, wie wir heute wissen, anders. Man kann die fehlende Infrastruktur und die Abhängigkeit von ausländischen Rohstoffen schuldig machen, auch die griechische unternehmerfeindliche Politik der 80er Jahre, schließlich dieselbe Politik, die die EU-Integrationsfonds zu einer Freibierveranstaltung zweckentfremdete, aber wo bleibt bei dieser Argumentation der vermeintliche Vorteil wegen der sehr niedrigen Fixkosten?

Mein Vater versuchte seinerzeit, mit sehr niedrigen Preisen auf dem EU-Markt Fuß zu fassen. Das war just die Zeit, als seine italienischen Konkurrenten den griechischen Markt eroberten. Die italienische Ware war schön, aber nicht gerade billig. Der springende Punkt war, dass Italienern, geschweige denn Deutschen, das zugetraut wurde, wozu mein Vater die prospektiven Kunden verzweifelt überzeugen wollte: nicht recycelten Kunststoff zu robusten Lebensmittelbehältern zu verarbeiten und eine große Produktpalette für lange Jahre zu liefern.

Aber: Würden Sie beim Griechen Kunststoffprodukte kaufen? Ich schon, denn in meinem Hinterkopf ist der Grieche nicht automatisch Schäfer oder Kellner. Im Grunde genommen kenne ich wenige griechische Schäfer und Kellner, ich selber bin keiner und mein Vater war’s auch nicht.

Was ich damit meine, ist, dass ich nicht sicher bin, ob nationale Stereotypen keine Rolle auf dem gemeinsamen europäischen Markt spielen. Für die Marktwirtschaft sind nationale Stereotypen natürlich irrational, also dürfte es sie bei der rationalen Entscheidung nicht geben. Man kauft dort ein, wo das Preis-Leistungs-Verhältnis am besten ist.

Allerdings sind simple Rationalitätsannahmen in sozialen Sachen oft nicht adäquat. Auf dem Markt haben wir eine eingeschränkte Rationalität. Und selbst eine eingeschränkte Rationalität im Sinne eines nichtkooperativen Spiels findet auf tatsächlichen Märkten nicht statt, sondern das Spiel ist kooperativ. Mit anderen Worten gibt’s Leute, die bei jemandem kaufen würden, der ihnen ähnlich ist, statt bei jemandem, der ihnen unähnlich ist, obwohl sie damit Geld verlieren. Das braucht nicht irrational zu sein, wenn die Angst vor dem Anderssein den Gewinn aus niedrigen Fixkosten überwiegt. Geld und Rationalität hören auf, das Thema zu sein, wenn die Ängste sich ankündigen.

Die EU basiert auf simplen Rationalitätsannahmen; auf solchen, die nationale Stereotypen und Ängste unterschätzen – unbewusst oder bewusst. Ersteres ist Illusion, Letzteres Betrug.

Der neue französische Präsident ist ein Philosoph ersten Ranges aus guter Stube, der mit einer Fabrikantentochter verheiratet ist.  Fabrikantenkinder sind dazu fähig, philosophisch zu denken, und Philosophen lieben die Wahrheit. So die Hoffnung.

Denn die Wahrheit ist mit Illusion und Betrug unvereinbar.


Enough with scrolling

This is a posting by SG, the son of an industrialist. This is the same person as SG the philosopher and the hope was – and remains – that being the one facilitates being the other.

This distant time when Greece joined the back-then EEC, I remember my father claiming that Greek fixed costs, being very low, would predestine Greek industry to evolve to, essentially, a supply industry of the big industrial nations that would become the new partners. Greece was a country whose closest ties were to its geographical neighbours.

In the decades to come, these neighbours came closer and closer to Greece – the iron curtain fell, the civil war in Lebanon ended, Libya ceased to be a renegade – Greece, however, opened trenches to them – was obliged to follow Brussels‘ directives and joined the euro – to make itself inaccessible to its old friends without finding new ones. My father’s plastics never found their way to a Volkswagen’s console or a Gillette razor’s button.

My father thought – and still thinks – that, on the Greek side,  missing infrastructures and the eighties, when the Greek state was utterly hostile to entepreneurship, were the causes that doomed his prediction to fail. But these two factors do not substantially affect his initial argument concerning low fixed costs. Did he do his job improperly?

He didn’t. On the contrary, for years and years he desperately attempted to export his goods at a time when Italian plastics conquered the Greek market with prices that were higher than his. They were funnier and had a better design alright. They weren’t his league. But what about a down-market league?

Well, I believe that he didn’t get the chance he deserved and would have got if he tried to enter the Russian, Turkish or Israeli market instead of the German or Dutch. How can you persuade people to buy your plastics if they associate you with fishing and goat cheese?

What I mean is that I can’t discard the suspicion that my father’s prediction came to fail along the lines of stereotypes.

Stereotypes shouldn’t have a chance when juxtaposed to a cost-benefit analysis you may say.

And I’ll be tempted to say that this is only theory. When people say „only theory“, they take theory to be too abstract to depict reality. When a philosopher says so, he means that this theory is simply inadequate.

Mainstream rational-choice theory appears to be adequate in terms of individuals who prefer to maximize their utility.
  
But in the context of a market, individuals often act in terms of bounded rationality. And in terms of the European common market they often act in terms of a cooperative game: in a case of doubt – doubt triggered by national bias – they would take into consideration to earn less provided they won’t have to communicate out of the box. This doesn’t need to be irrational if the fear to meet an exotic partner is bigger than the expected  revenue. We’re not talking about money here. We’re talking about fears…

The EU is based on simplistic assumptions concerning rationality and ones that neglect national stereotypes and fears – subconsciously or consciously. Neglecting stereotypes subconsciously is self-deception. Neglecting stereotypes consciously  is simply deception.

The new French president is a philosopher married to an industrialist’s daughter. And, as I said, the hope is that industrialists can think philosophically and philosophers love truth.

And truth is incompatible with deception and self-deception.

Can he do the math?

Death and rationality

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Ein Brüsseler Attentäter soll befürchtet haben, seine Tage im Gefängnis zu beenden, womit für ihn klar war, utilitaristisch zu handeln, wenn er wenigstens ein paar Bürger Brüssels mit in den Tod reißen würde. Dabei verzichtete er auf einen Nutzen, der in seinen Augen offenbar weniger wert war, als der Gesamtnutzen davon, Europäer umzubringen: auf die Verlängerung seiner eigenen Existenz.

Ich halte Selbstmordattentäter sowieso für buchstäblich seelisch Kranke. Durch den Umstand, dass sie utilitaristisch argumentieren können, fühle ich mich nicht veranlasst, meine Meinung zu ändern. Denn ein Kosten-Nutzen-Argument in diesem Kontext („Wenn ich sowieso irgendwann sterbe, bevor ich dem Feind schade, soll ich lieber gleich sterben, indem ich immerhin dem Feind etwas schade“) setzt voraus, dass die eigene Existenz auf die utilitaristische Waagschale des Abwägens von Nutzen und Kosten gesetzt wird, um sich als akzeptabler Verlust zu erweisen. Der plumpe Utilitarismus erinnert mich an diese billige nordvietnamesische Kriegspropaganda, die besagte, dass es einen Vietcong-Soldaten gab, der eine Kanone der Gebirgsartillerie den Hang hinunter rollen sah und in das Achsenwerk sprang, um das Gerät mit seinem sich zerquetschenden Körper zu bremsen – und zu retten. „Billig“ nenne ich so etwas nicht, weil ich etwa nicht daran glaube, sondern weil der Akt allein jeden Grund obsolet macht, um für eine Sache zu kämpfen. Ein Kampf um – angenommen – Gutes, soll für das höchste Gut Sinn ergeben: für die eigene eudaimonia, das gottgefällige Leben in Würde, Kontemplation und Harmonie. Wenn ausgerechnet dieses Leben ein Mittel zu einem anderen Zweck ist, kann es selbstverständlich nicht der Zweck meines Handelns sein.

Das Gebot, jeden Menschen gleichzeitig als Selbstzweck („Zweck an sich selbst“) zu behandeln, bildet einen wichtigen Pfeiler der kantischen Ethik. Kant selber meinte, das gehe aus Konsistenzüberlegungen hervor: Sobald angenommen wird, dass ethische Maximen nach dem Vorbild von logischen Gesetzen allgemeingültig sein sollen, ginge das Selbstzweckgebot hervor. Es gibt viele Punkte, in denen ich Kant folgen kann, dieser ist kein solcher. Gewiss kann ein Selbstmordattentäter konsistenterweise jede Menschenexistenz dem Willen Gottes als weit unterlegen betrachten.

Vielmehr sehe ich die Forderung, in sich selber und in jedem Menschen einen Selbstzweck zu betrachten, in der aristotelischen eudaimonia verankert und in der imago-Dei-Theologie bekräftigt. Man darf die eigene Existenz gar nicht in die Waagschale der Kosten zum Gesamtnutzen der Menschheit oder einer Gruppe werfen, da gerade diese Existenz göttlich ist. Weniger christlich ausgedrückt: Sie ist das höchste Gut. Mehr aus einem richtigen Instinkt als Christen denn aus Vernunftgründen haben die Kreuzritter Selbstmordattentäter, die den eigenen Tod als unterm Strich geringen Verlust ansahen, wenn sie mindestens zwei Kreuzritter getötet hatten, „Assassinen“ genannt, was zwar heute in einigen europäischen Sprachen „Mörder“ bedeutet, ursprünglich aber „Haschischbesessene“ heißt. Wenn der Nutzen immer ein persönlicher und körperlich zu empfindender Nutzen ist (das ist aber eine christliche Prämisse), dann ist die Kosten-Nutzen-Rechnung unter der Annahme des Todes des Nutznießers Humbug und wohl nur unter Drogeneinfluss als OK empfunden – so ein sehr wahrscheinlicher Gedankengang hinter der sonderbaren Namensgebung.

Gerade feiern die Westkirchen Ostern und er ist nicht von der Hand zu weisen der Gedanke, dass Jesus auch sein irdisches Leben in eine Waagschale geworfen hat, „damit wir leben können“. Nun, es ist so: Jesus, der Mensch, hat gar nicht sterben wollen („Vater, wenn es möglich ist, so gehe dieser Kelch an mir vorüber“). Und Jesus die göttliche Person war nie tot. Wäre Jesus nicht Gott gewesen und trotzdem den eigenen Tod am Kreuz bejahend, dann wäre er nicht nur kein Heiland mehr, sondern sogar ein fanatischer Selbstmörder und damit denjenigen Söhnen seiner südsyrischen Heimat ähnlich, die ich heute als Kranke betrachte. Unter der Bedingung, dass er nicht Gott wäre, könnte man Jesus nicht mehr achten. Denn es ist moralisch unstatthaft, nach dem Märtyrertod zu lechzen.

Nach den aristotelischen und thomistischen Grundlagen unserer Ethik jedenfalls.

Mein aufbauender Lektürevorschag angesichts der Brüsseler Anschläge und des Osterfestes ist kein religiöses Buch: Hans Joas, Die Sakralität der Person. Nehmt’s wahr im neuen Kontext! Lest es im neuen Kontext! Verbreitet es!

Assassin

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One of the Brussels suicide bombers is reported to have had worries about serving a life sentence, which made him conclude that killing others and himself would be preferable than dying some decades later without killing anyone. This is obviously a blunt utilitarian conclusion and one that evaluates the continuation of one’s own life as inferior compared to suicidally killing others.

I believe that suicide bombers are mentally ill – I mean literally mentally ill. The fact that they can support suicide bombings by means of a cost-benefit analysis doesn’t make them less ill. Utilitarian arguments to the effect of dying in order to cause damage to an enemy take for granted that one’s own existence is an acceptable toll to pay for achieving a desirable goal. However, who achieves the goal of you’re dead? Not yourself… This reminds me of that cheap Vietnamese propaganda about this Viet Cong soldier who is said to have stopped and rescued a large-calibre gun that rolled uncontrolled down the hill with his body – or with what remained of it… I call this „cheap“ not because I believe that the story isn’t true. I call it „cheap“ because I think that actions of this kind during fighting make fighting for any cause pointless and obsolete. If you fight to achieve a goal, this goal has to be compatible with your own eudaimonia, life in dignity, contemplation and harmony that God would have liked you to have. If of all things this life is only a means to achieve another goal, then your life is not the final end of your actions.

There is this Kantian commandment to never refrain from treating human beings as ends in themselves. Kant thought that since moral maxims are supposed to have the general validity of the laws of logic, this commandment follows straightforwardly. I endorse Kant’s views in quite a few cases but this is not such a case. A suicide bomber can consistently consider God’s will to be superior to his own existence.

I’d rather locate the desiderate to see in every person an end in itself as akin to Aristotle’s eudaimonia and as corroborated by the imago-Dei theology. Thou shalt not calculate benefits when your existence is one of the costs, because your existence is of divine origin. To express this idea in a less Christian way: your existence is the highest good.

It’s true, the crusaders were no Aristotelian intellectuals but it was a correct instinct that led them to name suicide murderers „assassins“, originally meaning: „hashish addicts“. An assassin thought that killing two of the enemies by getting killed yourself makes the loss of your own life acceptable. The benefit, however, that you get from your actions is a benefit you have to enjoy yourself (this being a Christian premise), which makes your cost-benefit analysis if your death is the cost, a stultifying contradiction, and one that could be the case only if you’re on drugs. This is a very likely story behind the name „assassin“.

Since the Western Churches celebrate Easter today, you probably can’t help thinking that Jesus was a person who calculated the benefits of our being able to live if He offered atonement – if He sacrificed Himself. But, of course, it is indisputable that Jesus, the man, wanted to avoid being sacrificed („Father, if it is possible, may this cup be taken from me“). And Jesus, the godly person, was never dead. If Jesus had been only a prophet who looked forward to being sacrificed, not only wouldn’t He have been our Saviour but He would have also been very similar to these people from His homeland in Southern Syria whom I take to be mad. If He were no God, Jesus wouldn’t be worthy to be admired because it’s morally wrong to crave for suffering martyrdom.

At least if you’re an Aristotelian or a Thomist.

My book recommendation after the Brussels bombings and the Easter day is not a religious reading: Hans Joas, The Sacredness of the Person. It has to be noticed in the new context. It has to be read under the new premises. It has to be propagated.

Third-grade rationality vs first-class rationality

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Sie sind Drittklässler. Sie haben hart gearbeitet. Sie wollen belohnt werden. Von mir.

Es ist genug Belohnung für sie, wenn sie Edelsteine in die „Waagschale der guten Taten“ hineintun dürfen. Dabei handelt es sich um eine altmodische Waage, in die ein Edelstein hineinkommt, wenn der Klasse etwas gelungen ist.

Ganz ehrlich: Ich bin, seit ich in pädagogischer Hinsicht Adlerianer wurde (also seit Unzeiten), gegen Belohnungen und Preise für besondere Leistungen. Denn ich bin gegen Strafen. Aber eine Belohnung für X ist eine Strafe für Y, wenn Y dabei zuschauen muss. Zwar bin ich bereit, eine Ausnahme zu machen, bloß: Es gibt nicht genug Edelsteine für alle und alle haben gleich hart gearbeitet.

Sie sind erfinderisch: Ich solle mit irgendeiner fadenscheinigen Begründung irgendjemanden belohnen. Damit es eine Belohnung überhaupt gibt.

Das ist nun wirklich gegen meine Grundsätze und ich versuche die citius-altius-fortius-Mentalität ad absurdum zu führen.

Mir doch egal [Ich bin so ein Lügner, wenn ich will…]! Den ersten Edelstein erhält, wer mir ALS ZWEITER ODER ZWEITE sagt, wie viele „X“ in der römischen Zahl für 34 enthalten sind.

Ich habe nämlich gehofft, dass alle aus Angst, die ersten zu sein, schweigen und hoffen, dass ein unachtsamer Mitschüler als erster „drei“ sagt, damit sie abermals „drei“ rufend die Auszeichnung bekommen – als zweite dran, denn nur der oder die zweite sollte den Edelstein haben.

Nix da! Sie versuchen einander in Schnelligkeit zu überbieten. Der übliche Kandidat sagt „drei“, die nächste, die „drei“ sagt, erhält den Edelstein und darf ihn in die „Waagschale der guten Taten“ platzieren.

Aber es gibt noch einen Edelstein. Jetzt werden sie am traurigen Gesicht des früheren Erstrufers gemerkt haben, hoffe ich, dass sie bei diesem Spiel zunächst schweigen müssen, um eine Chance zu haben, als zweite dran kommen zu können. Und wenn alle so tun, dann schweigen sie alle gemeinsam, weil sie so gewinnen zu können wähnen! Aber, wenn alle schweigen, dann gewinnt niemand und infolge dessen – so meine Rechnung – brauche ich niemanden zu belohnen.

Den zweiten Edelstein bekommt, wer mir ALS ZWEITER ODER ZWEITE sagt, wie viele „X“ in der römischen Zahl für 27 enthalten sind.

(„Zahl“ bedeutet hier natürlich „Numeral“. Ich bin doch nicht verrückt, bei den Kindern den Unterschied zwischen Zahlen und Numeralen zu thematisieren)

Die Reaktion der Neunjährigen auf meinen erneuten Vorstoß habe ich nicht erwartet. Trotz ihrer Erfahrung mit den Tücken meines Spiels in der ersten Runde, haben sie sich in der zweiten Runde schon wieder entgegen ihren Interessen – die sie anscheinend nicht wahrgenommen haben – um die schnellste Antwort abgemüht – um die Belohnung im Endeffekt einem Zweiten zu überlassen. Mein Plan, die Belohnung der Kinder zu bomben, misslang – wegen der Irrationalität dieser Kinder. Rationales Verhalten hätten sie an den Tag gelegt, so hatte ich wenigstens angenommen, wenn sie geschwiegen hätten, um die eigenen Chancen zu erhöhen, als zweite die richtige Antwort zu geben.

Dennoch habe ich nach dem misslungenen Versuch nichtdiskriminierender Pädagogik etwas gewonnen: eine Erkenntnis im Sinn der Experimentalphilosophie. Indem die Kinder die eigenen Interessen nicht achteten und nicht schwiegen, haben sie gerade erst eine Belohnung ermöglicht. Wenn das Ziel war: Wir wollen, dass hier belohnt wird, dann war ihre unbewusste Strategie ja rational. Angenommen, alle wären rationale Individuen in meinem Sinn der erstklassigen, reflektierten, Superduper-Rationalität, hätte nach meiner Strategie des Schweigens gar niemand belohnt werden können! Wäre das wirklich rational? Die Frage ist rhetorisch.

Den Lesern dieses Blogs kommt es vielleicht verblüffend vor, dass ich hier ketzerische Ansichten zur Rationalität vertrete und eine abweichende Rationalität befürworte. Tatsächlich bin ich normalerweise ein klassisch denkender Philosoph. Nach und nach verwässere ich aber meinen Wein – je mehr ich mich mit beobachtbarem Verhalten beschäftige, erst recht bei Kindern.

Third class rationality

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They are third graders. They have worked like hell. And now they want a reward. And I have to grant it to them.

It’s not a big reward they ask for. In fact, it’s only a permission. The permission to tip the scales „of good deeds“ with gems. It’s only old-fashioned scales to which the kids may place a gem whenever the class has achieved something big.

But honestly: since I became an Adlerian in terms of education (since ages, that is) I am opposed to rewards for great achievements. I am opposed to them just like I’m opposed to punishments: if you reward X and let Y watch and don’t reward Y, Y will experience X’s reward as a punishment for himself. I can make an exception, of course, however: we didn’t have enough gems and they’ve all been hard-working children.

But they insisted that I should reward those who did something extraordinary even if this wasn’t very important. Something… This something being my excuse to reward Jacob and not Esau.

Of course, this quite emphatically contradicted my principles and for that reason I tried to take the kids‘ citius-altius-fortiushype ad absurdum.

I don’t care [Although, of course, I did care…]! I’ll give the first gem TO THE SECOND kid who’ll tell me how many Xs there are in the Latin number for 34.

My hope was that every kid would see the danger of speaking out the correct answer too early for him to be second and would prefer to remain quiet. And that everyone would be rational enough to remain quiet then, to render the game to a parody.

They competed like pros for the first place instead… A keen pupil said „three“ (to lose the reward) and the next who repeated what the first had said got the gem to place it into the scales with a glow of enthusiasm shining all over her face. A battle lost.

But a battle lost is not a war lost – not even for my Adlerian stance. One more gem, one more round. Now, I thought, that in the second round at the latest they’ll realise how sinister my game was since they could see how sad the face of the first round’s early bird was. They’ll draw the right conclusion – I thought to myself – the conclusion to avoid to speak first. But if everyone avoids to speak first, then no one speaks ever. No one will be the winner and no one will be rewarded – this was my plan.

The second gem goes to the one who’ll be the SECOND person to tell me how many „Xs“ there are in the Latin number for 27.

(I used „Latin number“ to mean „Roman numeral“ in this context. I would be a fool to tell children the difference between numbers and numerals though)

I didn’t expect their reaction. Also in the second round, they attempted to be the first to give the right answer – their experience with the injustice of my game notwithstanding, and against their own interests which they probably didn’t realize at all. Of course the kid’s failure to reflect on a rational strategy left someone imitate the first best answer – to be the second and to get the reward. My plan was to take ad absurdum the children’s wish to get rewarded. This plan was doomed to fail due to the irrationality of these children: the irrationality that prevented them from remaining mute and that made them hope that someone would be irrational enough to speak out the correct answer first.

My defeat in terms of non-discrimination education was obvious. But I also had gained something in terms of experimental philosophy. The kids ignored their own interests and failed to remain silent to ensure not to be the first to give the right answer. However, by doing so they ensured that there will be some reward. If this was their goal, then they achieved it by means of the only rational strategy to achieve it. If they had happenned to have a grasp on my first-class, reflected, super-duper rationality, I mean all of them, then all of them would have remained silent and no reward would be given.

To some of my readers, it will come as a surprise that, of all people, I appear to be a heretic who propagates deviant rationality. True, in terms of logic I’m rather a classical thinker. But I tend to water down my wine the more I occupy myself with observable behaviour, let alone the observable behaviour of minors.

On Oxford. And on Frankfurt. Harry Frankfurt

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Jede Person muss eine Zahl zwischen 0 und 100 wählen. Den Preis bekommt die Person, deren Zahl am nächsten zu den zwei Dritteln der Zahl liegt, die den Mittelwert aller gewählten Zahlen bildet. Welche Zahl wählst du und warum?

So zitiert der Guardian eine der Fragen in einem Aufnahmeinterview für angehende Studenten des Fachbereichs Experimentalpsychologie an der Universität Oxford. Bei aller Bescheidenheit habe ich Jahre meines Lebens damit verbracht, über das Wesen der Rationalität nachzudenken und muss sagen, dass die Frage bestenfalls Schikane und schlimmstenfalls die Frucht von Inkompetenz ist – oder umgekehrt.

Angenommen, dass die Streuung der Werte homogenen ist oder der Gaußschen Normalverteilung entspricht, wird der Mittelwert 50 sein. Da man mit einer Zahl, die ungefähr 2/3 des Mittelwertes beträgt, den Preis gewinnt, ist man dann gut beraten, die Zahl 33 zu wählen, die fast zwei Drittel von Fünfzig beträgt. Immerhin werden die anderen auch rationale Personen sein, die mit diesem Gedankengang die Zahl 33 als eine gute Wahl errechnen. In diesem Fall wird die Zahl 33 und nicht die Zahl 50 der Mittelwert sein. Infolge dessen muss ein rationales Individuum die Zahl 2/3 x 33 = 22 wählen. Aber die anderen werden wahrscheinlich ebenfalls in der Lage sein, solche Gedankengänge zu machen und die Zahl 22 zu wählen. Das würde die Zahl 22 zum neu prognostizierten Mittelwert machen, weshalb ein rationales Individuum die Zahl 15 wählen würde. Gibt es aber etwas, was die anderen davon abhalten könnte, ebenfalls die Zahl 15 zu prognostizieren? Und so weiter und so fort, bis eine Zahl erreicht ist, die fast 0 beträgt..

Ist 0 die richtige Antwort? Ich meine ja – aus der Sicht eines Mathematikers oder Logikers.

Ein angehender Psychologe sollte allerdings eher annehmen, dass die Iterationen vor der Null aufhören.

Wie hätte nun bloß Harry Frankfurt diese Interview-Frage bezeichnet?

Oxford exper psych

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Each person has to choose a number between 0 and 100 and the prize goes to the person whose number is closest to two thirds of the average of all of the numbers chosen. What number will you choose, and why?

The Guardian says that this is one of the questions of an admission interview for the Experimental Psychology Department at Oxford University. As someone who has spent years on thinking about rationality, I have to say that it’s harassment in the best case or a fruit of incompetence in the worst – or vice versa.

If you assume that there is a homogeneous or a Gaussian distribution of the values, the average number will be 50. But then, since you win if you choose a number which is (about) 2/3 of the average number, as a rational individual you have to choose the number 33. However, if you assume that the others are also rational persons, they’ll also choose the number 33. But then, 33 will be the average rather than 50, to make you choose, of course, the number 22 = 33 x 2/3. Nevertheless, the others will be plausible to make themselves the thoughts you make and to chose 22 as well. 22, being your new predicted average, will make you choose the number 15. But – wait! – what could prevent the others choose 15 by the same considerations? And so on until you reach a number close to 0.

Is zero the correct answer? I would say yes – for a mathematician or a logician.

A good psychologist, however, should rather suppose that at some point before the number zero every rational individual who’s not a mathematician or a logician would put an end to the iterations.

This interview question reminds me, of course, of Harry Frankfurt.

Stubendienst

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Gerade verfasse ich einen Beitrag für einen Sammelband über die griechische Krise, den Agridopoulos und Papagiannopoulos bei Springer herausgeben. Die „Philosophie des Geldes“ ist, weiß Gott, seit 12 Jahren nicht mehr mein Metier, aber es macht mir Spaß, meine alten Leidenschaften aus heutigem Blickwinkel zu betrachten. Liebe Leserin, lieber Leser, Du weißt dieses Gefühl bestimmt auch aus erster Hand. Denn es gilt im allgemeinen für alle erdenklichen alten Leidenschaften, dass sie nach einiger Zeit nur noch Spaß bereiten. Oder Schmerz.

Egal! Aus diesem Anlass lese ich die alten Artikel von Yanis Varoufakis wieder. Ein Spieltheoretiker soll er sein, sagt die Presse. Das stimmt nur bedingt. Yanis‘ Beitrag in der Spieltheorie entspricht dem Beitrag Ronald Laings in der Psychiatrie: „Ihr Therapeuten seid noch verrückter als die Kranken“. Dazu eine alte Geschichte. Yanis und ich hatten gleichzeitig Stubendienst – Schicht zwei bis vier Uhr morgens – die in der griechischen Armee berüchtigte „deutsche Nummer“. Warum sie so heißt, weiß ich zwar nicht, aber den Grund vermute ich darin, dass es eine gnadenlose Schicht ist, die die Nacht entzweiteilt: Vorher kamst du nicht zum Schlafen und nachher wirst du auch nicht dazu kommen.

Egal. Yanis war im Raum 2, ich im Raum 1. Unsere Pflichten bestanden im Wesentlichen darin, die Soldaten, die Wache schieben sollten, zu wecken, und ihnen Zugang zu ihrer Waffe zu verschaffen (in Griechenland selber waren die Waffen in der Nacht weggesperrt – anders war es nur im Einsatz: Bosnien, Kosovo, Albanien in den 90ern). Während der Dienstzeit mussten wir uns in unserem jeweiligen Raum aufhalten. Yanis also im Raum 2, ich im Raum 1.

Yanis war’s langweilig. Auf einmal war er da. „Komm raus, in den Korridor, da reden wir über Spieltheorie, Unipolitik… Damit die Zeit irgendwie vergeht…“

Ich ging raus. Wir haben uns im Korridor aufgehalten. Fast zwei Stunden lang. Er nicht im Raum 2 und ich nicht im Raum 1. Ein Vergehen gegen die Regeln und zwar von Leuten, die – immerhin – Unteroffiziere werden sollten. Das Gesprächsthema war selbstreferentiell. Im Grunde genommen ging’s darum, welche Nutzwerte wir davon hatten. Hätten wir uns an den Vorschriften gehalten, dann wär’s uns beiden langweilig und wir hätten jeweils keinen Nutzen. Hätte er sich in meinem Raum 1 aufgehalten, dann hätten wir Kurzweile, Unterhaltung, aber er hätte die Patrouille befürchten müssen, ich dagegen nicht, weil ich ja meinen Posten nicht verlassen hätte. Also wäre mein Nutzen, sagen wir, gleich plus zwei und seiner gleich plus eins. Wohlgemerkt, wenn das Vergehen nicht entdeckt würde. Bei einer Kontrolle hätte er allerdings bestraft werden sollen – minus zehn für ihn also – ich allerdings nicht: weiterhin plus zwei für mich.

Hätten wir uns statt dessen geeinigt, dass ich umgekehrt in den Raum 2 gehe, dann wäre die Situation umgekehrt analog: ein Nutzen gleich plus eins  bzw. minus zehn für mich, ein Nutzen plus zwei für ihn.

Nun waren wir aber beide im Korridor. Was hatten wir davon? Beide plus eins – denn beide haben wir die Patrouille befürchten müssen – wenn am Ende keine Kontrolle stattfinden würde – und beide minus zehn bei einer Bestrafung, weil wir beide unseren Platz verlassen hatten.

Damit vertraute Leser können unschwer die spieltheoretische Matrix zu diesem Spiel erstellen. Sie können auch unschwer errechnen, dass unsere Lösung – beide im Korridor – nicht optimal war: Sie stellt nicht das Nash-Gleichgewicht des Spiels dar. Rational wäre die Lösung, dass entweder ich rüber gehe, oder dass er bei mir bleibt. Aber in diesem Fall wären die Risiken ungleich verteilt und das ist nicht die Art, die Freunde pflegen. Das Spiel ist also komplizierter, als unsere Matrix ahnen ließ. Unter Freunden geht es darum, die Risiken gleich zu verteilen und nicht im Sinne der individuellen Rationalität zu berechnen. Die Spieltheorie, mein berühmter Freund war und bleibt dessen sicher, definiert eine Rationalität, die eines moralischen Ichs unwürdig und nur teilweise gültig ist.

Eine spieltheoretisch irrationale, gleiche Verteilung von Risiken erscheint bei Bestehen einer Freundschaft moralisch gefordert, weil Beziehungen im allgemeinen wie Absprachen fungieren. Sie wird allerdings in der EU nicht gelingen. Die EU ist kein Zusammenschluss von Freunden, sondern von rationalen Egoisten. Einen Bank Run kann deshalb der konventionelle Ökonom besser verhindern als der Rationalitätskritiker.

Ljubljanska

I’m working on a paper on the Greek crisis these days – one which will be published in a volume to be edited by Agridopoulos and Papagiannopoulos and published by Springer. Clearly, I’ve written or read nothing on the „philosophy of money“ in the last 12 years but it’s interesting to return to the topic. Old passions make you smile or ache if you look at them again from the distance which time provides and the combination of money and philosophy is no exception.

Anyway, I had to read Yanis Varoufakis’s old articles for this reason. The journalists say that he’s a controversial game theoretician. He’s controversial alright. And he’s a game theoretician – however in a special sense, since his contribution in game theory corresponds to Ronald Laing’s contribution in psychiatry: „Therapists are much worse than the madcaps they’re supposed to cure“. In this context, I remember the following old story: during our service in the army, Yanis and I had a barracks duty at the same time. It was the shift from 2 to 4 am. In the Greek army this shift is called „German“. I don’t know why it is called thus but I suppose that this has to do with its being unfavourable. It cuts the night into two pieces none of which is long enough for a proper sleep.

But this is not the issue here. Yanis was on duty in the room no 2, I was in the room no 1. Our duty was to wake up soldiers who had to go out for a patrol, give them access to their weapons etc. (since we were not in an operation like in Bosnia, Kosovo or Albania we locked weapons when they were not used). And we weren’t allowed to leave the corresponding room.

But Yanis had to struggle against boredom. Suddenly he entered room no 1: „Why don’t you come out to the corridor? We can chat on game theory, univerity politics…“

So I did. We were having a discussion in the corridor while on duty. An offence against the prescriptions, of course. As if this weren’t enough, he was about to become a corporal, I was about to become a sergeant. Our topic was, as far as I can still remember, self-referential. What were our utility values? Obviously we’d have zero utility if we had been good soldiers remaining each in his room. His utility if he had happened to come and stay in room 1 would be plus one for having a chat with the fear of a patrol discovering him in the wrong place while on duty. But since in this scenario I wouldn’t have left my room, I would have plus two instead. Plus two would have remained my utility if the patrol would come. But Yanis’s utility would be minus ten in this case since he would have to be punished.

If I would go to the room no 2 instead, the situation would be vice versa: plus one or minus ten for me, plus two for him.

None of these alternatives was the case. The remaining alternative was the case. Both of us had left our rooms. We were having fun but we were both afraid of the patrol’s coming (i.e. plus one for him and plus one for me or minus ten for him and minus ten for me).

Readers used to game-theoretical matrices will have no difficulty to calculate that the decision to go both to the corridor was not the Nash equilibrium of the game. Morally, however, you expect a friend to abstain from petty calculations even if (or exactly because) this is not affirming individual rationality. Game theory, my famous friend was and remains certain about this, captures a rationality unworthy of moral agents and valid only partly.

A game-theoretically irrational equity in the division of risk is a moral desiderate because a relationship to someone involves implicit agreement with her. But there is no chance for it to be implemented in the EU. The EU is not a union of friends but a union of rational egoists. This is why the one who has more chances to prevent the bank run can only be a conventional economist, not a critic of rationality.

Nature morte

Wassermelone

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Samenlose Früchte fortpflanzungsunfähiger Pflanzen gehören zum Sortiment der großen Discounter. Eine Gefahr, die ich bei ihrer Verbreitung sehe, ist, dass sie bald einen Besuch bei der Kunsthalle Hamburg nötig machen, damit unsere Kinder anhand eines Stilllebens Ruoppolos aus dem 17. Jh. feststellen können, wie richtige Wassermelonen aussehen.

Eine andere Gefahr ist, dass die einst natürliche Fortpflanzung, seit Jahrtausenden die Grundlage der landwirtschaftlichen Produktion, mit dem Einsatz fortplanzungsunfähiger Pflanzen über den Handel abgewickelt wird. Kommt der Handel nicht zustande, dann ist die Produktion nicht gewährleistet. Das macht den Bauern in einem bisher unbekannten Ausmaß von anderen Wirtschaftszweigen abhängig.

Appelle an die Konsumenten, solche Waren zu boykottieren, werden nicht funktionieren. Genmanipulierte Wassermelonen schmecken wassermelonig – ja wassermeloniger als echte. Wenn sie auch noch günstig sind, wird sie der Konsument kaufen.

Als einziges Instrument gegen diesen Trend betrachte ich die Kategorien- und die Definitionslehre, die seit Jahrzehnten von Patentanwälten mit Erfolg genutzt werden, um geistiges Eigentum zu schützen. Es gibt einen Grund zu fordern, dass nicht-fortpflanzungsfähige Pflanzen wenigstens per definitionem anders heißen sollen, als die Pflanzen, von denen sie abstammen. Sie sind ja Mutanten, die keine gleichartigen Pflanzen hervorbringen können.

Neue Sprachregelungen könnten den Konsumenten davon abhalten, nicht fortpfanzungsfähige Waren zu kaufen und als Ansporn für den Anbau traditioneller Arten dienen, die die relative Unabhängigkeit des Bauern gewährleisten.

Einen analogen Fall, in dem die Welt mit einer geschickter Kategorisierung geändert werden kann, stellt der brauchtumsbedingte Transport von Verstorbenen aus Nairobi in das jeweilige Stammesgebiet. Gegen diesen, Übernachtungskosten für die ganze Trauergesellschaft nach sich ziehenden Transport, der Familien an den Rand des finanziellen Ruins treibt, riet seinerzeit der Philosoph Henry Odera Oruka der kenianischen Regierung, bestimmte Parzellen auf den Friedhöfen von Nairobi als Stammesgebiete umzudefinieren. Die Maßnahme wäre natürlich rational und hätte gute Chancen, akzeptiert zu werden.

Sie stellt sich gar nicht, die Frage, ob die Philosophie nützlich ist. Vielmehr stellt sich die Frage, ob Juristen oder Politiker gewillt sind, der Philosophie eine Chance zur Ausarbeitung praktischer Lösungen zu geben.

Kenyan farmer

Seedless fruit can be bought almost in every discounter. A danger which I can immediately deplore is the necessity to go to the Hamburg Art Gallery in order to show the kids Ruoppolo’s still life painting from the 17th century so that they have an image of how a real watermelon has to look like.

Another danger is that natural reproduction, since thousands of years a fundamental process for agricultural production, is mediated through commerce if plants cannot reproduce themselves. This makes the farmer dependent on other sectors of economy to a hitherto unknown extent.

Appeals to consumers to refrain from buying fruit from hybrids which cannot guarantee reproduction will almost surely not work. Seedless watermelons are very tasty and if they are cheap as well, there is no way for the majority of consumers to listen to these appeals.

I rather see the solution in a clever application of the parts of logic which concern definitions and categories. For decades, patent attorneys use these parts of logic in order to serve their clients. It is justified, I think, to demand plants which cannot reproduce themselves not to be called by the same name as the plant they come from – by definition. Certainly, they are mutants.

A new linguistic convention concerning these plants and their fruits would make some consumers rethink if they really want to buy the commodity. Therefore, the new linguistic convention which will ensure that seedless watermelons will be seen as belonging to a different category than natural watermelons, will be an incentive for farmers to cultivate the traditional plants and retain some relative independence.

An analogous case in which philosophy could help change the world by way of new definitions and reapplication of old categories is the custom of certain ethnic groups of Kenya to transport their dead to their ancestral territories when they die in Nairobi or, generally, far from „home“. The custom involves covering the transport and the expenses of mourners from Nairobi and threatens to ruin the family of the dead. To put an end to this, Henry Odera Oruka proposed certain areas in Nairobi cemeteries to be redefined as part of the territories of the ethnic groups. This reasonable measure would have chances to be accepted, or, at least, to make things easier for those who cannot afford the expenses.

The question is not whether philosophy is useful. The question is rather whether politicians and law experts would be willing to give philosophy a chance to prove its usefulness.

Kenyan funeral

Gender, shopping, reasoning

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Bei alltäglichen Schlussfolgerungen haben wir bereits als Kinder gelernt, die Monotonie einer Ableitung vorauszusetzen. „Da die Mama sauer wird“, so haben wir räsonniert, „wenn ich das Parkett unter Wasser setze, und da sie auch noch sauer wird, wenn ich das Sofa bemale, dann wird sie ebenfalls sauer, wenn ich gleichzeitig das Parkett unter Wasser setze UND das Sofa bemale“. Später lernten wir, dass wir solche Gedankengänge mit einem „erst recht“ begleiten können: „… dann wird sie ERST RECHT sauer, wenn ich gleichzeitig…“ usw.

Solche Gedankengänge sind nützlich aber altmodisch. Die Wissenschaft lebt von der Entdeckung des Neuen. Man denke an die Mathematik: Die alten Kulturen kannten nur die rationalen Zahlen, bis die Pythagoreer die irrationalen Zahlen entdeckten. So blieb es auch lange Zeit, nicht allerdings ewig. Seit dem 16. Jh. kennen wir die komplexen Zahlen.

Ähnlich verhält es sich in der Logik. Lange waren alle Logiker Aristoteliker. Erst Anfang des 20. Jh. erkannten sie, dass die Logik des Aristoteles nur unter bestimmten Bedingungen gilt. Jüngst sind sogar bestimmte Widersprüche in der Logik zulässig. Das Umstoßen der Monotonie ließ auch nicht auf sich warten.

Nehmen wir das Beispiel eines Mannes, der mit Frauen gewissermaßen kein Glück hatte – und zwar in dem Sinn, dass er zuerst mit einer befreundet war, der er peinlich war. Sie verbrachte die Nacht bei ihm, tagsüber wollte sie sich aber neben ihm niemals blicken lassen. Er trennte sich von ihr und verliebte sich in eine verheiratete Frau, die ihn bei Tageslicht traf, nachts aber zu ihrer Familie wollte. Von diesem Mann kann man sagen, dass er unglücklich war, als er am Tag auf die Präsenz einer Frau verzichten musste; ebenfalls unglücklich, als er nachts auf die Präsenz einer Frau verzichten musste. Gälte hier die Monotonie, dann würde folgen, dass der Mann erst recht unglücklich würde, wenn er Tag UND Nacht auf die Präsenz einer Frau verzichten müsste. Nehmen wir jedoch an, dass unser Freund – seiner Eskapaden mit komplizierten Fällen überdrüssig – Mönch und damit endlich glücklich wird, obwohl er tags UND nachts auf die Präsenz einer Frau verzichten muss! Modebewusste Logiker sagen, dass dieses Beispiel den Fall eines nichtmonotonen Schließens darstellt.

Eine kleine aber feine Gruppe eingeschworener Forscher der Nichtmonotonie sucht nach ähnlichen Beispielen und versucht diese zu formalisieren. Es ist in der Gruppe Konsens, dass nichtmonotones Schließen bestimmten Fällen der Überzeugungsrevision, des Gesinnungswandels, des Umdenkens zu Grunde liegt. Das Paradebeispiel hierzu ist politisch unkorrekt. Eine Frau geht in einen Schuhladen zum Shoppen und hat wie üblich viele Paare ausprobiert (man kann zwar auch von einem Mann sprechen, aber man muss glaubhaft machen, dass ein Mann tatsächlich im Schuhladen shoppt, d.h. sich dort länger als zehn Minuten aufhält). Auf einmal fasst sie folgenden Gedanken: „Ich werde in diesem Laden Schuhe kaufen, wenn es diese rotfarbenen im Schaufenster in einer dezenten Farbe gibt. Ich mag keine Schuhe in grellen Farben“. Also fragt sie die Verkäuferin, ob es diese Schuhe in anderen Farben gibt. „Selbstverständlich“ antwortet die Verkäuferin, „in Türkis“.

Unsere Shopping-Heldin hasst türkisfarbene Schuhe mehr als rote. Also lehnt sie ab. Genauso die gelben, da Gelb eine Farbe ist, die sie sogar mehr als Türkis hasst. Ob es diese Schuhe in einer dezenten Farbe gibt? Wenn nicht, muss die Kundin weiter suchen. Leider sind das alle Farben gewesen. Die Kundin überlegt kurz und sagt: „Ach, was soll’s… Ich kaufe die roten!“ – statt monoton zu schlussfolgern: „ERST RECHT kaufe ich hier nicht ein, wenn sie außer Rot, nur noch Türkis und Gelb haben“.

Ähnliche Gedankengänge beim Überzeugungswandel sollen experimentell reichlich belegt sein, was gern als Ansporn verstanden wird, nichtmonotones Denken als Bestandteil einer rationalen Überzeugungsrevision anzusehen.

Zudem können Beispiele wie die vorgenannten emanzipierten Frauen wie Andrea Nye oder meiner eigenen Ehefrau als Evidenz dazu dienen, von einer „Frauenlogik“ zu sprechen. Der Mönch und die Kundin im Schuhgeschäft würden nichtmonoton schlussfolgern, weil sie – um es mit Nye auszudrücken – die „maskuline Logik“ abgelehnt hätten.

Ich glaube nicht, dass es eine originäre Frauenlogik gibt. Ich habe vielmehr den Eindruck, dass alle Beispiele „nichtmonotonen Schließens“, die man anbieten kann, nichts als banale Fälle monotonen Schließens unter gewissen Bedingungen darstellen. Nehmen wir z.B. unseren Mönch. Wenn er eine Freundin hatte, dann war er unglücklich, als er diese tagsüber oder in der Nacht nicht traf. Als Mönch ist er nun glücklich, nicht weil sich sein Fall etwa nichtmonoton beschreiben lässt, sondern weil die erste Bedingung wegfällt: Nach dem Zölibat hat er ja keine Freundin mehr. Unglücklich war er aber unter der Bedingung, dass er eine hatte – und vermisste. Als Mönch kann er keine Frau vermissen, die er nicht hat. Der Fall lässt sich durchaus als monotones Schließen beschreiben.

Ebenso die Kundin. Ihrer Entscheidung für die roten Schuhe liegt nicht Nichtmonotonie, sondern eine stillschweigende Bedingung zu Grunde: „Wenn ich keine dezente Farbe finde, muss ich wohl (unter der Bedingung, dass ich nicht müde bin) weiter suchen“. Anscheinend traf die stillschweigende Bedingung nicht zu: Sie wurde langsam müde.

Kant („Beantwortung der Frage: Was ist Aufklärung?“, A 482) geißelte die selbst gewollte Unemanzipiertheit der Frauen. Im Grundtenor stimme ich mit ihm überein. Ich bejahe ja das Anderssein, sehe allerdings nicht ein, wie Mönchen und Laien, Frauen und Männern eine intellektuelle Andersheit zugeschrieben werden könnte.

Shopping

Since we were children we learned to presuppose the correctness of monotonic reasoning.  „I know that mom gets angry when I damage the parquet floor and I know that she gets angry when I paint the sofa. And this is why I know that, if I damage the parquet floor and paint the sofa at the same time she will get angry again“. Later, we learned that this reasoning can be accompanied by a „let alone“: „She gets angry when I do this and she gets angry when I do that, LET ALONE when I do both“.

These were the useful inferences of the time when we were still young and naive. But they’re out of fashion. Science strives for the new, the sensational. Mathematics, for example: the old cultures knew the rational numbers until the Pythagoreans discoverd the irrational numbers. Long time we rested on this discovery until at once, in the 16th century, the imaginary numbers emerged.

The situation in logic is similar. Logicians were Aristotelians for a very long time until they discovered that Aristotelian logic is only correct because it presupposes some semantic restrictions. As of today, even contradiction, of course under some restrictions, is allowed. It would be simple-minded to expect monotonicity to escape the trend.

Imagine, for example, a man who had no luck in his sexual life in the following sense: he had a girlfriend who contempted him. She would spend the night with him but kept it secret that she had an a affair with him – and never met him during the day. He left her for a married woman who would meet him during the day but spent every evening with her family. He was unhappy with the first as much as he was with the second. Since we know that he was unhappy without a woman during the day and unhappy without a woman during the night, we would be justified to conclude that he would be unhappy without a woman day-and-night. Let’s assume now that our friend, weary of adventures with complicated persons, goes to a monastery and swears celibacy to feel at last happy. Fashionable logicians would say that his happiness is a case of nonmonotonic reasoning.

A small but dedicated group of nonmonotonicity experts investigates similar examples and tries to analyze them adequately. They agree that belief revision is in many cases combined with nonmonotonic reasoning. A very usual example is the following (be warned, it’s not politically correct): A woman walks into a shoes shop  (of course, you can also say „a man walks into a shoes shop“ but since the example demands that the person who does so stays in the shop for more than ten minutes, it’s better to begin with a woman). After many-many shoes she focuses on a pair of red ballet pumps and makes up her mind to buy them in a less intense colour. To her great disappointment, however, she learns that these shoes are produced also in turquoise. She’s already at the door leaving the shop when the seller shouts „Just a moment! We have them also in yellow“. She hates yellow more than even turquoise. She thinks for one moment and says „I’ll buy the red ones, alright“.

Surely, if the lady’s rules of reasoning involved monotonicity she would say to herself: „I don’t buy here if they have shoes I don’t like, LET ALONE if they have shoes I don’t like and more shoes I don’t like“. But the thought of herself wearing yellow ballet pumps obviously made her change her mind on behalf of the thought of herself wearing red ballet pumps.

According to experimental evidence, similar cases are very usual and probable. Belief revision, so it seems, presupposes nonmonotonicity as a norm, not as an irrational deficiency. Emancipated women like Andrea Nye and my own wife would speak in this context of a „female logic“. The monk and the customer of the aforementioned examples do nothing but reject the „masculine logic“ – to use Nye’s terminology.

My opinion is that there is no logic which is characteristic of women alone. In fact, I think that all examples of nonmonotonic reasoning which are mentionend from guest lecture to guest lecture and from conference to conference appear to be trivial examples of monotonic reasoning with at least one tacit condition. Let’s revisit our monk. He was unhappy when he missed his girlfriend during the day or during the night – NB, under the tacit condition that he had a girlfriend. As a monk, he disallowed this condition! With the help of celibacy, he cannot miss a girlfriend he does not allow himself to have. Therefore, having no girlfriend day-and-night is not an annoyance to him, although it was an annoyance to him not to have his girlfriend during the day alone or during the nicht alone. The peculiar thing in his case is not nonmonotonicity but the tacit condition.

Similar is the case with the customer. With the addition of a tacit condition, her decision on behalf of the red shoes can be analyzed better than it can be analyzed with nonmonotonicity: „(Unless I feel too tired to look further) if they don’t have the ballet pumps in a less intense colour, I’ll go to the next shop“. Obviously, it’s the tacit condition (here in brackets) which did not hold. Women get tired of shopping as much as men do.

Kant („What is Enlightenment“, A 482) reprimanded especially women of self-imposed nonage. I find the main tenor of his thought fruitful. Saying that monks and laymen, women and men are not different in terms of their intellect is not to negate that they can be different in other respects.