Präsupposition in der natürlichen Sprache

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Wenn Hauptwörter in der natürlichen Sprache verwendet werden, dann ist es eine stillschweigende Voraussetzung, dass die Dinge existieren, für die die Hauptwörter stehen. In verneinenden Sätzen führt das oft zu Präsupposition und Kategorienfehlern. Was soll ich verneinen? Dass das Einhorn, mit dem ich befreundet bin, nicht lila ist? Aber damit bestätige ich die Existenz des besagten Einhorns, geschweige denn, wenn ich das nicht verneine. Ärgerlich! Was solls: So arbeitet die natürliche Sprache – so weit unsere beste Theorie.

Aber selbst unsere beste Theorie ist nur eine Theorie. Man findet Stücke natürlicher Sprache, bei denen sich der Gegenstandsbezug wie in einer formalen Sprache verhält. Nehmen wir z.B. das oben abgebildete Verbot. Wohlgemerkt setzt die Inschrift nicht voraus, dass der See zugefroren ist, sondern diese ist folgendermaßen zu verstehen: „Es ist nicht der Fall, dass das Betreten der Eisfläche erlaubt ist“ – wie ein halbformaler Satz.

Natürlich wird die Eisdecke dann nicht präsuponniert! Wäre eine Präsupposition der Fall, dann wäre das Verbot ein Kategorienfehler nach dem Monat März und eine gültige Präskription nach dem Monat November. Immer wenn das Bürgermeisteramt von einer die Sprache liebenden Person bekleidet würde, würde die Kommunalverwaltung das Schild entfernen, wenn das Eis geschmolzen wäre, um es wieder anzubringen, wenn der See wieder zufrieren würde.

Aber man braucht so etwas nicht zu tun. Es gibt keine Präsupposition, obwohl der Kontext nicht formal ist. Bemitleidenswert diese Theorie…

trennlinie8The use of nouns in natural language presupposes that the thing for which the noun stands exists. This leads often to unjustified existential import and to category mistakes. You don’t really want to negate that the unicorn of whom you made the acquaintance is purple because then you say that you did make the acquaintance of a unicorn. This is unpleasant, because you don’t want to affirm that you made the acquaintance of a purple unicorn either. Unpleasant or not, this is how natural language works – so far our best theory.

But even our best theory is only theory. You can find pieces of natural language which work like formal language. For example you can find a total ordinary, in no way formal command not to walk on the ice which has the strength of the half-formal expression: „It is not the case that you may walk on the ice“ – NB an expression which does not presuppose that there is an ice.

Of course it doesn’t presuppose that there is an ice. If you had a presupposition then the command would be a category mistake after March and a valid regulation after November. And whenever we would have a mayor who loves language, the municipality would have to remove the inscriptions when the ice melts and to put them back when the lake is frozen.

There is no need for such things. There is no presupposition, no existential import although the context is not formal. Poor old theory…

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Gottlob Frege und Christian Morgenstern

(Scroll for English)

„Der Morgenstern ist der Abendstern“ lautet Gottlob Freges unsterbliches Beispiel, das verdeutlicht, warum die Gleichsetzung bedeutungsgleichher aber sinnungleicher Ausdrücke wichtig ist: Im Gegensatz zum trivialen Satz „Der Morgenstern ist der Morgenstern“ ist die Gleichsetzung von Morgenstern und Abendstern informativ. Ersteres ist in bezug auf alles der Fall, was „Morgenstern“ heißt. Letzteres ist etwa für den Planeten Venus der Fall, nicht aber für Menschen, die „Morgenstern“ heißen.

Bereits der frühe Februar kündigt schüchtern den Frühling an. Die Wolken lassen den Blick immer mehr durch. Das ist kein Themawechsel, denn vor Kurzem hat mir der milde, ausgehende Winter vor Augen geführt, dass Freges Beispiel schlecht gewählt ist. Der Winter und eine Tochter, die heute abend fragte:

– Papa, was ist dieses Licht?

– Der Abendstern.

Obwohl ich nun die Information besitze, um von der Sinnungleichheit von „Morgenstern“ und „Abendstern“ abzusehen, fiele mir unter keinen Umständen ein, meiner Tochter „der Morgenstern“ zu antworten! Der Grund: „Morgenstern“ und „Abendstern“ sind in Wirklichkeit gar nicht bedeutungsgleich. Sie bezeichnen zwei völlig verschiedene Dinge: verschiedene „Zeitscheiben“ des Planeten Venus; „Scheiben“, die nicht miteinander gleichgesetzt werden können. Das ist ein Fall für den Perdurantismus

Es sei denn, man verstellt sich, nicht zu merken, dass die Zeit vergeht. Es gibt dazu einen ebenso wie das Fregesche Beispiel unsterblichen Trick Christian Morgensterns:

Es gibt ein sehr probates Mittel,

die Zeit zu halten am Schlawittel:

Man nimmt die Taschenuhr zur Hand

und folgt dem Zeiger unverwandt.

Fregestern

Since Gottlob Frege we know that the main difference between „Phosphorus is Phosphorus“ and „Phosphorus is Hesperus“, NB the fact that the former statement is uninformative whereas the latter contains information, is due to the fact that „Phosphorus“ and „Hesperus“ have the same reference but different meaning.

Clear skies and some glimpses of the spring were February’s presents to the Bavarian weather this year. I’m not changing the subject! Without clear skies our elder daughter wouldn’t have asked me a few hours ago this evening:

– What’s this light, dad?

– It’s Hesperus.

Of course, the information to make me see Venus in Phosphorus and in Hesperus is available to me. I.e., since I know that every time I perceive Phosphorus I perceive the planet Venus and every time I perceive Hesperus I perceive the planet Venus, I have a serious reason to disregard the difference in meaning of the two terms. However, for nothing in the world would I reply to my daughter that the light was Phosphorus. The reason for this is that „Phosphorus“ and „Hesperus“ haven’t an identical reference after all. „Phosophorus“ and „Hesperus“ are two completely different things. The former is the planet Venus in the mornings and only in the mornings. The latter is the planet Venus in the evenings and only in the evenings. Phosphorus and Hesperus are totally different time parts (slices) of the planet. They are a case for perdurantism

Frege’s example wasn’t a good choice!

Of course, you can pretend that you didn’t notice that „Phosphorus“ and „Hesperus“ denote time parts because you never notice that time passes. Christian Morgenstern, the poet whose name is the German word for „Phosphorus“ (but not the German word for „Hesperus“) introduced a trick for this. A trick as immortal as Frege’s example. Here it is:

There’s a quite reliable mode,

To grab time by the throat:

With pocket watches you exercise

to turn the watch counter-clockwise.