Self-Reference Blues

(Scroll for English)

Ich habe drei Nächte hintereinander an einem Artikel gearbeitet – an einem, in dem Selbstreferenz ausnahmsweise keine Rolle spielt – habe deswegen kurz geschlafen, putschte mich dann ganz in der Früh mit kalter Dusche und starkem Kaffee auf, um die Kinder mit etwas klarerem Kopf zur Schule zu bringen, und fühle mich deshalb in der letzten Zeit wie dieser Masochist aus dem bekannten Witz, der es angenehm fand, frühmorgens um fünf eine kalte Dusche zu nehmen.

Mit dem Unterschied, dass der Masochist diesen Wunsch nie verwirklichte, weil er sich eben als Masochist nichts Angenehmes gönnen wollte. Der Witz gefällt mir immer noch nach Jahrzehnten. All diese Fälle der Selbstreferenz, die etwas ad absurdum führt, wovon man sowieso ahnte, dass es absurd ist, wie die Wahrheit simpliciter, der Masochismus und eben die Melancholie, insbesondere die Herbstmelancholie – ja, all diese Fälle gefallen mir.

Ein großes Aber: Die Herbstmelancholie ist zwar schön, allerdings nichts gegenüber der Herbstmelancholie zwischen dem zwanzigsten und dem dreißigsten Lebensjahr, der ich richtig nachtrauere…

Ich bin nicht gut darauf heute. Selbst die Herbstmelancholie macht mich nicht glücklich, selbst die Selbstreferenz macht mich nicht schwindlig. Dringend eine musikalische Pause!

If you start listening to Manos’s music now and start reading today’s posting (slowly!), the crescendo will come at the “good-morning-everybody”-point .

October weather accompanied by melancholy is a Central European must and can be refreshing. However it’s nothing compared to October weather accompanied by melancholy when I was between twenty and thirty. Wouldn’t you get melancholic if you missed a certain sort of melancholy?

I like all these cases of self-reference which lead ad absurdum things which appeared to be absurd already in the first place. Things like melancholy, truth simpliciter and masochism. Some of the readers must know the joke about this masochist who would enjoy to wake up at five o’clock in the morning and to have a cold shower – but never did so, because as a masochist he refrained to do things he would enjoy.

I remembered the joke during my work on this paper – one which has nothing to do with self-reference – for the last three nights now. I worked until very late (or early – it’s a matter of perspective…), then had to take a cold shower and drink a strong coffee before I brought the children to school in the Bavarian October rain.

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Ein Blick auf den Südhof, ein Rückblick und ein Philosoph

Wann ich zum vorletzten Mal – d.h. zum letzten Mal vor dem gestrigen – in einem Seminarraum des LMU-Hauptgebäudes war, weiß ich nicht mehr. Vielleicht vor einem Jahr, vielleicht vor zwei. Genauso im Dunkeln bleibt in meinem Gedächtnis der Anlass meines vorletzten Besuchs dort. Eine Konferenz? Ein Kolloquium? So was jedenfalls…

Ganz hell erinnere ich mich dagegen an meinen allerersten Besuch eines dieser Räume mit Blick auf den Südhof. Es war vor fast genau 20 Jahren. Es war ein warmer Tag im Gegensatz zu gestern. Mich hatte die Bahnfahrt von Bonn nach München ganz schön geschlaucht. Während ich schlief, hatte jemand zwischen Frankfurt und Stuttgart einen Hundert-Mark-Schein aus meinem Portemonnaie genommen und dieses dann netterweise mit dem restlichen Inhalt ins Eck des IC-Abteils wieder hingeschmissen. In München angekommen hatte ich also zuerst Geld abheben und mich zur ersten Sitzung von Davidsons Davidson-Seminar beeilen müssen.

Ein Davidson-Seminar (mit Bindestrich) ist ein Seminar über die Philosophie Donald Davidsons. Davidsons Seminar (mit einem Genitiv) ist ein Seminar, das von Donald Davidson geleitet worden ist. Und das war Davidsons Davidson-Seminar.

Die Fenster mit Blick auf den Südhof waren mir damals vor 20 Jahren riesengroß erschienen. Ebenso gestern. Sie waren damals nicht nur eine großzügige Lichtquelle, sondern auch eine erfrischende Ablenkung in den langweiligeren Momenten – ja auch solche konnte es in Davidsons Davidson-Seminar geben. Im Gegensatz dazu leiteten sie gestern nicht nur ein spärliches Regentagslicht in den Raum, sondern vor allem viel Melancholie.

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Es ist allerdings nur Melancholie und nicht etwa Niedergeschlagenheit, wenn man die verlorenen Jahre, die verpassten Chancen, die vergangenen Freunde trotz allem nicht beweint.

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Warum denn auch? Der Sommer wird genauso heuer wie vor 20 Jahren wieder einkehren.

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In der Maxvorstadt werden die jungen Paare und die alten Freunde wie damals nach irgendeinem Seminar in ihre Autos steigen, um am frühen Abend am Ufer des Starnberger Sees ein Feuer zu machen. Sie werden Kartoffeln in Alufolie in die Glut verbergen und hoffentlich dafür Entdeckungen aneinander machen.

Und alles wird irgendwie – genauso wie damals – ganz super sein.