Polytechnites

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Lustig haben wir uns über ihn gemacht. Manche sagten, wir waren verwandt, aber das störte mich weniger, weil auf einer Insel jeder mit jedem verwandt ist.

Er hatte Aschenbecher mit all seinen Fertigkeiten ausdrucken lassen. Ein Logo prangte drauf und dann kam es:

Elektroinstallationen, Bewässerungstechnik, trockene Feigen, Bestattungen

Ich bin ihm im Endeffekt so ähnlich. Mein neuestes Buch, meine Habilarbeit, im Schnitt von Logikgeschichte, Ideengeschichte, Metaphysik kam vor ein paar Tagen raus.


Enough with scrolling

We were laughing at him. Some said he was my relative. I didn’t care because in an island you’re almost everyone’s relative.

He had ashtrays with his logo printed. And with every business he made ends meet with:

Electrical installations, irrigations, dried figs, funerals.

I’m so similar to him. My monograph to secure me the venia legendi, i.e. the right to professorial teaching in Central Europe, is at the interface of logic history, the History of Ideas and Metaphysics and was released few days ago.

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Das Elend der akademischen Religionswissenschaft

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Es gibt Lieblingsrepliken in der Philosophie: Die Kritik der reinen Vernunft hat Kant selber mehrfach repliziert. Ein Trend kam sonach ins Rollen: „Kritik des einen“, „Kritik des anderen“ – sogar Wilhelm Busch verfasste eine Kritik des Herzens. „Das Elend des XY“ ist eine ebenfalls bekannte Nachahmung. Marx titulierte seine Kritik an Proudhon Das Elend der Philosophie und Popper konterte ein Jahrhundert später mit dem antimarxistischen Elend des Historizismus. Wenn ich mich des Klischees bediene und wegen des Elends der Religionswissenschaft aufrege, dann muss mir ein langatmiges Argument in Buchform vorschweben – könnte man denken – ja eines, das mich womöglich berühmt macht. Aber ich denke nicht so: Ein Blogeintrag ist mehr als genug. Man schießt nicht mit Maschinengewehren auf Schnaken. Denn erstens werden sie nicht getroffen und summen weiter, zweitens sind sie mit bescheideneren Mitteln durchaus zu bekämpfen.

Es geht mir in einem Sinn durchaus um Schusswaffen – vor allem um die frappierende Unfähigkeit des Personals teuer dotierter Institute für Religions- und Islamwissenschaft, sich über die Motive derer an die breite Öffentlichkeit zu wenden, die neuerdings den Kontinent in Angst und Schrecken versetzen.

Ausnahmen wie Bassam Tibi, der irgendwelche allgemeinverständlichen Analysen immerhin zu formulieren weiß, sind sozialwissenschaftlich alphabetisiert. Nicht so die Mehrheit.

Was das Publikum in der aktuellen Lage braucht, sind keine volkskundlichen Diss à la Magma cum laude in post-etwas-Hinsicht, von denen ein Doktorvater und drei seiner Freunde befanden, sie zählen mehr als tausend international zitierte Fachpublikationen. Die breite Öffentlichkei braucht das, wozu die verwöhnten Burschen und Mädels der deutschen akademischen Religionswissenschaft außerstande sind: Analysen des Phänomens radikaler Islam im Sinne einer Theoriebildung!

Damit sind keine Infos zu diesem oder jenem Ritual, dieser oder jener heterodoxen Gruppe oder was-weiß-ich gebraucht, sondern Antworten auf die Fragen, auf die es ankommt: Ist die religiöse Radikalisierung grundsätzlich anders als eine sonstige ideologische Radikalisierung? Ich z.B. behaupte, dass das nicht der Fall ist. Ich habe empirische Beispiele dafür.

Die meisten kontinentaleuropäischen RWler betrachten solche Fragen als „phänomenologisch“ und das ist in ihrem Jargon etwas Schlechtes. Gleichzeitig konnten sie in den letzten Monaten nichts von Belang   zur Situation sagen – egal in welchem Jargon.

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Enough with scrolling

If I leave Bassam Tibi aside, I can’t think of any continental religious-studies scholar who would make serious efforts to formulate something of some analytic merit to explain islamism, let alone able to inform the general public. By information I don’t mean descriptions of this or that ritual, thoughts on this or that side topic. I mean big issues like the question whether religiously motivated radicalism is inherently different from radicalism out of any other ideological motivation. I have empirical evidence that religion resembles in this respect to any other ideology but this is not my point here.

The point is that continental religious-studies scholars would call such issues „phenomenological“ – a pejorative term in their vocabulary – and would insist that their discipline should be post-something and form a denial to social science. The aftermath of this line of thought is their silence when it comes to the big issues. Or their repetition of predictable trivialities.

This is theoretical poverty. „The poverty of this-and-that“ is a mime, of course, and one set in motion by Marx’s Poverty of Philosophy – a criticism of Proudhon – to be replicated by Popper’s anti-Marxist Poverty of Historicism.

Since I use the mime to complain for the poverty of academic religionswissenschaft one could think that I have a critique (a critique of some kind – another mime) in bookish format in mind.

However, you don’t need longish arguments against the poverty of academic religious studies in the continent. They would be too much: like taking a machine gun and firing at flies. Flies don’t care about people with machine guns.

Neither do academics specialised in religion.

The cultural burn

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Jahrelang kann die Suche nach philosophiebezogener Lektüre im Feuilleton der Süddeutschen unergiebig bleiben, bis dann schließlich die ganze Vorderseite von so etwas eingenommen ist…

Frank Griffels Artikel mit dem Titel „Alles außer Aufruhr“ (SZ 121, S. 17) ist der Horror der kulturwissenschaftlichen Klischees: Der Islam habe niemals eine Aufklärung gebraucht, da er mit Ambiguität umzugehen wisse; T.S. Kuhns Wissenschaftstheorie sei Hegelianismus (ergo Eurozentrismus, Kulturchauvinismus or you name it); eine Aufklärung sei in Landstrichen ohne Hexenprozesse und Unterdrückung der Philosophie nicht nötig.

Ich habe auch in der Vergangenheit Kulturwissenschaftler dabei erwischt, das ABC des folgerichtigen Denkens mit Selbstvertrauen und mit beiden Füßen zu zertreten. 2012 protestierte ich z.B. wegen einer selbstreferentiellen Regelung in der DFG (das Heisenberg-Programm gewährleistet die Berufbarkeit von Habilitierten ohne Professur, aber das Kriterium, um in das Programm aufgenommen zu werden, ist eine nicht weiter definierte oder reduzierbare „Berufbarkeit“ des Kandidaten – das (vermeintliche) Entscheidungskriterium und der Gegenstand der Entscheidung fallen zusammen), um von einer Freiburger Orientalistin die Bemerkung zu kassieren, das sei tatsächlich und explizit die Regelung, wieso ich so ein Theater mache…

Zurück zu Griffel: Ein Ambiguität zulassendes Kategoriensystem setzt ein anderes voraus, in dem die Kategorien klar abgesteckt sind. Griffel beschwert sich, dass Kategorien wie „homosexuell“ und „heterosexuell“ die Bivalenz voraussetzen (er hätte hinzufügen sollen: in einem sinnvoll definierten Anwendungsbereich, in dem keine Steine, Flüsse oder Ideen vorkommen, aber seien wir nicht zu streng…), und übersieht vollends, dass, um festzustellen, dass ein Sexualitätsbegriiff „uneindeutig“ ist – etwa derjenige, der bei Frauen zu beobachten ist, die Frauen lieben, plus bei Frauen zu beobachten ist, die keine Frauen lieben – die Kenntnis der dichotomischen Begriffe vorausgesetzt ist. Ohne Dichotomie im Hinterkopf ist der fragliche Begriff nicht zweideutig, sondern man hat einen klar abgesteckten Begriff aller sexuell aktiven Frauen.

Dass Kuhn und Hegel unter einer Decke stecken würden, ist eine Meinung, die nicht nur ketzerisch ist. Sie ist falsch. Anders kann ich’s nicht nennen! Bei Kuhn ist der Zeitgeist etwas, was durch Cliquen, Lobbys und vergängliche Moden zu Stande kommt. Bei Hegel trägt der Fortschritt den Stempel des absoluten Geistes.

Ob Griffels Behauptung zutrifft, dass Gesellschaften ohne Hexenverbrennung und mit philosophischer Literatur es schaffen, ohne Aufklärung Toleranz zu leben und Glück zu vermehren? Dem kann ich zustimmen. Allerdings sind das wohl Gesellschaften von angenehmen, unmündigen Gläubigen. Ich weiß nicht, ob die Armut im Geiste erstrebenswert ist. Kant definierte die Aufklärung jedenfalls als die Befreiung von unserer selbstverschuldeten Unmündigkeit. Die Aufklärung hat weniger mit Hexenschutz als vielmehr mit unserem mentalen Hexenschuss zu tun – und mit Maßnahmen dagegen.


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Years can pass before you can read a piece on a philosophical topic in the arts supplement of the Munich-based daily Süddeutsche Zeitung. You’ll be rewarded for your patience, but, alas, the reward may be something like Frank Griffel’s article titled „Anything but revolt“ (SZ 121, p. 17) of last Saturday – a horrible collection of cultural-studies clichés: knowing how to deal with ambiguity, Islam never needed enlightenment; T.S. Kuhn’s views on scientific revolutions is Hegelianism (in Griffel’s eyes this is a very bad thing, equivalent with Eurocentric cultural chauvinism or you name it); and where neither witches were being prosecuted nor philosophers suppressed, there was nothing enlightenment could do for the public.

In the not so distant past, I’ve had the opportunity to witness that cultural-studies scholars can be proud to contradict the ABC of logic. In 2012 I considered it a must to protest against a self-referential rule of the German Fund of Scientific Research (after habilitation, if not tenured, the Heisenberg program keeps you on track, but to get into the program you must be evaluated to be on track) when this Freiburg orientalist remarked that that’s the rule, how comes that I didn’t know…

Back to Griffel: he pleads for ambiguity instead of dichotomy but, of course, ambiguity presupposes dichotomy. His example is that the dichotomy „homosexual“ vs „heterosexual“ makes ambiguity impossible (in a domain of discourse without stones, rivers and ideas, of course but let’s give him this point) and this is a bad thing in Western civilisation. – so he says… 

But of course, if you don’t have the dichotomy and you do launch the (allegedly „ambiguous“) concept of women who love women plus women who love men, what you have is the unambiguously defined concept of sexually active women.

Griffel’s Kuhn-and-Hegel bit is not just heresy. It is – I have no other word for it – an error! Paradigm changes are due to ingroups, lobbying, fashions. Hegel’s zeitgeist bears the seal of the Absolute.

The only one of Griffel’s statements I can grant is that you don’t need to be enlightened to show tolerance, to not bother to burn witches and books. Four-year-olds, not exactly what you’d call an enlightened citizen – can be very tolerant towards diversity, they don’t prosecute witches even if they’re afraid of people they consider to be such, and very often – however not always – they’re not interested in your volumes of Kant’s collected works and, therefore, it’s unlikely that they would paint in them, tear pages and the like. But they would also believe anything you tell them. Talking about Kant, let me quote his definition of enlightenment:

Enlightenment is man’s emergence from his self-imposed nonage. Nonage is the inability to use one’s own understanding without another’s guidance.

As you see, it’s not only about witches and books.

Religious hatred as a decision-theoretical problem

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Entscheidungstheoretisch aufgeklärte Religionswissenschaftler weisen manchmal darauf hin, dass Hassprediger in einer dem Gefangenendilemma ähnlichen Situation stecken. Der Hassprediger A befürchte, dass der Hassprediger B antagonistisch wäre und die gesamte Zielgruppe in seinem Sinn radikalisieren würde, falls sich A kooperativ geben würde. Um dieser „Gefahr“ vorzubeugen üben sich beide, A und B, in rituellem Hass um die Wette – d.h. sie spielen nichtkooperativ, selbst wenn sie wissen, mehr für ihr Publikum gewinnen zu können, sollten sie sich versöhnlich geben, d.h. sollten sie kooperieren.

Nachdem er darauf hingewiesen hat, schlägt der entscheidungstheoretisch aufgeklärte Religionswissenschaftler vor, Absprachen zwischen den Predigern und ihren Herden, aber auch zwischen Gläubigen und „Ungläbigen“ zu ermöglichen. Tatsächlich stellt die Möglichkeit einer Absprache spieltheoretisch einen Weg aus dem Gefangenendilemma heraus. „Lasst die Leute zueinander kommen, Vorurteile abbauen, die gemeinsamen Interessen feststellen“ lautet die Devise zu einem kooperativen Spielverlauf, weitab vom Gefangenendilemma und der damit zusammenhängenden lauernden Radikalisierung der Prediger und der verschiedenen Religionsgemeinschaften.

Was dabei übersehen wird, ist, dass sich Vorurteile nicht einfach durch Zusammenkommen abbauen lassen. Spieltheoretisch ausgedrückt lässt sich keine kooperative Spieltaktik durch das Ermöglichen von Absprachen durchsetzen. Die Absprachen müssen auch noch erfolgreich sein und dazu müssen sich die Spieler überwinden.

Dieter Frey, mein Professor im Fach Sozialpsychologie an der LMU München, erwähnte das Projekt der Stadt Bremen, Neonazis zum Abbau von Vorurteilen einen Türkei-Urlaub zu finanzieren. Das Meer, die Zypressen, der blaue Himmel, all das gaben die Projektteilnehmer nach der Beendigung der Maßnahme an, positiv in Erinnerung zu behalten – so Freys Bericht damals in der Pause einer Seminarssitzung zum Thema Stereotype. Aber was die Leute im schönen Land anging, darüber sollen sich die wilden Jungs einig gewesen sein, die seien schlimmer als erwartet gewesen. Intergroup contact trage, so Frey damals, nicht zur Beilegung von Vorurteilen bei. Was der Sozialpsychologe anhand von empirischen Daten studiert hat, weiß der Hassprediger intuitiv: verwandelt er sich in eine Friedenstaube, dann verliert er seine Anhänger an die Konkurenz.

Trotzdem habe ich ausgerechnet im geschilderten Komplex Grund zum Optimismus. Im Gegensatz zum Spieltheoretiker beschäftigt sich der Religionswissenschaftler durchaus mit dem Inhalt der Glaubenssysteme von Hasspredigern. Der Religionswissenschaftler weiß also, ob das Glaubenssystem des Hasspredigers eines ist, das Liebe groß schreibt oder nicht. Aber ein Hassprediger eines im Wesentlichen Liebe predigenden Glaubenssystems generiert kognitive Dissonanz und hat langfristig keine großen Chancen, sein Publikum zu behalten.

Fazit: Der Spieltheoretiker und der Sozialpsychologe sind Pessimisten, die den Optimismus des Religionswissenschaftlers auf Naivität zurückführen. Der spieltheoretisch informierte Religionswissenschaftler muss passen. Der sozialpsychologisch aufgeklärte Sozialwissenschaftler kann sich allerdings rühmen, ein Optimist ohne naiveté zu sein.

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Religious studies, insofar as they are informed by decision theory, see radical religious officials involved in a situation akin to the prisoner’s dilemma. Each of them is concerned that the next will be antagonistic if he would favour a more conciliatory tactic. Since, if this is true, the group would be radicalized anyway, the official has any reason to be noncooperative towards his own colleagues and towards the „infidels“ as well in order not to lose his audience. This will be the case, then, even if they know that the benefit from a reconciliation and from a cooperative game would be greater.

Religious studies scholars often recommend contact as a cure. Ingroup contact between the officials, of course, to enable a common strategy, but also intergroup contact between the „fidels“ and the „infidels“ to ensure that this strategy will be conciliatory. It’s true, a contact between the players shows a way out of the prisoner’s dilemma. However, it doesn’t go without an argument that contacts help put attitudes or prejudice aside. And this is why a contact is not an agreement.

Dieter Frey, my Social Psychology professor at the LMU Munich, mentioned once in a coffee brake – the session was on stereotypes – a project run by the municipality of Bremen: The authorities paid ex-Nazis who were in a reintegration program a vacation in Turkey. The beaches, the cypresses, the blue skies were highlighted very positively by the participants in their monitoring reviews after the project. Negative feelings towards the natives, however, were more open after than they were before the trip. As I said, it doesn’t go without an argument that intergroup contact helps get over prejudice and probably it doesn’t help at all. This is why the radical preacher will fear that he will lose his job if he would mutate from a war falcon to a peace dove.

There’s a reason to be an optimist whatsoever. Unlike game theory, religious studies are very occupied with the content of the belief set at stake. If the ability to love others independently of their backgrounds is important in this belief set, fanatic preachers are doomed to increase cognitive dissonance some day or another. Their chances to keep their audience are, in the long run, low.

I conclude that game theorists and social psychologists have reasons to be pessimists and to see some naiveté in the optimism expressed by religious studies scholars. Religious studies informed by game theory have to be pessimistic as well. However, insofar as religious studies are informed by social psychology there is a good reason to propagate optimism again.

Bin ich ein Neophänomenologe?

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Zwar bin ich kein Phänomenologe, aber aus religionswissenschaftlicher Sicht erscheinen ein paar Gedanken, die ich u.a. in diesem Blog geäußert habe, „neophänomenologisch“. Zuletzt wurde mein Blog in diesem Kontext in Steffen Führdings Interview bei Christoph Wagenseil erwähnt (gegen Ende des Gesprächs).

ENOUGH WITH SCROLLING

God knows, you cannot call me a phenomenologist. But from the point of view of Religious Studies some thoughts which I have been expressing also in this blog among other places, appear „neo-phenomenological“. The last episode of this ongoing debate was played in the blog of the Media and Information Service for the Religious Studies. Check it out towards the end of the interview which Steffen Führding gave to Christoph Wagenseil (in German).

Against the continental religious-studies mainstream

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Kürzlich las ich Michael Blumes Interview, in dem dieser einen Zusammenhang zwischen Demographie und Religion herstellt: Religiöse Gemeinschaften würden sich reproduzieren, areligiöse Gemeinschaften der Vergangenheit seien stets an Kinderlosigkeit untergegangen.

Blumes Feststellungen erscheinen naheliegend, aber das ist heute nicht mein Thema. Das besagte Interview ist ungewöhnlich in Deutschland insofern, als ein Religionswissenschaftler nicht partikuläre volkskundliche Erkenntnisse verbreitet, sondern einen Strich unter und ein Fazit aus diesen zieht.

Was ich aus der Religionswissenschaft erwarte, ist, der Anthropologie zuzuarbeiten. Die substanziellen zu beantwortenden Fragen sind der Art: Stellt die Religion einen evolutionären Vorteil gegenüber Religionslosigkeit dar? Wie gestaltet sich Rationalität auf dem religiösen Feld aus? Wie unterscheidet sich Religion von anderen Arten des Fürwahrhaltens wie Wissenschaft, Ideologie oder Lebensstil? Wie revidieren wir religiöse Ansichten?

Die Beantwortung von Einzelfragen der Art: Wie fasten die Serben? Was sind die Bestattungsrituale in Kenya? Warum verbrennen sich die Feuerläufer nicht die Füße? sind das Hauptgeschäft der Volkskunde, nicht allerdings der Religionswissenschaft. Sie können freilich nützlich zur Beantwortung der großen Fragen sein, aber betrachtet man sie als DIE religionswissenschaftlichen Fragen, dann bedeutet das eine Absage an die großen Narrative und bringt die gesamte Disziplin in die Nähe der Postmoderne und des Dekonstruktivismus.

Das wäre eher Ideologie als Wissenschaft.

Langadas

I read Michael Blume’s interview (sorry, only in German) the other day. Blume (University of Jena) is a religious-studies scholar who says that there is a connection between religiosity and biological reproduction in human societies. Unlike religious groups, the argument goes, throughout history, groups without a religion didn’t manage to reproduce themselves biologically above the minimum of two children for each couple.

Blume’s claims seem plausible but this is not my point. His interview is uncommon for Germany, a country where religious-studies scholars would rather propagate their observations on the folklore from all over the world. Blume draws a more general conclusion.

What I expect religious studies to do is to assist philosophical anthropology. The substantial questions to ask and answer are of the following kind: Is religion a part of the survival-of-the-fittest pattern? Is rationality one of the main tenets of religion? What is the difference between religious claims and other kinds of claims in an epistemic or doxastic context (science, ideology, life style)? How do we revise religious beliefs?

Providing an answer to questions of the kind: How do Serbs fast? Which are the Kenyan funeral rites? Why don’t firewalkers get burned? are central for folklore studies, not for religious studies. Some answers to questions of this kind can be useful for religious studies, of course, but if religious studies would treat such questions rather than the big questions as central, then any engagement with this discipline would involve a postmodernist and deconstructionist denial of big narratives.

This would be to take religious studies to be an ideology.

From agathos Christos to Agatha Christie and back

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Der Eurovision Song Contest (ursprünglich ging es dabei um Songs und ihre Benotung, deshalb heißt es noch so…) lebt von Intertextualitäten und von der Sensationsjagd in denselben: Wir hatten keine hübschen nordischen Gewinner, bis ABBA kam. Aber dann hatten wir keine nordischen Heavy-Metal-Monster als Gewinner, bis diese Finnen kamen. Wir hatten keinen transsexuellen Gewinner bis dieser Israeli kam, aber wir hatten bis gestern keinen bärtigen effeminierten Gewinner. Die Entwicklung lässt sich absehen: Im nächsten Wettbewerb 2015 in Wien rechne ich mit Heavy-Metal-Transsexuellen mit biblischen Bärten.

Kriminalgeschichten leben von ebendemselben Rezept. Nachdem der Mörder mittlerweile nie der Butler ist, geht die Sensationsjagd weiter: Mal war es die anscheinend liebende Ehefrau, mal ist es doch ein Selbstmord gewesen, mal waren es alle Verdächtigen zusammen (Der Tod auf dem Nil), mal der Ich-Erzähler, mal der ermittelnde Kommissar… In der Nachschrift zum Namen der Rose meint Umberto Eco, die einzige Sensation, die in keinem Krimi bisher ausprobiert wurde, sei, dass der Mord vom Leser begangen wurde.

Ich will nicht gegen die intertextuelle Sensationsjagd an sich polemisieren, zumal die Religionsgeschichte vor derselben strotzt. Die Theologie entwickelt sich von den antiken Religionen bis zur Spätantike folgendermaßen: Anfänglich war ein Gott unter keinen Umständen Mensch (ich denke an Amun). Die nächste Sensation waren Götter, die gelegentlich Menschen, allerdings keine perfekten Menschen waren (ich denke an Zeus). Die nächste Sensation war ein Mensch, dessen Perfektion ihn Gott und unsterblich werden ließ (ich denke an Herakles). Die nächste Sensation war ein Gott, dem es zu sterben gelang – und zwar für immer (ich denke an Pan – vgl. Plutarch, De defectu oraculorum 419c). Die nächste Sensation war Jesus, menschgewordener Gott, der ein perfektes Menschenleben führte, starb und auferstand.

Ecos Befund in Bezug auf Kriminalromane gilt auch in Bezug auf die Religionsgeschichte: Es bleibt wohl kaum eine Sensation übrig, die nicht ausprobiert wurde. Die Entwicklung von Amun zu Zeus zu Herakles zu Pan zu Jesus verläuft analog zur Entwicklung von Sherlock Holmes zu Jules Maigret zu Hercule Poirot (wieder ein Herakles) bis zu diesen „Tatort“-Kommissaren, die im Mord verwickelt sind.

Das relativiert nicht das Christentum. Es zeigt nur eine Teilfacette der Wahrnehmung von Kultur und Kultphänomenen.

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The Eurovision Song Contest (which is still called so because many years ago it was about songs and the points given to them) is full of intertextualities and the chase after sensation. There were no pretty Nordic winners until ABBA came. But then there were no Nordic winners who were heavy metal-monsters – until these strange guys from Finland came. There were no transsexual winners until this Israeli came but after him there was no effeminate transvestite with a beard who would win – until yesterday. I can foresee the development: next year in Vienna we’ll see heavy-metal transsexuals with scriptural beards.

Detective stories have the same tendency. Since it’s silly to suspect the butler as a criminal, the chase after sensational answers to the question „Who’s done it?“ has produced stories in which the loving wife is the murderer, others in which it was suicide after all, at least one in which exactly all the suspects have done it (Death on the Nile) and a couple of stories in which the I-narrator of the detective story or the detective himself turn out to be the bad guy. In his Postscript to the Name of the Rose, Umberto Eco stated that the only sensation which has never appeared in any detective story is that the murder was committed by the reader.

But since intertextualities and the chase after sensation are also characteristic of the history of religions it would be unfair of me to criticize pop culture for it. From the very ancient religions until late antiquity, there is an ongoing development of theologies along this path. Initially, a god was never human (think of Amun). The next sensation was a god who became human without human perfection (think of Zeus). The next sensation was someone who had the human perfection which was required to become an immortal god (think of Hercules). The next sensation was a god who managed to go beyond immortality – who died once and for all (think of Pan – cf. Plutarchus, De defectu oraculorum 419c). The next sensation was Jesus, God in human flesh, who lived a perfect life, died and rose from the dead.

Eco’s diagnosis concerning the who’s-done-it sensation in detective stories is analogous to sensation in the history of religions: it’s difficult to find something sensational which has not appeared yet. The development from Amun to Zeus to Hercules to Pan to Jesus is one to further sensations – like the development from Sherlock Holmes to Jules Maigret to Hercule Poirot (another Hercules) to the detectives of the German TV-series „Tatort“ who are sometimes involved in the crimes they investigate.

This is not to relativize Christendom. But it shows, I think, how culture and cult are perceived.