Chance et coïncidence ou: Zufall und Zufall

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Vorletzte Woche bestellte ich bei abebooks zwei Bücher von Kostas Papaioannou. Das eine ist sein Buch über orthodoxe Ikonen, denn der griechische, halbgriechische, was-auch-immer Pariser Achtundsechziger muss zu Wort kommen in meinem Philosophie-Beitrag für das Handbook zum Orthodoxen Christentum, das bei Kohlhammer erscheinen soll. Ein Marxist entdeckt die Orthodoxie – ein paar Paragraphen muss ich ihm schon widmen.

Das andere Buch bestellte ich ohne die Absicht, darüber zu schreiben. Es ist Papaioannous Abrechnung mit dem orthodoxen Marxismus. Zweimal Orthodoxie und Papaioannou, Bankdaten eingegeben, abgeschickt… Wann, von wem die Bestellungen haben zugeschickt werden sollen, habe ich nicht behalten.

Dann kam das Wochenende: Faschnachtsferien.

Ferien sind längere Zeiten, die man ohne die Kollegen aushalten soll, was nicht gut ist. Wir, ein paar einheimische und adoptierte Elsässer, beschlossen also, gleich am ersten Feriendienstag essen zu gehen. Genau genommen haben die einheimischen die adoptierten entführt. Bis zur Ankunft wusste ich nicht, wohin die Fahrt ging und bei der Ankunft stellte ich fest, dass ich den Ort nicht kannte.

Rouffach ist einen, ja mehrere Besuche wert wegen der Kirche, wegen der Störche, wegen des Restaurants Caveau de Haxakessel. Der Muskat passte hervorragend zu den Weinbergschnecken, der Spaziergang Richtung Weinberge kam an einem Salon de thé mit Schnecken vorbei… Lange Rede, kurzer Sinn war ich voll des Lobes für dieses Rouffach.

Zu Hause angekommen stelle ich fest, dass Papaioannous Ideologie froide untertags geliefert worden war. Auf der Rückseite der Versandtasche eine Rouffacher Anschrift.

“Welcher Zufall” sagen die deutschen Freunde, “quelle coïncidence” die französischen.

Zufälle sind Ereignisse mit kleinen Wahrscheinlichkeitgraden. Es erscheint aber unmöglich, im Fall des Rouffacher Buches diesen Grad zu bestimmen. Das Problem haben ihrerzeit Keynes und Ramsey festgestellt. Die relative Häufigkeit des Ereignisses, zum ersten Mal ein Buch von Papaioannou von Rouffach zu bekommen just am Tag, an dem der Empfänger erstmals dort war, um Weinbergschnecken zu essen, schätze ich als praktisch gleich null. Gesucht werden soll also eher die relative Häufigkeit des Aufeinanderfolgens zweier weiter gefasster Ereignisse. Ist sie diejenige des Ereignisses, von allen Orten Frankreichs (der Welt?) ausgerechnet von dort etwas zu bekommen, wo man zufällig war? Kommt der epistemische Umstand hinzu, am Rande mitbekommen zu haben, es gebe eine Buchhandlung an einem Ort namens Rouffach, egal wo in Frankreich und das vergessen zu haben? Selbst wenn das zu beantworten wäre: Die Tatsache, ausgerechnet dort zu sein, von wo man etwas bekommt, ist eine umgangssprachliche Wendung von der nicht bekannt ist, welcher Zuordnung von Funktionswerten zu welcher Funktion sie am ehesten entspricht – und zwar egal, ob diese Werte Häufigkeiten oder Grade der Bereitschaft sind, etwas zu glauben.

Wie man sieht, ist es nicht leicht, von Zufall zu sprechen, weil sich dann die Frage aufdrängt, wie groß der Zufall ist. Aber man kann von Koinzidenz sprechen. Eine Koinzidenz ist nicht zu erklären und das ist gut so. Dass es etwa eine Koinzidenz gewesen wäre, als Christi Jünger dermaßen stark an die Auferstehung glaubten, dass sie bereit waren, ihr Leben lieber zu verlieren, als sie zu leugnen, würde den ganzen Wind aus dem Segel eines sehr mächtigen Arguments Swinburnes nehmen und das obwohl damit nicht gesagt worden wäre, dass es wahrscheinlich war, dass sie an eine Auferstehung glaubten. Von einem extremen Zufall dagegen zu reden, macht erst auf diese Jünger aufmerksam. Denn Zufälle sind schwer und meistens bayesianisch erklärbar und das ist manchmal nicht gut so, weil kompliziert.

Ich unterstelle Carnap, Chancen als einen wissenschaftlichen, quantitativen Begriff mit einem Wahrscheinlichkeitsgrad beziffern zu wollen, weil er in seinem deutschen Hinterkopf das Wort “Zufall” hatte, den Latinismus “Koinzidenz” dagegen als klassifikatorischen, vorwissenschaftlichen Begriff verwarf.

Trotzdem ist der vorwissenschaftliche Begriff im Fall des Rouffacher Buches besser zu gebrauchen. Es bleibt eine Frage, ob er auch im Fall der Einstellung der Jünger die bessere Option ist.

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Two weeks ago, I ordered in abebooks two books by Kostas Papaioannou. The one was his book on orthodox icons. I thought that the Greek-French Marxist should be dedicated a couple of paragraphs in my contribution on philosophy in an orthodox Christian context in the Handbook of Orthodox Christianity to be published by Kohlhammer. Leftist guy in the late-60s Paris discovers the confession of his parents – it does sound appealing. The other book was Papaioannou’s j’accuse of orthodox Marxism. Two books concerning two different meanings of orthodoxy by one author, two bookstores whose names I forgot in the next second, bank data, off we go, what’s next?

Few hours later, I had even forgotten I had ordered the books. The next day was the beginning of the carnival holidays.

Holidays are rather long periods of time to be spent without colleagues and this is not always a good thing. We managed to reduce the damage by having this “colleagues and wine and escargots” thing: Alsatians by birth take out the faculty’s Alsatians by adoption to a place the former choose and the latter are left in the dark about until arrival.

Rouffach turned out to be worth a visit, or rather many visits because of its cathedral, its storks, the restaurant Caveau de Haxakessel. The muscat was a perfect fit to the escargots, the walk towards the vineyards came by a salon de thé… Long story short, I was enthusiastic about the place named – what’s it’s name again? Oh, yes – Rouffach.

Back home I see an envelope on my desk. I unpack Papaioannou’s Ideologie froide out of it, proceed to dump the envelope when I realise that it had been sent to me from the place I just returned from: Rouffach.

Welcher Zufall” say the German friends, “quelle coïncidence” the French.

A “zufall” (pronounced: “tsu-fall” with an “all” like in “alley”) is an unlikely event. Unlikely events have low grades of probability. In the case of the Rouffach book it is impossible though to calculate this grade in a way that is accurate and raises no doubts concerning its adequacy. As Keynes and Ramsey found out ages ago, the relative frequency of the event won’t do. For one thing, if one describes the event to be an individual fact (e.g. the fact of being sent from Rouffach a book by Papaioannou on the day you’ve been there for your first time to eat escargots), the chances equal zero. If the relative frequency is the one of a fact more loosely described (e.g. to receive a book sent to you from all places – of France? of the globe? – to where you unknowingly have been taken), the question arises whether epistemic states enter the calculation, e.g. the fact that I had forgotten about the order when I visited Rouffach.

Having been there on the day you receive a book from there is an expression in ordinary language and you don’t know which formal expression depicts the thought best. You can have relative frequencies or grades of willingness to accept betting odds as values of the function the formal expression expresses but the difficulty remains as long as you understand coincidence as chances.

If you simply understand it as coincidence though, all the humbug vanishes.

Imagine Richard Swinburne’s argument that the disciples as direct witnesses of Jesus’s appearances after His death must have been persuaded that it was Jesus who came to them because otherwise they wouldn’t be sacrificing themselves instead of denying Jesus. Since he understands the chances of the disciples to act in this certain way as odds, he takes them to be very low, from which he, by Bayes’s law, infers that Jesus’s appearances must have been difficult to deny. Now, take “chances” here to mean “coincidence”. The whole magic disappears. Coincidences are just individual events following other individual events for no reason and no betting odds.

Carnap saw chance as “zufall“: a scientific, quantitative concept. It appears that coincidence, the prescientific classificatory concept, fits better to express events like the Rouffach book. The big question is if it is also good enough for the disciples’ attitude towards Jesus’s resurrection.

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Zombies exist

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Seit Daniel Dennett die Position vertritt, er selber und jeder andere denke oder tue nichts, was nicht durch seine Biologie durch und durch, ja notwendig determiniert ist, kontern manche Dualisten, dass sich mit logischen Mitteln nicht von der Hand weisen lässt, dass körperunabhängiger Geist besteht. Aber wenn das so ist, so der zeitgenössische Dualismus weiter, die Determinierung durch den Körper nicht notwendig. Mit anderen Worten widerlegt die bloße Möglichkeit von Geistern Dennetts Gewissheit, dass wir alle Zombis wären.

Ich bin der Meinung, dass das ein schlechtes Argument ist. Seit 2013 propagiere ich ein Gedankenexperiment, das zeigen soll, dass die logische Möglichkeit körperunabhängiger Gedanken nicht zeigt, dass wir keine Zombis sind. Denn körperunabhängige Gedanken lassen nicht auf die Existenz körperunabhängiger Wesen schließen. Mein Hauptzeuge und die Inspiration meines Gedankenexperiments ist Aristoteles. Warum soll, sagt der Stagirit in der Nikomachischen Ethik, das von mir unabsichtlich heraufbeschworene Unglück meiner Familie mein Glücklichsein post mortem nicht beeinflussen? Wenn meinem Sohn, während ich noch am Leben bin, zu meiner Unkenntnis etwas Ungutes widerfahren würde, würde nicht etwa von mir gesagt werden “o, der Arme…”?

Das ist nicht Mainstream – und Nichtmainstream-Sachen werden für gewöhnlich nicht in A-Journals veröffentlicht. Also reichte ich das Paper beim Journal of Speculative Philosophy ein. Am Samstagabend, so gegen neun.

Noch vor dem Mittagessen am Sonntag bekomme ich den Ablehnungsbescheid von einem offenbar Herausgeber namens John J. Stuhr Ph.D. etc. Mit zwei Gutachten dazu. D.h. Stuhr, oder wie er heißt, hätte noch am Samstag zwei Gutachter verständigt, die schnell über die Samstagnacht, wenn sie in den USA waren, bzw. am Sonntagmorgen, wenn sie in Großbritannien waren, die reports geschrieben haben.

Und was für reports! Einerseits sei meine Literatur bereits sieben Jahre alt, andererseits hätte ich alles berücksichtigen müssen, was in den letzten 20 Jahren zum Thema geschrieben wurde (zum Verhältnis zwischen Geistern und Zombis? Etwas schwer. Es gibt praktisch nichts).

Aber der Punkt, wo mir ein Gutachter das Grauen wünscht, kommt noch:

[In the paper] ‘thought experiments’ seem to be substituted for empirical and broadly scientific approaches.

(der andere ist nicht sicher, ob Zombis empirische Evidenz liefern oder nicht).

Beiden Gutachtern (Stuhr & Stuhr LTD) kann ich nur sagen: Keine Ahnung, ob irgendwo empirische Daten über Zombis zu beziehen sind. Aber dahin gehe ich nicht.

Buuuuh!👻

εзεзεзεзεзεзεзεзεзεзεз

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Since Daniel Dennett thought it a good idea to entertain the thought that he’s a zombie, i.e. that he had no thoughts or actions that are not determined by his biology, dualists have been trying to counter-argue with the possibility of thoughts independent from one’s body. “If this is possible”, you hear them saying, “then determination by biology alone is, if nothing else, at least not necessary”. With other words, the mere possibility that ghosts exist makes the existence of zombies non necessary. And, of course, you can’t logically disprove that ghosts may exist independently from the organism, the machine that would normally host them, let alone in the machine.

Since 2013, I propagate a thought experiment to show that this is a bad argument against our zombieness. Disembodiment doesn’t mean the existence of disembodied persons. Aristotle claims in the Nicomachean Ethics that there is a sense in which a deceased person is said to be unlucky post mortem, i.e. disembodied but unlucky, when for example the ones she loves have to face hardships as a consequence of her actions when she was alive. But then, the unlucky dead is not a person. It is a thought experiment and an argument beyond the mainstream, which makes it less plausible to be published in an A-journal. I sent it to the Journal of Speculative Philosophy last Saturday evening. At about 9 pm.

Before lunch on Sunday, 15 hours later, I got a rejection by a guy named John J. Stuhr Ph.D. etc. With two peer reviews. I mean, I can manage to get my friends agree to read a text in 15 hours. But this doesn’t mean they read it. And definitely it doesn’t mean they wrote a report. Not at any time but definitely not in a weekend.

The reports were contradictory as reports often are. On one hand deploring that the newest article in my references was written in 2010, on the other urging to include the last 20 years’ bibliography. Now, I don’t know what the last 20 years have to offer to the topic zombies, ghosts and what the ones mean to the others, but the most horrible task the reviewers want to set me at, follows from the following:

[In the paper] ‘thought experiments’ seem to be substituted for empirical and broadly scientific approaches.

The truth is, I don’t know where I could get empirical data concerning ghosts and zombies, but, nope, I won’t go for this.


Integrity!

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Es ist jetzt zum zweiten Mal passiert und es muss, finde ich, gesagt werden, auch wenn es nur eine Vermutung ist. Mein Paper zu Swinburnes Argument über körperunabhängige Existenz habe ich anfänglich dem Journal of Philosophy zugesandt und, als es dort abgelehnt wurde, den Acta Analytica. In beiden Fällen erhielt eine alte, unveröffentlichte Version dieses Papers, die ich vor Jahren in meiner academia.edu-Präsenz zugänglich gemacht hatte, völlig unerwartete Leserschaft aus den USA unmittelbar danach. “Unerwartete”, weil in den letzten Monaten die einzigen Klicks auf diese Version, die trotz erheblicher Unterschiede in der Argumantation doch dieselben Stichwörter wie die neue Version hat, unmittelbar nach der jeweiligen Absendung der neuen Version an die Zeitschriften kamen. Ich vermute einen kausalen Zusammenhang da. Dass meine Vermutung ein post hoc ergo propter hoc ist? Ich wäre so glücklich, wenn dem so wäre… Nein, ich vermute ganz stark, dass beide Gutachter meine Identität als Autor des Papers enthüllen wollten, bevor sie die anonymisierte Version ablehnen – oder akzeptieren…

Google hat bei der Begutachtung eines Papers nichts zu suchen. Dass die Suchmaschine doch eingesetzt wird, zeigt, dass die vielgepriesene Integrität von bestimmten Zeitschriften eine Eigenschaft der gerade beteiligten Personen, nicht der Prozeduren ist.

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It’s the second time it happens and I want to talk about it even if I have only indications.

I sent my paper on Swinburne’s disembodiment argument to the Journal of Philosophy and, after it was rejected there I sent it to Acta Philosophica. Immediately after both submissions, an old version of this paper I uploaded years ago at my academia.edu site, was accessed by certain individuals in the USA. The old version has huge differences compared to the new but the same keywords. And it never drew attention except for the two times mentioned in the last few months.

I don’t think that we have a post hoc ergo propter hoc here. Rather, I believe that there is a causal relation between the submissions and the downloading of the old document – that’s not anonymised of course…

Google must remain out of the refereeing process. The fact that it doesn’t, shows that the integrity of certain journals is not a quality of procedures but one of the persons involved.

Bayesian probabilities, credibility, and the talking frog

Augsburger Puppenkiste

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Der Vorhang ging auf und die Königin war verzweifelt. Fünf Jahre Ehe ohne Kind. Kein Arzt, kein Rat, der ihr helfen könnte. Bis ihr eines Tages im Bad ein Frosch erschien, der ihr prophezeite, sie würde, bevor ein Jahr vergeht, ein Kind bekommen.

Das Kind kommt zur Welt, zwölf Feen sind eingeladen, die dreizehnte nicht. Mit der Verwünschung der dreizehnten Fee geht der Vorhang wieder zu. Pause.

Frage an die Kinder: Was hättet ihr mehr geglaubt, Kinder, wenn ein Arzt der Königin Dornröschens Geburt vorausgesagt hätte oder so wie es gekommen ist: durch den Frosch? Einhellig waren sie der Meinung, der Frosch war glaubwürdiger als jeder Arzt es je sein könnte. Schließlich ist ein sprechender Frosch etwas dermaßen Außergewöhnliches, dass der Glaube an etwas anderes Außergewöhnliches durch seine Existenz leichter gemacht wird.

Das wollte ich mir angucken. Auf der Fahrt von Augsburg zurück nach München sitzt meine Frau am Steuer und ich nehme Papier und Stift. Die Wahrscheinlichkeit dafür, dass die Königin bei der Vorgeschichte ein Kind bekommt unter der Bedingung, dass ein Arzt das voraussagt, liegt, sagen wir, bei 10%. Denn:

x = P (Königin bekommt ein Kind, gesetzt dass ein Arzt das voraussagt) = P (Königin bekommt ein Kind & ein Arzt sagt das voraus) / P (Ein Arzt sagt das voraus)

Aber der Zähler ist gleich mit:

P (Ein Arzt sagt voraus, dass die Königin ein Kind bekommt, gesetzt dass diese zum Schluss ein Kind bekommt) X P (Die Königin bekommt ein Kind)

Damit ergibt die obere Gleichung für die Werte P (Ein Arzt sagt voraus, dass die Königin ein Kind bekommt) = P (Ein Arzt sagt voraus, dass die Königin ein Kind bekommt, gesetzt dass diese zum Schluss ein Kind bekommt) = 50% und P (Die Königin bekommt ein Kind) = 10% eben x = 10%.

(Ob die Königin tatsächlich ein Kind bekommt oder nicht, hat offensichtlich mit der Voraussage eines Arztes bezüglich einer Schwangerschaft, die “bevor ein Jahr vergeht”, abgeschlossen sein wird, nichts zu tun. Deshalb der Wert 50%).

Wenden wir uns jetzt dem Fall mit dem Frosch zu:

y = P (Königin bekommt ein Kind, gesetzt dass ein Frosch das voraussagt) = P (Königin bekommt ein Kind & ein Frosch sagt das voraus) / P (Ein Frosch sagt das voraus)

Aber der Zähler ist gleich mit:

P (Ein Frosch sagt voraus, dass die Königin ein Kind bekommt, gesetzt dass diese zum Schluss ein Kind bekommt) X P (Die Königin bekommt ein Kind)

Für die Werte P (Ein Frosch sagt voraus, dass die Königin ein Kind bekommt) = 0,001%, P (Ein Frosch sagt voraus, dass die Königin ein Kind bekommt, gesetzt dass diese zum Schluss ein Kind bekommt) = 0,01% und P (Die Königin bekommt ein Kind) = 10% bekommen wir y = 100%.

Unter diesem Aspekt hatten die Kinder eine Intuition geäußert, die sich unschwer in einer bayesianischen Wahrscheinlichkeitsrechnung ausdrücken lässt. Man kann natürlich entgegnen, dass die einzelnen Werte, die ich postulierte, der Begründung bedürfen. Nun, ich nehme an, dass sprechende Frösche in Märchen nicht unmöglich sind (deshalb 0,001% statt einer glatten Null), dass sprechende Frösche – anders als Ärzte – ungewöhnliche Wesen sind, die – ebenfalls anders als Ärzte – erscheinen, weil sie stets einen besonderen Platz in der Ökonomie einer Geschichte einnehmen (deshalb 0,01% statt 0,001%). Die Wahrscheinlichkeit für die Schwangerschaft der Königin und die Geburt von Dornröschen bleibt natürlich gleich.

Dass Kinder eine richtige bayesianische Intuition haben, ist natürlich bereits eine wichtige Erkenntnis. Diese Intuition zeigt allerdings, dass die bayesianischen Wahrscheinlichkeiten manchmal prekäre Resultate haben. Nach analogen Überlegungen wäre ein Arzt zuverlässiger, wenn er auf einem fliegenden Teppich im OP-Saal eintrifft.

Es gibt Vorschläge zur Rettung des Bayesianismus als Instrument zur Berechnung der Plausibilität wissenschaftlicher Hypothesen vor Richard Swinburnes Theismus. Ich glaube nicht, dass der Bayesianismus der “Rettung” bedarf. Vielmehr muss die Wissenschaftsphilosophie sich damit abfinden, dass wissenschaftliche Erklärungen manchmal dem alltäglichen Erklärungsbegriff von Kindern nicht entsprechen einschließlich derer, die echte bayesianische Erklärungen darstellen. Das ist schlecht und zwar für den wissenschaftlichen, nicht für den bayesianischen Erklärungsbegriff.

Denn, während wir wissen, was eine Erklärung nach Bayes ist, bleiben wir im Unklaren darüber, was eine wissenschaftliche Erklärung ist. Eine bayesianische ist sie jedenfalls nicht.

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The curtain opened and the queen was desperate. Five years of marriage without a child and no physician or advice there to help her. Until one day in the bath a frog appears to her and prophesizes that before one year passes the queen will give birth to a baby.

The child is born, twelve fairies are invited, the thirteenth is ignored. The curtain closes for the interval after the thirteenth fairy has spoken out her curse.

I ask the children: Would you rather believe a physician who would predict Sleeping Beauty’s birth or is the frog more credible? They were of the unanimous opinion that no physician would be as credible as the frog. A talking frog is something unusual and he makes the happening of other unusual things plausible.

I wanted to see if they were right. My wife drove us home from Augsburg and I took a piece of paper and a pencil while still in the car. The probability of the queen’s giving birth to a child after her prehistory and under the condition that a physician predicted so is, say 10%. My calculations:

x = P (the queen gives birth to a baby under the condition that a physician predicts so) = P (the queen gives birth to a baby & a physician predicts so) / P (a physician predicts so)

But the numerator equals:

P (a physician predicts that the queen will give birth to a baby under the condition that she will give birth to a baby after all) X P (the queen gives birth to a baby)

Assuming the following values: P (a physician predicts that the queen will give birth to a baby) = P (a physician predicts that the queen will give birth to a baby under the condition that she will give birth to a baby after all) = 50% and P (the queen gives birth to a baby) = 10%, we get x = 10%.

(The value 50% for two probabilities is justified if you consider that it is irrelevant for the physician’s prediction whether the queen will give birth a baby after all “before one year passes”).

Let me now turn to the case with the frog:

y = P (the queen gives birth to a baby under the condition that a frog prophesizes so) = P (the queen gives birth to a baby & a frog prophesizes so) / P (a frog prophesizes that the queen will give birth to a baby)

The numerator equals:

P (a frog prophesizes that the queen will bear a baby under the condition that she will have a baby after all) X P (the queen will bear a baby)

Assuming the following values: P (a frog prophesizes that the queen will give birth to a baby) = 0,001%, P (a frog prophesizes that the queen will give birth to a baby under the condition that she will give birth to a baby after all) = 0,01% and P (the queen will give birth to a baby) = 10% , we get y = 100%.

As one sees, the kids expressed an intuition which can be easily formalized in terms of Bayesian probabilities. Of course, you can say that the assumed values have to be justified. Let me make the case for these values also: talking frogs are inhabitants of possible worlds in which fairy tales take place – therefore 0,001% instead of a plain zero. But, unlike physicians, talking frogs are unusual entities which, unlike physicians again, appear to play a special role in the economy of every story in which they appear – therefore 0,01% instead of 0,001%. And, of course, the probability of the queen’s giving birth to Sleeping Beauty remains the same.

Children, it seems, have Bayesian intuitions. And this is already an important piece of knowledge. But this intuition shows that Bayesian probabilities are not immune to strange results. Analogous considerations to the ones made above would show that a surgeon appears to be more capable, reliable or you name it if he arrives to the operating room on a flying carpet.

Richard Swinburne‘s Bayesian theism gives sceptics the idea to save Bayesianism as an instrument of calculation of the plausibility of scientific hyptheses. I don’t believe that Bayesianism needs to be “saved”. It’s rather philosophy of science which has to accept that scientific explanation very often does not do justice to everyday explanations like the ones which children have – including those explanations of children which are genuine Bayesian explanations.

This is too bad for scientific explanation because it means that scientific explanation is not a Bayesian explanation. We remain in the dark as to what a scientific explanation actually is whereas at the same time we know, of course, what a Bayesian explanation is and eo ipso what kind of explanations children would tend to give.

Of arguments concerning and images depicting passion

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Vier Bücher würde ich für die Karwoche empfehlen. Richard Swinburnes The Resurrection of God Incarnate, Christos Yannaras’ Elements of Faith, Philip Sherrards Christianity and Eros und Kallistos Wares The Orthodox Way.

In diesen Empfehlungen gibt es etwas für fast jeden Geschmack: eine empirisch untermauerte Berechnung dessen, wie wahrscheinlich es ist, dass Jesus auferstanden ist (Swinburne); ein liberales Verständnis des Glaubens an die Auferstehung für Leser, die es nicht nötig haben, an eine physische Auferstehung zu glauben (Yannaras); eine ebenso liberale Verknüpfung von christlicher Liebe und Sexualität (Sherrard); schließlich eine allgemeine Einführung in die Orthodoxie vom vielleicht humorvollsten Kirchenmann der heutigen orthodoxen Kirche (Ware).

Meine Empfehlungen haben gemeinsam, dass die Autoren orthodoxe Christen sind; ebenso, dass ihre Werke nicht weihrauchlastig sind. Es überrascht mich selber, dass meine Autoren zu drei Vierteln britische, Oxforder Orthodoxe sind. So bin ich halt…

Andrej Tarkowskis “Opfer” wäre meine Kino-Empfehlung. Das “Opfer” ist ein mit Sherrards und Yannaras’ Denkweise verwandter Film: Die Liebe ist körperlich, Maria braucht nicht Maria zu sein. Sie kann auch die in der Luft schwebende Haushaltshilfe des Nachbarn sein – und das ohne Ironie. Das ist so, weil der Tod und die Auferstehung viel alltäglicher sind, als man denkt.

Filme sind nicht da, um zu argumentieren, sondern um Bilder zu zeigen; gegebenenfalls Bilder schwebender Liebespaare.

Sacrifice10

Andrei Tarkovsky’s “Sacrifice” would be my DVD recommendation for the Holy Week. It has common elements with something which is a liberal trend in orthodox theology since the 1960s: Christian love is corporeal. Mary doesn’t need to be Mary. She can be the neighbour’s hovering household assistant – and this without irony. This is so because death and resurrection are more everyday phenomena than one thinks.

Movies are not there in order to provide arguments. They are there in order to show images. In this case, these are images of levitating lovers.

But I’m the kind of person who produces arguments rather than images. This is why I would like to recommend my readers who would be willing to take this recommendation four books for the Holy Week: Richard Swinburne’s The Resurrection of God Incarnate, Christos Yannaras’s Elements of Faith, Philip Sherrard’s Christianity and Eros and Kallistos Ware’s The Orthodox Way.

My recommendations meet many tastes: there is something for those who love empirically corroborated calculations of the probability by which Jesus really resurrected (Swinburne); something for those who prefer a liberal understanding of the faith in resurrection and don’t need proofs for Jesus’s physically surviving his own death (Yannaras); something for those who see Christian love and sexuality as very closely connected (Sherrard); finally, something for those who would rather read a general introduction to Orthodoxy written by the perhaps most humorous orthodox metropolitan of our days (Ware).

My recommendations have in common that all authors are orthodox Christians. They also have in common that they’re not “frankincensed”. The fact that three out of four authors are British – orthodox Oxonians – must be a bit of surprise for my readers. It is also for myself, I assure you. But that’s me, I suppose…

Akten

Die GAP.8-Akten sind heraus! Das pdf-Dokument können interessierte LeserInnen hier finden:

http://duepublico.uni-duisburg-essen.de/servlets/DocumentServlet?id=31200

Meinen Beitrag findet Ihr auf S. 405-411 (seitenmäßig recht dünn also – argumentationsmäßig hoffentlich nicht). Er hat mit Richard Swinburnes Bayesschem Argument für die Existenz Gottes zu tun. Und mit Blaise Pascal.

Meine Pointe ganz kurz gesagt: An Gott zu glauben, ist rational für alle, die sowieso fasten, oder tugendhaftes Leben dem Laster sowieso vorziehen, oder an Gott glauben wollen. Für den Rest bin ich mir nicht sicher…

Wer unter meinen Lesern in diesem Blog ein spektakuläreres Resultat erwartet hat, hat mich überschätzt.