Advent

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Die gefährlichste Zeit des Jahres beginnt. Jeder Versuch, den Arm über den Tisch zu strecken und nach dem Zucker zu greifen, kann mit einer Verbrennung enden. Und die Kerze, die die Verbrennung verursachen kann, bleibt gefährlich selbst wenn man nie Zucker nimmt – wie ich. Denn sie kann immer herunterbrennen – Philosophen sind vergesslich – und die Weihnachtsdeko abfackeln.

Vergesslich hin oder her weiß ich genau, dass meine Rolle in meiner Familie letztes Jahr im Adventsmarkt der Schule viel Einsatz erforderte. Heuer war’s anders: ausgelassener. Als hätten mir meine Töchter und ihre Mutter mitteilen wollen: „Ruhe dich aus und trink einen Kaffee“. Sie werden größer und ich fühle mich jünger.

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The most dangerous period of the year begins. Every attempt to stretch your arm over the table to get the sugar can end with a burning from the candle. And even if it doesn’t, you can forget about the candle – philosophers are forgetful – which burns down for the Christmas decoration to catch fire.

I put no sugar in my coffee. Not only before Christmas out of fear for the candle – I just never did. And it continues that way. What doesn’t continue the way it was, is my role in my family during the advent market on the school campus. Probably they still need my existence, but no one seems to need my contribution to be happy – which feels good. It feels like: „Take your time and have a coffee“ and like getting younger as the kids get bigger.

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Propria

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Ein Ristretto an der coolen, Budapester Magyar útca…

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…muss wach machen. Diesmal war er unangenehm ernüchternd, zumal er am Ende einer Führung mit vielen Highlights der ungarischen Geschichte kam, darunter mit der Angabe, dass der erste ungarische König István hieß.

Systematische Beiträge zur Semantik der Eigennamen habe ich niemals geleistet. Historisch habe ich aber stets die These vertreten, dass es in den natürlichen Sprachen keine Eigennamen gibt. Zwar gibt es Namen, die wir „Eigennamen“ nennen, wie „Ägäis“, „Peter“, „Kunigunde“ usw., aber diese deuten auf Eigenschaften des ersten Namensträgers hin: „Meer des Aigeus“, „Steinharter“, „Sippenwehrhafte“. Bei den späteren Namensträgern handelt es sich um Anwärter des Ruhms eines früheren Namensträgers.

Diese These habe ich historisch in einer sehr kurzen Arbeit zu untermauern versucht, die ich zusammen mit dem damals Saarbrückener Sprachwissenschaftler Andreas Schorr schrieb: „Kulturkontakt auf dem Balkan“, in: Borgolte et al., Mittelalter im Labor, Berlin: Akademie Verlag, 2008, 390-391. Insbesondere beziehen wir uns dabei auf mittelalterliche Namen, u.a. auf die Namensgebungs-Etikette des serbischen mittelalterlichen Adels, dessen Angehörige, so jedenfalls die Vermutung, in Anlehnung an die Urbedeutung des griechischen Namens „Stephanos“ (= der Bekränzte; der Gekrönte) „Stefan“ hießen.

Dabei maßen wir dem Umstand, dass viele Mitglieder der serbischen mittelalterlichen Königsfamilie auch „Uroš“ hießen, nicht die gebührende Bedeutung bei. Den Namen „Uroš“ trugen sie eindeutig in Anlehnung an die ungarische mittelalterliche Aristokratie. „Stefan Uroš“ war der Doppelname gleich mehrerer serbischer Monarchen. Aber dann ist es sehr wahrscheinlich, dass auch der Name „Stefan“ in Anlehnung an den ersten König Ungarns István I. gegeben wurde und nicht wie Andreas und ich im Artikel vermuteten in bezug auf die griechische Bedeutung von „Stephanos“. Die mit dem Doppelnamen „Stefan Uroš“ intendierte Assoziation diente nicht „römischer Zivilisiertheit“, wie wir schrieben, sondern der Identifikation mit einer ungarischen Erfolgsgeschichte. Pure Eigennamen sind im serbischen mittelalterlichen Adel weiterhin nicht zu finden. Insofern stimmt die These. Sie war aber nicht richtig untermauert.

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A ristretto-coffee at the cool Magyar útca of Budapest raises the pulse but in this case it made me very thoughtful after a sightseeing with many basics of Hungarian history – among others with the information that the name of the first Hungarian king was István.

I have made no systematic contributions to the semantics of proper names. Historically, however, I have been maintaining an original position which says that natural language has no proper names. There are, of course, names like „the Aegean Sea“, „Peter“, „Cunigunde“, which we call „proper“. But these are allusions to properties of the first bearer of the name: „Sea of Aegeus“, „stone-hard“, „the-clan’s-defensible-one“. The subsequent bearers of such names do nothing but insinuate that they are equal to the first bearers.

I tried to corroborate this historical position in a very short article which I wrote together with the linguist Andreas Schorr, back then at the University of Saarland: „Kulturkontakt auf dem Balkan“, in: Borgolte et al., Mittelalter im Labor, Berlin: Akademie Verlag, 2008, 390-391. We focused on medieval names, among others on names of the medieval Serbian aristocracy. We thought that most of them were called „Stefan“ in order to allude to the Greek meaning of the name „Stephanos“ (= the crowned).

However, both Andreas and I didn’t pay attention to the fact that many members of the royal family in medieval Serbia were named „Uroš“. This was due to a strong influence they received from the Hungarian aristocracy. Some kings of the medieval Serbian state had the following two names: „Stefan Uroš“. But „István“, the name of the first Hungarian king, is a Hungarian form of „Stefan“. Thus, unlike what Andreas and I maintained in the aforementioned article, it seems quite plausible that the name „Stefan“ wasn’t given to allude to the Greek meaning of the word but, like „Uroš“, to a Hungarian success story.

Of course, if the name „Stefan“ was a way of a king to say: „I am as good as the first Hungarian king was“, it is still not a genuine proper name. But our argument for this wasn’t correct.

Ristretti

Ein Ristretto (Plural: Ristretti) ist ein Espresso, der mit etwas weniger Wasser als normalerweise zubereitet wird. Ein Ristretto ist gleich ausgetrunken; aber auch stark, konzentriert, wirkungsvoll.

Philosophie ist oft weitschweifig. Sie soll es nicht unbedingt sein. Philosophie in Ristretto-Manier lohnt sich: unverwässert, schön bitter, nicht im Armsessel, sondern auf dem Sitzstein meines Gartens produziert.

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Philosophie wird öfter mit Wein als mit Kaffee in Verbindung gebracht. Angefangen von den platonischen Dialogen, in denen der Leser genau informiert wird, dass Wein nachgeschenkt wird, bis zu Roger Scrutons I Drink therefore I Am: A Philosopher’s Guide to Wine (deutsche Übersetzung: Ich trinke, also bin ich, München: Diederichs, 2010) begleitet Wein die Philosophie – mehr jedenfalls als irgendein Kaffee.

Dabei hat der Kaffee mehr mit Reflexion und Selbstbeherrschung zu tun, typisch philosophischen Tugenden (man denke an den Trostkaffee), der Wein dagegen mit Höhenflügen wie mit Trauer, mit Vergessenheit wie mit Liebe, mit Suff wie mit Kummer.

Dieses Blog wäre ohne die Ideen und die tatkräftige Unterstützung von Sophia (http://www.werkstoff-filz.de/) und Daniel Wagner (http://about.me/agentur) nie online. Danke!