Nasreddin Gero

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Am 25. September, meinem Geburtstag, beglückwünschen mich viele mit dem Zusatz, alle meine Träume oder Wünsche mögen in Erfüllung gehen. Ich pflege zu antworten, auch die Hälfte meiner Träume würde mich zum glücklichsten Menschen auf dem Planeten machen.

Das ist nicht ohne eine stillschweigende Bezugnahme auf den bekannten Nasreddin-Hodscha-Witz, wonach dieser geträumt haben soll, einen Käufer für seinen dahinsiechenden Esel gefunden zu haben, einen noch dazu, der ganze fünf Goldstücke dafür anbot, woraufhin aber Nasreddin Hodscha in dreister Überschätzung zehn verlangte.

– Fünf gebe ich dir!

– Zehn will ich aber!

Plötzlich wacht der ehrwürdige Nasreddin auf, um festzustellen, dass er nur geträumt hat. Das Gesicht auf das Kissen nochmal drückend, schließt er die Augen nochmal und sagt: “Was soll’s, gib mir fünf…”

Dem Witz geht wahrscheinlich wie sehr vielen anderen Nasreddin-Hodscha-Witzen eine Vorlage in der altgriechischen Witze-Sammlung Philogelos voraus. Das kann leicht nachgewiesen werden, aber ich habe im Moment nicht die Zeit, im Philogelos zu suchen.

Dieselbe Pointe sehe ich in Kants Witz über den ontologischen Gottesbeweis: Der Begriff von hundert wirklichen Talern ist genau derselbe, wie dieser von hundert möglichen Talern (KrV, AA III, S. 401, 22-3). Bloß machen die hundert möglichen nicht reicher.

Andererseits trachte ich in meinen Träumen nicht nach Geld, sondern nach Sachen, die realisiert sind, sobald man an sie glaubt. Ich wünsche mir etwa Ausgewogenheit. Warum wird das nicht verwirklicht?

Offenbar, weil auch Gefühle, Gedanken usw. nicht durch-und-durch intentional sind, sondern eine äußerliche Komponente besitzen. Man kann sich nicht alles einreden. Das wäre ja ein Witz: sich Ausgewogenheit einzureden, um sofort ausgewogen zu sein; sich einen Affekt einzureden, um diesen zu haben. Im Endeffekt zählen auch in der Gefühlswelt nur die echten Taler. Gerade in der Gefühlswelt kann man die unechten zwar ausgeben, aber machen wir uns nichts vor: Es gibt so etwas wie die echte Liebe, um nur ein Beispiel zu nennen.

In der analytischen Philosophie wird zu wenig über die Liebe geschrieben. Ich bin froh, in Ruben Schneider den Herausgeber eines Sammelbandes bei Philosophia Verlag (München) gefunden zu haben. Wenn er den Band zu einem meiner nächsten Geburtstage vorlegt, wird das auch einer der fünf Taler sein.

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On September 25, my birthday, many think that they have to wish that all my dreams may come true. Normally I thank them but add that even half of my dreams would make me the happiest man on this planet – and most probably on other planets too.

In the background of my joke there is the following Nasreddin Hodja story: the wittiest of all imams dreams of arguing with a man who wants to buy his old, ill donkey. Absurdly – but it’s a dream in the middle of the night – the man offers five gold liras for the useless animal – an offer which Nasreddin rejects to audaciously bargain:

– I want ten!

– I’m giving you five!

In the middle of the argument, Nasreddin wakes up to realise that it was just a dream. Disappointed, he presses his face against the pillow, closes his eyes and compromises: “OK, OK, I’ll take five”.

Very probably, the oriental joke is owed to one contained in the late ancient Greek humour anthology Philogelos. Although I could easily offer evidence for this, I won’t. I have no time, I don’t feel like it… Not for a blog posting.

Nasreddin’s gimmick is a famous one in the history of philosophy. Kant ridiculed the ontological argument by pointing out that the concept of one hundred real thalers is exactly the same as the concept of one hundred possible ones (Critique of Pure Reason, AA III, p. 401, 22-3). The obvious disadvantage of the possible thalers is that they won’t make you any richer.

Being a philosopher, I always thought that it’s easier to fulfil dreams concerning intentionality as opposed to such about material goods. Consequently, my dreams are not about thalers but about things you have, if you persuade yourself that you have them. If you think you are balanced, you are balanced. If you think you’re full of love, then you are full of love.

However, the intentionality trick doesn’t work when you want to fulfil the most important wishes in life. Why not, you may ask. I suppose that the reason is because thoughts, emotions etc. are more external and material than we think. One cannot invent one’s own emotions. If you’re honest, you can’t persuade yourself to be balanced or loving. At least not if by this you mean what folk psychology would tag as really balanced or really loving.

In analytic philosophy, love is a surprisingly unloved subject. I did something against this: I found in Ruben Schneider the volume editor of a collection of original articles on every aspect of love to be published in Philosophia Munich’s series Basic Philosophical Concepts, of which I am the editor-in-chief. If Ruben manages to submit the volume on one of my birthdays in the next couple of years, it will be one of these five thalers.

https://youtu.be/PHdU5sHigYQ

La teoria dei giochi sotto le stelle del jazz

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Es ist verblüffend, wie beständig die Aktienmärkte das Geschehen dort als Glücksspiel statt als Gesellschaftsspiel modellieren, um die Anleger und uns, den Rest, immer wieder auf die Nase fallen zu lassen.

Statt hinter Kursschwankungen die Erwartung zu sehen, durch Voraussicht des Verhaltens der anderen, eigene Gewinne zu maximieren, sehen sie ein russisches Roulette. Sie prädestinieren damit das Anlegen von Geld dazu, tatsächlich ein russisches Roulette zu sein.

Paolo Conte umschreibt in Gioco d’azzardo umgekehrt ein typisches Spiel des Verhaltensrisikos (“Was wird sie tun, wenn ich das tue, falls sie etwas anderes tut?”) als Glücksspiel. Immerhin: Er sieht beide Elemente vorhanden.

Conte hat seinerzeit Jura studiert, weshalb ihm ein spieltheoretisches Grundverständnis zugetraut werden kann. Auch so ist es nicht ungerecht, wenn Mourad Mekhail, Hellmuth Milde und ich die Einsicht des Liedermachers bei den Ökonomen vermissen.

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Surprisingly, for decades, economists model what happens in stock markets as a lucky game rather than as a parlour game. “Surprisingly” because in stock markets the expectation is to achieve higher revenues due to prediction of other players’ behaviour.

However, what economists see in stock markets is Russian roulette. This could be the reason why stock markets are really a Russian roulette.

In Gioco d’azzardo, Paolo Conte describes love, a typical game of behavioural risk (What will she do if I do something knowing what she’ll do) as a game of luck. Which shows that, much more wisely than mainstream risk management, he sees some games as having both elements: chance and behavioural risk.

Conte was a barrister before he became a jazz composer. He must have a certain understanding of game theory. Even so, it is not unjust of Mourad Mekhail, Hellmuth Milde and myself (sorry, only in German) to deplore the failure of economists to have the grasp of games which the musician has.

Ulrich Staudinger (*1935-+2021)

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Wenn ich ein drei Jahre altes Interview des Verlegers, Freundes, guten Beraters reposte – eigenartig oder? Bei “Verleger” denkt der Leser an eine einstellige Eigenschaft. Nach “Freund” und “Berater” wurde aber aus “Verleger” eine Relation – dann aus gutem Grund. In der Nacht zum Freitag hat uns Ulrich Staudinger verlassen. Wenn ich von alten Projekten gesprochen habe, hat er mich zu unterbrechen gepflegt: “Gut, reden wir aber jetzt über die Zukunft”.

Uli Mai 2017

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Ulrich Staudinger, the publisher, friend, good advisor (admit it: you thought that “publisher” is a one-place predicate until you read “friend” and “advisor” and only then you realised that also publishing implies a very personal and close relationship) left us in the late hours of last Thursday. This is a reason for me to repost a three-and-a-half-years-old interview of his, where he talks about the future of the publishing house. Whenever I addressed old projects and why they had, eventually, success or were doomed, he used to interrupt me: “Good, but tell me about future projects now”.

Forthcoming…

… in BankArchiv, Vienna

“Selbstverschuldet” (self-incurred) is an adjective known from Kant, of course. If you fail to draw your own conclusions from experience with your own reasoning, your immaturity is self-induced:

Undetached horse parts

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Wie “nicht abgetrennte Teile eines Pferdes” auf Quinesisch heißt, weiß ich nicht. Ob “gava” das Präfix oder “gai” das Suffix sein soll…

Was mich aber nicht loslässt, ist der Gedanke, dass die Vorstellung des Pferdes, sobald wir von Teilen des Pferdes sprechen, aus gedanklich abgetrennten Teilvorstellungen bestehen muss, selbst wenn das Pferd nicht zerlegt ist. Sonst wären wir nicht in der Lage, von verschiedenen Teilen zu sprechen.

Das zeigt allerdings, dass die Unbestimmtheit der Übersetzung aus der Teilmenge der mereologischen Ausdrücke einer Sprache in die Teilmenge der mereologischen Ausdrücke einer anderen Sprache nicht besonders groß sein wird.

Die Alltagsmereologie interessiert mich letztlich. Guido Imaguire and ich haben einen Call for Papers für ein Handbook of Mereology 2 herausgebracht. Dieses soll auch ein paar Alltagsmereologie-Beiträge enthalten.

Wer alles verstanden hat und am CfP interessiert ist (und ein sehr gutes Englisch schreibt), bittschön!

Wer alles verstanden hat, aber am CfP nicht interessiert ist, bitte, nicht weggehen: hier ist vielleicht was für Sie.

Wer jetzt denkt, dass das alles wirres Zeug ist, muss doch nicht den ganzen Witz vermissen. Hier gibt’s Hintergrundinfos.

Wer schließlich auf der Leitung steht, gerne aber runter davon möchte, hier sind meine anderen Postings zum Thema.

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I have no idea how “undetached horse parts” is called in Quinese. Whether “gava” has to appear as a prefix or “gai” as a suffix.

But what I realise is that even when the horse is undetached in reality, a representation of a whole horse must be detached in some way if we are talking about horse parts. In our imagination.

Probably the indeterminacy of translation from the subset of mereological expressions of a language to the one of another language, is not that big.

I am very interested in folk mereology lately. Guido Imaguire and myself have released a call for papers for a sequel of the Handbook of Mereology – one that will comprise some folk-mereology stuff among others.

If you understood everything and are interested in the CfP, here it is.

If you understood everything but you’re not interested in the CfP, this could be for you.

If you lost me completely and don’t care about mereology, you don’t have to lose the whole “joke”. Here‘s some background.

If, finally, you lost me but you’re nevertheless interested, just read my other posts on the issue.

Parts of Mereology

The Handbook of Mereology (ed. by Hans Burkhardt, Johanna Seibt, Guido Imaguire and myself) is now also available in portions, as digitally downloadable printouts.

Check here:

https://pcm.philosophiaonline.de/issue/PCM/2017/1

Cocooning

Volumina II, pp. 1538.

🇩🇪🇨🇭🇦🇹🇱🇮

Öffentliche Auftritte des mir unbekannten Ausleihers sind erst nach dem 16. Dezember zu erwarten.

🇦🇺🇺🇸🇬🇧🇬🇸🇨🇦🇮🇪

Don’t expect to see the borrower in public until Dec 16.

Auguste mena kai thee…

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… se senane orkizomaste,

pali tou chronou na mas vreis

sto vracho na philiomaste.

schrieb Odysseas Elytis Anfang der Siebzigerjahre (frei in etwa: “Dir, Augustus, Monat und Gott, / schwören wir, wie wir müssen, / auch nächstes Jahr am Felsen zu sein, / um uns nochmals zu küssen”).

Nicht nur für Belletristik und Küsse an Meeresfelsen, sondern auch für Sachbücher eignet sich die Muße des August. Unlängst machte etwa das Börsenblatt des deutschen Buchhandels auf die neue, von Ludger Jansen und mir herausgegebene Reihe, aufmerksam.

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Augustus, month and god,

to thee we solemnly vow

next year beside the crags again

to kiss just like now.

Elytis wrote these verses in the early seventies. They can mislead you to think that the moments of leisure in August are only for the belles lettres and for open-air kisses.

An extra reading option is given in the recent recommendation of the first title of the new series I edit together with Ludger Jansen by the periodical publication of the German bookstores association.

Gott und Welti

New release, at the same time a new series – forthcoming titles also in English – on philosophy of religion and analytic theology at Philosophia Munich. Some pages from this book’s English abstract appear among the pictures below.

Die neue Reihe des Philosophia-Verlags: Philosophia theologica wird mit diesem Buch eingeweiht. Ich bin – es sei mir bei der Gelegenheit ein Helvetismus gegönnt – eine Art Götti desselben. Welti ist der Autor. Und Gott (und die Welt) das Thema.

Avicenna Anglicus

Just released: The أل مدخل, Avicenna’s commentary to Porphyry, translated into English by Allan Bäck (Kutztown University).

My part was much less than my mirrored face on a black, smooth cover can make you believe.