Dying before Christmas or: The new Peisithanatoi

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Zu Fuß waren wir unterwegs, mein Bruder Konstantin und ich, vor dem Versuch des großen Gropius, sich mit dem Parthenon zu unterhalten. Als mein Bruder ist er das einzige Element einer Menge. Ich habe keine anderen Geschwister. Aber bei weitem nicht das einzige Element griechischer Sarkasten. “Ich war immer neugierig”, sagte er, “zu erfahren, mit welchen fadenscheinigen Argumenten Bestatter einem den teureren Sarg anzudrehen versuchen. Jetzt werden wir endlich diese Neugier stillen”. Ich lachte. Warum Geld ausgeben für eine Ware, den Sarg, die der Nutzer gar nicht wahrnehmen kann? Unser Vater war eine halbe Stunde vorher in einem Krankenhaus in Athen-Zentrum gegenüber der amerikanischen Botschaft gestorben. August 2017.

Unseren eigenen Tod werden wir nicht wahrnehmen. Deshalb finde ich, dass das Argument von Exit für den assistierten Suizid angesichts der im Freitod enthaltenen Selbstbestimmung eine fragliche Verwendung von “selbstbestimmt” enthält. Ich bestimme selber mein Studium, meine nationale oder soziale Identität, damit ich frei bleibe. Tote Menschen sind aber nicht frei. Sie sind jenseits von Freiheit und Unfreiheit.

Es gibt Wirtschaftszweige, die das Gefühl verkaufen, nach dem Tod wären wir froh, in einem schönen Sarg zu liegen, in einer Urne nicht von Würmern gefressen zu werden, selbstbestimmt gewesen zu sein usw. Ich verstehe nicht, wie solche Unternehmen argumentativ punkten. Sie tun es anscheinend, sonst würden sie nicht existieren.

Es gab einen Philosophen in der Antike, Hegesias Peisithanatos (“der zum Tod Überzeugende”), der seinen Schülern beibrachte, das Vernünftigste, was sie mit ihrem Leben machen könnten, wäre es, es vorzeitig zu beenden. Sicher wird er die Bezahlung für seine Dienste im Voraus verlangt haben. Wie Exit.

Wenig finde ich, was die Antike uns nicht vorlebte. Gropius und Bauhaus: Das war der Parthenon. Hegesias lebt nicht im hellenistischen Ägypten, sondern er heißt heute Exit und operiert in der Schweiz. Was die Antike nicht hatte, war natürlich Weihnachten und die verzweifelten Menschen im Advent. Bereits hatte ich meine Vorweihnachtszeit-Zugverspätung wegen “Notarzteinsatzes” für dieses Jahr.

Hegesias’ Bücher waren unter Ptolemaios I. von Ägypten verboten, da sie zum Selbstmord animierten, Ich vermute daher, dass es des Ptolemaios Geburtstag war, den die Selbstmorde nach Hegesias’ Lehre beschatteten. Der Geburtstag eines Königs, der in Ägypten unterwegs war. Das trifft sich gut.

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We were walking to his car on the pavement opposite to the great Gropius’s attempt to discuss with the Parthenon. Constantine has the one-member property to be my brother. I have no other siblings. And an, in Greece, shared with hoi polloi property of being sarcastic. “I was always curious”, said he, “to hear the defeasible arguments with which an undertaker would try to make you buy the more expensive coffin. At last my curiosity is close to its being satisfied”. I laughed. What’s the point of spending money for a commodity whose user is dead? Our father had died some thirty minutes ago in a hospital in downtown Athens, opposite to the American embassy. It was the August of the year 2017.

When we’re dead, we’re too dead to know that this is the case. Which is the reason why I find Exit‘s slogan for assisted suicide: “Self-determined until the end” based on a flawed argumentation and, indeed, a false use of the term “self-determined”. I can determine what I’ll study, what my national or social identity is, to remain free. When I determine how I die, I don’t remain free. In fact, I don’t remain anything or anywhere. The dead are beyond freedom and unfreedom.

There are market branches which sell one the feeling that one is happy post mortem: happy to lie in a beautiful coffin, happy as ashes in an urn to avoid being eaten by worms, happy to determine one’s own death. I don’t understand how such service providers persuade customers. They must do so, otherwise they wouldn’t exist.

This ancient philosopher, Hegesias Peisithanatos (“the death-convincing”), taught his students that the most reasonable thing they could do with their lives was to put a premature end to it. I reckon that he demanded payment in advance for his services – like Exit.

In general I don’t find much today that the antiquity would have failed to experience before us. Bauhaus and Gropius: this is Parthenon. Hegesias is called today Exit and lives far away from the Hellenistic Egypt, in Switzerland. OK, Christmas didn’t exist, so that the despaired didn’t commit suicide in December. I already had my pre-Christmas train delay this year for what German Rail calls an “emergency aid”.

Hegesias’ s books were banned by Ptolemaios Ist of Egypt because they encouraged people to commit suicide. I assume that it was Ptolemaios’s birthday that was shadowed by the suicides back then. The birthday of a king who spent a part of his life in Egypt. Which fits with what we have nowadays.

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Death and rationality

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Ein Brüsseler Attentäter soll befürchtet haben, seine Tage im Gefängnis zu beenden, womit für ihn klar war, utilitaristisch zu handeln, wenn er wenigstens ein paar Bürger Brüssels mit in den Tod reißen würde. Dabei verzichtete er auf einen Nutzen, der in seinen Augen offenbar weniger wert war, als der Gesamtnutzen davon, Europäer umzubringen: auf die Verlängerung seiner eigenen Existenz.

Ich halte Selbstmordattentäter sowieso für buchstäblich seelisch Kranke. Durch den Umstand, dass sie utilitaristisch argumentieren können, fühle ich mich nicht veranlasst, meine Meinung zu ändern. Denn ein Kosten-Nutzen-Argument in diesem Kontext (“Wenn ich sowieso irgendwann sterbe, bevor ich dem Feind schade, soll ich lieber gleich sterben, indem ich immerhin dem Feind etwas schade”) setzt voraus, dass die eigene Existenz auf die utilitaristische Waagschale des Abwägens von Nutzen und Kosten gesetzt wird, um sich als akzeptabler Verlust zu erweisen. Der plumpe Utilitarismus erinnert mich an diese billige nordvietnamesische Kriegspropaganda, die besagte, dass es einen Vietcong-Soldaten gab, der eine Kanone der Gebirgsartillerie den Hang hinunter rollen sah und in das Achsenwerk sprang, um das Gerät mit seinem sich zerquetschenden Körper zu bremsen – und zu retten. “Billig” nenne ich so etwas nicht, weil ich etwa nicht daran glaube, sondern weil der Akt allein jeden Grund obsolet macht, um für eine Sache zu kämpfen. Ein Kampf um – angenommen – Gutes, soll für das höchste Gut Sinn ergeben: für die eigene eudaimonia, das gottgefällige Leben in Würde, Kontemplation und Harmonie. Wenn ausgerechnet dieses Leben ein Mittel zu einem anderen Zweck ist, kann es selbstverständlich nicht der Zweck meines Handelns sein.

Das Gebot, jeden Menschen gleichzeitig als Selbstzweck (“Zweck an sich selbst”) zu behandeln, bildet einen wichtigen Pfeiler der kantischen Ethik. Kant selber meinte, das gehe aus Konsistenzüberlegungen hervor: Sobald angenommen wird, dass ethische Maximen nach dem Vorbild von logischen Gesetzen allgemeingültig sein sollen, ginge das Selbstzweckgebot hervor. Es gibt viele Punkte, in denen ich Kant folgen kann, dieser ist kein solcher. Gewiss kann ein Selbstmordattentäter konsistenterweise jede Menschenexistenz dem Willen Gottes als weit unterlegen betrachten.

Vielmehr sehe ich die Forderung, in sich selber und in jedem Menschen einen Selbstzweck zu betrachten, in der aristotelischen eudaimonia verankert und in der imago-Dei-Theologie bekräftigt. Man darf die eigene Existenz gar nicht in die Waagschale der Kosten zum Gesamtnutzen der Menschheit oder einer Gruppe werfen, da gerade diese Existenz göttlich ist. Weniger christlich ausgedrückt: Sie ist das höchste Gut. Mehr aus einem richtigen Instinkt als Christen denn aus Vernunftgründen haben die Kreuzritter Selbstmordattentäter, die den eigenen Tod als unterm Strich geringen Verlust ansahen, wenn sie mindestens zwei Kreuzritter getötet hatten, “Assassinen” genannt, was zwar heute in einigen europäischen Sprachen “Mörder” bedeutet, ursprünglich aber “Haschischbesessene” heißt. Wenn der Nutzen immer ein persönlicher und körperlich zu empfindender Nutzen ist (das ist aber eine christliche Prämisse), dann ist die Kosten-Nutzen-Rechnung unter der Annahme des Todes des Nutznießers Humbug und wohl nur unter Drogeneinfluss als OK empfunden – so ein sehr wahrscheinlicher Gedankengang hinter der sonderbaren Namensgebung.

Gerade feiern die Westkirchen Ostern und er ist nicht von der Hand zu weisen der Gedanke, dass Jesus auch sein irdisches Leben in eine Waagschale geworfen hat, “damit wir leben können”. Nun, es ist so: Jesus, der Mensch, hat gar nicht sterben wollen (“Vater, wenn es möglich ist, so gehe dieser Kelch an mir vorüber”). Und Jesus die göttliche Person war nie tot. Wäre Jesus nicht Gott gewesen und trotzdem den eigenen Tod am Kreuz bejahend, dann wäre er nicht nur kein Heiland mehr, sondern sogar ein fanatischer Selbstmörder und damit denjenigen Söhnen seiner südsyrischen Heimat ähnlich, die ich heute als Kranke betrachte. Unter der Bedingung, dass er nicht Gott wäre, könnte man Jesus nicht mehr achten. Denn es ist moralisch unstatthaft, nach dem Märtyrertod zu lechzen.

Nach den aristotelischen und thomistischen Grundlagen unserer Ethik jedenfalls.

Mein aufbauender Lektürevorschag angesichts der Brüsseler Anschläge und des Osterfestes ist kein religiöses Buch: Hans Joas, Die Sakralität der Person. Nehmt’s wahr im neuen Kontext! Lest es im neuen Kontext! Verbreitet es!

Assassin

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One of the Brussels suicide bombers is reported to have had worries about serving a life sentence, which made him conclude that killing others and himself would be preferable than dying some decades later without killing anyone. This is obviously a blunt utilitarian conclusion and one that evaluates the continuation of one’s own life as inferior compared to suicidally killing others.

I believe that suicide bombers are mentally ill – I mean literally mentally ill. The fact that they can support suicide bombings by means of a cost-benefit analysis doesn’t make them less ill. Utilitarian arguments to the effect of dying in order to cause damage to an enemy take for granted that one’s own existence is an acceptable toll to pay for achieving a desirable goal. However, who achieves the goal of you’re dead? Not yourself… This reminds me of that cheap Vietnamese propaganda about this Viet Cong soldier who is said to have stopped and rescued a large-calibre gun that rolled uncontrolled down the hill with his body – or with what remained of it… I call this “cheap” not because I believe that the story isn’t true. I call it “cheap” because I think that actions of this kind during fighting make fighting for any cause pointless and obsolete. If you fight to achieve a goal, this goal has to be compatible with your own eudaimonia, life in dignity, contemplation and harmony that God would have liked you to have. If of all things this life is only a means to achieve another goal, then your life is not the final end of your actions.

There is this Kantian commandment to never refrain from treating human beings as ends in themselves. Kant thought that since moral maxims are supposed to have the general validity of the laws of logic, this commandment follows straightforwardly. I endorse Kant’s views in quite a few cases but this is not such a case. A suicide bomber can consistently consider God’s will to be superior to his own existence.

I’d rather locate the desiderate to see in every person an end in itself as akin to Aristotle’s eudaimonia and as corroborated by the imago-Dei theology. Thou shalt not calculate benefits when your existence is one of the costs, because your existence is of divine origin. To express this idea in a less Christian way: your existence is the highest good.

It’s true, the crusaders were no Aristotelian intellectuals but it was a correct instinct that led them to name suicide murderers “assassins”, originally meaning: “hashish addicts”. An assassin thought that killing two of the enemies by getting killed yourself makes the loss of your own life acceptable. The benefit, however, that you get from your actions is a benefit you have to enjoy yourself (this being a Christian premise), which makes your cost-benefit analysis if your death is the cost, a stultifying contradiction, and one that could be the case only if you’re on drugs. This is a very likely story behind the name “assassin”.

Since the Western Churches celebrate Easter today, you probably can’t help thinking that Jesus was a person who calculated the benefits of our being able to live if He offered atonement – if He sacrificed Himself. But, of course, it is indisputable that Jesus, the man, wanted to avoid being sacrificed (“Father, if it is possible, may this cup be taken from me”). And Jesus, the godly person, was never dead. If Jesus had been only a prophet who looked forward to being sacrificed, not only wouldn’t He have been our Saviour but He would have also been very similar to these people from His homeland in Southern Syria whom I take to be mad. If He were no God, Jesus wouldn’t be worthy to be admired because it’s morally wrong to crave for suffering martyrdom.

At least if you’re an Aristotelian or a Thomist.

My book recommendation after the Brussels bombings and the Easter day is not a religious reading: Hans Joas, The Sacredness of the Person. It has to be noticed in the new context. It has to be read under the new premises. It has to be propagated.

Aristoteles +

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Einer Legende zufolge, deren Ursprung mir unbekannt ist, beging Aristoteles im Jahr 322 v. Chr. Selbstmord, indem er in die Euripus-Meerenge sprang, da sie das einzige Naturrätsel dargestellt hätte, das er nicht hätte lösen können.

Am Euripus, in Chalkis, der Hauptstadt der Insel Euböa, fließt der Meeresstrom mal in südliche, mal in nördliche Richtung. Damit sind gegenteilige Flut und Ebbe an der nord- sowie der südeuböischen Bucht verbunden. Das ist schon krass. Aber war Aristoteles so hysterisch, sich das Leben deswegen zu nehmen? Ich sage: ausgeschlossen! Die Behauptung allein, ausgerechnet auf Euböa wäre Aristoteles an die Grenzen seiner Fähigkeit gestoßen, Erklärungen anzubieten, zeugt von krankhaftem euböischem Stolz.

Trotzdem fotografierte ich die Spuren des berühmten Phänomens vor nicht langer Zeit vor meinem euböischen Grundstück.

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There is a legend, about whose origin I have no idea, according to which Aristotle committed suicide in the year 322 BC by jumping into the Euripus-strait where the stream changes directions causing high tide in the Northern Euboean bay when there is low tide in the Southern Euboean bay and vice versa.

That Aristotle did die in Euboea, is an established historical fact. But could he be so hysteric to commit suicide because of the only puzzle in nature which he, allegedly, was unable to resolve? I say: “no”.

It’s a peculiar Euboean pride to say that Aristotle failed only in reference to Euboea.

However, quite recently, I did take a picture of the phenomenon just in front of my property.