…symbolic of their struggle against reality…

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Das Fach Gender Studies lässt analytische Philosophen kalt. Das ist eine typische und arrogante Reaktion. Wie sie vor 100 Jahren, nach Carnaps Verriss gegen Heidegger eine Antwort auf die fundamentale ontologische Frage zu haben wähnten (lächerlicherweise war diese: “Kapier-ich-nicht”, bis sie sich erst mit den Fortschritten der Modallogik endlich zum Thema stellen konnten), überlassen die analytischen Philosophen heute die Gender Studies sich selber. Das ist aber, wie wenn der (neuwittgensteinische) “Therapeut” Leute mit verschiedenen Sprachspielen aneinander vorbei reden ließe. “If you see something, say something!” Mit welchem Recht sollte sich die analytische Philosophie über dieses Gebot hinwegsetzen dürfen?

Warum ich in den Gender Studies Kategorienfehler sehe, wird hoffentlich aus dem Folgenden klar.

Eine Bedingung für Begierde ist die Körperlichkeit; genauer: die durch Hormone und Neurotransmitter bedingten Einschränkungen des biologischen Organismus Mensch. Solange so etwas wie ein freier Wille – so jedenfalls, wie der freie Wille generell verstanden wird – Teil der eigenen Ontologie ist, kann der Sexualtrieb nicht als Ausdruck des freien Entscheidens gelten. Zu Deutsch: Niemand entscheidet sich, sich so oder anders, in diese oder jene Person zu verlieben. Love is in the air. Die Verliebtheit passiert einfach.

Insofern betrachte ich die in den Gender Studies oft vertretene Befreiung von den äußeren Zwängen der binären Sexualität als einen Kategorienfehler. Es ist unmöglich, sich zu befreien, wenn das Instrument der vermeintlichen Befreiung ausgerechnet ein dem freien Willen fremder Trieb ist. Die Sexualität stellt eine Einschränkung des freien Willens dar, eine ungeheuere Macht, einen schwarz-weißen Kontrast des Ja gegenüber dem Nein, den Triumph des Körpers über einen nivellierten Geist. Gerade in der Sexualität den Triumph der Freiheit über die binäre Logik zu sehen, ist, wie wenn Thomas Mann als Feminist gelten würde. Das wäre so offensichtlich falsch, dass es unehrlich wirken würde. Aber ich will hier nicht moralisieren, sondern lediglich feststellen, dass die für die Gender Studies typische Forderung einer nichtbinären Sexualität aus moralischen Überlegungen einen Kategorienfehler darstellt.

In der legendären Arena-Episode aus Life of Brian deutet John Cleese an, dass die Politisierung des Sexualtriebs eine Sublimation homosexueller Menschen darstellt, die selber mit ihrer Sexualität nicht klarkommen. Kein Problem, wenn’s den Leuten so gefällt. Ob dies die Vergabe von Mitteln aus Forschungsfonds legitimiert, ist eine andere Frage.

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Gender Studies belong to the branches of the social studies which most analytical philosophers arrogantly ignore. Like Carnap was proud to say that the question why there is something instead of nothing in not analysable – until the progress of modal logic could show how narrow-minded this was – his epigones today would rather let women and transgender persons talk about gender, maintaining indeed a traditional masculinity.

Alas, if you are an analytic philosopher there is no way out of masculinity. Even my following criticism of the category mistakes of gender studies may be tagged as an expression of masculinity. Nevertheless, I would be happier if analytic philosophers preferred this masculinity to blunt arrogance. If you see something, say something… And, what’s more, if you profess being a Neowittensteinian “therapist” and you know that these two clients play different language games, you don’t make an appointment for them to come at the same time, while you go to order tapas around the corner and leave them alone at your office.

What follows now is not a metaphor anymore but my argument for the claim that gender studies is based on a category mistake:

Having a body is a condition for passion – neurotransmitters and hormones being responsible for the operational details. This makes sexuality a behaviour independent from decision. As long as free will is a part of your ontology, you cannot reduce nondeliberate body functions to decision. This means, in plain English, that you do not decide with whom you fall in love.

Considering all this, the emancipation from binary sexuality, one that gender studies propagate as a liberation from social conventions that allegedly violate free will, is a category mistake. Sexuality cannot liberate from anything. Rather, it restricts free will to an extent that only very few other things do. It is an invincible power, a black-and-white, yes-or-no dichotomy of a spirit slavishly subjected to desire. Expecting sexuality to liberate you is as if you perceived Rudyard Kipling as a feminist. It is not only false. It is hypocritical. But I’m not supposed to preach here.

In the legendary scene of the arena, John Cleese insinuates that the main motivation of the ideology of a politically motivated non binary sexuality is this of homosexuals unable to cope with their own sexuality. Unlike Cleese I wouldn’t be deprecating towards anyone. I still find funds raised to legitimise preferences in and around bed in terms of an ontology or politics squandered.

 

 

Les parents numériques

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Dass Familien von gleichgeschlechtlichen Paaren kein social engineering mit unabsehbaren Folgen für die Erziehung der Kinder sind, dafür lege ich meine Hand nicht ins Feuer. Mir geht es aber heute um etwas anderes.

Es geht mir um die in Frankreich flächendeckende, sich auch seit Mitte Februar auf Schulen erweiternde Nutzung der Angaben “parent 1” und “parent 2” da, wo früher die Angaben “mère” und “père” vorgesehen waren – d.h. auch für leibliche Kinder hetero-wie denn sonst?-sexueller Partner.

Die neue Sprachregelung führt eine Ungleichheit, zunächst auf der Ebene der Konnotation, zwischen primär und sekundär ein; eine Differenz mit anderen Worten, welche die Zahlen “1” und “2” in der Umgangssprache nahelegen. “Parent 1” trägt demnach die Konnotation “parent primaire” und “parent 2” die Konnotation “parent secondaire”. Zunächst nur eine Konnotation.

Zunächst… Es gibt ja slippery slopes.

Gut, ich bin wohl nicht der erste, der das bemerkt. Aber kann es sein, dass ich der erste bin, dem die Idee unbehaglich ist, dass ausgerechnet Präsident Macron auf die Idee kommt, diese Sprachregelung einzuführen? Macron war doch jahrelang Assistent von Paul Ricoeur an der Uni Paris X – Nanterre! Ein besseres Verständnis für unterschwellige Botschaften und slippery slopes von jemandem, der Sprachphilosophie auf diesem Niveau betrieben hat, habe ich durchaus erwartet.

Ich sehe schon ein, dass die Gefahr eines slippery slope überall lauert und dass in der Politik nichts passieren würde, wenn der Politiker stets Angst vor slippery slopes hat. man Allerdings sähe ich das Risiko eines slippery slopes durch eine Notwendigkeit legitimiert, kann aber hier eine solche bei allem guten Willen nicht erkennen.

Enough with scrolling

I’m not sure that families of same-sex partners are not a case of social engineering with unpredictable consequences for the upbringing of kids there, but this is not my point here.

I rather want to point out something concerning language. In France, a new linguistic convention has been introduced according to which, unlike what until very recently had – what else? – been the case, parents should not be registered as mother and father, but as “parent 1” and “parent 2” instead. Since mid-February, schools must adopt this linguistic convention also for the vast majority of people who have parental authority being natural parents of their children – i.e. for mom and dad.

The new language brings an inequality in the lives of couples. In ordinary language, numerals function as indices of primary and secondary importance. By some slippery, faulty way of thinking, “parent 1” could become “parent primaire” and “parent 2”: “parent secondaire”. Let it only be a connotation! Who wants to have it? And a connotation that can lead to a slippery slope. Of course if you are constantly afraid of slippery slopes, you never take any risk. But still, I ask myself what the necessity was that should make one take this risk.

Surely, I am not the first to think that way. And I hope, even if I am the first to notice what follows, that I am not the only one who feels discomfort with the idea that president Macron initiated this step after having served as Paul Ricoeur’s research assistant at Paris X – Nanterre between 1999 and 2001!

From someone who had a training in philosophy of language and social philosophy on that level, I thought that I should expect much more sensitivity towards language-related policies.

Осторожно, философия

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Über jeden Artikel im SZ-Feuilleton zu Philosophie oder allgemein Geisteswissenschaften bin ich froh – vor allem aus Gründen der Seltenheit solcher Artikel. Manchmal sind sie Übungen der Absurdität, womit ein Philosoph zurecht kommen soll, so wie der Rechtsanwalt mit Kriminellen und der Arzt mit Krankheiten zurecht kommen sollen. Freilich grenzt die Absurdität manchmal an Sachbeschädigung des Papiers, auf dem sie gedruckt steht.

Tim Neshitov hat auf Seite 11 der Süddeutschen Nr. 294 vom Freitag, den 20. Dezember, gegen Berdjajews konservative Ansichten zur Homosexualität polemisiert und alles getoppt. Darin wird berichtet, dass der russische Präsident, ein früherer Geheimdienstler, kürzlich Nikolai Berdjajew zitierte, der 1922 kurz vor seiner Auswanderung mit dem Endziel Paris vom sowjetischen Geheimdienst verhört worden war – was belegen soll, “dass sich in Russland etwas sehr stark verschiebt”. Worauf in Neshitovs Text ein paar Kaltkriegsformulierungen über “Hirnwäscher” und “Staatspropaganda” folgen.

Eins muss man Neshitov lassen: Die Behauptung, dass sich in Russland etwas ändert, ist wohl wahr. Dass das mit dem “frommen Philosophen Berdjajew” (so Neshitov) und dessen Ansichten zu und gegen Homosexualität zu tun hätte, wie Neshitov behauptet, ist aber abstrus.

Um zuerst eine weniger wichtige, nichtsdestrotrotz unschöne Sache bei Neshitov anzusprechen: Berdjajew war ein wichtiger Kirchenkritiker; was sage ich da? – ein Dogmakritiker, was Neshitovs Darstellung des “frommen Philosophen” untergehen lässt.

Und nun zum eigentlichen Thema: Niemand braucht speziell mit Berdjajew ins Feld zu ziehen, um die Position zu untermauern, dass homosexuelle Handlungen Fälle pervertierter Sexualität darstellen. Das ist meines Erachtens die Mainstreamposition in der zeitgenössischen analytischen Philosophie. Autoren wie Thomas Nagel und Roger Scruton, alles andere als Kirchengänger (Nagel ist ein nichtbekennender Jude und Scruton ein Anglikaner säkular-konservativer Ansichten) sind sich darüber einig. Diese Position ist, finde ich, auch nicht diskriminierend. Diskriminierend wäre der Rückschluss, dass die Homosexualität eine mentale Krankheit oder Ähnliches wäre – und dieser ist nicht gegeben. Nur ein Rückschluss auf die Unnatürlichkeit der Homosexualität ist damit gegeben.

Selbst in dieser Hinsicht bin ich nicht imstande zu erkennen, wieso das ein Affront speziell gegen die Homosexuellen sein soll. Ich könnte viele Beispiele von unnatürlichen heterosexuellen Praktiken geben. Aber hier geht es wohl nicht um Philosophie. Vielmehr gibt es im westlichen Journalismus einen eigenartigen Reflex in bezug auf den Osten: Es gibt westliche Journalisten, die so tun, als würden sie wie viel früher die Verletzung der Grundrechte der Menschen in Osteuropa geißeln, während sie nicht mehr als partikuläre Präferenzen verteidigen, die keinen Grundrechten gelten, sondern vielmehr dem Geschmack eines jeden.

Berdyaev

I’m happy whenever the German daily I subscribe to writes something on philosophy or the humanities. But this is rather because such articles are rare. There’s no guarantee that they’re not absurd. As a philosopher you rather learn to live with absurdity like you learn to live with criminals if you’re a solicitor and with disease if you’re a physician. However, some articles are so absurd that I feel sorry for the paper they are printed on.

Tim Neshitov’s polemic against Berdyaev’s conservative views on homosexuality on page 11 of the Süddeutsche Zeitung Nr. 294 (issue of Friday, Dezember 20th) goes for the Oscar of absurdity. The author says that the Russian president, previously an officer of the intelligence service, quoted Nicolai Berdyaev who was interrogated by the intelligence service before his expatriation to Paris in 1922 and this is supposed to prove that “there is a big change in Russia”. And Neshitov continues his polemics using Cold-War vocabulary: “brain washers”; “state propaganda”.

In one point I can follow Neshitov: it’s probably true that there are changes in Russia. The claim that these have to do with the president’s quoting “Berdyaev, the pious philosopher” (as he writes) and the latter’s views on homosexuality is extravagant, to say the least.

Let me mention a less important but not less ugly issue about Neshitov’s piece: Berdyaev was a church critic. In fact he was a critic of the religious dogma! By insinuating that he kept attending the Sunday service of the Russian-Orthodox church in Paris (to my knowledge this is the only pious action Berdyaev took) Neshitov gives the reader a completely false impression.

Back to the main issue: no one needs especially Berdyaev’s support to make sense of the claim that homosexuality is a perversion. To my knowledge this is the mainstream position of analytic philosophy today. Autors like Thomas Nagel and Roger Scruton, anything but church-goers (Nagel is a non-confessing Jew und Scruton an Anglican who launches secular arguments for his conservatism) agree upon this. I fail to see how such a view could be discriminating. For sure it doesn’t imply that homosexuality is a mental disease or anything like this. What it does imply is that homosexuality is not only another natural sexual practice.

Is this insulting especially homosexuals? I don’t think so. I could give many examples of heterosexual behaviour which are not natural. But probably it’s not wise of me to try to elucidate the issue philosophically. The problem is not of philosophical nature. It rather has to do with the strange reflexes of some Western journalists when they write about the East. They do as if they protected fundamental rights of the people there whereas what they do is advocating special preferences which do not reflect fundamental rights but rather matters of taste.