Corpus sacrum

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Susanne war gerade mit ihrem Studium, ich mit der Promotion fertig, als sie mich in die Münchner Kunstakademie zur Vorstellung ihrer Abschlussarbeit eingeladen hat. Inmitten einer Umgebung von Installationen, wo die Hauptaussage war: “Habe ich dich jetzt genug schockiert?” stand Susannes (wie ich damals dachte) Ausdruck von Philhellenismus und Demut (ich muss vorweg sagen, dass ich ihre Absichten damals monströs missinterpretierte) in Form von Ikonenhäusern, wie man sie am Straßenrand in Griechenland immer wieder findet. Um den Unterschied zwischen griechischer Spenglerarbeit und Susannes Kunst festzustellen, musste ich das Türchen des Ikonenhauses aufmachen. Da betrachtete mich aus dem Gehäuse statt der Mutter Gottes mein Ebenbild aus einem an der Rückwand befestigten Spiegel. Ich habe mir keine Kerze angezündet. Erstens war ich überzeugt, dass sie es mir übel nehmen würde, andererseits wäre es eine Kerze zu Ehren jedes Besuchers, der reingucken würde.

14 Jahre später war ich gerade mit der Habilitation fertig, als Hans Joas in seinem gleichnamigen Werk die Sakralität der Person als einen Trend der Moderne entdeckte: Die Vergöttlichung, Unsterblichmachung jedes Einzelnen begann in der frühen Neuzeit, politisches Handeln zu legitimieren.

Da nun Joas damals im Begriff war, Erfurt zu verlassen, bot ich den Buchtitel als Hauptseminar an. Ich war und bleibe sehr überzeugt von der Hauptthese und den Argumenten im Buch.

An beide Bekannten musste ich in der Corona-Krise denken. Eine Verdeutlichung der Sakralität der Oma im Altenheim, die trotz ihrer Sünden, Vorerkrankungen und ihrer 95 Jahre nicht an Corona sterben soll, die besser wäre als die gegenwärtigen Maßnahmen, kenne ich nicht. Erst lange danach musste ich an der lieben Freundin von damals sowie am berühmten Kollegen Vordenker dessen erkennen, was jetzt um uns passiert.

Enough with scrolling

When Susanne finished her studies in art – it was the time I had finished my PhD thesis – she invited me to the presentation. The Munich Art Academy is an awkward place when the installations of the graduates are exhibited to ask you if you are enough shocked. Susanne’s work was an exception. Back then I thought that one point she made was philhellenism and that an attitude she expressed was humility. I was wrong in both interpretations. Susanne had manufactured a roadside ikonostasio as found everywhere in Greece. The difference of Susanne’s art from the usual sacral object was that, in her version, when you opened the small window, you found no icons but a mirror in it. The saint to venerate was yourself.

Fourteen years later – the book I had finished this time was my habilitation thesis – I was thinking about the issues to deal with in my social-philosophy class when I came across the work of my famous colleague, at the same time the person downstairs in the university’s guest house. I dedicated Hans Joas’s Sacredness of the Person the whole term for two reasons: the first was one of tactics: Joas was about to leave Erfurt and I wanted to give a signal, however small, that Weberian analysis rulez! The other was one of beliefs; my deep persuasion of Joas’s main thesis: the early modern period began to see a saint in every individual and this trend has become a tenet of the modern conception of humanity.

I have thought a lot on the two unequal but similarly pioneering works, Susanne’s shrine and Joas’s book, during the Corona Crisis. In the apprehension of each individual as sacred, I see established the policies of the last ten months – policies to ensure that in spite of his sins, his 95 years and his prehistory, John Doe will survive Corona as much as this depends on us.

Wozu Zeit nützt

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Eine nette Folgerung aus Kants Lehre von der Zeit ist, dass wir es nicht merken würden, wenn die Zeit auf der Makroebene – anders als auf der Mikroebene – ungleichmäßig verlaufen würde. Das ist auch die Pointe dieses Beitrags, die sich allerdings nur über Ecken entdecken lässt. Wegen der gebotenen Kürze will ich die Gedanken nicht weiter ausführen. Hier sind sie:

Sie muss in den 50ern angefangen haben, die Gewohnheit der Athener, der Belgrader und sonstiger Städter des europäischen Südostens, den Morgenkaffee köcheln zu lassen und zwischenzeitlich etwas anderes zu erledigen. Dabei ist der orientalische Kaffee für großstädtische “jede-Sekunde-zählt”-Hektik ungeeignet. Er tendiert dazu überzuschäumen und zwar in gewaltigen Mengen. Aber Großstadt ist Großstadt. Man besorgte ein größeres briki, so dass der Kaffee den Rand beim besten Willen nicht erreichen konnte, und orientierte sich beim Packen der Brotzeit für die Kinder nach dem Gehör: Kam ein Wuu-uuu-usch von der Herdplatte, dann hieß das, dass der Kaffee aufkochte. Das brachte ein Problem mit sich: Da bei der Kaffeezubereitung im briki der Kaffee im Kaffeewasser kocht, ist das Getränk nach dem Aufwirbeln voll mit Kaffeepulver. Die Ablösung der Handmühle durch die elektrische Kaffeemühle, die eine extreme Feinmahlung erlaubte, hat dieses Problem schließlich gelöst.

Mit Philosophie der Zeit habe ich mich viel beschäftigt. Weniger allerdings mit der Soziologie der Zeit. Eigentlich sollten beide Bereiche etwas gemeinsam haben, denn die Philosophie der Zeit beschäftigt sich mehr mit der erlebten Zeit, weniger mit der Zeit der Physik. Die Zeit ist für die Philosophie vordergründig das, was temporalisierte Aussagen der Alltagssprache zum Ausdruck bringen, nicht die physikalische Größe. Jedenfalls habe ich mir über die philosophische Dimension der Soziologie der Zeit nie besonders Gedanken gemacht. Zu solchen Gedanken brachte mich jüngst eine Freundin.

Bevor sie mich zu diesen Gedanken brachte, hatte mir Sharona vor wenigen Monaten ein briki aus Jerusalem gebracht – kein besonders großes, muss ich sagen. Ich benutzte bisher lieber ein größeres. Wie jeder Großstädter mache ich immer was nebenher, wenn der Kaffee kocht, und orientiere mich nach dem Gehör, wenn mein Ristretto seinen Platz auf dem Tisch an einen Mokka abgeben muss.

Als Sharona gern Kaffee in unserer Küche zubereiten wollte, gab es sowieso keinen Mokka zu Hause. In Deutschland findet man fast ausschließlich Kaffee der großen griechischen und türkischen Kaffeeröstereien, d.h. mild gerösteten Mokka, selten die starken Mokka des Mittleren Ostens und des Balkans, die ich schon seit meiner Athener Zeit trinke. Was ich noch da hatte, waren Espressobohnen. Wegen ihrer Röstung zwar genau das richtige, aber ohne eine professionelle elektrische Kaffeemühle bereitet man insbesondere heute wie gesagt keinen orientalischen Kaffee zu.

Sharona wollte nahelegen, dass sie das Problem lösen kann: “Alles hat mit der Zeit zu tun”.

– Selbstverständlich…

– Und die Zeit hat mit Geduld zu tun.

Sie mahlte die Espressobohnen mit der Handmühle und geierte über dem Kaffee, ohne “diese Zeit zu nutzen”. Sie wartete geduldig ab und kurz BEVOR der Kaffee hochschnellen konnte, hat sie ein paar Tropfen kaltes Wasser in das Getränk hineingegossen. Der Kaffee ging schlagartig zurück und nach einer Minute ging es wieder los. Sie blieb wachsam und absorbiert von ihrer Aufgabe und nahm das briki von der Herdplatte wieder BEVOR das Getränk hoch ging.

Einerseits, eine vergeudete Zeit. Wir hätten einen Ristretto stattdessen haben können.

Aber können wirklich die insgesamt fünf Minuten, die wir nicht anderweitig nutzten, als “vergeudete Zeit” gelten?

Briki

Kant’s theory of time implies that if time would pass non-uniformly on the macrolevel but uniformly on the microlevel, we wouldn’t notice it. This is the point of this posting. To remain brief, I wouldn’t elaborate much, though. These are my thoughts:

I assume that it was in the 50s when the population of Athens, Belgrade and other cities of Southeastern Europe started to put the coffee to boil and did something else in the meantime. NB, oriental coffee is not appropriate for the “every-second-is-valuable”-attitude. It foams and foams over the edge of the briki just in the moment you happen to look away. But this is how living in the city is. People bought a bigger briki, so that the edge would be too high for the coffee to foam over the edge and when a woo-ooo-oosh came from the stove it was ready. Boiling, however, resulted to coffee sediment whirled all over the drink; resulted to an undrinkable coffee. This problem was solved by the electric coffee mill which enabled an extremely fine grinding of coffee to make the particles practically unnoticed.

I have occupied myself with the philosophy of time. The sociology of time has never drawn my attention although these two subjects have much in common. Philosophy of time has, for example, more to do with the experience of time than with the time of physicists. Time is for philosophy the thing expressed by tensed sentences of natural languages, not just a vector in physics. The other day, a friend made me make thoughts on the relationship between the philosophy and the sociology of time.

Sharona gave me a few months ago a briki from Jerusalem – not a big one… Since I always look away and only rely on my ears when my oriental coffee boils (I come from a big city after all) I hadn’t used it. Additionally, though genetically a Greek, whenever I haven’t had the opportunity to buy black-roasted Arabic or Balkan oriental coffee I don’t buy one. The mild, Turkish and the Greek roasting gives coffee a sour taste. Since my time as a student in Athens, I’ve been preferring the oriental coffee which Lebanese or Yugoslav friends brought me. In Germany, however, it’s hard to find anything else but the standard (sour and mild!) brands from Athens or Istanbul.

Now, Sharona wanted to use the briki she had bought me in Jerusalem. But I had only unground espresso here. Quite the roasting we needed, of course, but, as I said, without a professional electric mill – not my beer.

So, Sharona explained that she can solve the problem: “Everything has to do with time”.

– Quite my opinion…

– And time has to do with patience.

She observed carefully the surface of the coffee and didn’t “use her time”. She awaited and just seconds BEFORE the drink could go up she took the briki from the heat. She poured some drops water in it and she repeated this procedure until seconds BEFORE etc.

In a sense it’s time lost. We could have had a ristretto instead and washed some dishes in the meanwhile.

From another point of view though, five minutes is a time too short to be lost.