Solidarity

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Meine Lieblingszene in Tarkovskijs Nostalghia ist die Kerzenszene. In dieser versucht ein Mann eine angezündete Kerze von A nach B zu bringen, ohne dass das Feuer ausgeht. Die Szene ist dem Osterbrauch der Ostkirchen nachempfunden, bei dem das Auferstehungsfeuer von der Kirche nach Hause gebracht werden muss: Es ist bezeichnenderweise eine weiße Kerze wie die, welche am Abend des Karsamstags im Gebrauch sind, keine braune, wie die Kerzen des Karfreitags.

Um einen Mann als einen Sisyphus des Glaubens darzustellen, lässt Tarkovskij dessen Feuer mehrmals ausgehen, woraufhin der Mann erneut an den Ausgangspunkt muss, um es noch einmal zu versuchen. Den in meinen Augen wichtigsten Bestandteil des Brauchs ließ damit der Regisseur außer Acht: In Wirklichkeit läuft ein Orthodoxer mit seiner Kerze in der Nacht auf Ostern nicht allein, sondern er ist gleichzeitig mit anderen unterwegs, die genauso wie er von der Kirche nach Hause wollen. Deshalb kann jeder, der kein Feuer mehr hat, seine Kerze beim Unbekannten nebenan anzünden. Es ist ein solidarischer Brauch. Es hätte genauso ein antagonistischer sein können – wenn z.B. das eigenständige Überbringen des Feuers nach Hause ideell belohnt wäre wie etwa die Bergung des Epiphanie-Kreuzes durch den schnellsten Taucher – ein nichtsolidarisches Ritual ebenfalls der Ostkirchen.

Das Glaubensleben spiegelt unsere Moralvorstellungen wider. Da unsere Moralvorstellungen allerdings innere Widersprüche aufweisen, gibt es im Glaubensleben Symbole, die sowohl den rationalen Egoismus als auch die selbstlose Solidarität bejahen.

Kerzen

The candle scene is my favourite part of Tarkovsky’s Nostalghia. It shows a man who tries to carry a lit candle from A to B. The inspiration for the scene comes obviously from an Easter ritual of the Eastern Churches. You take the light of the resurrection from the church after the nocturnal Holy Saturday service and try to reach home with it. In the movie, it’s a white candle like the ones in use on Holy Saturday, not like the brown ones which one finds in Orthodox churches on Good Friday.

Now, Tarkovsky presents his hero as a Sisyphus of faith. For this reason, the candle is extinguished again and again for the hero to return to his starting point and try again. But the film director neglects in the film what is, at least in my eyes, the most important feature of the ritual in real life. When you run home in this one very special night of the year, you’re not alone. Other people leave, of course, the church with you. Therefore, when your candle is extinguished, you can light it again with the help of the others who have no extinguished candles – people you might never have met before in your life, but this is the ritual. It’s a ritual of solidarity. It could be an antagonistic, of course. An antagonistic ritual of the Eastern Church is the retrieving of the epiphany cross. The fastest swimmer and diver gets all the glory, the others get nothing.

Faith contains symbols which affirm rational egoism as well as symbols which affirm altruism. Nevertheless, not faith is to blame for ambiguity. Faith only reflects our morality.

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An open letter to a friend who needs to know why politics is not possible-worlds ontology

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Lieber Freund,

was Deine Gedanken heute sind, im ganzen Medienrummel um Deine Person, weiß ich nicht – jahrelang haben wir nicht miteinander geredet – aber man braucht mit Dir nicht zu reden, um zu wissen, dass Dein Artikel zum Solidaritätsbegriff, den Du in Erkenntnis publiziert hast, gleichzeitig Deine beste philosophische Arbeit, einen Pfeiler Deines ökonomischen Denkens zeigt. Was Deinen anderen Erkenntnis-Artikel zum postmodernen und zum hegelschen Rationalitätsbegriff anbetrifft, so haben wir seit Unzeiten philosophische Geschmacksdifferenzen – aber wir müssen schließlich nicht einer Meinung sein.

Zurück zur Solidarität: Dass solidarisches Verhalten rational ist, ist eine wunderbare Idee, auf die nicht zuletzt die gesamte evolutionäre Religionstheorie zurückgreift: Wenn Altruismus keinen Evolutionsvorteil dargestellt hätte, wäre es auch areligiösen Gesellschaften gelungen, langfristig überlebensfähig zu bleiben. Aber es gibt keine areligiösen Gesellschaften. Also…

Die Solidarität ist ein kooperatives Spiel im Sinn der Spieltheorie – das ist eine Lehre aus Deiner Analyse. Kooperative Spiele setzen allerdings voraus, dass die Spieler aufeinander eingehen wollen. Ansonsten haben wir es mit nichtkooperativen Spielern zu tun, die nichtkooperative Spiele spielen – die auch in Ordnung sein können. Kant sprach von der Pflicht als Handlungsmotiv, gleichzeitig aber von der „ungeselligen Geselligkeit“, die ebenfalls als Motiv zur Pflichtausübung in Frage kommt – aus Eigeninteresse.

Genau mit geselligen Egoisten hast Du es jetzt zu tun. Um mit ihnen was in Bewegung zu setzen, musst Du zwei Sachen beachten:

Erstens ist die Politik keine wissenschaftliche Konferenz, in denen wir mittels rhetorischer Übertreibungen ein formalisiertes Theorem denen beibringen, die den Formalismus nicht verfolgen konnten. Es gibt in der Politik keinen Formalismus auf den der Gesprächspartner zurückgreifen kann („Ach das hat er gemeint. Ich habe ihn missverstanden!“) und deshalb wird unkonventionelle Rhetorik (wie Deine, OK?) in der Politik mittelfristig bestraft.

Zweitens kann man aus geselligen Egoisten keine solidarischen Weltbürger machen, wenn sie das nicht wollen. Viele Nationalismen ergeben keinen Internationalismus. Die EU ist die EWG unter einem anderen Namen. Nimm, also jetzt, was sie Dir geben und pfeif auf diese bodenlosen Pläne zu einer internationalen Konferenz, da „eine andere Welt möglich sei“. Deine neuen Freunde, die Dir ans Herz legen, für so etwas zu plädieren, sind nicht seriös! Sie sind keine seriösen Menschen! OK?

Der Grund dafür:

Sicherlich werde ich oft versucht haben, Dir zu erklären, dass eine andere Welt zwar möglich ist, gleichzeitig sind aber auch unendlich viele andere Welten möglich.

Inwiefern ist das nun für die Politik von Belang?

Dein S.

HPIM0756

Dear friend,

since we haven’t talked for ages I have no idea what your thoughts are. And I doubt whether you would tell me after the media are so hungry for interpretations. They would need no interpretations, however, to conclude that the pillar of your economic thought is the concept of solidarity on which you’ve written this Erkenntnis paper – in my view your best philosophical piece. Your other Erkenntnis article on postmodern and Hegelian rationality is not my taste but we don’t have to agree on everything, isn’t it?

Back to solidarity: solidarity is rational. The whole evolutionary theory of religion focuses on this. If altruism were no evolutionary advantage then there would be a-religious communities which would have been able to survive and remain so in the long run. But, there are no a-religious communities. Therefore…

One thing to learn from your analysis is that solidarity can be expressed in terms of cooperative games. Cooperative games presuppose, however, that players are willing to cooperate. What if they’re not? Well, they can play non-cooperative games – which doesn’t mean necessarily that they have a conflict. Kant spoke of duty as motivation for morality, however he also said that „unsocially social“ individuals can also fulfil duties out of selfishness.

You deal with selfish social beings, my dear! In order to make them do things, you have to pay attention to the following:

First, politics is not a scientific conference in which you can use rhetorical exaggerations in order to make those who didn’t follow your formalism understand the content of a theorem. There is no formalism in politics for the others to realize „Oh, this is what he meant“. Unconventional rhetoric (your rhetoric, alright?) can be a major risk.

Second, you cannot make angels of solidarity out of selfish social beings if these want to remain the way they are. Many nationalisms do not make an internationalism. The EU is the EEC by another name. Therefore, take now what they’re giving you. Your new friends who insist that „another world is possible“, those who insist that an international conference could make this other world happen are not serious. They’re no serious people, alright?

This is for a simple reason:

I think I’ve told you a couple of times that this other world is possible. However, to be more precise, the worlds which are possible are infinitely many.

Now, why is this important for politics?

Yours

S.