Les parents numériques

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Dass Familien von gleichgeschlechtlichen Paaren kein social engineering mit unabsehbaren Folgen für die Erziehung der Kinder sind, dafür lege ich meine Hand nicht ins Feuer. Mir geht es aber heute um etwas anderes.

Es geht mir um die in Frankreich flächendeckende, sich auch seit Mitte Februar auf Schulen erweiternde Nutzung der Angaben „parent 1“ und „parent 2“ da, wo früher die Angaben „mère“ und „père“ vorgesehen waren – d.h. auch für leibliche Kinder hetero-wie denn sonst?-sexueller Partner.

Die neue Sprachregelung führt eine Ungleichheit, zunächst auf der Ebene der Konnotation, zwischen primär und sekundär ein; eine Differenz mit anderen Worten, welche die Zahlen „1“ und „2“ in der Umgangssprache nahelegen. „Parent 1“ trägt demnach die Konnotation „parent primaire“ und „parent 2“ die Konnotation „parent secondaire“. Zunächst nur eine Konnotation.

Zunächst… Es gibt ja slippery slopes.

Gut, ich bin wohl nicht der erste, der das bemerkt. Aber kann es sein, dass ich der erste bin, dem die Idee unbehaglich ist, dass ausgerechnet Präsident Macron auf die Idee kommt, diese Sprachregelung einzuführen? Macron war doch jahrelang Assistent von Paul Ricoeur an der Uni Paris X – Nanterre! Ein besseres Verständnis für unterschwellige Botschaften und slippery slopes von jemandem, der Sprachphilosophie auf diesem Niveau betrieben hat, habe ich durchaus erwartet.

Ich sehe schon ein, dass die Gefahr eines slippery slope überall lauert und dass in der Politik nichts passieren würde, wenn der Politiker stets Angst vor slippery slopes hat. man Allerdings sähe ich das Risiko eines slippery slopes durch eine Notwendigkeit legitimiert, kann aber hier eine solche bei allem guten Willen nicht erkennen.

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I’m not sure that families of same-sex partners are not a case of social engineering with unpredictable consequences for the upbringing of kids there, but this is not my point here.

I rather want to point out something concerning language. In France, a new linguistic convention has been introduced according to which, unlike what until very recently had – what else? – been the case, parents should not be registered as mother and father, but as „parent 1“ and „parent 2“ instead. Since mid-February, schools must adopt this linguistic convention also for the vast majority of people who have parental authority being natural parents of their children – i.e. for mom and dad.

The new language brings an inequality in the lives of couples. In ordinary language, numerals function as indices of primary and secondary importance. By some slippery, faulty way of thinking, „parent 1“ could become „parent primaire“ and „parent 2“: „parent secondaire“. Let it only be a connotation! Who wants to have it? And a connotation that can lead to a slippery slope. Of course if you are constantly afraid of slippery slopes, you never take any risk. But still, I ask myself what the necessity was that should make one take this risk.

Surely, I am not the first to think that way. And I hope, even if I am the first to notice what follows, that I am not the only one who feels discomfort with the idea that president Macron initiated this step after having served as Paul Ricoeur’s research assistant at Paris X – Nanterre between 1999 and 2001!

From someone who had a training in philosophy of language and social philosophy on that level, I thought that I should expect much more sensitivity towards language-related policies.

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Der Unterschied zwischen vage und abstrakt

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„Gah‘ zu d‘ vier Tanni“ sagte sie. Das ist natürlich konkret. Aber in Anbetracht der Menge an Tannenquadrupeln am Adelbodener Hang unpräzise.


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In order to find my student, she said, I’d have to „go to the four fir trees“.

Which is not abstract, of course, but if you think of how many fir-tree quadruples stand at this mountain in Adelboden, Switzerland, rather imprecise.

Sprachphilosophisches zum Thema „Hausberufungen“. Und eine kleine Notiz zum Sinn der Integrität

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Hausberufungen sind erlaubt. Unter gewissen Voraussetzungen. Die Formulierungen unterscheiden sich von Bundesland zu Bundesland aber eins bleibt konstant: der Wille des Gesetzgebers, Hausberufungen an Universitäten nur dann als gültig anzusehen, wenn brain-drain droht.

Um die Gefahr eines brain-drain im konkreten Fall einzuschätzen, fragt man, ob das Individuum, für das eine Hausberufung in Frage kommt, über herausragende, einzigartige und unersetzliche Kapazitäten in Deutschland verfügt. Oder so etwas Ähnliches…

Nun sind wir alle herausragend im einen oder im anderen Sinn. Denn wir sind so etwas wie der Kirchturm vom Sankt Martin in Landshut: Als der höchste Turm kann er nicht gelten, als der höchste Kirchturm auch nicht; aber als Backsteinkirchturm ist er der höchste der Welt. Jedes zusätzliche Charakteristikum, hier in Form von Wortbestandteilen, grenzt den darunter gehörenden Gegenstandsbereich ein und erhöht die Wahrscheinlichkeit, mit der der Turm herausragend ist.

Für Hausberufungen ist diese Erkenntnis sehr wichtig. Wenn ich Rektor der Uni X bin und dem Religionsphilosophen Y, der ungünstiger Weise an der Uni X lehrt, einen Lehrstuhl gönne, dann werde ich einsehen müssen, dass eine Ausschreibung für eine Professur für Religionsphilosophie natürlich Bewerbungen von Kandidaten anziehen wird, die mit Y gleichwertig sind und die Bedingung für Y’s Hausberufung hinfällig machen. Als kluger Rektor muss ich also die Ausschreibung so formulieren: „Vom erfolgreichen Kandidaten wird erwartet, einen Schwerpunkt in der Religionsphilosophie mit durch Publikationen dokumentierten fundierten Kenntnissen in der Philosophie der Antike und der Spätantike samt Beherrschung der klassischen Sprachen zu verbinden. Es wird ferner vorausgesetzt, dass der Lehrstuhlinhaber die Module Logik I bis III lehrt und historisch einen zweiten Schwerpunkt in der Philosophiegeschichte hat, vorzugsweise in der Philosophie Kants“. Alles natürlich Kapazitäten, die „zufällig“ Y besitzt – nach dem Motto: Kantianer und Altgriechisch-Experten gibt es viele, aber wer hat all das zusammen?

Y ist damit einzigartig und erfüllt die Bedingungen für eine Hausberufung.

Kluge Rektoren gibt es viele und das verwundert mich nicht. Nicht zuletzt wurde ich in einem Land von Künstlern im Verfassen solcher Ausschreibungstexte geboren. Was mich verwundert, ist das Fehlen eines hämischen Ausdrucks im Deutschen für solche Ausschreibungstexte. Im Griechischen heißen diese im Volksmund: „photographikes prokeryxeis“, weil das Blabla einem Foto des Wunschkandidaten gleichkommen soll, das man allerdings im Ausschreibungstext nicht verwenden darf. Einem Foto nach dem Motto: „So sieht der erfolgreiche Kandidat aus“. Y’s Foto…

Deutsche tendieren zu praktischen Lösungen und nicht zu hämischem Humor. Sie stellen sich Fragen wie: „Was tun? Die Hausberufungen vollends verbieten?“ Dann droht natürlich wieder das brain-drain. Tatsächlich außerordentliche Menschen sollen doch bleiben können.

Ich finde, dass K.R. Popper, der Philosoph, dessen zwanzigster Todestag vor ein paar Tagen fast unbemerkt verlief, die Lösung hatte. Eine Lösung aber, die offenbar nicht praktikabel ist. Popper stellte im 7. Kapitel des ersten Bandes der Offenen Gesellschaft fest, dass Institutionen wie Burgen sind, die sowohl gut angelegt als auch entsprechend mit (integren) Leuten besetzt sein müssen.

PS: Der obige Ausschreibungstext ist frei erfunden. Naja, fast…

Landshut Martinskirche

This is probably a very „German“ posting. Take it as an incentive to learn more about academic philosophy in this remarkable, exotic country!

In Germany, normally professors are not tenured in the very university in which they happened to start teaching. The reason for this is that the procedure to offer a tenured post to someone who’s already a member of the department is allowed only under the condition that otherwise there would be the danger of brain-drain. If you’re good enough someone else apart of your present colleagues will acknowledge your value. And only if you are unique in Germany but some university outside Germany would have the idea to hire you before a German university does, you may stay with your present colleagues – this is the rationale.

Now, who is unique? Obviously this would be an individual with extraordinary capacities which no one else has.

But every one has such capacities in one way or another. We’re all like the tower of the St Martin’s church in Landshut, the capital of Lower Bavaria and home to about seventy thousand inhabitants. It’s not the highest tower in Germany. It’s not even the highest church tower in Germany. But it is a church tower made of bricks, which makes it the world’s highest church tower made of bricks. Every additional property you assign the tower truthfully restricts the domain in which you make the comparison and increases the probability that the tower is extraordinary.

You can use this trick in order to prove that the non-tenured philosopher of religion at your department is unique in Germany, of course. Let’s say that the philosophy department of the German university of which you’re the „Rektor“ (the British would say: „chancellor“) seeks to hire a professor in philosophy of religion. If you advertise a position for a philosopher of religion you’ll receive applications of many individuals with publications and experience similar to your colleague’s. By this, you cannot give the position to your colleague (and eo ipso he won’t be tenured) since the law prescribes that he must be unique in order to be able to be tenured at the university in which he happens to teach. Things change if you publish an advertisement which contains the following: „The successful candidate will combine an AOS in Ancient and late Ancient Philosophy with a mastery of classical languages including Arabic. Further, he will have an AOC in logic and critical thinking as well as in the philosophy of German Idealism“. Now, „accidentally“ these have to be your colleague’s topics in his publications. If these don’t make him unique, what then? Like there are many high church towers out there but not so many high church towers made of bricks, there are many folks who teach Ancient, but how many teach Ancient and Early Modern?

There are many bright university chancellors in Germany and advertisements of this kind do not surprise me. What surprises me is the absence of an offensive expression in colloquial German. Modern Greek has the expression „photographikes prokeryxeis“ for advertisements of the aforementioned kind. „Photographikes“ because the bla-bla is equivalent to the guy’s picture.

But Germans don’t like bitchy humour. They prefer to give practical solutions. A German would rather ask: „What can I do against this? Should it be absolutely prohibited to give someone from the same university a tenured post?“ But then, of course, the brain-drain argument would retain its validity.

K.R. Popper (the 20th anniversary since his death remained almost unnoticed a few days ago) had a solution. Alas, a non practical one. In the 7th chapter of the first volume of the Open Society he stated that institution are like fortresses which must be well designed and manned.