Ein praktischer Mensch

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LeserInnen dieses Blogs, die sich im landläufigen Sinn “praktische Menschen” zu sein rühmen, sollen sich nicht zu früh über den Titel freuen. Der Titel des “praktischen Menschen” ist mehr als peinlich.

Es war einmal die Erlinger-Kolumne im SZ-Magazin. Jeden Freitag. Mit Erlinger bestritt ich ein ganzes Jahr in Halle an der Saale den Unterricht der praktischen Philosophie. Es gab immer eine Frage der ethischen Kasuistik, die aus utilitaristischer und deontologischer Sicht beleuchtet wurde. Ich benutzte dabei oft Fragen, die Erlinger in Briefen und Emails von seinen LeserInnen bekam. Denn sie hatten eine Lebensnähe, die kein Gedankenexperiment je erreichen kann. Da es Erlinger – einem Philipps-Mann doch – in der Kolumne um die deduktive Logik der Präskription, nicht um induktive normative Ethik ging, hielt ich es im Unterricht für angebracht, eine tugendethische Sicht zu Erlingers deontologischer und utilitaristischer hinzuzufügen. Um viel mehr habe ich die Argumentation seiner Kolumne für die Ethikstunde nicht angereichert. Ein paar Namen meiner SchülerInnen in Halle weiß ich immer noch. Sie haben mir in diesem Lehrveranstaltungsformat stets die Zügel aus der Hand genommen, sie haben räsoniert, ohne die ganze Philosophiegeschichte zu kennen. Diese habe ich sehr selektiv in das Argument eingeflochten. So wie Erlinger in seine Kolumne. Oder wie die guten französischen Bac-Philosophie-Einführungen, wenn Sie verstehen, liebe Leserinnen und Leser…

“Meine Freundin ist blind. Ist es OK, wenn ich auf teures, buntes Geschenkpapier für die Weihnachtsbescherung verzichte?”. Oder: “Ich hatte eine außereheliche Eskapade. Jetzt ist alles vorbei und kein Thema mehr. Wir sind wieder glücklich miteinander und niemand weiß, was vorgefallen war. Bin ich verpflichtet, das Geheimnis zu lüften, wenn ich weiß, damit nur Übel anzurichten und Unglück zu stiften?”. Erlinger beleuchtete in seiner Kolumne die Sache aus der Sicht zweier Ethikschulen und gab Gründe für seine Vorliebe. Das Strategem ließ ich die jungen Menschen anwenden. Nach ein paar einführenden Stunden zu den drei Denkschulen, um die es mir ging, der utilitaristischen, der deontologischen sowie der Tugendethik, lernten sie es, die praktische Philosophie zu lieben.

Erlinger bin ich zu Dank verpflichtet. Das sollten auch meine damaligen Julianes und Juris und Chantales (ja, ja…) sein.

Dann hat Erlinger abgedankt. Die Erlinger-Kolumne wurde zu einer Adorján-Kolumne. Ich lese sie sehr selten. Denn statt der Diskussionen eines Themas der angewandten praktischen Philosophie bietet sie Klugheitsregeln. Letzten Freitag hat sie sich übertroffen. Ein Zeitgenosse stellt folgenden Sachverhalt dar: Aus Respekt (immerhin ein moralischer Beweggrund) wolle er ein Jugendbild des Opas irgendwo hängen. Dafür eignet sich ein Soldatenbild desselben – mit dem Nachteil eines Hakenkreuzes an der Uniform des Fotografierten. Das Überkleben des zeitgeschichtlichen Details komme aus ästhetischen Gründen nicht in Frage. Was tun?

Was für eine Steilvorlage für die Kolumne! Man kann über das Abwiegen von Moral und Ästhetik sprechen, ob das eine in das andere übergreift, ob wir die Interpretationshochheit unserer eigenen vier Wände haben sollen (“Ein lieber Mensch! Hat, halt’, in dieser Uniform gesteckt”…)

Man kann also Vieles vorschlagen. Was schlägt aber der praktische Mensch hinter der Kolumne vor? “Warum hängen Sie das Bild nicht in Ihrem Kleiderschrank auf?”

Sehr viele Menschen, auch solche, die nach eigenem Bekunden Philosophie betreiben, haben keine Ahnung von Philosophie. Noch mehr Menschen, insbesondere solche, die praktisch zu sein vorgeben, haben keine Ahnung vom Praktischen im eigentlichen Sinne des Prattein. Diese Ignoranz dient den Adorjáns dieser Welt als Freibrief, die Geduld ihres Schreibpapiers zu misshandeln. Wer darunter leidet, sind die Leute, die eine Ahnung haben. So viel Ahnung jedenfalls, um zu fühlen, dass die euphemistisch so genannten “praktischen Menschen” für gewöhnlich die Misologie, die Abneigung gegen philosophische Reflexion, für eine ihrer Tugenden halten.

Enough with scrolling

Don’t rejoice for today’s title if you’re happy to usually hail “practical solutions”. The post turns to be against you.

What is the New Yorker Magazine for New York and the Times Literary Supplement for London is for Munich the Süddeutsche Magazin. Not only because it is a supplement and a magazine at the same time but rather for the intellectual readership – although one with a national rather than social snobby attitude and a sympathy for theses bluntly put. But this is a cultural thing of a country as equalitarian and tribalist as Bavaria. Roughly, the analogy still holds.

Rainer Erlinger was the name of the person who wrote a column on applied ethics for the magazine. Erlinger have had some common references: he befriended for example the late professor Lothar Philipps (LMU Munich) whose classes on juridical rhetoric and informal logic I used to visit out of interest for example. But it doesn’t seem that I have ever met him. Much later, at a private high school in the German east, I had casuistry classes partly based on Erlinger’s format and, in fact, on the cases he was sent by readers to discuss. Firstly, they were closer to real life than any thought experiment could be. Secondly, he usually discussed the letters he received from the utilitarian point of view, then from the deontological. These were two of the schools I discussed in the beginning of the year (you always need some theory in the beginning), adding a third: virtue ethics. After the preliminaries, students were able to reason and decide themselves the given casuistic examples with the help of the three theories. I still remember this girl Juliane, and a boy named Juri who later made a great documentary on the street I lived in downtown Halle near the university and the opera. And also a couple of more names because they loved moral reasoning à la Erlinger.

“I have a friend who is blind. May I save money when I buy the wrapping paper for her Christmas present?” Or the next one: “I had an extramarital affair which is over now. Do I have a duty to disclose this towards my unsuspecting family with whom as for now I am very happy, knowing that I will make everyone unhappy including myself?”

Not so long ago, Erlinger stopped writing and an Adorján column replaced the Erlinger column. I read it very rarely because it is about what hoi polloi call practical solutions. I.e. it is not about the practical realm; it is not about praxis.

Last Friday Adorján managed to surpass herself. One of her readers writes to her about his grandfather whom he loved and whose (unique flattering?) picture as a young man, said reader would like to have on the wall. This is something you can do in other countries without having to tackle ethical issues. But if you’re German the chances of photographs of your grandfathers with swastikas on arms and berets are not small. The reader does not want to have the accessory in question covered on the picture. Allegedly for aesthetical reasons. Any solution?

In football, this is what you call a superb long ball. You can’t miss the target! Should ethics and aesthetics be made compatible? Do we have the authority to interpret (underestimate, overestimate) the symbols that happen to hang around in our house? (“He was a great chap. The uniform on the picture is only accidental”). And, of course, you can propose a host of changes of the reader’s mind. And what is Adorján’s practical solution? “Why don’t you hang the picture in your closet?”

Many people, among them people who occupy themselves with philosophy, have no idea of the discipline. Even more people who profess to prefer practical solutions have no idea what “practical” – meaning referring to “praxis” – means. It’s ignorance that makes the Adorjáns of this world maltreat the patience of the paper on which they write. As someone who has an idea, you suffer; suffer surrounded by people who treat “practical” as another word for misologistic.

The cultural burn

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Jahrelang kann die Suche nach philosophiebezogener Lektüre im Feuilleton der Süddeutschen unergiebig bleiben, bis dann schließlich die ganze Vorderseite von so etwas eingenommen ist…

Frank Griffels Artikel mit dem Titel “Alles außer Aufruhr” (SZ 121, S. 17) ist der Horror der kulturwissenschaftlichen Klischees: Der Islam habe niemals eine Aufklärung gebraucht, da er mit Ambiguität umzugehen wisse; T.S. Kuhns Wissenschaftstheorie sei Hegelianismus (ergo Eurozentrismus, Kulturchauvinismus or you name it); eine Aufklärung sei in Landstrichen ohne Hexenprozesse und Unterdrückung der Philosophie nicht nötig.

Ich habe auch in der Vergangenheit Kulturwissenschaftler dabei erwischt, das ABC des folgerichtigen Denkens mit Selbstvertrauen und mit beiden Füßen zu zertreten. 2012 protestierte ich z.B. wegen einer selbstreferentiellen Regelung in der DFG (das Heisenberg-Programm gewährleistet die Berufbarkeit von Habilitierten ohne Professur, aber das Kriterium, um in das Programm aufgenommen zu werden, ist eine nicht weiter definierte oder reduzierbare “Berufbarkeit” des Kandidaten – das (vermeintliche) Entscheidungskriterium und der Gegenstand der Entscheidung fallen zusammen), um von einer Freiburger Orientalistin die Bemerkung zu kassieren, das sei tatsächlich und explizit die Regelung, wieso ich so ein Theater mache…

Zurück zu Griffel: Ein Ambiguität zulassendes Kategoriensystem setzt ein anderes voraus, in dem die Kategorien klar abgesteckt sind. Griffel beschwert sich, dass Kategorien wie “homosexuell” und “heterosexuell” die Bivalenz voraussetzen (er hätte hinzufügen sollen: in einem sinnvoll definierten Anwendungsbereich, in dem keine Steine, Flüsse oder Ideen vorkommen, aber seien wir nicht zu streng…), und übersieht vollends, dass, um festzustellen, dass ein Sexualitätsbegriiff “uneindeutig” ist – etwa derjenige, der bei Frauen zu beobachten ist, die Frauen lieben, plus bei Frauen zu beobachten ist, die keine Frauen lieben – die Kenntnis der dichotomischen Begriffe vorausgesetzt ist. Ohne Dichotomie im Hinterkopf ist der fragliche Begriff nicht zweideutig, sondern man hat einen klar abgesteckten Begriff aller sexuell aktiven Frauen.

Dass Kuhn und Hegel unter einer Decke stecken würden, ist eine Meinung, die nicht nur ketzerisch ist. Sie ist falsch. Anders kann ich’s nicht nennen! Bei Kuhn ist der Zeitgeist etwas, was durch Cliquen, Lobbys und vergängliche Moden zu Stande kommt. Bei Hegel trägt der Fortschritt den Stempel des absoluten Geistes.

Ob Griffels Behauptung zutrifft, dass Gesellschaften ohne Hexenverbrennung und mit philosophischer Literatur es schaffen, ohne Aufklärung Toleranz zu leben und Glück zu vermehren? Dem kann ich zustimmen. Allerdings sind das wohl Gesellschaften von angenehmen, unmündigen Gläubigen. Ich weiß nicht, ob die Armut im Geiste erstrebenswert ist. Kant definierte die Aufklärung jedenfalls als die Befreiung von unserer selbstverschuldeten Unmündigkeit. Die Aufklärung hat weniger mit Hexenschutz als vielmehr mit unserem mentalen Hexenschuss zu tun – und mit Maßnahmen dagegen.


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Years can pass before you can read a piece on a philosophical topic in the arts supplement of the Munich-based daily Süddeutsche Zeitung. You’ll be rewarded for your patience, but, alas, the reward may be something like Frank Griffel’s article titled “Anything but revolt” (SZ 121, p. 17) of last Saturday – a horrible collection of cultural-studies clichés: knowing how to deal with ambiguity, Islam never needed enlightenment; T.S. Kuhn’s views on scientific revolutions is Hegelianism (in Griffel’s eyes this is a very bad thing, equivalent with Eurocentric cultural chauvinism or you name it); and where neither witches were being prosecuted nor philosophers suppressed, there was nothing enlightenment could do for the public.

In the not so distant past, I’ve had the opportunity to witness that cultural-studies scholars can be proud to contradict the ABC of logic. In 2012 I considered it a must to protest against a self-referential rule of the German Fund of Scientific Research (after habilitation, if not tenured, the Heisenberg program keeps you on track, but to get into the program you must be evaluated to be on track) when this Freiburg orientalist remarked that that’s the rule, how comes that I didn’t know…

Back to Griffel: he pleads for ambiguity instead of dichotomy but, of course, ambiguity presupposes dichotomy. His example is that the dichotomy “homosexual” vs “heterosexual” makes ambiguity impossible (in a domain of discourse without stones, rivers and ideas, of course but let’s give him this point) and this is a bad thing in Western civilisation. – so he says… 

But of course, if you don’t have the dichotomy and you do launch the (allegedly “ambiguous”) concept of women who love women plus women who love men, what you have is the unambiguously defined concept of sexually active women.

Griffel’s Kuhn-and-Hegel bit is not just heresy. It is – I have no other word for it – an error! Paradigm changes are due to ingroups, lobbying, fashions. Hegel’s zeitgeist bears the seal of the Absolute.

The only one of Griffel’s statements I can grant is that you don’t need to be enlightened to show tolerance, to not bother to burn witches and books. Four-year-olds, not exactly what you’d call an enlightened citizen – can be very tolerant towards diversity, they don’t prosecute witches even if they’re afraid of people they consider to be such, and very often – however not always – they’re not interested in your volumes of Kant’s collected works and, therefore, it’s unlikely that they would paint in them, tear pages and the like. But they would also believe anything you tell them. Talking about Kant, let me quote his definition of enlightenment:

Enlightenment is man’s emergence from his self-imposed nonage. Nonage is the inability to use one’s own understanding without another’s guidance.

As you see, it’s not only about witches and books.

Es ist immer genug Wahrheit da

Heidegger und Heidenreich

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Am besten beginne ich mit den Fakten: In einer Fernsehsendung des 22. April zu Heideggers nazilastigen “Schwarzen Heften”(Überlegungen II-VI; VII-XI; XII-XV, hg. v. P. Trawny, Gesamtausgabe Bde 34-36, Vittorio Klostermann, Frankfurt/M. 2014), den Reflexionen Heideggers zu Kulturkritik und Politik aus den Jahren 1931-1941, wies Elke Heidenreich dem Philosophen folgende Formulierung zu: “Die verborgene Deutschheit müssen wir entbergen, und das tun wir, indem wir die Juden endlich beseitigen aus Deutschland.” Stefan Zweifel, der Moderator der Sendung, erhob berechtigten Zweifel an der Authentizität des Zitats und verlor vor Kurzem seinen Job.

Heidenreich, die Heideggers Buch nicht gelesen hatte, führte eine Buchbesprechung der “Schwarzen Hefte” in der Süddeutschen Zeitung vom 25. März als ihre indirekte Quelle an. Der Teil des Zitats, der die Juden betrifft, steht allerdings weder in Heideggers “Schwarzen Heften” noch in der Süddeutschen.

Tatsächlich liest Heidenreich diesen Teil in der Sendung nicht vom Blatt – sie interpretiert offensichtlich frei. Aber selbst plausible Interpretationen können nicht ohne ein Argument gelten gelassen werden.

In ihrem Kinderbuch Nero Corleone kehrt zurück lässt Heidenreich ihren Helden, den italienischen schwarzen Kater Nero, auf den Tasten des Klaviers von Mauricio Kagel laufen, woraufhin der Komponist aufsteht und begeistert ruft: “Schönberg! Schönberg!”

In meiner Bonner Zeit mochte ich die Kagel-Konzerte in der Kölner Philharmonie. Eines Abends – ich versuchte mein Lachen zu unterdrücken – hatte Kagel das Orchester zusehen lassen, wie er sich selbst beim Pfeifen dirigierte. Ein Mensch mit Kagels Humor hätte sicher den Spaziergang eines Katers auf seinem Klavier mit Schönbergs Musik vergleichen können. Ob die Episode stimmt oder nicht, ist eher nebensächlich. Sie entspricht dem, was man von Mauricio Kagel erwartete und in einer literarischen Fiktion gilt sie sogar als ein getreues Bild .

Genauso entspricht der Zusatz “…indem wir die Juden endlich beseitigen aus Deutschland” dem, was man von Heidegger erwartet. Allerdings entspricht es auch wissenschaftlicher Gewissenhaftigkeit zu erwähnen, welche unserer Erwartungen schwarz auf weiß stehen und welche Interpretationen sind – anders als in einer literarischen Fiktion.

Let me begin with the brute facts: on April 22, in a TV show where Heidegger’s “Black Notebooks” (Überlegungen II-VI; VII-XI; XII-XV, ed. by P. Trawny, Gesamtausgabe Vols 34-36, Vittorio Klostermann, Frankfurt/M. 2014) were discussed, i.e. Heidegger’s critical reflections on civilization and politics between the years 1931 and 1941, Elke Heidenreich foisted the philosopher the demand to “dis-cover the hidden essence of the Germanic being by removing at last the Jews from Germany”. Stefan Zweifel, the host of the show, had justified doubts on the authenticity of the quote – to lose his job quite recently…

Heidenreich who hadn’t read Heidegger’s book, named a book review of the “Black Notebooks” in the Munich daily Süddeutsche Zeitung on March 25 as her indirect source. However, the part of the quote about the Jews is absent in the “Black Notebooks” as well as in the book review.

In fact, in the show Heidenreich didn’t read this part of the quote from the paper. Obviously, she interpreted freely. But even plausible interpretations don’t go without an argument.

In a book for children titled Nero Corleone strikes back, Heidenreich describes how her hero, the Italian tomcat Nero, steps on the keys of Mauricio Kagel’s piano to impress the composer who rejoices: “Schoenberg! Schoenberg!”

While still a PhD-student in Bonn I liked Kagel’s concerts in the Cologne Philharmonic Hall. One evening – I was struggling to keep myself from laughing – the orchestra sat there staring how Kagel directed himself whistling. A man with Kagel’s sense of humour is expected to compare a tomcat’s walk on the keys of his piano with Schoenberg’s music. I don’t know whether this is a true story or not. It corresponds to what we expect Kagel to do. In a literary fiction it can count as true.

Some of my readers may have expected Heidegger to add “…by at last removing the Jews from Germany”. Unlike a work of fiction however, literary criticism demands a clear-cut distinction between what is explicit in a text and what we interpret into it.