Griechische Staatsphilosophen 2015 bis 2019

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Ein Großteil der Probleme Griechenlands seit 2015 ist der Umstand, dass die ultralinke Partei, die bis übermorgen regiert (es sind da die Wahlen und mehr ist nicht drin), eine bestimmte Staatsphilosophie verfolgt (und die ist nicht der Marxismus): Aristides Baltas (Wissenschaftsphilosophie, NTUA), vormals Minister im Kabinett, hält wissenschaftliche Gesetze für durch-und-durch sozial bestimmte Konstrukte; als seine große Inspiration dazu nennt er Friedrich Nietzsche in der Auslegung von Alexander Nehamas. Yanis Varoufakis (Volkswirtschaftslehre, NKUA) hält die Spieltheorie für paradox, was aber (er hat kontinentalphilosophische Präferenzen) keine schlechte Sache sein solle.

Ohne die voluntaristische, postmoderne Philosophie der beiden wäre es nicht möglich gewesen, dass eine Regierung fordert, ein ganzer Kontinent würde von heute auf morgen einen Geldverlust nicht mehr als solchen betrachten, bzw. dass sie erwägt, ob das “Chickenspiel” eine solidarische Lösung hätte.

Überall auf der Welt gilt Stathis Psillos (NKUA) als der führende griechische Wissenschaftstheoretiker (OK, schlimm genug, aber wenigstens einer vom Fach), Konstantin Daskalakis (MIT) als der führende griechische Spieltheoretiker. Ein Grieche in Griechenland würde in diesen Rollen stattdessen Aristides und Yanis sehen, zwei Leute also, die die klassische Disziplin in Frage stellen.

Das ist bezeichnend und zwar nicht nur für die beiden, sondern für das ganze Land.

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A considerable part of Greece’s problems since 2015 is the fact that the far-left party which will have to leave power after Sunday’s elections, has a state philosophy – this not being Marxism – whose main representatives are Aristides Baltas (philosophy of science, NTUA) and Yanis Varoufakis (economics, NKUA). The former of the two ex ministers holds scientific laws to be social constructs and mentions Friedrich Nietzsche in Alexander Nehamas’s interpretation as his main inspiration. The latter thinks that game theory is a source of paradox which (philosophically a continental) is allegedly not a bad thing.

Without both academics’ voluntaristic, postmodern philosophy it would be impossible for a government to demand a whole continent to rechristen overnight an unpaid debt in another name or to urge for an optimal solution when at the same time intending to play the “chicken game“.

If you ask who is the leading Greek philosopher of science and who the leading Greek game theoretician, everywhere in the world you will hear the names Stathis Psillos (NKUA – OK, I know, but he’s at least an expert whose books are read worldwide) and Constantinos Daskalakis (MIT) respectively. In Greece, they will mention Aristides and Yanis instead, two academics who question their own disciplines.

This is characteristic- not only for the character of these two but for the whole country.

 

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Totgesagtes lebt länger #2

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Die plötzliche Kälte, die einen Teil der Schweiz wieder in Schnee verhüllte, macht wieder den Trachanas aktuell.

Wirklich aktuell ist ein egal wie legendäres Relikt der byzantinischen Küche wohl nie. Aber die Kälte legt die bulgurähnlichen Krümmel aus getrocknetem Ziegenmilch-und-Mehl-Porridge näher als sonst. Wer Ungarn und seine Küche kennt, kennt wohl das ähnlich klingende Tarhonya. Tarhonya ist nicht Trachanas, sondern es wird in gleicher Größe und Gestalt aus Nudelteig gemacht. Allerdings zeugt der Name von einem gemeinsamen Ursprung.

Wenn zwei verschiedene Sprachen verwandte Wörter für unterschiedliche Dinge haben, dann sind lexikalische Entlehnungen und Bedeutungsverschiebungen der Fall wie bei Pitta im Griechischen und Pizza im Italienischen. Wird dieselbe Sache dagegen unterschiedlich bezeichnet, kann höchstens von Kulturtransfer die Rede sein. Im Fall von Trachanas/Tarhonya haben wir Beides. Kulturtransfer war der Fall als die mittelalterlichen Ungarn den Trachanas höchstwahrscheinlich von oströmischen Soldaten adoptierten, worauf die Bedeutungsverschiebung folgte: Beibehalten wurde aus der ursprünglichen Bedeutung die Gestalt des Gebrösels, das Rezept wurde umgewandelt.

Ich sehe hinter der Beibehaltung des Terminus folgende Haltung der Sprecher des mittelalterlichen Ungarisch: Die Gestalt ist das Wesentliche (von mir aus das Wesentliche für dieses Gericht) der Originalteig aus Ziegenmilch sekundär.

Wenn es Leser dieser Zeilen gibt, die sich fragen, ob morphologische Eigenschaften als Teile des mereologischen Ganzen genommen werden können, dann kommt hier die Moral von der G’schicht’: Nicht nur können sie das, sondern sie können auch die essenziellen Teile sein!

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The sudden cold that covered much of Switzerland with snow in May, allowed me to have the original dish again: trachanas: wheat cooked in goat’s milk and dried and broken into bulgur size is a legendary historical fossil of Byzantine kitchen. Those familiar with Hungarian kitchen know the similarly looking and sounding tarhonya. Tarhonya is not trachanas. It is simply pasta in bulgur shape. But the name bears witness to a common origin.

When in different languages like here in Greek and in Hungarian, you have a similar name for something different, then it is a lexical loan and a semantic shift that you have – like when you compare the Greek pitta and the Italian pizza. When you have, in contrast, the same thing by different names, then you can have a cultural transfer. In the case of trachanas/tarhonya you have both phenomena: an original transfer when the medieval Hungarians adopted trachanas as it was used probably by Eastern Roman soldiers, followed by a semantic shift: they retained the form but replaced the recipe, which probably shows that they considered the form to be substantial, the dough as of secondary importance.

Just an idea for those who ask themselves if morphological properties can be considered to be parts of mereological wholes. Not only are they, but can also be essential parts of the whole.

What’s in a name

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Seit Jahrzehnten behaupte ich, dass die griechischen Reaktionen auf die Gründung der Republik Makedonien an der griechischen Nordgrenze keiner Kritik standhalten. Ich bleibe dabei. Hätte der griechische Staat konsequent “Südliches” oder “Griechisches Makedonien” zur eigenen Region Makedonien gesagt, gäbe es keine Verwechslung und vor allem keine Kränkung des Volkes zwischen Gevgelija und Kumanovo, das sich selbstverständlich “makedonisch” nennen würde.

Dazu eine Geschichte. Den Anfang dazu erzählte mir vor nicht langer Zeit Miša Arsenijević, weltweit bekannter analytischer Philosoph und Logiker und ehemals Dekan der Belgrader philosophischen Fakultät.

Während der deutschen Besatzung Belgrads kam eines Tages ein deutscher Soldat in Georg Ostrogorskis Büro. Der Byzantinologe will den Grund des Besuchs wissen, worauf der Soldat den Professor bittet, zur Kommandantur mitzukommen. Ostrogorski fängt natürlich an, Szenarien im Kopf zu spinnen, wie das sich abzeichnende Verhör wird wohl aussehen können. Mittlerweile kommen er und sein Begleiter in der Kommandantur an, wo sich ein Wehrmachtoffizier vorstellt, der sagt, während seines letzten Heimaturlaubs habe er an einem Tisch mit einem ihm unbekannten Herren gesessen, der, als er erfahren habe, dass der Offizier in Belgrad stationiert sei, darum gebeten habe, dem berühmten Kollegen Ostrogorski einen Sonderdruck seines letzten Artikels zu übergeben.

Erleichtert und mit interessanter Lektüre beschenkt kam der gebürtige Russe in sein Büro zurück. Hier hört Mišas Geschichte auf.

Für einen, der Russland auf der Flucht vor den Bolschewisten verließ, war es nicht das Nächstgelegene, in der Wahlheimat Jugoslawien Kommunist zu werden. Gerade das hat Ostrogorski wider Erwarten getan, gewiss mit einem Überbleibsel der Angst dieses Tages in der Belgrader Wehrmachtzentrale in den Knochen. Regimetreu sein. Er heiratet eine Doktorandin – ein ethisches Thema hier, ohne Zweifel, aber nicht heute – und ehemalige Partisanin, eine Makedonierin. Er macht Karriere. Seine Schriften werden instrumentalisiert in der Propaganda des jugoslawischen Bundes der Kommunisten und der griechischen KP für ein unabhängiges Makedonien. Makedonien sei in Byzanz einig gewesen, so müsse es heute werden. Über die Grenze liegt allerdings ein monarchistisches Griechenland. Das NATO-Mitglied will kein vereintes Makedonien. Byzanz war einmal. Es war das Land der Oströmer. Jetzt gibt’s jedoch Nationalstaaten. Wer im griechischen Makedonien Griechisch als Zweitsprache benutzt, wandert aus. Ins jugoslawische Makedonien.

Die Ostrogorskis bekommen von Belgrad aus diesen Exodus nur über die Medien mit. Und sie bekommen Kinder. Die Tochter Tatjana wird Mathematikerin. Und Polyglottin: Serbokroatisch, Russisch, Englisch, Französisch. Am klassischen Gymnasium lernt sie Altgriechisch und Latein (fast ein Wunder, dass sie Mathematikerin wurde…) und leicht wird es ihr dort auch noch gefallen sein, weil die Mutter, Fanula Papazoglu, mit der Tochter Neugriechisch spricht. Kein Makedonisch, kein Aromunisch…

Die (republik-) makedonische Identität Mitte des 20. Jh. beruhte auf der bewussten Entscheidung, nicht Grieche, Serbe, Bulgare zu sein, obwohl man auch das hätte geltend machen können, wenn man wollte. Ganz unabhängig von der ruppigen Gangart Griechenlands gegenüber den Bilangues war das nicht…

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The Greek Republic’s reaction to the establishment of the Republic of Macedonia to its north I have found ridiculous since decades. If the Greek Republic consistently called “Greek” or “Southern Macedonia” its part of the region, there would be no confusion and the people between Gevgelija and Kumanovo wouldn’t be humiliated by being asked to chose another ethnonym.

Instead of a theoretical analysis, I have a story that Miša Arsenijević told me, a world known analytic philosopher and logician and a former dean of the Faculty of Philosophy at the University of Belgrade.

During the German occupation of Belgrade, a German soldier came to visit George Ostrogorski in his office. An expert on the Byzantine state and economy, Ostrogorski was very anxious to know more about the reason of this visit. The soldier himself knew not more than that he had been ordered to accompany the professor to the headquarters of the Wehrmacht. While the two were walking through downtown Belgrade, the professor tried to think of different scenarios of what he predicted to be an interrogation, when, at the destination, a German officer introduced himself to start talking about his last days off duty in Germany where he had met someone who, hearing where the officer was stationed, gave him an offprint of his last article for the famous Ostrogorski to read.

Relieved and with a gift, the Russian born intellectual was happy to return to his office immediately after. This is the end of Miša’s story.

For someone who had left Russia fleeing the Bolsheviks’ rule, it wasn’t the most likely thing to do to join the communists in the adopted country. But this is what Ostrogorski did after the war, surely not without a second thought on what anxiety does with you if you are thought to be not loyal in an authoritarian state. He married a Macedonian PhD candidate – an ethical issue here, of course, but not today’s topic – who had been a member of Tito’s partisans. He made a gorgeous career notwithstanding the instrumentalisation of his works for the cause of one and undivided Macedonia – a Titoist and a Greek communists’ goal back then. I don’t need to mention how fierce the Kingdom of Greece was being against this slogan by, say, 1950. Eventually, those who spoke Greek as their second, not as their first language, left the Greek part of Macedonia to the northern part, the Yugoslav federate state by the same name.

In Belgrade, these were things to sadden the Ostrogorskis. But life went on, and kids were born to them, talented kids on top of everything. Their daughter Tatjana learned many languages: Serbocroatian with friends, Russian with dad, English and French at school. At the high school she learned Ancient Greek and Latin (it was a miracle after all that this woman became an important mathematician!) with which she had not major problems since the language she spoke with her mother, her father’s former PhD candidate Fotula Papazoglu, was Modern Greek. No Macedonian, no Aromanian…

Macedonian (meaning the Republic’s, not the Greek region’s) identity in the mid-20th century has been subsequent to a choice many people made to be no Greeks, no Serbs, no Bulgarians, although they could have been counted anything between the three. This choice wasn’t always independent of the Greek treatment of bilinguals…

Making sense of … Marks (sic)

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Ein Teil der Leser wird beim Lesen des Titels gedacht haben, dass es mir wie nur so oft in diesem Blog wieder um Leistungsbewertung und Didaktik geht. Diesen Eindruck wollte ich aber mit dem Titel dieses Eintrags nicht erwecken. Stattdessen wollte ich auf Jon Elsters Buch Making Sense of Marx (1985) anspielen, ein repräsentatives Beispiel der analytischen Lesart von Marx – dabei aber die serbokroatische Rechtschreibung des Namens des Autors des Kapitals benutzen.

Wie im Leben, so ist es auch in der Philosophie ein nicht unübliches Phänomen, dass Sprache, Standort, Tradition, Wahrzeichen es einem ermöglichen, die Idee eines anderen effektiver zu vermarkten. Das passierte z.B. mit Asenjos und Tamburinos logischem System, das den Wahrheitswert wahr-und-falsch zulässt. Allgemein bekannt wurde es nur Jahre später als Graham Priests LP.

Jugoslawischen Philosophen wie Mihailo Marković und Svetozar Stojanović erging es nicht besser. Ihren analytischen Neomarxismus haben sie formuliert bereits Jahrzehnte, bevor die jungen Intellektuellen, die New Labour wählten, Jon Elster entdeckten.

Das Thema der Dissertation von Marković war die Metalogik. Kein anderer als der logische Positivist A.J. Ayer war der Doktorvater, dessen Reaktion ich sehr gern gewusst hätte, als er lies, wie sein Student “Logik” definierte: “Eine Menge aus Theorien, (i) denen von der Öffentlichkeit Bedeutung zugewiesen wird, (ii) die beweisbar sind, und (iii) die sich auf eine bestimmte Theorie T auf niedrigerer Ebene anwenden lassen”. (Marković, M. (1958), The Concept of Logic, London: Dissertation, S. 1).

Stojanović promovierte 1962 in Belgrad über zeitgenössische Metaethik. Das Feld war noch neu und Stojanović hat eine allgemeine Übersicht und eine historistische und relativistische Alternative geliefert (Stojanović, S. (1964), Savremena meta-etika, Belgrad: Nolit, insb. S. 283-322).

Warum schreibe ich all das? Weil ich bei meinem letzten Aufenthalt in Belgrad an die Worte eines chilenischen Kollegen, eines parakonsistenten Logikers, denken musste: “Diejenigen, die bei den großen internationalen Publikationen näher sind, lassen dich verstehen, dass sie einen Diskurs führen, zu dem du in der Peripherie nicht gehörst – selbst wenn du eigentlich diesen Diskurs losgetreten hast”.

Stojanovic

Some of you might expected to read a piece about school grades when they read the title of the posting – say as a follow-up to my former postings on didactics and marks in this blog. But this would be the false impression. I don’t think that one can really make sense of quantified evaluations of the students’ output. In the title of this posting I’m just alluding to Jon Elster’s Making Sense of Marx (1985), a book emblematic of an analytic understanding of Marx, but I’m using the Serbocroatian spelling of the name of the author of the Capital.

Like life in general, also philosophy has many examples to offer about people who, for reasons of language, location, tradition, trade mark etc. managed to distribute ideas of others much more effectively than the original thinkers. This was the case with Asenjo’s and Tamburino’s logic system which allows for sentences to be true-and-false at the same time – a system which became generally known only years later as Graham Priest’s LP.

This was also the case with Yugoslav philosophers like Mihailo Marković and Svetozar Stojanović: they had produced pieces of analytical Neo-Marxist philosophy decades before the New Labour intellectuals discovered Jon Elster.

Let me only remark that Marković’s supervisor for his PhD-thesis on what today is called epistemology of logic was A.J. Ayer – a logical positivist, of course, whose reaction to his student’s pragmatic definition of logic as “a class of theories which are (i) publicly meaningful (ii) provable and (iii) applicable to a certain lower-level theory T” I would very much like to know (Marković, M. (1958), The Concept of Logic, London: PhD-thesis, p. 1).

Stojanović’s PhD-thesis Contemporary Metaethics, submitted in 1962 in Belgrade, reviews a back then emerging field of philosophical research taking a historicist and relativistic stance (Stojanović, S. (1964), Savremena meta-etika, Belgrade: Nolit, esp. pp. 283-322).

Why am I writing all this? Because during my last stay in Belgrade I remembered what a colleague from Chile, a paraconsistent logician, said to me once: “The ones who are closer to the big international publications want to make you think that they have a discourse and you, on the periphery, are not part of this discourse – even if you’re the one who launched it”.

Futura insolventia

El Pais

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Irland, Spanien und Griechenland haben mindestens eins gemeinsam: das Zukunftsanliegen, auf den EU-Rettungsschirm zu verzichten.

Der Unterschied liegt darin, dass dieses Anliegen für Griechenland auch in der Zukunft ein Zukunftsanliegen bleibt…

Die Eurogruppe gab bekannt, dass Irland und Spanien sehr bald nicht mehr der Hilfe aus dem europäischen Stabilitätsmechanismus bedürfen.

Anmerkung für Kollegen: Um den Witz (“…es bleibt auch in der Zukunft ein Zukunftsanliegen…”) formalistisch zu erfassen, braucht man eine Zeitlogik, in der Folgendes ein Theorem ist: Es wird immer der Fall sein, dass genau einmal der Fall sein wird, dass p, gdw. es niemals der Fall sein wird, dass p.

Ob das paradox ist? Keine Ahnung! Ich bin müde…

Irish Times 15 XI 13A common characteristic of three countries, Ireland, Spain and Greece, is their future aspiration to exit the European troika programme to safeguard the eurozone.

The difference between them is that for Greece it will remain a future aspiration throughout the future.

The eurogroup announced that Ireland and Spain will exit the bailout programme without extra credit line very soon.

Now, this is for colleagues: In order to formalize the joke (“…it will remain a future aspiration throughout the future…”) one needs a tense logic in which the following is a theorem: It will always be the case that it will be the case only once that p iff it will never be the case that p.

Is this a paradox? Beats me… I’m tired…

Gambling democracy

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Der amtierende griechische Ministerpräsident, der in den Minuten, in denen ich das schreibe, ein Misstrauensvotum übersteht, ist Enkel eines früheren Abgeordneten und eines Ministers sowie Ururenkel eines weiteren Ministers. Beim Ministerpräsidenten vor ihm handelte es sich zwar um einen Ökonomen ohne politische Familie, er war aber auf den Sohn eines Ministerpräsidenten gefolgt, der seinerseits ebenfalls Sohn eines Ministerpräsidenten war. Davor wurde das Land von einem Neffen eines Ministerpräsidenten regiert, nachdem es vom Sohn eines Ministers der – allerdings international nicht anerkannten – kommunistischen Regierung während des Bürgerkriegs regiert worden war. Noch vor diesem wurde das Land abwechselnd von zwei Rivalen regiert: Der eine war Sohn eines Ministerpräsidenten, der andere Großneffe eines anderen. Fünf dieser sieben Ministerpräsidenten nach dem Jahr 1981 (ausgenommen Interimsministerpräsidenten) haben außerdem ein-und-dieselbe Privatschule besucht. Offensichtlich ist die Fluktuation in den griechischen Eliten nicht besonders ausgeprägt.

Dass man dabei noch von einer Demokratie spricht, ist wohl formal gesehen richtig. Aber die moderne griechische Demokratie wird wohl dieses Schreckkespenst sein, das die Zeit im IQ-Wert eine Alternative zur sozialen Herkunft sehen lässt.

Jenseits von Mittelalter und Biologismus gibt es allerdings eine echte demokratische Alternative: die Besetzung von Ämtern in einem Losverfahren entscheiden zu lassen. Das alte Athen betrachtete sich als demokratisch nicht allein wegen seiner plebiszitären Elemente, sondern insbesondere wegen der Verlosung von Ämtern. Eine philosophische Untermauerung dieser Alternative würde ich hier sehen.

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The Greek prime minister who survives a vote of no confidence in the moments I’m writing this, is the grandchild of a member of the parliament and of a minister. The man before him had been professor of economics and vice president of the European Central Bank but he followed as prime minister someone who was the son of a prime minister – a son of a prime minister himself. This guy had succeeded a nephew of a prime minister who was preceded by the son of a minister of the communist guerilla government during the civil war. Two personal rivals led the country alternatingly before him: the one was the son of a prime minister, the other was the grand-nephew of another. Five out of seven prime ministers after 1981 (I don’t count the interim prime ministers) visited one and the same private school. Obviously, fluctuation is not a very strong phenomenon among Greek elites.

Formally, Greece is a democratic country. But countries like Greece exemplify the horror of those German social democrats who see in the IQ a “democratic” alternative to social background.

However, beyond the Middle Ages and biologism there is a genuine democratic alternative: deciding the appointment to offices by means of a lottery. Ancient Athens didn’t consider itself democratic because of its plebiscitary elements alone. Without the institution of lotteries for the appointment of public officers it would probably consider itself an aristocracy. I see a philosophical vindication of this alternative here.

Propria

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Ein Ristretto an der coolen, Budapester Magyar útca…

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…muss wach machen. Diesmal war er unangenehm ernüchternd, zumal er am Ende einer Führung mit vielen Highlights der ungarischen Geschichte kam, darunter mit der Angabe, dass der erste ungarische König István hieß.

Systematische Beiträge zur Semantik der Eigennamen habe ich niemals geleistet. Historisch habe ich aber stets die These vertreten, dass es in den natürlichen Sprachen keine Eigennamen gibt. Zwar gibt es Namen, die wir “Eigennamen” nennen, wie “Ägäis”, “Peter”, “Kunigunde” usw., aber diese deuten auf Eigenschaften des ersten Namensträgers hin: “Meer des Aigeus”, “Steinharter”, “Sippenwehrhafte”. Bei den späteren Namensträgern handelt es sich um Anwärter des Ruhms eines früheren Namensträgers.

Diese These habe ich historisch in einer sehr kurzen Arbeit zu untermauern versucht, die ich zusammen mit dem damals Saarbrückener Sprachwissenschaftler Andreas Schorr schrieb: “Kulturkontakt auf dem Balkan”, in: Borgolte et al., Mittelalter im Labor, Berlin: Akademie Verlag, 2008, 390-391. Insbesondere beziehen wir uns dabei auf mittelalterliche Namen, u.a. auf die Namensgebungs-Etikette des serbischen mittelalterlichen Adels, dessen Angehörige, so jedenfalls die Vermutung, in Anlehnung an die Urbedeutung des griechischen Namens “Stephanos” (= der Bekränzte; der Gekrönte) “Stefan” hießen.

Dabei maßen wir dem Umstand, dass viele Mitglieder der serbischen mittelalterlichen Königsfamilie auch “Uroš” hießen, nicht die gebührende Bedeutung bei. Den Namen “Uroš” trugen sie eindeutig in Anlehnung an die ungarische mittelalterliche Aristokratie. “Stefan Uroš” war der Doppelname gleich mehrerer serbischer Monarchen. Aber dann ist es sehr wahrscheinlich, dass auch der Name “Stefan” in Anlehnung an den ersten König Ungarns István I. gegeben wurde und nicht wie Andreas und ich im Artikel vermuteten in bezug auf die griechische Bedeutung von “Stephanos”. Die mit dem Doppelnamen “Stefan Uroš” intendierte Assoziation diente nicht “römischer Zivilisiertheit”, wie wir schrieben, sondern der Identifikation mit einer ungarischen Erfolgsgeschichte. Pure Eigennamen sind im serbischen mittelalterlichen Adel weiterhin nicht zu finden. Insofern stimmt die These. Sie war aber nicht richtig untermauert.

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A ristretto-coffee at the cool Magyar útca of Budapest raises the pulse but in this case it made me very thoughtful after a sightseeing with many basics of Hungarian history – among others with the information that the name of the first Hungarian king was István.

I have made no systematic contributions to the semantics of proper names. Historically, however, I have been maintaining an original position which says that natural language has no proper names. There are, of course, names like “the Aegean Sea”, “Peter”, “Cunigunde”, which we call “proper”. But these are allusions to properties of the first bearer of the name: “Sea of Aegeus”, “stone-hard”, “the-clan’s-defensible-one”. The subsequent bearers of such names do nothing but insinuate that they are equal to the first bearers.

I tried to corroborate this historical position in a very short article which I wrote together with the linguist Andreas Schorr, back then at the University of Saarland: “Kulturkontakt auf dem Balkan”, in: Borgolte et al., Mittelalter im Labor, Berlin: Akademie Verlag, 2008, 390-391. We focused on medieval names, among others on names of the medieval Serbian aristocracy. We thought that most of them were called “Stefan” in order to allude to the Greek meaning of the name “Stephanos” (= the crowned).

However, both Andreas and I didn’t pay attention to the fact that many members of the royal family in medieval Serbia were named “Uroš”. This was due to a strong influence they received from the Hungarian aristocracy. Some kings of the medieval Serbian state had the following two names: “Stefan Uroš”. But “István”, the name of the first Hungarian king, is a Hungarian form of “Stefan”. Thus, unlike what Andreas and I maintained in the aforementioned article, it seems quite plausible that the name “Stefan” wasn’t given to allude to the Greek meaning of the word but, like “Uroš”, to a Hungarian success story.

Of course, if the name “Stefan” was a way of a king to say: “I am as good as the first Hungarian king was”, it is still not a genuine proper name. But our argument for this wasn’t correct.