Der Südosten

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Da der diesjährige Weltphilosophiekongress in Athen stattfand (heute war sein letzter Tag, was dieses Posting wohl zum letzten zu diesem Thema macht), sehe ich mich zu der Frage veranlasst, welche südosteuropäische Philosophieproduktion der letzten Jahrzehnte das Interesse einer internationalen Leserschaft verdient. Ich denke, dass der griechische religiöse Existenzialismus (Yannaras; früher Ramfos) durchaus lesenswert ist. Aber in Sachen analytische Philosophie sind Autoren wie Stojanović, Arsenijević und Marković (OK, OK, letzterer ist politisch äußerst umstritten) viel besser als jedes andere ihrer südosteuropäischen Pendants in Sachen Metaethik, Metaphysik und Erkenntnistheorie respektive. Wenn man die normative Ethik der Praxis-Schule hinzufügt, hat die serbokroatische Produktion mit Sicherheit die Nase vorn. Sie ist abendländisch, breit gefächert und trotzdem eigenartig.

This is the last posting on the World Philosophy Congress 2013 in Athens. Today was its last day anyway. When the focus is on a province, it’s predictable to ask which parts of the production there would be worthy of an international public. Definitely, Greek religious existentialism (Yannaras; early Ramfos) contains some very good pages. But if you think of analytic philosophy, then Stojanović in metaethics, Arsenijević in metaphysics and Marković in epistemology (despite the heavy political “luggage” of the last one), are authors much more important than any other counterpart which they have in SE-Europe. I would like to add the normative ethics of the Praxis-school which makes clear that the Serbocroatian philosophical production has it all: it’s occidental, broadly construed and idiosyncratic at the same time.

WCP 2013 – THE SEQUEL

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Anders als bei der relativ leichten Bestimmung der Ansichten griechischer Philosophen (vgl. hier), ist es sehr schwer, die Ansichten griechischer Philosophinnen richtig einzuschätzen. Die gute Nachricht ist, dass es mit einem von mir entworfenen Test möglich ist herauszufinden, ob sie radikale Linke sind oder nicht. Die schlechte Nachricht ist, dass die Aufgabe, mehr über eine griechische Philosophin herauszufinden,  ein besseres Kennenlernen erfordert. Frauen sind komplizierter.

Der Test besteht aus drei Fragen:

1. Fragen Sie sie, was ihre Ansichten zur moralischen Philosophie sind. Keinen Punkt ergibt die Antwort: “Moralische Probleme sind für die Religiösen. Ich sehe keine moralischen Probleme, sondern ästhetische Probleme einer bestimmten Art”. Einen Punkt ergibt jede andere Antwort.

2. Fragen Sie sie, was sie von Chomsky hält. Keinen Punkt ergibt jede Antwort, die folgendermaßen beginnt: “Ach der Noam! Also er …” bla-bla-bla. Jede andere Antwort ergibt einen Punkt.

3. Verlangen Sie von ihr ihr Lieblingsrezept für Mussaka. Wenn sie zurückfragt: “Mussa… was?” dann bekommt sie keinen Punkt. Für alles andere gibt es einen Punkt.

Wenn die Summe gleich null ist, dann handelt es sich bei der Befragten um eine radikal linke griechische Philosophin. Bei jeder anderen Summe ist sie es nicht. Zu erwarten wäre, dass etwa 60% der befragten Philosophinnen eine Nullsumme erzielen.

Synaspismenes

Unlike the determination of the views of Greek men-philosophers (cf. here) it is not possible to determine the views of Greek women-philosophers with reference to clothing or accessoires. The good news is that you can determine whether they are radical leftists by using a very brief questionnaire – a test developed by me. The bad news is that there is not much more you can determine during the short period of the WCP 2013. Women are more complicated than men.

The questionnaire:

1) Ask her what she thinks about moral philosophy. Give her zero points if she answers: “Moral issues are for the religious. I see no moral issues. I only see esthetic issues of a certain kind”, and one point for any other answer.

2) Ask her what she thinks about Chomsky. Give her no points if she introduces her answer by saying: “Oh Noam! Well he…” bla-bla-bla, and one point for any other answer.

3) Ask her what her favourite moussaka-recipe is. Give her zero points if she asks back: “Moussa… what?”, and one point for any other reaction.

Any Greek woman-philosopher with a score which equals zero would be a radical leftist. She is no radical leftist by any other score. The expected results if the test is carried out many times at random would be about 60% of participants with no points.

I hope that this is helpful for the colleagues who are visiting Greece in the time to come.

Yanis

Yanis ist ein Freund. Wir haben eine gemeinsame Wehrdienstzeit hinter uns, begingen dort gemeinsame Verstöße gegen Regeln, hatten anschließend gemeinsame (inzwischen gescheiterte) Pläne zur Besetzung eines Athener Lehrstuhls, nicht zuletzt gemeinsame Abende mit australischem Wein und griechischem Bier. So etwas verbindet.

Ich habe ihn bewundert so wie nur ein Philosoph ohne Artikel in Erkenntnis einen Nichtphilosophen bewundern kann, der gleich zwei Artikel in Erkenntnis publiziert hat.

Seit ein paar Jahren ist Yanis eine internationale Medienperson. Die Hauptgründe dafür sind seine Globalisierungskritik und dieses Buch:

Varoufakis

Seine Grundthese finde ich zu einfach gestrickt; eigentlich: unmöglich. Griechenland treffe, wenn es nach Yanis geht, keine Schuld dafür, sich jahrzehntelang als Besitzer eines Goldesels aufgeführt zu haben. Das sei menschlich und ökonomisch vertretbar. Auch keine Schuld des Goldeselsbesitzers daran will mein kluger Freund erkennen, dass Griechenland keine Vorsorge getroffen hat für den Fall, dass der Goldesel stirbt. Schuld seien der Goldesel selbst, der sich die Frechheit erlaubte zu sterben, sowie diejenigen, die den Goldesel in Griechenland grasen ließen.

Seit 2009 hat Yanis mit vorausahnender Schadenfreude das Schlimmste für den Euro vorausgesagt. Nachdem sich seine (kultur-) pessimistischen Voraussagen nicht erfüllt haben, verfolgt jetzt Yanis die positiven Nachrichten vom Kampf um den Euro mit Verbitterung:

http://yanisvaroufakis.eu/2013/05/22/greek-success-story-the-latest-orwellian-turn-of-the-greek-crisis/

Denn Yanis hat den allgemeinen Kollaps vorausgesagt. Und Yanis ist ein Genie. Also muss die Voraussage zutreffen.

Wenn alles doch noch kollabiert, dann wird es mindestens eine glückliche Person auf dem Globus geben: Yanis.