Basil in today’s Basel

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In Heylers Ausgabe der Episteln und Fragmente Kaiser Julians (Mainz 1828) findet sich auf Seite 522 die auf Kurznachrichten reduzierte Kommunikation zwischen dem heidnischen Kaiser einerseits und Basilius von Cäsarea andererseits, Bischof und der Tradition nach Freund aus Kindertagen des abtrünnigen und mit folgenden Worten provozierenden Staatsmanns:

[Die Christenschrift] habe ich gelesen, verstanden und verworfen.

Darauf der Bischof:

Gelesen aber nicht verstanden. Hättest du verstanden, hättest du nicht verworfen.

Damit machte Basilius die Interpretation der Bibel vom Fürwahrhalten abhängig. Egal, wie man dieses Buch interpretiere, so Basilius, müsse es als wahr interpretiert werden, sonst sei es missinterpretiert. Für einen im Großen und Ganzen guten Autor war dieses Zitat keine Glanzleistung von Basilius. Denn die Bibel besteht nicht aus Tautologien. Damit ist deren (von mir aus unwohlwollende) ungläubige Interpretation nicht zwingend eine Missinterpretation.

Ähnlich und wie eine Replik des spätantiken Heiligen argumentieren diese jungen Leute, welche unser Fürwahrhalten zum Kriterium unserer Interpretation des Klimawandelnarrativs erheben. Nicht nur klingen sie wie fromme Apologeten des vierten Jahrhunderts, sondern ich war auch noch vor nicht langer Zeit ihr Lehrer in Sachen Argumentation…

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Two years ago, some of the students who quite recently hung this banner, were visiting my argumentation classes. And definitely the following things did not happen there:

They were not introduced into Heyler’s old edition of emperor Julian’s epistles and fragments (Mainz 1828) and, of course, never knew a kind of texting cited on p. 522 there, between the pagan apostate and – rumours say – his childhood friend, Basil, the bishop of Caesarea. The renegade emperor wrote:

I read, I comprehended and I condemned [the Bible].

To which the bishop replied:

You read it but did not comprehend it. If you had comprehended, you would not have condemned.

If I had brought this historical example, I would have had the opportunity to explain my students that Basil sees the correct interpretation of the Bible depend on whether one takes it to be true or not. But the Bible is not a collection of tautologies. There are interpretations according to which the contingent sentences in the Bible are false and these interpretations – call them malevolent if you want – do not have to be misinterpretations for this reason. Normally, Basil (church history nicknamed him “the Great”) was an author much better than this.

The fact that my previous students sound in my ears like him when they address the issue of climate change (“The ones who have understood but do not flip out, have not understood at all”) is, as I said, is not an acquaintance they would have with the aforementioned fourth-century texting. They know nothing about the saint whose rhetoric was similar to theirs. I did not introduce him to them. As I said, the subject they had with me was argumentation, not church history.

But I have to declare: I would have told them one more lesson to be learned from logic if I had guessed somehow that they would turn out to be apologists.

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Mereological fallacy and possible worlds

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Bekanntlich warnt Aristoteles in den Elenchi 178b35-36 vor dem mereologischen Fehlschluss: Das Ganze ist nicht auf die Teile zu gleichen Teilen zu distribuieren. Wenn eine vierköpfige Familie acht Stück Pizza isst, dann heißt das nicht etwa, dass jede einzelne dieser vier Personen zwei Stücke ihre eigene nennen kann. Denn es kann z.B. sein, dass Mama und Papa je drei Stücke und die Kinder je eines essen. Zu Recht weisen die Mathematiker darauf hin, dass auch Mittelwerte nicht an einzelne Summanden zugeschrieben werden. Das ist überhaupt die Bedeutung des Wortes “durchschnittlich”, wenn – um beim obigen Beispiel zu bleiben – jedes Mitglied einer vierköpfigen Familie durchschnittlich (oder im Durchschnitt) zwei Stück Pizza verzehrt.

Die schweizerische Warnung auf der Zigarettenschachtel enthält die Wörter “im Durchschnitt”, wenn sie jedem Raucher ein 14 Jahre kürzeres Leben als das des Nichtrauchers drohen lässt. Es gibt ergo hier keinen logischen Fehlgriff, oder?

Weit verfehlt! Mit dem Hinweis auf 14 verlorene Jahre “ihres Lebens” stellt die deutsche Fassung der Mahnbotschaft die Raucher in eine zukünftige mögliche Welt, in der sie Nichtraucher sind und 14 Jahre länger als in einer anderen zukünftigen möglichen Welt leben, in der sie Raucher bleiben. Das Possessivpronomen spezifiziert die 14 verlorenen Jahre ausschließlich in Bezug auf diese letztere mögliche Welt und stellt einen mereologischen Fehlschluss dar. Der Ausdruck “im Durchschnitt” ist dann sinnlos. Es gibt keinen Durchschnitt, wenn die Datenmenge aus einem einzigen Wert besteht.

Die französische und die italienische Warnung bleiben logisch koscher. Es stellt sich nun einerseits die didaktische Frage, ob logische Korrektheit der gebotenen pädagogischen Wirkung dient; andererseits die moralische, ob die Logik der pädagogischen Wirkung hinterherhinken soll.

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In the Refutations 178b35-36, Aristotle urges to avoid the mereological fallacy, one that attributes every part of a whole, properties deduced from the whole. If the only thing you managed to find out about Donald Duck and his three nephews tonight is that they ordered one pizza, you still do not know whether each of them ate two pieces. Of course, they can be said to eat two pieces each in average but an average is a mathematical entity, not something you really eat.

Like many things in Switzerland, the antismoking warnings are in three languages: German, French, Italian. The German reads:

Life-long smokers lose in average 14 years of their life

The word “average” seems to make the equal distribution of less life expectancy acceptable. But then what is the meaning of the possessive pronoun? How can a smoker accept that of all possible worlds, the one in which he will live exactly 14 years less than the possible world in which he quits smoking will be an “average”? An average of what? Of all the possible worlds? When we individuate the sample (“their life”) average talk turns to nonsense and the number 14 appears to rely on a division of total years by subjects without reference to an average. But this is exactly the mereological fallacy.

And, yes dear reader, the French and the Italian versions are logically well-formed and less moralistic eo ipso. One can say that an educational effect is more preferable to avoiding logical flaws. But it is also a moral duty to educate people without using their irrationality.

Moral games

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Bereits seinerzeit hatte sich David Hume mit den Ursachen der religiösen Hasspredigt beschäftigt und bemerkt (History of England, am Anfang von Kap. 29), dass zwei antagonistische Prediger einzig und allein deshalb zu Hasspredigern werden müssen, weil sie sich selbst und ihre Botschaft gegenüber dem Antagonismus überhöhen müssen:

Eine etwaige Kompromissgeste ihrerseits wäre für Religionen, die den alleinigen Wahrheitsanspruch erheben, ein Zeichen der Unglaubwürdigkeit, so dass der andere Prediger mit polemischer Rhetorik den Sieg davontrüge. In der Naturgeschichte der Religion hat Hume dargelegt, dass monotheistische Religionen zu mehr Intoleranz tendieren als polytheistische. Um möglichst keinen Nachteil zu haben, verzichten die Kleriker auf den gemeinsamen Vorteil der Kooperation. Das ist natürlich eine Instanz des Gefangenendilemmas.

Das Gefangenendilemma ist für den Erstsemester-Wow-Effekt beliebt, den Effekt: “So dumm: würden sie kooperieren, hätten sie beide was davon und, nur weil sie es nicht konnten, bekommen sie die erdenklich schlechteste Lösung”.

Zwar nicht paradox aber gewissermaßen ähnlich ist die Situation in der Basler S-Bahn im Berufsverkehr: sie stellt ein spieltheoretisches Pessimum dar. Um auszuschließen, beiderseits bedrängt zu werden, stehen am Anfang der Fahrt blockierende Fahrgäste möglichst nah an der Tür. Der Korridor bleibt leer, um dem Blockierer wenigstens von der einen Seite ein Gefühl der Freiheit zu geben. “Von der einen”, weil auf der anderen Seite, Richtung Tür, Haltestelle für Haltestelle, die nachströmenden Fahrgäste drängen. Zweitklässler von der deutschen Schule kurz vor der Staatsgrenze, die sich nicht trauen, den Blockierer zu bitten, Platz zum Vorbeikommen zu machen; Behinderte im Rollstuhl; Omis; Fahrgäste vor der Tür, haufenweise. Der Korridor hinter dem Blockierer bleibt frei… Tja, spieltheoretisch gesehen ist das Einsteigen in die Basler S-Bahn ein Triumph der nichtkooperativen Lösungen, weil das Nash-Gleichgewicht beim größtmöglichen Nachteil der zugestiegenen Fahrgäste (gedrängt sein) und des Blockierers (für ein Idiot gehalten zu werden) liegt, was in einer eher übersichtlichen urbanen Agglomeration, wo die Leute stets aufeinander hocken (zweihunderttausend Einwohner hat der Kanton Basel-Stadt, nochmal so viele der baselländische, nochmal so viele der Landkreis Lörrach) nicht auf die leichte Schulter zu nehmen ist.

In manchen der Großstädte, die ich kenne, Athen, München, Belgrad, wird der Blockierer geschubst. Dadurch wird der Blockierer gezwungen, nicht als Idiot zu glänzen, und ein wenig mehr Platz für die anderen gibt’s auch noch. Wie man sieht, kann das Schubsen paradoxerweise zu einer kooperativen spieltheoretischen Lösung führen.

Klammer auf:

“Idiot” kommt aus dem Griechischen und bedeutet ursprünglich “eigenwillig”, auch “Privatmann”, “auf eigene Regie Handelnder”.

Klammer zu.

Hume hatte es in History of England, a.a.O., gebilligt, seinem avant-la-lettre-spieltheoretischen Pessimum mit einem staatlichen Eingriff entgegenzuwirken – allerdings mit keinem negativen reinforcement wie etwa das Schubsen, sondern positiv durch Bestechung. Er schlug vor, Korruption als Faktor in das spieltheoretische Modell hinzuzufügen. Der Staat erkauft den Frieden, indem er die Hassprediger dafür bezahlt, tatenlos und schweigsam zu bleiben. Korrupte Hassprediger sind zu Kooperationen bereit und deshalb ehrlichen vorzuziehen.

Idioten lassen sich weniger vom Schubsen beeindrucken, deshalb klappt das Platzmachen wohl nur in Großstädten, wo es mehr Schubser gibt. Das Schmieren von Hasspredigern sollte unabhängig vom Standort gelingen.

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In the beginning of ch. 29 of his History of England, David Hume states that clerics of two antagonistic “sects” cannot but propagate religious hatred. Especially in monotheistic religions (he thinks in the Natural History of Religion that these are more intolerant than the polytheistic), any gesture of compromise would make the (superstitious) public believe that the message is unreliable, the antagonistic cleric would achieve a victory on the symbolic level if he continued to preach a

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in the struggle to preach more hatred than the others. This is, of course, an instance of the prisoner’s dilemma.

First-semester enthusiasts love the prisoner’s dilemma for the clear insight it gives: “It’s so stupendous not to be able to have the common advantages of cooperation only because you didn’t bother to talk to the other”.

Game theory is an issue in the Basel suburban morning trains too. Those who get on the train early want to ensure that they will have the illusion of some comfort at least from their one side. This side is the corridor. It can’t be the door area, from the other side, since the door opens every two or three minutes at every train stop for more passengers to embark. Consequently, the early bird stands in front of the corridor so that no one would pass by. The kids of the German school close to the state border, the emigrant without knowledge of German, the old woman who doesn’t know that there are handles to hold on in the corridor, would rather not dare protest. The corridor remains empty while the door area has the desperation but not the anger of a riot. Yes, getting on the Basel suburban train is a triumph of noncooperative game-theoretical solutions, since the Nash-equilibrium is the worst of cases: the one party is squeezed until they reach the main station, the other is the blocking blockhead. In an urban agglomeration of totally six hundred thousand inhabitants (one third of this is the population of the city, the population of the neighbouring German towns make up another third, the last third, finally, are the inhabitants of the canton Basel-Landschaft) this is not always without reidentifications of the kind “I know him, he lives across the street where my sister lives”.

In some big cities I happen to know better, Athens, Munich, Belgrade, the blocking individual will be pushed to give way. The others give him the chance to stop being an idiot and they get some extra space for this service. As one sees, pushing can be a cooperative game-theoretical solution.

I know that it is offensive to speak of an “idiot”. I ask the reader to acknowledge the mitigating circumstances. One of them is the fact that the word is of Greek origin and means “of his own”.

Hume thought it a good measure to block the game-theoretical pessimum of religious hatred he had in mind centuries before its time, by means of a positive reinforcement (instead of a negative like pushing): bribing the clerics for their indolence – but only for their indolence. Corrupt clerics are more cooperative than honest fanatics who would rather launch polemics.

One thing is that you can’t impress a blockhead by pushing. This is presumably the reason for the more cooperative nature of train crowds in big cities where pushing is simply more frequent. In contrast, bribing hatemongers is a measure that works independently of location.

The maths and logic of coming on to somebody, or: Truth values and gender

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Der Spaß ist nur halb (oder viertel) so viel, wenn man den Text nicht oder halb so gut versteht. Lo-&-Leducs “079” (ausgesprochen: Null-siebä-nüün) ist ein fetziger, lustiger Song sowohl musikalisch als auch vom Text her, gleichzeitig der größte schweizerische Hit aller Zeiten. Er besingt den Versuch eines Mannes, eine attraktive Frau telefonisch zu erreichen. Da letztere allerdings ihm gegenüber nur ihre Handyvorwahl preisgibt – die sehr übliche schweizerische Natel-Vorwahl 079- – grenzt der Songtext an eine absurde Kombinatorik-Anwendung. Zunächst berechnet nämlich der Junge, dass “numma no zah Millione Kombinatione” übrig bleiben. Daraus erkennt man, dass erstens der Kerl eine Annäherung versucht (in jedem Sinn des Wortes, ob beziehungsmäßig oder mathematisch) und dass zweitens die Telefonnummer ohne die Vorwahl siebenstellig sein muss. Von 0 bis 9.999.999 gibt es nämlich genau zehn Millionen Zahlen, aber man darf nicht so rechnen, denn keine Telefonnummer beginnt mit einer Null nach der Vorwahl. Es liegt vielmehr folgende Berechnung nahe: Bei einer siebenstelligen Telefonnummer ergeben die sechs letzten Stellen eine Million Kombinationen, was mal neun (d.h. mal die Zahlen 1 bis 9) neun statt zehn Millionen Kombinationen macht.

Kleiner Exkurs: Das kommt mit Sicherheit als Übung in meiner Algebra-Nachhilfestunde: “Wie viele Stellen hat die Telefonnummer der tüüt-tüüt-Dame im Song “079”?”. Die Mädels und die Jungs werden das garantiert lieben, weil sie den Song mögen.

Zurück zur Analyse: Der nach der Telefonnummer nachhakende Kerl kalkuliert, dass er, nachdem er die Vorwahl kennt, nur noch maximal sechseinhalb Jahre verschiedene Telefonnummern auszuprobieren hat, um irgendwann auf die Nummer der Dame zu kommen, deren Vorwahl er gerade erfuhr. Vorausgesetzt sind dabei drei abgehende Telefonate pro Minute. Der Typ versucht also auf diese abgefahrene Art, eine Person auf sich aufmerksam zu machen, obwohl diese bereits eine Absage erteilt hat. Ist das nicht der Inbegriff der sexuellen Belästigung?

Jedenfalls ist jetzt der Song durch die Vorsitzende der Schweizer Jusos als sexistisch bezeichnet worden, wodurch eine kleine, lustige Debatte entbrannte.

Es ist einerseits klar, dass sich der Songtext des rhetorischen Mittels der Übertreibung bedient. Andererseits geht es in der Debatte ums Prinzip. Stalking beginnt selbstverständlich mit einem Nein, das einen unbeeindruckt lässt. Wie oft oder wie plakativ dieses Nein ausgesprochen werden muss, damit die Ablehnung als definitiv gilt, ist eine Ermessensfrage – eine, mit der zwar die meisten Individuen vertraut sind, aber eben nicht alle. Man hat durchaus Grund zur Annahme, dass unerfahrene oder psychisch labile Individuen mit diesem Song eine falsche Vorstellung dessen bekommen, was erlaubt ist. Dieses Thema beschäftigt mich allerdings nicht.

Die philosophische Frage, die ich in der Debatte sehe, ist, ob hier, wie in anderen Bereichen des Lebens auch, ein einziges und wie auch immer geartetes Nein reichen soll, um eine Absage definitiv zu machen. Wer einen Posten in einer Firma nicht bekam, fragt nicht etwa nächste Woche noch einmal. Wer ein Einfahrtsverbotsschild sieht, kontrolliert nicht, ob noch ein zweites und ein drittes dahinter stehen, um das Verbot ernst zu nehmen. Ein einziges “Nein” bedeutet in diesen Lebenslagen etwas, was niemals gegen ein Ja ausgetauscht werden kann. Bivalenz ist die Losung.

Ich vermute allerdings, dass die Zweiwertigkeit beim Sexualverhalten nicht immer der Fall ist. Gerade hier erfüllt ein Nein manchmal den pragmatischen Zweck herauszufinden, wie ernst es dem Anbetenden ist. Ich erinnere mich vage, dass es im 4th Panhellenic Logic Symposium vor 15 Jahren einen Vortrag über ein logisches System gab, wo ein Nein sehr schwach verneinte, zwei Nein etwas stärker, drei Nein noch stärker usw. Indem ich dieses Konzept griechischen Logikern entnehme, bediene ich wohl eine Reihe von Vorurteilen. Das wäre schade! Die mehrwertige Logik mit mehreren Verneinungen ist vielleicht eine südländische Sache, da es viele südeuropäische und lateinamerikanische Beiträge dazu gibt. Sie soll allerdings nicht demnach beurteilt werden, sondern nach ihrer Adäquatheit.

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“079” is a song in German but it’s not comprehended any better by Germans and Austrians than by Britons, Americans or Australians. The reason for this, is the Swiss dialect in which Lo & Leduc sing it. However incomprehensible in the beginning, it becomes very funny if you have some basic knowledge of Swiss-German phonetics, grammar and syntax. The “greatest Swiss hit of all times” tells about a man’s attempt to (inductively) dial a telephone number of a lady who has only told him her prefix number 079 – a very common one for Swiss mobile phones.

By considering that the combinations he has to dial are at most ten millions (there are, of course, 10 millions seven-place combinations of numbers if you allow also for small numbers to be written with seven digits and to begin with one or more zeros, which becomes nine millions if you disallow beginning with a zero) the boy calculates that in six-and-a-half years at the latest he will have dialled the girl’s number. The assumption is that he manages to dial three numbers every minute. Now, this is, of course, monomanic but since it’s a song and not the real life, I’ll give my algebra class an exercise to calculate how many digits the girl’s number has. Bet, they’ll love it?

But guess what happened next: the president of the Swiss Social Democratic Party’s youth organisation denounced the song as propagating sexism.

I’m not interested in stalking as a problem of moral philosophy although there would be much to say about it. Also, I’m not interested in defining stalking vis-à-vis, say, showing much interest as a soritic problem – probably because there are much better examples of sorites out there. But I’m very interested in negation.

The social democratic feminist has a point there when she says that a single “no” has to be accepted. When you’ve been unsuccessful to get this professorship you don’t call the head of the department every Monday to ask if she’s thought it over. If you see a no-entry sign at the corner of the road you want to use, you don’t check if there’s a second and a third no-entry sign behind it in order to decide whether you’ll take the restriction seriously or not. Isn’t sexual behaviour according to this pattern?

I appear to recall that in the 4th Panhellenic Logic Symposium 15 years ago, there was a paper on a logic in which one no negated weakly, two less so, three nos negated strongly.

I know that by referring to a theory of double and triple negation launched by – of all people – Greek logicians I’m feeding stereotypes. It’s true that multi-valued, multi-negational logic is adored by Latin American and Mediterranean logicians who – for other reasons probably – are feared for their stubborn way to ignore a woman’s no. But theories are not to be judged by pragmatics. They’re to be judged for their adequacy. And, frankly, I always thought that there are cases in which a no – not in your life as a professional and not in traffic but, for example, for your next date – has the power of saying: “Do you really want to go out with me so badly? I’m not persuaded”.

Logical pluralism is not there because of the logic. It’s there because there’s a part of linguistic behaviour that really escapes bivalence and other classical notions!

Teaching them what it is to teach one what to do

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Von Halle an der Saale vermisse ich meine Ethikstunden am allermeisten. Damit beabsichtige ich keinen Vergleich mit dem zu machen, was ich in Basel tue, denn hier unterrichte ich das Fach nicht.

Selbst dann wäre es nicht dasselbe… In der ehemaligen DDR – alten Lesern dieses Blogs brauche ich wohl nicht zu erzählen, wie mein Herz für die neuen Bundesländer schlägt, um weiterhin so zu schlagen, so lange ich lebe – bedingten die historischen Erfahrungen ein ungewöhnliches Reflexionsniveau und zwar auch bei jungen Menschen. Ich weiß noch die Namen von ein paar Teilnehmern meiner Stunden, ab und zu erfahre ich, was sie tun. Ich mag sie als Denker, als Macher, als Menschen.

Ich brachte ihnen bei, dass die Ethik ein Spiel ist. Kein Spiel im Sinn der Spieltheorie, auch keines in Wittgensteins Sinn. Spieltheoretische Überlegungen kamen nur in den Besprechungen des Konsequentialismus zum Zug – aber es gab noch Tugend- und Pflichtethik. Insbesondere wollte ich sie einsehen lassen, dass Menschen, von wenigen, von Philosophen gern benutzten Fällen abgesehen, normalerweise ethische Intuitionen haben, die ein Gemisch aus allen verschiedenen Ansätzen der Moraltheorie voraussetzen. Zwar gibt es die Kantianer, die Aristoteliker, die Utilitaristen und die Fälle, in denen jeder von ihnen Recht bekommt. Aber in unserem Alltag sind wir gleichzeitig alle drei. Reflexion über angewandte Ethik und Religion im Osten Deutschlands machte Spaß und hatte Niveau.

Das erzählte ich meinen Schülern vergangenen Freitag während eines Spaziergangs in Mulhouse. Ich wollte gar nicht über Ethik sprechen, denn, wie gesagt, unterrichte ich das Fach hier nicht. Es kam so: Die Dame, die mir einen Kaffee machte, schaltete vom Französischen ins Deutsche um, nachdem ich etwas nicht verstanden hatte. Einer aus meiner Gefolgschaft meinte daraufhin, es solle mir nicht peinlich sein, schließlich seien meine Versagen in einer anderen Sprache viel peinlicher. In welcher denn? Im Schweizerdeutschen! Denn ich habe gesagt gehabt “en Gfalle doe”. Aber “doe” klinge schriftdeutsch wie nochmal was – korrekt schweizerisch heiße es “en Gfalle mache”!

“Machen” klingt mir zu sehr nach Handwerk, nicht nach Willensfreiheit, aber meine zu Lehrern mutierten Schüler blieben hart: “Nei, “doe” isch hochgstoche und frembd”. Es war mir plötzlich klar, wieso ein als Peter Bieri ausgewiesener Philosoph, dessen alter ego, Pascal Mercier, ein noch ausgewiesenerer Literat ist, seinem Buch über Ethik den Titel gibt: Das Handwerk der Freiheit. Er ist ja Schweizer.

In seinen Vorlesungen des akademischen Jahres 1930 (Titel: Vom Wesen der menschlichen Freiheit. Einleitung in die Philosophie) meinte Heidegger, dass zwei Sprachen die philosophischsten sind: das klassische Griechisch und “Meister Eckharts und Hegels Deutsch” (vgl. Gesamtausgabe, II. Abt.: Vorlesungen 1923-1944. Bd. 31. Hg. v. Hartmut Tietjen. Frankfurt a.M.: Vittorio Klostermann, 2. Ausgabe, 1994). Was den Unterschied zwischen “prattein” und “poiein” anbetrifft, hatte Heidegger sicherlich recht.

Halle ist preussisch… Der dortige Akzent ist zwar ein Horror, aber keine Frage: Es handelt sich um ein philosophisches Deutsch, um die Sprache Kants, Hegels und Schopenhauers…

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What I miss most from Halle are my ethics classes. This is not to be juxtaposed with my classes in Basel because here I simply don’t teach the subject.

But even if I taught it… I mean, in the recent history, East Germany has had so extraordinary experiences that the level of reflection there is very high. I still remember some names of some students, I also learn what they’re doing, at least some of them. I was teaching them ethics as a game. Not in Wittgenstein’s sense – I think I never mentioned him there – and only partially in the sense of game theory. Game theoretical considerations played a role only in my discussion of consequentialism, and I’ve been also doing virtue ethics and deontological ethics. Some of them had an extraordinary ability to analyse these most common cases in which, to reach the intuitively plausible solution of a moral dilemma, you had to make acrobatics from theory to theory rather than to apply a unique among them. Yes, doing applied ethics and religion in the east part of Germany was hot like hell and cool like paradise – or vice versa, I don’t know exactly.

During a walk in Mulhouse, France, I was telling this the students I have now. Since, as I said, I don’t teach ethics here, this was spontaneous. It all had begun with the lady who brought me a coffee, She had had to switch from French to German while talking with me because I had asked her to repeat something. One of the students remarked that I shouldn’t be particularly ashamed for my bad French because there is a language I’m even worse in than in French: Swiss German. I had said the other day something to the effect of “do me a favour” and one can say in Swiss German only “to make”, not “to do”, the latter being a standard German, not a Swiss German verb.

To me, “to make” is what you can say in terms of handicraft, not in terms of volition and morals. But there is this internationally known Swiss philosopher who thinks that ethics is a handicraft. His opinion has always been a riddle to me because, probably, he doesn’t mean to provoke and he doesn’t mean to say something utterly false – but effectively does both. My students now, although they don’t know him, explained to me that it is a part of the Swiss linguistic code to speak of what you make, never of what you do.

In his Vom Wesen der menschlichen Freiheit. Einleitung in die Philosophie, being the script of his lectures in the Summer term of the year 1930 at Freiburg, Heidegger claimed that teaching philosophy presupposes a training in Classical Greek or Prussian German (cf. Gesamtausgabe, II. Abt.: Vorlesungen 1923-1944. Vol. 31. Ed. by Hartmut Tietjen. Frankfurt a.M.: Vittorio Klostermann, 2nd edition, 1994). At least in the point of the difference between “prattein” and “poiein” he was right.

Oh yes, Halle is Prussia… The accent is a horror, of course, but it is philosophical German, the language of Kant and Hegel and Schopenhauer…

Transformations of a ritual

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Vorgestern war in Basel der Morgenstreich, gleichzeitig überall auf der Welt der Rosenmontag der orthodoxen Kirchen. Beide Rituale haben einen gemeinsamen Ursprung.

Umzüge Verkleideter, die sich in der Anonymität der Maskierung ihre Seele aus dem Leib schreien konnten, waren Bestandteil der dionysischen Mysterien im antiken Athen. Aus diesen entsprang das antike Theater, was jetzt einerseits zu weit führt, nichtsdestotrotz zum Thema gehört. Als eine Komödie zwischen Dionysischem und Christlichem habe ich nämlich als Kind das Begehen der Fastenzeit kennengelernt. Wir “Athener” besuchten die väterliche Insel, wo die obszönen Karnevalslieder gesungen wurden, die, aus wer weiß welcher Nische der Antike entsprungen, eine unmissverständliche Sprache fanden, um den Verzicht auf jegliche Art von Fleischeslust für die nächsten vierzig Tage zu beweinen. Mit Glocken behängt und unkenntlich gemacht wurden wir. Die Erwachsenen hatten das Privileg, auch Obszönität in der Art ihrer Verkleidung zu feiern, oft eine auf das andere Geschlecht hinweisende, unter der Bedingung, dass keine nackte Haut zu sehen war.

Das schreibe ich, um die Verwandtschaft des nordägäischen Karnevals mit den dionysischen Mysterien zu unterstreichen. Das darauf folgende Fasten war (und bleibt) streng und lang. Das schreibe ich wiederum, um die christliche Transformation des dionysischen Festes an der nördlichen Ägäis zu unterstreichen.

Szenenwechsel: Zwinglis demonstratives Wurstessen war der Startschuss der Kirchenreform in der Schweiz. Anders als in Griechenland rückte hier im sechszehnten Jahrhundert die Fasnacht vom Fasten wieder ab. Damit streifte sie sich nicht nur den Pönitentengestus der Buße nach einer dionysischen Feier ab; sie wurde auch immer mehr zur Predigt, zum Argument, zum Politischen, kurz: zum Apollinischen.

Den Untergang des Dionysischen zugunsten des Apollinischen hat ein berühmter Basler Philologieprofessor 1872 beweint. Dass Basel zur Zeit der Geburt der Tragödie schon lange die umgekehrte Form des trans- und reformierten Rituals feierte, das ich in meiner Kindheit auf einer in ihrer spätantiken Zeitblase verharrenden Insel kennenlernte, lässt vermuten, dass Nietzsche sich auf der Mittleren Rheinbrücke in frühen Februarstunden Inspiration holte.

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Johannes Grützke: Böcklin, Bachofen, Burckhardt und Nietzsche auf der mittleren Rheinbrücke in Basel, 1970. Öl auf Leinwand, 250 x 330 cm
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On the day before yesterday Basel celebrated the nocturnal carnival procession. On the same day, all over the world, orthodox Christians were celebrating the beginning of the Great Lent and of the big fasting. Both rituals have a common root.

Having your say under a guise was perfectly alright in the Athenian mysteries in honour of Dionysus, especially if you were obscene enough. Eventually, theatre emerged out of these mysteries, which is a point to lead the discussion astray but is not irrelevant altogether.

Having your say under a guise is what you see in Basel during carnival. And it is what you see in the island my family originates from at the same time. The point, however, is what you say.

We were considered to be Athenians back then. My father had left the island when still a young man. Whether Athens had left an urban polish on our family or not, since we used to spend carnivals in the island, our celebrating the beginning of the Great Lent was traditionally a mixture of Dionysian and Christian elements. Obscene songs deploring the loss of unambiguously every sort of carnal pleasure, meat and flesh; disguises embarrassingly similar to what you can see on ancient pottery; caricatures of virility, often played by women; and of femininity, often played by men. No naked body parts were shown, of course. It’s Greece, it’s Christian and the Lent is about to follow – vegan, strict, long. It’s our Lord’s passion ahead that makes us shortly celebrate Dionysus; and it’s the presence of Dionysus in ourselves that we have to repent.

Cut: the Affair of the Sausages marks an important moment for the Swiss Protestantism: Zwingli seats, as the champion of the church reformers at a table where sausages are served, and this during Lent. The Swiss reformed churches rejected fasting and, in absence of a fasting ritual, the Basel carnival came to express less and less frustration just before a time of deprivation. It turned out to be more preaching, politicising, less Dionysian, more Apollonian. The Dionysian feast was, after its taming by the Christians, now totally transformed on Swiss soil – in fact turned to its opposite: to a moralising gesture.

350 years after the Affair of the Sausages, in 1872, a later very famous professor of the Basel University deplored the fall of the Dionysian and the triumph of the Apollonian. Understood thus, Friedrich Nietzsche’s Birth of Tragedy showed admiration for the ancient Athenians. Reportedly, Nietzsche felt a certain unease among his Basel contemporaries.

I have to say that his lament is rather plausible when I, a person who got to know carnival in an island that’s for centuries in a late ancient time bubble, stand at Basel’s Middle Bridge and observe the procession.

The transformation of the ritual attended from there, is so obvious that I come to believe that Nietzsche also got his inspiration at the same spot during a nocturnal carnival procession.

Termini

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Geographische Grenzen sind Rahmen. Es gibt keine geographische Entität, die sich ins Unendliche erstreckt. Sieht man zudem von eingekeilten Regionen ab, so gibt es höchstens ein Dreiländereck zwischen drei Gebieten. Es gibt genau eines zwischen der Schweiz, Deutschland und Frankreich (unten habe ich ein Video von besagter Stelle), zwei zwischen der Schweiz, Österreich und Liechtenstein, da Letzteres eingekeilt ist.

Das alles bestärkt mich in der Annahme, dass die geographische Regionalontologie ein Spezialbereich der Topologie ist. Die bekannten Toponyme der Art: “Elsass”, “Baden”, “Kleinbasel” (einen Blick auf das erste und das letzte vom mittleren aus sieht man unten) sind ihre Konstanten.

Natursprachliche Bezugnahmen auf Menschen aus dem jeweiligen Landstrich sind jedoch gründlich anders. Anders als Toponyme sind nämlich Ethnonyme keine Eigennamen, sondern Appellative. Als wäre das nicht genug, sind das Appellative mit in der Regel großen Bedeutungsverschiebungen in ihrer Vorgeschichte. Während man z.B. diachronisch sagen kann, wo das Elsass, wo Baden, wo Kleinbasel ist, kann man nicht ohne Weiteres sagen, wer ein Elsässer, ein Badener, ein Kleinbasler ist; auch nicht, wer ein Franzose, ein Deutscher, ein Schweizer ist. Ich meine: nicht diachronisch! Ein Elsässer sprach früher stets Elsässisch. Heute reicht’s zum Elsässersein, sich dafür zu entschuldigen, kein Elsässisch zu können. Einen Schweizer im heutigen Sinn gab es vor 1848 nicht – und das, obwohl es die Schweiz gegeben hat.

Die einzigen mir bekannten Grammatiken, die die Kultur besitzen, nicht so zu tun, als wäre die Herkunft ein Eigenname, sind die des Italienischen und des Deutschen. Erstere schreibt vor, “Grecia” groß zu schreiben, “greco” aber klein, “Germania” groß, “tedesco” klein usw. Letztere kapitalisiert alle Substantive sowieso. Ob das gegen die Selbstherrlichkeit des Provinzialismus hilft, ist eine andere Frage. Wenn ich an Adriano Celentanos “Lasciate mi cantare” denke, dürfte es weniger helfen. Aber es ist wichtig, nicht so zu tun, als wäre “Makedonier” ein rigide bezeichnender Terminus. Im Sinn einer demokratischen Bürgerkunde kann man grammatikalische Vereinbarungen zwar nicht nutzen, Signale in die richtige Richtung sind sie jedoch allenfalls – selbst wenn (oder weil) diese Richtung die nominalistische ist.

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The glimpse of the tri-country region consisting of the southwesternmost edge of the Black Forest in Germany (from where I took this video), Basel in Switzerland (urban, towers) and Alsace in France (vineyards at the other side of the river Rhine) I find interesting for reasons of ontology.

Borders are frames. Generally, geographical limits bound a geographical entity from all sides. Between three regions none of which is wedged among or inside the others, you can have one tri-country region. You have one between France, Germany and Switzerland. But you have two between Switzerland, Austria and Liechtenstein because this last country is wedged between the two former. Thus, the regional ontology of geography appears to be a branch of topology. Its constants are toponyms – NB proper names.

In contrast, ethnonyms, the names of the people of regions, are not proper but common names – and ones that resulted after huge semantic shifts.

As an aftermath, you can’t define “the Swiss” as easily as you can define “Switzerland”. The only problem you have with the definition of the term “Switzerland” is to capture territorial shifts through centuries while you maintain that it is a proper name. But it is not clear whether the term “the Swiss” always referred throughout this time. It has been referring after 1848 for sure, but in the 15th century the only people you could call thus was the population of one landscape in the middle of the country. Another example: it’s been more or less clear for centuries where Alsace is. Still, who’s an Alsatian? – that’s the question of the century! Until the beginning of the XXth century, it was essential to Alsatians to speak their Germanic language. But an essential property of Alsatians today is to speak French whereas apologising for not speaking German.

The only grammars I know that clearly show that toponyms are proper names and ethnonyms common names is the Italian and the German: the former prescribes to capitalise “Ingleterra”, not however “inglese”, the latter capitalises all nouns. It’s so true! England will always be the country that the Angles once possessed. But the Angles, the English, the German, the Macedonians, all peoples of this world, are called thus simply because nominalism has a chance to be true.