Vanity unfair

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2015 war ein sonderbares Jahr. Drei Leute, mit denen meine frühe akademische Laufbahn eng verwoben ist, wurden Minister des Landes, wo ich das Licht der Welt erblickte und die Welt ihres – ex oriente lux.

Derjenige, der mich nach Boston zum Doktorandenstudium schicken wollte und damals obwohl selber ein Prof am Oberseminar meines Professors teilnahm, bekam das Ressort Bildung (später: Kultus). In den späten Achtzigern hatten wir zusammen: viel Wein, viel Kaffee, viel Freizeit. “Nach Boston sollst du! Hörst du? Bonn ist für Spießer!”

Derjenige, dem ich meine erste Assistelle als Übersetzer der Korrespondenz Fritz Londons verdanke, wurde Bildungsminister, nachdem sein vorgenannter Genosse Kultusminister geworden war. Früher waren die beiden enge Freunde gewesen und als solchen hatte ich mit beiden unterwegs sein sollen. In den Neunzigern haben sie sich wegen Unipolitik verkracht, mittlerweile geht’s wieder.

Mit dem dritten, Ressort Wirtschaft, wichtigste Eigenschaft Bürgerschreck, verbindet mich die Kameradschaft in derselben Kompanie der griechischen Infanterie im Jahr 1999 sowie eine für uns beide bittere Erfahrung sechs Jahre später im gemeinsamen Versuch, ein Berufungsverfahren an der Athener Capodistria Universität zu meinen Gunsten zu lenken. Überhaupt ist Letzteres der Grund, aus dem jemand, der mit drei Ministern per Du ist – in einem Land, das so groß ist wie Bayern, bestimmt etwas äußerst Ungewöhnliches – im Ausland lebt: Wenn du eng mit den Leuten bist, wissen sie, ob du mit den Reformkommunisten (Syrizas Vorgängerpartei) etwas am Hut hast oder nicht. Ich nehme an, dass der Umstand, dass der Bürgerschreck der einzige unter den drei ist, der nur aus Berechnung in den Reihen dieser politischen Plattform war, seine Unterstützung für meine damalige Kandidatur bedingte.

Heute werden sie abgewählt – mit Ausnahme des Bürgerschrecks, der das Schiff vorher verlassen hat. Er ist auch der ernstzunehmendere, wenn nicht für die Show, die er als Wirtschaftsminister lieferte, so wenigstens für ein paar interessante Aufsätze in Erkenntnis.

Für die Abwahl einer Regierung, die Greisen die Rente auf 300 € kürzte, damit die Bediensteten des Staatsfernsehens an ihren Privilegien frönen, werde ich – alte Freundschaften hin oder her – keine Träne vergießen. Und welche Freundschaft überhaupt? Für Menschen ihrer Art ist die gemeinsame Parteizugehörigkeit die einzige legitime Beziehung. In Griechenland erst recht, wo alle, die Philosophieprofs zwischen 2001 und 2019 wurden, politische Arbeit für die Reformkommunisten machten.

Enough with scrolling

The year 2015 was peculiar. Three people with whom I spent my early academic years became ministers of the country that you can call the cradle of western civilisation, i.e. if you are old-fashioned, and a country where an old-fashioned cradle once stood that was mine.

Back in the eighties, the one of the three who wanted to have me qualified in Boston was already professor and, for some reason, visited my professor’s master class. We had much wine, coffee and time together, time that was partly spent with warnings: “You can’t submit a PhD thesis at Bonn. Either they will not accept it or they will, but then you’ll have become narrow-minded.” In 2015 he became minister of education, later of culture.

Then there was the other, the one who gave me the job with which I earned the money for the first month in Bonn and an interesting one: translating Fritz London’s correspondence with Schrödinger and quite a few others. In 2015 he became minister of education after his aforementioned friend moved to the Ministry of Culture. They have been friends for ages with an interval in the nineties where they quarrelled on university politics. This is typical. I’ll return to this aspect of friendship.

Finally, there was one third who became minister of finance but whose most important role is this of the enfant terrible. In 1999, we served together in an infantry unit in the Aegean which was apparently his reason – probably not the only, one more aspect of friendship to return – to support my candidature at his department of the National Capodistrian University of Athens six years later; obviously with very mediocre results given my living and working between Germany and Switzerland today. What my reader understands now is probably that Greece is so small that it is no wonder if you happen to call three ministers by their first names. Which is the wrong impression for a country that has half the size of UK, more inhabitants than London and extends from the 35th to the 41st north parallel, and from the 20th to the 29th east meridian! The fact is: if you really happen to call them by their first names, they know you well enough to know also that you are not an adherent of the Eurocommunists (the political platform out of which Syriza emerged).

We do not have to wait for the exit polls of today’s national elections in Greece to know: my three friends are ousted! Well, not quite all of them since the enfant terrible abandoned the ship already in 2015. He is also the one among the three who deserves more attention. If not for his performance (the ambiguity is intended) as minister, at least for his papers in Erkenntnis. And, of course, for making a clear cut between academia and politics. As I said: I shall return to this.

A government that partly cuts pensions down to 300 $ a month and hires people for the state-owned TV stations endowing them with privileges, deserves to be ousted.

As someone who, once upon a time, tried his luck in Greek academia, I have one more reason to feel happy for my former friends’ being repudiated – and this is at the same time the point to which I have been promising to return from the beginning of this post: people who manage between 2001 and 2019 to have elected professors of philosophy only people who have worked for the far left, people of this kind have no friends: they have only comrades.

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Nonmonotonic politics

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Nach der Wandlung der griechischen Bürgerschrecke von Saulussen zu Paulussen verfolge ich die politische Diskussion in Griechenland nicht mehr. Ich bin einfach erleichtert.

Ein uralter Freund aus Piräus machte mich aber jüngst auf folgendes Phänomen aufmerksam: In den (sehr!) vorgezogenen Neuwahlen des heutigen Sonntags für die “Vouli”, das griechische Parlament, drohen die Linken, die Mehrheit zu verlieren, da ihnen die Gelegenheitswähler wieder den Rücken kehren: konservative Bürger, die zwar im Januar links gewählt haben, dieses aber nicht mehr tun werden. Sie hätten in den Linken die einzige Chance gesehen, Griechenland der Aufsicht des Internationalen Währungsfonds und der Europäischen Zentralbank zu entziehen, aber nachdem den Linken das nicht gelungen ist, würden sie jetzt die Konservativen wählen – und damit das traditionelle politische Sprachrohr einer Wirtschaftspolitik, wie sie der Internationale Währungsfond und die Europäische Zentralbank gern sehen.

Der Freund, seit seinen Studentenjahren ein Linker, aber auch mein Kommilitone am “Department Philosophie, Pädagogik und Psychologie” an der Uni Athen, empört sich über diesen Trend – und zwar aus zwei Gründen. Erstens sieht er die von seiner Partei (er ist Parteimitglied) hart erkämpfte Macht auf dem Spiel durch die “Rückkehr” der konservativen Wähler ins konservative Lager und zweitens sieht er in dieser “Rückkehr” eine kognitive Dissonanz.

Ich sehe darin eine Entscheidung im Sinne nichtmonotonen Schlussfolgerns:

Das proeuropäische Lager haben wir verlassen, als wir dachten, dass du Euroskeptiker bist. Wenn du aber nicht lieferst, was wir von einem Euroskeptiker erhoffen, d.h. wenn wir uns mit dir als Proeuropäer begnügen müssen, dann gehen wir zum unvermischten Proeuropäischen zurück.

Mein Freund kann weiter sagen, dass nichtmonotones Denken kein legitimes logisches Untersuchungsfeld ist, dass es ein anderes Wort dafür ist, was die Psychologen “kognitive Dissonanz” nennen. Ich sehe hier keine kognitive Dissonanz. Nicht von ungefähr habe ich den kursivgeschriebenen “nichtmonotonen” Ansatz oben mit Konditionalsätzen formuliert.

Jede scheinbar nichtmonotone Schlussfolgerung lässt sich als ein Konditional formulieren. So formuliert erscheint sie nicht mehr inkonsequent. Das muss vielleicht ausführlicher besprochen werden aber, bis ich dazu komme, können meine logisch geschulten Leser zu Hause mit verschiedenen Beispielen üben – sie werden feststellen, dass ich Recht habe.

Es gibt vielleicht bessere Sonntagsbeschäftigungen als das Umformulieren nichtmonotoner Schlussfolgerungen in hypothetische Syllogismen. Aber für diejenigen, die keine solche haben, dachte ich, dass es nicht verkehrt wäre, wenn sie etwas tun, was ihnen viele griechische Wähler heute gleichmachen. Zwar unbewusst, aber gleich.

Und hier der Link zu den Ergebnissen direkt bei ihrer Erfassung vom griechischen Innenministerium:

http://ekloges.ypes.gr/current/v/public/index.html?lang=en#%22cls%22:%22main%22,%22params%22:

ENOUGH WITH SCROLLING

The link above is the webpage of the Greek Ministry of Inner Affairs for the results of today’s elections for the Greek Parliament in real time.

I’m not really after Greek politics – and this at least since I was relieved to hear that the Greek left abandoned its political spontaneity to accept a more reflected view on things.

Now, an old friend from Piraeus posted something about the following trend: in today’s (very) early elections, the left could lose the relative majority of the popular vote because conservative voters who voted occasionally for SyRizA in January, are returning to the conservative Nea Demokratia – a pro-European party. They thought, the left would be successful in setting Greece free from the supervision of the International Monetary Fund and the European Central Bank. But this didn’t happen.

The friend from Piraeus has been a leftist for ages. We studied together at the “Department of Philosophy, Education and Psychology” at the University of Athens and he’s angry about this trend. Because he’d be very disappointed if party whose member he is loses the elections. And he sees the “return” of the conservative Eurosceptics to the conservative party as a case of cognitive dissonance.

I don’t agree with him. What I see in the following piece of reasoning ins nonmonotonicity:

The reason we, conservative eurosceptics, didn’t vote the pro-European conservatives, was that we thought that the leftists were eurosceptics like us. But if the leftists aren’t able to deliver what we expect eurosceptics to deliver and move towards more pro-European positions, then we’ll have to return to the pure pro-Europeans.

The good friend would say, I suppose, that nonmonotonic reasoning is not a legitimate subject of deductive logic – rather another word for what the psychologists call “cognitive dissonance”. I cannot see where the dissonance lies in the pattern of reasoning which I italicized above. Just keep an eye on the conditionals.

I generally believe that every piece of nonomonotonic reasoning can be formulated with the help of conditionals and once it’s formulated thus the alleged inconsistency vanishes. This is something I’ll have to discuss more extensively elsewhere but readers of this blog who are trained in logic can exercise at home in reformulating patterns of nonmonotonic reasoning to conditionals. They’ll find out that I’m right.

Is this a nice thing to spend your Sunday with? Well, maybe it’s not the best thing to do. But since many Greek voters do the same today, mostly unconsciously of course, I thought that you’d like to try.

The meaning of allegories

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Yanis, ein weltweit bekannter Spieltheoretiker und Freund, mit dem mich unvergessliche Zeiten verbinden, geht ins Rennen als Abgeordneter für die Vouli am kommenden Sonntag, an dem ganz Europa vor dem Gespenst einer Regierung in Griechenland bangt, deren politische Plattform in der Autonomenszene und bei ehemaligen Kommunisten ihren Ursprung hat.

Und ja, er kandidiert mit SyRizA – der postkommunistischen Partei.

Ich war vor ein paar Wochen nicht überrascht, als ich es erfuhr – was aber hier nicht das Thema ist.

In dieser neuen Eigenschaft, als Kandidat – und eventuell künftiger Verhandlungsführer der neuen griechischen Regierung – wurde er von der französischen La Tribune interviewt. Folgende war seine Antwort auf die Frage, was er sich denn vorstellen kann, falls der Versuch der linken Regierung nicht vom Erfolg gekrönt wird, einen neuen Schuldenschnitt zu erwirken:

So I say this clearly: Death is preferable.

Was denn die Allegorie des Todes konkret bedeute, wollte fortan der Journalist wissen, um die Antwort zu erhalten:

The term “death” was allegorical. And like any allegory, the less said the better, and this is understandable.

In den 70er Jahren gab es in der analytischen Philosophie ein großes Gespräch über die Bedeutung von Metaphern. Max Black hatte die überkommene Weisheit verteidigt, dass Metaphern durchaus bedeutungsvoll und wahr sein können. Das tat er allerdings, so wie übrigens kontinentale Philosophen auch, an der Wahrheitstheorie vorbei. Donald Davidson mahnte, Metaphern seien stets falsch, denn sie beschreiben per definitionem nicht den eigentlichen Sachverhalt, sondern einen anderen. Z.B. wurde der Wuidschütz Jennerwein – „Ein stolzer Schütz in seinen besten Jahren wurde von dieser Erde weggefegt“ – anders als im Vers angegeben nicht mit einem Besen ermordet.

Donald Davidsons These hat was: Sie ist trocken und bitter, was nach Wahrheit schmeckt – um es metaphorisch zu sagen… Wenn sie stimmt, dann sind Allegorien oft Kategorienfehler: Delacroix’ halbnackte Frauen als allegorische Bilder der Freiheit, die Taiga als allegorische Darstellung der seelischen Leere in Tarkowskij-Filmen, der Tod als Allegorie des nächsten Tages der Greeconomics, nachdem Wolfgang Schäuble gesagt hat: “Herr Ich-kann-Ihren-Namen-nicht-aussprechen, ich möchte Ihnen nur eines sagen: Einen Schuldenschnitt gibt es nicht und Sie machen jetzt was Sie wollen“: alles eine Vermengung von gegenständlichen Bildern und abstrakten Begriffen. Kategorienfehler!

Vielleicht ist es – wie Yanis andeutet – plump, à la Davidson darauf hinzuweisen, dass Allegorien Kategorienfehler sind. Das heißt allerdings nicht, dass Allegorien ohne Erklärung bleiben sollen. Der Dichter erklärt z.B. die Todesallegorie folgendermaßen:

Der Tod sind die Dohlen, die zappeln
An den schwarzen Mauern und auf den Ziegeln,
Der Tod sind die Frauen, die sich lieben lassen,
So nebenbei wie beim Schälen der Zwiebeln.

Der Tod sind die dreckigen, schäbigen Straßen
Mit ihren großen, illustren Namen.
Der Olivenhain, das Meer und auch
Die Sonne, ein Tod jenseits von des Todes Rahmen.

Stützpunkt der Prevesa-Wache – sechzig Mann,
Am Sonntag spielt die Militärkapelle schön gereiht.
Ein Sparbuch habe ich mir zugelegt
Und es mit dreißig Drachmen eingeweiht.

Kostas Karyotakis, Prevesa, 1928.

 Griechische Fahne

Yanis is an internationally renowned game theorist and a friend with whom I’ve had unforgettable times. And he runs for MP. He wants to be a member of the Vouli in next Sunday’s general elections in Greece.

And, yes, he’s a candidate of SyRizA, the leftist party which evolved out of the reformist Communist Party of Greece to become the favourite of the anarchist communities of Athens and to promise the middle class to reset Greece and the whole of Europe to the status quo anteviz. ante crisin!!!

I wasn’t surprized when I learned it a few weeks ago – but this is here not the issue.

As a candidate and probably the future chief-negotiator of the new Greek government he was asked in an interview with the French daily La Tribune what will happen if no (new) agreement between Greece and the troika is reached. Yanis replied:

So I say this clearly: Death is preferable.

The journalist wanted to know what the death allegory means, to receive the following answer:

The term “death” was allegorical. And like any allegory, the less said the better, and this is understandable.

In the 70s there was in analytic philosophy a huge debate on the meaning of metaphor. Max Black supported the received wisdom according to which metaphors are meaningful and can be true. Like this of Continental philosophers Black’s position was with no reference to the theory of truth. Donald Davidson tried to change this. He urged that metaphors are always false since they describe by definition something which should not be properly described thus. Bob Dylan never felt really like a rolling stone: he’s not a stone even when he rolls!

I do like Davidson’s approach. To say it metaphorically, it’s dry and bitter and I suppose that this is exactly the aftertaste of true words. If Davidson’s view is correct, allegories are often category mistakes. The half-naked women who stand (up) for freedom in Delacroix’s paintings, the taiga as an allegory for emotional emptiness in Tarkovsky’s movies, death as an allegory of the no-agreement’s next day in Greeconomics – all of them are category mistakes which consist in mixing up abstract universals with concrete individuals.

But even if it’s dull as Yanis insinuates to take them to be all mistaken, allegories are by no means to remain unexplained. I’m thinking of the poet’s explanation of the death allegory:

Death are the jackdaws bashing
against the black walls and roof tiling,
death are the women being loved
in the course of onion peeling.

Death the squalid, unimportant streets
with their glamorous and pompous names,
the olive-grove, the surrounding sea, and even
the sun, death among all other deaths.


Base, Guard, Sixty-man Prevezian Rule.
On Sunday we’ll listen to the band.
I’ve taken out a savings booklet,
my first deposit drachmas thirty one.

Kostas Karyotakis, Preveza, 1928.