Raum und Vergangenheit

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Das Paradox der unerwarteten Exekution ist sehr bekannt. Es läuft so: Zu Tode Verurteilter erfährt am Sonntag, dass er A. an einem Werktag der anbrechenden Woche exekutiert wird, allerdings B. unerwartet: Am Vortag seiner Exekution soll er nicht wissen dürfen, dass er am nächsten Tag sterben wird. Frohen Mutes verkündet er, dass er nicht exekutiert wird.

Denn am Freitag kann er nicht exekutiert werden: Wäre der Donnerstag erreicht, dann wüsste er, dass er am Freitag exekutiert würde, aber das darf nicht sein, also nicht am Freitag. Wäre aber der Mittwoch erreicht, dann wüsste er, dass der Donnerstag der einzige in Frage kommende Exekutionstag ist – der Freitag darf es ja nicht sein – aber dann wüsste er bereits am Vortag, dass seine Exekution bevorsteht.

Kurz lässt sich mit Rekursion über alle Elemente der Reihe Freitag bis Montag leicht beweisen, dass er nicht exekutiert wird.

Das ist natürlich paradox, denn aus der Montagsperspektive kann der Häftling natürlich am Mittwoch etwa exekutiert werden. Wer weiß, innerhalb der nächsten 80 Jahren sterben zu müssen, und auch noch damit rechnet, bis vor seinem letzten Moment seines Todes nicht bewusst zu werden, kann damit nicht die Behauptung geltend machen, er würde womöglich gar nicht sterben.

Entsprechend ist der Fall des Flugzeugs, in dem die Regel gilt, die Rückenlehne nicht nach hinten zu drücken, es sei denn, der Fluggast hinter einem kann ausweichen. Das können wohlgemerkt die Fluggäste der letzten Sitzreihe nicht. Ist diese die 31, dürfen nur die Passagiere der Reihe 30 die Rückenlehne nicht in die Liegendposition stellen, alle anderen aber schon.

Alle anderen schon? Wie sollen sich denn die Passagiere der Reihe 29 gegenüber denen der Reihe 30 verhalten, die nach den Spielregeln eventuell ebenfalls nicht ausweichen können?

Ich erspare dem Leser die Einzelschritte. Wie man sieht, kann mit Rückwärtsinduktion gezeigt werden, dass niemand im Flieger die Rückenlehne zurückstellen darf. Und mit Vorwärtsinduktion?

Mit Vorwärtsinduktion eigentlich auch! Was ist passiert? Gilt im Flieger etwas anderes als in der Exekutionswoche?

Der springende Punkt ist das Unwissen bei der Vorwärtsinduktion in der Exekutionswoche. Dieses Unwissen besteht im Flieger selbst bei der Vorwärtsinduktion nicht – und bei der Rückwärtsinduktion in keinem Fall. Sobald der (nicht kurzsichtige!) Fluggast in der ersten Reihe nach hinten guckt, weiß er, dass er lauter Leute hinter sich hat, die eventuell nicht ausweichen können.

Er betrachtet freilich einen Raum, nicht die Zeit.

Der zu Tode Verurteilte schaut dagegen auf die Zeit und stellt fest, dass sie vorwärts betrachtet eine epistemische Ungewissheit zulässt, die sie rückwärts nicht zulässt. In die Vergangenheit gucken, ist wie die Raumanschauung: durchdeterminiert.

In die Zukunft gucken, ist anders. In die Zukunft gucken wir stets mit einer gewissen Kurzsichtigkeit.

Wer nach Argumenten gegen den Determinismus sucht, mag die Dysanalogie zwischen dem Flugzeug und der Exekutionswoche passend finden. 

Vielleicht nicht direkt, um die Willensfreiheit zu begründen. Allerdings, um die Inadäquatheit der inversen (und durchdeterminierten) Induktion für den Begriff Zukunft aufzuzeigen.


Enough with scrolling

The paradox of the unexpected execution is very well known and has been often – however not exhaustively – described.

The plot is the following: the convicted learns on Sunday that his execution will be during next week on a working day and he will only know that he will be executed only on the very day of his execution. I.e. he will not know beforehand that the next day will be the last day of his life. This is what makes him say that according to the rules he will not be executed. And he has an argument for this.

He cannot be executed on Friday because this would be equivalent to his knowing on Thursday that the next day will be his last. But he cannot be executed on Thursday either since, Friday being out of question for the aforementioned reason, on Wednesday he would know that the next day will be his last – and so on until Monday…

The paradox here consists in the fact that, without the inverse induction, you can execute him on, say Tuesday. In fact, every one is certain to die and some of us will not realise so until the very last moment. But this would not justify the last to believe that they would never die.

Also puzzling is the following fact: inverse induction brings forth a similar situation in an airplane in which you have the rule not to lean back with your seat unless the person behind you would avoid your tipping at his nose with the top of your head. Since the last tow (say 30) would not be able to avoid the leaning-back passengers of row 29, 29 may not lean back. But then also 28 may not lean back since 29 behaves like having seats that couldn’t lean back and so on until the first row.

Now, unlike the case of the execution week, in the airplane you realise that you can’t lean back by inverse induction and by looking towards the tail. By just watching, you immediately realise that the rule does not allow you to lean back – provided you’re not myopic.

In an airplane you observe a space, not a time – and this is what makes the big difference between the execution week and leaning back in the plane. We‘re myopic when we observe the vector of time, not however when we observe space or make inverse induction in time.

If you look for an argument against determinism, this is it. Even if the paradox of the unexpected execution does not directly pertain to the freedom of will, it shows that the deterministic, non-myopic view of inverse induction is not adequate to capture our intuition of futurity.

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It was about time

Scroll for English until just after the German word: „Einzelbeiträge“

Dem von mir herausgegebenen Band Time and Tense, der seit dem 15. Mai im Handel erhältlich ist, ist eine lange Vorbereitungszeit vorausgegangen. Es war höchste Zeit, dass er herauskommt. Meine Leser werden natürlich keine Rezension hier erwarten – vom Herausgeber selber, Gott behüte! Ich verrate hier nur meine persönliche Perspektive und eine Liste der Einzelbeiträge.

Hans Burkhardt wollte mich einen Band herausgeben lassen, der einen eher klassischen Schwerpunkt der Philosophie der Zeit haben würde. Bas van Fraassen hatte sich 1970 in seinem mittlerweile legendären Buch An Introduction to the Philosophy of Time and Space den klassischen Fragen der Zeitphilosophie gestellt. Das wollte ich auch – das machte ich ja bereits in meiner Habilitationsschrift. Ich nahm mir ein modernisiertes, vierhundert Seiten langes Remake des Formats von van Fraassens Buch vor, wenigstens zur Hälfte, d.h. minus die Philosophie des Raumes, und bat Bas darum, die Einleitung zu schreiben und unsere Texte zu kommentieren. Das hat er ausgiebig getan und ich bin ihm unendlich dankbar dafür. Man könnte sagen, dass die Zeitreisenproblematik und die Zeitmereologie im Band zu kurz kommen, aber die Zeitreise gehört nicht zum klassischen Rahmen der Zeitphilosophie und zur Zeitmereologie wird mehr als genug, auch aus meiner Feder, im Handbook of Mereology stehen, das ich beim selben Verlag mitherausgebe. In der Managementsprache heißt es „Kannibalismus“, wenn der Verkauf eines eigenen Produkts den Verkauf eines anderen eigenen Produkts beeinträchtigt. Dass es zu so etwas nicht kommt, darauf achte ich. Ein Fabrikantensohn bleibt Fabrikantensohn auch am Ende seines siebten Jahrsiebts. Abgesehen davon halte ich das „Salamipublizieren“ für den typischen Ausdruck einer kleinbürgerlichen Einstellung in der Wissenschaft und verachte es entsprechend.

Zwischen dem vorderen Deckblatt und den Abstracts, den Kurzbios der Autoren und einem Index stehen folgende

Einzelbeiträge:

  • Bas C. van Fraassen, Introduction
  • Miloš Arsenijević, Avoiding Logical Determinism and Retaining the Principle of Bivalence within Temporal Modal Logic: Time as a Line-in-Drawing
  • Allan Bäck, The Reality of the Statement and the Now in Aristotle
  • Hans Burkhardt, Aristotle on Memory and Remembering and McTaggart’s A-Time and B-Time Series
  • Stamatios Gerogiorgakis, Late Ancient Paradoxes concerning Tense Revisited
  • Sonja Schierbaum, Ockham on Tense and Truth
  • Hylarie Kochiras, Newton’s Absolute Time
  • Christina Schneider, Monads, Perceptions, Phenomena – Leibniz on Space-Time
  • Oliver Thorndike, Kant’s Philosophy of Time in the Transcendental Aesthetic
  • William Lane Craig, Bergson Was Right about Relativity (well, partly)!
  • Brigitte Falkenburg & Gregor Schiemann, Too Many Conceptions of Time? McTaggart’s Views Revisited
  • Nikos Psarros, The Ontology of Time – A Phenomenological Approach

This is a list of the contributions for the volume Time and Tense, edited by myself and available since May 15th. For years I’ve been preparing it and it was about time for it to be released and it’s about time – period! Of course I’ll not discuss the volume here since I am – for God’s sake – the editor. I’ll just give you a personal note.

Hans Burkhardt said back in 2010 or something that the volume should have a classical setting. I liked this and, as a matter of fact. my habilitation thesis is a discussion of the classical problems of the philosophy and logic of time as conceived by the medievals. In 1970, Bas van Fraassen had addressed the classical problems of the philosophy of time in his legendary Introduction to the Philosophy of Time and Space and so I thought that it would be a good idea to have scholars collectively remake van Fraassen’s attempt, at least the half of it, i.e. minus the philosophy of space, and to ask Bas to comment on our texts, a wish he abundantly fulfilled. God bless him for this, I’m really grateful to him. Time travel and the mereology of time are not very widely discussed in the book, that’s true; but: time travel is not a classical problem and the mereology of time is discussed – also in texts written by me – in the Handbook of Mereology I’m co-editing for the same publishing house. In the language of management it’s called „cannibalism“ when you launch a product that sells well but diminishes the demand of another product of you. A son of a factory owner, I had to remain faithful to the values of my family at the eve of my seventh septennial, when I delivered the manuscript. OK, there are many folks out there who make salami publications because they realise that academic publishing is different than other business. I consider salami publications to be petty-bourgeois. Not my cup of tea…

 

Time and Tense


Buy it, read it, propagate it:

https://portal.dnb.de/opac.htm?method=simpleSearch&cqlMode=true&query=idn%3D1097408434

Of zeros and nows

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Marta, meine Ältere, fragte mich heute, ob Jesus im Jahr 0 zur Welt kam. Kommt es nun darauf an, zwischen wahr und falsch zu unterscheiden, dann ist „nein“ wohl eine angemessene Antwort. Allerdings sind Fragesteller, Kinder oder Erwachsene, in der Regel nicht daran interessiert, irgendwas Wahres von irgendwas Falschem zu unterscheiden, sondern sie wollen bestimmte Zwecke erfüllen. Antworten, die über diese pragmatische Komponente des Fragestellens hinwegsehen, laufen Gefahr, nutzlos oder zu detailliert zu sein.

„Jesus wurde im Jahr 6 vor unserer Zeitrechnung geboren und es gibt kein Jahr 0“ klingt wiederum angemessen, zieht allerdings eine Vielzahl an weiteren Fragen nach sich. Gut, Kinder können verstehen, dass ein Geschichtsschreiber des Mittelalters sich um 6 Jahre irrte, als er die Geburt Christi datieren wollte.

Aber warum gibt es kein Jahr 0? Nun, eine Antwort könnte sein, dass es zweckmäßig ist, die Weihnachten des Jahres 1 nach Christus genau ein Jahr und nicht zwei Jahre nach Christi Geburt festzulegen. Ebenfalls zweckmäßig erscheint es, wenn der 1. Januar des Jahres 1 vor Christus ein Datum ungefähr ein Jahr und nicht ungefähr zwei Jahre vor Christi Geburt ist. Beides kann nur erzielt werden, wenn es kein Jahr 0 gibt.

Aber wie kann man den Umstand erklären, dass es keinen Tag oder keine Stunde 0 gibt? Nun, einerseits ist so etwas vor dem Hintergrund der Lehre des Aristoteles in der Physik 218 a gut nachvollziehbar: Dort sagt der Philosoph, es gebe eine lange Vergangenheit, ebenfalls eine lange Zukunft, aber die Grenze zwischen Vergangenheit und Zukunft sei ein Jetzt ohne Umfang, ohne Dauer. Wollte das Mittelalter den Anfang unserer Zeitrechnung als ein besonders herausragendes Jetzt auszeichnen, dann sollte dieses Jetzt ohne Umfang sein.

Allerdings hätte jeder Aristoteliker gleichzeitig gewusst, dass Aristoteles oft keine ultimative Doktrin mit absoluter Gültigkeit verkündet. Im Gegenteil machte Aristoteles des Öfteren seine Theoriebildung davon abhängig, welche Zwecke durch die Erkenntnis erfüllt werden. Während die Topik zum Teil für Leser bestimmt ist, die vor einem politischen Gremium argumentieren wollen, stellt sich die Analytik dagegen die Aufgabe, den Leser zur Verteidigung einer Gelehrtenmeinung gegenüber Gelehrten zu befähigen.

Aristoteles‘ Lehre von der Zeit verstehe ich als eine enzyklopädische Präsentation mit folgenden Schwerpunkten: Ein Mathematiker sollte die Zeit als bestehend aus einer sich nach hinten ins Unendliche erstreckenden Vergangenheit und aus einer sich nach vorne ins Unendliche erstreckenden Zukunft verstehen. Aber die Gegenwart sollte er als eine umfanglose Grenze zwischen Vergangenheit und Zukunft verstehen. Nun beschäftigt sich der Mathematiker mit dem potenziell Unendlichen und dem potenziell Infinitesimalen als einem Reich, in dem das Phänomen der Bewegung unbekannt ist – man denke hierbei an Zenons Paradoxien. Anders als der Mathematiker beschäftigt sich der Physiker ausschließlich mit der Bewegung: mit einer endlichen Vergangenheit, einer endlichen Zukunft und einem Bereich, eher einer Pufferzone als einer Grenze zwischen ihnen ähnlich, der konventionell „jetzt“ genannt wird.

Gerade diese allerletzte Vorstellung war sehr beliebt im Mittelalter – erwartungsgemäß, wenn man an den Glauben an Schöpfung und Jüngsten Tag denkt. Vor dem Hintergrund dieser Vorstellung hätten die mittelalterlichen Historiker durchaus eine Zeit null postulieren können. Ich kann mir aber auch vorstellen, dass es verwirrend für sie war, Aristoteles einerseits als die größte Autorität anzuerkennen, ihn andererseits als jemanden kennenzulernen, der die Fragen „Was weiß ich?“ und „Welchen Zweck will ich damit erfüllen?“ als zusammenhängend betrachtete.

Es bleibt bis dato irreführend! Stewart Shapiro, Geoffrey Hellman und Øystein Linnebo arbeiten über eine Geometrie im Geiste des Stagiriten. Die besagte Geometrie verzichtet auf aktuelle Unendlichkeit und Punkte, aber die Grenzen zwischen angrenzenden Strecken haben keinen Umfang. Das ist – Entschuldigung! – ein Durcheinander. Ein Aristoteliker muss zweierlei raten: Mathematikern muss er nahelegen, Pythagoreer und Platon zu lesen, Physiker muss er dagegen mahnen, alles, was sie in Geometrie über den Begriff Grenze lernten, zu vergessen. Aristotelische Mathematiker sind Platoniker; aristotelische Physiker sind Finitisten.

Während seines Vortrags am 18. Dezember 2014 in München betrachtete Shapiro sein Publikum kritisch und behauptete: „Ich meine, dass unsere Theorie aristotelisch ist, aber es gibt im Publikum keine Aristoteliker!“

Ganz und gar nicht! Aristoteles misfielen ultimative Ergebnisse, die an den Zwecken vorbei formuliert wurden, die diese Ergebnisse erfüllen sollen. Ein Formalist sieht das als Verrat an der Mathematik an. Ich glaube allerdings, dass die Mathematik wie die Pädagogik, die Politik  etc. die mit der Theorie zu erfüllenden Zwecke mit einbeziehen sollte.

Mit dieser Meinung bin ich in der ausgesprochen guten Gesellschaft von Aristoteles und meiner Tochter Marta.

nows

My daughter Marta asked me today if Jesus was born in the year zero. If you’re interested in giving the correct information you just answer „no“. However, children – and people in general – don’t raise questions just in order to get a correct information. They raise questions in order to serve their purposes. If you answer regardless of this pragmatic constraint then the danger is that the answer is either inadequate or too detailed.

„Jesus was born in the year 6 BC and there is no year 0“ sounds adequate – but it invites innumerable questions. Of course, children can understand that some medieval historian made a mistake when he determined Jesus Christ’s birth 6 years later.

But why isn’t there a year 0? Well, an answer could be that we want the Christmas of the year 1 AD to be one year after Christ’s birth instead of two and we want the 1st of January of the year 1 BC to be roughly one year before Christ’s birth instead of – again – two. This can be achieved only if we don’t have a year zero.

In fact, there is no day zero or hour zero. This doesn’t come as a surprise if you have read Aristotle’s Physics 218a where the philosopher appears to argue that there is an extended past and an extended future, but the present, which he thought to be the limit between the past and the future, has no extension. If the medievals wanted the beginning of our chronology to be a very special „now“, then this „now“ should be without extension.

However, a good Aristotelian knows that Aristotle often gave no ultimate answer as to what we would call today a-state-of-the-art knowledge on a topic. Instead, he often made his answers dependent on the purposes which knowledge serves. Parts of the Topics are written for people who formulate arguments to be presented in political assemblies, but the Analytics are written for people who want to persuade scholars.

I understand Aristotle’s views on time as an encyclopaedic framework stating the following: for a mathematician, time consists of a past which is backward infinite, and of a future which is forward infinite, the limit between past and future being an extensionless now. But mathematics is the realm of the potentially infinite and the potentially infinitesimal. Mathematics does not describe movement – Zeno’s paradoxes being the best witness to this. By contrast, physics describe nothing but movement: a finite past and a finite future and a vague time segment between them – a buffer zone rather than a limit – misleadingly also called „now“.

The medievals were fond of the latter view for reasons which had to do with their bias in favour of creation. In this sense, it’s rather strange that they didn’t postulate a time zero – and an extensive one. I suppose that it was irritating for them to realize that their greatest authority was a liberal who encouraged them to see knowledge as depending on the purposes which one serves with it.

And it’s still irritating! Stewart Shapiro, Geoffrey Hellman and Øystein Linnebo work on a geometry which is supposed to be Aristotelian in spirit. It has no actual infinity, no points, but it has limits between adjacent line segments. To my understanding of Aristotle, this is a hodgepodge. Aristotle would advice two different things: he would advice mathematicians to read the Pythagoreans and Plato, but he would advice physicists to forget about limits. The Aristotelian mathematician is a Platonic; the Aristotelian physicist is a finitist.

Shapiro, in his lecture on December 18, 2014 in Munich looked at the audience and assumed: „I say that my account is Aristotelian but there are no Aristotle people here!“

No, it’s not Aristotelian. Aristotle didn’t launch an ultimate doctrine regardless of the purposes which the doctrine serves. But to state this, is for formalists to stop talking mathematics. For me, however, in mathematics, like in pedagogics, in politics etc. the purposes which the person who raises a question wants to serve must be taken into account.

And for Aristotle too. And for my daughter Marta.

Wozu Zeit nützt

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Eine nette Folgerung aus Kants Lehre von der Zeit ist, dass wir es nicht merken würden, wenn die Zeit auf der Makroebene – anders als auf der Mikroebene – ungleichmäßig verlaufen würde. Das ist auch die Pointe dieses Beitrags, die sich allerdings nur über Ecken entdecken lässt. Wegen der gebotenen Kürze will ich die Gedanken nicht weiter ausführen. Hier sind sie:

Sie muss in den 50ern angefangen haben, die Gewohnheit der Athener, der Belgrader und sonstiger Städter des europäischen Südostens, den Morgenkaffee köcheln zu lassen und zwischenzeitlich etwas anderes zu erledigen. Dabei ist der orientalische Kaffee für großstädtische „jede-Sekunde-zählt“-Hektik ungeeignet. Er tendiert dazu überzuschäumen und zwar in gewaltigen Mengen. Aber Großstadt ist Großstadt. Man besorgte ein größeres briki, so dass der Kaffee den Rand beim besten Willen nicht erreichen konnte, und orientierte sich beim Packen der Brotzeit für die Kinder nach dem Gehör: Kam ein Wuu-uuu-usch von der Herdplatte, dann hieß das, dass der Kaffee aufkochte. Das brachte ein Problem mit sich: Da bei der Kaffeezubereitung im briki der Kaffee im Kaffeewasser kocht, ist das Getränk nach dem Aufwirbeln voll mit Kaffeepulver. Die Ablösung der Handmühle durch die elektrische Kaffeemühle, die eine extreme Feinmahlung erlaubte, hat dieses Problem schließlich gelöst.

Mit Philosophie der Zeit habe ich mich viel beschäftigt. Weniger allerdings mit der Soziologie der Zeit. Eigentlich sollten beide Bereiche etwas gemeinsam haben, denn die Philosophie der Zeit beschäftigt sich mehr mit der erlebten Zeit, weniger mit der Zeit der Physik. Die Zeit ist für die Philosophie vordergründig das, was temporalisierte Aussagen der Alltagssprache zum Ausdruck bringen, nicht die physikalische Größe. Jedenfalls habe ich mir über die philosophische Dimension der Soziologie der Zeit nie besonders Gedanken gemacht. Zu solchen Gedanken brachte mich jüngst eine Freundin.

Bevor sie mich zu diesen Gedanken brachte, hatte mir Sharona vor wenigen Monaten ein briki aus Jerusalem gebracht – kein besonders großes, muss ich sagen. Ich benutzte bisher lieber ein größeres. Wie jeder Großstädter mache ich immer was nebenher, wenn der Kaffee kocht, und orientiere mich nach dem Gehör, wenn mein Ristretto seinen Platz auf dem Tisch an einen Mokka abgeben muss.

Als Sharona gern Kaffee in unserer Küche zubereiten wollte, gab es sowieso keinen Mokka zu Hause. In Deutschland findet man fast ausschließlich Kaffee der großen griechischen und türkischen Kaffeeröstereien, d.h. mild gerösteten Mokka, selten die starken Mokka des Mittleren Ostens und des Balkans, die ich schon seit meiner Athener Zeit trinke. Was ich noch da hatte, waren Espressobohnen. Wegen ihrer Röstung zwar genau das richtige, aber ohne eine professionelle elektrische Kaffeemühle bereitet man insbesondere heute wie gesagt keinen orientalischen Kaffee zu.

Sharona wollte nahelegen, dass sie das Problem lösen kann: „Alles hat mit der Zeit zu tun“.

– Selbstverständlich…

– Und die Zeit hat mit Geduld zu tun.

Sie mahlte die Espressobohnen mit der Handmühle und geierte über dem Kaffee, ohne „diese Zeit zu nutzen“. Sie wartete geduldig ab und kurz BEVOR der Kaffee hochschnellen konnte, hat sie ein paar Tropfen kaltes Wasser in das Getränk hineingegossen. Der Kaffee ging schlagartig zurück und nach einer Minute ging es wieder los. Sie blieb wachsam und absorbiert von ihrer Aufgabe und nahm das briki von der Herdplatte wieder BEVOR das Getränk hoch ging.

Einerseits, eine vergeudete Zeit. Wir hätten einen Ristretto stattdessen haben können.

Aber können wirklich die insgesamt fünf Minuten, die wir nicht anderweitig nutzten, als „vergeudete Zeit“ gelten?

Briki

Kant’s theory of time implies that if time would pass non-uniformly on the macrolevel but uniformly on the microlevel, we wouldn’t notice it. This is the point of this posting. To remain brief, I wouldn’t elaborate much, though. These are my thoughts:

I assume that it was in the 50s when the population of Athens, Belgrade and other cities of Southeastern Europe started to put the coffee to boil and did something else in the meantime. NB, oriental coffee is not appropriate for the „every-second-is-valuable“-attitude. It foams and foams over the edge of the briki just in the moment you happen to look away. But this is how living in the city is. People bought a bigger briki, so that the edge would be too high for the coffee to foam over the edge and when a woo-ooo-oosh came from the stove it was ready. Boiling, however, resulted to coffee sediment whirled all over the drink; resulted to an undrinkable coffee. This problem was solved by the electric coffee mill which enabled an extremely fine grinding of coffee to make the particles practically unnoticed.

I have occupied myself with the philosophy of time. The sociology of time has never drawn my attention although these two subjects have much in common. Philosophy of time has, for example, more to do with the experience of time than with the time of physicists. Time is for philosophy the thing expressed by tensed sentences of natural languages, not just a vector in physics. The other day, a friend made me make thoughts on the relationship between the philosophy and the sociology of time.

Sharona gave me a few months ago a briki from Jerusalem – not a big one… Since I always look away and only rely on my ears when my oriental coffee boils (I come from a big city after all) I hadn’t used it. Additionally, though genetically a Greek, whenever I haven’t had the opportunity to buy black-roasted Arabic or Balkan oriental coffee I don’t buy one. The mild, Turkish and the Greek roasting gives coffee a sour taste. Since my time as a student in Athens, I’ve been preferring the oriental coffee which Lebanese or Yugoslav friends brought me. In Germany, however, it’s hard to find anything else but the standard (sour and mild!) brands from Athens or Istanbul.

Now, Sharona wanted to use the briki she had bought me in Jerusalem. But I had only unground espresso here. Quite the roasting we needed, of course, but, as I said, without a professional electric mill – not my beer.

So, Sharona explained that she can solve the problem: „Everything has to do with time“.

– Quite my opinion…

– And time has to do with patience.

She observed carefully the surface of the coffee and didn’t „use her time“. She awaited and just seconds BEFORE the drink could go up she took the briki from the heat. She poured some drops water in it and she repeated this procedure until seconds BEFORE etc.

In a sense it’s time lost. We could have had a ristretto instead and washed some dishes in the meanwhile.

From another point of view though, five minutes is a time too short to be lost.

Gottlob Frege und Christian Morgenstern

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„Der Morgenstern ist der Abendstern“ lautet Gottlob Freges unsterbliches Beispiel, das verdeutlicht, warum die Gleichsetzung bedeutungsgleichher aber sinnungleicher Ausdrücke wichtig ist: Im Gegensatz zum trivialen Satz „Der Morgenstern ist der Morgenstern“ ist die Gleichsetzung von Morgenstern und Abendstern informativ. Ersteres ist in bezug auf alles der Fall, was „Morgenstern“ heißt. Letzteres ist etwa für den Planeten Venus der Fall, nicht aber für Menschen, die „Morgenstern“ heißen.

Bereits der frühe Februar kündigt schüchtern den Frühling an. Die Wolken lassen den Blick immer mehr durch. Das ist kein Themawechsel, denn vor Kurzem hat mir der milde, ausgehende Winter vor Augen geführt, dass Freges Beispiel schlecht gewählt ist. Der Winter und eine Tochter, die heute abend fragte:

– Papa, was ist dieses Licht?

– Der Abendstern.

Obwohl ich nun die Information besitze, um von der Sinnungleichheit von „Morgenstern“ und „Abendstern“ abzusehen, fiele mir unter keinen Umständen ein, meiner Tochter „der Morgenstern“ zu antworten! Der Grund: „Morgenstern“ und „Abendstern“ sind in Wirklichkeit gar nicht bedeutungsgleich. Sie bezeichnen zwei völlig verschiedene Dinge: verschiedene „Zeitscheiben“ des Planeten Venus; „Scheiben“, die nicht miteinander gleichgesetzt werden können. Das ist ein Fall für den Perdurantismus

Es sei denn, man verstellt sich, nicht zu merken, dass die Zeit vergeht. Es gibt dazu einen ebenso wie das Fregesche Beispiel unsterblichen Trick Christian Morgensterns:

Es gibt ein sehr probates Mittel,

die Zeit zu halten am Schlawittel:

Man nimmt die Taschenuhr zur Hand

und folgt dem Zeiger unverwandt.

Fregestern

Since Gottlob Frege we know that the main difference between „Phosphorus is Phosphorus“ and „Phosphorus is Hesperus“, NB the fact that the former statement is uninformative whereas the latter contains information, is due to the fact that „Phosphorus“ and „Hesperus“ have the same reference but different meaning.

Clear skies and some glimpses of the spring were February’s presents to the Bavarian weather this year. I’m not changing the subject! Without clear skies our elder daughter wouldn’t have asked me a few hours ago this evening:

– What’s this light, dad?

– It’s Hesperus.

Of course, the information to make me see Venus in Phosphorus and in Hesperus is available to me. I.e., since I know that every time I perceive Phosphorus I perceive the planet Venus and every time I perceive Hesperus I perceive the planet Venus, I have a serious reason to disregard the difference in meaning of the two terms. However, for nothing in the world would I reply to my daughter that the light was Phosphorus. The reason for this is that „Phosphorus“ and „Hesperus“ haven’t an identical reference after all. „Phosophorus“ and „Hesperus“ are two completely different things. The former is the planet Venus in the mornings and only in the mornings. The latter is the planet Venus in the evenings and only in the evenings. Phosphorus and Hesperus are totally different time parts (slices) of the planet. They are a case for perdurantism

Frege’s example wasn’t a good choice!

Of course, you can pretend that you didn’t notice that „Phosphorus“ and „Hesperus“ denote time parts because you never notice that time passes. Christian Morgenstern, the poet whose name is the German word for „Phosphorus“ (but not the German word for „Hesperus“) introduced a trick for this. A trick as immortal as Frege’s example. Here it is:

There’s a quite reliable mode,

To grab time by the throat:

With pocket watches you exercise

to turn the watch counter-clockwise.

The Shadow of the Hours

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Von deinem Leben hast du erzählt

Und vom Verlust der Jugend

Von uns’rer Liebe, die beweint

Selbst ihren eig’nen Tod,

Und während feucht die Augen

Beleuchtete ein Schein

Kam durch das Fenster, das auf war,

Lachend die Sonne rein.

Kostas Karyotakis (1921) – übersetzt von mir – Stamatios Gerogiorgakis

Gläser

You told me about your life,

about the loss of youth,

about our love which cries

upon its own death,

and while in your eyes,

the hint of a tear glinted

briefly, through the open window

bright sunlight entered.

Kostas Karyotakis (1921) – translated by W.W. Reader/K. Taylor