To vapóri

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Gäbe es eine eigenständige euböische Literatur, dann wäre Jannis Skarimbas ihr Ludwig Thoma und ihr Johann Peter Hebel. Das in seiner volkskundlichen Phase. Später wurde er zum ersten griechischen Surrealisten. Noch etwas später wollte er eine Art Historiker sein, der für eine KP-engagierte oral history eintritt. Diese dritte Phase möchte ich außer Acht lassen, da sie sehr schwach und qualitativ schlecht ist. Die zweite birgt Überraschungen in sich. Denn wie kann ich es sonst nennen, wenn zwanzig Jahre vor Thomas Nagels “What is it like to be a Bat?” der Satz geschrieben wird: “Wie wäre es, wenn wir sehsinnmäßig springen und bewegungsmäßig sehen würden?” Skarimbas genoss kein Philosophiestudium und trotzdem wies er auf einen Zusammenhang hin zwischen Intentionalität einerseits und Kategorien bzw. Kategorienfehlern andererseits.

Es ist ausgerechnet die erste Phase, aus der ich unten übersetzte. Das Gedicht, zunächst 1936 erschienen, tendiert zur Volkspoesie, was sich in der Wortwahl (so ist z.B. vapóri statt karávi oder plío zum Schiff ein “Euböismus”) und der Hafenszenerie manifestiert. Es ist nicht im Sinne des Propagierens der Heimatliteratur meiner Insel, wenn ich ihn übersetze. Eher halte ich es für eine Ungerechtigkeit, dass er unübersetzt und unbekannt bleibt. Vor allem würde der Roman seiner volkskundlichen Phase To thío tragí (Heiliger Ziegenbock) mehr Aufsehen verdienen. Der Hauptcharakter darin, ein Negativbild von Nietzsches Zarathustra, ist ein areligiöser Provinzler – mit mystischen Zügen, wenn es ihm gerade passt – gleichzeitig Gedichte schreibender Stallmeister, der zum Schluss die Ehefrau seines Arbeitgebers ins Bett kriegt. Um das Tragí zu übersetzen, bräuchte ich sehr viel Freizeit, die ich nicht habe. Wenigstens ein Gedicht und wenigstens etwas von dessen Versmaß und Reim hinüberretten. Für Kommentare wäre ich dankbar.

Das Dampfschiff
Schleichend wurde es spät und gleich noch trüb und trüber// 
blaulich wie 'ne Wolke voller Druckerschwärze.// 
Mitten im Dunst kam er bedrohlich rüber,// 
lief in den Hafen ein sachte an die Ankerplätze.// 

"Der Dampfer", sagte ich und zwar erschrockener Seele.// 
Siehe da: das Geisterboot, doch siehe!// 
Wen wohl kam es zu packen an der Kehle// 
böse, gehässig wartend unten hier?// 

Furchtsam war mein Mut und mit allem Bangen// 
schwarz der Verdacht, den ich hatte in meinem Herzen.// 
Offenbar würde ich unbekannt gelangen// 
weit außerhalb der Weltengrenzen.// 

Ach wie unglücklich weinte ich nachtsüber frei,// 
alle Vorbereitungen des Hades um zu treffen,// 
als das Dampfschiff am ganzen Leib rülpste mit Geschrei -// 
blinde Hyäne von denen, die im Dunkeln kleffen.// 

Morgens sah ich es nicht. Im Wasser zog sich ein Strich,// 
einer, der sich mit dem Himmel vereinigte// 
sich schlängelnd nur, wohin dies Schiff -// 
den Kurs von meinem Dampfschiff zeigte.// 

Nun sogar noch trauriger öffne ich meine Seele.// 
Bitter lamentiert's in meinem Herzen.// 
Ach, was für eine Chance ist die, die, wie man sagt, mir fehle// 
zu fliehen außerhalb der Weltengrenzen.


Enough with scrolling

If there were a literature called Euboean, Yannis Skarimbas would have been its Seán O’Faoláin without the nationalism.

This was in his ethnographic phase. Later, he became the first to write surrealistic prose in Greek. Then he went into historiography to write in a manner reminiscent to oral history and favouring the Communist Party of Greece.

This third phase is the weakest of all and I will not dwell on it. The second can be surprising. Thirty years before Thomas Nagel’s “What is it like to be a Bat” you have an author who wonders what it would be like to jump seeingly (sic) and to see jumpingly (sic). Even if this is a way to play with the possibilities a language offers, one that unluckily resulted to gibberish talk, Skarimbas shows that there is a connection between intentionality and the proper use of categories as opposed to category mistakes.

My following translation of a piece of his folk-tune-like poetry is not due to nostalgic mood, me poor guy earning my daily bread in Switzerland instead of fishing at the Euboean shores. Rather, I find it unjust that he remains untranslated and unknown. For example his novel Holy Goat – its main character is like a negative film of Nietzsche’s Zarathustra – deserves a translation which would demand much more time than I have. Below, I am translating a poem first released in 1936. It tends to folk poetry, which is manifest in “Euboeisms” like vapóri instead of karávi or plío for ship as well as in the scenery.

My first concern was to keep the metre and the rhyme. I would be grateful for comments.

The Steamship
Gloomy the evening, heavily proceeding// 
blueish like a cloud that's made of ink.// 
Covered in the mist, floating and heeding// 
the steamship came to anchor 'fore you blink.// 


"Gosh, the steamship!" said I and my heart was trembling.// 
Watch out, that's the ship, the vulture, how bogus!// 
Who has she come for and awaits to sling// 
at in her anger and silence from among us?// 


During the whole night I cried, unfortunate me,// 
getting prepared for the harrowing of Hades// 
and the steamship did nothing but burping and howling -// 
a hyena who's as blind as the shade is.// 


On the morrow I missed it. In the waters there was stretched// 
a snake-like line that joined the firmament,// 
one the vessel had drawn and fetched,// 
one which along my steamship went.// 


I open my soul with an even sadder mood.// 
Sorrow bitterly sings in my inside.// 
Oh what a chance I lost to depart for good// 
to a place out of any borders worldwide.

Expressing emotions

Lichtenstein Crying Girl

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Eine mir unbekannte Verwaltungsangestellte der Universität São Paulo schloss gestern ihre Email an mich mit einer “großen Umarmung” bzw. “grande abraço” ab, so dass ich überlegte, ob ich meine Antwort an sie mit “muitos beijos” abschließen sollte. Ich habe es nicht gewagt. Der Ausdruck von Emotionen ist ein in jeder Sprache rutschiges Gebiet. Empfinge ich von einer englischen Kollegin eine Email mit dem Abschluss “Love”, dann käme ich nicht auf den Gedanken, meine Antwort mit “I kiss you all over” abzuschließen.

Noch letzten August wurde ich in einem unter Männern aus Südostattika typischen Abendgespräch (“Keine Chance, den Anker noch hochzuziehen – wahrscheinlich in einem Fischernetz verheddert”; “Wollen wir noch einen trinken?” usw.) nach den Liebesbekundungen im Deutschen befragt. Nachdem ich nun gesagt hatte, dass man mit überschwänglicher Lyrik im Ausdruck von Emotionen, so wie sie eher von Südländern gepflegt wird, in Mitteleuropa Gelächter ernten kann; nachdem ich ferner erklärt hatte, dass mutige Floskeln als unzuverlässig und hohl gelten, wenn man nicht längere Zeit mit der anderen Person verbracht hat, hatte mein in der Gruppe anwesender Bruder (ich muss es gerechtigkeitshalber sagen) folgende geniale Idee: “D.h., wenn ich als frisch Verliebter in meinem Idiolekt sagen will: “Du beseelst alles, was ich tue”, dann ist die richtige deutsche Übersetzung dafür: “Ich muss oft an dich denken””. Er fügte hinzu: “Die Menschen fühlen sich doch gleich. Sie haben nur andere Ausdrücke”.

Genial! Die Wörter haben eine Bedeutung zum Zweck der Kommunikation! Wieso habe ich denn nie das, was ich von Davidson über die radikale Interpretation und das principle of charity lernte, dazu umgesetzt, um meine eigenen Gefühle auszudrücken? Und daran muss mich ausgerechnet mein Bruder erinnern, der nie eine Zeile Davidsons gelesen hat!

Nur ein Punkt blieb an dem Abend ungeklärt: Wie übersetzt man umgekehrt den Ausdruck “Du beseelst alles, was ich tue” in den Idiolekt meines Bruders?

Eine Hommage an die Verwaltungsangestellte aus São Paulo: Mambo brasileiro, eine Komposition von Musakis/Oikonomides:

The song Mambo brasileiro, composed in the 50s by Musakis/Oikonomides, is an hommage to a woman I hardly know. She is an officer from the University São Paulo and yesterday she concluded a very professional email to me with the words “grande abraço”. I quickly rejected the thought to conclude my reply to her with the words “muitos beijos”. Expressing emotions is in every language a very slippery area. If an English colleague would send me a message which she would conclude with the word “Love”, it wouldn’t be wise if I concluded my reply to her with the words: “I kiss you all over”…

Last August, in a typical evening discussion among males who grew up in South-East Attica (“No chance to retrieve the anchor – it must have become entangled in a fishing net”; “Shall we drink one more?” etc.) I was asked about German linguistic usage concerning love. “Well”, I explained the folks, “you can sound very silly or odd if you try to translate a rather common mediterranean poetic way of expression into German”. And I explained that you sound rather unreliable and superficial if you do get poetic after all, unless you have spent with the other person enough time to justify “poetry”. My brother, who, if I’m not wrong has never read one single line of Donald Davidson, had this (I have to say it!) great insight: “That means, if I ‘ve recently fallen in love and want to say in my idiolect: “You give life to everything I do”, then the correct German translation would be the equivalent of: “I cannot help myself thinking of you””. And he added: “All people feel the same. They just have different expressions”.

This is what I mean by great insight! Words have meanings only to enable communication. Why did I never use what I learned from Davidson on radical interpretation and on the principle of charity in order to express my own feelings? And of all people, the one who reminded me of this was my brother!

Only one point remained unclear that evening: How do you translate vice versa the sentence “You give life to everything I do” when it is uttered by a non mediterrranean European into my brother’s idiolect?