Phthinousa euthyne

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Was im Titel dieses Postings nach Zungenbrecher klingt, ist der griechische Ausdruck für “schwindende Verantwortung”. Es ist ein Ausdruck, der mir gefällt und jedenfalls zeigt, was der nächste und der übernächste Bürokrat gegenüber der Bildung in einer aufgeklärten Gesellschaft im Stande ist aufzubringen. Gleichzeitig ist mein heutiger Titel fast der Name des jahrzehntelang führenden bayerischen Experten für frühkindliche Pädagogik.

Keinen besseren Titel hatte ich für meine Gedanken zu Schulen, die de jure privat sein sollen, de facto allerdings Träger von nationalen Ideologien sind, die schließlich wie Staaten im Staat fungieren. Das neueste Beispiel für solche liefern die Verhandlungen der BRD und der Türkei für die Einrichtung dreier Schulen im Bundesgebiet, deren Pädagogik und Personal nicht den deutschen Bildungsministerien unterstehen sollen.

Solange eine Privatschule frei zur Auswahl von Methoden, Lehrmitteln und Lehrern ist, solange auch Eltern eine echte Wahl haben, ihre Kinder diese oder jene Schule besuchen zu lassen, kann es, denke ich, keine Einwände gegen Schulen dieser oder jener Couleur geben. Was aber die Presse bisher über die o.g. Verhandlungen berichtet, ist die Anerkennung von Schulabschlüssen nichtfreier und nur pro Forma privater türkischer Schulen, die faktisch dem Bildungsminister eines anderen Staates unterstehen werden. Das verurteile ich politisch als einen Rückschritt hinter die Werte der Aufklärung und der offenen Gesellschaft.

Damit mir jetzt keine typisch griechische Haltung gegenüber dem Staat Türkei unterstellt wird, möchte ich lieber über die doch ganz ähnliche Situation der griechischen Schulen in Bayern bis in den 90ern sprechen.

Franz-Josef Strauß war offenbar der Meinung, dass die Griechen in Bayern nicht ganz Ausländer sind. Ich war mein halbes Leben in oder bei München wohnhaft – ich muss es also wissen. Schulen, Kirchen, öffentliches Auftreten und Wahrnehmen vor allem der Münchner Community ergaben seit Mitte des 19. Jh. eine münchengriechische Mischidentität. Sie feierte (wie sie immer noch feiert) den Maler Nikephor Gyzis, den Mathematiker Konstantin Caratheodory, den Musikwissenschaftler Theasyboulos Georgiades, den Biologen Wassilios Fthenakis als ihre herausragendsten Mitglieder über die Jahrzehnte. Sie beging (wie sie immer noch begeht) die Karfreitagsprozession zwischen Odeons- und Marienplatz, bevor sie Ostern in der Salvatorkirche feiert, ein paar hundert Schritte von der Frauenkirche entfernt. Sie spielte (wie sie immer noch spielt) Musik in der Innenstadt. Auch Mischkulturen in München können nicht umhin, den Hang Bayerns zu einem tiefen Konservatismus zu bejahen. Gyzis war ein Vertreter der akademischen Schule der Malerei; Caratheodory Münchner Lehrstuhlinhaber für Mathematik zwischen 1924 und 1944. Kein Nazi. Aber bestimmt ein stiller, vielleicht verbissener Bourgeois.

À propos verbissen: Vor den genannten Hintergrund ließ Franz-Josef Strauß die griechischen Schulen seinerzeit griechisch sein, in einer Grauzone zwischen griechischem staatlichem Bildungswesen und bayerischem Privatschulgesetz. Wenn die Leute doch gefühlt nicht ganz Ausländer sind… Bloß: Bayerische Privatschulen waren sie nie wirklich. Der griechische Staat hatte die absolute Kontrolle über sie. Als Schulalternative zur “deutschen” Schule keine ganz schlechte Idee, inmitten doch eines von biologischem Determinismus geprägten Systems, in dem die Zahl der Abiturienten einen konstanten Prozentsatz auf die Gesamtbevölkerung ausmachen musste. Das ging sogar aus Sicht der bayerischen Regierung gut, bis Papandreous Sozialisten in Griechenland an die Macht kamen. Plötzlich entdeckte der vorgenannte Professor Fthenakis, ein Genetiker und Pädagoge, ein Strauß-Mann, dass die griechischen Schulen zwar griechisch bleiben aber endlich selbstverwaltet werden sollten. Auch eine gute Idee, bedenkt man doch den ganzen Politmüll, den der griechische Vitamin-B-Lehrer aus der Heimat mit sich brachte.

Damals arbeitete ich fürs Griechische Haus Westend und, da wir einen kirchlichen Träger hatten, fühlten wir uns unabhängig genug, alle guten Ideen für eine neue abzulehnen: griechische Geographie, Geschichte und Sprache als Wahlfächer an den bayerischen weiterführenden Schulen. Auch eine gute Idee, bedenkt man doch, dass die CSUler d’accord waren mit der Ghettoisierung ihrer griechischen, fast einheimischen Exotik, solange diese CSU-lastig blieb. Unsere Propaganda gegen die Pläne von Fthenakis (eine, eigenständige griechische Privatschule) sowie gegen die Pläne der griechischen Sozis (eine, vom griechischen Staat kontrollierte Schule) wären allerdings nutzlos gewesen, hätten sich die Anwohner der entstehenden griechischen Schule (“Palladion” war der angedachte Name) nicht beschwert wegen zu vieler Griechen in der Nachbarschaft usw. Die Bauarbeiten in Berg am Laim zogen sich endlos hin, irgendwann wurde nicht mehr gebaut. Als ein Zaun verschwand, sah sich die Stadt München verpflichtet – ergo legitimiert – den Rohbau abzureißen, was nach zwanzigjährigem Hin-und-her vor ein paar Tagen geschah. Wie so oft in der Politik ergibt sich das Gute aus dem Kampf des Bösen gegen das Böse – was natürlich ein kantischer und aufklärerischer Gedanke ist.

Die Schule wird immer eine fehlerbehaftete Institution sein, die – aufklärerisches Gedankengut hin oder her – Indoktrination betreibt. Nur viele, alternative, echt freie Privatschulen, die ausnahmslos wahre Optionen für die Eltern sind, würden die Wahlfreiheit garantieren, die dem aufklärerischen Gebot entgegenkommt, jeder wähle seinen Lehrer. Ideologisch stark gefärbte Minderheitenschulen würden ohne vom Staat geförderte Alternativen (sprich freie Privatschulen) alles aushöhlen, was Deutschland seit Lessings und Kants Zeit gelernt hat. Ist ein ABC der politischen Bildung zu viel verlangt von der deutschen Bürokratie?

Bedenkt man die neuesten Geschehnisse in (Vorsicht! – nicht München jetzt…) Mannheim, offenbar!

Enough with scrolling

The tongue twister in the title is Greek for “diminishing responsibility”. I like this expression because it shows what happens when bureaucrats manage ideals of philosophical importance. And it is almost the name of a Greek-Bavarian expert for preschool education.

I found no better title for my thoughts about German schools de jure private, de facto public in the service of another state and its national ideology.

Germany, you see, the Federal Republic, its institutions, presently negotiate with Turkey with the purpose to found three schools administered by the Turkish state. The press reports about private schools, ones, however, that will not be free to choose learning methods and curriculum. And, what is more, whose dependence will not be on the state in whose territory they will operate.

Since I do not wish to be attributed a typical Greek attitude towards Turkey, I, on the issue of quasi-private schools suspect of ghettoisation, would rather discuss the pre-90s Greek schools of Bavaria, i.e. the school form which the three planned Turkish schools aspire to imitate.

Following the presence of a Bavarian on the Greek throne in the 19th century, the Greek-Bavarian relationship has been a very special and, indeed, a close one. When the first Greek immigrants arrived in Munich in the 50’s they found, unlike people who ended up working in Frankfurt or Stuttgart, a Greek parish using a medieval church with only Orthodox services in Greek language situated just a few hundred yards away from the city’s iconic Roman-Catholic cathedral of Our Beloved Lady. A privilege – there’s no doubt about that! The Greeks of Munich are a community that gave its city a couple of painters of the Munich School (curiously, the English Wikipedia article on the Munich School cites the name of the School in Greek but not in German) as well as a couple of university professors, whose most important – the mathematician Constantine Caratheodory – held the chair for mathematics at the University of Munich and was a lay officer to the aforementioned church during the Third Reich. Without wanting to make any allusion to Caratheodory’s being a brilliant mathematician but not a hero, being attracted to conservatism has been characteristic of the Greek elites of Munich.

They have been rewarded for this. When other Greek communities throughout West Germany were anxious about schooling and the role of the Greek language in the curricula, the federate German state of Bavaria allowed in 1969 the opening of Greek schools administered by Athens. Calling them “private” did not reflect a sense of humour but it could have done so. They were Greek state schools, which jeopardised the sovereignty of the Bavarian state in cultural matters. However, this jeopardy was intended from both sides. As long as the young Greeks spoke pidgin German, their ascending the social ladder in Germany was out of the question. And as long as the parents of the young Greeks felt uncomfortable in German schools, their willingness to consider a German school for their kids remained low. Chauvinists of different nations can always agree on one thing: they dislike each other. As long as the Bavarian side used biological determinism to back their policy of not allowing highschool students to exceed a certain percentage of the general population, the Greeks, despite their being a part of the local culture, utilised a traditional leftist scheme of Greekness (also on biological grounds) to bypass the obstacle that the Bavarian schools presented in their eyes.

The struggle of the evil against the evil was a good idea but…

…but the Greek-Bavarian folklore started to present signs of a ghettoisation.

Rather its leftist allures than the ghettoisation per se appalled the biologist and pedagogics professor of Munich, Vassilios Fthenakis. In the 90s he propagated the view that the Bavarian jeopardy should continue and the schools remain Greek. But they should be removed out of the control of the Greek state. Which, in itself, was also a good idea. Who could trust teachers sent to Bavaria by a nepotistic ministry of another state in a place more than one thousand miles away?

When Fthenakis launched his campaign to ensure that the Greek schools would become really private while retaining their very Greek character, I was still a PhD candidate and worked for the so-called Greek House. The Greek House was a church organisation and we felt independent enough to support a third idea, apart from the Greek schoolish imperium in imperio and Fthenakis’s idea of a schoolish ghetto: Greek geography, history and language as optional subjects in Bavarian schools. Today, all these ideas are abandoned and no one knows what the future will bring. The neighbours of the construction site of the private Greek school protested, you see… The city council threatened to stop the construction if this would begin. Against all odds, the works began. But very soon they stopped. Years passed.

Recently a part of the fence disappeared for the municipality of Munich to tear down the erected walls under the pretext of risks for the public. Just before last Christmas, the construction site of the Greek school of Munich ceased to exist after twenty years of legal conflict. The good may result from the struggle of the evil against the evil, which is a Kantian and optimistic thought.

Schools are institutions which propagate ideologies even if they frankly attempt not to do so. Only a pluralism of many, free, alternative schools which are real options for parents guarantee the free choice of teachers – a desiderate of the age of Enlightenment.

But the country of my discussion is called Germany, not Enlightenment. A country, that is, far too hostile to a pluralistic landscape of didactic and educational methods. During the tearing down of the construction in Munich, the other big southern state of Germany, Baden-Wuerttemberg, prohibited a 42-years-old Greek curriculum run by a local Steiner-Waldorf school.

Germany appears to prefer state ideologies to free schools. Since the school as we know it today is an institution which at least attempts to remain free of ideological chains, given the recent development I take it to be very likely that large parts of German bureaucracy are manned by philosophically illiterates.

When I think of the difficulties of our alumni in Erfurt to find decent jobs and a recognition for what a philosophical department taught them, this doesn’t come as a surprise.

Pasta ontology

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Gattungsnamen werden in der Sprache meistens wegen des Stoffs ihrer Referenz gebildet. Alles, was mit Eier enthaltendem Nudelteig gemacht und in Wasser gekocht wird, heißt Pasta, ob Spaghetti oder Pappardelle oder Farfalle oder Puntalette oder… Es sind die Zutaten, die bei der Namensgebung von “Pasta” Pate stehen! Wer meint, mir gehe es um Don Corleone, kennt dieses Blog nicht.

Denn es gibt Pasta außerhalb Italiens und Appellativa, die sich nicht auf Stoffliches beziehen.

Der Trachanas war jahrhundertelang die haltbare Substanz der byzantinischen Armeeküche. Die Osmanen haben die byzantinischen sonnengetrockneten Brösel aus in Ziegenmilch gekochtem Weizenmehl adoptiert und nur wenig anders als die Griechen ausgesprochen: Tarhana. Am Ende eines anstrengenden Wandertages brauchte der mittelalterliche vagans, ob Soldat oder Missionar, wenn er nichts anderes gefunden hatte, nur eine halbe Handvoll Trachanas und etwas Wasser für seinen Topf und sein Feuer. Der Trachanas, leicht über längere Distanzen zu tragen und in kleinen Mengen zu großen Suppen zuzubereiten, erhielt einen wochenlang am Leben und blieb, wenn er nicht aufgebraucht war, jahrelang haltbar bis zur nächsten Slawenmission. Aber auch nach den Slawenmissionen erwies sich der Trachanas manch einem Griechen als rettend. In Bonn, in den 90ern, während der griechischen Bankenstreiks, die mein Stipendium monatelang auf der Strecke blieben ließen, wäre es ohne Trachanas eng um meine Existenz geworden. Rafik Schami erwähnt ihn in einem ähnlichen Kontext.

An der mittleren Donau feierte der Trachanas größere Siege als die Konstantinopler Zeloten, ebenso als Istanbuler Janitscharen. Im Spätmittelalter wurde er in Ungarn adoptiert. Bis heute hasst manch ein ungarisches Kind eine gleichnamige oder fast gleichnamige Beilage; was heißt, es hasst Trachanas, wenn die Fast-Gleichnamigkeit als Synonymie oder – da Griechisch und Ungarisch verschiedene Sprachen sind – als Übersetzung gilt.

Vorsicht aber: Das ungarische Tarhonya ist zwar dem griechischen Trachanas und dem türkischen Tarhana zum Verwechseln ähnlich, weist aber keine Spur Ziegenmilch auf. Stattdessen hat es Ei. Mit anderen Worten ist Tarhonya nichts anderes als Pasta: eine Pasta, bei der der ungarische Versuch einzig und allein darin besteht, einem mediterranen Nahrungsmittel äußerlich zu ähneln. Denn lediglich Tarhonyas Form im Rohzustand erinnert – und zwar stark – an das byzantinische Original. Der ungarische Name in Anlehnung an einen mittelgriechischen weist auf eine Form-, keine Materienähnlichkeit hin.

Es ist nicht immer der Stoff, der für den Namen der Gattungsnamen ausschlaggebend ist. Darüber war ich mir schon mal im Leben mit einem anderen Philosophen uneinig. Einem hatte ich gesagt, dass die Farben nicht immer sekundäre Eigenschaften sind. Ich dachte dabei an handelsübliche Farbstoffe. Normalerweise ist es dem Käufer unwichtig, aus was der Farbstoff besteht, wenn die Farbe stimmt. Nein, sagte er, das sei falsch. Farben seien immer sekundäre, Zutaten dagegen primäre Qualitäten. Am Ende jenes Tages habe ich gewusst, dass es nicht klug ist, Recht zu haben, wenn die andere Person der eigene Doktorvater ist.

Jedenfalls ist es im Rigorosum so.

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Very often, the characteristic that determines the reference of an appellative is the material cause: we call pasta whatever consists of dough without yeast with eggs: spaghetti, pappardelle, farfalle, puntalette etc. All of them! Pasta! Because of the ingredients! Basta!

There are exceptions.

For centuries, prior to its arrival in Hungary, trachanas had been the dish par excellence of the East Roman army and afterwards of the Ottoman army. Made of a desiccated goat-milk-and-yoghurt-and-flour dough, it was predestined to stay preserved for years. The only thing the wanderer had to fill in in his saucepan and to place on a fire in the wilderness to get a filling soup, was some water and the trachanas granulate. Trachanas was easy to carry in long distances and kept travellers alive for weeks if necessary. At the middle course of Danube, it celebrated much greater victories than Byzantine missionaries and Ottoman soldiers.

“It” celebrated them, that is, if you happen to accept that the Hungarian “tarhonya” and “trachanas” refer to one and the same thing. However, the Hungarian thing has not any traces of goat milk or any other milk or dairy product. Instead, it contains eggs. In other words, unlike the Greek trachanas and the Turkish tarhana, the Hungarian tarhonya is nothing but pasta meant to have the shape of the Byzantine original. Which means that the meaning of a generic term to comprise these three dishes is the formal, not the material cause.

As one sees, it is not always matter that decides the meaning of appellatives. I argued about this with another philosopher once. He had said that colours are naturally secondary qualities, matter is naturally a primary quality of every thing. I had said (I was thinking of paint) that this is not the case. At the end of this conversation I learned that your oral exam is probably not the best place to argue with your supervisor.

Especially if you are right and he is wrong.

Ecclesia

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Unzählige Episoden sind über die Hagia Sophia oder einfach die Große Kirche (megale ekklesia) überliefert, wie die mittelalterlichen Quellen sie oft nannten: mal blutige, mal geschichtsträchtige, mal mystische. Darunter gibt’s eine philosophische, tradiert von Anna Komnena, einer Kaiserstochter und Chronistin des 11. Jahrhunderts. Der zu Folge verantwortete Johannes Italos, Vater des logischen Hexagons der Privation, Verfasser eines genialen Organon-Kommentars, dessen kritische Edition nur in wenigen Exemplaren weltweit existiert, schließlich Platoniker, er verantwortete, sage ich, über all diese Dinge – über was denn sonst? Im Grunde über die Rolle der Vernunft im Glauben. Und da er einen vernunftdurchfluteten Glauben vertrat, haben sie ihn in der Hagia Sophia am Ende seiner Ausführungen…

…geköpft?

(frohlockte, als ich erzählte, der Erfurter Professor für theoretische Philosophie)

Nein! Gefeuert als Lehrer der kaiserlichen Ausbildungsstätte.

Enttäuschung beim Publikum… Philosophiehistorisch gesehen kann man mit der Hagia Sophia wirklich nicht viel anfangen. Philosophisch schon. Die klaren Formen, die nüchternen aber grandiosen Farben… Philosophen zelebrieren sich in der Hagia Sophia.

Jetzt, fast ein Jahrhundert, nachdem Kemal Atatürk sie zum Museum bestimmt hat, beschloss der türkische Staat, in der Großen Kirche den Koran lesen zu lassen. Große Entrüstung usw.

Nicht bei Philosophen hoffentlich. Wir sind an zeitlosen Strukturen interessiert. Politisches Muskelspiel auf symbolischer Ebene bemerken wir nicht einmal.

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If you’re a lover of the history of philosophy, you’ll not find much to inspire you in the Hagia Sophia, the Great Church (megale ekklesia) of the medieval sources. Among stories full of blood, historians’ ink or supernatural visions, the only thing you can find to be of some philosophical relevance is the condemnation of John Italos. The scribe and emperor’s daughter Anna Komnena recorded this 11th-century episode for posterity: John, the father of an hexagon of opposition that assumes two different types of negation, the author of an extraordinary commentary of the Organon – critically edited ninety years ago and circulating in very few hand-written copies – and a Platonic, was trialed in the Great Church and found to focus on reason more than on faith to be eventually…

…beheaded?

(that was the guess of the Erfurt professor of theoretical philosophy when I told him the story)

No!…Fired from his post as teacher at the emperor’s school of higher education.

Not very spectacular… But the building is spectacular, harmonious, it’s the best building that late ancient architecture has to offer. It’s inspiring to philosophers.

The inspiration will continue also after the Great Church is converted anew to a mosque in a few days and for a few weeks – almost one century after Kemal Atatürk turned it to a museum. But, frankly: so what? We’re philosophers, we love timeless structures, we fail to notice political symbolism.

Erdogan und semantische Paradoxien

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Ein Journalist, der was verfasst,

das Erdogan nicht passt,

ist morgen schon im Knast

dichtete der Fernsehmoderator Jan Böhmermann, um den Betroffenen zu brüskieren und ein Strafverfahren zu riskieren (mehr über die juristischen Hintergründe finden die Leser hier. Ich bespreche nur die innere Logik des Falls).

Sollte Böhmermann allein deshalb wegen Verleumdung bzw. Schmähung eines ausländischen Staatsoberhaupts ins Gefängnis müssen, wird der Dreizeiler wahr, und wegen einer wahren Aussage darf Böhmermann natürlich nicht ins Gefängnis.

Geht aber Böhmermann wegen des Dreizeilers nicht ins Gefängnis, dann wird der Dreizeiler falsch und ist eventuell als Diffamie einzustufen. Also ist eine Gefängnisstrafe möglich.

Verhängt aber ein Gericht deshalb eine Freiheitsstrafe gegen Böhmermann, dann ist der Dreizeiler wieder wahr usw.

Ein Richter bestellt normalerweise keine Logiker als Sachverständige in Sachen Selbstreferenz und unendlicher Regress, oder? 

   

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If a journalist suggested

Something Erdogan contested

Soon will he be arrested

was a German journalist’s rhyme that infuriated the Turkish president and made the former legally liable according to German law for “insulting a foreign head of state” (you can read more about legal aspects of the case here. I’m just discussing the underlying logic).

If the journalist gets arrested for this rhyme only, then what he said is true and, therefore, he cannot be incarcerated for a true statement.

So, he won’t get arrested. But then what he said is false, which would make a prosecution more plausible and could lead to imprisonment.

But then what the journalist said would be true etc.

Normally, judges don’t appoint logicians as consultants of the court, isn’t it?

But who advises them on self-reference and infinite regress then?