Eurovisionaries

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Am Sonntagmorgen hat Marta festgestellt, wir haben am Samstagabend die Eurovision verpasst. Ach, tat das weh!

Jedes Jahr lästere ich nämlich auf Twitter mit Fachkollegen aus ganz Europa und Australien – komischerweise meist Wissenschaftstheoretiker – über den Abend, an dem Europa den Rest der Welt volltrollt. Die erfolgreichsten Sprüche vom letzten Jahr:

„- Ein paar Millimeter weiter unten und wir hätten die Schamhaare jetzt gesehen.

– Oder eben nicht.“

„- O, die haben jemanden geschickt, der echt singen kann.

– Voll geschummelt eigentlich.“

„- Endlich, das griechische Votum jetzt!

– Du meinst wegen der Pinkelpause.“ (Es ist nämlich klar, welche Noten an welche Länder gehen)

Wie kann ich nicht traurig sein, wenn ich den europäischen Abend verpasste, der als gesamteuropäisch gilt? Den (ich paraphrasiere)

Seufzer der bedrängten Visionen, das Gemüth einer herzlosen Bürokratie, … das Feigenblatt des Volkes!

Ein Beispiel, das die Marx-Paraphrase rechtfertigt: Versuchen Sie mal als außerhalb Bayerns (aber innerhalb der EU) Staatsexaminierter irgendwo in Bayern Ihr Staatsexamen geltend zu machen, und dann werden Sie feststellen, wie groß die Heuchelei des „d“ nach dem „m“ und dem „w“ in der Ausschreibung Ihres Traumjobs war. Europa ist der Kontinent, wo ein Lehramtskandidat, der ein Bisschen andere Seminare besucht hat, eine unüberwindbare Barriere vor sich sieht, von der aber eine Teilbarriere abgezogen wurde, sollte unser Kandidat dieses Millionstel der Hermaphroditen darstellen.

Die Eurovision ist dagegen gelebte Diversität. Da sind die Chancen reell und zwar nicht nur für Kranke an ovotestikulärer DSD, sondern auch für Untalentierte, sogar für Australier. Wer die Eurovision verpasst, verpasst den großen europäischen Abend der Feigenblätter!

Aber ich will heute mit einer positiven Nuance abschließen: Am kommenden Sonntag kommt die Folgeveranstaltung, die denselben Trosteffekt wie die Eurovision hat! Die verpassen wir nicht!

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Last Sunday, Marta realised very early in the morning that we had forgotten the Eurovision Song Contest. That hurt!

The EST has been for years now our sarcasm Saturday evening. „Our“ means of philosophers on twitter. Last year’s best comments were the following:

„- If this had been an inch lower, we would have seen the singer’s pubic hair!

– Or not…“

„- Oh, they sent somebody who can sing!

– This is what I call cheating.“

„- A very good invention, the results of the Greek vote: They give everyone the opportunity to have a toilet break.“

The only Paneuropean evening of the year is not only about the jokes. It is also a symbolism of (I paraphrase)

the sigh of the oppressed visions, the heart of a heartless bureaucracy … It is the fig leaf of the people.

A motivation to paraphrase Marx here comes from the following example: imagine that you are a teacher with a teacher’s degree earned somewhere in the EU. Imagine still that your German is perfect. In fact, you can imagine that you are German. Imagine, moreover that, for some reason, you want to live in Bavaria although you did not earn your degree in Bavaria. Imagine, finally, that there is this advertisement for the position, the position of your dreams, at a Bavarian lake: „Teacher (male/female/diverse)“ as the German standard for diversity affirming policies prescribes. Of course, under the above conditions you will never be hired since your classes at, say, Bristol were insignificantly different from the description of subjects required from alumni of Munich or Augsburg but – rejoice – if you had been one of the 500 individuals in this world with ovotesticular disorder this wouldn’t have been the problem. What a hypocrisy!

Do you know any better consolation for this hypocrisy than the Eurovision? In this contest you are given a chance to win a European prize not only if you lack an identifiable sex. You also get a chance if you lack talent, and you even get one if you are Australian. Failing to watch the Eurovision is failing to celebrate the top fig-leaf event of the continent.

If you missed the Eurovision anyway and you are a European citizen, at least don’t miss the sequel next Sunday, one with almost the same consolation effect: the European Parliament elections take place on May 26.

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Britannia omnia correxit

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Während die deutsche Presse in der Berichterstattung über die Geburtswehen um den Brexit in traditionell kriegsdepeschenartigen Hohn verfällt, ist es wohl zu erwarten, dass jeder selbstkritische Moment wegfällt. Für Leser, die diese Selbstkritik aus EU-Sicht vermissen, für Leser, denen das „Wir haben alles richtig getan, die Briten dagegen alles falsch“ zu billig ist, ist dieses Posting geschrieben.

Man kann sich fragen, was Fotos von Basler Trinkbrunnen damit zu tun haben. Nun ja, Basler Trinkbrunnen sind außerhalb der EU und sie ermöglichen meinen Kindern und mir, unseren Durst zu löschen. Jeden Tag. Jederzeit. Gratis. Auch in Zukunft. Auch nachdem die EU die neue Trinkwasserverordnung beschlossen hat.

Da Trinkwasser im gesamten Kontinent in sehr guter Qualität vorhanden ist, erscheint dem Leser eine EU-Richtlinie für sauberes Trinkwasser wie ein Feigenernteverbot auf Grönland. Dem ist nicht so.

Jede – tolerable! – Abweichung von der Wasserqualitätsnorm wird der Totengräber einer Nische hier (Filter für herkömmliche Verschmutzung) und Entwicklungsmotor einer anderen da (meinetwegen Geräte zum Reinigen von kleinsten Kunststoffpartikeln – das Problem mit Plastik war, dass es nicht abbaubar ist, oder? Wieso ist das Problem jetzt, dass es abbaubar ist? Aber egal…).

Ich wende mich nicht gegen Strukturwandel in der Wirtschaft aufgrund veränderter Bedürfnisse des Verbrauchers. Ich wende mich gegen zentral gesteuerten Strukturwandel.

Warum? Ich denke mal wegen dieses uralten Exemplars des Weges zur Knechtschaft in meiner Bibliothek. Erste Ausgabe. Ein steinzeitliches Billett des Tube dient als Lesezeichen drin.

Eben des Tube, nicht der Berliner U-Bahn…

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Pictures of tubes are unlikely to give food for political thought. But these are not ordinary taps. They are in Basel, Switzerland, and a few miles from the country’s border to the EU. Eo ipso, they will remain unaffected from the new EU regulation concerning the quality of drinking water – and still my kids and I will continue to use the Swiss water for free and without second thoughts. If EU-wide regulations concerning a good to be found in best quality throughout Europe make you think of laws against planting fig-trees in Greenland, well, rethink!

Every regulation kills a production branch here and opens one there. Imagine what will happen in the next case of (tolerable) plastic microparts in the drinking water: The ordinary filters (and the factory that produces them) will give way to filters that clean such plastic away (and another factory that produces these). Until now, everybody complained that plastic is not decomposable. Suddenly, the problem is that it is decomposing.

I have nothing against structural change in economy due to the consumer’s new preferences. But this change that makes you buy new filters, new light bulbs or you name it because of new regulations, is centrally planned.

My problem with this now? Probably only this copy of the first edition of Hayek’s Road to Serfdom. In it I find the reasons why central economic planning is central social planning. And, in it again, I find an ice-age ticket of the Tube that the person who first read the book used as a bookmark.

Of the Tube, not of the Berlin U-Bahn…

This is why I avoid reading German daily newspapers lately! How can’t it be cheap to boast that the British voter had been irrational and you yourself made everything right?

Sophistici elenchi 166a23-32

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Obiges Foto schoss ich vor einem Monat an der Avenue des Champs Élysées. Ich wollte es mit Hinblick auf den Trugschluss des Brunnenvergiftens posten. Mittlerweile denke ich, dass ein Spruch auf dem gelben Transparent vielmehr eine Instanz des Kompositionstrugschlusses ist. Ich erkläre mich:

Dass ein Arbeitnehmerverband das Gesetz des Stärkeren befürwortet, ist möglich – allerdings nicht zwingend. Es erscheint ferner, dass ein Teil des Wahrens von Eigeninteressen biologistischen Suprematismus nahelegt. Gilt das aber flächendeckend? Auch etwa für das Urheberrecht? Erfinder sind intelligent. Intelligenter als andere jedenfalls. Man könnte meinen, Patentschutz würde die weniger Intelligenten benachteiligen. Wäre das plausibel? Meine Antwort darauf ist: nein. Während wir uns einig sind darüber, dass das Gesetz des Stärkeren angewandt auf die sozialen Sachen ein zivilisatorischer Rückschritt wäre, ist es nicht vernünftig anzunehmen, dass jeder Schutz von Interessen eines Stärkeren Sozialdarwinismus darstellt. Wäre das so, dann würden wir zustimmen, wenn der Vorstandsvorsitzende der Münchner Löwen Schiedsrichter einer Partie des FC Bayern gegen Sechzig sein möchte. Aber wenn unser Rechtsgefühl das zuließe, wäre dann der TSV München 1860, nicht der FCB der Stärkere! Es ist, wie man sieht, petitio principii anzunehmen, dass jede und nur die Wahrung eines Interesses eines Stärkeren das Gesetz des Stärkeren bestätigt, denn es desavouiert denjenigen, der – egal wie – Recht bekommt. Entweicht man der petitio-Falle und sieht Recht und Stärke als gründlich verschiedene Sachen, sieht man ein, dass der Arbeitnehmerverband nicht deshalb sozialdarwinistisch ist, weil es ihn gibt. Vielleicht gibt es ja eine moralisch vertretbare Wahrnehmung von Interessen! Aber selbst wenn ein Arbeitnehmerverband seine Macht ausnutzt, ist dieses von mir aus unmoralische Handeln gleich zivilisationsverneinend? Das behauptet jedenfalls das gelbe Transparent. Da es nichtzwingende Teilfacetten zu Merkmalen des Ganzen erhebt, ist das Transparent ein Fall des Kompositionsfehlschlusses.

Bei dem Wortschwall und dem Nahelegen eines unsäglichen Verbrechens vergiftet das Transparent außerdem den Brunnen, selbst wenn es nicht ad hominem ist.

Die Gelben Westen kommen aus dem Westen, weil dort alles Emanzipatorische gedeiht. Das erste Tageslicht kommt allerdings aus dem Osten. Versteht man das wörtlich, so ist der Grund dafür die Rotation des Planeten gegen den Uhrzeigersinn. Metaphorisch kommt man nicht umhin, darauf hinzuweisen, dass Aristoteles im Osten zu Hause war.

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These are two pictures I made last month at the Champs-Élysées.

I had thought that I should be needing them for a post on the poisoning-the-well fallacy. A clue why I had thought so, you can get if you focus on the lengthy yellow banner depicted in the upper picture. There, you can see what the Yellow Vests think of France’s main employer organisation: they accuse them of propagating might-makes-right and of supporting a civilisationary regression eo ipso.

First of all, it is question begging to say that all and only those things that safeguard interests of the mightier make might make right. I have an example for the last claim: should Liverpool FC accept Fulham’s CEO to be the referee in their next match against Fulham FC? If no, Liverpool will very probably win and remain mighty but the Robin Hoods out there will complain that it was might that made right in this case because you can have bias to help the weak – at least they’ll say so. But if by this argument you let Fulham’s CEO do the job, it is Fulham who will be the mighty after all, so the Robin Hoods will have to support Liverpool instead – which is absurd. „This redistribution of wealth was trickier than I thought“ says John Cleese in a legendary sketch. The only way to escape the question-begging trap of considering all and only the ones who are right as social Darwinists, is to see justice as something in its own right, as something that is independent of might, even in case it lets the mighty prevail. Despite the Robin-Hood analogy I shall avoid reference to Nottingham Forest instead of Fulham – mainly because the Greek oligarch who owns this club has been repeatedly accused of manipulation for his Greek club. There, in Greece, it is him who is the mighty and it is might-makes-right after all. But, of course, no one knew this in advance. In order to give rise to rumours, he had to do things other than just insist on his right. So, even if the Yellow-Vests claim is not the question-begging „Might makes right and right is might“ but rather „Some mighty can manipulate justice“, even then it doesn’t go without an argument that France’s employers associations are of this kind. You see, even if it’s not ad hominem, the slogan poisons the well since it makes believe that the sin you commit as a rich lobbyist is much bigger than the sin in which you would be inclined to indulge: it’s a slogan that denounces every little sin as a civilisationary setback.

Above all however, the slogan I photographed is an instance of the fallacy of composition. Let me explain this point: The Yellow Vests target at an association that could under circumstances take actions to make might make right but they understand the association as actually saying that might does make right. And they read this as Darwinism, which is not necessarily the case even if the employers association acts selfishly.

Aristotle, Sophistici elenchi 166a, analyses the case without residues! Which is astonishing!

Cold cults / Kalte Kulte

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Nur weil ich das Buch in meinem letzten Posting nannte: Papaioannous Plädoyer in Ideologie froide für einen nicht orthodoxen Marxismus mit Bezugnahme – ausgerechnet- auf Marx und Engels ist hochgradiger performativer Widerspruch.

Die gibt es, die Menschen, die kalt um Wärme werben, ja die ihre Kälte als die Hauptursache ansehen, warum es warm werden soll. Der Versuch erscheint mir sinnlos. Trotzdem lese ich weiter. Denn trotz des Kälteeinbruchs im März, kommt der Frühling sicher.

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Just because I mentioned the book in my last post: Papaioannou’s plea, expressed in his Ideologie froide, for a non orthodox Marxism with reference – of all things – to Marx and Engels is a far as one can get committing performative contradiction.

These people who ask for warmth with some cold justification, even the people who ask for warmth as a medicine against their own frigidity – well, they exist. I don’t see their point. I continue reading. The spring comes however capricious the March may be.

Les parents numériques

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Dass Familien von gleichgeschlechtlichen Paaren kein social engineering mit unabsehbaren Folgen für die Erziehung der Kinder sind, dafür lege ich meine Hand nicht ins Feuer. Mir geht es aber heute um etwas anderes.

Es geht mir um die in Frankreich flächendeckende, sich auch seit Mitte Februar auf Schulen erweiternde Nutzung der Angaben „parent 1“ und „parent 2“ da, wo früher die Angaben „mère“ und „père“ vorgesehen waren – d.h. auch für leibliche Kinder hetero-wie denn sonst?-sexueller Partner.

Die neue Sprachregelung führt eine Ungleichheit, zunächst auf der Ebene der Konnotation, zwischen primär und sekundär ein; eine Differenz mit anderen Worten, welche die Zahlen „1“ und „2“ in der Umgangssprache nahelegen. „Parent 1“ trägt demnach die Konnotation „parent primaire“ und „parent 2“ die Konnotation „parent secondaire“. Zunächst nur eine Konnotation.

Zunächst… Es gibt ja slippery slopes.

Gut, ich bin wohl nicht der erste, der das bemerkt. Aber kann es sein, dass ich der erste bin, dem die Idee unbehaglich ist, dass ausgerechnet Präsident Macron auf die Idee kommt, diese Sprachregelung einzuführen? Macron war doch jahrelang Assistent von Paul Ricoeur an der Uni Paris X – Nanterre! Ein besseres Verständnis für unterschwellige Botschaften und slippery slopes von jemandem, der Sprachphilosophie auf diesem Niveau betrieben hat, habe ich durchaus erwartet.

Ich sehe schon ein, dass die Gefahr eines slippery slope überall lauert und dass in der Politik nichts passieren würde, wenn der Politiker stets Angst vor slippery slopes hat. man Allerdings sähe ich das Risiko eines slippery slopes durch eine Notwendigkeit legitimiert, kann aber hier eine solche bei allem guten Willen nicht erkennen.

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I’m not sure that families of same-sex partners are not a case of social engineering with unpredictable consequences for the upbringing of kids there, but this is not my point here.

I rather want to point out something concerning language. In France, a new linguistic convention has been introduced according to which, unlike what until very recently had – what else? – been the case, parents should not be registered as mother and father, but as „parent 1“ and „parent 2“ instead. Since mid-February, schools must adopt this linguistic convention also for the vast majority of people who have parental authority being natural parents of their children – i.e. for mom and dad.

The new language brings an inequality in the lives of couples. In ordinary language, numerals function as indices of primary and secondary importance. By some slippery, faulty way of thinking, „parent 1“ could become „parent primaire“ and „parent 2“: „parent secondaire“. Let it only be a connotation! Who wants to have it? And a connotation that can lead to a slippery slope. Of course if you are constantly afraid of slippery slopes, you never take any risk. But still, I ask myself what the necessity was that should make one take this risk.

Surely, I am not the first to think that way. And I hope, even if I am the first to notice what follows, that I am not the only one who feels discomfort with the idea that president Macron initiated this step after having served as Paul Ricoeur’s research assistant at Paris X – Nanterre between 1999 and 2001!

From someone who had a training in philosophy of language and social philosophy on that level, I thought that I should expect much more sensitivity towards language-related policies.

Surprise #4: Berlin Woody

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Zwei Autoren habe ich insgesamt schätzen gelernt, die nach einem Philosophiestudium Standup-Comedians (und Vieles sonst) geworden sind und mich (und sonst viele) zu ihren begeisterten Lesern machten. Der eine war Woody Allen. Der andere, viele Jahre später, Marc-Uwe Kling. Sie sind sich in vielerlei Hinsicht ähnlich. Wer kann z.B. so einen Dialog geschrieben haben?

– Wo hast du denn das her? Ich hab’s gesucht! Das ist doch mein MP3-Player!

– Ach, „mein“, „dein“, das sind bürgerliche Kategorien…

Woody Allen, sagen Sie? Im Film Bananas? Falsch! Es ist Kling! Ich entdeckte ihn erst 2018 als den Autor der Känguru-Apokryphen, herausgekommen bei Ullstein und eigentlich Nachschlag zu seiner großen Känguru-Trilogie, die er 2006 zu publizieren anfing. Der erzählerische Rahmen geht in etwa so: Der Ich-Erzähler, explizit als der Autor auszumachen, lebt in einer Berliner WG mit einem Känguru, das

  • beim Vietkong mitgemacht haben und
  • weiterhin radikalisierter Maoist sein will;
  • Schnappspralinen liebt;
  • kalte Bouletten aus dem Kühlschrank auch;
  • nie das Bad putzt;
  • nie für den Haushalt aufkommt;
  • ständig riskiert, ohne sichtbaren ideologischen Gewinn von der Polizei auseinandergenommen zu werden;
  • ständig nervige linkslastige Bemerkungen gegen den Mitbewohner loslässt, die die Welt kein Bisschen besser machen und das Miteinander auch nicht;
  • auf seine Prinzipien aus kleinlichen Gründen wie Schnappspralinen oder Bouletten verzichtet.

Kurz gesagt ist Klings Känguru der Inbegriff des linken Populismus.

Die Geschichten sind noch viel mehr. Sie strotzen vor

– Selbstreferenzialität: Das Känguru will nicht, dass der Autor die Geschichten aufschreibt, also stürzt es sich auf diesen „und versu…“ – der Satz bricht ab, da der Versuch anscheinend gelingt.

– Entscheidungstheorie: Was ist die rationale Handfigur im regellosen Schnick-Schnack-Schnuck, wo offengelassen wird, was die Spieler mit den Fingern zeigen? Dino? Meteorit? Gar schwarzes Loch?

– Philosophie: Damit die Autokorrektur das Wort „Dialektik“ nicht ständig verunstaltet, empfiehlt es sich, „Denken“ zu schreiben, was sich als die einzig richtige Interpretation von Hegels Philosophie herausstellt.

Auf die Verfilmung der Geschichten bin ich gespannt.

PS: Namikas Foto oben hat wenig mit Kling oder Kängurus zu tun. Allerdings verkörpern sowohl Namika als auch Kling das, was ich „neudeutsch“ nenne. Normalerweise bin ich alles andere als voll des Lobes für das „Neudeutsche“. Dieses Posting ist eine Ausnahme.

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There are two authors who drew my (and many others‘) attention as philosophers who became stand-up comedians (and much more) and wrote philosophical jokes. The one is Woody Allen. Marc-Uwe Kling whose work I’ve encountered only this year (Kangaroo’s Apocryphal Doctrines, Ullstein, 2018) is the second. In the meanwhile, I have bought his Kangaroo Trilogy (Berlin, 2006 ff.). In many ways he resembles Allen.

The scenery of Kling’s short stories is a flat in downtown Berlin, inhabited by the author and a kangaroo. This last character is reminiscent of Woody Allen’s desolate Marxists in Bananas or the piece Viva Vargas: ready to forget what they profess to fight for if you give them a burger or Black-Forest-kirsch pralines. The author is (supposed to be) a looser or at least one who can’t say no when the kangaroo settles himself in his flat without asking, when the kangaroo is rude to police officers, when the kangaroo denies to do his part in the household. No psychoanalysis, no Jewish background – it’s not a copy of Allen’s themes, just a return to philosophy and how you’re still helpless with your whole knowledge and your whole political awareness after you’ve met the ones who would rather mock them, usurp them, ridicule them. Yes, you can say that Kling loves reflexion but in his short stories, reflexion and philosophy reach their limits quite fast:

– Do you have to be rethinking about everything?

– I do!

– Well, then I’d say do rethink about the following: Fuck you!

In other cases, the reason to entertain reflexion threatens to be selfish:

– Where do you have this from? I’ve been looking for it everywhere! It’s my MP3 player!

– „Mine“, „thine“ pffff! Bourgeoise categories!

Self-reference is one more characteristic of Kling’s stories. In one case, the kangaroo tells the author to stop writing down their stories, the author is busy with writing down exactly what the kangaroo urges him to refrain from in that very moment, which causes the kangaroo to stand up, attack him and „to try to seiz…“ – the sentence stops there.

You also find decision theory in Kling: which is the best tactic when you play an „open“ version of stone-paper-scissors (i.e. a version of the game not restricted to stone, paper and scissors)? Do you show the other a dinosaur? A meteorite falling on the earth? A black hole?

And there’s much philosophy also. The author needs to text a friend about Hegelian dialectics but the autocorrection disallows the word „dialectics“. However the kangaroo proposes that he writes „thought“ instead. After the author does so, he and the kangaroo agree that this is the right interpretation of this word in Hegel anyway…

I can’t wait to see the movie!

Recycling, virtues and psychoanalysis

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Wenn die ganze Wohnung abgelaufen wird, damit Kleinteile aus Metall oder Kunststoff in den gelben Sack in der Küche statt in den Papierkorb des Arbeitszimmers kommen können, Kleinteile, die vernachlässigbar, wenn nicht lästig für das Recycling-Verfahren sind, dann äußert sich dadurch eher Zwangsneurose als eine politische, als eine Umweltschutz-Tugend. Je zwanghafter allerdings die Recycler, desto sicherer die sparsame Gewohnheit.

Wenn Freud Recht damit hatte, in der Analfixierung die Ursache psychischen Leidens zu sehen, ist jene weder eine Tugend noch eine Untugend, sondern einfach pathologisch. Solange jedoch Großzügigkeit eine Tugend bleibt, müssen Geiz und Kleinlichkeit moralisch verwerflich bleiben. Also kann man nicht umhin, moralischen Unwert in der Nähe der Analfixierung zu sehen: moralischen Unwert; moralischen Unwert, der als Tugend umgemünzt wird, sobald der Analfixierte Wiederverwertbares sammelt.

Das ist dialektisch, was seit den Sechzigern niemanden mehr erschreckt. Wer auf sein Recht pocht, Peanuts Peanuts sein zu lassen, soll nicht die Dialektik anfeinden, sondern die List der Vernunft, die aus Unbekümmertheit gegenüber Kleinteilen eine Untugend machte.

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These small pieces of plastic or metal waste are negligible, present rather a problem since they have to be sorted out, and they’ll probably not be recycled. But there are those who run through their houses to throw them into the special bin that’s typically in the kitchen instead of disposing of them into the paper basket in the room they happen to be. Is this a sign of a political virtue and an ecological awareness or simply anancastic?

If Freud was right to see the cause of some mental disorders in anal fixation, anancastic recycling is neither a virtue nor a vice, being plainly pathological. However as long as magnanimity remains a virtue, one cannot help seeing in stinginess and pettiness vices – and eo ipso moral categories. They do have a pathological component alright. And this is strange because moral categories are akin to freedom and opposite to pathology but we are not going to solve this here and now.

This vice is taken to be a virtue when you think of the willingness of the vicious person to go to anancastic recycling.

Since the sixties, dialectics doesn’t scare anyone. Those who presume anal fixation behind recycling don’t need to blame dialectics.

People, blame history that made a virtue out of a sickness!