Betting Dodds or the sleep of reason

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In meiner Studizeit (in Athen musste ich genauso viele Philosophie-Semesterwochenstunden wie klassische Sprachen belegen) hasste ich Dodds’ berühmtes Buch Die Griechen und das Irrationale. Die nietzscheartige Analyse barg ein Religionsverständnis in sich, das für mich damals nicht charakteristisch altgriechisch war. Heute hasse ich das Buch nicht mehr. Damit ist nicht gesagt, dass ich es mag. Bloß behaupte ich im Sinne der Rational choice-Theorie, dass religiöses Verhalten rational ist, was die Hauptthese des Buches, die Griechen hätten sich mit ihrer Religion auf die Unvernunft bezogen, hinfällig macht, wenn ich und die Rational choice-Theorie nämlich Recht haben sollten. Es gibt nichts originär Unlogisches oder Widersprüchliches in Mysterien, Chimären und Gefühlsregungen. Für widersprüchliche Konsequenzen aus Geschichten mit solchen Elementen sind nicht diese Elemente verantwortlich zu machen. Wenn ein Wesen, das halb-Frau-halb-Vogel ist, den Täter eines Mordes quält, den ein lokaler Brauch verlangte, dann gibt es nichts Absurdes daran. Es gibt keinen formalen Widerspruch darin, halb-Frau-halb-Vogel zu sein. Es gibt auch keinen formalen Widerspruch, wenn zwei verschiedene Moralsysteme Gegensätzliches fordern. Ein formaler Widerspruch kommt erst dann zustande, wenn jemand behauptet, beim göttlichen und beim menschlichen Gesetz würde es sich um ein-und-denselben Codex von Gegensätzen handeln. Aber so etwas hat meines Erachtens nie ein griechischer Autor der Antike behauptet.

Ablehnung ist es nur noch, kein Hass, was ich Dodds’ Buch entgegenbringe. Lediglich ein kleines Flämmchen des alten Hasses glimmt noch, wenn mir Dodds’ museumspädagogische Ausgeburten begegnen. Siebzig Jahre nach der Erstveröffentlichung des Buches tut es nämlich weh, wenn es immer noch Kuratoren gibt, die alles auf Dodds’ These setzen, was es in einem Museum zu gewinnen oder zu verlieren gibt. Letztens flackerte das kleine Feuer in mir vor Vitrinen mit grandiosen Exponaten. Der alte Reeder Nikos Goulandris hatte eindeutig ein besseres Gespür für antike Kunst als seine Epigonen für die Auswahl des Personals in seinem Museum für Kykladische Kunst. Sphinx, Greifen, Pan usw. finde ich viel weniger monströs als die dortigen Begleittexte, wonach jene das “Irrationale” darstellen würden. Wie ich immer wieder sage, verschandelt und bagatellisiert die in Griechenland praktizierte Museumspädagogik jedes Exponat.

Dazu eine Geschichte: Ende der Neunzigerjahre haben ein paar bayerische Molkereien die länger haltbare frische Milch lanciert. Ohne Zusatzstoffe. National und international war das neue Produkt ein Renner. In Griechenland verlangte aber der Gesetzgeber, dass egal wie lang ultrahocherhitzte Milch nicht als “frische Milch” in den Regalen stehen durfte und, als das weiterhin geschah, wurde jede länger als drei Tage haltbare “frische Milch” von den Supermärkten konfisziert. Als die deutsche Seite beteuerte, diese Milch sei nicht ultrahocherhitzt, verhöhnte die griechische Presse die widernatürliche bayerische “Superkuh”, deren Milch “frisch” war, aber von der Haltbarkeit her eher der H-Milch entsprach. Ein erstes Expertentreffen wurde vereinbart und ich – damals Doktorand in München und für jeden Pfennig froh – wurde als einer der Dolmetscher angeheuert. Im Treffen waren außer den üblichen Botschaftsattachés und IHK-Heinis Leute des griechischen Fremdenverkehrsamts dabei. Auf den ersten Blick komisch. Auf den zweiten komisch. Auf den dritten nicht mehr. Wo es Kühe gibt, gibt es auch Kuhhandel – und in diesem Fall sogar einen Superkuhhandel.

Nach zweitägigen Gesprächen hatten die Griechen versprochen, etwas für die widernatürliche Kuh zu tun, wenn die Gegenseite aufhörte, sich gegen die griechischen Fremdenführer zu beschweren. Quid pro quo. Es gab nämlich Beschwerden. Und ob es welche gab! Nicht gegen die Verwendung des Begriffs “irrational” durch die museumspädagogischen Fachkräfte – das nicht… Aber laut griechischer Gesetzgebung musste (und muss weiterhin), wer durch ein griechisches Museum führt (es geht dabei nicht einmal um den Berufsstand des Fremdenführers, sondern um den Akt des Erklärens vor einer Menschengruppe) Grieche sein. Das verstößt mit Sicherheit gegen die Freizügigkeit in der EU und eventuell gegen die Meinungsfreiheit. Nun war die deutsche Seite um Ersteres besorgt. Immerhin! Und sie hat ihre Sorge gegen die Lockerung der griechischen Haltung zur Superkuh eingetauscht. Quid pro Kuh. Mensch, so ein sympathisches Tier doch…

Ich war wie gesagt noch Doktorand und brauchte diese Menschen nicht, denn ich war bekanntlich für Höheres vorherbestimmt. Also lästerte ich in der Mittagspause über den griechischen Protektionismus, als Stephanos Tsochatzopoulos, Bruder eines notorischen sozialistischen Ministers und damals Leiter des Münchner Büros des Griechischen Fremdenverkehrsamtes, mich rügte, die Sache, welches Griechenlandbild die Touristen mitbekommen, sei doch von nationaler Bedeutung.

So hat die Politik einer militanten Zunft ein langes Wirken in den griechischen Museen ermöglicht; einer, die bereit ist, dich zu zerren und verbal anzugreifen, wenn sie dich in fremder Sprache vor Familie und Freunden – Gruppen! – etwas über Poseidons Frisur erklären hören. Vor einem Jahr passierte es einem Freund in Akropolis, vor zwei mir im Nationalen Archäologischen Museum.

Die usurpierte Deutungshoheit der Museumsexponate ist eine Sache. Die Deutung eine andere. Die Protegés des griechischen Staates deuten so: “Die Griechen hatten keine Mythen, sondern eine Mythologie, das heißt eine mythische Logik”. Oder: “Für uns heute sind Pegasus und Medusa irrational (sic). Die Griechen sahen das anders”. Der Schlaf der Vernunft bringt Ungeheuer hervor hieß es zu Goyas Zeiten, was aber damals nicht auf die Fähigkeit des griechischen Staates gemünzt wurde, abgefahrene Berufssparten zu erzeugen.

Da ich sehr scharfzüngig gegenüber Griechenland war, wobei die bayerischen Interessenvertretungen glimpflich davongekommen sind, möchte ich den letzten Schluck dieses etwas längeren Ristrettos nicht ohne eine tu quoque nehmen. Ich weiß, dass ich es nicht darf, dass es gemogelt ist, aber ich kann der Versuchung nicht widerstehen.

Der erste Französischlehrer meiner Kinder war ein Franzose, Staatsexamen Französisch. Absolviert in Paris. Er wollte halt’ in München leben. Irgendwas Privates, Freundin, Ehefrau…

Es war eine Privatschule. Privatschulen finanziert der Freistaat Bayern mit, was eine gute Sache ist. Es gibt daher auch Auflagen, was die Ausbildung der Lehrer dort anbetrifft. Ebenfalls eine feine Sache, würde ich sagen. Diese Ausbildung soll dem bayerischen Staatsexamen äquivalent sein. Ich wurde an der LMU promoviert, weiß also, dass die Qualität dort gut ist. Aber jetzt aufpassen, wie Qualitätssicherung interpretiert werden kann: “Für das erste bayerische Staatsexamen muss die Gleichwertigkeit sichergestellt werden. Wenn Sie z.B. in Paris eine Stunde weniger Spezialdidaktik hatten, muss in Bayern eine Lehrveranstaltung Spezialdidaktik mit einer oder mehr Semesterwochenstunden noch absolviert werden. Dann muss das Referendariat absolviert werden. Selbst dann ist die Übernahme davon abhängig, ob Ihr Fach ein Mangelfach ist”. Die Gefahr, den Kindern in Ismaning ein unbayerisches Französisch beizubringen hat ihn zu einem Unterstufen-Halbdeputat, wohlgemerkt an einer Privatschule, eingeschränkt. Dieser protektionistischen Hölle konnte ich im außereuropäischen Ausland der Confoederatio Helvetica entgehen.

Der Leser kann sich vorstellen, wie ich mich fühle – ein Bundesbürger doch – wenn ausgerechnet Markus Söder in der Rolle des Hoffnungsträgers der Konservativen stilisiert wird. Aber das ist eine andere Geschichte.

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As a student (the philosophy degree in Athens required almost as much classics as it did philosophy) I hated Dodds’s famous book The Greeks and the Irrational. It shed a Nietzschean light on the Greek understanding of religion which, for me back then, was not distinctive of Greek culture. Today, after having encountered the rational choice theory, I claim that religion is a rational form of behaviour and I do not hate the book anymore. Rather, I take Greek rituals in it to be just ill-conceived. There is nothing generally illogical or contradictory in mysteries, chimaeras and emotion as such, at least not as long as they have no contradictory implications. There is nothing absurd in a half-woman-half-bird not letting you sleep if you committed a murder that the local custom required you to commit. There is no formal contradiction in being half woman and half bird and there is no formal contradiction between two different moral codes. Where there is a formal contradiction is when you happen to claim that the human and the divine are the same system of morals. I know of no Greek author who claimed this.

However, even if I can now identify my attitude to Dodds’s book as rejection rather than as hatred, I do hate to see museums place their bets on a 70 years old book. This can also happen in a museum whose collection is as remarkable and worth seeing as the Museum of Cycladic Art. The collection Goulandri-Horn on which the museum was based, is remarkable. But no tycoon is to blame for how museologists educated with Dodds interpret the exhibits they collected. What a monstrosity to say that the monsters of Greek culture and religion: Sphinx, Oedipus, Pan etc depict the “irrational”!

Museology in Greece is a vast assault to the art! I’ve already had the opportunity to opportunity to deplore nationalistic and provincial rhetoric in a Greek museum. But the reader of this post only needs to read the following story: in the late 90s the Bavarian dairies promoted the long lasting fresh milk without preservatives. Greek law demanded it not to be tagged as “fresh”, since it was (and remains) drinkable after two weeks. When the package continued to talk of “fresh milk”, the Greek state reacted by confiscating the product from the supermarkets, Greek officials mocking that the Bavarians obviously claimed to have invented the super cow. It was the time to bargain, but the trade pertained more to horses than to cows: the Greeks gave up their stance towards Bavarian fresh milk still drinkable after two weeks, demanding as a quid pro quo that only Greek citizens will be allowed to guide groups in Greek museums – obviously an assault against free movement in the EU, arguably also against the freedom of expression. I know about the quid pro quo because I happened to be one of the interpretors in the negotiations in Munich. I was still a PhD student, didn’t need them to hire me any more – I was going to become the most exalted professor of philosophy the world has ever seen, wasn’t I? – and in the midday break I referred ironically to Athens’s protectionism in favour of Greek tourist guides, for Stephanos Tsochatzopoulos, brother of a notorious socialist minister and back then director of the Munich bureau of the Greek National Tourism Organisation to reprimand: “Don’t be recalcitrant! The issue is of national importance”. For this issue of national importance politics created a group of militants acting in Greek museums who would drag you and attack you if they hear you using a foreign language in the museum towards the members of your family (a group of people, no doubt) since they do not recognise you as one of the ethnically conform people affiliated to the museum. Last year it happened to a friend in Acropolis, two years ago to me in the National Archaeological Museum.

Since ages Greek tourist guides have conducted the tourists saying deeply erudite stuff like “The Greeks had no mythical teachings, they had a mythology, that is a mythical logic”; or: “For us today it is irrational (sic) to have winged horses or snake-haired women, but the Greeks had no issues with the irrational”. The sleep of reason produces monsters claimed Goya ignorant of the potential of the sleep of reason to produce Greek tourist guides. In fact, ignorant of the ability of politics to create monsters in general.

Since I have been nastier to Greek than to Bavarian politics, let me finish with a tu quoque. I know, I am not allowed to, but I cannot resist. With the Greek policy in mind to allow only Greeks to guide groups in Greek museums think of the following story, the story of my kids’ first teacher of French: until four years ago, we have lived in Bavaria and he was, as I said, my daughters’ teacher of French. A native speaker of the language he was teaching, he had come to Bavaria from France where he had gained his teacher’s degree because of his wife. Something personal anyway… It was a private school alright, but the State of Bavaria co-finances private schools. And since it does so, it legally demands that holders of non-Bavarian teacher degrees – French, Greek, i.e. EU degrees, but also degrees of other German states – either have them acknowledged in Munich (“You had one hour weekly less special didactics in Paris, so you have to go to the university of Munich to re-sit for this, pass the exam there and then accept one year’s apprenticeship wherever we send you for 1.200 euros monthly and your colleagues there have to grade your efforts and then you will be hired only if Bavarian universities cannot cover the demand for your subject”) or accept a contract as a cover for small classes. Succumbing to the state’s scepticism towards French teachers who threaten to teach Bavarian kids an un-Bavarian French, he did the latter. We did something else: We locked the door of our house and said goodbye to it to come to Switzerland – NB, a non EU member.

This said, the reader can imagine how it feels seeing – of all people – the leader of the Bavarian Christian Social Union as the promising new candidate of Mrs Merkel’s party. But this is another story.

Radio gaga

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“Johnson wäre nicht Johnson, wenn er kein Verwirrspiel spielen würde” meinte die Stimme auf BR2 (“aktuell”), kurz nachdem ich aufgewacht war. Damit war der Akt des britischen Premiers gemeint, dem nach dem Letwin-Amendment verfassten Brief (“Brexit-Vertrag erst nach Eintritt der Gesetze ratifizieren, welche die Umsetzung des Vertrags garantieren”) ein Begleitschreiben anzufügen, worin er erklärt, warum ein Aufschieben des Brexits eine schlechte Idee sei.

Nun hatte ich zwischen 2003 und 2005 in der HR-Auslandsredaktion durchaus die Gelegenheit festzustellen, wie leicht die harmoniebedürftige Journalistenseele bei Unkonventionellem, auch Philosophischem aus dem Gleichgewicht zu bringen ist. Ich gebe ferner zu, dass Johnson gemäß der alten Unterscheidung (Kant, “Was heißt Aufklärung”) zwischen privatem (als Amtsinhaber) und öffentlichem Vernunftgebrauch (“meine Meinung unabhängig von meiner Position, Leute!”) den Brief ohne Begleitschreiben und dann einen diesem widersprechenden Artikel in den gestrigen Times hätte schreiben sollen. Hätte diese taktische Variante die Journalistenseelen weniger irritiert? Wohl kaum und zwar aus Gründen, die mit dem Stellenwert des Philosophieunterrichts in Deutschland zusammenhängen.

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“Unless there’s cheating going on, it’s not Johnson” said the man from the radio. What he meant by this was the British PM’s cover letter that accompanied the other letter he sent Donald Tusk and the EU according to the Letwin Amendment. The Letwin Amendment is about taking time to make the laws required first and then considering the Brexit deal, the cover letter is about not hesitating.

In the remote two years’ period I was co-producing the news in foreign languages for a state-owned radio station in Frankfurt, often, I had the opportunity to realise that unconventional or philosophical notions irritate a journalist more likely than other professionals. Since journalists have normally visited high school this speaks against the quality of the philosophy classes there. Furthermore, I do confess that I would find it tactically more Kantian of the British PM to write, instead of a cover letter, an article for yesterday’s London Times. This tactic would be more obviously in accordance with Kant’s request to do what the office makes one do (“private use of reason”) and to write what one’s conscience dictates (“public use of reason”). The contradiction, put forth in the aforementioned way, would irritate unphilosophical journalists not less with the result for them to ask – in essence – the British PM to be a zombie devoid of a free will.

Chanceless chancellors

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Seit Jahrzehnten können die Nationalstaaten weder eine Geld- noch eine Fiskalpolitik führen, die den Namen verdient. Sie sehen sich zum einen wegen der Globalisierung sowieso nicht mehr in der Lage, eine unabhängige Geldpolitik zu führen. Zum anderen drängen die Institutionen – die EZB, der IWF – welche eine wie auch immer geartete Geldpolitik gestalten können, gemäßigt in der Fiskalpolitik zu sein und zwar um der Geldpolitik Willen. Diesem Diktat leisten die Staaten auch Folge, da keine westliche Regierung Desinvestition und dem Protest des relativ wohlhabenden Mittelstandes überleben kann, wenn dieser seine Jobs gefährdet sieht. Man kann mit dem Mittelstand tun, was man will, solange man ihn nicht dort verletzt, wo es ihm am meisten wehtut: in seinem Harmoniebedürfnis und dem Schutz seiner Privilegien.

Die Harmoniegefährdung androhend, wird jeder Global Player unsere Regierungen erpressen und die eine gegen die andere aufbringen, solange er Verbündete im Staat hat – und zwar keine korrupten Minister und Beamten, sondern breite Wählermassen, die ihres eigenen politischen Systems unwürdig sind. Bevor der Global Player woanders findet, wonach er sucht, soll er es hier finden.

Ja, es sind die Bundeskanzler der letzten Jahrzehnte, die aus dem europäischen Haus die alte imperiale Struktur von Zentrum und Peripherie herstellten. Gleichzeitig ist es unfair, ausgerechnet diejenigen der mangelnden Führungsqualitäten sowie des Unwillens, Europa zu reformieren, zu bezichtigen, deren Haupttugend in den Augen ihres Wahlvolkes die war, Spießer zu sein.

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Since the globalisation of economy, national states are unable to conduct independent monetary policies. Nor are they able to conduct independent fiscal policies since those (the ECB, the IMF) who are about to conduct the monetary policies instead of the national states oblige the latter to be modest for the sake of the monetary stability. And the states will be disciplined alright since no government can survive desinvestment and the resulting outcry of the relatively rich middle-class masses when they see their jobs threatened. Do what you want with them but do not question their need for harmony neither endanger them to have to change. Every global player would continue to blackmail our governments and to turn them one against another as long as their real ally is a vast mass of people unworthy of their own political system. “Keep them here”, they will say, “because someone will give them what they want – so let this someone be us”.

In a way, it is the German chancellors of the last decades who turned united Europe to the old imperial system of centre and periphery. At the same time, however, it is unfair to blame of lack of statesmanship and of unwillingness to unite Europe the ones who of all people got their chance in politics just because they were philistines.

Griechische Staatsphilosophen 2015 bis 2019

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Ein Großteil der Probleme Griechenlands seit 2015 ist der Umstand, dass die ultralinke Partei, die bis übermorgen regiert (es sind da die Wahlen und mehr ist nicht drin), eine bestimmte Staatsphilosophie verfolgt (und die ist nicht der Marxismus): Aristides Baltas (Wissenschaftsphilosophie, NTUA), vormals Minister im Kabinett, hält wissenschaftliche Gesetze für durch-und-durch sozial bestimmte Konstrukte; als seine große Inspiration dazu nennt er Friedrich Nietzsche in der Auslegung von Alexander Nehamas. Yanis Varoufakis (Volkswirtschaftslehre, NKUA) hält die Spieltheorie für paradox, was aber (er hat kontinentalphilosophische Präferenzen) keine schlechte Sache sein solle.

Ohne die voluntaristische, postmoderne Philosophie der beiden wäre es nicht möglich gewesen, dass eine Regierung fordert, ein ganzer Kontinent würde von heute auf morgen einen Geldverlust nicht mehr als solchen betrachten, bzw. dass sie erwägt, ob das “Chickenspiel” eine solidarische Lösung hätte.

Überall auf der Welt gilt Stathis Psillos (NKUA) als der führende griechische Wissenschaftstheoretiker (OK, schlimm genug, aber wenigstens einer vom Fach), Konstantin Daskalakis (MIT) als der führende griechische Spieltheoretiker. Ein Grieche in Griechenland würde in diesen Rollen stattdessen Aristides und Yanis sehen, zwei Leute also, die die klassische Disziplin in Frage stellen.

Das ist bezeichnend und zwar nicht nur für die beiden, sondern für das ganze Land.

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A considerable part of Greece’s problems since 2015 is the fact that the far-left party which will have to leave power after Sunday’s elections, has a state philosophy – this not being Marxism – whose main representatives are Aristides Baltas (philosophy of science, NTUA) and Yanis Varoufakis (economics, NKUA). The former of the two ex ministers holds scientific laws to be social constructs and mentions Friedrich Nietzsche in Alexander Nehamas’s interpretation as his main inspiration. The latter thinks that game theory is a source of paradox which (philosophically a continental) is allegedly not a bad thing.

Without both academics’ voluntaristic, postmodern philosophy it would be impossible for a government to demand a whole continent to rechristen overnight an unpaid debt in another name or to urge for an optimal solution when at the same time intending to play the “chicken game“.

If you ask who is the leading Greek philosopher of science and who the leading Greek game theoretician, everywhere in the world you will hear the names Stathis Psillos (NKUA – OK, I know, but he’s at least an expert whose books are read worldwide) and Constantinos Daskalakis (MIT) respectively. In Greece, they will mention Aristides and Yanis instead, two academics who question their own disciplines.

This is characteristic- not only for the character of these two but for the whole country.

 

Alles antihabermäßig

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Über den großen Erfolg der politischen Mitte in der gestrigen Europawahl habe ich mich gefreut. Ich bin weder der Meinung, dass die Kompromisse immer in der Mitte stattfinden sollen, noch nicht einmal der Meinung, dass Kompromisse das Wesentliche in der Politik sein sollen. Ich freute mich wegen der Inhalte, insbesondere wegen Präsident Macrons Manifest zur Wiedergeburt der EU, nicht weil die Mitte etwa privilegiert wäre.

Wenn die Erreichung des größtmöglichen Kompromisses wesentlich für die Politik sein sollte, dann wäre es tatsächlich am vernünftigsten, zentristische Parteien zu wählen, weil ein Kompromiss am leichtesten ist, wenn diejenige Position am stärksten ist, wo der Kompromiss höchstwahrscheinlich stattfindet. Aber dann gäbe es keinen Kompromiss, sondern eine Vorherrschaft der Mitte. Da diese Vorherrschaft die eigene Ausgangslage, die Idee des Kompromisses, ad absurdum führen würde, muss, falls ich keinen Fehler beim Schlussfolgern beging, die Prämisse falsch sein, dass der Kompromiss das Wesentliche in der Politik sein soll.

In der Politik geht es um etwas anderes, was auch an den Institutionen des antiken Athen zu erkennen ist. Dort wurde es als demokratisch empfunden, wenn Ämter ausgelost wurden. Da hatte man keine Pattsituationen, keinen Kuhhandel danach, das politische Geschäft konnte direkt nach der Wahl in Angriff genommen werden.

Randomisieren ist wohl keine vernünftige Idee, aber Externalisieren ist den Pattsituationen mit Sicherheit vorzuziehen. Ein Mehrheitswahlrecht und vor allem eine Regierung für Europa, die den Namen verdient, wären demokratisch und dem Wesen der Politik gemäß.

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The centrist platform celebrated a great success in yesterday’s European elections and I found this pleasant. My main reason for this is the manifest of president Macron towards a European renaissance. In other words, I do not believe that political compromise has to tend to the middle of the political spectrum. I do not even believe that compromise is substantial in politics.

Because if it were, the only rational decision would be to vote for centrist parties. But what you would have then, would be a domination of the political centrism rather than a compromise. The concept of compromise would be led ad absurdum. Whenever you have an absurd conclusion but no mistakes in reasoning, a premise must be false. Here, this is probably the premise that compromise is substantial to politics.

In ancient Athens, the offices thought to be democratically manned were the ones for which lots were drawn. No compromise, no horse trades, this is the legislative period, do your job!

Randomising is probably a bad idea, externalising however could be, with the help of first-past-the-post, a way out of horse-trade-like negotiations and a way to a European government after all.

Eurovisionaries

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Am Sonntagmorgen hat Marta festgestellt, wir haben am Samstagabend die Eurovision verpasst. Ach, tat das weh!

Jedes Jahr lästere ich nämlich auf Twitter mit Fachkollegen aus ganz Europa und Australien – komischerweise meist Wissenschaftstheoretiker – über den Abend, an dem Europa den Rest der Welt volltrollt. Die erfolgreichsten Sprüche vom letzten Jahr:

“- Ein paar Millimeter weiter unten und wir hätten die Schamhaare jetzt gesehen.

– Oder eben nicht.”

“- O, die haben jemanden geschickt, der echt singen kann.

– Voll geschummelt eigentlich.”

“- Endlich, das griechische Votum jetzt!

– Du meinst wegen der Pinkelpause.” (Es ist nämlich klar, welche Noten an welche Länder gehen)

Wie kann ich nicht traurig sein, wenn ich den europäischen Abend verpasste, der als gesamteuropäisch gilt? Den (ich paraphrasiere)

Seufzer der bedrängten Visionen, das Gemüth einer herzlosen Bürokratie, … das Feigenblatt des Volkes!

Ein Beispiel, das die Marx-Paraphrase rechtfertigt: Versuchen Sie mal als außerhalb Bayerns (aber innerhalb der EU) Staatsexaminierter irgendwo in Bayern Ihr Staatsexamen geltend zu machen, und dann werden Sie feststellen, wie groß die Heuchelei des “d” nach dem “m” und dem “w” in der Ausschreibung Ihres Traumjobs war. Europa ist der Kontinent, wo ein Lehramtskandidat, der ein Bisschen andere Seminare besucht hat, eine unüberwindbare Barriere vor sich sieht, von der aber eine Teilbarriere abgezogen wurde, sollte unser Kandidat dieses Millionstel der Hermaphroditen darstellen.

Die Eurovision ist dagegen gelebte Diversität. Da sind die Chancen reell und zwar nicht nur für Kranke an ovotestikulärer DSD, sondern auch für Untalentierte, sogar für Australier. Wer die Eurovision verpasst, verpasst den großen europäischen Abend der Feigenblätter!

Aber ich will heute mit einer positiven Nuance abschließen: Am kommenden Sonntag kommt die Folgeveranstaltung, die denselben Trosteffekt wie die Eurovision hat! Die verpassen wir nicht!

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Last Sunday, Marta realised very early in the morning that we had forgotten the Eurovision Song Contest. That hurt!

The EST has been for years now our sarcasm Saturday evening. “Our” means of philosophers on twitter. Last year’s best comments were the following:

“- If this had been an inch lower, we would have seen the singer’s pubic hair!

– Or not…”

“- Oh, they sent somebody who can sing!

– This is what I call cheating.”

“- A very good invention, the results of the Greek vote: They give everyone the opportunity to have a toilet break.”

The only Paneuropean evening of the year is not only about the jokes. It is also a symbolism of (I paraphrase)

the sigh of the oppressed visions, the heart of a heartless bureaucracy … It is the fig leaf of the people.

A motivation to paraphrase Marx here comes from the following example: imagine that you are a teacher with a teacher’s degree earned somewhere in the EU. Imagine still that your German is perfect. In fact, you can imagine that you are German. Imagine, moreover that, for some reason, you want to live in Bavaria although you did not earn your degree in Bavaria. Imagine, finally, that there is this advertisement for the position, the position of your dreams, at a Bavarian lake: “Teacher (male/female/diverse)” as the German standard for diversity affirming policies prescribes. Of course, under the above conditions you will never be hired since your classes at, say, Bristol were insignificantly different from the description of subjects required from alumni of Munich or Augsburg but – rejoice – if you had been one of the 500 individuals in this world with ovotesticular disorder this wouldn’t have been the problem. What a hypocrisy!

Do you know any better consolation for this hypocrisy than the Eurovision? In this contest you are given a chance to win a European prize not only if you lack an identifiable sex. You also get a chance if you lack talent, and you even get one if you are Australian. Failing to watch the Eurovision is failing to celebrate the top fig-leaf event of the continent.

If you missed the Eurovision anyway and you are a European citizen, at least don’t miss the sequel next Sunday, one with almost the same consolation effect: the European Parliament elections take place on May 26.

Britannia omnia correxit

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Während die deutsche Presse in der Berichterstattung über die Geburtswehen um den Brexit in traditionell kriegsdepeschenartigen Hohn verfällt, ist es wohl zu erwarten, dass jeder selbstkritische Moment wegfällt. Für Leser, die diese Selbstkritik aus EU-Sicht vermissen, für Leser, denen das “Wir haben alles richtig getan, die Briten dagegen alles falsch” zu billig ist, ist dieses Posting geschrieben.

Man kann sich fragen, was Fotos von Basler Trinkbrunnen damit zu tun haben. Nun ja, Basler Trinkbrunnen sind außerhalb der EU und sie ermöglichen meinen Kindern und mir, unseren Durst zu löschen. Jeden Tag. Jederzeit. Gratis. Auch in Zukunft. Auch nachdem die EU die neue Trinkwasserverordnung beschlossen hat.

Da Trinkwasser im gesamten Kontinent in sehr guter Qualität vorhanden ist, erscheint dem Leser eine EU-Richtlinie für sauberes Trinkwasser wie ein Feigenernteverbot auf Grönland. Dem ist nicht so.

Jede – tolerable! – Abweichung von der Wasserqualitätsnorm wird der Totengräber einer Nische hier (Filter für herkömmliche Verschmutzung) und Entwicklungsmotor einer anderen da (meinetwegen Geräte zum Reinigen von kleinsten Kunststoffpartikeln – das Problem mit Plastik war, dass es nicht abbaubar ist, oder? Wieso ist das Problem jetzt, dass es abbaubar ist? Aber egal…).

Ich wende mich nicht gegen Strukturwandel in der Wirtschaft aufgrund veränderter Bedürfnisse des Verbrauchers. Ich wende mich gegen zentral gesteuerten Strukturwandel.

Warum? Ich denke mal wegen dieses uralten Exemplars des Weges zur Knechtschaft in meiner Bibliothek. Erste Ausgabe. Ein steinzeitliches Billett des Tube dient als Lesezeichen drin.

Eben des Tube, nicht der Berliner U-Bahn…

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Pictures of tubes are unlikely to give food for political thought. But these are not ordinary taps. They are in Basel, Switzerland, and a few miles from the country’s border to the EU. Eo ipso, they will remain unaffected from the new EU regulation concerning the quality of drinking water – and still my kids and I will continue to use the Swiss water for free and without second thoughts. If EU-wide regulations concerning a good to be found in best quality throughout Europe make you think of laws against planting fig-trees in Greenland, well, rethink!

Every regulation kills a production branch here and opens one there. Imagine what will happen in the next case of (tolerable) plastic microparts in the drinking water: The ordinary filters (and the factory that produces them) will give way to filters that clean such plastic away (and another factory that produces these). Until now, everybody complained that plastic is not decomposable. Suddenly, the problem is that it is decomposing.

I have nothing against structural change in economy due to the consumer’s new preferences. But this change that makes you buy new filters, new light bulbs or you name it because of new regulations, is centrally planned.

My problem with this now? Probably only this copy of the first edition of Hayek’s Road to Serfdom. In it I find the reasons why central economic planning is central social planning. And, in it again, I find an ice-age ticket of the Tube that the person who first read the book used as a bookmark.

Of the Tube, not of the Berlin U-Bahn…

This is why I avoid reading German daily newspapers lately! How can’t it be cheap to boast that the British voter had been irrational and you yourself made everything right?