Macro(n)economics

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Ausnahmsweise schreibe ich heute nicht in meiner Eigenschaft als Philosoph, sondern in meiner Eigenschaft als Fabrikantensohn, was – so die Hoffnung – ganz besonders zu philosophischer Reflexion befähigt.

Als Griechenland der damaligen EG beitrat, hieß es, griechische Firmen hätten wegen ihrer niedrigen Fixkostenstruktur sehr gute Chancen, auf dem gemeinsamen Markt gut als Zulieferer von Einzelteilen deutscher oder französischer Industrieprodukte wegzukommen.

Es kam, wie wir heute wissen, anders. Man kann die fehlende Infrastruktur und die Abhängigkeit von ausländischen Rohstoffen schuldig machen, auch die griechische unternehmerfeindliche Politik der 80er Jahre, schließlich dieselbe Politik, die die EU-Integrationsfonds zu einer Freibierveranstaltung zweckentfremdete, aber wo bleibt bei dieser Argumentation der vermeintliche Vorteil wegen der sehr niedrigen Fixkosten?

Mein Vater versuchte seinerzeit, mit sehr niedrigen Preisen auf dem EU-Markt Fuß zu fassen. Das war just die Zeit, als seine italienischen Konkurrenten den griechischen Markt eroberten. Die italienische Ware war schön, aber nicht gerade billig. Der springende Punkt war, dass Italienern, geschweige denn Deutschen, das zugetraut wurde, wozu mein Vater die prospektiven Kunden verzweifelt überzeugen wollte: nicht recycelten Kunststoff zu robusten Lebensmittelbehältern zu verarbeiten und eine große Produktpalette für lange Jahre zu liefern.

Aber: Würden Sie beim Griechen Kunststoffprodukte kaufen? Ich schon, denn in meinem Hinterkopf ist der Grieche nicht automatisch Schäfer oder Kellner. Im Grunde genommen kenne ich wenige griechische Schäfer und Kellner, ich selber bin keiner und mein Vater war’s auch nicht.

Was ich damit meine, ist, dass ich nicht sicher bin, ob nationale Stereotypen keine Rolle auf dem gemeinsamen europäischen Markt spielen. Für die Marktwirtschaft sind nationale Stereotypen natürlich irrational, also dürfte es sie bei der rationalen Entscheidung nicht geben. Man kauft dort ein, wo das Preis-Leistungs-Verhältnis am besten ist.

Allerdings sind simple Rationalitätsannahmen in sozialen Sachen oft nicht adäquat. Auf dem Markt haben wir eine eingeschränkte Rationalität. Und selbst eine eingeschränkte Rationalität im Sinne eines nichtkooperativen Spiels findet auf tatsächlichen Märkten nicht statt, sondern das Spiel ist kooperativ. Mit anderen Worten gibt’s Leute, die bei jemandem kaufen würden, der ihnen ähnlich ist, statt bei jemandem, der ihnen unähnlich ist, obwohl sie damit Geld verlieren. Das braucht nicht irrational zu sein, wenn die Angst vor dem Anderssein den Gewinn aus niedrigen Fixkosten überwiegt. Geld und Rationalität hören auf, das Thema zu sein, wenn die Ängste sich ankündigen.

Die EU basiert auf simplen Rationalitätsannahmen; auf solchen, die nationale Stereotypen und Ängste unterschätzen – unbewusst oder bewusst. Ersteres ist Illusion, Letzteres Betrug.

Der neue französische Präsident ist ein Philosoph ersten Ranges aus guter Stube, der mit einer Fabrikantentochter verheiratet ist.  Fabrikantenkinder sind dazu fähig, philosophisch zu denken, und Philosophen lieben die Wahrheit. So die Hoffnung.

Denn die Wahrheit ist mit Illusion und Betrug unvereinbar.


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This is a posting by SG, the son of an industrialist. This is the same person as SG the philosopher and the hope was – and remains – that being the one facilitates being the other.

This distant time when Greece joined the back-then EEC, I remember my father claiming that Greek fixed costs, being very low, would predestine Greek industry to evolve to, essentially, a supply industry of the big industrial nations that would become the new partners. Greece was a country whose closest ties were to its geographical neighbours.

In the decades to come, these neighbours came closer and closer to Greece – the iron curtain fell, the civil war in Lebanon ended, Libya ceased to be a renegade – Greece, however, opened trenches to them – was obliged to follow Brussels‘ directives and joined the euro – to make itself inaccessible to its old friends without finding new ones. My father’s plastics never found their way to a Volkswagen’s console or a Gillette razor’s button.

My father thought – and still thinks – that, on the Greek side,  missing infrastructures and the eighties, when the Greek state was utterly hostile to entepreneurship, were the causes that doomed his prediction to fail. But these two factors do not substantially affect his initial argument concerning low fixed costs. Did he do his job improperly?

He didn’t. On the contrary, for years and years he desperately attempted to export his goods at a time when Italian plastics conquered the Greek market with prices that were higher than his. They were funnier and had a better design alright. They weren’t his league. But what about a down-market league?

Well, I believe that he didn’t get the chance he deserved and would have got if he tried to enter the Russian, Turkish or Israeli market instead of the German or Dutch. How can you persuade people to buy your plastics if they associate you with fishing and goat cheese?

What I mean is that I can’t discard the suspicion that my father’s prediction came to fail along the lines of stereotypes.

Stereotypes shouldn’t have a chance when juxtaposed to a cost-benefit analysis you may say.

And I’ll be tempted to say that this is only theory. When people say „only theory“, they take theory to be too abstract to depict reality. When a philosopher says so, he means that this theory is simply inadequate.

Mainstream rational-choice theory appears to be adequate in terms of individuals who prefer to maximize their utility.
  
But in the context of a market, individuals often act in terms of bounded rationality. And in terms of the European common market they often act in terms of a cooperative game: in a case of doubt – doubt triggered by national bias – they would take into consideration to earn less provided they won’t have to communicate out of the box. This doesn’t need to be irrational if the fear to meet an exotic partner is bigger than the expected  revenue. We’re not talking about money here. We’re talking about fears…

The EU is based on simplistic assumptions concerning rationality and ones that neglect national stereotypes and fears – subconsciously or consciously. Neglecting stereotypes subconsciously is self-deception. Neglecting stereotypes consciously  is simply deception.

The new French president is a philosopher married to an industrialist’s daughter. And, as I said, the hope is that industrialists can think philosophically and philosophers love truth.

And truth is incompatible with deception and self-deception.

Can he do the math?

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A topos refuted: having (and failing) to divorce without being married

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Wenn die Hälfte davon, was Yanis Varoufakis in seinem neuesten Buch Adults in the Room beschreibt, stimmt – mehr oder weniger, dass alle einschließlich der Griechen in den Eurogroup-Sitzungen vor zwei Jahren eingesehen haben, dass Griechenland in einer unentrinnbaren Schuldenfalle ist, aber alle (wieder einschließlich usw.) den Staatsbankrott lediglich aus Angst vor einer irrationalen Panik der Märkte vermeiden wollen, d.h. nicht etwa aus Europatriotismus – dann ist Europa etwas Groteskes: Eine Gemeinschaft, die keine Ehe darstellt, von der du dich aber nicht verabschieden kannst, weil die Scheidung noch nicht geregelt ist.

Europa ohne GR
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Let only the half of what Yanis Varoufakis describes in his newest book on the Eurogroup meetings two years ago be true: the European establishment and the Greeks as well, all recognise that Greece is trapped in a huge debt not to be paid back until the Second Coming of the Lord, that the only rational way to solve the problem is some kind of payments‘ default, but are reluctant to say it openly because they fear an irrational panic of the markets, and NOT out of loyalty towards the European idea. If half of this is true then…

… well, then, Europe is a state of non-marriage that you can’t quit because the legal formalities of divorce are not settled.

Ristrexit

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Die Frage lautet: Wenn die EU beweist, dass ein Binnenmarkt zu protektionistischen Betrügereien hinter der Fassade führt, wo hat man keine protektionistischen Betrügereien? (Kleine Hilfe: logische Kontraposition!)

Vor der Beantwortung der Frage möchte ich allerdings einem Missverständnis vorbeugen: Trotz des Titels dieses Beitrags bleiben die Philosophischen Ristretti, wo sie gerade sind: unter http://www.philori.de mit einem „.de“ am Ende und bei WordPress. Meine Leser brauchen keine Lesezeichen zu ändern oder Ähnliches. Und es wird sogar meistens in Deutschland gepostet werden. Untertags wird aber der Autor dieser Beiträge in der Schweiz lehren – nach wie vor Grundlagen der Mathematik und Ethik und Religion.

Das ist natürlich keine politische Entscheidung – keine jedenfalls im herkömmlichen Sinn von „politisch“.

Und trotzdem…

In den letzten Jahrzehnten erlebte ich die EU aus meiner Berufsperspektive des Uni- und Gymnasiallehrers als eine Kulturlandschaft, die zwar bunt ist, deren Bewohner aber am liebsten eine Monokultur einrichten würden. Das Englisch meiner Aufsätze war immer stilistisch und grammatikalisch richtig, fanden die britischen Peers, bloß auf dem Flur eines britischen Philosophiedepartments habe man idiomatische (Mode-) Ausdrücke, die ich nicht verwende. Oder der Kandidat aus Oxford, den ich präferierte, hatte – wie schrecklich! – keine Note auf der Doktorurkunde, sagte der Erfurter Kollege. Es gab auch die besonders Kranken: den Kontinentalphilosophen der Fernuni Hagen etwa und das bayerische Schulamt: ersterer attestiert analytischen Philosophen – eigentlich mir – ein „korruptes Deutsch“, letzteres wollte feststellen, ob meine Semesterwochenstunden an der Uni Athen genau mit denen in München übereinstimmen, sonst keine Lehrgenehmigung in Bayern. Der bisherige Französischlehrer meiner Töchter darf in Mittel- und Oberstufe bayerischer Staats- oder Privatschulen nicht unterrichten, weil er kein bayerisches Staatsexamen im Fach Französisch hat. Da könnte ja jeder französische Französischlehrer mit Staatsexamen in Marseille nach Bayern kommen und bayerischen Kindern ein unbayerisches Französisch beibringen, oder? Ich muss zugeben, dass meine Karten mit griechischer Lehrgenehmigung und zwei Erfurter veniae natürlich schlechter als seine waren. In den bayerischen Behörden weiß man wenigstens, wo Marseille liegt. Aber Athen… Oder – noch schlimmer- Erfurt! In diesem Blog habe ich auch von meinen Erfahrungen in Griechenland berichtet.

Fazit: wo die Bauernschläue zum Staatsprinzip erhoben wird, da ist es nur heuchlerisch, von „Europa als Friedensprojekt“ zu reden.

Wir erleben den Untergang eines Transvestiten: einer als Friedensprojekt verkleideten Werbemaßnahme auf einer Party von Marktprotektionisten.

Auch deshalb trinke ich in der Früh meinen Ristretto woanders und zwar sehr gern.


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The question is: when the EU is the living example that the common market implies fraudulent protectionism behind the curtain, what’s the case when you have no fraudulent protectionism? (I’m giving you a hint: I just negated the consequent)

But first, I’d like to avoid a misunderstanding: despite the title of this post, Philosophische Ristretti, the blog, will remain at http://www.philori.de (with a „.de“ at the end) and at WordPress. Don’t change your bookmarks or anything else.

However, while you’ll be reading my posts, I’ll be in Switzerland- at least if you read during the day. Teaching maths and ethics and religion there, instead of Germany is not a political decision – not in the usual sense of „political“. But it’s also not out of the blue. In fact, it is due to the political culture in the EU.

In the last two decades, my impression of the EU vis-à-vis my profession is that of a big place where people pretend to affirm diversity but have a hidden agenda to promote their microinterests in the name of big ideas. The two things are complementary: affirming diversity is a big idea and pretending to do so serves the hidden agenda. Oxford is a great place to study, so I learned in Erfurt, but Erfurt PhDs are better because they’re graded on a scale from 1 to 4. And papers written by non British scholars can be inspiring – so you can see peers of English philosophy journals write – but the language should be more idiomatic for them to be publishable. And there are also the cases of sick provinciality: the continental philosopher from Hagen who calls analytic style „corrupted language“ or the Bavarian Ministry of Education that prohibits French teachers of French to teach French at Bavarian schools because they took one didactics module less than the Bavarian norm when they studied for their teacher’s degree in France. Try to persuade Bavarian ministries that the common market was established for things other than the BMWs…

The chancellor talked today about Europe as a „peace-making project“. This is inflationary language. Call it a marketing policy for industrial products in a party held by market protectionists but don’t call it a „peace-making project“… Not the EU… OK, call it what you like, but you can’t make it resemble what you call it.

You can call my morning espresso a poison. I’ll still enjoy it. Every morning. On the other side of the border.

The meaning of allegories

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Yanis, ein weltweit bekannter Spieltheoretiker und Freund, mit dem mich unvergessliche Zeiten verbinden, geht ins Rennen als Abgeordneter für die Vouli am kommenden Sonntag, an dem ganz Europa vor dem Gespenst einer Regierung in Griechenland bangt, deren politische Plattform in der Autonomenszene und bei ehemaligen Kommunisten ihren Ursprung hat.

Und ja, er kandidiert mit SyRizA – der postkommunistischen Partei.

Ich war vor ein paar Wochen nicht überrascht, als ich es erfuhr – was aber hier nicht das Thema ist.

In dieser neuen Eigenschaft, als Kandidat – und eventuell künftiger Verhandlungsführer der neuen griechischen Regierung – wurde er von der französischen La Tribune interviewt. Folgende war seine Antwort auf die Frage, was er sich denn vorstellen kann, falls der Versuch der linken Regierung nicht vom Erfolg gekrönt wird, einen neuen Schuldenschnitt zu erwirken:

So I say this clearly: Death is preferable.

Was denn die Allegorie des Todes konkret bedeute, wollte fortan der Journalist wissen, um die Antwort zu erhalten:

The term “death” was allegorical. And like any allegory, the less said the better, and this is understandable.

In den 70er Jahren gab es in der analytischen Philosophie ein großes Gespräch über die Bedeutung von Metaphern. Max Black hatte die überkommene Weisheit verteidigt, dass Metaphern durchaus bedeutungsvoll und wahr sein können. Das tat er allerdings, so wie übrigens kontinentale Philosophen auch, an der Wahrheitstheorie vorbei. Donald Davidson mahnte, Metaphern seien stets falsch, denn sie beschreiben per definitionem nicht den eigentlichen Sachverhalt, sondern einen anderen. Z.B. wurde der Wuidschütz Jennerwein – „Ein stolzer Schütz in seinen besten Jahren wurde von dieser Erde weggefegt“ – anders als im Vers angegeben nicht mit einem Besen ermordet.

Donald Davidsons These hat was: Sie ist trocken und bitter, was nach Wahrheit schmeckt – um es metaphorisch zu sagen… Wenn sie stimmt, dann sind Allegorien oft Kategorienfehler: Delacroix‘ halbnackte Frauen als allegorische Bilder der Freiheit, die Taiga als allegorische Darstellung der seelischen Leere in Tarkowskij-Filmen, der Tod als Allegorie des nächsten Tages der Greeconomics, nachdem Wolfgang Schäuble gesagt hat: „Herr Ich-kann-Ihren-Namen-nicht-aussprechen, ich möchte Ihnen nur eines sagen: Einen Schuldenschnitt gibt es nicht und Sie machen jetzt was Sie wollen“: alles eine Vermengung von gegenständlichen Bildern und abstrakten Begriffen. Kategorienfehler!

Vielleicht ist es – wie Yanis andeutet – plump, à la Davidson darauf hinzuweisen, dass Allegorien Kategorienfehler sind. Das heißt allerdings nicht, dass Allegorien ohne Erklärung bleiben sollen. Der Dichter erklärt z.B. die Todesallegorie folgendermaßen:

Der Tod sind die Dohlen, die zappeln
An den schwarzen Mauern und auf den Ziegeln,
Der Tod sind die Frauen, die sich lieben lassen,
So nebenbei wie beim Schälen der Zwiebeln.

Der Tod sind die dreckigen, schäbigen Straßen
Mit ihren großen, illustren Namen.
Der Olivenhain, das Meer und auch
Die Sonne, ein Tod jenseits von des Todes Rahmen.

Stützpunkt der Prevesa-Wache – sechzig Mann,
Am Sonntag spielt die Militärkapelle schön gereiht.
Ein Sparbuch habe ich mir zugelegt
Und es mit dreißig Drachmen eingeweiht.

Kostas Karyotakis, Prevesa, 1928.

 Griechische Fahne

Yanis is an internationally renowned game theorist and a friend with whom I’ve had unforgettable times. And he runs for MP. He wants to be a member of the Vouli in next Sunday’s general elections in Greece.

And, yes, he’s a candidate of SyRizA, the leftist party which evolved out of the reformist Communist Party of Greece to become the favourite of the anarchist communities of Athens and to promise the middle class to reset Greece and the whole of Europe to the status quo anteviz. ante crisin!!!

I wasn’t surprized when I learned it a few weeks ago – but this is here not the issue.

As a candidate and probably the future chief-negotiator of the new Greek government he was asked in an interview with the French daily La Tribune what will happen if no (new) agreement between Greece and the troika is reached. Yanis replied:

So I say this clearly: Death is preferable.

The journalist wanted to know what the death allegory means, to receive the following answer:

The term “death” was allegorical. And like any allegory, the less said the better, and this is understandable.

In the 70s there was in analytic philosophy a huge debate on the meaning of metaphor. Max Black supported the received wisdom according to which metaphors are meaningful and can be true. Like this of Continental philosophers Black’s position was with no reference to the theory of truth. Donald Davidson tried to change this. He urged that metaphors are always false since they describe by definition something which should not be properly described thus. Bob Dylan never felt really like a rolling stone: he’s not a stone even when he rolls!

I do like Davidson’s approach. To say it metaphorically, it’s dry and bitter and I suppose that this is exactly the aftertaste of true words. If Davidson’s view is correct, allegories are often category mistakes. The half-naked women who stand (up) for freedom in Delacroix’s paintings, the taiga as an allegory for emotional emptiness in Tarkovsky’s movies, death as an allegory of the no-agreement’s next day in Greeconomics – all of them are category mistakes which consist in mixing up abstract universals with concrete individuals.

But even if it’s dull as Yanis insinuates to take them to be all mistaken, allegories are by no means to remain unexplained. I’m thinking of the poet’s explanation of the death allegory:

Death are the jackdaws bashing
against the black walls and roof tiling,
death are the women being loved
in the course of onion peeling.

Death the squalid, unimportant streets
with their glamorous and pompous names,
the olive-grove, the surrounding sea, and even
the sun, death among all other deaths.


Base, Guard, Sixty-man Prevezian Rule.
On Sunday we’ll listen to the band.
I’ve taken out a savings booklet,
my first deposit drachmas thirty one.

Kostas Karyotakis, Preveza, 1928.

I’m not a eurosceptic

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Diejenigen, die meinen Namen als griechisch identifizieren, werden sich gewundert haben, da ich mich nicht zur griechischen Krise äußere. Das tue ich deswegen nicht, weil ich Griechenland bereits 2003 voller Enttäuschung unter dem Eindruck der klientelistischen Personalpolitik an den griechischen Universitäten verließ. Da die Universitäten bereits seit den 80ern mehrheitlich von denen geführt werden, die jetzt als Hoffnungsträger auf nationaler Ebene gelten, sind meine Hoffnungen sehr begrenzt – euphemistisch ausgedrückt…

Danach könnte ich mich leicht verstellen, alles wäre mir egal, was in neun Tagen in Griechenland passiert – wenn es nur nicht um Verwandte, Freunde und Europas Zukunft ginge… Aber auch die Sorge um Europas Zukunft verflüchtigt sich langsam.

Europa: das ist die Freizügigkeit auf einem spannenden Kontinent; auch die demokratischen Entscheidungen weg von alten, verkrusteten nationalen Identitäten, die als eine Art biologischer Unfall verstanden wurden – „in weltbürgerlicher Absicht“ wie der Philosoph sagte, über dessen Werk ich promovierte.

Ein Europa allerdings, in dem Kants Gedankengut als eine fromme Lüge verstanden werden wird, wird zu einem Sieg der Misologie. Der Absturz der hochfliegenden Visionen wird der böse Witz, über den ein militanter Antiintellektualismus triumphieren wird. Die Fahne mit den 12 Sternen, das Europaparlament, das Schengener Abkommen werden sich als eine über viele Jahrzehnte hinausgedehnte, banale Reklame der Industrienationen entpuppt haben, mit der es diesen gelang, Mauern niederreißen zu lassen, die der Schutz kleinerer Volkswirtschaften waren.

Was in Griechenland davon übrig bleiben wird, wird eine Lücke sein: Die Lücke, die der Untergang der griechischen Textilindustrie, der griechischen Kleinboote-Werften, des griechischen Kunststoffmaschinenbaus zurücklässt.

Was in Deutschland davon übrig bleiben wird, werden die griechischen Wortfetzen zwischen Neumigranten am Münchener Hauptbahnhof nach neun Uhr abends während der Müllsammlung sein. So viel zum Plan: „Wir verkaufen euch unsere Maschinen und wir importieren von euch Humankapital“. Humankapital, das gerade gegen die Einkommensschwachen hierzulande Konkurrenz treibt.

Die Bessergestellten können dagegen jubeln: Eine Maschine funktioniert am Mittelmeer genauso wie nördlich der Alpen. Und selbst wenn sie es nicht schaffen würde, würde ihr das zunächst zugetraut… Ein Mensch funktioniert nördlich der Alpen nicht genauso wie am Mittelmeer. Und selbst wenn er es schaffen würde, käme er nie dazu, da es ihm bereits im Vorfeld nicht zugetraut würde…

Werde ich zum Euroskeptiker? Ach wo! Ein Skeptiker ist jemand, der keine Gründe erkennt, die dafür sprächen, dass Gott existiert. Wer zu wissen meint, dass Gott nicht existiert, heißt nicht Skeptiker, sondern Atheist.

Ich bin kein Euroskeptiker. Ich bin ein Aneuropist. Meine Hoffnungen auf Griechenland sind sehr begrenzt, meine Hoffnungen auf Europa existieren nicht.

Aneuropist

Readers who recognize that my name is Greek are probably asking themselves why I never write on the Greek crisis. Well, I left Greece in 2003 after three years of nasty experiences in Greek universities – experiences for which clientelism is to blame. And, you know, Greek universities are led since the 80s by those who are considered to be the hope of the country today. How could I be more pessimistic?

So much the better for me, you can say. I can be indifferent. But being indifferent is not easy if the personal destiny of relatives and friends is at stake. And Europe’s future! But this last concern vanishes…

United Europe is about freedom to seek happiness across a very interesting continent. It’s about democratic decisions regardless of the old national identities which were understood as biological accidents. Kant used to say: „in a cosmopolitan sense“.

Understood as a noble lie, however, a united Europe will be misology’s triumph. The defeated vision will be a bad joke about which only militant anti-intellectuals will laugh. The flag with the 12 stars, the European Parliament, the Schengen Agreement, all these things will turn out to have been a long-term marketing strategy of the North to conquer the small national economies of the South.

In Greece, what will remain from all this will be a gap: the gap which the sunken Greek textile industry, the sunken Greek shipyards, the sunken plastics machinery will leave behind.

In Germany, what will remain from all this will be the scattered Greek words of the sanitary workers at the Munich Main Station after nine o’clock in the evening. Obviously, the plan: „You’ll buy from us machines and we’ll import from you efficient people“ was much to the disadvantage of the working class in the North.

But the middle class and the rich are absolutely secure. A machine functions beyond the Alps as efficiently as it functions here, in Germany. And even if it doesn’t: at first instance everyone will assume so… A human being does not function here, in Germany, as efficiently as it functioned beyond the Alps. But even if she were able to do so, at first instance no one would assume this…

Do I become a eurosceptic? Nonsense! A sceptic is someone who sees no reasons to make him believe that God exists. The ones who maintain that there is no God are not sceptics. They’re atheists.

I’m not a eurosceptic. I’m an aneuropist. Almost zero hopes concerning Greece and certainly zero hopes concerning a united Europe.

Rational choice

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Der Grundtenor der Theorie des rationalen Handelns in bezug auf Religionen besteht darin, im religiösen Verhalten ein ökonomisches Verhalten zu sehen. Religionen sind Dienstanbieter, die um die knappen Ressourcen und die Kunden in Wettbewerb treten.

Man kann umgekehrt auch wirtschaftliches Handeln als rituelle Handlung betrachten. Einer Prozession und einer durch Wunder herbeigeführten Veränderung von Einstellungen vom ersten bis zum vierundzwanzigsten Dezember ähnelt das alljährliche Antreiben der Nachfrage in einer Volkswirtschaft, die ansonsten das Sparen begünstigt.

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The point of the rational choice theory in reference to religions consists in seeing religious behaviour as economic behaviour. Religions are service providers which compete over scarce resources and customers.

One can also see, vice versa, economic behaviour as a ritual. The stimulation of demand every year from the first to the twenty fourth of December, is similar to a procession meant to praise the miracle of a temporary change of attitude – towards an attitude which drives demand in a country famous for its austerity.

One vote, two flags, three philosophers: a European riddle

Under two flags

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Der Grundsatz „one man one vote“ spiegelt einen Gleichheitsgedanken wider. In seiner Dissertation on the First Principles of Government (1795) dachte Thomas Paine, dass er ohne Ausnahmen gelten sollte.

In jener revolutionären Zeit erhoffte Kant (Kritik der reinen Vernunft A 752/B 780) von diesem Grundsatz selbst die Entscheidung von philosophischen Fragen:

[Die menschliche Vernunft erkennt] keinen anderen Richter […] als selbst wiederum die allgemeine Menschenvernunft, worin ein jeder seine Stimme hat.

Wenn dieser Grundsatz richtig ist – also moralisch und politisch richtig meine ich – dann bangt Giovanni di Lorenzo, Chefredakteur der Zeit und (Doppel-) Wähler sowohl für die deutsche als auch für die italienische Vertretung im Europaparlament, zu Recht um seine Verteidigung im gegen ihn eingeleiteten Strafverfahren wegen Wahlfälschung.

Aber Moment! Wenn binneneuropäische Zweistaatler laut § 6 Abs. 4 EuWG nach eigenem Ermessen auf eines von zwei aktiven Wahlrechten, die sie besitzen, verzichten müssen, dann entsteht ein Ungleichgewicht zwischen Rechten und Pflichten dieser Bürger. Von ihren Pflichten gegenüber demjenigen Staat, für dessen Europaparlament-Vertretung die Zweistaatler nicht wählen, können sich nämlich diese nicht selektiv befreien. Ich erinnere dabei an die griffige Feststellung Hegels aus der Enzyklopädie der philosophischen Wissenschaften, § 486:

Aber wesentlich gilt es, dass wer keine Rechte hat, keine Pflichten hat, und umgekehrt.

Das Gegenargument, die Zweistaatler besäßen zwei aktive Wahlrechte, selbst wenn sie das eine nicht ausüben, kann man, denke ich, nicht gelten lassen. Besäßen nämlich Zweistaatler zwei aktive Wahlrechte unbeschadet der Bestimmungen von § 6 Abs. 4 EuWG („One man one vote“), dann würde aus:

1. „Di Lorenzo hat das Recht, für die italienischen Europaabgeordneten abzustimmen“

und

2. „Di Lorenzo hat das Recht, für die deutschen Europaabgeordneten abzustimmen“

folgen:

3. „Di Lorenzo hat das Recht, für die italienischen UND die deutschen Europaabgeordneten abzustimmen“

Das ist jedoch eindeutig nicht der Fall.

Als Philosoph würde ich di Lorenzo raten, folgendermaßen zu argumentieren: „Wenn meine Pflichten als deutscher Bürger weniger werden, kann ich mir eine Selbstbeschneidung eines meiner aktiven Rechte vorstellen“. Damit führt er die Argumentation der Anklage ad absurdum.

Der Haken dabei: Sein Richter wird nicht Kants „allgemeine Menschenvernunft“ sein.

The principle „one man one vote“ has been historically a slogan for equality. In his Dissertation on the First Principles of Government (1795) Thomas Paine thought that it should be valid without exception. Undoubtedly, the late 18th century was a revolutionary time in which Kant (Critique of Pure Reason A 752/B 780) hoped that this principle should decide philosophical questions:

Human  reason […] recognizes no other judge  than universal human reason itself,  in which everyone has his own voice.

If this principle is correct – I mean morally and politically correct – then Giovanni di Lorenzo, editor-in-chief of the German weekly Die Zeit and voter (twice!) for the German as well for the Italian representatives in the European Parliament, has every reason in the world to be concerned about the criminal proceedings against him for fraudulent voting.

But wait a moment! If according to § 6 Nr. 4 of the European Elections Act of the Federal Republic of Germany European double citizens must suspend one of their rights to vote at their own discretion, the equilibrium of the rights of these citizens to their duties is infringed, since, obviously, they cannot free themselves selectively from a duty like they can from their right. I remind the reader Hegel’s brief statement in the Encyclopedia of Philosophical Sciences, § 486:

In essence, it is valid that those who have no rights have no duties and vice versa.

The counter-argument that double citizens do possess the right to vote in both countries even if they do not vote in one of the two is in my mind not sound. If the right of double citizens to vote in two countries would remain irrespectively of EEA § 6 Nr. 4 („One man one vote“), then from the two propositions:

1. „Di Lorenzo has the right to vote for the Italian members of the European Parliament“

and

2. „Di Lorenzo has the right to vote for the German members of the European Parliament“

a third would follow:

3. „Di Lorenzo has the right to vote for the Italian AND the German members of the European Parliament“

which is definitely not the case!

As a philosopher I would recommend di Lorenzo to argue that he would suspend his own right to vote as a German citizen if he would be free to choose a duty which he wouldn’t have to fulfil. This would lead the argumentation of the prosecution ad absurdum.

The problem with this tactic of defence, of course, is that his judge will not be Kant’s „universal human reason“.