Learn your vocab correctly. Today: “anachronism”

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“Anachronismus” heißt es, wenn ein Ereignis der Vergangenheit unter Einbeziehung späterer historischer Begriffe, nachträglich entdeckter oder erfundener Gegenstände oder Konzepte beschrieben wird.

Die Benutzung von alten Tools, altem Werkzeug, alter Technologie heute ist nicht anachronistisch, sondern altmodisch.

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It’s called “anachronism” if you describe a past event and in the description historical categories or names for objects occur that only emerged or were discovered or invented much later.

Using old concepts, instruments, techniques or technology today is not called “anachronism” but “old-fashioned”.

Swiss exile

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Die gute Freundin will wissen, wie es mir in meinem “Schweizer Exil” gehe. “Schweizer Exil” klingt in meinen Ohren wie “nordkoreanischer Tourist”. Nicht ganz ein Kategorienfehler, aber fast. Niemand wird in die Schweiz exiliert. Das einzige, mir bekannte historische Gegenbeispiel, Lenin, ist uralt.

Ich sage ihr, dass ich viel schreibe, wenig lese, Waldhimbeeren sammle, lieber wie Johanna Spyris Heidi stundenlang zu Fuß in “die Stadt” laufe, als das “Postauto” zu nehmen.

Letzten Donnerstag benerkte Marta, meine Älteste, dass mein Handy klingelte. “Nicht mein Handy, Marta”, sagte ich, “sondern die Kuhglocken”.

Sehr jung war ich an Lenin interessiert. Den Umstand, dass er ausgerechnet in dem Land exiliert gewesen war, wo der einzige mir bekannte Ausländer Aristoteles Onassis war, hat mich beeindruckt. Onassis mochte auch Glyfada, wo ich aufgewachsen bin. Es gibt Bilder, die ihn zusammen mit Churchill zeigen, wie er auf dem Beiboot Christina, die Yacht, verlässt, um an die Küste zu fahren, wo ich ein paar Jahre später schwimmen sollte.

Während meines Schweizer Exils sendet mir meine Segel-Clique in Glyfada Bilder. Wie unempfindlich die doch sind, meine lieben…

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A good friend wants to know how I get along in my “Swiss exile”. “Swiss exile” sounds in my ears like “North Korean tourist”. Not quite a category mistake but close… No one is exiled in Switzerland. There is one notable historical counter-example to this, however an old one: Lenin.

I want to tell her that I write a lot; read less; collect raspberries in the forest; take rather the hour-long walk from the mountain to the town like Johanna Spyri’s Heidi, instead of taking the bus – the “post car” as locals say.

Last Thursday, during this walk, Marta, my eldest, remarked that my mobile phone was ringing. “It’s not my phone, Marta” I said…

“It’s the cowbells”.

When I was very young, I was interested in Lenin. I thought that it was awkward that, of all places, he had been exiled to a country where the only other foreigner I knew of to spend his time there, was Aristotle Onassis. Onassis was also fond of Glyfada where I grew up. There are pictures of him with Churchill offshore our beach, during yachting.

While I am “exiled” in Switzerland, my Glyfada-based yachting friends send me pictures. More or less from the same spot. How insensitive of them…

Cygni

https://youtu.be/1Kj3IPPfayA

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Ich vermute, dass das mittelalterliche Studentenlied Olim lacus colueram, eine Klage des gebratenen, ergo nicht mehr weißen Schwans, nicht nur eine groteske Persiflage fürs Trinkgelage ist, sondern auch ein Logiker-Witz als Gegenbeispiel zum Paradebeispiel eines Majors: “Alle Schwäne sind weiß” – einem schon im Mittelalter jahrhundertealten.

Ich liebe das Thema. Alle Schwäne sind früher oder später nicht weiß. Blasse Abbilder ihrer einst glänzenden Vergangenheit. Nichts ist für immer. Die Studenten des Mittelalters brauchten keine neuseeländischen schwarzen Schwäne zu sehen, um ihren Profs die Grenzen der Logik und des Lebens zu zeigen.

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I suppose that the medieval song Olim lacus colueram, the lament of the roasted swan deploring not being white anymore, is not only a grotesque, humoresque drinking song of students, but also a logicians’s joke and a counterexample to the exemplary major premise “All swans are white”, employed in syllogistic courses throughout the centuries.

I love the topic. All swans are sooner or later not white and lost in darkness. Nothing is forever. Medieval students didn’t need to come across black swans from New Zealand to point out to their professors the limits of logic. And of life.

Vom Münchner Hauptbahnhof und von Blau: Ulrich Blau

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Kurzbesuch in München. Nach Jahren. Die Zentralhalle des Hauptbahnhofs – abgerissen. Endlich! Diese Fassade erinnerte mich an schlechte Momente meines Lebens.

Privation ist der Fall, wenn etwas vermisst wird. Es ist kein Fall der Privation, wenn etwas einfach nicht da ist. Offenbar vermisse ich die Zentralhalle nicht. Allerdings vermisse ich irgendeine Zentralhalle, denn ohne Zentralhalle gibt es z.B. weniger Geschäfte und einen schlechteren Zugang zu den Gleisen. Nun ist es bei den Negationen so: Wenn keine Zentralhalle da ist, dann ist die alte auch nicht da. Bei den Privationen ist diese Implikation nicht gegeben: wenn ich irgendeine Zentralhalle vermisse, muss ich nicht unbedingt die alte vermissen.

Habe ich gerade ein Gegenbeispiel zu Blaus Dreiwertiger Logik der Sprache entdeckt? Wenn ich Recht hier habe, ist die Privation nicht einfach eine “innere Negation” im Sinne Blaus. Trotzdem halte ich Blau für den wichtigsten Münchner Logiker seit Wilhelm von Ockham natürlich… Keine Frage.

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Paid a flying visit to Munich, years after we left. The main building of the Central Station, iconic in its functional facelessness, torn down. I’m so happy they did this. I associated this facade with bad memories.

You are deprived of something only if you miss it. Not simply if it is not there. Obviously then, I am not deprived of the main building of Munich Central. But I did miss the shops and the easy access to the trains when I entered the station from the side. In negative sentences there is an implication here: if there’s not any main building, then the old one is not there either. In privative sentences things seem different: if I am deprived of a main building, I am not eo ipso deprived of the old one.

Is this a counter-example to Blau’s Three-valued Logic of Language? If so, pace Blau, privation is not simply an “inner negation”. Blau remains the most important logician of Munich since Occam, so he can manage the little scratch.

Semiotics

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“Marta”, frage ich unsere älteste Tochter, “was meinst du, warum fährt Dustin Hoffman in der Reifeprüfung einen Alfa Romeo Spider?”

– Weil Shakespeare es so haben wollte.

Man kann wohl sagen, dass ich diesem Kind gute geisteswissenschaftliche Qualitäten übertragen habe.

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“Marta”, I ask our eldest, “why do you think, why does Dustin Hoffman drive an Alfa Romeo Spider in the Graduate?”

– Because Shakespeare wanted it that way.

I strongly believe that I gave this kid some good scholarly qualities.

Oh, you crane…

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Ibykus, der Lyriker, soll bei Korinth von Räubern überfallen worden sein, die sein Geld und sein Leben wollten. In diesem Zusammenhang erwartet man eine Disjunktion (“Dein Geld oder dein Leben”). Aber diese Räuber waren vielleicht Sadisten, so dass Ibykus, kurz vor dem Tod, diese vorbeifliegenden Kraniche, die einzigen Lebewesen außer seinen Mördern weit und breit, angerufen hat: “O, Kraniche, zeugt ihr, bitte, von meinem Schicksal, damit diese Verbrecher ihre gerechte Strafe finden”. Die Verbrecher verhöhnten Ibykus für die Unbeholfenheit seiner Zeugenvorladung und ermordeten ihn, um irgendwann das Geld des Unglücklichen auf dem Markt von Korinth auszugeben, als wieder Kraniche im Himmel auftauchten. Belustigt rief einer der Scheusale aus: “Da sind wieder die Kraniche des Ibykus”, was ein indirektes Geständnis war und so von den Umstehenden verstanden wurde. Durch den Selbstverrat hatten die Kraniche ein Zeugnis über die Umstände von Ibykus’ Tod abgegeben, die Mörder wurden gefasst. Das alles im 6. Jh. vor Christus.

Etwa zwanzig Jahrhunderte später, 1439, verließ eine bunte Delegation Venedig in Richtung Südosten. Unter anderen waren auf den Schiffen der oströmische Kaiser Johannes VIII, der vor ein paar Tagen unterschrieben hatte, dass die Ostkirchen Rom unterstehen sollten; ferner der Bischof von Kiew Isidor, der mitunterschrieben hatte; darüber hinaus ein eher machtloser Titularbischof, Markus Eugenikos, der nicht mitunterschrieben hatte; außerdem der Sekretär der Kaisers Georg Scholarios, in ernsthaftem Zweifel, ob der Tod des orthodoxen Patriarchen in einer Nachtpause der Verhandlungen auf Altersschwäche zurückzuführen war oder nicht (der Selige hatte ja vorhin angekündigt, nicht mitunterschreiben zu wollen) sowie ein lustiger Adjutant des Kaisers namens Iagaris, der in besagten Verhandlungen einen Kardinal beleidigt hatte. Der Römer hatte nämlich wissen wollen, aus welchem Material das Fegefeuer entfacht wird, woraufhin der oströmische Militär mit Hinblick auf das Alter des Fragenden sagte: “Etwas Geduld. Sehr bald erfährst du das ohnehin”. Der Tod war eine ständige Bezugnahme in diesen Verhandlungen, ob als theologische Frage oder als sarkastischer Witz oder schließlich, weil jemand das Zeitliche segnete.

Der Kaiser erreichte sein Reiseziel, die Reichshauptstadt am Bosporus, um zu erleben, wie Markus, der Oppositionsführer, die öffentliche Meinung gegen die Kirchenunion für sich gewann, und wie sein Vertrauter Scholarios zu Markus’ Anhänger wandelte. Isidor von Kiew erreichte dagegen seine Diözese, um die Akzeptanz seiner Herde zu erfahren. Von Iagaris’ Schicksal ist wenig bekannt. Seine Nachkommen sollen allerdings in Russland, nicht im mit dem Westen unierten Kiew, ihren Namen ins Russische abgewandelt behalten haben: Gagarin. Der berühmte Nachfahre Jurij Gagarin starb 1968 während eines Probeflugs. Ziehende Kraniche symbolisieren in Russland die Seele der gefallenen Soldaten. Vielleicht ist der Ursprung dieser Assoziation Michail Kalatosows legendärer Film Die Kraniche fliegen (1957). Boris’ Seele fliegt mit den Kranichen davon, während Veronika ausgerechnet im Moment, als ihr schlimmster Albtraum sich als Realität erweist, neue Hoffnung fasst.

Ich frage mich diese Tage, wem unter den Boris’ und den Veronikas in Mariupol, Kiew, Charkiw und auch der Weltöffentlichkeit bekannt war oder ist, dass der erste Anstoß für das Blut und die Tränen, das Leid und den Zorn der letzten Jahre und Tage bereits im 15. Jh. gegeben wurde, als ein Kirchenmann aus Kiew eine Stadt machte, die sich dem Westen eher als dem Osten zurechnete; auch als geflüchtete byzantinische Aristokraten, die dem Westen feindlich gesinnt waren, weit östlich von Kiew entfernt eine neue Heimat fanden.

Isidor und Iagaris, der Okzidentalist und der Orientale, diese stummen Gestalten der Vergangenheit, die sind in unserem Fall die Kraniche des Ibykus. Sie sagen nichts und das, was sie damals machten, blieb vorerst ohne große Folgen. Heute aber zeigen sie sehr wohl an, was für ein Riesenverbrechen aus dem kleinen Wunsch resultieren kann, das Taschengeld eines armen Lyrikers zu haben.

PS: Mein heutiges Wortspiel hat nichts mit der Etymologie des Wortes “Ukraine” zu tun, das wörtlich “an der Grenze” bedeutet.

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The legend goes like this: on his way to Corinth, the lyric poet Ibycus was surprised by robbers who wanted his money and his life. The robbers’ attack was not less surprising than their use of the conjunction. Normally, criminals would use a disjunction. But let’s say that these robbers were sadists. On the verge of death, Ibycus turned his eyes around to see if there is some help from someone passing by and saw only a flock of cranes to appeal: “Oh, you cranes, tell my story so that these criminals might be punished”. The murderers derided Ibycus’s witness summons, to spend the dead poet’s money at a later time at the marketplace of Corinth when cranes were heard overhead again for one of the criminals to mock that Ibycus’s witnesses finally gave their testimonies. Some heard this and perceived the statement as the plea of guilty, which it was. The criminals were prosecuted and punished. It was the 6th century BC.

About twenty centuries later, in 1439, a foreign delegation was leaving Venice to return to the East. Its head was the Eastern Roman emperor, John VIII, who had just signed an agreement to give the Pope the authority over the East Churches. Another delegate who had signed was Isidor, the bishop of Kiev. In fact, the only delegate who did not sign and survived was a hierarchically rather unimportant man, Mark, the titular bishop of Ephesus. The emperor’s secretary, George Scholarius, had serious doubts about whether the Orthodox patriarch had died a natural death during a night break of the Ferrara negotiations. He had announced that he would not sign. Iagaris, a humorous officer of the imperial guard, was also on board and in the process of losing sympathy for the emperor’s signature. In fact, in Florence (the negotiations were multi-campus) he had insulted an elderly cardinal who asked himself about the material out of which the purgatory was sparked off. He had said “At your age, you won’t have to wait long until you find out”.

Obviously, death was a steady reference in these negotiations of the years 1438 and 1439. Jokes about death, theology concerning death, real death…

Back in the Byzantine capital, the emperor was surprised by the public’s open hostility against himself and their support for the relatively unimportant Marcus. He was astonished also when his trusted Scholarius mutated to anti-Papism. In contrast, Isidor arrived in Kiev to face no problems at all. His diocese hailed the Pope as their new head. Nothing is known about Iagaris’s, the impertinent military’s destiny. His progeny, however, is said to have found a new home in what is today Russia; in fact to have kept their name in a Russified form: Gagarin. Yuri Gagarin, the most famous bearer of the name, died in 1968 during a trial flight. Cranes in Russia are considered to be a symbol of the fallen soldiers. The beginning of this symbolism might be the legendary movie The Cranes Fly (1957), directed by Mikhail Kalatozov. Boris’s soul flies away with the cranes and Veronika regains hope exactly at the moment she realises that her worst nightmare came true.

I ask myself whether many of the Boris and Veronikas in Mariupol, Kiev, Kharkiw or around the world know that the first instigation of the blood and the tears, the suffering and the wrath of the last years and days was given in the 15th century when a priest arrived in Kiev to make it a town to recognise the Pope and when the Byzantine antipapists migrated eastwards just to avoid this.

Isidor and Iagaris, the pro-West intellectual and the anti-West soldier, are silent witnesses of the past, and ones who play the role of Ibycus’s cranes: they say nothing today on the war in Ukraine and what they did in the past was not very remarkable. Nevertheless, they show that stealing a poet’s few belongings is a huge crime.

PS: Today’s pun is not really related with the etymology of “Ukraine”, which means “borderland”.

The place where Ernst Bloch is definitely on the shelf

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Die Einrichtungshäuser kämpfen gegen den Diebstahl von Büchern, die in ihren Ausstellungsräumen als Deko dienen. IKEA Deutschland hat z.B. schwedische Bücher. Bei so wenig Sprechern des Schwedischen in der Bevölkerung hat die Firma das Problem gelöst.

Vitra Design hatte eine andere Idee. Bereits Platon, Politeia, 373a-374d, argumentiert gegen Luxusmöbel, um eine militaristische Pointe zu machen. Ich bin mir nun nicht sicher, ob Platon diebstahlsicher im Einrichtungshaus wäre. Zu berühmt… Aber Bloch, der im Prinzip Hoffnung, Suhrkamp, FfM, 1976, S. 577, Jahwe einen Luxusgott nennt, ist anscheinend vor Diebstahl durch Vitra-Design-Kunden gefeit. Die Kunden brauchen nicht die kollektivistische Polemik zu lesen, um mit ihrem Kaufverhalten eine individualistische Aussage zu treffen.

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To prevent stealing, IKEA Germany has Swedish books as decoration. Vitra Design had another idea: they put Ernst Bloch on the bookshelves. Already Plato made a militaristic point against luxurious furniture in Republic, 373a-374d. But Plato is too famous to be secure from stealing. In contrast, Bloch, who calls in Prinzip Hoffnung, Suhrkamp, FfM, 1976, p. 577, Jehova a God of luxury, runs no danger to be stolen by customers of Vitra Design. Customers don’t need to read the collectivist critics of their individualist practices to execute the latter properly.

Laus monocausalitatis

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Ein Graffito in der Stadt gab mir sehr viel zu denken. Es mahnte, dass es bei der Corona-Krise um Kontrolle und nicht um ein Virus geht.

Gesundheitspolitische Konflikte bedingten den Gesellschaftswandel auch in der Vergangenheit. Die Sozialhygiene-Bewegung in Deutschland Anfang des 20. Jahrhunderts setzte darauf ab, dass Tuberkulose-Erkrankung mit einem bestimmten Lebensstil umgekehrt korrelierte: fleißig, viel in der Natur, früh aufstehen, früh ins Bett… Die noch heutige Vorstellung, dass geregeltes Leben in dieser Form gesundheitsfördernd sei, basiert auf einer Bewegung, die nicht wusste, dass die Tuberkulose durch eine Bazille entsteht; auf einer Bewegung, die meinte, soziale Bräuche würden Seuchen verursachen. Physikalisch gesehen!

Ob eine obskure multikausale Lehre wie die “Sozialhygiene” oder das vorherrschende wissenschaftliche Paradigma: die Kontrolle war immer das Ziel.

Gegen das vorherrschende Paradigma mit Gegenevidenz vorzugehen, ist – T. S. Kuhn hin oder her – eine gute Idee. Nicht dass es eine schlechte Idee wäre, die wissenssoziologische Frage nach der Gesundheit als Kontrollmechanismus zu stellen. Dann sollte man allerdings auch die Frage stellen, ob das militärische Einhalten von sieben Uhr (nicht dreizehn nach sieben! Nein! Sieben!) als Bettgehzeit für die Kleinen nur ein Überbleibsel einer unwissenschaftlichen Lehre ist, eben der Sozialhygiene, die lediglich eine Ausgeburt der Tuberkulosepanik darstellte.

Auf dem Gipfel der Sozialhygiene-Bewegung beschwerte sich Maria Montessori, Kinder getroffen zu haben, die nachts nie den Mond gesehen hatten. Dass es keine Autoren mehr gibt, die sozialen Trends widersprechen, ist auch ein Zeichen von Kontrolle und gewissermaßen Gleichschaltung. Ich wage vorauszusagen, dass die Kontrolle, der die Covid-19-Krise verursachte, lange verschwunden sein wird, bevor die Spätfolgen der Sozialhygiene-Bewegung ausgelöscht sind. Erstere basiert nicht zuletzt auf einer monokausalen Theorie, deren Fehler leicht identifiziert und ausgemerzt werden können. Im Vergleich jedenfalls zu einer multikausalen…

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The graffito above was food for thought. Also in the past, public health issues have triggered social change. The movement “Social Hygiene” in the early 20th-century Germany focused on the resonance of certain lifestyles and low tuberculosis infection rates in the relevant groups. The fact that still today going to bed early and waking up early is associated with physical health goes back to a movement that was unaware of the fact that tuberculosis results from a bacillus and not from social habits. Control is an issue whether by means of a spooky nonmonocausal teaching like “Social Hygiene” or of the virus theory, NB a part of the dominant monocausal paradigm. If one wants to falsify the theory, one points out the counterevidence, if any exists, not the consequences for society. Drawing the attention to too much control is, in principle, not bad, but why do not people at the same time reflect on the clock’s domination over their kids’ and their own happiness as a nonscientific relic of panic in the time of tuberculosis?

On the peak of “Social Hygiene”, Maria Montessori complained to have met kids who had never seen the moon at night. Having no authors anymore who would complain for this is also control. My prediction is that the control pertaining to Covid-19 will be gone before the influence of “Social Hygiene” has finally ceased to exist. The former is, finally, based on a monocausal theory which can at least be easier sorted out if it didn’t work. Unlike a multicausal theory, that is.

Die Qualen

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Als ich meine ersten Bundestagswahlen erlebte – es war das Jahr 1990, Kohl gegen Lafontaine – hieß es am Wahlsonntag, man bemerkte gar nicht, dass gewählt wurde. Viele werteten die Ruhe als Zeichen des Desinteresses.

Heute – ich weiß allerdings nicht als was für ein Zeichen das gelten soll – bemerkt man gar nicht, dass vor Wochen gewählt worden ist.

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In my first federal elections when I arrived in Germany – it was the year 1990, Kohl vs Lafontaine – people were saying on this Sunday that the elections passed unnoticed. Many took silence on that day to show lack of interest.

Today – I don’t know if this is a sign and for what – there’s no hint that the elections took place weeks ago.

La Mediterranée prolongée

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Vorgestern habe ich während einer Stippvisite in Belfort festgestellt, dass ein paar universitäre Einrichtungen wie Bibliothek oder bestimmte Außenräume Namen von Historikern der Annales-Schule wie Lucien Febvre oder Marc Bloch tragen. Das Einzige wohl, was Febvre mit Belfort verbindet, ist seine Doktorarbeit über Franche-Comté. Über eine Verbindung Blochs zu Belfort ist mir nichts bekannt.

An Fernand Braudel, den dritten großen Vertreter derselben Historikerschule, sowie an seine legendäre Studie La Mediterranée erinnerte ich mich erst im Supermarkt zwischen Belfort und Zuhause. Ein Mittelmeermensch, wie es mein erstes Buch der ersten Klasse vorzeigte, kann ich in Mitteleuropa idealerweise in Grand Est sein. Ich weiß nicht, ob Braudel, Febvre und Bloch eine Erklärung dafür hätten, warum vierzig Kilometer von Basel entfernt die Fischtheke mediterran sein muss, aber eine Diskussion über die kulturelle Vorherrschaft des Südens im französischen Osten wäre spannend.

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Last Monday I happened to visit Belfort to realise that a couple of university buildings bear the names of historians of the Annales School like Lucien Febvre oder Marc Bloch. Febvre’s link to Belfort could be his PhD thesis on the region Franche-Comté. I know nothing about a link between Bloch and Belfort.

The supermarket stop between Belfort and home was in a special way a reminiscence to the third great representative of the school, Fernand Braudel, especially to his legendary monograph La Mediterranée. A Mediterranean person living in Central Europe, I feel closest to my roots in the French region Grand Est. I don’t know if Braudel, Febvre or Bloch have an explanation for the fact that in thirty miles distance from Basel, the fish counter resembles one that you could find in Athens, Venice or Marseille, but I would find thrilling the discussion on the cultural dominance of the South in the French East.