Brentano

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Erst wenn ich meinen Vortrag an der RSS Basel überdenke, wird mir klar, wie außergewöhnlich der Ansturm von vielen außergewöhnlichen Studenten in Franz Brentanos Vorlesungen an der TH (heute TU) Wien war: von Freud bis Husserl und von Twardowski und Meinong bis Steiner waren das die führenden Psychologen, Philosophen, Logiker und Pädagogen des 20. Jahrhunderts. Kant hatte geradezu Kiesewetter und Herder als direkte Schüler und das war’s!

Für die vorstellungsorientierten Gemüter habe ich unten eine Dokumentation des Zusammentreffens. Fake News natürlich, aber auf einer tieferen Ebene doch zutreffend.

Dilettantisch habe ich sie auch gemacht, um unvorsichtigem Fürvollnehmen vorzubeugen.

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In the aftermath of a lecture I gave at the RSS Basel I just realise that Brentano’s lectures at the back then TH (now TU) Vienna were visited by an unusually large number of people destined to be very important in psychology, philosophy, logic and education: from Edmund Husserl to Sigmund Freud and from Kazimierz Twardowski and Alexius Meinong to Rudolf Steiner. And I thought, since this circle is rather unknown to a wider public…

…well, I thought, let’s fake a documentation.

One more fake fact that’s more genuine than much bullshit around.

I mean, just compare! Kant had Herder and Kiesewetter as direct disciples and that was that!

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Fake facts

Scroll for English just after the picture of Albert Einstein and Kurt Gödel

Es gibt eine nicht sofort ins Auge springende Gemeinsamkeit zwischen den drei Gemälden, d.h.:

Raffael Sanzios Schule von Athen (1511, Stanza della Segnatura, Vatikan);

Mikhail Nesterovs Philosophen (1917, Tretjakov-Gallerie, Moskau);

Johannes Grützkes Böcklin, Bachofen, Burckhardt und Nietzsche auf der Mittleren Brücke in Basel (1970, Kunstmuseum Basel).

Sie stellen Begegnungen dar, die in der abgebildeten Form nicht stattfanden. Gleichzeitig Begegnungen, die im übertragenen Sinn genau so stattfanden. Platon und Aristoteles unterschieden sich darin, ob die Allgemeinbegriffe von oben kommen, oder ob sie konventionelle Abstraktionen des Gegebenen darstellen. Aber nebeneinander argumentierend – Raffael säumt sie sogar mit einer anachronistischen Schar von Akademikern und Peripatetikern in einer römischen Halle, die vom technischen her nur in der Spätantike, vom ästhetischen her nur in der Renaissance möglich wäre – waren sie nicht zu sehen.

Sergej Bulgakov und Pawel Florenskij, die von Nesterov abgebildeten Philosophen, waren im Silbernen Zeitalter Mitstreiter im nichttraditionalistischen Verständnis eines orthodoxen Glaubens, der mit den nomologischen sowie den Sozialwissenschaften im Gespräch bleibt. Später sollten sie Dissidenten des Sowjetregimes werden. Aber im Wald unterwegs waren sie nie. Vielleicht haben sie sich kurz in Moskau kennengelernt.

Bachofens Mutterrecht, Nietzsches Kulturkritik, Burckhardts Betonung der Kulturgeschichte für die Zeitgeschichte und aller drei Antimodernismus passen zueinander unabhängig von ihrem Zusammenfallen im Basel der 1870er Jahre. Die Vogel-Gryff-Prozessions-Pose lässt eine Nähe vermuten, die allerdings nur in ihrer Korrespondenz und in ihren Schriften spürbar wird.

Fotos sind nicht Gemälde. Sie bilden nur stattgefundene Begegnungen ab, so z.B. die vieldokumentierten zwischen Einstein und Gödel an der Princeton Uni. Allerdings sind beide Theorien, die Relativitätstheorie und die Unvollständigkeit von formalen Sprachen, kein bisschen einander näher gekommen dadurch. Wenn man mich fragt, welches der Bilder oben oder unten am meisten „Fake“ ist, würde ich sagen: das Foto.

Enough with scrolling

The three paintings of this post have something very interesting in common. Especially juxtaposed to the photograph.

The first painting is Raffael Sanzio’s School of Athens (1511, Stanza della Segnatura, Vatican).

The second is Mikhail Nesterov’s Philosophers (1917, Tretyakov-Gallery, Moscow).

The third is Johannes Grützke’s Böcklin, Bachofen, Burckhardt and Nietzsche on the Middle Bridge in Basel (1970, Kunstmuseum Basel).

They represent encounters that, factually, never took place. At least not in this form. Encounters, at the same time, that did take place in an ideal form. Plato and Aristotle did have a dispute on whether universals were real entities from above, at least in a sense of „above“, or conventional abstractions. But Raffael depicts the disputants anachronistically surrounded by all possible academics and peripatetics in an architectonical environment that was technically possible only in late antiquity and aesthetically desirable only in the Renaissance.

Sergei Bulgakov and Pavel Florensky, Nesterov’s figures in the countryside, were encouraging each other with their life and work. Both were champions of a new reading of Eastern Orthodoxy and scientists: the former an economist, the latter a mathematician. The former managed to be admired by Lenin before writing books on a religious understanding of national economy and fleeing the USSR already ordained a priest. Lenin expressed his disappointment about Bulgakov’s conversion in a series of malicious comments found in his letters to his sister and his mother. Florensky managed to be powered by Trotsky as an expert in electromagnetism for the Soviet state electrification company to always go to his office in a cassock similar to the one in the painting, to write books on mysticism and contradiction, finally to be eliminated under Stalin’s terror regime. The two of them had had probably short encounters in Moscow but there is no way Nesterov could have seen them walking together in the countryside.

Bachofen’s matriarchy hypothesis, Nietzsche’s Kulturkritik, Burckhardt’s emphasis of culture in history and the entire triad’s hostility to modernity would fit together also if the three of them hadn’t coincided in Basel in the 1870s. They were probably never seen all together on the old bridge in the depicted way – but they can be read in that way.

Photographs are not paintings. They only depict real events, e.g. Einstein’s well documented walks with Gödel at the Princeton campus. These walks never brought relativity and incompleteness together, the two core concepts of the most famous theories of the two giants. If you ask me which of the four pictures above is the most fake of all, I’d say the photograph.

Cambridge properties in different places

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Die Logik ist außerstande zu bestimmen, was wesentlich für ein Ding ist. So sehr wir auch immer die Unterscheidung zwischen essenziellen und akzidenziellen Eigenschaften eines Dinges im Alltag und im Unterricht gebrauchen, so sind diese doch alles andere als abgesteckt. Skandalös.

Noch skandalöser ist aber der Umstand, dass wir keine Kriterien besitzen, um sogenannte „Cambridge-Eigenschaften“ von anderen zu unterscheiden. Jeder Biologe würde sagen, dass die Kausalbeziehung zwischen der Ur-ur-urgroßmutter des Cousins zweiten Grades der Frau eines meiner direkten Vorfahren vor 37 Generationen und mir wesentlich für mich ist. Ist aber von dieser Frau her eine direkte genetische Linie zu Aristoteles gegeben – was leicht passieren kann, wenn du Euböer bist – tendierst du dazu, deine Beziehung zu dieser Frau aus der Antike als „Cambridge-Eigenschaft“ abzutun aus Angst, dass du sonst als Biologist gelten kannst. I.e. du tust so, als wäre deine Beziehung zu deinen biologischen Vorfahren so etwas wie eine auf der Nutzung desselben Bürgersteigs basierende Beziehung etwa zu einer Frau, die mal in einem Sinatra-Konzert war…

Umgekehrt erheben manchmal Fremdenverkehrsämter Cambridge-Eigenschaften in den Rang des „must-see„. Augsburg protzt etwa damit, dass einer von Mozarts Vorfahren – von Beruf Bauarbeiter – in der Fuggerei wohnte. Wenn du nicht Mozarts Geburtshaus hast, musst du dir irgendwie behelfen…

Mozarts Geburtshaus steht eben in Salzburg, Getreidegasse 9, nicht in Augsburg. Aber warum soll nicht etwa auch das Wohnen an der Getreidegasse 9 eine von Mozarts Cambridge-Eigenschaften darstellen? Was hat dieses Haus mit gelber Farbe und protziger Inschrift mit Mozart zu tun? Gut, die Touristen wollen was sehen… Aber das ist kein Touri-Blog, also akzeptieren kann ich dieses Argument nicht.

Wie man jedenfalls sieht, verdient sich so mancher Mitteleuropäer eine goldene Nase mit Cambridge-Eigenschaften, während Griechenland sein ein und alles zu Cambridge-Eigenschaften erklärt. Ich stand im Sommer und bewunderte Touristen, die unscheinbare, mit eingemauerten Platten versehene Altbauten in Augsburg und Salzburg fotografierten, wohl wissend, dass das vor ein paar Jahren von der Archäologie freigelegte Lykeion des Aristoteles in Athen als „der Park zwischen der Zentrale der rechtsliberalen Partei und dem Byzantinischen Museum“ gilt.

Ich tendiere selber dazu, sehr viel davon, was nicht zu meinem innersten Wesen gehört, als meine Cambridge-Eigenschaft anzusehen. Es macht mir nichts aus…

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It is scandalous enough to be short of a clear cut between the essential and the accidental properties – I mean we don’t have it in logic although we constantly use it in everyday discourse, in explaining things, in scholarly instruction.

But the still bigger scandal is that you can take essential properties to be Cambridge properties and vice versa ad libitum! If there is a causal, genetic chain between the great-great-great grandmother of the second-grade cousin of a wife of a direct ancestor of yours 37 generations ago and yourself, then your relationship to this ancient woman is essential for your being there in the world. But if this woman was Aristotle’s relative – chains of this kind are very probable if you’re of Euboean ancestry – then, in order for people around you not to take you to be a biologism weirdo you’d rather say that your connection to Aristotle is a Cambridge property of yours – like e.g. using the same pavement that has been used by someone who met once a lady who was at a Sinatra concert…

Vice versa, you can make a big deal out of a Cambridge property like the city of Augsburg in southern Germany does. They give a hint to the fact that one of Mozart’s ancestors, a construction worker, benefited from the world’s oldest housing program, introduced by the Fugger family who had been the city magnates from the 16th century on. Augsburg would rather host Mozart’s birth house but this, alas, stands in the Austrian town of Salzburg, some three hours from there.

But, again, isn’t Mozart’s being born in the Salzburg house not his Cambridge property? I see nothing importantly connected to Mozart in this house with the funny yellow colour and the strident inscription… But, of course, tourists love it… I believe that the ultimate ratio of calling this or that predicate a Cambridge property is pragmatics. Tourists want to experience something they artificially make a big deal of.

While Central Europeans earn a living by making believe their Cambridge properties would be no Cambridge, Greeks specialise in making Cambridge properties out of no Cambridge.

I was thinking of this while reading about Mozart’s this and that on fronts of unspectacular houses in Augsburg and Salzburg during this summer while knowing that few years ago the site of Aristotle’s Lykeion was discovered in Athens to be further referred to as „the garden between the New-Democracy party headquarters and the Byzantine Museum“.

Somehow I like this attitude. Things not essential for me I regard as my Cambridge properties.

Trappentreustraße

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Eine der meistbefahrenen Brücken Europas schneidet sie längs. Die Tram von Pasing zum Münchner Hauptbahnhof rüttelt einen selbst im zweiten Stock wach, aber bekannt wurde die Trappentreustraße vom Mord eines Griechen durch Neonazis.

Ich, der ich eine Tür weiter und zwei Stockwerke höher entfernt vom Tatort gewohnt hatte, verbinde die Trappentreustraße eher mit dem Tod eines anderen Griechen, der sich in Kants Kritik der reinen Vernunft besser als in jedem anderen Buch auskannte…

…und Dieter Henrich las…

…und Peter Handke…

…und den Oikonomikos Tachydromos immer wieder…

…und Lust am Kochen hatte…

…und einen Kamm brauchte, da er kein kurzgeschorenes Haar mochte.

Es ist im Leben der Orthodoxen Kirche eine übliche Metapher, von Tod und Neugeburt eines eigentlich noch lebenden Menschen zu reden. Meist verbinden wir diese Metapher mit einer Bekehrung. Oder mit einer Taufe.

Einen philosophischen Anlass zum heutigen Posting habe ich nicht – außer dem Umstand, dass ich gestern durch die Trappentreustraße fahrend meinen Töchtern gesagt habe: „Da oben habe ich gewohnt“.

Ob ich das war, bezweifle ich heute. Damals habe ich von Kant ausgehend das Konzept „Patchwork-Identität“ von Keupp und den „Qualis“ unter den LMU-Sozialpsychologen belächelt.

Dass ich das heute nicht tue, zeigt auch, wie Recht sie hatten.

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One of Europe’s busiest bridges cuts it longitudinally. The street car’s rumble wakes you up on the second floor. But in German media, the Trappentreu Street became known because of the murder of a Greek shop-owner.

Today, after the neonazi murderers received their just punishment, in my memory the Trappentreu Street is associated with the death of another Greek guy who lived there…

and who was very keen in the exegesis of Kant’s Critique of Pure Reason – more than of any other book…

…and used to read Dieter Henrich…

…and Peter Handke…

…and the review Oikonomikos Tachydromos every now and then…

…and enjoyed cooking…

…and combed his rich hair.

In the Orthodox Church, death and rebirth of a living person are common metaphors that are used for a conversion or a baptism.

There’s no philosophical point for posting this today, I’m afraid, other than my words yesterday to my daughters while passing by the place: „This is where I used to live“.

I mean, I’m not sure if this guy is still me. On one hand, back then I used to make Kantian jokes about the concept of „patchwork identity“ which was worshipped at those days by professor Keupp and other social psychologists of the LMU Munich. On the other, the fact alone that I don’t make such jokes any more shows how right these people were…

Harmlos oder angekommen?

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Wenn Karl Marx nicht von John Lennon auf dem Albumcover von Abbey Road unterscheidbar ist, dann ist eine von zwei Sachen gegeben: Entweder ist er harmlos, oder man kann bestimmte Facetten des Marxismus in den modernen Kapitalismus – etwa à la Piketty – im Stil einer großen Synthese einbauen.

Das Trierer Unbehagen über die neue Marx-Statue verstehe ich insofern nicht. Kein Vergleich mit Chemnitzer Symbolik.

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Trier is a town in Germany, near the border to Luxemburg and Karl Marx is its most famous son. Marx’s statue there caused much protest in this year’s two-hundred-years anniversary since the most famous son’s birth. I found the piece of art harmless. Or rather, I couldn’t tell if it’s Karl Marx or John Lennon on the Abbey-Road album cover. You really can’t compare it to the back then Marx iconography behind the iron curtain.

This can mean two things: either Marx turned out to be domesticated – like you can hear the Beatles in concert halls – or (think of Piketty) he’s in again.

From an epistemic ethos to an epidemic pathos

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Die Zeit, da Rudolf Steiner in puncto Mathematikdidaktik auf Aufsätze seiner Leute in Ostwalds Annalen der Naturphilosophie hinweisen konnte, einer Zeitschrift, in der auch Positivisten wie Ernst Mach und – na ja – sui generis Positivisten wie Ludwig Wittgenstein publizierten, liegt 99 Jahre zurück.

Die heutige Spezialisierung der Fachzeitschriften sowie die Ideologisierung von paradigmatischer Lehre und Forschung lassen folgende, aus: Steiner, R., Erziehungskunst: Seminarbesprechungen und Lehrplanvorträge (GA 295), Dornach 1984, S. 119, entnommene, September 1919 in Stuttgart entstandene Notiz über eine Publikation eines frühen Waldorfpädagogen unglaublich erscheinen.

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99 years ago, Rudolf Steiner, a dualist and Goethe expert, had the opportunity to see scholarly work of his followers comprising didactical tools for maths for the first Waldorf-Steiner School in Stuttgart, in journals like Ostwald’s Annalen der Naturphilosophie, where positivists like Ernst Mach and – well – idiosyncratic positivists like Ludwig Wittgenstein also published their work.

Today’s specialisation of journals, and also the epidemic of ideological bias inside paradigms make the note from the year 1919 (from: Steiner, R., Discussions with Teachers, Barrington MA, discussion 10) appear unreal.

A Soviet ruler

English after the picture.

Sorry, nur Englisch diesmal. Die Gründe liegen auf der Hand…

You have every reason in the world to be proud of your daughter if she hates a Soviet ruler.

This is also my point of view. Generally, that is. According to one interpretation of the phrase „a Soviet ruler“ however, this time Margareta broke my heart. My Soviet ruler was an irreplaceable memorabile.