Vom Münchner Hauptbahnhof und von Blau: Ulrich Blau

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Kurzbesuch in München. Nach Jahren. Die Zentralhalle des Hauptbahnhofs – abgerissen. Endlich! Diese Fassade erinnerte mich an schlechte Momente meines Lebens.

Privation ist der Fall, wenn etwas vermisst wird. Es ist kein Fall der Privation, wenn etwas einfach nicht da ist. Offenbar vermisse ich die Zentralhalle nicht. Allerdings vermisse ich irgendeine Zentralhalle, denn ohne Zentralhalle gibt es z.B. weniger Geschäfte und einen schlechteren Zugang zu den Gleisen. Nun ist es bei den Negationen so: Wenn keine Zentralhalle da ist, dann ist die alte auch nicht da. Bei den Privationen ist diese Implikation nicht gegeben: wenn ich irgendeine Zentralhalle vermisse, muss ich nicht unbedingt die alte vermissen.

Habe ich gerade ein Gegenbeispiel zu Blaus Dreiwertiger Logik der Sprache entdeckt? Wenn ich Recht hier habe, ist die Privation nicht einfach eine “innere Negation” im Sinne Blaus. Trotzdem halte ich Blau für den wichtigsten Münchner Logiker seit Wilhelm von Ockham natürlich… Keine Frage.

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Paid a flying visit to Munich, years after we left. The main building of the Central Station, iconic in its functional facelessness, torn down. I’m so happy they did this. I associated this facade with bad memories.

You are deprived of something only if you miss it. Not simply if it is not there. Obviously then, I am not deprived of the main building of Munich Central. But I did miss the shops and the easy access to the trains when I entered the station from the side. In negative sentences there is an implication here: if there’s not any main building, then the old one is not there either. In privative sentences things seem different: if I am deprived of a main building, I am not eo ipso deprived of the old one.

Is this a counter-example to Blau’s Three-valued Logic of Language? If so, pace Blau, privation is not simply an “inner negation”. Blau remains the most important logician of Munich since Occam, so he can manage the little scratch.

Semiotics

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“Marta”, frage ich unsere älteste Tochter, “was meinst du, warum fährt Dustin Hoffman in der Reifeprüfung einen Alfa Romeo Spider?”

– Weil Shakespeare es so haben wollte.

Man kann wohl sagen, dass ich diesem Kind gute geisteswissenschaftliche Qualitäten übertragen habe.

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“Marta”, I ask our eldest, “why do you think, why does Dustin Hoffman drive an Alfa Romeo Spider in the Graduate?”

– Because Shakespeare wanted it that way.

I strongly believe that I gave this kid some good scholarly qualities.

Oh, you crane…

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Ibykus, der Lyriker, soll bei Korinth von Räubern überfallen worden sein, die sein Geld und sein Leben wollten. In diesem Zusammenhang erwartet man eine Disjunktion (“Dein Geld oder dein Leben”). Aber diese Räuber waren vielleicht Sadisten, so dass Ibykus, kurz vor dem Tod, diese vorbeifliegenden Kraniche, die einzigen Lebewesen außer seinen Mördern weit und breit, angerufen hat: “O, Kraniche, zeugt ihr, bitte, von meinem Schicksal, damit diese Verbrecher ihre gerechte Strafe finden”. Die Verbrecher verhöhnten Ibykus für die Unbeholfenheit seiner Zeugenvorladung und ermordeten ihn, um irgendwann das Geld des Unglücklichen auf dem Markt von Korinth auszugeben, als wieder Kraniche im Himmel auftauchten. Belustigt rief einer der Scheusale aus: “Da sind wieder die Kraniche des Ibykus”, was ein indirektes Geständnis war und so von den Umstehenden verstanden wurde. Durch den Selbstverrat hatten die Kraniche ein Zeugnis über die Umstände von Ibykus’ Tod abgegeben, die Mörder wurden gefasst. Das alles im 6. Jh. vor Christus.

Etwa zwanzig Jahrhunderte später, 1439, verließ eine bunte Delegation Venedig in Richtung Südosten. Unter anderen waren auf den Schiffen der oströmische Kaiser Johannes VIII, der vor ein paar Tagen unterschrieben hatte, dass die Ostkirchen Rom unterstehen sollten; ferner der Bischof von Kiew Isidor, der mitunterschrieben hatte; darüber hinaus ein eher machtloser Titularbischof, Markus Eugenikos, der nicht mitunterschrieben hatte; außerdem der Sekretär der Kaisers Georg Scholarios, in ernsthaftem Zweifel, ob der Tod des orthodoxen Patriarchen in einer Nachtpause der Verhandlungen auf Altersschwäche zurückzuführen war oder nicht (der Selige hatte ja vorhin angekündigt, nicht mitunterschreiben zu wollen) sowie ein lustiger Adjutant des Kaisers namens Iagaris, der in besagten Verhandlungen einen Kardinal beleidigt hatte. Der Römer hatte nämlich wissen wollen, aus welchem Material das Fegefeuer entfacht wird, woraufhin der oströmische Militär mit Hinblick auf das Alter des Fragenden sagte: “Etwas Geduld. Sehr bald erfährst du das ohnehin”. Der Tod war eine ständige Bezugnahme in diesen Verhandlungen, ob als theologische Frage oder als sarkastischer Witz oder schließlich, weil jemand das Zeitliche segnete.

Der Kaiser erreichte sein Reiseziel, die Reichshauptstadt am Bosporus, um zu erleben, wie Markus, der Oppositionsführer, die öffentliche Meinung gegen die Kirchenunion für sich gewann, und wie sein Vertrauter Scholarios zu Markus’ Anhänger wandelte. Isidor von Kiew erreichte dagegen seine Diözese, um die Akzeptanz seiner Herde zu erfahren. Von Iagaris’ Schicksal ist wenig bekannt. Seine Nachkommen sollen allerdings in Russland, nicht im mit dem Westen unierten Kiew, ihren Namen ins Russische abgewandelt behalten haben: Gagarin. Der berühmte Nachfahre Jurij Gagarin starb 1968 während eines Probeflugs. Ziehende Kraniche symbolisieren in Russland die Seele der gefallenen Soldaten. Vielleicht ist der Ursprung dieser Assoziation Michail Kalatosows legendärer Film Die Kraniche fliegen (1957). Boris’ Seele fliegt mit den Kranichen davon, während Veronika ausgerechnet im Moment, als ihr schlimmster Albtraum sich als Realität erweist, neue Hoffnung fasst.

Ich frage mich diese Tage, wem unter den Boris’ und den Veronikas in Mariupol, Kiew, Charkiw und auch der Weltöffentlichkeit bekannt war oder ist, dass der erste Anstoß für das Blut und die Tränen, das Leid und den Zorn der letzten Jahre und Tage bereits im 15. Jh. gegeben wurde, als ein Kirchenmann aus Kiew eine Stadt machte, die sich dem Westen eher als dem Osten zurechnete; auch als geflüchtete byzantinische Aristokraten, die dem Westen feindlich gesinnt waren, weit östlich von Kiew entfernt eine neue Heimat fanden.

Isidor und Iagaris, der Okzidentalist und der Orientale, diese stummen Gestalten der Vergangenheit, die sind in unserem Fall die Kraniche des Ibykus. Sie sagen nichts und das, was sie damals machten, blieb vorerst ohne große Folgen. Heute aber zeigen sie sehr wohl an, was für ein Riesenverbrechen aus dem kleinen Wunsch resultieren kann, das Taschengeld eines armen Lyrikers zu haben.

PS: Mein heutiges Wortspiel hat nichts mit der Etymologie des Wortes “Ukraine” zu tun, das wörtlich “an der Grenze” bedeutet.

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The legend goes like this: on his way to Corinth, the lyric poet Ibycus was surprised by robbers who wanted his money and his life. The robbers’ attack was not less surprising than their use of the conjunction. Normally, criminals would use a disjunction. But let’s say that these robbers were sadists. On the verge of death, Ibycus turned his eyes around to see if there is some help from someone passing by and saw only a flock of cranes to appeal: “Oh, you cranes, tell my story so that these criminals might be punished”. The murderers derided Ibycus’s witness summons, to spend the dead poet’s money at a later time at the marketplace of Corinth when cranes were heard overhead again for one of the criminals to mock that Ibycus’s witnesses finally gave their testimonies. Some heard this and perceived the statement as the plea of guilty, which it was. The criminals were prosecuted and punished. It was the 6th century BC.

About twenty centuries later, in 1439, a foreign delegation was leaving Venice to return to the East. Its head was the Eastern Roman emperor, John VIII, who had just signed an agreement to give the Pope the authority over the East Churches. Another delegate who had signed was Isidor, the bishop of Kiev. In fact, the only delegate who did not sign and survived was a hierarchically rather unimportant man, Mark, the titular bishop of Ephesus. The emperor’s secretary, George Scholarius, had serious doubts about whether the Orthodox patriarch had died a natural death during a night break of the Ferrara negotiations. He had announced that he would not sign. Iagaris, a humorous officer of the imperial guard, was also on board and in the process of losing sympathy for the emperor’s signature. In fact, in Florence (the negotiations were multi-campus) he had insulted an elderly cardinal who asked himself about the material out of which the purgatory was sparked off. He had said “At your age, you won’t have to wait long until you find out”.

Obviously, death was a steady reference in these negotiations of the years 1438 and 1439. Jokes about death, theology concerning death, real death…

Back in the Byzantine capital, the emperor was surprised by the public’s open hostility against himself and their support for the relatively unimportant Marcus. He was astonished also when his trusted Scholarius mutated to anti-Papism. In contrast, Isidor arrived in Kiev to face no problems at all. His diocese hailed the Pope as their new head. Nothing is known about Iagaris’s, the impertinent military’s destiny. His progeny, however, is said to have found a new home in what is today Russia; in fact to have kept their name in a Russified form: Gagarin. Yuri Gagarin, the most famous bearer of the name, died in 1968 during a trial flight. Cranes in Russia are considered to be a symbol of the fallen soldiers. The beginning of this symbolism might be the legendary movie The Cranes Fly (1957), directed by Mikhail Kalatozov. Boris’s soul flies away with the cranes and Veronika regains hope exactly at the moment she realises that her worst nightmare came true.

I ask myself whether many of the Boris and Veronikas in Mariupol, Kiev, Kharkiw or around the world know that the first instigation of the blood and the tears, the suffering and the wrath of the last years and days was given in the 15th century when a priest arrived in Kiev to make it a town to recognise the Pope and when the Byzantine antipapists migrated eastwards just to avoid this.

Isidor and Iagaris, the pro-West intellectual and the anti-West soldier, are silent witnesses of the past, and ones who play the role of Ibycus’s cranes: they say nothing today on the war in Ukraine and what they did in the past was not very remarkable. Nevertheless, they show that stealing a poet’s few belongings is a huge crime.

PS: Today’s pun is not really related with the etymology of “Ukraine”, which means “borderland”.

The place where Ernst Bloch is definitely on the shelf

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Die Einrichtungshäuser kämpfen gegen den Diebstahl von Büchern, die in ihren Ausstellungsräumen als Deko dienen. IKEA Deutschland hat z.B. schwedische Bücher. Bei so wenig Sprechern des Schwedischen in der Bevölkerung hat die Firma das Problem gelöst.

Vitra Design hatte eine andere Idee. Bereits Platon, Politeia, 373a-374d, argumentiert gegen Luxusmöbel, um eine militaristische Pointe zu machen. Ich bin mir nun nicht sicher, ob Platon diebstahlsicher im Einrichtungshaus wäre. Zu berühmt… Aber Bloch, der im Prinzip Hoffnung, Suhrkamp, FfM, 1976, S. 577, Jahwe einen Luxusgott nennt, ist anscheinend vor Diebstahl durch Vitra-Design-Kunden gefeit. Die Kunden brauchen nicht die kollektivistische Polemik zu lesen, um mit ihrem Kaufverhalten eine individualistische Aussage zu treffen.

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To prevent stealing, IKEA Germany has Swedish books as decoration. Vitra Design had another idea: they put Ernst Bloch on the bookshelves. Already Plato made a militaristic point against luxurious furniture in Republic, 373a-374d. But Plato is too famous to be secure from stealing. In contrast, Bloch, who calls in Prinzip Hoffnung, Suhrkamp, FfM, 1976, p. 577, Jehova a God of luxury, runs no danger to be stolen by customers of Vitra Design. Customers don’t need to read the collectivist critics of their individualist practices to execute the latter properly.

Laus monocausalitatis

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Ein Graffito in der Stadt gab mir sehr viel zu denken. Es mahnte, dass es bei der Corona-Krise um Kontrolle und nicht um ein Virus geht.

Gesundheitspolitische Konflikte bedingten den Gesellschaftswandel auch in der Vergangenheit. Die Sozialhygiene-Bewegung in Deutschland Anfang des 20. Jahrhunderts setzte darauf ab, dass Tuberkulose-Erkrankung mit einem bestimmten Lebensstil umgekehrt korrelierte: fleißig, viel in der Natur, früh aufstehen, früh ins Bett… Die noch heutige Vorstellung, dass geregeltes Leben in dieser Form gesundheitsfördernd sei, basiert auf einer Bewegung, die nicht wusste, dass die Tuberkulose durch eine Bazille entsteht; auf einer Bewegung, die meinte, soziale Bräuche würden Seuchen verursachen. Physikalisch gesehen!

Ob eine obskure multikausale Lehre wie die “Sozialhygiene” oder das vorherrschende wissenschaftliche Paradigma: die Kontrolle war immer das Ziel.

Gegen das vorherrschende Paradigma mit Gegenevidenz vorzugehen, ist – T. S. Kuhn hin oder her – eine gute Idee. Nicht dass es eine schlechte Idee wäre, die wissenssoziologische Frage nach der Gesundheit als Kontrollmechanismus zu stellen. Dann sollte man allerdings auch die Frage stellen, ob das militärische Einhalten von sieben Uhr (nicht dreizehn nach sieben! Nein! Sieben!) als Bettgehzeit für die Kleinen nur ein Überbleibsel einer unwissenschaftlichen Lehre ist, eben der Sozialhygiene, die lediglich eine Ausgeburt der Tuberkulosepanik darstellte.

Auf dem Gipfel der Sozialhygiene-Bewegung beschwerte sich Maria Montessori, Kinder getroffen zu haben, die nachts nie den Mond gesehen hatten. Dass es keine Autoren mehr gibt, die sozialen Trends widersprechen, ist auch ein Zeichen von Kontrolle und gewissermaßen Gleichschaltung. Ich wage vorauszusagen, dass die Kontrolle, der die Covid-19-Krise verursachte, lange verschwunden sein wird, bevor die Spätfolgen der Sozialhygiene-Bewegung ausgelöscht sind. Erstere basiert nicht zuletzt auf einer monokausalen Theorie, deren Fehler leicht identifiziert und ausgemerzt werden können. Im Vergleich jedenfalls zu einer multikausalen…

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The graffito above was food for thought. Also in the past, public health issues have triggered social change. The movement “Social Hygiene” in the early 20th-century Germany focused on the resonance of certain lifestyles and low tuberculosis infection rates in the relevant groups. The fact that still today going to bed early and waking up early is associated with physical health goes back to a movement that was unaware of the fact that tuberculosis results from a bacillus and not from social habits. Control is an issue whether by means of a spooky nonmonocausal teaching like “Social Hygiene” or of the virus theory, NB a part of the dominant monocausal paradigm. If one wants to falsify the theory, one points out the counterevidence, if any exists, not the consequences for society. Drawing the attention to too much control is, in principle, not bad, but why do not people at the same time reflect on the clock’s domination over their kids’ and their own happiness as a nonscientific relic of panic in the time of tuberculosis?

On the peak of “Social Hygiene”, Maria Montessori complained to have met kids who had never seen the moon at night. Having no authors anymore who would complain for this is also control. My prediction is that the control pertaining to Covid-19 will be gone before the influence of “Social Hygiene” has finally ceased to exist. The former is, finally, based on a monocausal theory which can at least be easier sorted out if it didn’t work. Unlike a multicausal theory, that is.

Die Qualen

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Als ich meine ersten Bundestagswahlen erlebte – es war das Jahr 1990, Kohl gegen Lafontaine – hieß es am Wahlsonntag, man bemerkte gar nicht, dass gewählt wurde. Viele werteten die Ruhe als Zeichen des Desinteresses.

Heute – ich weiß allerdings nicht als was für ein Zeichen das gelten soll – bemerkt man gar nicht, dass vor Wochen gewählt worden ist.

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In my first federal elections when I arrived in Germany – it was the year 1990, Kohl vs Lafontaine – people were saying on this Sunday that the elections passed unnoticed. Many took silence on that day to show lack of interest.

Today – I don’t know if this is a sign and for what – there’s no hint that the elections took place weeks ago.

La Mediterranée prolongée

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Vorgestern habe ich während einer Stippvisite in Belfort festgestellt, dass ein paar universitäre Einrichtungen wie Bibliothek oder bestimmte Außenräume Namen von Historikern der Annales-Schule wie Lucien Febvre oder Marc Bloch tragen. Das Einzige wohl, was Febvre mit Belfort verbindet, ist seine Doktorarbeit über Franche-Comté. Über eine Verbindung Blochs zu Belfort ist mir nichts bekannt.

An Fernand Braudel, den dritten großen Vertreter derselben Historikerschule, sowie an seine legendäre Studie La Mediterranée erinnerte ich mich erst im Supermarkt zwischen Belfort und Zuhause. Ein Mittelmeermensch, wie es mein erstes Buch der ersten Klasse vorzeigte, kann ich in Mitteleuropa idealerweise in Grand Est sein. Ich weiß nicht, ob Braudel, Febvre und Bloch eine Erklärung dafür hätten, warum vierzig Kilometer von Basel entfernt die Fischtheke mediterran sein muss, aber eine Diskussion über die kulturelle Vorherrschaft des Südens im französischen Osten wäre spannend.

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Last Monday I happened to visit Belfort to realise that a couple of university buildings bear the names of historians of the Annales School like Lucien Febvre oder Marc Bloch. Febvre’s link to Belfort could be his PhD thesis on the region Franche-Comté. I know nothing about a link between Bloch and Belfort.

The supermarket stop between Belfort and home was in a special way a reminiscence to the third great representative of the school, Fernand Braudel, especially to his legendary monograph La Mediterranée. A Mediterranean person living in Central Europe, I feel closest to my roots in the French region Grand Est. I don’t know if Braudel, Febvre or Bloch have an explanation for the fact that in thirty miles distance from Basel, the fish counter resembles one that you could find in Athens, Venice or Marseille, but I would find thrilling the discussion on the cultural dominance of the South in the French East.

Quarantine blitzvisit in UK

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Der Plan war, eine Mitfahrgelegenheit, geboten durch eine Kollegin, zu nutzen, um mit einer finanziellen Minimalbelastung einen Blitzbesuch englischer Freunde machen zu können. Im Grunde hat es auch funktioniert. Aber etwas hat sich so geändert, dass ich 14 Tage vor Ankunft hätte doppeltgeimpft sein sollen, bevor ich nicht zur Quarantäne verpflichtet wäre. Einem zweiten Test muss ich mich noch morgen unterziehen lassen, bevor ich übermorgen – ausgerechnet am Tag ohne Quarantäne – das Vereinigte Königreich verlassen kann bzw. muss.

Daraus ist also Zeit zum Effektivarbeiten geworden…

Die Regeln zur Grenzüberschreitung waren einmal starr und streng und stabil. In der EU und bis zur Corona-Krise wurden sie aufgeweicht und waren so für Jahrzehnte stabil. Jetzt sind sie starr und streng und instabil..

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The plan worked initially but continued in an unexpected way: I used the opportunity to cross the Channel with a colleague meaning to visit friends in England at a minimal budget, when I found out that I should have been vaccinated for the second time 14 days prior to my arrival. I’ll have to have a Corona test tomorrow before I can leave the UK on the day after – on the day without quarantine.

Great.. At last I have enough time to work effectively.

Crossing borders was for a long time something under rules which were strict and constant. In the EU they were, until the Corona Crisis, indulgent and constant. Suddenly now, they appear to be strict and variable.

An everyday understanding of tropes

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Ich schätze, dass manche meiner Leser die Tropen, individuelle Eigenschaften, als einen sehr ausgeklügelten Nominalismus verstehen, Ausgeburten aus den Köpfen ausgeflippter Experten. Dabei sind die Tropen sehr alltäglich, wie mir Erich Fried (1921-1988) in diesem Gedicht klarmacht:

Ich lese das,

was du schreibst

von deinen schlechten Eigenschaften.

Gut schreibst du,

aber das kann mich

nicht trösten darüber,

dass alle diese

deine schlechten Eigenschaften

so weit weg sind von mir,

denn ich will sie

ganz nahe haben.

Und wenn ich versuche

einzeln an sie zu denken

– deine schlechten Eigenschaften, wie du sie aufgezählt hast –

dann wird mir bang

und ich finde,

ich muss mich zusammenreissen,

damit meine guten

deine schlechten

noch halbwegs wert sind.

Der Dichter liebt nicht etwa Schärfe, Unsicherheit, Provoziertheit par tout. Er liebt ihre schlechten Eigenschaften, weil sie eben ihre sind: ihre Schärfe, ihre Unsicherheit, ihre Provoziertheit. Ihre Tropen.

Passend dazu finde ich ein Foto der Frau mit den Tropen, der nicht unbedeutenden Bildhauerin Catherine Boswell (1936-2015). Ihre Anziehungskraft zu Fried war wohl noch ein Trope: niemand zieht an wie irgendjemand sonst.

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There are definitely some among my readers who think that tropes, i.e. individual properties, are an intellectualist nominalistic, posh concept for only a few madcaps. The Austrian-born poet Erich Fried (1921-1988) can show you why tropes reflect a very everyday understanding of properties.

I’m reading

what you write

about your bad qualities.

You have a good writing style

but this can’t console me over the point

that all these bad qualities you have

are so far away from me.

I want them to be

close to me, you see.

And when I try

to think of them one by one

– your bad qualities as you listed them –

I am concerned

and feel

under pressure

to make my good qualities

at least half as valuable

as your bad ones.

The poet doesn’t love bad qualities, say: sharpness, insecurity, and he doesn’t love provoking natures absolutely. He only loves her sharpness, her insecurity, her provoking nature. Because they are hers. Her tropes.

The picture is one of Catherine Boswell (1936-2015), the woman with the tropes who was one of huge attraction (another trope, no one attracts like any one else) to Fried.

A Roman wilderness of pain

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Als J.M. Coetzee den Literaturnobelpreis erhielt, war ich der Macher einer Sendung für den Hessischen Rundfunk. Zwar ist es erstaunlich, wie wenig ich mich in meinem Leben mit zeitgenössischer englischsprachiger Literatur beschäftigt habe, aber sein Buchtitel Warten auf die Barbaren, reizte mich genug, um wenigstens eine kleine Rubrik in meiner Sendung wert zu sein. Da ich das Buch nicht lesen wollte, zapfte ich vom Schreibtisch im Funkhaus Frankfurt-Dornbusch aus die ARD-Medienbank an, um tatsächlich einen ganz frischen Bericht einer Journalistin von Stockholm zu finden – einen fürchterlichen Abklatsch dem ich nichts Nützliches entnehmen konnte. Verärgert, das weiß ich noch, dass jemand für so ‘nen Klatsch gleich eine Person nach Stockholm schickt mit Flugtickets, Übernachtungen usw. – ich hatte ein Interview mit dem Nobelpreisträger erwartet – ging ich am nächsten Tag zum Hugendubel.

Mein Verdacht war irgendwann bestätigt: Bei Coetzees Warten auf die Barbaren handelt es sich um eine offensichtliche und so intendierte Replik des Themas von K.P. Kavafis’ gleichnamigem Gedicht: das Reich (irgendeines – man erfährt nicht, welches) verkommt in eine bequeme Dekadenz, die nur durch einen fiktiven Krieg gegen einen konstruierten Feind – die “Barbaren” – vertuscht wird. Bis es sich herausstellt, dass die Barbaren keine Gefahr sind. Wie schade nun, dass die Zivilisation keine andere Wahl hat, als in ihrer eigenen Grausamkeit zu ersticken.

Die ersten Rezensionen des Romans sprachen von einer Kritik am Apartheid. Coetzee lebte und lehrte damals in seinem heimatlichen Südafrika. Der Film (Waiting for the Barbarians (2019) mit Johnny Depp in der Rolle des menschenverachtenden Obersts Joll) lenkt allerdings den Blick zurück auf die Hauptinspiration des Alexandriners Kavafis, der als überzeugter Bürger des British Empire Anfang des 20. Jahrhunderts, auf das römische Reich als eine Allegorie zurückblickte. Die Barbaren in Ciro Guerras Film schauen Zentralasiaten ähnlich, die Landschaft ist nordafrikanisch-levantinisch. Guerra führte Coetzee zu Kavafis; das Heute auf King George und Romulus Augustulus zurück; nahm den Roman aus der politischen Interpretation der 80er heraus und machte daraus ein offenes Kunstwerk. Heute kann ich den Roman dadurch als etwas Neues wieder lesen.

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When J.M. Coetzee won the Nobel prize for literature it was the time I was producing a radio broadcast for Radio Hessen, a state owned broadcasting corporation based in Frankfurt. Surprisingly enough, in my life I haven’t read much contemporary English literature but a title like Waiting for the Barbarians deserved definitely a mention in my radio broadcast.

However, I didn’t want to read the book. So I looked up in the German state-owned broadcasting stations’ media bank to find out that someone had allowed for a colleague to travel to Stockholm … for shopping! While I hoped for an interview with the laureate, she had sent 60 seconds full of boredom. Which is weird. Normally, in 60 seconds you didn’t have the time to get bored…

I had to read the book after all, to verify my suspicion: Coetzee’s Waiting for the Barbarians bears a clear reference to Cavafy’s poem of the same title: the empire (which empire? The reader never knows) enjoys a decadence covered up only with the help of a fictitious threat – the “barbarians”. Cavafy, the poet, and the Magistrate in Coetzee’s novel are the ones with the role to say that the barbarians are no enemy, let alone a threat – to be annihilated by sorrow (the poet) or the authorities (the Magistrate).

First reviews spoke of a work aiming at apartheid. Coetzee lived and taught in his native South Africa back then. Ciro Guerra’s movie Waiting for the Barbarians (2019) though, starring Johnny Depp as the inhumane colonel Joll, focuses on Cavafy’s main inspiration, an Anglogreek one from early-20th-century Alexandria. The empire – the British, the Roman – will not fall. Unfortunately… The movie’s barbarians resemble Central Asians, the landscape is North African and Levantine. Guerra reduces Coetzee back to Cavafy and makes the novel an opera apertà that can be read anew without the restrictions of its interpretations in the 80s.