Harmlos oder angekommen?

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Wenn Karl Marx nicht von John Lennon auf dem Albumcover von Abbey Road unterscheidbar ist, dann ist eine von zwei Sachen gegeben: Entweder ist er harmlos, oder man kann bestimmte Facetten des Marxismus in den modernen Kapitalismus – etwa à la Piketty – im Stil einer großen Synthese einbauen.

Das Trierer Unbehagen über die neue Marx-Statue verstehe ich insofern nicht. Kein Vergleich mit Chemnitzer Symbolik.

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Trier is a town in Germany, near the border to Luxemburg and Karl Marx is its most famous son. Marx’s statue there caused much protest in this year’s two-hundred-years anniversary since the most famous son’s birth. I found the piece of art harmless. Or rather, I couldn’t tell if it’s Karl Marx or John Lennon on the Abbey-Road album cover. You really can’t compare it to the back then Marx iconography behind the iron curtain.

This can mean two things: either Marx turned out to be domesticated – like you can hear the Beatles in concert halls – or (think of Piketty) he’s in again.

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From an epistemic ethos to an epidemic pathos

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Die Zeit, da Rudolf Steiner in puncto Mathematikdidaktik auf Aufsätze seiner Leute in Ostwalds Annalen der Naturphilosophie hinweisen konnte, einer Zeitschrift, in der auch Positivisten wie Ernst Mach und – na ja – sui generis Positivisten wie Ludwig Wittgenstein publizierten, liegt 99 Jahre zurück.

Die heutige Spezialisierung der Fachzeitschriften sowie die Ideologisierung von paradigmatischer Lehre und Forschung lassen folgende, aus: Steiner, R., Erziehungskunst: Seminarbesprechungen und Lehrplanvorträge (GA 295), Dornach 1984, S. 119, entnommene, September 1919 in Stuttgart entstandene Notiz über eine Publikation eines frühen Waldorfpädagogen unglaublich erscheinen.

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99 years ago, Rudolf Steiner, a dualist and Goethe expert, had the opportunity to see scholarly work of his followers comprising didactical tools for maths for the first Waldorf-Steiner School in Stuttgart, in journals like Ostwald’s Annalen der Naturphilosophie, where positivists like Ernst Mach and – well – idiosyncratic positivists like Ludwig Wittgenstein also published their work.

Today’s specialisation of journals, and also the epidemic of ideological bias inside paradigms make the note from the year 1919 (from: Steiner, R., Discussions with Teachers, Barrington MA, discussion 10) appear unreal.

A Soviet ruler

English after the picture.

Sorry, nur Englisch diesmal. Die Gründe liegen auf der Hand…

You have every reason in the world to be proud of your daughter if she hates a Soviet ruler.

This is also my point of view. Generally, that is. According to one interpretation of the phrase „a Soviet ruler“ however, this time Margareta broke my heart. My Soviet ruler was an irreplaceable memorabile.

Five years of blogging

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Der Titel ist selbsterklärend und das Posting selbstbezüglich.

Als Fazit aus der Erfahrung nur eine kurze Bemerkung, die über die Selbstreferentialität hinausgeht: Die Schriftstellerei macht (wenigstens hoffentlich) den Leser zu einem anderen Menschen; aber den Autor zu sich selbst.

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The title is self-explanatory, the post self-referential.

Just one short remark beyond circularity: to the reader, a good read is a life-changing experience. But to its author it’s life-preserving.

The passion: a thriller

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Es wird eine Zeit gegeben haben, als es sensationell war, dass der Butler der Mörder war. Die Zeiten haben sich geändert und die Suche nach Sensation hat die Krimiautoren dazu geführt, dass gerade derjenige, der über jeden Verdacht erhaben war, den Mord beging; später dazu, dass alle Verdächtigen gemeinsam den Mord begingen (Agatha Christies Mord im Orientexpress); dann bekamen wir es mit Ermittlern zu tun, die gleichzeitig die Mörder waren – aber der Leser erfuhr das am Ende; schliesslich mit Ich-Erzählern, die auf den letzten Seiten ihre Schuld beichteten. Umberto Eco schätzte, dass der einzige Krimi, der nie geschrieben wurde, derjenige ist, in dem der Leser den Mord begangen hat.

So ungefähr sehe ich die Passionsgeschichte im literarischen Sinn: Es gab irgendwann Götter, die sehr mächtig und unsterblich waren. Dann gab es allmächtige und unsterbliche Götter – aber konnten sie dann Schwäche empfinden? Und wenn sie es nicht konnten, was für eine Allmacht ist das überhaupt. Die Spätantike stilisierte Pan als einen sehr mächtigen und sterblichen Gott – wobei der Widerspruch sterblich-und-Gott bereits skandalös war.

In Jesus haben wir einen zwar unsterblichen aber sterbenden, allmächtigen Gott.

Von der einen Sensation zur nächsten…

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There were times when it was sensational to read that the butler commited the murder. Afterwards, thriller writers thought it funny to make the reader believe that the butler was the murderer to disclose finally that it was someone else – say, the wife… Agatha Christie made everyone change tastes in terms of suspects to reveal at the end of Murder on the Orient Express that the murder was commited by all suspects together. The literary trend to pass from one sensation to the next resulted to: narrators who confessed at the end of the book to have killed the victim, detectives who worked on the case and finally outed themselves as revengers, and the only murderer who has never appeared in thrillers is – to cite Umberto Eco – the reader or the spectator herself.

Roughly, this is also my understanding of the literary pattern behind the Passion: once there were gods mighty and immortal. They made place for gods who were almighty and immortal. Late antiquity saw in Pan a god who was mighty but mortal – not just a sensation but a straightforward contradiction, since a god is an „athanatos“, not a „thnetos“ – and, finally, in Jesus Christ an immortal, almighty God who managed to die a horrible death and to remain dead for three days.

You follow the chain from the one sensation to the next until the greatest…

Syncretistic hooligans

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Der Wahlspruch der Basler Fans beginnt kantianisch („Autonom im Handeln“), fährt hegelianisch fort („frei im Geist“), aber den Abschluss kann ich philosophisch nicht einordnen. Ich schätze mal, dass er Nietzsches Einfluss widerspiegelt. Er war ja Prof in Basel…

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The slogan of the F.C. Basel fans begins with a Kantian moral credo („Autonomous action“), continues with a Hegelian postulate („free spirit“), and concludes with something that I can’t quite identify in terms of philosophy. I reckon though that „fanatic in the heart“ is a Nietzscheist element. Nietzsche used to teach here.

Transformations of a ritual

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Vorgestern war in Basel der Morgenstreich, gleichzeitig überall auf der Welt der Rosenmontag der orthodoxen Kirchen. Beide Rituale haben einen gemeinsamen Ursprung.

Umzüge Verkleideter, die sich in der Anonymität der Maskierung ihre Seele aus dem Leib schreien konnten, waren Bestandteil der dionysischen Mysterien im antiken Athen. Aus diesen entsprang das antike Theater, was jetzt einerseits zu weit führt, nichtsdestotrotz zum Thema gehört. Als eine Komödie zwischen Dionysischem und Christlichem habe ich nämlich als Kind das Begehen der Fastenzeit kennengelernt. Wir „Athener“ besuchten die väterliche Insel, wo die obszönen Karnevalslieder gesungen wurden, die, aus wer weiß welcher Nische der Antike entsprungen, eine unmissverständliche Sprache fanden, um den Verzicht auf jegliche Art von Fleischeslust für die nächsten vierzig Tage zu beweinen. Mit Glocken behängt und unkenntlich gemacht wurden wir. Die Erwachsenen hatten das Privileg, auch Obszönität in der Art ihrer Verkleidung zu feiern, oft eine auf das andere Geschlecht hinweisende, unter der Bedingung, dass keine nackte Haut zu sehen war.

Das schreibe ich, um die Verwandtschaft des nordägäischen Karnevals mit den dionysischen Mysterien zu unterstreichen. Das darauf folgende Fasten war (und bleibt) streng und lang. Das schreibe ich wiederum, um die christliche Transformation des dionysischen Festes an der nördlichen Ägäis zu unterstreichen.

Szenenwechsel: Zwinglis demonstratives Wurstessen war der Startschuss der Kirchenreform in der Schweiz. Anders als in Griechenland rückte hier im sechszehnten Jahrhundert die Fasnacht vom Fasten wieder ab. Damit streifte sie sich nicht nur den Pönitentengestus der Buße nach einer dionysischen Feier ab; sie wurde auch immer mehr zur Predigt, zum Argument, zum Politischen, kurz: zum Apollinischen.

Den Untergang des Dionysischen zugunsten des Apollinischen hat ein berühmter Basler Philologieprofessor 1872 beweint. Dass Basel zur Zeit der Geburt der Tragödie schon lange die umgekehrte Form des trans- und reformierten Rituals feierte, das ich in meiner Kindheit auf einer in ihrer spätantiken Zeitblase verharrenden Insel kennenlernte, lässt vermuten, dass Nietzsche sich auf der Mittleren Rheinbrücke in frühen Februarstunden Inspiration holte.

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Johannes Grützke: Böcklin, Bachofen, Burckhardt und Nietzsche auf der mittleren Rheinbrücke in Basel, 1970. Öl auf Leinwand, 250 x 330 cm
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On the day before yesterday Basel celebrated the nocturnal carnival procession. On the same day, all over the world, orthodox Christians were celebrating the beginning of the Great Lent and of the big fasting. Both rituals have a common root.

Having your say under a guise was perfectly alright in the Athenian mysteries in honour of Dionysus, especially if you were obscene enough. Eventually, theatre emerged out of these mysteries, which is a point to lead the discussion astray but is not irrelevant altogether.

Having your say under a guise is what you see in Basel during carnival. And it is what you see in the island my family originates from at the same time. The point, however, is what you say.

We were considered to be Athenians back then. My father had left the island when still a young man. Whether Athens had left an urban polish on our family or not, since we used to spend carnivals in the island, our celebrating the beginning of the Great Lent was traditionally a mixture of Dionysian and Christian elements. Obscene songs deploring the loss of unambiguously every sort of carnal pleasure, meat and flesh; disguises embarrassingly similar to what you can see on ancient pottery; caricatures of virility, often played by women; and of femininity, often played by men. No naked body parts were shown, of course. It’s Greece, it’s Christian and the Lent is about to follow – vegan, strict, long. It’s our Lord’s passion ahead that makes us shortly celebrate Dionysus; and it’s the presence of Dionysus in ourselves that we have to repent.

Cut: the Affair of the Sausages marks an important moment for the Swiss Protestantism: Zwingli seats, as the champion of the church reformers at a table where sausages are served, and this during Lent. The Swiss reformed churches rejected fasting and, in absence of a fasting ritual, the Basel carnival came to express less and less frustration just before a time of deprivation. It turned out to be more preaching, politicising, less Dionysian, more Apollonian. The Dionysian feast was, after its taming by the Christians, now totally transformed on Swiss soil – in fact turned to its opposite: to a moralising gesture.

350 years after the Affair of the Sausages, in 1872, a later very famous professor of the Basel University deplored the fall of the Dionysian and the triumph of the Apollonian. Understood thus, Friedrich Nietzsche’s Birth of Tragedy showed admiration for the ancient Athenians. Reportedly, Nietzsche felt a certain unease among his Basel contemporaries.

I have to say that his lament is rather plausible when I, a person who got to know carnival in an island that’s for centuries in a late ancient time bubble, stand at Basel’s Middle Bridge and observe the procession.

The transformation of the ritual attended from there, is so obvious that I come to believe that Nietzsche also got his inspiration at the same spot during a nocturnal carnival procession.