Sapphic verse is today released by Island Records and other like labels

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Meinen Töchtern ist es manchmal peinlich, wenn ich ihre Lieblingsmusik mit Genuss und Enthusiasmus höre: Namika, Amy Winehouse, Indila. Allerdings können sie nichts anderes von einem Papa erwarten, der Gräzistik und Latinistik studierte.

Nach Jahrzehnten der Popmusiktexte voller: “Da, da, da, ich lieb’ dich nicht, du liebst mich nicht” oder “Ich fand in dir mein großes Glück, es war im Zug nach Osnabrück”, endlich bekommen wir eine Lyrik als Songtexte, die der eines Archilochos, einer Sappho und eines Anakreon ebenbürtig ist.

Zwischen den Zeilen von Amy Winehouses Einsamkeitsbeweinung in Back to Black höre ich Sapphos “Dedyke men ha selana”: Der Mond, die Pleiaden untergegangen, einsam im Bett, Mitternacht.

In I Wake up Alone gelingt Winehouse sogar ein neuer Einblick in die Selbstreferenz: Hauptsache, sagt sie, man denke nicht mehr lästig darüber nach, wie lästig man nachdenkt. Das Niveau poetischer Reflexion bei Winehouse, Namika und Indila lässt die antike Lyrik wiederauferstehen und alle Popmusik von den Beatles bis zu Nirvana verblassen.

Selbst die – zumindest bei Winehouse charakteristischen – Obszönitäten finde ich nicht fehl am Platz. Sie waren auch in der griechischen Lyrik üblich. Man denke an die Anacreontea oder an die Kölner Epode von Archilochos.

Die Generation meiner Kinder hat poetische Werke die viel besser als die plumpen Texte meiner Jugend sind. Klarerweise ist mein Enthusiasmus diesbezüglich genauso uncool wie das Beharren auf Oldies, aber wenigstens verrate ich dadurch die Lyrik nicht.

At last lyrics reminiscent to ancient lyricism…

I hear Sappho singing in the background “Dedyke men ha selana”: “The moon has set, the Pleiads too, it’s midnight and I’m alone in bed” when Amy Winehouse deplores her loneliness in Back to Black or in I Wake up Alone, where she, NB, also deplores the disadvantages of thinking about thinking. Emotions are, it seems, self-referential in the sense that they make one tortured from thinking about how torturous the thoughts are – which was far, far beyond the artistic capacity of the Beatles, the Stones, the Led Zeppelin and all the rest. Here, in Amy Winehouse’s, in Namika’s, in Indila’s work, it’s archaic lyricism resurrected.

Even the explicit adult lyrics – a distinctive feature of Winehouse’s poetry – were no exception in the Greek archipelago of the 6th c. BC. Think of the Anacreontic verses or of the Archilochean poem of the Cologne papyrus. Think of large parts of the Palatine Anthology. They are not more obscene than classical.

The generation of my children has access to a poetry much more qualitative than the one I had. Admiring this poetry can be uncool as much as it is to ignore it but, at least, it is true.

Dialektik der Ernährung

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Enthusiastische Äußerungen über Griechisches sind von mir nicht zu erwarten. Sie würden dem Griechen in mir den Anschein der Eitelkeit geben. Bei der folgenden Geschichte versuche ich, die Übertretung dieses meines Prinzips zu relativieren unter Hinweis auf die Eigenschaft der Reflexion, eine allgemeine menschliche, keine einzelkulturelle Kapazität zu sein. Aber der beschriebene Osterbrauch ist griechisch – kein Thema.

Nach der nächtlichen Ostermesse – die wir in der Nacht zum 2. Mai coronabedingt nicht besuchen konnten, aber das ist ein anderes Thema – beginnt das Eierklopfen. Wer am Ende ein ungebrochenes Ei hat, hat gewonnen – und ein Ei, das er nicht essen kann, weil es aufgehoben werden muss: das Gewinner-Ei. Die Verlierer, diejenigen also, deren Eier im Wettbewerb zerbrachen, verzehren dieselben.

Wer ist nun der Gewinner und wer der Verlierer?

Wenn es einen Sinn macht, das östliche Mittelmeer und das damit verbundene Gedankengut kennenzulernen, dann vordergründig deshalb, weil die Beziehung zum genannten Kulturkomplex mit der ständigen Aufforderung einhergeht: Denk mal nach. Hast du das gemacht? Gut! Jetzt überdenke, was du gerade gedacht hast…

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I hate being suspect of enthusiasm towards Greek culture. I hate it because it makes me look vain. The story to follow is one that pertains to logical reflection as a general human capacity, which could make believe that I do not violate my principles of never taking a specifically Greek stance. However, in what follows, it is a Greek custom I describe alright…

After the nocturnal Easter mass, one that this year we were unable to attend in the early hours of May 2nd due to the Covid-19 measures, but this is another story, each fellow’s easter egg is knocked against another’s easter egg. The many losers, i.e. the ones who, at the end of the contest, have a broken egg, may eat it. The one winner may not eat his egg since it survived the battle.

But then who’s the real winner and who’s the real loser?

A good reason to learn about the Eastern Mediterranean and its culture is probably what appears to be an underlying imperative in the latter: think! You did so? OK, now rethink!

Göttingen 1926

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Es gibt keinen besonderen, externen Grund – etwa ein Jubiläum oder etwas Ähnliches – aus dem ich plötzlich auf das zurückgreife, was am von David Hilbert geführten Institut in Göttingen anno 1926 passierte. Wegen der in Zusammenarbeit mit Hellmuth Milde nach und nach entstehenden Sachen las ich wieder von Neumanns Startschuss der Spieltheorie vom Jahr 1926, den er als damals junger Forschungsassistent bei Hilbert losließ, und außerdem finde ich es wieder verjüngend – ein gezieltes Déjà-vu sozusagen – nach Jahrzehnten als Mittagspausenlektüre meine damalige Einführung in die Prädikatenlogik zu lesen: Hilberts und Ackermanns Grundzüge natürlich… Auf dem Sofa – und wer mich näher kennt, kennt auch die Stelle und die Zeit. Die Grundzüge entstanden 1926. Ob Hilbert, von Neumann und Ackermann auf einem gemeinsamen Sofa saßen und bei einem Käffchen arbeiteten, während sie die Geschicke der Wissenschaft prägten, interessiert mich. Denn historisch gesehen ist das Aufeinandertreffen eines Platon, eines Speusippos und eines Aristoteles selten.

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For no other reasons than some papers to be written with Hellmuth, I read again von Neumann’s ancestral paper on the Theory of Games – written and first presented in Göttingen in 1926. Additionally, it gives me a sense of rejuvenation to read Hilbert’s and Ackermann’s Grundzüge during the midday break – now, for those readers of this blog who see me every day: on the sofa, where else? It was my introduction to predicate logic as a 20-years old, you see…

Like von Neumann’s paper, Hilbert’s and Ackermann’s classic was written in Göttingen in 1926. I fancy imagining the three of them on the same sofa with a coffee. I find the picture remarkable. Historical situations which resemble having Plato, Speusippus and Aristotle on one and the same spot are very rare.

Matrix in 1200 BC

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Eine der unangenehmen Auswirkungen der Coronazeit ist das Nichtreisenkönnen. Für andere wiegt es vielleicht nicht so sehr: Ob in Bielefeld oder in Salzburg, sind sie in Mitteleuropa, wo sie aufgewachsen sind, und die Oma kann man doch per Skype kontaktieren. Ich kann meine Mutter selbstverständlich auch per Skype kontaktieren. Wenn sie aber sagt “Bleib da, ich geh kurz Zitronen holen”, bin ich so lange nicht da gewesen, dass ich zunächst protestiere: “Ich bleibe doch nicht hier, bis du vom Supermarkt zurück bist”. Nein, zum Zitronenbaum will sie kurz.

Homer (Odyssee, IX, 102) lässt Odysseus seine Ithaker auf der Lotusinsel, wo es ihnen doch gut gefallen hat, davor behüten:

“Lotus essend den Tag der Heimkehr vergessen”.

Selbst der Lotus des ewigen Lebens neben der Göttin Kalypso ist Odysseus nicht genug, um diesen Tag zu vergessen. Er verlässt die Immerjunge für seine vierzigjährige und stets alternde Penelope (Odyssee VII, 256-258). Er ist ein Sterblicher und will das Geschenk des Auf-ewig-Gleichaltbleibens nicht einmal ausprobieren.

Das Leben in der Matrix oder als Gehirn im Tank ist angenehm. Der Wunsch, außerhalb der Simulation zu stehen, leuchtet trotzdem sofort ein.

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Restricted mobility is one of the most controversial measures of the Covid-19 time. Most people in Europe are not too far away from their origin, which makes the skype conversation with grandma devoid of nostalgia. I can also do so but when she says “Don’t go away, I’ll get some lemons” (meaning that she’ll go to the lemontree) having been away so long I have started understanding the sentence as saying that she’ll go to the supermarket.

In Homer (Odyssey, IX, 102) Odysseus takes his crew from the Lotus-eaters out of fear

“…that they would forget the day of return to their land if they eat lotus”.

Is it better not to forget if you cannot return anyway? For Homer yes.

Another Homeric episode to show why our own state is better than any other state qua our own is Odysseus’ preferring to return to his ageing-and-already-in-her-forties Penelope instead of staying with Calypso, a goddess who promises him the lotus, so to say, of eternal life (Odyssee VII, 256-258).

Life in the Matrix or as a brain in a vat is comfortable. But the wish to live out of the simulation is justified.

From a wild like Byron to a Byronlike Wilde

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Diese Tage vor 200 Jahren entfachten sich gleich drei bewaffnete Erhebungen gegen den Sultan und die Hohe Pforte: Eine auf dem Westbalkan, in einem Landstrich gegenüber Korfu, eine in Rumänien und eine auf der Peloponnes. Eine vierte, serbische, wurde mit der Ermordung ihres Anführers im Keim erstickt. Erfolgreich war nur die Revolution in Südgriechenland. Sie führte zur Gründung des Staates Griechenland. In all diesen Erhebungen waren griechische Offiziere in russischem Dienst die Drahtzieher. Die griechische Beteiligung ließ die Ideologie des wiederauferstandenen, klassischen Griechenland plausibel erscheinen, aber die Kulturgeschichte spricht eine andere Sprache: Die Revolutionen des Jahres 1821 wurden von einer an Voltaire und Napoleon orientierten Ideologie getragen. Die Romantiker und die Ästhetiker, das Zurückgreifen auf die Antike, das alles waren nachträgliche Legitimationsversuche. Mit Posen in griechischer Nationaltracht konnten Byron und Wilde nicht etwa die Geschichte umschreiben.

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Almost exactly 200 years ago, three plus one revolutions against the Sultan began: one in the Western Balkans, in the region opposite Corfu, one in Romania, one, finally, in Southern Greece. Only the last, which laid the foundations for the independence of Greece, proved successful. The attempt, finally, to incite a revolt in Serbia failed after the killing of the Serbian leader. The deep involvement of the Czar’s Greek officers and diplomats in these events made the ideology of the rebirth of classical Greece appear plausible. The cultural history of the Balkans, however, provides evidence that the ideological backing in the time of the events of spring 1821 in the Balkans referred rather to Voltaire and Napoleon than to Miltiades or Alexander the Great. Romantics and aestheticists saw an ancient spirit at work but this was a later construction. Byron’s and Wilde’s fustanellas did not influence history. They just gave a hint to its interpretation. A misleading one.

Doubting truth

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Keine Aktualität dieses Mal. Ich habe mit der fast einzigen Aktualität der letzten 12 Monate die Nase voll. Keine Aktualität, sondern im Gegenteil Poesie. Die Poesie ist nie aktuell.

Genau genommen: Shakespeare. Noch genauer: Hamlet.

Doubt thou the stars are fire;
Doubt that the sun doth move;
Doubt truth to be a liar;
But never doubt I love.

Zwar ist der Reim von “luv” auf “muv” verblasst, aber die Zweideutigkeit des vorletzten Verses ist immer noch lustig: “Zweifle an der Wahrheit, um Lügner zu werden” und “Zweifle daran, dass die Wahrheit lügt”. Lustig zwar, allerdings zweifle ich meinerseits dass Shakespeare diese Zweideutigkeit intendierte. Denn zum einen macht einen der bloße Zweifel an der Wahrheit nicht automatisch zum Lügner. Von allen Wahrheitswertinversionen macht einen nur die direkte Leugnung, die Verneinung, zum Lügner. Zum anderen sind die ersten beiden Verse als Aufforderungen zu verstehen, am Offensichtlichen zu zweifeln (Sterne sind ja schließlich im Endeffekt Feuer und die Sonne war aus Shakespeares Sicht ein Wanderstern). Dann muss wohl auch der dritte Vers ebenfalls als Hinweis auf eine offenbar trügerische Wahrheit zu verstehen sein. Weist hier Shakespeare auf die Lügnerparadoxie hin?

Das muss nicht sein. Die Liebe zuzugeben – das ist genau, was Hamlet macht – um nicht geglaubt zu werden – Hamlet stellt sich ja verrückt in der 2. Szene des 2. Aktes – ist eine uralter Witz. Etwa wie dieser: Verheirateter Mann mit Affäre merkt, dass er längst zu Hause hätte sein sollen, und bittet die Geliebte um etwas Kreide. Zu Hause befragt, was denn diese Verspätung gewesen sei, antwortet er: “Ich habe eine Affäre und das Rendezvous wurde etwas länger”, woraufhin die Ehefrau despektierlich einwirft: “Wasch dir die Kreide von den Händen und nächstes Mal, wenn die Billardpartie mit deinen Freunden zu lange wird, rufst du, bitte, an”.

Die Wahrheit zuzugeben, damit diese nicht als Wahrheit wahrgenommen wird, ist wohl betrügerisch in der Absicht, verrät aber wenigstens eine gewisse Waghalsigkeit, eine Sportlichkeit. Beeindruckt hat mich das zum ersten Mal vor Ewigkeiten. Ich war 19 und diese Kommilitonin unternahm einen langen, aufdringlichen Versuch, mich für die Studiorganisation einer politischen Partei zu gewinnen. Ich wehrte ab, bevor ich fragte, was denn ihr das Gefühl gab, ausgerechnet bei mir nachzuhaken, als sie sagte, gar nichts gab ihr dieses Gefühl, nur konnte sie wohl nicht ohne Anlass Interesse an mir zeigen. Die Sprecherin überlässt es dem Zuhörer, eine Ironie oder ein Eingeständnis zu hören. Ich habe den Eindruck, dass wir in jüngeren Jahren den Trick durchaus angewandt haben.

Ich suche nach einem historischen Namen für diesen Trick und finde keinen. Meine Mutter hat schon immer die Bezeichnung dafür gehabt: “To pairnei apo mprosta”, was im Neugriechischen so etwas wie “Vorauseilen” bedeutet. Aber meine Mama ist natürlich keine Logikerin und hat insofern keine Autorität zur Einbürgerung eines terminus technicus.

Über Tipps würde ich mich freuen.

(Der Clip aus Pirates of the Caribbean funktioniert auf iPhones wohl nicht korrekt. Hier gibt es das Zitat)

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(I suppose that the clip from the Pirates of the Caribbean does not function correctly on iPhones, which is the reason I have the quotation for you here).

Doubt thou the stars are fire;
Doubt that the sun doth move;
Doubt truth to be a liar;
But never doubt I love.

OK, this is Hamlet and you most probably knew it. But I doubt that you ever thought of the ambiguity of the third line. Is it you who will be a liar if you doubt truth or rather the truth which you doubt to be a lie? Obviously, you are not automatically a liar if you only doubt something true. A liar you are only if you directly negate truth. This makes the ambiguity in question too trivial to be Shakespearian.

(The background of these thoughts is that I am fed up with actual issues because for 12 months now there has been only one issue. OK, and now that you know it, back to Shakespeare).

Just take into account that the truth of the first two verses is supposed to be evident. This cannot be otherwise in the third verse. But then the third verse is pointing out that truth is evidently a liar – and that you can doubt even this. Is Shakespeare’s reference here to the Liar Paradox?

This is rather improbable and would be too vague a reference anyway even if it had been one. But take this old joke: this married man notices that he should have long been at home and asks this one other lady for a piece of chalk. With this in his right hand, he drives home where he’s asked by his wife about the delay. “Well, love, I have an affair” says he then, “and we appear to have forgotten how fast time passes”. The wife laughs and asks him to wash the chalk off his hands. “Just give me a phone call next time snooker with your friends takes time.”

Telling truth to appear as a liar is a sport, is audacious, is witty. It first impressed me, I recall, ages ago. I must have been 19 and this fellow student tried to persuade me that the best thing to do was to join the youth organisation of this political party. Out of question, of course, and so much out of it that I had to ask her why she asked me of all people. She said she had no particular reason but also no other excuse available to show interest in me. Was that ironic or a confession? She let me guess. I believe that this trick was used somewhat more often back then.

Searching in my memory for an historical term for this piece of informal logic, I find none. My mother has a name for it: an expression of Modern Greek that means something like “anticipating”. But my mother is not a logician and her chances to successfully introduce a term are minimal.

Any hints?

Meta-Pokern mit Kindern – und mit Erwachsenen

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Mit ganz genauen Plänen sind sie gekommen, unsere Jüngere und ihre Freundin: So viele gemeinsame Übernachtungen, das zum Essen, das zum Spielen, und du spielst mit.

Eine Bedingung – eine Fahrradtour – habe ich gestellt, aber im Grunde war ich mit dem Gesamtplan einverstanden. Das Kartenspiel, das sie spielen wollten, kannte ich zwar nicht, aber was sollte es…

Es stellte sich heraus, dass ich es gar nicht hätte kennen können. Es war ein von ihnen selber modifiziertes Spiel mit selbstgebastelten Karten. Es ließ sich damit gut spielen, gesetzt, man bluffte nicht. Nun wollten sie aber einen Erwachsenen – mich; welche Ehre! – zum Mitspielen haben. Nur: Erwachsene bluffen ja! Ständig dachte ich, bluffen zu müssen, denn schließlich sollen sie etwas fürs Leben lernen. Ihr Spiel geht allerdings ad absurdum, wenn man blufft. Also, doch nicht bluffen… Nichtbluffen bedeutete aus Erwachsenensicht, sich grundlos dumm zu stellen.

Und eben grundlos war das Sichdumstellen nicht! Ich wollte ja weiter mit den beiden spielen. Das war ein wichtiger Grund, auf meine Spitzfindigkeit nicht zu hören. Zugegeben fiel es mir anfangs schwer, wie ein Kind von der Reflexion über das Spielen – einer Erwachsenenmetaebene doch – zu abstrahieren. Aber irgendwann ging das gut. Im Spiel ging es ums Erraten. Wenn z.B. Greta erriet, dass ich die Karte XY hatte – damit müsste ich diese freilegen und das Spiel verlieren – sagte ich, statt zu bluffen: “Ja, ich habe sie”. Und verlor. Wohlgemerkt müsste ich nicht die Karte vorzeigen, die ich tatsächlich hatte. Das wäre ja, wie mit offenen Karten spielen. Es ging nur darum, zuzugeben, dass die Mitspielerinnen richtig erraten haben, nur falls sie das taten. Mit anderen Worten hatten die Mitspielerinnen, vorerst jedenfalls, keine Chance, einen Bluff zu entdecken.

Ich fasse zusammen: Die Kinder spielten auf einer einfachen Ebene: Kein Gedanke über Bluffs. Ich verzichtete auf die Metaebene des Bluffens. Allerdings verzichtete ich bewusst auf sie, um weiter spielen zu können, ohne das Spiel ad absurdum zu führen. Also ging ich über eine Meta-Metaebene auf kindliches Spielen ein.

Die Geschichte spieltheoretischer Ansätze – eine, die weit vor von Neumanns bekannten Vortrag in Göttingen am 7. Dezember 1926 zurückreicht – zeugt von Abstraktion auf die nächste Metaebene: von: “Was weiß ich über meine zulässigen Spielzüge?” über: “Was weiß der Gegenspieler über meine Überlegungen?” bis hin zu: “Was macht er, wenn er weiß, dass ich weiß, dass er weiß, dass ich weiß, wie ich spielen soll?” Schließlich zu: “Was macht er, wenn er weiß, dass ich weiß, dass er weiß, dass ich unter allen Umständen weiterspielen will?” Letztere Fragestellung entspricht der Logik des solidarischen Spielens, einer, die bereits David Hume im Gegenspiel antagonistischer Religionsgemeinschaften mit Hilfe von Bestechung herstellen wollte. Erwachsene brauchen Extras, um kindlich – oder kindisch – zu spielen.

Es ist wie beim Maskentragen: Die einen tragen eine Maske, weil sie Angst haben; andere tragen sie, weil erstere Angst haben; und andere wiederum haben keine Angst und auch keine Sympathie für Leute mit Angst, tragen sie aber trotzdem, weil alle – zu denen sie schließlich selber gehören – sie tragen.

Spielen zu wollen ist ein Bestandteil des Spielens, während man spielt.

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Their plans were very precise. “So many sleepovers. On the first day you’ll cook this, on the second that, this is the card game to play and these are the movies to watch”. I only insisted to have a bicycle ride at some point during the weekend but, generally, I agreed to everything.

“Oh, yes: and you’ll have to play along the card game with us”.

I didn’t know the game. Rather: no one knew it apart of them. They had used a game idea to design their own cards set, had spent a lot of time with coloured heavy-paper cards, simplified the rules. It was their game.

And it was playable. Under one condition: no bluffing. That is, bluffing was allowed and everything, at least there was no way to detect bluffing or to sanction it. But if you bluffed, the game became pointless and there was no reason to continue playing. This was confusing since adults have this meta-level of reflection upon their own playing, a meta-level that enables bluffing. And they wanted to play with an adult and this was me. It was the privilege of being their chosen one against my nature as a bluffer. The privilege was more important.

Guessing was essential for the game. When Greta guessed that the card I had was the Princess and I had the Princess, then I had to place this card on the table for everyone to see. Which is what I did. If you consider that, had I bluffed, no one would know that I had this card and no other, you may also feel compelled to ask how an adult can be a fool and play like this. My veracity (or foolness) was induced by the fact that continuing playing was a strong motivation.

I’m summing up: the girls played without afterthoughts. I had afterthoughts but did not employ them because – an after-afterthought – I wanted to continue the game.

Since von Neumann’s lecture in Göttingen on Dezember 7, 1926, the history of game theory is characterised by an ascent of levels: from “These are my moves”, to “These are his moves”, to “Knowing that he knows that I know that he knows that I know his moves, these are my moves”. Finally, you reach a level on which you say: “These are our moves if we are supposed to continue playing together”. The setting of game-theoretical solidarity is one that David Hume already discussed. Hume also discovered that bribing is a measure to reach this level of naïveté – one that is alien to adults with own interests.

Wearing masks is an activity related with these levels: there are those who wear masks because they are afraid; there are others who were a mask because the aforementioned are afraid. And, finally, there are those who wear a mask because everybody, a group of which they are evidently members themselves, wears a mask.

The will to play is a part of playing.

Se tutto deve rimanere com’è, è necessario che tutto cambi

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Wenn alles so bleiben soll, wie es ist, muss es sich ändern…

… gibt Graf Salina, der Hauptcharakter von Giuseppe Tommasi di Lampedusas Gattopardo, zu bedenken, wenn er erklärt, wieso ausgerechnet er, ein Adliger, für Garibaldi eintritt und die Ehe seines Neffen mit der niveaulosen Neureichentochter will.

Drei Pinien habe ich auf dem väterlichen Garten am Meer am Wochenende fällen lassen. Das tat weh. Die Pinienkerne dieser Bäume waren – mit Honig geträufelt – mein Frühstück mit zwölf, mein Snack zum Tsipuro mit achtzehn. Mein Garten auf Euböa ist kleiner als Conte Salinas Gut auf Sizilien, aber was ist daraus zu schließen? Soll der Verlust jetzt mehr oder weniger wehtun? Salina sagt, gar nicht solle er wehtun. Was sich ändert, bleibt uns erhalten.

Tatsächlich kommt das Meer langsam zur selben Zeit an den Zaun heran. Die Ägäis eroberte die Straße vor meinem Land. Deshalb war es wohl den Bäumen zu salzig und giftig unter den Wurzeln. Wie soll es kein Gewinn sein, wenn nun in Ermangelung der Straße die Küste so sein wird wie in vortouristischen Zeiten?

Ja, die Welt wird immer besser, indem sie eine reformierte alte bleibt. BBC 6, mein Lieblingssender, spielt Flying Microtonal Banana und Automation von King Gizzard and the Lizard Wizard, einer Band von australischen Kunsthistorikern und Politologen, die junge westliche Menschen für Lieder geschrieben in altertümlich orientalischen Hijaz- und Bayati-Tonleiter gewinnt.

Giuseppe Tommasi di Lampedusa ist mein Leuchtturm zum Ästhetikverständnis. Auch zum Politikverständnis. Alles bleibt wie es war, während es sich verändert. Vor dem Hintergrund der Ideengeschichte des 18. Jh. ist Emmanuel Macron Friedrich der Große, QAnon wiederum Emanuel Swedenborg. Nicht dass Emmanuel keine Fehler macht (wie jetzt PCR-Tests für EU-Bürger- wie unnötig!) und Emanuel seine inkohärenten Piepser nicht schreiben sollte. Aber das ist in etwa der schwindelerregende Abstand. Alles in allem bin ich voller Optimismus über die Prospekte des Mainstreams.

Die Pinien? Ich werde neue an ihrer Stelle wachsen lassen. Meinen Töchtern und den Leuten in meiner Nähe werden die Pinienkerne jedenfalls nicht fehlen. Die Krise geht vorbei. Was sage ich da? Sie ist vorbei; an uns vorbeigegangen, sobald wir sie akzeptierten.

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If all has to remain the way it is, then it has to change…

… maintains count Salina, the main character of Giuseppe Tommasi di Lampedusa’s Gattopardo, when he explains why he of all Sicilians, an aristocrat, supports Garibaldi as well as his nephew’s marriage with a new rich and unfortunately beautiful philistine.

Last weekend I succumbed to the felling of three of the pines of our property which is directly adjacent to the coast. Our land in Euboea is much smaller than count Salina’s property in Sicily, even much smaller that the relative size of the two islands makes you think. This doesn’t mean that Salina had more to lose. The pine nuts of these trees, sprinkled with honey, were my breakfast at the age of twelve and began to accompany my whisky some time later. Salina’s advice however is not to perceive changes as a loss.

And when I give it some thought, he is right. While salty water was slowly contaminating the roots of my poor pines from below, eo ipso the sea won the battle against the street in front of the garden and reached the fence. You might think that I might see the fence endangered. What count Salina’s eyes in me see, however, is a coast returned to its natural state before the arrival of tourism, of lanterns, of seaside promenades.

The world gets better and better remaining as it was through reform. BBC 6 has always been my favourite station but now they also play scales like hijaz and bayati with which my grandfather’s ears have been familiar but were thought to be out in western music. Well, Automation and Flying Microtonal Banana by King Gizzard and the Lizard Wizard are exactly bayati and hijaz without being out.

Giuseppe Tommasi di Lampedusa is my lighthouse when I sail out in aesthetics. Or politics. Everything remains existing as it changes. With the history of ideas of the 18th century in the background, Emmanuel Macron is Frederick the Great and QAnon is Emanuel Swedenborg. I am not contending that Emmanuel makes no mistakes (the obligatory PCR test for EU citizens – how unnecessary!) and Emanuel should not write his incoherent things. I am just saying that this is the gap. Oh yes, I am very optimistic about the prospects of the mainstream.

Well, the pine trees… I shall plant new ones. My daughters, generally people at my side, should understand “Get some pine nuts” as a suggestion to collect them, not to buy them. The crisis will be over. What am I saying? It is over. It was over as soon as we affirmed it.

Oleat!

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Die UBS erhebt neuerdings Negativzinsen für sehr Reiche, die keinen Baukredit bei der Bank haben. Etwas überinterpretiert, kommt das dem Spruch des realexistierenden Sozialismus gleich, Geld arbeite nicht (warum soll es also automatisch mehr bringen?)

Ist das aber überinterpretiert oder eher verharmlost? Negativzinsen bedeuten sogar Wertverlust, was mindestens seit Kaiser Vespasian als absurd abgetan wird, manchmal mit dessen Worten: Pecunia non olet – Geld stinkt nicht, selbst wenn es mit dreckigen Arbeiten verdient wurde. Die UBS könnte einen Paradigmenwechsel einleiten.

Andererseits sind die Negativzinsen ein banaler Hinweis darauf, dass die Bank auf die Deflation mit einem Agio für Arbeit, für Investitionen reagiert. Was will man mit sich anhäufenden trägen, sehr wertvollen Geldsummen machen, die deshalb von allen gehalten werden? Kann man sie essen?

Bei einer Inflation vermindert sich das Vermögen. Bei einer Deflation im Endeffekt dann auch, wenn Negativzinsen am Ende des Weges stehen. Also vermindert sich das Vermögen immer. Das ist ein Paradox, dessen Namen ich nicht kenne. Gleichzeitig glaube ich nicht, dass dieses Paradox gerade passiert, obwohl ich es passieren sehe. Dies ist wiederum ein Metaparadox, dessen Namen ich kenne: Moores Paradox.

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UBS, the Swiss bank, introduces negative interest rates for the very rich – unless they have their mortgage loan with the bank.

With some poetic freedom, this is what the slogan of real socialism claimed: Money does not work (so, why ought interest to be paid?)

I gave this some thought though, to doubt that this freedom is poetic. Since emperor Vespasian (and this is a long time!) we have the ultimate expression of how absurd is the thought that the value of money would diminish: “Money does not stink” – Pecunia non olet, even if it was earned in filthy business. It is rather accurate to say that UBS changes that.

The bank would probably tell you that negative interest rates trivially apply to the fact that in times of deflation, labour is more important than capital since everybody keeps their too-valuable money but also realise they cannot eat it. So, why not introduce a premium for labour?

If this is how they think, the situation is paradoxical: in an inflation capital melts away. In a deflation sometime too by the introduction of negative interest rates. So, capital diminishes. Seeing that a paradox is the case but not believing what you see is another paradox: Moore’s paradox.

Kant über die Abwägung moralischen Schadens beim Kinderimpfen

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Ob Kant (wie im in der Akademieausgabe, Bd. XV, S. 975 edierten Manuskript aus dem Nachlass) weiterhin die “moralische Waghalsigkeit” bei der Pockenimpfung für Kinder als größer bezeichnet hätte denn die physische Gefahr, an Pocken zu sterben, wenn er die heutigen Daten gehabt hätte, fragt sich in diesem hervorragenden Artikel Ingo Arzt, um gleich seinen Unmut über das Abbrechen des Originalmanuskripts zu äußern.

Was kann ich anderes beitragen als eine Fortsetzung des Manuskripts im Sinne des Königsbergers?

Denn so viel ist über die höchste moralische Gefahr bei der Übernahme von Verantwortung für Unmündige zu sagen: Diese besteht darinnen, andere, vornehmlich Kinder, mit guten Absichten in Lebensgefahr zu bringen. Allerdings kömmt es, wie ich in der Kritik der praktischen Vernunft und sonstwo Gelegenheit hatte darzulegen, bei der Beurteilung sittlichen Handelns nicht auf die Absicht des Handelnden an. Mithin ist bei gelungener Kinderimpfung zwar die physische Gefahr überwunden, wenngleich die moralische Anmaßung bestehen bleibt, falls der Arzt nicht genau wusste, ob das Versprechen des Heils die unmündige Person an demselben sterben lässt. Das Kriterium für die moralische Zulässigkeit des Impfens darf freilich auch nicht sein, ob es wahrscheinlicher erschien, an Pocken zu sterben, als die Impfung zu überleben. Denn wie wahrscheinlicher muss der Tod sein, um die moralische Verantwortung übernehmen zu können, einem ahnungslosen Kinde etwas eventuell Schädliches einzuimpfen? Die moralische Gefahr, das Gebot des Schutzes von Leben zu überschreiten, kann nur eine künftige Wissenschaft gewährleisten, die so gut wie sicheren Schaden mit so gut wie sicheren Maßnahmen abwendet.

Hätte Kant den abgebrochenen Satz so fortgesetzt, dann hätte er sich in eine gefährliche Nähe beim Utilitarismus herangewagt, an eine ihm vollends fremde Moralphilosophie, die Nutzen und Schaden gegenüberstellt. Vielleicht musste er abbrechen, weil er feststellte, wie fremd ihm das Kosten-Nutzen-Denken ist. Falls so, dann bricht das Manuskript eben deshalb ab, weil Kant plötzlich klar wurde, dass eine Auseinandersetzung mit den Gefahren der Medizin ohne Kosten-Nutzen-Denken unmöglich ist.

Wenigstens sind wir inzwischen im Besitz der künftigen Wissenschaft.

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In a manuscript from the nachlass (so-called AA-Edition of the Royal Prussian Academy of Sciences and successor institutions, Vol. XV, p. 975) Kant reckons that the moral recklessness of vaccinations of children against pox is more serious than the physical risk of the children. Ingo Arzt presents the passage in this outstanding piece of journalism (sorry, only in German) to ask himself whether Kant would still think so if he had our contemporary data and to express his annoyance because the passage breaks off in the middle of a sentence.

This is, to my mind, a natural continuation of what Kant would have written if he had not been interrupted, fallen asleep – whatever:

The most serious moral hazard towards minors can be determined as a situation in which you exploit your responsibility towards them by endangering their lives with good intentions. Since, on one hand, as I had the opportunity to show in my Critique of Practical Reason and elsewhere, intention is not the criterion to judge moral acting, in this case, even if a vaccination is successful, then the physical hazard is overcome, however the moral hazard in form of presumptuousness remains, unless the physician knew that that the promise of healing will not be rather killing. Since, on the other hand, the criterion of the moral value of giving a child a possibly dangerous medicine is also not probability – because how much more probable must a child’s death due to illness be than death due to the medicine, in order for the pretension of the self-proclaimed healer to know better to be legitimised? – the moral hazard to violate the duty to protect a child’s life can only be minimized by a future science which can rightfully claim to avert almost certain dangers with almost certain therepies.

This continuation of Kant’s line of argument concerning duty and responsibility vis-à-vis risky therapies for children would have made the philosopher of Koenigsberg approach utilitarianism – a school of thought alien to him. After all, maybe it was not an interruptive guest from downstairs or the extra glass of wine that made Kant stop writing, but rather the sudden insight that in pondering the pros and cons of medical treatment one has to calculate costs and benefits, which is as denying Kantian ethics as anything.

At least we possess in the meanwhile this one future science…