Le collectivisme

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Lasst die Statuen stehen. Diese Menschen, die sie abbilden, können wohl auch wegen einer Tugend bewundert werden. Sie werden doch auch etwas anderes gewesen sein als Sklavenhalter.

Im Gegensatz zur bildenden Kunst, die so oder so interpretiert werden kann, huldigt ein Text, eine Inschrift, die ich letzte Woche beim Spazieren ganz nahe beim Bahnhof Basel SBB entdeckte, dem Tribalismus und, als wäre das nicht genug, konkretisiert sie auch die künstlerische Botschaft so, dass ich z.B. (die Person im bestimmten Körper) genauso heilig bin, wie das Kollektivwesen, dem ich angehöre.

Ich bezweifle, dass es Wandalentrupps mit Gips in der Hand gäbe, die solche Inschriften übertünchen würden, wenn K.R. Poppers methodologischer Individualismus das vorherrschende Paradigma der Geschichtswissenschaft wäre. Denn unsere (offenbar austroliberale) Lehrerschaft würde dann nur den Menschen beibringen, über die historischen Quellen zu reflektieren statt herzufallen. Mehr nicht.

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People all over the world were attacking statues that, in their eyes, depict white suprematism when I discovered this inscription while strolling through downtown Basel.

Although the inscription oozes with tribalism – frankly, I don’t want to be respected in virtue of being Greek and those who would see me thus would not see me after all – obviously no one bothers to vandalise it. Not only because K.R. Popper’s methodological individualism is not the leading paradigm in historiography. Also because individualists, an Austroliberal kind of people, want to teach you how to reflect on historical sources rather than to destroy them. NB, even if the source in question is a text, which unlike a piece of art, makes the tribalist message explicit.

The piece of art, normally a depicted person, can, after all, be taken to be exposed due to beauty or – there must have been one – virtue.

Opposition

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Die Debatte um die These, dass der Widerspruch ein bloß sprachliches Phänomen ist, das aus – in den Dingen an sich nichtvorhandenen – Dichotomien der Sprache entsteht, ist bekannt und ich werde sie heute nicht ansprechen.

Viel provokativer erscheint mir der gestrige Spaziergangseinfall: Jedweder Gegensatz ist nur sprachlich. Nicht zuletzt könnte auf dem Schild stehen: “Friss mich!”.

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Arguably, contradiction is only a linguistic device based on dichotomies in language that are nonexistent in reality. This is a well-known debate and I shall not address it here – not today.

What is more provocative is an aperçu after yesterday’s walk: any opposition is only linguistic. Note that the inscription above (“Do not feed” – meaning: the goats) could state anything else. Among others: “Eat me!”.

Ein praktischer Mensch

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LeserInnen dieses Blogs, die sich im landläufigen Sinn “praktische Menschen” zu sein rühmen, sollen sich nicht zu früh über den Titel freuen. Der Titel des “praktischen Menschen” ist mehr als peinlich.

Es war einmal die Erlinger-Kolumne im SZ-Magazin. Jeden Freitag. Mit Erlinger bestritt ich ein ganzes Jahr in Halle an der Saale den Unterricht der praktischen Philosophie. Es gab immer eine Frage der ethischen Kasuistik, die aus utilitaristischer und deontologischer Sicht beleuchtet wurde. Ich benutzte dabei oft Fragen, die Erlinger in Briefen und Emails von seinen LeserInnen bekam. Denn sie hatten eine Lebensnähe, die kein Gedankenexperiment je erreichen kann. Da es Erlinger – einem Philipps-Mann doch – in der Kolumne um die deduktive Logik der Präskription, nicht um induktive normative Ethik ging, hielt ich es im Unterricht für angebracht, eine tugendethische Sicht zu Erlingers deontologischer und utilitaristischer hinzuzufügen. Um viel mehr habe ich die Argumentation seiner Kolumne für die Ethikstunde nicht angereichert. Ein paar Namen meiner SchülerInnen in Halle weiß ich immer noch. Sie haben mir in diesem Lehrveranstaltungsformat stets die Zügel aus der Hand genommen, sie haben räsoniert, ohne die ganze Philosophiegeschichte zu kennen. Diese habe ich sehr selektiv in das Argument eingeflochten. So wie Erlinger in seine Kolumne. Oder wie die guten französischen Bac-Philosophie-Einführungen, wenn Sie verstehen, liebe Leserinnen und Leser…

“Meine Freundin ist blind. Ist es OK, wenn ich auf teures, buntes Geschenkpapier für die Weihnachtsbescherung verzichte?”. Oder: “Ich hatte eine außereheliche Eskapade. Jetzt ist alles vorbei und kein Thema mehr. Wir sind wieder glücklich miteinander und niemand weiß, was vorgefallen war. Bin ich verpflichtet, das Geheimnis zu lüften, wenn ich weiß, damit nur Übel anzurichten und Unglück zu stiften?”. Erlinger beleuchtete in seiner Kolumne die Sache aus der Sicht zweier Ethikschulen und gab Gründe für seine Vorliebe. Das Strategem ließ ich die jungen Menschen anwenden. Nach ein paar einführenden Stunden zu den drei Denkschulen, um die es mir ging, der utilitaristischen, der deontologischen sowie der Tugendethik, lernten sie es, die praktische Philosophie zu lieben.

Erlinger bin ich zu Dank verpflichtet. Das sollten auch meine damaligen Julianes und Juris und Chantales (ja, ja…) sein.

Dann hat Erlinger abgedankt. Die Erlinger-Kolumne wurde zu einer Adorján-Kolumne. Ich lese sie sehr selten. Denn statt der Diskussionen eines Themas der angewandten praktischen Philosophie bietet sie Klugheitsregeln. Letzten Freitag hat sie sich übertroffen. Ein Zeitgenosse stellt folgenden Sachverhalt dar: Aus Respekt (immerhin ein moralischer Beweggrund) wolle er ein Jugendbild des Opas irgendwo hängen. Dafür eignet sich ein Soldatenbild desselben – mit dem Nachteil eines Hakenkreuzes an der Uniform des Fotografierten. Das Überkleben des zeitgeschichtlichen Details komme aus ästhetischen Gründen nicht in Frage. Was tun?

Was für eine Steilvorlage für die Kolumne! Man kann über das Abwiegen von Moral und Ästhetik sprechen, ob das eine in das andere übergreift, ob wir die Interpretationshochheit unserer eigenen vier Wände haben sollen (“Ein lieber Mensch! Hat, halt’, in dieser Uniform gesteckt”…)

Man kann also Vieles vorschlagen. Was schlägt aber der praktische Mensch hinter der Kolumne vor? “Warum hängen Sie das Bild nicht in Ihrem Kleiderschrank auf?”

Sehr viele Menschen, auch solche, die nach eigenem Bekunden Philosophie betreiben, haben keine Ahnung von Philosophie. Noch mehr Menschen, insbesondere solche, die praktisch zu sein vorgeben, haben keine Ahnung vom Praktischen im eigentlichen Sinne des Prattein. Diese Ignoranz dient den Adorjáns dieser Welt als Freibrief, die Geduld ihres Schreibpapiers zu misshandeln. Wer darunter leidet, sind die Leute, die eine Ahnung haben. So viel Ahnung jedenfalls, um zu fühlen, dass die euphemistisch so genannten “praktischen Menschen” für gewöhnlich die Misologie, die Abneigung gegen philosophische Reflexion, für eine ihrer Tugenden halten.

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Don’t rejoice for today’s title if you’re happy to usually hail “practical solutions”. The post turns to be against you.

What is the New Yorker Magazine for New York and the Times Literary Supplement for London is for Munich the Süddeutsche Magazin. Not only because it is a supplement and a magazine at the same time but rather for the intellectual readership – although one with a national rather than social snobby attitude and a sympathy for theses bluntly put. But this is a cultural thing of a country as equalitarian and tribalist as Bavaria. Roughly, the analogy still holds.

Rainer Erlinger was the name of the person who wrote a column on applied ethics for the magazine. Erlinger have had some common references: he befriended for example the late professor Lothar Philipps (LMU Munich) whose classes on juridical rhetoric and informal logic I used to visit out of interest for example. But it doesn’t seem that I have ever met him. Much later, at a private high school in the German east, I had casuistry classes partly based on Erlinger’s format and, in fact, on the cases he was sent by readers to discuss. Firstly, they were closer to real life than any thought experiment could be. Secondly, he usually discussed the letters he received from the utilitarian point of view, then from the deontological. These were two of the schools I discussed in the beginning of the year (you always need some theory in the beginning), adding a third: virtue ethics. After the preliminaries, students were able to reason and decide themselves the given casuistic examples with the help of the three theories. I still remember this girl Juliane, and a boy named Juri who later made a great documentary on the street I lived in downtown Halle near the university and the opera. And also a couple of more names because they loved moral reasoning à la Erlinger.

“I have a friend who is blind. May I save money when I buy the wrapping paper for her Christmas present?” Or the next one: “I had an extramarital affair which is over now. Do I have a duty to disclose this towards my unsuspecting family with whom as for now I am very happy, knowing that I will make everyone unhappy including myself?”

Not so long ago, Erlinger stopped writing and an Adorján column replaced the Erlinger column. I read it very rarely because it is about what hoi polloi call practical solutions. I.e. it is not about the practical realm; it is not about praxis.

Last Friday Adorján managed to surpass herself. One of her readers writes to her about his grandfather whom he loved and whose (unique flattering?) picture as a young man, said reader would like to have on the wall. This is something you can do in other countries without having to tackle ethical issues. But if you’re German the chances of photographs of your grandfathers with swastikas on arms and berets are not small. The reader does not want to have the accessory in question covered on the picture. Allegedly for aesthetical reasons. Any solution?

In football, this is what you call a superb long ball. You can’t miss the target! Should ethics and aesthetics be made compatible? Do we have the authority to interpret (underestimate, overestimate) the symbols that happen to hang around in our house? (“He was a great chap. The uniform on the picture is only accidental”). And, of course, you can propose a host of changes of the reader’s mind. And what is Adorján’s practical solution? “Why don’t you hang the picture in your closet?”

Many people, among them people who occupy themselves with philosophy, have no idea of the discipline. Even more people who profess to prefer practical solutions have no idea what “practical” – meaning referring to “praxis” – means. It’s ignorance that makes the Adorjáns of this world maltreat the patience of the paper on which they write. As someone who has an idea, you suffer; suffer surrounded by people who treat “practical” as another word for misologistic.

Beat this!

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🇨🇭🇩🇪🇦🇹🇱🇮

Leser die denken: Aha, drei eingebürgerte Bundesbürger, die genpoolbedingt gut kommunizieren…

…sollen nochmal gucken.

Ich sage: Studenten, Studenten, Studenten und gleich drei Universitätslehrer, die gegenwärtig in Deutschland, den Vereinigten Staaten und der Schweiz sind, in ein-und-demselben Seminar.

Wer was gegen Online-Seminare sagen will, soll das überbieten können.

🇦🇺🇳🇿🇬🇧🇺🇸🇨🇦🇿🇦🇮🇪 etc.

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You’ll say: Three naturalised German university teachers who work together due to their origin and same genetic pool.

I’ll say: Students visiting a class with three teachers who currently teach in Germany, the US and Switzerland.

Before you despise online classes, beat this!

Epistemology of logic during a walk

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Es gibt unendlich viele Systeme der Logik. Manche sind redundant und uninteressant.

Notorischerweise gilt das etwa vom System, das aus der Regel besteht, aus p lasse sich p&p folgern, sowie aus einer Prämisse: Sagen wir pv~p. Dieses System lässt zum Überdruss Konkatenationen des principium exclusi tertii generieren. Man hat das Gefühl, es zu gut zu kennen.

Was eine Logik interessant macht, sind die Blicke, die sie hinter die langweilige Sichtblende erlaubt.

Deshalb glaube ich, dass die Universale Logik zum Teil Pragmatik sein soll.

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There are infinitely many systems of logic. Some are redundant and uninteresting like the one that consists of the rule of inference: p entails p&p, and of exactly one premise; say pv~p. This system generates concatenations of the Principle of Excluded Middle ad nauseam.

Others are thrilling… Why is that so? I suppose because with them you can discover something behind the boredom.

A Universal Logic has to be partly pragmatics.

Old books

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Alte Bücher führen oft zu interessanten Einsichten; zu nicht immer von Anfang an beabsichtigten. Ein Foulspiel, das gut im Spielverlauf war, muss nicht vorsätzlich gewesen sein.

Da ist, was ich jüngst entdeckte.

(Lorenzen hätte gejauchzt. Der Band war übrigens sein Zeitgenosse. Studenten auf den Straßen usw… Zeitgeist).

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More often than never, old books make one have interesting insights. Not always intended ones. Some fouls are not deliberate and are in spite of everything good for your game.

(The volume above was released about the time when Hintikka developed game semantics; students on the streets etc. Zeitgeist)

Lingua franca gratia francorum

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Mit der Gutschein-Aktion “Support your locals” versucht ein Teil des Basler Einzelhandels, den lokalen Konsum anzuregen. Wohl verständlich, wenn man bedenkt, dass alles – aber wirklich alles – über die Grenze nach Frankreich oder Deutschland den halben Preis hat, ferner dass diese Grenze mit Tram, Velo oder auch zu Fuß einfach und schnell erreicht werden kann. Zwar bleiben die epidemiebedingten Ausreiseeinschränkungen vorerst, aber diese werden nicht ewig sein und in dieser kurzen historischen Parenthese geschlossener Handelsstaaten werden wohl ein paar mehr Gutscheine verkauft werden, die auch viel später werden eingesetzt werden können.

All das ist verständlich. Was jedoch unverständlich ist und an performativen Widerspruch grenzt, ist die Äußerung des Appells zur Bevorzugung des Lokalen in der globalen Sprache.

Der performative Widerspruch ist kein formaler Widerspruch. Um den Plakaten der Aktion einen Widerspruch herauszulesen, muss der Leser die stillschweigende Prämisse hineininterpretieren: “Die Aufforderung zum Shopping um die Ecke ist mit Lokalpatriotismus und somit mit Baslerdeutsch verwandt”.

Das ist nicht der Fall. Das globale Dorf ist ein Sammelsurium nicht aus lokalen Kleindörfern, sondern aus globalen Kleindörfern. Es ist eine homogene Welt. Die Vogelperspektive zeigt nichts anderes, als was man im Kleinen sieht.

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Currently, the Basel voucher is being propagated with the words “Support your locals”.

Considering that if you cross the border to France or Germany everything will cost half the price, this is understandable. Add the fact that the next French or German supermarket are only a walk, let alone a streetcar ride away from downtown Basel, you can see the problem for the retail trade of Northwest Switzerland.

Covid-19 made the borders close but this is a temporary exception. In this short parenthesis and revival of closed commercial states, some additional vouchers will be sold and they will be used much later. Advertising the advantages of a local voucher now is a good idea.

However, since the locals mostly speak German (some are bilinguals using French and German), it is a performative contradiction to use an English slogan for an action supposed to promote local retail trade.

Performative contradiction is not a formal contradiction. Formally you would have a contradiction if you see a tacit premise to the effect of: preferring local shops goes hand in hand with preferring local languages. Otherwise no.

Therefore, rather no. The global village does not consist of little local villages any more than it consists of little global villages. Which means that the world becomes more homogeneous. The big picture is what you can already see in the detail.