Tribalism and vegetables

Arkas 1

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Eine wichtige These in Pierre Bourdieus einflussreichem Werk Die kleinen Unterschiede lautet, dass Binnengruppen (und im allgemeinen Gruppen) sich von Außenseitern dadurch unterscheiden, dass sie entweder Grenzen zwischen dem Innen und dem Außen ziehen, die Außenseitern unsichtbar sind, oder die Gruppenzugehörigkeit von Kriterien abhängig machen, die von Außenseitern nicht kopierbar sind. Essensvorschriften können solche Kriterien sein.

Koscheres Essen ist eine solche Vorschrift. Nehmen wir das Verbot, ein Lamm in der Milch seiner Mutter zu kochen – der Milch also, die vielmehr des Lammes Nahrung denn des Lammes Sauce als unsere Nahrung sein sollte. Dass sich daraus im späteren Judentum das Verbot ergab, Kalbsschnitzel mit Feta als Beilage zu essen, verstehe ich als immer mehr und mehr verallgemeinerte – auch metaphorische – Interpretation des ursprünglich eng zu verstehenden Verbots durch Binnengruppen, die die Außenseiter schließlich entweder absorbierten oder verdrängten.

Das christlich-orthodoxe Fasten – bald erreicht es seinen Höhepunkt – ist ebenfalls eine Binnengruppen-Essensvorschrift im kultursoziologischen Sinn. Es fällt auf den ersten Blick auf, dass es zum Ausschluss von Juden maßgeschneidert ist. Gemüse ohne pflanzliches Fett zubereitet (Butter und Käse sind natürlich no-go) ist zwar OK für Juden, aber die Proteine-Lieferanten vieler Griechen, Russen, Melkiten usw. in der Fastenzeit – Krusten-, Weichtiere und Meeresfrüchte – schließt die jüdische Essensvorschrift aus. Abgesehen davon können beide Gemeinschaften nicht gemeinsam feiern, da Paskha mit Pessach nicht zusammenfallen darf.

So verstandener Tribalismus ist einerseits alles andere als „fein“, um bei Bourdieu zu bleiben, andererseits würde selbst der Versuch von Konversionswilligen, in die andere Gemeinschaft aufgenommen zu werden, an der Umsetzung von diätetischen Feinheiten misslingen. Die Zeit zu lernen, hätten die Konversionswilligen jedenfalls nicht. Schuld daran wäre der Tribalismus, der wahrscheinlich jede Heiratsmigrantin und jeden Heiratsmigranten zum Verlassen der Hölle bringen würde, bevor jene auf den Geschmack kämen bis ins exotische Paradies der Anderen hinein.

Gläubige stellen sich oft das Paradies als einen Ort vor, wo sie, selbstverliebte Heimatpatrioten, für ihre Lebensweise und Diät belohnt werden. Andersgläubige, Analytiker und Nouvelle-Cuisine-Leute würden keine Freude dort haben.

Arkas 2

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One of the basic statements in Pierre Bourdieu’s La difference is that ingroups (groups generally) distinguish themselves from outsiders along lines that, for outsiders, are invisible or by criteria that, for outsiders again, are impossible to copy. This can be also by means of religious prescriptions concerning food.

Take kosher cuisine. How comes that a prescription to avoid cooking a lamb in its own mother’s milk – NB, milk that was supposed to serve as the lamb’s food, not as a sauce to the lamb when the latter is your food – becomes the prescription not to have sheep’s feta as a side dish to a beef steak? I can only understand the process as an ongoing radicalisation that begins in an ingroup that uses no sheep’s butter (yes, it exists!) to cook a lamb, to end with the same ingroup’s using no dairy products in combination with any meat – and excluding the outgroups from the community altogether.

Christian-Orthodox fasting – soon to be on its peak – would be another example of ingroup-forming diet. It seems rather clear that the fasting prescriptions of the Eastern Church are tailored to exclude Jews: you may eat vegetables without any oil, let alone butter, and as a source of proteins you may take oysters, shrimps and octopuses – that are not kosher. Additionally, Orthodox Christians would postpone Easter if it would coincide with Jewish Passover, so that the communities would never celebrate at the same time.

Tribalism is not invisible, of course, but what follows is: any member of another community who is willing to convert, would find it very hard to copy the dietetic rules. Additionally, tribalism would make her or his life like hell. The newcomer would leave this hell before being able to conform to the complicated rules to lead to an alleged paradise.

Is what people hold to be paradise after all any more than a provincial place for narcissistic villagers? And would a person of another tradition, an analytic, a friend of nouvelle cuisine ever get the chance of having joy there? The questions are rhetorical.

Gisbert


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Heute erinnerte mich mein Jackett an das von Gisbert Hasenjaeger am Ende jeder von ihm bestrittenen Stunde in den alten Tagen des Bonner Instituts. Allerdings kommt die Kreide auf meinem Jackett nicht wie bei Hasenjaeger nach einer abenteuerlichen Reihe von Folgerungen eines exzentrischen Menschen, sondern als Folge einer exzentrischen Schilderung abenteuerlicher Menschen. Gott weiß, war das letzte Mal, als ich in einen Seminarraum kam, um Logik zu unterrichten, vor Jahren. Ideengeschichte: Das ist, was von mir erwartet wird.

Noch ein Unterschied zwischen  Hasenjaeger und mir besteht darin, dass meine Hose genauso verdreckt mit Kreide war wie mein Jackett. So wie ich heute, hatte Hasenjaeger nämlich ein Jackett voller Kreide, aber anders als ich hatte er ein Handtuch um seinen Gurt gewickelt, an dem er ständig die Kreide von seinen Händen abputzte. Da seine Hose hinter dem Handtuch war, war sie nie verschmutzt. Dafür allerdings nass, da er besagtes Handtuch immer in Wasser tränkte – und zusammenwrang, OK…

Sieht man von den Beweisen an der Tafel ab, war Eleganz nicht seine Stärke. Da unterschieden wir uns nicht. In unserer Berufssparte ist Eleganz sowieso selten. Um so dankbarer dürfen wir sein, wenn sie doch vorkommt.

εзεзεзεзεз

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Today my jacket reminded me of the one Gisbert Hasenjaeger had on at the end of every class session back in the old days of the Bonn institute. With the difference that the chalk on my jacket doesn’t come at the end of an adventurous demonstration of eccentric people but rather at the end of an eccentric demonstration of adventurous people. God knows, when I teach, I’m usually more into history of ideas than into logic.

One more difference is that my trousers were worse off – full of chalk, that is – than Hasenjaeger’s had ever been. Hasenjaeger had a wet towel stuffed between his belt and his trousers. He constantly wiped his fingers off on this and his laps were never full of chalk – only humid. This wasn’t elegant, of course, if you exclude the proofs.

But who’s elegant in our profession anyway?

The difference between mockery and hypocrisy in terms of rationality

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Das Bild oben ist ein Grund, antiklerikalen Hohn der Heuchelei vorzuziehen. Wenn Schweinshaxenessen in dieser Gemeinde beim bayerischen Chiemsee als aktive Ablehnung einer scherzhaft gefassten Fastenpredigt gilt, steht die Geste immerhin in der Tradition des Fastenbrechens durch Zwingli im Frühjahr 1522.

Nicht dass ich moralische Einwände gegen die Heuchelei hätte. Eher erkenntnistheoretische. Denn, wenn mit Schweinshaxen eingenommenes Starkbier als ehrliche Vorbereitung auf das in der Predigt propagierte Fasten gelten soll, wohlgemerkt ohne kognitive Dissonanz zu erzeugen, dann spricht das gegen Religion als rationales System.

Meine Beobachtungen bisher zeugen allerdings vom Gegenteil.


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I saw this advertisement in the Bavarian countryside between Munich and Salzburg in Austria. It is an invitation to a fare where high-alcohol-percentage beer would be served along with porc and a sermon for fasting during lent would be addressed.

Now, in the case that this is mockery, anticlerical or any other, it is one in Zwingli’s tradition. Zwingli ate sausages during lent in the year 1522 to emphasise his opposition to church tradition.

In the case that it is hypocrisy, i.e. in the case that the guests would not experience cognitive dissonance during eating sausages while listening to a sermon praising fasting, the fare would be a religious ritual of an irrational character.

Rituals, however, are expected to be rational in character. The pieces of evidence I have for this are devastating. But this is not to say that I have a clue about what happened in Greimharting last Saturday.

Tossing coins in Heidiland

wahrscheinlichkeiten-und-mehrwertigkeit

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Es ist zwar kein logisches Manifest für die mehrwertige Semantik, aber Johanna Spyris Heidi propagiert eine Haltung gegen Manichaismus, gegen Schwarz-und-weiß, gegen scharfe Dichotomien. Das Land, das Spyri als Umfeld benutzt (und idealisiert), hat ebenfalls diese Eigenschaft wenigstens in Bezug auf einen Kontext, für den wir normalerweise eine scharfe Dichotomie, die Zweiwertigkeit, als adäquat betrachten: den Münzenwurf als Zufallsgenerator.

Es begann, als die Mädels sich zu streiten anfingen, wer als erste vorne Schlitten fährt. Es gab zwei Schlitten für vier Mädchen, d.h. die Wahl nur zwischen E. zuerst vorne und G. zuerst vorne für den einen Schlitten, bzw. zwischen M. zuerst vorne und S. zuerst vorne für den anderen. Ich dachte, wohl einer allgemeinen Wahrnehmung entsprechend, dass ein Münzenwurf ein sehr nützliches Verfahren für eine gerechte Auslosung zwischen zwei Optionen ausmacht, und warf einen Zweifränkler.

Das Ergebnis kann man oben sehen…

Man kann sagen, dass das Münzenwerfen in dieser Umgebung die falsche Methode ist, um zwischen zwei Werten zu entscheiden. Aber man kann dieselbe Einsicht auf eine für unsere Metalogik viel folgenschwerere Weise ausdrücken: Für die Werteverteilung des Münzwerfens ist die Bivalenz bei viel Schnee nicht adäquat.

Führt das zum logischen Pluralismus? Wohl zunächst nur zum Pragmatismus. Es gibt in bestimmten Situationen Gründe, die mehrwertige der zweiwertigen Semantik vorzuziehen. Dass liegengebliebener Schnee, ein empirischer Tatbestand, eine solche Situation ist, zeigt, dass die Logik nicht durch und durch a priori ist. Sie entsteht in der Beziehung zwischen gedachter Apriorität und Tatbestand. So wie die Pädagogik in Heidi aus der Beziehung eines pädagogisch ungeeigneten mürrischen Grobians mit einem eher unscheinbaren, jedenfalls nicht außergewöhnlichen Kind entsteht.

Dass Außergewöhnliches, ja Göttliches, aus der Mischung zweier herkömmlicher Charaktere entsteht, ist ein großes Glück. Ich denke, dass es viel seltener passiert, als es erwartet wird. Für einen Logiker ist es aber die einzige Hoffnung auf die Unsterblichkeit. Für den Alltagsmenschen ebenfalls.

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Although far from being a tractate on multivaluedness, Johanna Spyri’s Heidi is a piece of fiction that definitely doesn’t propagate sharp dichotomies – of pedagogical or social nature. And I just experienced how a very distinctive context for which we usually hold bivalence – obviously a sharp dichotomy – to be adequate, i.e. coin tossing, deviates in the country Spyri chose as the environment of her heroes from everything you knew about coin tossing.

It began when the girls started fighting on who would be the first to sit on the front of the sledge and I thought it a good idea to randomize the choice. Since there were two sledges for four girls, the choice was only between the first and the second to sit in front. And a coin is always useful for randomizing a decision among two options – or so I thought.

I tossed and – well you can see the result above…

You can say that tossing coins is not the right method to decide between two values in this environment. This sounds harmless, not however the following reformulation: Bivalence is not adequate to randomize a choice between exactly two values if you have a coin and much snow.

Does this insight speak for logical pluralism? Well, it does speak for pragmatism, but I doubt that we have to go that far to embrace pluralism. At any rate, there are reasons to prefer this to that semantics and these reasons can be empirical data like much snow. Logic is not only a priori. There is a desiderate to describe something that is a priori, but there are also empirical data that tell you if your description is adequate. Logic emerges in the tension between the a priori in our minds and the a posteriori out of them – out of our minds so to say…

And it is something that drives you crazy to know that the excellence of logic is based on not-so-excellent material. Recall that also Heidi’s education was based on the relationship between a nasty old man and a rather ordinary child.

In logic and in Heidiland it’s not about the materials. They are not quite suitable anyway. It’s rather about how you put them together.

Dubrovnik calling

When I see that Srećko, Kordula and Jean-Yves are in the same time at the same place, I automatically look where my name is mentioned.

Alas, I know that I won’t be able to join them this time AT THIS AWESOME CONFERENCE, FOR THIS AWESOME PROJECT, IN THIS AWESOME CONTEXT:

CALL FOR PAPERS 

Conference FORMAL METHODS AND SCIENCE IN PHILOSOPHY 2, May 4-6, 2017

Inter-University Center (IUC) Dubrovnik, Don Frana Bulića 4, Dubrovnik, Croatia

Keynote speakers  

Jean-Yves Béziau, Federal University of Rio de Janeiro

Wolfgang Künne, University of Hamburg

Conference Committee

Gianfranco Basti, Pontifical Lateran University, Vatican City

Grzegorz Bugajak, Cardinal Stefan Wyszyński University, Warsaw

Johannes Czermak, University of Salzburg

Filip Grgić, Institute of Philosophy, Zagreb

Srećko Kovač, Institute of Philosophy, Zagreb

Edward Nieznański, Łazarski University, Warsaw

Kordula Świętorzecka, Cardinal Stefan Wyszyński University, Warsaw

Berislav Žarnić, University of Split

https://www.iuc.hr/conference-details.php?id=270

The general subject of the conference are problems of philosophical ontology, epistemology, philosophy of science, and philosophy of mind that are formulated or solved using formal methods (as defined in logic, mathematics, formal linguistics, theoretical computer science, information science, AI) and/or with references to the results of natural and social sciences.

The following special topics will be addressed:

– use of formal methods in philosophy,

– philosophical analysis of scientific notions (natural law, matter, change, cause, chance, time, space, uncertainty, quantum phenomena, probability, social interaction),

– philosophical analysis of scientific methods (formalisms, rationality, values and norms, etc.),

– the role and use of scientific notions and methods in philosophy (formal systems in philosophy, critical analysis, systematic philosophy, etc.).

A special session will be organized under the title „Logic, concepts and communication“. The session will address the following topics: the intensional foundations of logic and its primitive concepts, logical foundations of ontology, role of concepts in knowledge, logic and logical concepts in the context of inter-agent communication (in connection with the research project IP-2014-09-9378 funded by the Croatian Science Foundation, http://logiccom.projekti.ifzg.hr/doku.php).

The following panel discussion will be held: „Proposal of a BD/MD/PhD in philosophy on: Philosophy & Computer Science. A perspective for applied formal philosophy“.

Moderator: Gianfranco Basti, Pontifical Lateran University, Vatican City.

There will be also a PhD session with 20 minutes talks followed by 10 minutes discussion.

Language: English; conference fee: 80 EUR.

There are limited possibilities for accommodation at the venue of the conference. Please, see https://www.iuc.hr/accomodation.php or contact us at fmsph@ifzg for the information. Unfortunately, we are not able to cover the costs of the accommodation.

Abstracts

Please, submit a 600 characters abstract for a 30 minutes talk (+ 10 minutes discussion).

Deadline for abstract submission: March 31, 2017.

Please, indicate if the abstract is meant for a PhD session.

Abstracts should be sent to skovac@ifzg.hr or k.swietorzecka@uksw.edu.pl.

Notification of acceptance will be sent within one week after receiving the abstract.

Organizing institutions

Institute of Philosophy, Zagreb

Institute of Philosophy of the Cardinal Stefan Wyszyński University, Warsaw

Inter-University Center, Dubrovnik.