The most important titles

Scroll for English

Einen Magister in Geschichte hat er, ferner den Mut zu zeigen gehabt, dass die Liebe wichtiger als Konventionen und die öffentliche Meinung ist; das nordgriechische Kloster liebt er, das ich für das Paradies auf Erden halte, seine Großmutter väterlicherseits war, Höfling hin oder her, bereits eine orthodoxe Nonne.

Ich bin natürlich kein Monarchist geworden. Wenn die staatsmännische Haupttugend allerdings à la Machiavelli darin besteht, einfach da zu sein, dann verkörpert Charles III. bereits jetzt, ohne irgendwas gemacht zu haben, bloß durch seine Existenz, eine Emanzipation, die viele Nichtkonservative nicht zu fordern wagen.

Enough with scrolling

He is an MA in history, he had the courage to show that love is more important than conventions and publicity, he is fond of the Northern Greek monastery that I believe to be a paradise on Earth. Already his paternal grandmother was an orthodox nun in spite of every protocol.

I didn’t become a monarchist, of course. But if the statesman’s main role is – Machiavellistically – just to exist, to just be there, Charles III already, without doing anything, incorporates an emancipation which many nonconservatives do not dare request for themselves.

Romanticism as ecstasy. The one you buy, not the one your heart gives you.

Scroll for English

Sie ruft an, unsere Ältere, um mir ihre letzte Entdeckung zu zeigen. Es ist Sonntag, 10 Uhr vormittags, ich bin unrasiert und muss feststellen, dass Mortimers Buch vielversprechend klingt. Die Romantik war, um Marx aus einem anderen Kontext zu übertragen, “das Gemüt einer herzlosen Welt”, ohne allerdings die religiösen Allüren. Naja… Nicht ganz ohne. Die Romantik ist eine quasireligiöse Projektion einer vermeintlichen Ekstase auf Menschen, die sich einerseits im marxistischen Sinn prostituieren mussten, andererseits es gern hätten, dass der Teil ihres Lebens ohne Prostitution doch noch dasjenige ist, das zählt.

Mit der verklärenden Funktion der Romantik im Hinterkopf ist es sehr gut, über das echte Leben des georgianischen Zeitalters zu lesen.

Die Erwartung einer Belohnung nach dem Leben ist mit Marx sehr gut verständlich. Ein billiges Opiumersatz fürs Volk. À la Marx lässt Mortimer einen einsehen, dass die Romantik ein Ecstasyersatz für diejenigen war, die ein billiges Leben führen mussten.

Byron kam vor fast genau zwei Jahrhunderten nach Griechenland, um sich unglücklich zu verlieben und schließlich als Verteidiger des revoltierten Missolonghi zu verhungern. Er hat am eigenen Leib gespürt, dass das berechtigende Leben dasjenige ist, das man lebt; nicht dasjenige, dass man gelebt hätte, wenn…

Enough with scrolling

When our eldest daughter calls me to tell me about her last discovery it’s Sunday, 10 am CET. I’m not shaved. As she describes it to me, Mortimer’s book is a promising read. Romanticism is, to cite Marx in another context: “the heart of a heartless world”, but without the religious element. Not quite… Romanticism is a quasi religious projection of an alleged life that people who prostituted themselves (in Marx’s sense) failed to get.

Bearing this in mind, if you read about what real life was like in Georgian England can be sobering.

You can understand your expectation of an afterworld when you read Marx. A cheap surrogate for opium for simple people who sell themselves. Mortimer would be an author to make one understand romanticism: A cheap surrogate of ecstasy for those who preferred to live a predictable life instead of being really ecstatic.

Byron came to Greece two centuries ago to fall in desperate and unreturned love and to fall – period – in Mesolongi. There at the latest he must have noticed that it’s the life that you live that counts, not the one you would have lived if…

Werbung

Der griechische Spruch lautet: “Lobst du dein Haus nicht, dann stürzt es ein und du wirst drin sein”.

——————–

A Greek proverb says: “If you don’t praise your home, it’ll break down and you’ll be underneath”.

Katharina Waldner, professor and friend, sent me this advertisement:

Do you want to study the Cultural History Orthodox Christianity as part of a Master’s program in Religious Studies at the University of Erfurt in Germany? Then apply until July 15 on the online application portal. Our MA Religious Studies is taught in English Language and does not require high fees to be paid. 

Program objective: The Master’s program in Religious Studies provides an in-depth study of the history of religion in Europe and neighbouring interconnected areas of the world in the past and present. The program combines historical, cultural, and sociological approaches to analyze the role of religion in all the various aspects of social and personal life, and it focuses especially on the phenomenal of religious plurality. In addition, the program provides the students with basic knowledge about the theoretical development of the subject of religious studies.

The program offers students four areas of concentration and specialization:

1- General Religious Studies.
2- Islamic Studies
3- Jewish Studies
4- Cultural History of Orthodox Christianity

The focus on Cultural History of Orthodox Christianity covers the times from Antiquity/Late Antiquity to the present day in its Byzantine-Greek and Slavic (esp. Russian), as well as in its diasporic manifestations in different socio-cultural contexts.

In this major, teaching and research is concernedwith the diverse cultures of Orthodox Christianity, with their diverse and mutual relationships and interactions, the conditions and the peculiarity of their historical, structural and cultural development,as well as their theologizing and systematizing achievements, ritual practice, individual and collective obligations, social consequences and organizational schemes.

More details about the major of Cultural History of Orthodox Christianity, courses, research projects, publications, current events and information about the teaching staff can be found on the website of the chair of the Cultural History of OrthdoxChristianity (Prof. Dr. Vasilios Makrides).

 

 

 

Language Requirements

 Knowledge of at least one relevant language in the chosen major at B1 level. For example, Hebrew for Jewish Studies or Greece (Ancient or Modern), Russian etc. for Cultural History of Orthodox Christianity.
 Knowledge of the English language at C1 level

Detailed information about the language requirements can be found at:

https://www.uni-erfurt.de/en/studies/course-offerings/master/religious-studies

 

Application Period:

Information about application deadlines, admission and enrolment can be found at:

https://www.uni-erfurt.de/en/studies/course-offerings/master/religious-studies

Students may only begin their studies in the winter semester. 

The application deadline is for applicants from EU member states as well as for applicants from outside the EU is from April 1 to July 15.

University portal link:

https://hio.uni-erfurt.de/qisserver/pages/cs/sys/portal/hisinoneStartPage.faces

Oh, you crane…

Scroll for English

Ibykus, der Lyriker, soll bei Korinth von Räubern überfallen worden sein, die sein Geld und sein Leben wollten. In diesem Zusammenhang erwartet man eine Disjunktion (“Dein Geld oder dein Leben”). Aber diese Räuber waren vielleicht Sadisten, so dass Ibykus, kurz vor dem Tod, diese vorbeifliegenden Kraniche, die einzigen Lebewesen außer seinen Mördern weit und breit, angerufen hat: “O, Kraniche, zeugt ihr, bitte, von meinem Schicksal, damit diese Verbrecher ihre gerechte Strafe finden”. Die Verbrecher verhöhnten Ibykus für die Unbeholfenheit seiner Zeugenvorladung und ermordeten ihn, um irgendwann das Geld des Unglücklichen auf dem Markt von Korinth auszugeben, als wieder Kraniche im Himmel auftauchten. Belustigt rief einer der Scheusale aus: “Da sind wieder die Kraniche des Ibykus”, was ein indirektes Geständnis war und so von den Umstehenden verstanden wurde. Durch den Selbstverrat hatten die Kraniche ein Zeugnis über die Umstände von Ibykus’ Tod abgegeben, die Mörder wurden gefasst. Das alles im 6. Jh. vor Christus.

Etwa zwanzig Jahrhunderte später, 1439, verließ eine bunte Delegation Venedig in Richtung Südosten. Unter anderen waren auf den Schiffen der oströmische Kaiser Johannes VIII, der vor ein paar Tagen unterschrieben hatte, dass die Ostkirchen Rom unterstehen sollten; ferner der Bischof von Kiew Isidor, der mitunterschrieben hatte; darüber hinaus ein eher machtloser Titularbischof, Markus Eugenikos, der nicht mitunterschrieben hatte; außerdem der Sekretär der Kaisers Georg Scholarios, in ernsthaftem Zweifel, ob der Tod des orthodoxen Patriarchen in einer Nachtpause der Verhandlungen auf Altersschwäche zurückzuführen war oder nicht (der Selige hatte ja vorhin angekündigt, nicht mitunterschreiben zu wollen) sowie ein lustiger Adjutant des Kaisers namens Iagaris, der in besagten Verhandlungen einen Kardinal beleidigt hatte. Der Römer hatte nämlich wissen wollen, aus welchem Material das Fegefeuer entfacht wird, woraufhin der oströmische Militär mit Hinblick auf das Alter des Fragenden sagte: “Etwas Geduld. Sehr bald erfährst du das ohnehin”. Der Tod war eine ständige Bezugnahme in diesen Verhandlungen, ob als theologische Frage oder als sarkastischer Witz oder schließlich, weil jemand das Zeitliche segnete.

Der Kaiser erreichte sein Reiseziel, die Reichshauptstadt am Bosporus, um zu erleben, wie Markus, der Oppositionsführer, die öffentliche Meinung gegen die Kirchenunion für sich gewann, und wie sein Vertrauter Scholarios zu Markus’ Anhänger wandelte. Isidor von Kiew erreichte dagegen seine Diözese, um die Akzeptanz seiner Herde zu erfahren. Von Iagaris’ Schicksal ist wenig bekannt. Seine Nachkommen sollen allerdings in Russland, nicht im mit dem Westen unierten Kiew, ihren Namen ins Russische abgewandelt behalten haben: Gagarin. Der berühmte Nachfahre Jurij Gagarin starb 1968 während eines Probeflugs. Ziehende Kraniche symbolisieren in Russland die Seele der gefallenen Soldaten. Vielleicht ist der Ursprung dieser Assoziation Michail Kalatosows legendärer Film Die Kraniche fliegen (1957). Boris’ Seele fliegt mit den Kranichen davon, während Veronika ausgerechnet im Moment, als ihr schlimmster Albtraum sich als Realität erweist, neue Hoffnung fasst.

Ich frage mich diese Tage, wem unter den Boris’ und den Veronikas in Mariupol, Kiew, Charkiw und auch der Weltöffentlichkeit bekannt war oder ist, dass der erste Anstoß für das Blut und die Tränen, das Leid und den Zorn der letzten Jahre und Tage bereits im 15. Jh. gegeben wurde, als ein Kirchenmann aus Kiew eine Stadt machte, die sich dem Westen eher als dem Osten zurechnete; auch als geflüchtete byzantinische Aristokraten, die dem Westen feindlich gesinnt waren, weit östlich von Kiew entfernt eine neue Heimat fanden.

Isidor und Iagaris, der Okzidentalist und der Orientale, diese stummen Gestalten der Vergangenheit, die sind in unserem Fall die Kraniche des Ibykus. Sie sagen nichts und das, was sie damals machten, blieb vorerst ohne große Folgen. Heute aber zeigen sie sehr wohl an, was für ein Riesenverbrechen aus dem kleinen Wunsch resultieren kann, das Taschengeld eines armen Lyrikers zu haben.

PS: Mein heutiges Wortspiel hat nichts mit der Etymologie des Wortes “Ukraine” zu tun, das wörtlich “an der Grenze” bedeutet.

Enough with scrolling

The legend goes like this: on his way to Corinth, the lyric poet Ibycus was surprised by robbers who wanted his money and his life. The robbers’ attack was not less surprising than their use of the conjunction. Normally, criminals would use a disjunction. But let’s say that these robbers were sadists. On the verge of death, Ibycus turned his eyes around to see if there is some help from someone passing by and saw only a flock of cranes to appeal: “Oh, you cranes, tell my story so that these criminals might be punished”. The murderers derided Ibycus’s witness summons, to spend the dead poet’s money at a later time at the marketplace of Corinth when cranes were heard overhead again for one of the criminals to mock that Ibycus’s witnesses finally gave their testimonies. Some heard this and perceived the statement as the plea of guilty, which it was. The criminals were prosecuted and punished. It was the 6th century BC.

About twenty centuries later, in 1439, a foreign delegation was leaving Venice to return to the East. Its head was the Eastern Roman emperor, John VIII, who had just signed an agreement to give the Pope the authority over the East Churches. Another delegate who had signed was Isidor, the bishop of Kiev. In fact, the only delegate who did not sign and survived was a hierarchically rather unimportant man, Mark, the titular bishop of Ephesus. The emperor’s secretary, George Scholarius, had serious doubts about whether the Orthodox patriarch had died a natural death during a night break of the Ferrara negotiations. He had announced that he would not sign. Iagaris, a humorous officer of the imperial guard, was also on board and in the process of losing sympathy for the emperor’s signature. In fact, in Florence (the negotiations were multi-campus) he had insulted an elderly cardinal who asked himself about the material out of which the purgatory was sparked off. He had said “At your age, you won’t have to wait long until you find out”.

Obviously, death was a steady reference in these negotiations of the years 1438 and 1439. Jokes about death, theology concerning death, real death…

Back in the Byzantine capital, the emperor was surprised by the public’s open hostility against himself and their support for the relatively unimportant Marcus. He was astonished also when his trusted Scholarius mutated to anti-Papism. In contrast, Isidor arrived in Kiev to face no problems at all. His diocese hailed the Pope as their new head. Nothing is known about Iagaris’s, the impertinent military’s destiny. His progeny, however, is said to have found a new home in what is today Russia; in fact to have kept their name in a Russified form: Gagarin. Yuri Gagarin, the most famous bearer of the name, died in 1968 during a trial flight. Cranes in Russia are considered to be a symbol of the fallen soldiers. The beginning of this symbolism might be the legendary movie The Cranes Fly (1957), directed by Mikhail Kalatozov. Boris’s soul flies away with the cranes and Veronika regains hope exactly at the moment she realises that her worst nightmare came true.

I ask myself whether many of the Boris and Veronikas in Mariupol, Kiev, Kharkiw or around the world know that the first instigation of the blood and the tears, the suffering and the wrath of the last years and days was given in the 15th century when a priest arrived in Kiev to make it a town to recognise the Pope and when the Byzantine antipapists migrated eastwards just to avoid this.

Isidor and Iagaris, the pro-West intellectual and the anti-West soldier, are silent witnesses of the past, and ones who play the role of Ibycus’s cranes: they say nothing today on the war in Ukraine and what they did in the past was not very remarkable. Nevertheless, they show that stealing a poet’s few belongings is a huge crime.

PS: Today’s pun is not really related with the etymology of “Ukraine”, which means “borderland”.

Dialektik der Ernährung

Scroll for English

Enthusiastische Äußerungen über Griechisches sind von mir nicht zu erwarten. Sie würden dem Griechen in mir den Anschein der Eitelkeit geben. Bei der folgenden Geschichte versuche ich, die Übertretung dieses meines Prinzips zu relativieren unter Hinweis auf die Eigenschaft der Reflexion, eine allgemeine menschliche, keine einzelkulturelle Kapazität zu sein. Aber der beschriebene Osterbrauch ist griechisch – kein Thema.

Nach der nächtlichen Ostermesse – die wir in der Nacht zum 2. Mai coronabedingt nicht besuchen konnten, aber das ist ein anderes Thema – beginnt das Eierklopfen. Wer am Ende ein ungebrochenes Ei hat, hat gewonnen – und ein Ei, das er nicht essen kann, weil es aufgehoben werden muss: das Gewinner-Ei. Die Verlierer, diejenigen also, deren Eier im Wettbewerb zerbrachen, verzehren dieselben.

Wer ist nun der Gewinner und wer der Verlierer?

Wenn es einen Sinn macht, das östliche Mittelmeer und das damit verbundene Gedankengut kennenzulernen, dann vordergründig deshalb, weil die Beziehung zum genannten Kulturkomplex mit der ständigen Aufforderung einhergeht: Denk mal nach. Hast du das gemacht? Gut! Jetzt überdenke, was du gerade gedacht hast…

Enough with scrolling

I hate being suspect of enthusiasm towards Greek culture. I hate it because it makes me look vain. The story to follow is one that pertains to logical reflection as a general human capacity, which could make believe that I do not violate my principles of never taking a specifically Greek stance. However, in what follows, it is a Greek custom I describe alright…

After the nocturnal Easter mass, one that this year we were unable to attend in the early hours of May 2nd due to the Covid-19 measures, but this is another story, each fellow’s easter egg is knocked against another’s easter egg. The many losers, i.e. the ones who, at the end of the contest, have a broken egg, may eat it. The one winner may not eat his egg since it survived the battle.

But then who’s the real winner and who’s the real loser?

A good reason to learn about the Eastern Mediterranean and its culture is probably what appears to be an underlying imperative in the latter: think! You did so? OK, now rethink!

Digital Easter

Scroll for English

Wegen der Corona-Maßnahmen trauern die Orthodoxen Kirchen heute weltweit um Gottes Tod – keine Bezugnahme auf Nietzsche intendiert; den orthodoxen Karfreitag meine ich – ohne Karfreitagsprozession und mit leeren Gotteshäusern, während die Uni Zürich eine befristete Assistenzprofessur ausschreibt, die dem Phänomen digitale Religionen gewidmet sein soll. Der Leser wird meinen: “Tja, OK, befristet…”.

Befristet hin oder her, wenn sie sie sechs Jahre lang zu finanzieren gedenken, muss ich nachgrübeln. Für die christliche Orthodoxie, die frühestens seit Maximus Confessor und spätestens seit Philip Sherrard die Beziehung zu Gott explizit als Eros bezeichnet und den echten Eros als göttlich, ist der digitale Gottesdienst im Vergleich zum echten, was das Sexting im Vergleich zur Liebe ist.

Covid19 könnte unser Religionsverständnis in eines verändern, bei dem der Schreibtisch zum Altar wird. Ein Computer überträgt einen per Webex eingeschalteten Gottesdienst. Keine Gerüche, keine Tränen, keine anderen, vielleicht mehr mitgenommenen Menschen, keine Liebe, keine Trauer. Es gibt durchaus Theologien, die unter diesem Wechsel ad absurdum geführt werden würden. Nicht zuletzt ist ein leeres Gotteshaus keine ecclesia, d.h. keine Versammlung.

Enough with scrolling

As Orthodox Churches worldwide mourn today God’s death – meaning Good Friday, no Nietzschean undertones here – mostly without the procession and with empty temples, I cannot help myself from thinking that this must be either an exception to be remembered as a grotesque situation after the Covid19-crisis, or, if it is supposed to last long, the end of Orthodoxy as a distinctive religiosity. For a church that since at least Maximus Confessor and since Philip Sherrard at the latest understands the relationship to God explicitly as “eros” and sexual love as divine, digital religious services are, as juxtaposed to religious services, what sexting is to love. Add to this another problem embedded in language: how can you call ecclesia, e.g. assembly, an empty temple?

The University of Zurich advertises a fixed-term post of an assistant professor on digital religions. In other words, they want to hire for six years someone whose main occupation will be the idea of your desk being an altar on which a computer set on a webex divine liturgy stands. I cannot imagine how the desk-as-altar idea could last six years without the whole concept of religion as we understand it today to become absurd.

Matrix in 1200 BC

Scroll for English

Eine der unangenehmen Auswirkungen der Coronazeit ist das Nichtreisenkönnen. Für andere wiegt es vielleicht nicht so sehr: Ob in Bielefeld oder in Salzburg, sind sie in Mitteleuropa, wo sie aufgewachsen sind, und die Oma kann man doch per Skype kontaktieren. Ich kann meine Mutter selbstverständlich auch per Skype kontaktieren. Wenn sie aber sagt “Bleib da, ich geh kurz Zitronen holen”, bin ich so lange nicht da gewesen, dass ich zunächst protestiere: “Ich bleibe doch nicht hier, bis du vom Supermarkt zurück bist”. Nein, zum Zitronenbaum will sie kurz.

Homer (Odyssee, IX, 102) lässt Odysseus seine Ithaker auf der Lotusinsel, wo es ihnen doch gut gefallen hat, davor behüten:

“Lotus essend den Tag der Heimkehr vergessen”.

Selbst der Lotus des ewigen Lebens neben der Göttin Kalypso ist Odysseus nicht genug, um diesen Tag zu vergessen. Er verlässt die Immerjunge für seine vierzigjährige und stets alternde Penelope (Odyssee VII, 256-258). Er ist ein Sterblicher und will das Geschenk des Auf-ewig-Gleichaltbleibens nicht einmal ausprobieren.

Das Leben in der Matrix oder als Gehirn im Tank ist angenehm. Der Wunsch, außerhalb der Simulation zu stehen, leuchtet trotzdem sofort ein.

Enough with scrolling

Restricted mobility is one of the most controversial measures of the Covid-19 time. Most people in Europe are not too far away from their origin, which makes the skype conversation with grandma devoid of nostalgia. I can also do so but when she says “Don’t go away, I’ll get some lemons” (meaning that she’ll go to the lemontree) having been away so long I have started understanding the sentence as saying that she’ll go to the supermarket.

In Homer (Odyssey, IX, 102) Odysseus takes his crew from the Lotus-eaters out of fear

“…that they would forget the day of return to their land if they eat lotus”.

Is it better not to forget if you cannot return anyway? For Homer yes.

Another Homeric episode to show why our own state is better than any other state qua our own is Odysseus’ preferring to return to his ageing-and-already-in-her-forties Penelope instead of staying with Calypso, a goddess who promises him the lotus, so to say, of eternal life (Odyssee VII, 256-258).

Life in the Matrix or as a brain in a vat is comfortable. But the wish to live out of the simulation is justified.

Corpus sacrum

Scroll for English

Susanne war gerade mit ihrem Studium, ich mit der Promotion fertig, als sie mich in die Münchner Kunstakademie zur Vorstellung ihrer Abschlussarbeit eingeladen hat. Inmitten einer Umgebung von Installationen, wo die Hauptaussage war: “Habe ich dich jetzt genug schockiert?” stand Susannes (wie ich damals dachte) Ausdruck von Philhellenismus und Demut (ich muss vorweg sagen, dass ich ihre Absichten damals monströs missinterpretierte) in Form von Ikonenhäusern, wie man sie am Straßenrand in Griechenland immer wieder findet. Um den Unterschied zwischen griechischer Spenglerarbeit und Susannes Kunst festzustellen, musste ich das Türchen des Ikonenhauses aufmachen. Da betrachtete mich aus dem Gehäuse statt der Mutter Gottes mein Ebenbild aus einem an der Rückwand befestigten Spiegel. Ich habe mir keine Kerze angezündet. Erstens war ich überzeugt, dass sie es mir übel nehmen würde, andererseits wäre es eine Kerze zu Ehren jedes Besuchers, der reingucken würde.

14 Jahre später war ich gerade mit der Habilitation fertig, als Hans Joas in seinem gleichnamigen Werk die Sakralität der Person als einen Trend der Moderne entdeckte: Die Vergöttlichung, Unsterblichmachung jedes Einzelnen begann in der frühen Neuzeit, politisches Handeln zu legitimieren.

Da nun Joas damals im Begriff war, Erfurt zu verlassen, bot ich den Buchtitel als Hauptseminar an. Ich war und bleibe sehr überzeugt von der Hauptthese und den Argumenten im Buch.

An beide Bekannten musste ich in der Corona-Krise denken. Eine Verdeutlichung der Sakralität der Oma im Altenheim, die trotz ihrer Sünden, Vorerkrankungen und ihrer 95 Jahre nicht an Corona sterben soll, die besser wäre als die gegenwärtigen Maßnahmen, kenne ich nicht. Erst lange danach musste ich an der lieben Freundin von damals sowie am berühmten Kollegen Vordenker dessen erkennen, was jetzt um uns passiert.

Enough with scrolling

When Susanne finished her studies in art – it was the time I had finished my PhD thesis – she invited me to the presentation. The Munich Art Academy is an awkward place when the installations of the graduates are exhibited to ask you if you are enough shocked. Susanne’s work was an exception. Back then I thought that one point she made was philhellenism and that an attitude she expressed was humility. I was wrong in both interpretations. Susanne had manufactured a roadside ikonostasio as found everywhere in Greece. The difference of Susanne’s art from the usual sacral object was that, in her version, when you opened the small window, you found no icons but a mirror in it. The saint to venerate was yourself.

Fourteen years later – the book I had finished this time was my habilitation thesis – I was thinking about the issues to deal with in my social-philosophy class when I came across the work of my famous colleague, at the same time the person downstairs in the university’s guest house. I dedicated Hans Joas’s Sacredness of the Person the whole term for two reasons: the first was one of tactics: Joas was about to leave Erfurt and I wanted to give a signal, however small, that Weberian analysis rulez! The other was one of beliefs; my deep persuasion of Joas’s main thesis: the early modern period began to see a saint in every individual and this trend has become a tenet of the modern conception of humanity.

I have thought a lot on the two unequal but similarly pioneering works, Susanne’s shrine and Joas’s book, during the Corona Crisis. In the apprehension of each individual as sacred, I see established the policies of the last ten months – policies to ensure that in spite of his sins, his 95 years and his prehistory, John Doe will survive Corona as much as this depends on us.

Ulrich Staudinger (*1935-+2021)

Scroll for English

Wenn ich ein drei Jahre altes Interview des Verlegers, Freundes, guten Beraters reposte – eigenartig oder? Bei “Verleger” denkt der Leser an eine einstellige Eigenschaft. Nach “Freund” und “Berater” wurde aber aus “Verleger” eine Relation – dann aus gutem Grund. In der Nacht zum Freitag hat uns Ulrich Staudinger verlassen. Wenn ich von alten Projekten gesprochen habe, hat er mich zu unterbrechen gepflegt: “Gut, reden wir aber jetzt über die Zukunft”.

Uli Mai 2017

Enough with scrolling

Ulrich Staudinger, the publisher, friend, good advisor (admit it: you thought that “publisher” is a one-place predicate until you read “friend” and “advisor” and only then you realised that also publishing implies a very personal and close relationship) left us in the late hours of last Thursday. This is a reason for me to repost a three-and-a-half-years-old interview of his, where he talks about the future of the publishing house. Whenever I addressed old projects and why they had, eventually, success or were doomed, he used to interrupt me: “Good, but tell me about future projects now”.

Presenting presents

Scroll for English

Die Nachweihnachtszeit ist eine Bewältigung der durch die Geschenke ausgedrückten Liebe, des Erratens oder Missratens, schließlich der “Friss oder stirb”-Indifferenz. Vergessen wir den letzten Fall.

Es gibt Geschenke mit einer bedeutungsschwangeren Verpackung. “Du musst mich mögen”. Andere sind ohne Hülle: “Auch ohne Weihnachten hättest du mich, denn ich gehöre zu dir”. Vergessen wir auch diesen letzten Fall.

Es ist einfach, sich nach dem Auspacken beim Stifter eines geglückten Geschenks zu bedanken. Es ist dagegen eine schwere Last, sich nicht anmerken zu lassen, dass das Geschenk missglückt war. Deshalb war wohl die Verpackung da: “Vorsichtshalber mache ich es später auf”. In Griechenland ist es ein Zeichen sehr schlechter Manieren, ein Geschenk vor dem Stifter auszupacken.

Riskanter ist das Vorstellen des (unverpackten) Geschenks in Tarkowskis Opfer. Unten finden meine Leser den Clip. Wer den ganzen Film sieht, wird feststellen: In ihm geht es um verpackte, heimliche Opfer für die Geliebten, die es nicht verdienen, geliebt zu werden.

Dabei geht es beim Schenken nicht um Verdienste. Schenken ist nicht die Auszahlung eines Gehalts.

Eine tiefere Übereinstimmung zwischen Tarkowski und der griechischen Sitte sehe ich doch noch. Die Spender werden wir so viel mögen, um ihnen wenigstens die Einsicht zu ersparen, wir hätten die Spende nicht verdient, oder?

Enough with scrolling

The time after Christmas is one in which you have to deal with other people’s love, correct or false guesses about your taste, finally their indifference, everything expressed in their gifts. Let’s forget the last case.

Some gifts come with a question-begging packaging. “You have to like me”. Others are given unwrapped. “I knew you needed me and I would be here even if there was no Christmas”. Let’s forget also this last case.

After you unpack a gift, it is an easy task to thank givers if they wanted you to be happy and you are happy. But it is a huge burden to know that they wanted you to be happy and you are not. This case is probably what the packaging was for. In Greece it’s bad manners to open a present in front of the donor. A more risky move is presented by Andrei Tarkovsky in the Sacrifice. Watch the clip above. And then watch the whole movie. It’s about gifts and secret sacrifices for people who are undeservedly important to you. I could have omitted “undeservedly”. Donating has nothing to do with deserving or not deserving. A donation is not a salary.

After all, you see, Tarkovsky does agree with the Greek custom. Do not open your presents before the donors disappear. You don’t want them to notice that you didn’t deserve the donation. At least you like them that much, don’t you?