Death and rationality

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Ein Brüsseler Attentäter soll befürchtet haben, seine Tage im Gefängnis zu beenden, womit für ihn klar war, utilitaristisch zu handeln, wenn er wenigstens ein paar Bürger Brüssels mit in den Tod reißen würde. Dabei verzichtete er auf einen Nutzen, der in seinen Augen offenbar weniger wert war, als der Gesamtnutzen davon, Europäer umzubringen: auf die Verlängerung seiner eigenen Existenz.

Ich halte Selbstmordattentäter sowieso für buchstäblich seelisch Kranke. Durch den Umstand, dass sie utilitaristisch argumentieren können, fühle ich mich nicht veranlasst, meine Meinung zu ändern. Denn ein Kosten-Nutzen-Argument in diesem Kontext („Wenn ich sowieso irgendwann sterbe, bevor ich dem Feind schade, soll ich lieber gleich sterben, indem ich immerhin dem Feind etwas schade“) setzt voraus, dass die eigene Existenz auf die utilitaristische Waagschale des Abwägens von Nutzen und Kosten gesetzt wird, um sich als akzeptabler Verlust zu erweisen. Der plumpe Utilitarismus erinnert mich an diese billige nordvietnamesische Kriegspropaganda, die besagte, dass es einen Vietcong-Soldaten gab, der eine Kanone der Gebirgsartillerie den Hang hinunter rollen sah und in das Achsenwerk sprang, um das Gerät mit seinem sich zerquetschenden Körper zu bremsen – und zu retten. „Billig“ nenne ich so etwas nicht, weil ich etwa nicht daran glaube, sondern weil der Akt allein jeden Grund obsolet macht, um für eine Sache zu kämpfen. Ein Kampf um – angenommen – Gutes, soll für das höchste Gut Sinn ergeben: für die eigene eudaimonia, das gottgefällige Leben in Würde, Kontemplation und Harmonie. Wenn ausgerechnet dieses Leben ein Mittel zu einem anderen Zweck ist, kann es selbstverständlich nicht der Zweck meines Handelns sein.

Das Gebot, jeden Menschen gleichzeitig als Selbstzweck („Zweck an sich selbst“) zu behandeln, bildet einen wichtigen Pfeiler der kantischen Ethik. Kant selber meinte, das gehe aus Konsistenzüberlegungen hervor: Sobald angenommen wird, dass ethische Maximen nach dem Vorbild von logischen Gesetzen allgemeingültig sein sollen, ginge das Selbstzweckgebot hervor. Es gibt viele Punkte, in denen ich Kant folgen kann, dieser ist kein solcher. Gewiss kann ein Selbstmordattentäter konsistenterweise jede Menschenexistenz dem Willen Gottes als weit unterlegen betrachten.

Vielmehr sehe ich die Forderung, in sich selber und in jedem Menschen einen Selbstzweck zu betrachten, in der aristotelischen eudaimonia verankert und in der imago-Dei-Theologie bekräftigt. Man darf die eigene Existenz gar nicht in die Waagschale der Kosten zum Gesamtnutzen der Menschheit oder einer Gruppe werfen, da gerade diese Existenz göttlich ist. Weniger christlich ausgedrückt: Sie ist das höchste Gut. Mehr aus einem richtigen Instinkt als Christen denn aus Vernunftgründen haben die Kreuzritter Selbstmordattentäter, die den eigenen Tod als unterm Strich geringen Verlust ansahen, wenn sie mindestens zwei Kreuzritter getötet hatten, „Assassinen“ genannt, was zwar heute in einigen europäischen Sprachen „Mörder“ bedeutet, ursprünglich aber „Haschischbesessene“ heißt. Wenn der Nutzen immer ein persönlicher und körperlich zu empfindender Nutzen ist (das ist aber eine christliche Prämisse), dann ist die Kosten-Nutzen-Rechnung unter der Annahme des Todes des Nutznießers Humbug und wohl nur unter Drogeneinfluss als OK empfunden – so ein sehr wahrscheinlicher Gedankengang hinter der sonderbaren Namensgebung.

Gerade feiern die Westkirchen Ostern und er ist nicht von der Hand zu weisen der Gedanke, dass Jesus auch sein irdisches Leben in eine Waagschale geworfen hat, „damit wir leben können“. Nun, es ist so: Jesus, der Mensch, hat gar nicht sterben wollen („Vater, wenn es möglich ist, so gehe dieser Kelch an mir vorüber“). Und Jesus die göttliche Person war nie tot. Wäre Jesus nicht Gott gewesen und trotzdem den eigenen Tod am Kreuz bejahend, dann wäre er nicht nur kein Heiland mehr, sondern sogar ein fanatischer Selbstmörder und damit denjenigen Söhnen seiner südsyrischen Heimat ähnlich, die ich heute als Kranke betrachte. Unter der Bedingung, dass er nicht Gott wäre, könnte man Jesus nicht mehr achten. Denn es ist moralisch unstatthaft, nach dem Märtyrertod zu lechzen.

Nach den aristotelischen und thomistischen Grundlagen unserer Ethik jedenfalls.

Mein aufbauender Lektürevorschag angesichts der Brüsseler Anschläge und des Osterfestes ist kein religiöses Buch: Hans Joas, Die Sakralität der Person. Nehmt’s wahr im neuen Kontext! Lest es im neuen Kontext! Verbreitet es!

Assassin

Enough with scrolling 

One of the Brussels suicide bombers is reported to have had worries about serving a life sentence, which made him conclude that killing others and himself would be preferable than dying some decades later without killing anyone. This is obviously a blunt utilitarian conclusion and one that evaluates the continuation of one’s own life as inferior compared to suicidally killing others.

I believe that suicide bombers are mentally ill – I mean literally mentally ill. The fact that they can support suicide bombings by means of a cost-benefit analysis doesn’t make them less ill. Utilitarian arguments to the effect of dying in order to cause damage to an enemy take for granted that one’s own existence is an acceptable toll to pay for achieving a desirable goal. However, who achieves the goal of you’re dead? Not yourself… This reminds me of that cheap Vietnamese propaganda about this Viet Cong soldier who is said to have stopped and rescued a large-calibre gun that rolled uncontrolled down the hill with his body – or with what remained of it… I call this „cheap“ not because I believe that the story isn’t true. I call it „cheap“ because I think that actions of this kind during fighting make fighting for any cause pointless and obsolete. If you fight to achieve a goal, this goal has to be compatible with your own eudaimonia, life in dignity, contemplation and harmony that God would have liked you to have. If of all things this life is only a means to achieve another goal, then your life is not the final end of your actions.

There is this Kantian commandment to never refrain from treating human beings as ends in themselves. Kant thought that since moral maxims are supposed to have the general validity of the laws of logic, this commandment follows straightforwardly. I endorse Kant’s views in quite a few cases but this is not such a case. A suicide bomber can consistently consider God’s will to be superior to his own existence.

I’d rather locate the desiderate to see in every person an end in itself as akin to Aristotle’s eudaimonia and as corroborated by the imago-Dei theology. Thou shalt not calculate benefits when your existence is one of the costs, because your existence is of divine origin. To express this idea in a less Christian way: your existence is the highest good.

It’s true, the crusaders were no Aristotelian intellectuals but it was a correct instinct that led them to name suicide murderers „assassins“, originally meaning: „hashish addicts“. An assassin thought that killing two of the enemies by getting killed yourself makes the loss of your own life acceptable. The benefit, however, that you get from your actions is a benefit you have to enjoy yourself (this being a Christian premise), which makes your cost-benefit analysis if your death is the cost, a stultifying contradiction, and one that could be the case only if you’re on drugs. This is a very likely story behind the name „assassin“.

Since the Western Churches celebrate Easter today, you probably can’t help thinking that Jesus was a person who calculated the benefits of our being able to live if He offered atonement – if He sacrificed Himself. But, of course, it is indisputable that Jesus, the man, wanted to avoid being sacrificed („Father, if it is possible, may this cup be taken from me“). And Jesus, the godly person, was never dead. If Jesus had been only a prophet who looked forward to being sacrificed, not only wouldn’t He have been our Saviour but He would have also been very similar to these people from His homeland in Southern Syria whom I take to be mad. If He were no God, Jesus wouldn’t be worthy to be admired because it’s morally wrong to crave for suffering martyrdom.

At least if you’re an Aristotelian or a Thomist.

My book recommendation after the Brussels bombings and the Easter day is not a religious reading: Hans Joas, The Sacredness of the Person. It has to be noticed in the new context. It has to be read under the new premises. It has to be propagated.

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Jesus, Janis, Yanis

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„Notes from the Overfed“, eine von Woody Allens Kurzgeschichten aus der Sammlung Getting Even, soll beim fast gleichzeitigen Lesen von Dostojewskij sowie Weight-Watchers-Magazin entstanden sein und zum Schluss einen grotesken Zusammenhang zwischen Existentialismus und Gewichtabnehmen herstellen. Mir gingen ähnlich groteske Zusammenhänge durch den Kopf beim fast gleichzeitigen Lesen von Dostojewskijs Allegorie des Großinquisitors aus den Brüdern Karamasow – ich meine nämlich, dass es eine Allegorie ist – und dem Blogposting von Yanis Varoufakis mit dem Titel „Are the Best Things in Life Free?“ – einem Reposting der Kolumne Opinion aus den New York Times des 10. Dezember zu Coco Chanels bejahender Antwort auf die Titelfrage.

Was die zweite Quelle anbetrifft, stimme ich mit Coco Chanel überein: Die besten Sachen in der Welt sind tatsächlich umsonst oder fast umsonst: die Luft, die wir atmen, das Wasser, das wir trinken, die Liebe, wofür wir gern leben, sind Beispiele, die sofort in den Sinn kommen. Zwar kann man für Liebe zahlen, mit der eigenen Kaufkraft das Jawort eines anderen Menschen vor dem Bürgermeister erleichtern, einen Hund kaufen, aber die Liebe, die wir meinen, wenn wir nicht vulgär sein wollen, ist eine andere. Eindeutig.

Bei Dostojewski, der ersten Quelle, ist die Sache etwas weniger eindeutig. Das Szenario: Im Sevilla der frühen Neuzeit erscheint ein Mensch, der wie Jesus auftritt: charismatisch, wundertätig, gleichzeitig ohne ersichtlichen Grund an seiner göttlichen Kraft Zweifel aufkommend lassend. Da jedenfalls viele glauben, dass er der wiederkehrende Jesus ist, wird er wegen Gotteslästerung verhaftet. Im Kerker – von dem er sich nicht eigenmächtig befreit, um endgültig zu beweisen, dass er Gott ist, ganz so wie Jesus am Kreuz oder auch so wie die meisten Opfer gerichtlicher Fehlentscheidungen – stattet ihm der Großinquisitor einen Besuch ab.

Um ihm mitzuteilen, dass er ihn wegen blasphemischer Anmaßung hinrichten lassen will? Fast, aber nicht ganz. Er will ihn zwar hinrichten lassen, allerdings nicht wegen Blasphemie, sondern weil er, der Großinquisitor, glaubt, dass der Gefangene tatsächlich Christus sein könnte. Als Christus hätte aber dieser den Menschen klare Zeichen seiner Göttlichkeit geben können: etwa Brot, ein Haus – „Oh Lord, won’t you buy me a Mercedes Benz?“ sang ihrerzeit Janis Joplin. Das war freilich ironisch von Janis und wer im Kopf behält, dass sie Kris Kristoffersons „Me and Bobby McGee“ interpretierte – „Freedom ain’t worth nothing but it’s free“ – kann ahnen, dass es Sachen gibt, die umsonst und ihr wichtiger waren als deutsche Autos.

Anders als Janis in ihren bekanntesten Songs erscheint Yanis im vorgenannten Blogposting vom Projekt einer nachfrageorientierten Volkswirtschaft durch und durch überzeugt. Eine zivilisierte Gesellschaft solle Bürgern ein Dach überm Kopf liefern. Die hohe Wahrscheinlichkeit, dass letztere erstere ausnutzen, scheint ihm nichts auszumachen. Dostojewskij sieht die Sache anders. Sein Jesus gibt seine Göttlichkeit nicht preis und den Menschen keine verlässlichen Geschenke, da es ihm darum geht, ihnen die Freiheit zum Glauben zu lassen. Jesus geht es um die Liebe der Menschen um der Liebe willen.

Wer schert sich um die Freiheit, wenn sie nicht essbar ist? – entgegnet der Großinquisitor. Die Pointe ist ernstzunehmen. Für mich allerdings, der ich ständig jungen Leuten rate, sich ihren Neigungen hinzugeben, auch wenn sie damit keinen Lohn ernten, erscheint diese Pointe destruktiv. In meiner Haltung und in Dostojewskijs Allegorie des Großinquisitors spiegeln sich die Stellen 5.Mose 8; Mt 4,4; Lk 4,4 wider: „Der Mensch lebt nicht vom Brot allein“. Für destruktiv halte ich den Großinquisitor, weil die Schenkung von Brot durch einen allmächtigen, oder auch nicht allmächtigen Vater, den Menschen nicht die Freiheit lässt, jenen zu lieben oder nicht. Sie müssen ihn vielmehr lieben. Wer kostspielige Sachen schenkt, verzichtet so gewissermaßen auf kostenlose Sachen wie die Freiheit und die Liebe. Und Coco Chanel hat ja gewusst: die kostenlosen Güter sind die besten.

Nach der Bescherung ist alles so viel schwieriger…

„Notes from the Overfed“, one of Woody Allen’s short stories from the collection Getting Even – the one on an alleged interface between existentialism and obesity – was inspired in a flight in which Woody read almost sychronically Dostoyevsky and the Weight Watchers Magazine. Today I had the opportunity to be inspired in much the same way after reading Dostoyevsky’s allegory of the Grand Inquisitor – I think it is an allegory – from Brothers Karamazov and the New York Times‘ Opinion column of December, 10th titled: „Are the Best Things in Life Free?“, as reposted by Yanis Varoufakis in his blog. Like Woody, I discovered a grotesque connection.

As pertains to the second source I agree with Coco Chanel: the best things in life are free or almost free: air to breath, water to drink, love to make life worth the pains, are ready examples.

It’s not quite uncommon to buy love, to make someone say „yes“ during your wedding because you’re loaded, to bribe your dog. But it’s one thing to be serious about the meaning of love and another to make sarcastic jokes about it. I believe that most of my readers share this intuition with me.

Dostoyevsky, the first source, is a more difficult case in terms of intuitions. The plot: in early-modern Seville, a charismatic man appearing to be Jesus makes miracles but allows doubts on whether he really is Jesus (why? – we don’t know). Many believe that he is Jesus anyway which is the reason why he gets arrested with the charge of blasphemy. The Grand Inquisitor pays him a visit in his cell.

You may assume that the Grand Inquisitor wants to let him know that he’ll have him executed because of blasphemy. This is close but not quite true. He will have him executed alright… But his rationale is that the detained might be Jesus after all. If so, then, as God, he could have easily forced human beings to accept Him as a divine person by giving them gifts: bread, real estate or what have you. Janis Joplin used to sing „Oh Lord, won’t you buy me a Mercedes Benz“. This is, of course, ironic and those who can recall that she interpreted Kris Kristofferson’s „Me and Bobby McGee“ will remember that she preferred freedom to German cars and this although or because „freedom ain’t worth nothing but it’s free“.

Unlike Janis, Yanis is a scholar very dedicated in demand-oriented financial policies. In the aforementioned posting he claims that a „civilized society“ must guarantee a minimum wealth and housing to everone. The rather high probability by which citizens would exploit such a society while maintaining their loyalty and sympathy towards it on the surface doesn’t seem to annoy him.

Dostoyevsky shows a deeper insight into human matters. He suggests that a God wo bribes human beings for their love deprives them of their freedom to believe or not. Would you fail to have faith to someone who organizes a big showdown to give you bread, truffles, cars, real estate? Thus justified love and faith are the unfree love and faith of a prostitute. However, the Grand Inquisitor insists, who bothers to justify better something that can’t feed the hungry? This is a point you cannot easily dismiss.

You cannot easily dismiss it, but as someone who constantly advises young people to take the freedom to study the subject they love even if it’s not lucrative, I take the Grand Inquisitor’s point to be destructive. I believe that Dostoyevsky alludes here to Deuteronomy 8; Mt 4,4; Lk 4,4: „Man shall not live by bread alone“ and that he gives a great example of what happens when expensive things are supplied by a mighty or not so mighty father or by the civilized society: things like freedom and love, normally for free, disappear because no options are left if you accepted a present. If like Coco Chanel you believe that the things that are for free are the best, this is bad.

After the Christmas presents are given, everything is so much more complicated…

Der Nutzenmaximierer

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Ob ich weiterhin ein orthodoxer Christ bin, fragt meine Studentin, nachdem sie per Twitter und Facebook feststellte, dass ich eine Buddha-Statuette und die Statue einer balinesischen Göttin besitze.

Nun muss ich ihr sagen, dass das nicht die wahren Hindernisse sind. Es ist eher die Begriffsanalyse, die Analyse überhaupt, welche einem traditionellen Glauben im Wege steht. Neuerdings bin ich zu der Einsicht gelangt, dass der Utilitarismus die eigentliche christliche Moral ist – was wohl im Rahmen eines orthodoxen Glaubens eine unmögliche Behauptung ist. Es folgt mein Beweis dieser Behauptung.

Beweis, dass mindestens die unglücklicheren unter den Menschen nur dann im christlichen Sinn konsistenterweise gottestreu sind, wenn Gott als Nutzenmaximierer gilt:

Sollte Gott kein Nutzenmaximierer sein, dann gibt es zwei Erklärungen dafür: Entweder existiert er gar nicht, oder er existiert zwar, ohne den Nutzen seiner Geschöpfe unbedingt zu maximieren (man denke an Hiob usw.) Ist Ersteres angenommen, dann kann man von keiner Treue sprechen. Ist aber Letzteres angenommen, dann muss man glauben, dass Gott entweder nicht an der Besserung der Lage seiner Geschöpfe interessiert ist, oder dass er zwar daran interessiert ist, allerdings verhindert, unsere Lage zu verbessern, weil, was wir erleben, bereits die bestmögliche Welt ist. Im ersten Fall ist es recht, Gott die Treue – obgleich nicht den Glauben an seine Existenz – zu kündigen. Im zweiten Fall macht unsere Treue nur Sinn, wenn angenommen wird, dass unsere Lage sonst noch schlimmer gewesen wäre. Für glückliche Menschen wäre das wohl eine vernünftige Option: „Warum soll ich all das Schöne verlieren, was ich habe?“. Für Unglückliche wäre allerdings die Treue gegenüber Gott in diesem Fall nur dann eine vernünftige Option, wenn sie mit der Angst verbunden wäre, der Schmerz könnte noch größer sein: „Vergiss meine Misere. Gott könnte mich auch noch krank oder noch kränker machen oder den Kindern was widerfahren lassen“. Zugegebenermaßen ist die Angst ein starkes Motiv zur Loyalität. ABER wenn Gott zurecht zugemutet würde, die Angst auf diese Weise auszuspielen…

..

…wer wäre dann von miesem Charakter?

Das ist nicht nur zum Jux gesagt worden. Ein allgütiger Gott mit schwierigem Charakter ist eine Art christlicher Zeus; schlimmer noch: eine contradictio in terminis. Ergo können unglückliche Menschen konsistenterweise treu zu Gott sein, nur wenn sie annehmen, er wäre ihr Nutzenmaximierer. QED

ZEUS UND JESUS

A student of mine wanted to know the other day whether I’m still an adherent to the Orthodox Church. She had realized that some artwork from our home, clearly to be seen in some of my postings on twitter and facebook, is not the best support for this claim. This concerns above all a little Buddha and a goddess from Bali.

Now, I have to tell the student that artefacts depicting gods are not really obstacles to my being an orthodox Christian. Conceptual analysis – or any kind of analysis – however is.

Lately I had the insight that Christian ethics must be utilitarian. This view cannot be seriously vindicated in a traditional Orthodox context. And I find it quite arguable. Here’s the argument for the reader to judge:

We want to establish that at least Christians who live in misery have no consistent faith in Jesus unless they think that He’s a benefit maximizer.

If Jesus were no benefit maximizer then there would be only two explanations for this: either He doesn’t exist at all or He exists alright, however He is not eager to maximize the benefit of His creatures (think of Job etc.) If we accept the first option, faith is not the issue anyway. The second option however, implies, once accepted, that you must have believed that God is either indifferent about His creatures and how they’ll improve their living or that He is interested after all but cannot intervene because this is already the best possible world. In the first case loss of faith – although not faith in God’s existence – is morally justified. In the second, faith is only reasonable if paired with concern that without God we’d be in a situation much worse than the one in which we are right now. Happy people would see a reasonable option in this: „I don’t risk losing what I have“. Unhappy people, however, would be reasonably said to have faith in God if they would be anxious to suffer more than they suffer now: „I don’t care about my misery. God could have made me regret my laments“. However, if God is ascribed an attitude like this then…

then…

then…

…then who would be of a bad character?

This is a joke, of course. But much more than a joke, goodness and a bad character would make Jesus a Christian Zeus. And, what is worse, the combination of these properties would be a contradictio in terminis. As one sees, the unhappy cannot be consistently faithful to the God of Christianity unless they accept Him as a benefit maximizer. QED

Sir Idris Bell

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Vor mir hat er gesessen. Typischer Münchener Grieche, d.h. Rentner; allein, auf der Suche nach jemandem, dem er seine Lebensgeschichte erzählen konnte. Die Kirche war noch leer.

Unvermittelt dreht er sich um, der mir Unbekannte, und fragt, was ich denn meine, wie alt der „Bischof Bartholomaios“ sei.

– Der ökumenische Patriarch Bartholomaios, meinen Sie?

– Ja, der ökumenische Patriarch halt…

– Über 70. Mit Sicherheit.

– Letztes Jahr – fuhr er fort – war Bartholomaios in München (ich wusste, ich habe sogar einen Blogeitrag darüber geschrieben) und ich bin zu ihm, um ihm zu sagen „Weißt du, ich konnte noch kein Deutsch als du Diakon hier, in unserer Salvatorkirche warst“.

– Per Du sind Sie mit seiner Allheiligkeit? scherzte ich.

– Er ist zwar nicht so gealtert wie ich, der ich ja einfacher Arbeiter war, aber das ist lange kein Grund zum Siezen.

Das war’s: Er hatte ein Gesprächsthema. Oder eher ein Monologsthema. Mich hat der Beginn der Abendmesse „des Bräutigams“ gerettet. Trotzdem war es, mir war es klar eineinhalb Stunden später in der abendlichen Luft, eine wichtige Begegnung. Denn dieser Gastarbeiter hat eine für tot geglaubte, griechische longue durée an den Tag gelegt. Ich zitiere aus sir H. Idris Bells Egypt from Alexander the Great to the Arab Conquest: A Study in the Diffusion and Decay of Hellenism, Oxford: Clarendon Press 1948, 125-126.

Here … is the beginning of [a petition] written about the year 243 B.C.: „To King Ptolemy, greeting, Antigonus. I am being unjustly treated by Patron, the superintendent of police in the lower toparchy.“ It is a minor official in a village of Middle Egypt petitioning the all-powerful Ptolemy III Euergetes; yet he addresses the king without servility of verbiage, as man to man. Now compare a petition addressed in the sixth century by a colonus of the Apion estate to his landlord: „To my good master, lover of Christ, lover of the poor, all-esteemed and most magnificent Patrician and Duke of the Thebaid, Apion, from Anoup, your miserable slave…“ … In such a world what place could there be for Hellenism, the civilization of free men, with free minds?

Wenige wissen, dass Immanuel Kant in den 1790ern ein Vorwort zu einem deutsch-litauischen Lexikon schrieb, in dem er genau das allgemeine Du unter Litauern pries, da es eine demokratische Haltung verraten habe. Die Menschen hielten Ende des 18. Jahrhunderts viel vom Einfluss der Anredeformen; ebenso in den 1950ern, als Milovan Djilas sich die Zeit nahm, in der Borba darauf hinzuweisen, dass „Genosse“ und nicht „Herr“ die sozialistische Anrede sei; genauso in den 1960ern, als mein genannter Gesprächspartner in einem liberalen Verständnis der griechischen Kirche sozialisiert wurde.

Ob Symbole tatsächlich eine demokratische Gesinnung zum Ausdruck bringen können, weiß ich nicht. Aber dass sie Hierarchien verdecken können, davon bin ich mir sicher. Neuerdings wird im Berufsfeld das Du als eine Art neumodische Firmenidentifikation eingeführt. Zu sagen, dass es das Innenleben der Organisation transparenter macht, klingt in meinen Ohren als die Behauptung, Jesus und Pilatus wären ebenbürtig gewesen, weil sie duzten.

salvator

He sat just in front of me. A typical Greek from Munich – grey-haired. Alone. Seeking to tell the story of his life. To anyone. The church was almost empty.

Out of a sudden, he turns to me and asks how old „bishop Bartholomew“ could be.

– You mean the Ecumenical Patriarch?

– The Patriarch, alright…

– More than 70. Definitely.

– Last year, he continued, he was in Munich (I knew, of course. I also posted a short message in this blog) and I went to him and told him „You know something? I didn’t speak a word of German when you served in our Saviour’s Church as a deacon“ (while he was talking to me about his meeting with the Patriarch we were in the „Saviour’s Church„, a gothic church in downtown Munich used by the Greek Orthodox since the early 19th century).

– Are you so familiar with His all-holiness? – I said rather as a joke.

– He’s not as clearly aged as someone from the working class like myself, but this is not a reason to use the Greek plural ’n‘ stuff.

Automatically, he had a topic for discussion. Or rather for a monologue. The beginning nymphios-mass saved me. One-and-a-half hours later, in the cold Munich breeze, it was clear to me that this gastarbeiter was the living proof for a Greek longue durée. I’m quoting from sir H. Idris Bell’s Egypt from Alexander the Great to the Arab Conquest: A Study in the Diffusion and Decay of Hellenism, Oxford: Clarendon Press 1948, 125-126.

Here … is the beginning of [a petition] written about the year 243 B.C.: „To King Ptolemy, greeting, Antigonus. I am being unjustly treated by Patron, the superintendent of police in the lower toparchy.“ It is a minor official in a village of Middle Egypt petitioning the all-powerful Ptolemy III Euergetes; yet he addresses the king without servility of verbiage, as man to man. Now compare a petition addressed in the sixth century by a colonus of the Apion estate to his landlord: „To my good master, lover of Christ, lover of the poor, all-esteemed and most magnificent Patrician and Duke of the Thebaid, Apion, from Anoup, your miserable slave…“ … In such a world what place could there be for Hellenism, the civilization of free men, with free minds?

It is not widely known that Immanuel Kant wrote a foreword to a German-Lithuanian dictionary in the 1790s. There, he praised the absence of politeness forms in spoken Lithuanian because he thought this as affirming republican ideas. In the late 18th century, linguistic forms were considered to be politically important. In the 1950s when Milovan Djilas, back then the second man behind Tito, took the pains to explain the readers of the Belgrade daily Borba that the correct socialist way to address someone is „comrade“ and not „sir“, it was again because he thought that language is important. Language was considered to be important also in the 1960s when the old man who talked with me was socialized in a probably liberal understanding of the Greek Orthodox church.

I don’t know whether symbols help develop democratic views. But I’m certain of the fact that they are used in order to make hierarchical structures more implicit. In their jobs, more and more people use the first names of people who stand above them. To say that this makes the inner life of the organisation more transparent is to claim that Jesus and Pilate were equals because they spoke quite colloquially with each other.

„…hina martyreso tei aletheiai“

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Meine abschließende Bemerkung gegen den revisionistischen Demarkationismus von Gerhard Schurz in der Dubrovnik-Konferenz letzte Woche war folgende:

„Die Bayessche Formel stellt eine Erwartbarkeits-Beziehung zwischen einem Satz p und beliebigen anderen Sätzen q, r, s her. Genauer gesagt zeigt sie, wie plausibel es ist, das Zutreffen des Satzes p zu erwarten, wenn q, r, s zutreffen sollten. Da nun voneinander kausal unabhängige Sätze probabilistisch abhängig sein können, kann man nie wissen, ob eine kausale Beziehung zwischen p und q, r, s vorhanden ist. Aber – was soll’s – sagen wir, dass eine langfristig hohe probabilistische Abhängigkeit ein Indiz auf kausale Abhängigkeit ist. Zu fordern, p einerseits und q, r, s andererseits sollen kausal abhängig sein, damit sie im Rahmen einer Bayesianischen Bestätigung in Verbindung gebracht werden, ist eine petitio principii, denn die kausale Abhängigkeit zwischen p und q, r, s soll erst aufgrund der Anwendung der Bayesschen Formel befunden und nicht vorausgesetzt werden“

Nach der Konferenz habe ich wie üblich vor Ostern etwas mehr Zeit zum Nachdenken. Manchmal denke ich mit Hilfe des Thesaurus Linguae Graecae (TLG) nach – der von der University of California, Irvine zur Verfügung gestellten, unglaublichen Datenbank griechischer Texte. Ein Grund dafür ist die Schönheit der alten Sprache. Ein anderer ist eher biographischer Natur.

Seit meiner Kindheit erlebe ich, wie die griechische Linke ihre Märtyrer aus der Zeit der Diktatur und von vorher noch, aus dem Bürgerkrieg feiert. In Griechenlands geopolitischer Nachbarschaft spielt Märtyrertum eine wichtige Rolle: Im libanesischen Bürgerkrieg, im Konflikt zwischen Israel und den Palästinensern, überhaupt am östlichen Mittelmeer, stiegen die Karten einer politischen Partei auf analoge Weise zur Steigerung der Zahlen ihrer Märtyrer. Die griechische Linke, der Libanon und die PLO lieferten Fälle nichtchristlichen Märtyrertums, in denen zusätzlich der Märtyrer fiel, ohne ein Wort gesagt zu haben. Allerdings habe ich in den 80ern als Student des Griechischen und des Lateinischen am Verb „martyrein“ (wörtlich: „Zeugnis ablegen“) entweder einen juridischen Kontext oder christliche Apologetik zu erkennen gelernt.

Ein Teil der Osterferien dienten damit dem Zweck, dass ich mit Hilfe des TLG herausfinde, ob es vorchristliche nichtjuridische Belege fürs Märtyrertum gibt. Um es vorweg zu sagen, ist das nicht der Fall!

Sokrates mit seinem Schierling wäre ein guter Kandidat dafür. Nun ergibt die Kombination „Sokrat-“ und „martyr-“ in TLG keine Treffer, in denen die Bedeutung von „martyrein“ und der verwandten Wörter nicht juridisch wäre. Selbst im Johannesevangelium 18,37 sagt Jesus zu Pilatus, dass er auf Erden ist, „hina martyresei tei aletheiai“: um für die Wahrheit auszusagen. Hier ist Luthers Übersetzung: „die Wahrheit bezeugen“ irreführend. Der Kontext des griechischen Originals ist juridisch – man braucht doch nur daran zu denken, dass im alten Griechisch der Dativ neben „martyrein“ demjenigen gilt, der den Zeugen – „martys“ – vor Gericht bestellte. Jesu Sprachgebrauch entspricht einem technisch-juristischen Vorbild.

Sogar das Martyrium von Stephanus, Justinus, Perpetua und anderen frühen christlichen Märtyrern hat den juridischen Sinn. Wie Jesus, so haben auch diese für die Wahrheit plädiert – mit sprachlichen Mitteln versteht sich.

Mein Verdacht war stets, dass der stille Märtyrer ein Nebenprodukt des misologischen Fanatismus ist. Der misologische Fanatiker braucht nicht zu argumentieren um ein Zeugnis abzulegen. Er muss nur zu sterben bereit sein. Märtyrer, die kein Zeugnis im juridischen Sinn ablegen, sind misologische Fanatiker. Dann sollte Dubrovnik kommen und ich griff nach einer langen Pause erneut auf den Bayesschen Bestätigungsbegriff zurück.

Ein stilles Martyrium bezeugt nicht nur die Ehrlichkeit des Märtyrers in seinem Dafürhalten, für das er stirbt. Es macht das Dafürhalten wahrscheinlicher! Die Erwartbarkeit eines Ereignisses unter der Bedingung, dass jemand lieber sterben würde, wenn er die Nachricht von diesem Ereignis nicht mehr verbreiten dürfe, ist gleich der Erwartbarkeit mit der dasselbe Ereignis zusammen mit o.g. Bereitschaft zu sterben eintritt, mal die intrinsische Erwartbarkeit des Ereignisses geteilt durch die Erwartbarkeit der Bereitschaft zu sterben. Nun ist offensichtlich die intrinsische Bereitschaft zu sterben, wenn die Verbreitung einer Nachricht verboten werde, extrem unwahrscheinlich – und im Nenner des Bruches. Das steigert die Wahrscheinlichkeit des Ereignisses, wenn man bedenkt, dass jemand lieber sterben würde, bevor er es nicht mehr propagieren dürfe

Seine Vielseitigkeit als Instrument zur Schätzung von Erwartbarkeiten verdankt der Bayessche Bestätigungskalkül dem Umstand, dass er die relative subjektive Wahrscheinlichkeit von beliebigen Sätzen in Verbindung bringen kann. Dass er à la Schurz reformiert werden könnte, um die Verwendung von nur „guten“ Daten zuzulassen, ist, denke ich, unmöglich – das ist eine weitere Behauptung, für die ich in Dubrovnik argumentierte. Das bedeutet, dass der Glaube an alles Mögliche, wofür ein Märtyrer sterben kann, gerechtfertigt ist – und zwar selbst wenn der Märtyrer rhetorisch sehr schlecht war oder nicht dazu kam, etwas zu sagen! Trotzdem glaube ich, dass der Glaube anhand eines stillen Martyriums ein unmenschliches und barbarisches Überbleibsel aus der Antike ist. In einer Welt ohne Martyrium wären die Nachrichten langweiliger – aber die Welt wäre dafür besser.

My conclusion against Gerhard Schurz’s revisionist demarcationism in my talk in Dubrovnik last week was the following:

„Bayes’s Rule shows the plausibility by which a sentence p is true given the truth of other sentences q, r and s. But even causally independent sentences can be shown to be probabilistically dependent. Consequently, you can never be certain whether q, r and s confirm p in terms of some causal connection. Yet, even if high probabilistic dependency over a long period of time would be taken to be an indication of causal dependency, it begs the question to say that p on one and q, r, s on the other hand must be causally connected in order to enter Bayesian confirmation. A causal connection between p and q, r, s would be the result of Bayesian confirmation, not its beginning“

After the conference I have some more time to reflect on some things I said there – like I always have spare time before Easter. Sometimes I think with the help of the Thesaurus Linguae Graecae (TLG) – the incredible databank of Greek texts situated at the University of California, Irvine. One reason for spending my time in this way is the beauty of Classical Greek. Another is my biography.

Since I was a child, the Greek left celebrated its martyrs from the time of the dictatorship and the civil war before that. Also in Greece’s geopolitical neighbourhood martyrdom was strongly emphasized: predominantly in the Lebanese civil war as well as in the conflict between Israel and the Palestinians. All these cases from Greece, Lebanon and Palestine involved a non-Christian context of martyrdom and of a martyrdom which consisted in the martyr’s having fallen without saying a word. But since the 80’s, as a student of ancient Greek and Latin, I learned to recognize in the use of the verb „martyrein“ (literally: „to witness“) either a juridical context or Christian apologetics.

And since I had some time today, I tried some combinations in TLG in order to find out whether martyrdom has any pre-Christian AND non-juridical usage. It hasn’t!

Initially, I thought that Socrates could have been conceived as a martyr in antiquty or in late antiquity. But the results which TLG returns for the combination of „Sokrat-“ and „martyr-“ involve cases in which „martyrein“ and relevant words have the juridical meaning only. And even in John 18,37 Jesus says to Pilate that he is here „hina martyresei tei aletheiai“: to witness on behalf of the truth – which is definitely juridical if you consider that in Ancient Greek, the standard reference of the dative (here: „tei aletheiai“) next to „martyrein“ is to the party for which you give witness in court. A dative of advantage rather than a syntactical object.

Even in the cases of the martyrdom of Stephanus, Justin, Perpetua and other early martyrs of Christianity, I recognize primarily the juridical meaning of „martyrein“. Like Jesus, they died for witnessing on behalf of the truth by linguistic means.

My first suspicion for some time now was that the mute martyr was just a by-product of misologic fanatism. Misologic fanatics don’t need to argue for anything in order to witness. They just need to be willing to die. Martyrs who give no witness in the juridical sense are misologic fanatics. So I thought until just before Dubrovnik, when I started to reflect on Bayes’s rule after a long interval.

Quiet martyrdom is not only evidence to the martyr’s truthfulness concerning the cause for which he suffers. Quiet Martyrdom makes the cause itself more likely. Because according to Bayes’s rule, the likeliness of an event given that I’d prefer to die if I may not report on it equals the likeliness of the event along with my preference to die if I may not report on it multiplied with the intrinsic likeliness of the event, divided by the intrinsic likeliness of my preference to die if I may not report on it. Obviously now, the intrinsic likeliness of my preference to die if I may not report on something is very, very low. And it is in the denominator. Therefore it makes the likeliness of the event I’m ready to die for very high.

Bayesian confirmation theory is a powerful instrument to assess likeliness just because it can operate with any data. I don’t think it can be reformed to allow only processing with „good“ data – which is one more claim I made in Dubrovnik. Although by this argument it is justified to believe whatever martyrs die for even if they don’t argue for it, I strongly believe thatthat belief to a cause because there are martyrs is an inhuman and barbaric reminiscence to late antiquity. The abolishment of quiet martyrdom is a task akin to making a better world. A bit more boring, for sure, but better.

Paraconsistent Priests

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Gerade lese ich den Sammelband Heaps and Gluts (Oxford: Clarendon Press, 2003), herausgegeben von JC Beall und ich werde den Eindruck nicht los, dass die promimenten Autoren, Beall selber, Graham Priest natürlich, Achille Varzi, Stewart Shapiro etc. nicht wissen, dass der erste Versuch, die Haufenparadoxie über ENTWEDER eine mehrwertige Semantik, ODER über Wahrheitswertesättigung zu lösen, meines Erachtens aus dem 4. Jh. n.Chr. kommt:

Warst du es, der während seiner Entstehung existierte, und bist du es auch, der jetzt existierst? Keine von beiden Alternativen trifft zu, oder? Denn, wenn es in beiden Fällen du warst und bist, wer und wo warst und bist du? Wie kannst du zwei verschiedene Wesen sein, der du ein-und-derselbe bist?

Nach den Worten Gregors von Nazianz aus dem 9. Kapitel seiner 29. Rede De filio treffen der Satz: „Dasjenige, was da war, als du entstandest, warst du“ sowie dessen Negation beide nicht zu. Das kann nun so gedeutet werden, dass der Satz: „Dasjenige, was da war, als du entstandest, warst du“ wahr-und-falsch ist: falsch, weil du natürlich noch nicht entstanden warst, während du noch im Entstehen warst; und wahr als Negation eines unwahren Satzes. Eine andere Lesart der Passage ist, dass Soriten-Kontexte eine vielwertige Semantik oder eine Wahrheitswertlücke mit einbeziehen.

In einer Mischung aus Polemik und Laune wandte sich Graham Priest vor 20 Jahren in einem Artikel im Canadian Journal of Philosophy 25/1, S. 57, gegen die „Behandlung“ von Paradoxien mit Wahrheitswertlücken. Das wäre so, als würde man

…die Eröffnung einer Schachpartie für die Schachpartie halten.

Gut – jetzt weiß ich nicht, was schlimmer ist: Eröffnungen für Schachspiele zu halten oder gleich zwei Züge nacheinander zu machen: „Ich war derjenige, der existierte, während meines Entstehens“ – der Bauer geht vorwärts – und „Ich war nicht derjenige, der existierte, während meines Entstehens“ – Bauer geht wieder an seinen Platz?

Wie kann man überhaupt Schach spielen mit jemandem, der dabei behauptet, gespielt zu haben sowie dass dieses Procedere keine allgemeine Regel darstellt?

PS: Die eine Person auf folgendem Bild ist tatsächlich Graham Priest. Die andere ist Gregor von Nazianz: ein Priester und guter Logiker.

Gregory and Graham

The one person above is Priest – Graham Priest. The other is a priest – and a good logician.

I’m reading the volume Heaps and Gluts (Oxford: Clarendon Press, 2003), ed. by JC Beall. I have this impression that all these very eminent scholars who contributed to the volume, Beall himself, Graham Priest of course, Achille Varzi, Stewart Shapiro etc. don’t know that the first attempt to solve a soritic paradox by EITHER gappy semantics OR dialetheias comes, to my knowledge, from the 4th c. AD:

Is it you, who were there during the process of your coming to be you, and you, who are there now? Both alternatives are not the case, are they? Because if the one who was and is there is in both cases yourself, then who and where is this? And how could you be two different things, since you are unique?

Gregory of Nazianzus’s words from in the 9th chapter of De filio (oratio XXIX) are meant to show that the sentences: „The entity who was evolving during your coming to be was you“ and its negation are both „not the case“. And this can be understood to say that the sentence „The entity who was evolving during your coming to be was you“ is true-and-false: false because it you were just evolving, you weren’t there yet, and true as a negation of a false sentence. Another way to understand the saint’s saying is that soritic paradoxes have an intermediate truth value or a truth-value gap.

Graham Priest, in one of his polemic moments against gappy semantics (in an article in the Canadian Journal of Philosophy 25/1 (1995), p. 57) says that calling gaps a solution is

…like calling an opening gambit a game of chess.

Now, I don’t know what is worse: calling opening gambits games of chess or making two moves at the same time: „I was myself during my coming-to-be“ – the pawn moves forward – and „I was not myself during my coming-to-be“ – the pawn returns to its place?

How to play chess with someone who says that this was his move and that this is not a universal rule of the game?

Die Wahrscheinlichkeit der Wahrheit

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Der heutige Titel kann und soll vor dem Hintergrund des Weihnachtsfestes verstanden werden. Aber er ist gleichzeitig eine Replik auf Frank Ramseys Aufsatz „Truth and Probability„. Ich erkläre die ungewöhnliche Assoziation:

Mein Argument dafür, dass Ostern ein wichtigeres Fest ist als Weihnachten, war stets, dass die Geburt eines Menschen etwas viel Gewöhnlicheres ist als die Auferstehung eines Menschen. Mit dieser Meinung blieb ich natürlich implizit dem statistischen Verständnis der Wahrscheinlichkeit verhaftet: Geburten finden wie am laufenden Band statt, Auferstehungen nicht gerade so…

Das statistische Verständnis der Wahrscheinlichkeit hat große Schwierigkeiten – allen voran den Umstand, dass es die Streuung gleichartiger Ereignisse bemisst, ohne die Gleichartigkeit endgültig bestimmen zu können. Warum ist meine Geburt mit irgendeiner anderen Geburt gleichartig? Geschweige denn mit der Geburt Christi, der ja als zeitloser Gott die menschliche Natur annahm.

Ein Anhänger der statistischen Theorie muss mit solchen skeptischen Fragestellungen leben und Ramseys Wahrscheinlichkeitskonzeption, die wegen solcher und ähnlicher Probleme die Wahrscheinlichkeit als Überzeugungsgrad ansieht, als eine philosophische Laune betrachten. Im Normalfall wissen wir ja, welche Ereignisse gleichartig sind, nachdem wir freilich die Charakteristika definiert haben, die wichtig für die jeweilige Gleichartigkeitsrelation sind.

So einfach kann man mit dem Philosophen freilich nicht abrechnen. Frank Ramsey, ein Atheist, hatte einen Bruder, Michael, der Erzbischof von Canterbury wurde. Nehmen wir nun die mereologische Summe der Überzeugungen beider Brüder: Die Ramseys würden sagen, dass nach dem Überzeugungsgrad eines Christen Weihnachten, die Annahme menschlicher Vergänglichkeit und Natur durch Gott, nur einem galt, nämlich Jesus, die Auferstehung aber uns allen zusteht. Infolgedessen muss ein Christ Weihnachten für viel weniger wahrscheinlich und deshalb für wichtiger als die Auferstehung halten.

Nach der Überzeugung eines Christen…

12 Gennesis 15. Jh. kretisch

My title today („The probability of the truth“) can and should be interpreted as referring to Christmas. But it’s also a reference to Frank Ramsey’s paper „Truth and Probability„. I would like to explain the unusual association:

For years now, I’ve had an argument for the claim that Easter is more important than Christmas. Imagine how often you’ve been witness to the birth of a human being. And then, imagine how often you’ve been witness to a resurrection. Births are more probable than resurrections. Therefore, resurrections are more important because of exceptional rarity. Of course, by this opinion I adhered to the frequency theory of probability.

Probability as frequency is a notion with quite a few difficulties. It professes to count the likeness of events of a certain shape without being able to definitely determine what being of this shape is. Why should my birth be similar to any other? Let alone to a birth like Jesus Christ’s: a divine person’s incarnation?

I have seen these and similar questions as pedantic. They’re characteristic of Ramsey’s understanding of probability as grade of belief, also characteristic of this very philosophical how-do-you-know attitude but, for God’s sake, normally we do know which events are alike. We simply define some characteristics which are important for homogeneity.

Seems easy but it’s not. Frank Ramsey cannot be refuted so simply. He, an atheist, had a brother, Michael, who became archbishop of Canterbury. Now, let’s take the mereological sum of the beliefs of the two brothers. The Ramseys would say that to a Christian’s mind the likeliness of God’s being incarnate is much less than the likeliness of a person’s resurrection. This is because only one person became incarnate but every person will resurrect.

To a Christian’s mind…